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9 kleine Erzählungen, zum Teil autobiographisch. Die Erzählungen entstanden allesamt während meines Belletristik-Fernstudiums. Die Erzählungen handeln von Liebe, Verlust, Verbrechen, dem Übersinnlichen und der Hoffnung.
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Seitenzahl: 43
Veröffentlichungsjahr: 2020
Es war fast Mittagszeit. Schon seit einer Stunde war keine Menschenseele mehr im Antiquitätenladen aufgetaucht.
Tom stand in der Tür und schaute hinaus auf den Trubel in der Fußgängerzone. Jetzt, Anfang Juli, war nach mehreren Wochen Regen endlich die Sonne wieder zum Vorschein gekommen und heute war der erste warme Sommertag. Die zahlreichen Cafés und Biergärten füllten sich langsam, denn jeder, der Zeit hatte, ging heute nach draußen.
Da es nicht so aussah, als ob sich tatsächlich noch jemand für seinen Laden interessieren würde, beschloss Tom, für diesen Samstag Schluss zu machen.
Er war gerade nach hinten gegangen, um den Schlüssel zu holen, als die Türglocke erklang. Etwas genervt drehte er sich um - und da stand sie. Die blonden Haare fielen ihr ins Gesicht, als sie sich über ein paar alte Bücher beugte. Tom beobachtete, wie sie langsam durch den Raum wanderte, um alles zu begutachten. Sie trug ein leichtes Sommerkleid und ihre langen Beine steckten in einfachen Ledersandalen. Tom war hingerissen von der Anmut ihrer Bewegungen.
Plötzlich blieb sie stehen und stieß einen Schrei des Entzückens aus. Objekt ihrer Freude war ein alter Picknickkoffer. Er stammte aus dem England des späten 19. Jahrhunderts und war aus Bambus geflochten. Dicke Ledergurte hielten ihn zusammen und die Schnallen aus echtem Silber waren mit feinen Ornamenten verziert. Im Innern befanden sich edles Porzellangeschirr und Gläser aus Bleikristall.
Sie bemerkte Tom erst, als er direkt neben ihr stand. “Er ist wunderschön!”, sagte sie und warf ihm ein bezauberndes Lächeln zu. “Was glauben Sie, wer diesen Koffer als letztes benutzt hat? Eine feine englische Dame mit ihren drei Kindern, ein altes Ehepaar im wohlverdienten Ruhestand oder eine junge Adlige mit ihrem Geliebten?”
Tom schaute direkt in ihre Augen und ihm war, als knisterte die Luft vor lauter Emotionen.
“Ich habe Sie hier noch nie gesehen. Sind Sie neu in der Stadt?”
“Ja! Ich werde ab Herbst an der Grundschule unterrichten. Ähm - ich nehme den Koffer!”
Als sie bezahlt hatte und sich bereits zum Gehen wandte, nahm Tom all seinen Mut zusammen.
“Heute ist so herrliches Wetter - und ich wollte sowieso gerade schließen. Wir könnten doch Ihren Neuerwerb gleich ausprobieren. Hätten Sie Lust?”
Sie schaute ihn interessiert an. Er war ihr sympathisch - und sie liebte spontane Entscheidungen.
“Ja - gerne!”
Tom schnappte sich eine alte Wolldecke und schloss hinter ihnen den Laden ab. Im Geschäft um die Ecke kauften sie ein paar Leckereien und eine Flasche Rotwein. Dann gingen sie in den nahegelegenen Park, suchten sich ein ruhiges Plätzchen in der Sonne und breiteten die Decke aus.
Während sie gemütlich aßen und tranken unterhielten sie sich angeregt. Tom erfuhr, dass sie Vanessa hieß, und dass sie nun ihre erste feste Stelle antreten würde. Sie sprachen über ihre Vorlieben und Ängste, über die Zukunft und die Erwartungen, die beide an das Leben hatten.
Tom war fasziniert von Vanessa und auch ihr kam es bald so vor, als würde sie ihn schon ewig kennen. Sie war hingerissen von seinem warmen Lächeln und der angenehm tiefen Stimme. Wenn er sie wie zufällig berührte bekam sie eine Gänsehaut.
Beide waren so vertieft in ihre Gespräche, dass sie die Gewitterwolken erst bemerkten, als es schon leicht zu regnen begann.
“Schade!”, sagte Tom, während sie rasch zusammenpackten.
Vanessa schaute ihn an und bemerkte den traurigen Zug um seinen Mund.
Schon zuckten die ersten Blitze am Himmel und das Donnergrollen klang mit einem Mal sehr nah. Und plötzlich öffneten sich die Wolken und die beiden waren in wenigen Augenblicken bis auf die Haut durchnässt.
Tom hielt die Decke schützend über Vanessa und rief: “Schnell, komm! - Ich wohne gleich da drüben!”
Er streckte ihr die Hand hin - und Vanessa spürte ihr Herz schneller schlagen, als sie in sein Gesicht blickte. Nach kurzem Zögern ergriff sie seine Hand und in ihrem Bauch startete ein ganzer Schwarm Schmetterlinge.
Ende
Feddersen lebte ein ausgesprochen wohl geordnetes, ja für Außenstehende sogar ziemlich langweiliges Leben. Seinen Tagesablauf hatte er streng seiner Uhr angepasst: jeden Morgen stand er um die gleiche Zeit auf, kam um die gleiche Zeit ins Büro, aß um die gleiche Zeit zu Mittag, fuhr um die gleiche Zeit nach Hause und ging um die gleiche Zeit schlafen. Dies ließ er sich von nichts und niemandem nehmen. Er brauchte seine Routine und reagierte auf jede noch so kleine Störung äußerst aggressiv. Nur das Wochenende wich von dieser festgelegten Form ab, da er da nicht arbeiten durfte, was er nur zu gerne getan hätte, hätte man ihm dies erlaubt.
Es war an einem Donnerstag im November.
Feddersen verließ sein Büro wie jeden Tag um Punkt 17.30 Uhr. In der Empfangshalle stand der glatzköpfige Pförtner und rief: “Pünktlich wie immer, Herr Feddersen!” Feddersen hatte diesen schmierigen Türsteher noch nie leiden können. Aber er unterdrückte eine boshafte Bemerkung und antwortete wie üblich in übertrieben freundlichem Tonfall: “Stimmt genau! Auf Wiedersehen und noch einen schönen Abend!” Draußen wehte ein laues Lüftchen, ein paar Sterne blinkten am wolkenlosen Abendhimmel und wäre man nach den Temperaturen gegangen, so hätte man glauben können es wäre Frühling.
An der Haltestelle, die direkt gegenüber von dem Bürogebäude lag, in dem er arbeitete, wartete Feddersen wie jeden Tag genau drei Minuten und stieg dann in den Bus, der ihn nach Hause bringen würde.
