4,99 €
Eine späte Schuld
Die junge Journalistin Toni wollte die Vergangenheit eigentlich hinter sich lassen. Doch als ihr Vater ins Krankenhaus eingeliefert wird, macht sie sich sofort auf den Weg nach Pirmasens, ihrer Heimatstadt am Rand des Pfälzer Walds. Als sie dort eintrifft, ist es zu spät - ihr Vater ist tot.
In seinem Nachlass findet sie einen kryptischen Brief, in dem er ihr eine jahrzehntealte Schuld gesteht. Zu ihrem Entsetzen stellt Toni fest, dass es etwas mit einer Verbrechensserie in den 60er Jahren zu tun haben muss. Drei Kinder sind spurlos verschwunden, die Fälle wurden nie aufgeklärt. Welche Rolle hat ihr Vater dabei gespielt? Und warum interessiert sich plötzlich die Polizei für ihre Familie? Ihr journalistischer Jagdeifer ist geweckt – bis sich die Vergangenheit auf einmal zu wiederholen droht.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2026
Das Buch
Als die junge Journalistin Toni einen Anruf aus dem Krankenhaus erhält, macht sie sich sofort auf den Weg nach Pirmasens, ihrer Heimatstadt am Rand des Pfälzer Walds. Doch als sie dort eintrifft, ist es zu spät; ihr Vater ist bereits tot. Toni wird von Schuldgefühlen überwältigt. In den Wochen zuvor hat er mehrmals versucht, sie zu erreichen, aber sie hat seine Anrufe ignoriert.
In ihrem Elternhaus findet sie einen an sie adressierten Brief. Darin erzählt ihr Vater von Schuldgefühlen, die ihn seit seiner Kindheit belasten. Toni, die nach dem Abitur nicht schnell genug von zu Hause ausziehen konnte, muss sich eingestehen, ihren Vater kaum gekannt zu haben. Auf seiner Beerdigung stößt sie überraschend auf ein wichtiges Detail seiner Biografie: In den Sechzigerjahren wurde Pirmasens zum Schauplatz einer rätselhaften Entführungsserie – und er war mit einem der vermissten Kinder befreundet. Toni kommt ein furchtbarer Verdacht: Hatte ihr Vater etwas mit den Verbrechen zu tun?
Sie beginnt, eigene Nachforschungen anzustellen, und auf einmal wird ein weiteres Kind vermisst. Toni muss alles daransetzen, dass sich die Vergangenheit nicht wiederholt ...
Der Autor
Peter Probst, geboren 1957, schrieb Romane und Fernsehfilme, darunter zahlreiche Krimis wie Tatort und Polizeiruf 110. Außerdem verfasste er die Drehbücher für die Verfilmungen der Bücher von Amelie Fried, mit der er seit 1990 verheiratet ist und erfolgreiche Workshops in Kreativem Schreiben gibt. Peter Probst lebt in München.
AM HELLLICHTEN TAG
Von Peter Probst
Roman
WILHELMHEYNEVERLAGMÜNCHEN
Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.
Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.
Der Abdruck der Zitate erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Trotz intensiver Recherche konnte der Verlag nicht alle Rechtegeber ermitteln. Bitte wenden Sie sich gegebenenfalls an den Wilhelm Heyne Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH.
Copyright © 2026 by Peter Probst
Copyright © 2026 dieser Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)
Redaktion: Lars Zwickies
Umschlaggestaltung: zero-media.net unter Verwendung von Wasserturm Pirmasens
stocksy 770345 © Artem Zhushman
Rest des Composings: FinePic®
Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering
ISBN 978-3-641-33645-5V001
www.heyne.de
1.
17.Januar 1964
Die ganze Stadt riecht nach Nagellackentferner. Auf den Etiketten der Kanister steht Aceton, aber die Leute in Pirmasens sagen »Buxel«. Der Junge mag es, dass seine Stadt nicht nach Auspuffgasen oder Abwasser riecht, sondern süß, wie nach vergorenen Äpfeln, und dass der Buxel manchmal in der Nase beißt, wie der Schwarzgebrannte von seinem Onkel. Er ist erst neun, aber er weiß schon, dass er in der Schuhindustrie arbeiten wird, wie fast alle Erwachsenen in seiner Siedlung. Dann wird er Leder mit Aceton reinigen oder Sohlen vor dem Kleben damit bestreichen, damit sie besser haften. Das hat sein Vater, der als Gerber arbeitet, ihm erklärt.
Die Hände des Jungen sind krebsrot. Es ist kalt, und er weigert sich, Wollfäustlinge zu tragen, weil er mit denen nicht richtig greifen kann. Aber er friert nicht, im Gegenteil, seine Hände glühen. In der Schule hat er wieder Tatzen bekommen, weil er »aufsässig« war. Sein Vater hat ihm verraten, dass der Klassenlehrer in der Nazi-Zeit am liebsten Gottesdienste für den Führer abgehalten hätte – in ihrer Kirche! Deshalb korrigiert der Junge ihn mutig, wenn er etwas Dummes sagt. Was öfter vorkommt. Dafür gibt es Tatzen mit dem Rohrstock auf den Handrücken, zehn auf jeder Seite. Wenn sein Vater von der Arbeit heimkommt, wird der Junge ihm nicht beichten, dass er schon wieder bestraft worden ist. Diesen Fehler hat er einmal gemacht und zusätzlich zehn auf den Hintern gekriegt. Weil man einem Lehrer nicht widerspricht. Auch nicht, wenn er ein Nazi war.
Seine Hausaufgaben macht der Junge immer. Nur mit guten Noten nimmt ihn Peter Kaiser später mal als Lehrling. Es gibt über dreihundert Schuhfabriken in Pirmasens, aber Peter Kaiser ist die älteste und berühmteste.
Am Nachmittag treffen sie sich oft in der Nähe der Messe, weil es dort am spannendsten ist. Die Händler, Vertreter und Einkäufer kommen von überall her, sogar aus dem Ausland. Dann kann man Auto-Kennzeichen entdecken, die vielleicht das allererste Mal überhaupt in Pirmasens auftauchen, wie STDfür Stade oder ROWfür Rotenburg an der Wümme. Hinter den Hallen stapeln sich die Kisten, Paletten und vor allem schadhafte Ware, die nicht ausgestellt werden kann. Da hat er schon die tollsten Sachen gefunden. Eine Bohrmaschine für seinen Vater, die der noch reparieren konnte, und eine schicke Handtasche für seine Mutter. Mit Flecken, die mit ein bisschen Schuhcreme kaum noch zu sehen waren.
Gerade ist keine Messe, deshalb spielen sie Verstecken. Sie sind meistens zu fünft: er, sein bester Freund Alfons, Werner, der gern sein bester Freund wäre, Klausel, der eigentlich Klaus-Dieter heißt, und Geli, die nicht mit den Mädchen spielen mag. Wenn man Geli klettern und rennen sieht, weiß man auch, warum. Ab und zu sind noch andere Kinder dabei, die sie »Mitläufer« nennen. Heute aber nicht.
Der Junge ist der Anführer der Bande. Deswegen entscheidet er, wann sie mit dem Spielen aufhören. Meistens wartet er bis sechs. Wenn er sich beim Angelus-Läuten nicht sofort auf den Heimweg macht, gibt es auch auf den Hintern. Heute frieren alle, deswegen gibt er das Zeichen zum Aufbruch schon um fünf. Alfons zittert richtig. Selber schuld, wenn er im Winter in kurzen Lederhosen rumläuft, damit jeder sieht, dass er nicht zimperlich ist. Aber dann will der Klausel sich unbedingt noch einmal verstecken und bettelt so lange, bis der Junge es erlaubt.
»Aber danach ist Schluss, okay?«
»Okay«, sagen alle.
Ihre Eltern sagen noch »in Ordnung«, »jawohl« oder »einverstanden«. Als die Deutsch gelernt haben, gab es auch noch keine Ami-Kasernen und keinen Elvis. In ihrer Bande sagen alle, so oft sie können, »okay«.
Der Klausel hat das Problem, dass er nirgendwo der Beste ist, nicht im Sport, nicht in Mathe, Deutsch oder Religion. Er macht zwar ab und zu verbotene Sachen, aber keine richtig riskanten. Werner hat deswegen schon mal vorgeschlagen, ihn zum Mitläufer herabzustufen. Seither bemüht der Klausel sich verzweifelt, auch mal in irgendwas besonders toll zu sein. Heute beim Verstecken.
Sie suchen ewig. Alfons ist der Erste, der sagt, dass er keine Lust mehr hat. Werner pflichtet ihm sofort bei. Sie warten darauf, was ihr Anführer sagt. Der nickt und will den Klausel rufen. Aber dann hat er eine andere Idee: Vielleicht ist es ihm eine Lehre, wenn sie ihn noch ein bisschen in seinem Versteck frieren lassen. Eine Lehre wofür, kann er nicht sagen. Jedenfalls schleichen die Vier sich davon, ohne ihren Spielgefährten zu informieren. Auf der anderen Seite der großen Halle, wo der Klausel sie nicht mehr hören kann, brechen sie in Gelächter aus. Vor allem Werner kann sich kaum beruhigen. Alfons hat im Gehen noch eine Bewegung unter einem Berg Kartons gesehen und ist sich sicher, dass der Klausel sich dort vergraben hat. Geli schlägt vor, dass sie erst mal zur Kaufhalle gehen und sich Lutscher kaufen. Der Junge hat ein schlechtes Gewissen, den Freund so lange allein zu lassen, aber als Anführer darf er nicht zu weich sein. Er wartet eine halbe Stunde, erst dann kehrt er zurück, um den Klausel zu erlösen.
2.
Neunjähriger Junge verschwunden. Seit Freitag wird der neunjährige Klaus-Dieter Stark aus Pirmasens vermißt. Die Suche nach dem Jungen blieb bisher ohne Erfolg, obwohl Polizeihunde und Lautsprecherwagen in Stadt- und Landkreis Pirmasens eingesetzt wurden. Gründe seines Verschwindens sind nicht bekannt. Der Neunjährige hat blaue Augen, dunkelbraunes Haar und trug einen anthrazitfarbenen Anorak, lange braune Hosen und eine karierte Mütze.
Die Rheinpfalz, 21.Januar 1964
3.
Die offene Beziehung war ihr eigener Vorschlag gewesen. Sie war auch als Erste mit jemand anderem ins Bett gegangen. Einmal. Um Paul zuvorzukommen. Also durfte sie sich nicht beschweren, wenn er erst in den Morgenstunden nach Hause kam und verdächtig nach Sex roch. Auch sie konnte sich jederzeit mit jemand anderem treffen, hatte nur nicht die geringste Lust dazu. Am Ende würde aus ihrer offenen Zweier- noch eine offene Dreierbeziehung.
Der Schlamassel hatte damit begonnen, dass sie sich vorsichtig erkundigt hatte, ob Paul sich nicht langsam etwas mehr Verbindlichkeit vorstellen könne. Vielleicht sogar einen längerfristigen, gemeinsamen Plan. War ihre Frage so eine Zumutung gewesen? Immerhin waren sie schon zwei Jahre zusammen – seit dem 8.8.2022 genau gesagt.
»Toni, das ist nicht dein Ernst«, hatte Paul erwidert. »Weißt du, was du da gerade machst? Du zerstörst auf einen Schlag die ganze Magie zwischen uns.«
Die Magie. Eines seiner Lieblingswörter.
»Toni, das ist doch das Besondere an unserer Verbindung, dass sich jeder frei entfalten kann.«
»Mein Gott, Paul, es war nur eine Frage.«
Er setzte eine betroffene Miene auf.
»Das muss ich jetzt erst mal verkraften.«
»Hey, komm mal runter! Du tust ja gerade so, als hätte ich dich gefragt, ob du mich heiraten willst.«
Was auch kein Verbrechen wäre. Immerhin war sie schon dreiunddreißig, Paul sogar sechsunddreißig. Diesen Gedanken hatte sie jedoch wohlweislich für sich behalten, um ihm keine Munition für die nächste Eskalationsstufe zu liefern. In den letzten Wochen war er dreimal »für immer« ausgezogen, um ein paar Tage später nach einer theatralischen Versöhnung wieder einzuziehen. Wieso, fragte Toni sich, brauchte er nicht auch mehr Sicherheit?
Obwohl, er hatte sie ja. Sie war immer für ihn da.
Sie kochte sogar für ihn, obwohl sie nie am Herd hatte stehen wollen wie ihre Mutter. Paul hatte es clever eingefädelt. Gleich am Tag ihres Kennenlernens hatte er sich zum unbegabtesten Koch der Welt erklärt, der angeblich Salz nicht von Zucker unterscheiden könne. Sie kümmerte sich auch um den täglichen Einkauf, er war nur für die Delikatessen zuständig. Die brachte er jedes Mal mit dem Stolz eines Jägers nach Hause, der unter Lebensgefahr ein Wildschwein erlegt hat. Im Grunde organisierte sie Pauls gesamtes Leben: Sie verhandelte die Verträge mit den Clubs, in denen er auflegte, besänftigte den Vermieter, wenn Paul seine Anlage mal wieder so laut aufgedreht hatte, dass das Haus bebte. Und nach ihrem dämlichen Vorschlag mit der offenen Beziehung tröstete sie ihn sogar, wenn er eine Abfuhr von einer anderen kassiert hatte.
Was erwarte ich, dachte sie, es läuft doch alles bestens für ihn. Er hat keinen Grund, sich zu committen. Das macht er erst, wenn er ganz sicher ist, dass nicht irgendwo auf der Welt noch eine bessere Frau auf ihn wartet.
Indessen machte er mit seinem Theater weiter.
»Irgendwie macht mich das gerade richtig traurig. Sicherheit kann man doch nicht einfordern. Sie ist da oder nicht.«
Toni war kurz davor, aggressiv zu werden. Aber diese Blöße wollte sie sich nicht geben. Damit mache ich mich nur wieder klein, dachte sie.
»Wenn du so viel Schiss vor ein bisschen mehr Verbindlichkeit hast, können wir wegen mir auch eine offene Beziehung führen.«
Sie hatte es nicht ernst gemeint und war sicher gewesen, dass Paul sofort zurückrudern würde. Als er zehn Minuten später pfeifend die Wohnung verließ, dämmerte ihr, dass sie einen folgenschweren Fehler begangen hatte.
»Don’t look back in anger«, murmelte Toni jetzt, während sie sich einen extrastarken Kaffee braute. Die für ihre Küche viel zu große Gastro-Maschine hatte Paul kürzlich von seiner »Mum« geschenkt bekommen. Die war so vergafft in ihn, dass er ihr, beziehungsweise ihrer Haushälterin, sogar seine Wäsche bringen durfte.
Toni setzte sich mit einem Seufzer an den Tisch, klappte ihren Laptop auf und checkte ihre Mails.
Wir bedanken uns herzlich für Ihr Interesse …
Ihre Qualifikation und journalistische Erfahrung sind beeindruckend …
Die Entscheidung nicht leicht gemacht …
Nach sorgfältiger Prüfung …
Leider müssen wir Ihnen …
Löschen. Weiter.
Ihre Bewerbung in vielerlei Hinsicht überzeugt …
Umso schwerer ist es uns gefallen …
Nächste.
Sie haben es in die engere Auswahl geschafft! Glückwunsch. Allerdings …
Jederzeit wieder melden …
Da könnt ihr lange drauf warten. Toni löschte fünf Mails. Wenn sie ehrlich zu sich war, dann war sie über die Absagen nicht unglücklich. Sie hatte sich nur für den Fall beworben, dass es mit ihrer Wunschstelle in Frankfurt wider Erwarten nicht klappen sollte. Aber da hatte sie keine Befürchtungen.
Es war sieben Jahre her, dass Toni an der Deutschen Journalistenschule unter dem Applaus ihres Jahrgangs ihr Zeugnis überreicht worden war. Seither hatte sie als freie Mitarbeiterin einige rechercheintensive Reportagen in größeren Zeitungen untergebracht, als Redakteurin bei einer renommierten Firma für Podcast-Produktionen gearbeitet und als Ghostwriterin Lebenserinnerungen geschrieben, mit denen ein Pseudoverlag alten Leuten Geld aus der Tasche zog. Die unsichere Auftragslage als Freelancerin hatte sie nie besonders belastet; wenn es mal nicht so gut lief, jobbte sie eben in der Gastronomie. Doch genau wie in der Beziehung mit Paul sehnte sie sich allmählich auch im Beruf nach mehr Sicherheit. Das bedeutete nicht, dass sie zu jedem Kompromiss bereit war. Zu einem Provinzblättchen würde sie nicht gehen, selbst wenn dort eine Festanstellung lockte. Wer, wie sie, aus der Provinz kam, wollte nie wieder dorthin zurückkehren. Abgesehen davon hatte sie im Studium als Frau mit dem Riecher für besondere Geschichten gegolten. Ihr Lieblingsdozent Ganghofer, den sie insgeheim Gandalf nannte, hatte sie mal als natural born journalist bezeichnet.
Eine eingehende Mail riss Toni aus ihren Gedanken. Sie stammte von Kai, mit dem sie studiert hatte. Er arbeitete bei der FAZund versorgte sie mit internen Informationen.
Sie holte tief Luft.
Nachdem sie in zwei Online-Interviews laut ihrem Informanten »genial performed« hatte, war die Zusage für eine Stelle als Redakteurin so gut wie sicher. Der endgültige Bescheid war ihr für die nächste Woche angekündigt, aber vielleicht war schon etwas zu Kai durchgesickert. Toni stand auf, um sich erst noch einen zweiten Kaffee zu holen, hielt es dann aber doch nicht länger aus und öffnete die Mail.
Liebste Toni, ich habe leider keine guten Nachrichten. Du bist aus dem Rennen. Bis gestern wollten die Chefs dich noch unbedingt, dann muss irgendein Arsch Infos über deinen unseligen Auftritt damals bei der Demo durchgestochen haben. Tut mir irre leid.
Toni schlug den Deckel des Laptops zu. Wie lange sollte diese Geschichte sie denn noch verfolgen?
Es war kurz nach ihrem Abschluss gewesen, sie war gerade siebenundzwanzig geworden. Bei einem Frauenfrühstück hatten sie und drei Freundinnen beschlossen, mal nicht nur zu quatschen, sondern was zu tun. Keine von ihnen hatte Erfahrungen in der aktiven Politik, trotzdem stellten sie innerhalb von vier Wochen eine Demo »Gegen rechts« auf die Beine. Als ihre Freundinnen ihr die Versammlungsleitung übertrugen, fühlte Toni sich geschmeichelt. Es war keine große Aufgabe, sie musste die Kundgebung offiziell eröffnen und auf behördliche Auflagen wie das Waffenverbot, den Verzicht auf verfassungsfeindliche Symbole oder das Freihalten der Rettungswege hinweisen. Entgegen allen Erwartungen wurde die Demonstration ein überwältigender Erfolg. Fast dreißigtausend Leute (laut Polizei zwanzigtausend) waren in die Münchner Innenstadt geströmt, um den Feinden der Demokratie die Rote Karte zu zeigen. Als Toni auf die Bühne trat, verschlug ihr der Anblick der Menschenmenge fast den Atem. Da passierte es.
Sie ließ sich von der Stimmung mitreißen und hielt, abweichend vom vereinbarten Programm, eine spontane Rede. Keine lange, keine besonders gut formulierte, dafür eine umso leidenschaftlichere. Einige Formulierungen waren zugegeben etwas überspitzt, manches hätte sie differenzierter ausdrücken sollen. Am nächsten Tag – die vier Freundinnen waren noch euphorisiert von ihrem Erfolg – stand in einer Boulevardzeitung, das geplante, friedliche Zeichen der bürgerlichen Mitte sei grandios gescheitert. Schuld sei die Polemik der ersten Rednerin gewesen, wegen der ein Großteil der Demonstranten unter Protest den Platz verlassen hätte. Eine glatte Lüge. Toni schrieb, ohne über mögliche Konsequenzen nachzudenken, einen offenen Brief an den Verlag, in dem sie sich bitter über die Verbreitung von Fake News beschwerte. Die Reaktion kam prompt. In einem weiteren Artikel behauptete das Blatt, Antonia Papin sei eine polizeibekannte Extremistin und habe die Versammlungsleitung nur übernommen, um die Kundgebung für ihre Propaganda zu missbrauchen. Dazu druckte die Zeitung ein Foto von Toni ab, auf dem sie mit vermeintlich hassverzerrtem Gesicht zu sehen war. In Wirklichkeit war es der Schnappschuss eines Hustenanfalls am Ende ihrer Rede, der bei jedem seriösen Fotografen im Papierkorb gelandet wäre.
Ihre ehemaligen Kommilitonen und Gandalf beschworen Toni, stillzuhalten. Mit jeder Reaktion würde sie die Hetze gegen sich nur weiter anheizen.
»Bald wird eine andere Sau durchs Dorf getrieben«, versuchte ihre Freundin Carla sie zu trösten. Leider behielt sie nur zum Teil recht. Für die Boulevardzeitung war Toni tatsächlich nicht interessant genug, um sich weiter an ihr abzuarbeiten. Dafür schossen sich jetzt extreme Rechte auf allen Kanälen auf sie ein und zitierten zum Teil frei erfundene Stimmen aus ihrem privaten und beruflichen Umfeld. Sie sei wegen Ladendiebstahls verurteilt worden, schon im Studium wegen ihrer Radikalität aufgefallen, Mitglied einer gewaltbereiten Antifa-Gruppe. Eine selbst ernannte Enthüllungsjournalistin überrumpelte Tonis ahnungslosen Vater an der Haustür. Als Toni ihm den Link zum YouTube-Film mit dem Titel Wer ist Antonia Papin? Jetzt packt der Vater aus schickte, war er schockiert. Keine seiner Aussagen war im O-Ton zu hören, stattdessen wurden sie im Kommentar böswillig verdreht.
»Toni, ich habe nie behauptet, du hättest ständig Jungen verprügelt.«
»Und dass ich am Gymnasium mit einer Gang namens Die Brandstifter unterwegs war?«
»Ich habe gesagt, dass Biedermann und die Brandstifter dein Lieblingsbuch war. Bitte, Toni, das musst du mir glauben!«
So lächerlich die Vorwürfe auch waren, führten sie doch dazu, dass selbst Leute, die sie nach der Demo noch beglückwünscht hatten, auf Distanz gingen. Ihre Freundinnen machten sich große Sorgen um sie, Gandalf vermittelte ihr einen Rechtsanwalt. Der riet allerdings davon ab, den juristischen Weg zu gehen.
»Soll ich tatenlos zuschauen, wie die mich fertigmachen?«
»Glauben Sie mir, Frau Papin, das kostet Sie nur eine Menge Geld und Nerven. Und am Ende erreichen Sie nichts.«
»Aber nach so einer Verleumdungskampagne kriege ich als Journalistin doch keinen Fuß mehr auf den Boden.«
Er riet ihr, sich für die Arbeit ein Pseudonym zuzulegen. Ihren Auftraggebern gegenüber müsse sie natürlich mit offenen Karten spielen, aber denen falle es leichter, einen Artikel zu drucken, unter dem nicht ihr Klarname stehe.
Der Sturm, der über sie hinweggefegt war, hatte sich längst gelegt, die Spuren im Netz allerdings würden, wie sich gerade wieder zeigte, wohl nie mehr verschwinden.
Toni war am Boden zerstört.
Sie griff zum Handy, um Kai anzurufen. Aber was sollte er ihr noch sagen? Eine Absage war eine Absage.
Sie sah, dass ihr Vater ihr wieder eine Sprachnachricht hinterlassen hatte. In den letzten Wochen hatte er sich mehrmals bei ihr gemeldet und es noch öfter versucht. Irgendetwas hatte er auf dem Herzen. Was, verriet er natürlich mal wieder nicht.
Wenn die Besuche bei ihm nicht immer so anstrengend wären, die Gespräche nicht so mühsam und Pirmasens nicht ganz so trist. Toni ärgerte sich zwar, wenn Paul die Stadt als »Shithole« bezeichnete. Er hatte gut reden, er war am Starnberger See aufgewachsen. Aber auch sie konnte nicht übersehen, dass ihre Heimatstadt zu den ärmsten Kommunen Deutschlands zählte. Sogar die Lebenserwartung dort lag sechs oder sieben Jahre unter der in Pauls reichem Starnberg. Nein, auf Pirmasens hatte sie gerade überhaupt keine Lust.
Toni ließ das Handy wieder sinken. Den Rest des Tages verbrachte sie damit, gedankenlos im Internet herumzuscrollen, mit einer Streamingserie auf Autoplay im Hintergrund. Um zehn ging sie ins Bett, kurz nach halb zwölf riss ihr Smartphone sie aus dem Dämmerschlaf. Toni schaute aufs Display.
»Hallo?«
»Entschuldigen Sie. Ich bin doch richtig bei Papin?«, sagte eine weibliche Stimme. »Antonia Papin?«
»Ja.«
Sie spürte ein unangenehmes Ziehen in der Magengegend.
»Kirchner, Städtisches Krankenhaus Pirmasens. Ich rufe an, weil es Ihrem Vater leider gar nicht gut geht.«
»Wie, nicht gut?«
4.
Wenn die Autobahn weiter so leer blieb, sollte sie spätestens um sechs Uhr morgens bei ihrem Vater sein. Sie sah sich schon an seinem Bett sitzen und seine Hand halten. So etwas hatte er nie mit sich machen lassen, aber jetzt, nach einem Infarkt, war das hoffentlich anders. Sie würde ihn streicheln, ihm Mut zusprechen. Oder bestand er darauf, die Fassade weiter aufrechtzuerhalten, und tat so, als wäre alles halb so schlimm? Sie hatte schon länger den Verdacht gehabt, dass mit seinem Herzen etwas nicht stimmte. Bei ihren viel zu seltenen Besuchen hatte sie beobachtet, dass er auf dem Weg zu seinem Rückzugsort unter dem Dach auf halber Treppe eine Pause einlegen musste. Gingen sie zum Grab ihrer Mutter auf dem Waldfriedhof, wurde er nach wenigen Hundert Metern kurzatmig. Einmal, bei einem Mittagessen in Kuchems Brauhaus, war er plötzlich aschfahl geworden und hatte sich dann zu Hause wegen einer angeblichen Unverträglichkeit ins Bett zurückgezogen. Sie hatte ihn gedrängt, sich von einem Kardiologen untersuchen zu lassen, doch er hatte es immer wieder verschoben.
War das womöglich Absicht? Wollte er nicht wissen, wie krank er wirklich war? Zum Selbstbild eines Erwin Papin passte kein Leiden.
Dreieck München-Eschenried, Autobahnausfahrt Dachau/Fürstenfeldbruck, Sulzemoos.
Toni hatte noch nie ein Auto gefahren, das so schnell beschleunigte und sich auch bei Tempo 200 wie auf Schienen bewegte.
Paul war nicht ans Handy gegangen, aber sie hatte richtig vermutet, dass er nach seiner Besprechung mit dem Geschäftsführer der Roten Sonne gleich zum Feiern dortgeblieben war. Und dass sie ihn an der Bar antreffen würde, wo er sich von irgendeinem ebenso hübschen wie naiven Mädchen bewundern ließ.
»Toni, wenn du jetzt anfängst, mir nachzuschnüffeln …«
Ihr ernster Blick ließ Paul verstummen. Toni erklärte in knappen Sätzen, was los war und dass sie sein Auto brauchte – auch wenn er es »grundsätzlich« nicht verlieh. Bis sie endlich losfahren konnte, verging noch einmal wertvolle Zeit, weil Paul darauf bestand, ihr alle wichtigen Funktionen seines tollen BMW zu erklären. Zum Abschied beschwor er sie, »bitte, bitte« vorsichtig zu fahren.
Odelzhausen, Adelzhausen, Dasing.
Wenn es mit ihren Eltern in den Urlaub ging, waren sie auch immer nachts gefahren.
»Bevor die Schlauen kommen«, hatte ihr Vater gesagt, »die meinen, sie könnten noch gemütlich frühstücken. Und sich dann wundern, wenn sie stundenlang im Stau stehen.«
Ihr Ziel war immer das Städtchen Forte dei Marmi an der ligurischen Küste gewesen. Dort urlaubte auch die Fiat-Familie Agnelli, Thomas Mann war mal da gewesen, außerdem Jimi Hendrix, Charlton Heston, Paul Anka, Vittorio Gassman und viele andere. Andrea Bocelli, hieß es, lebte sogar ganzjährig dort. Wer sich Forte dei Marmi leisten konnte, hatte es geschafft. Ihrem Vater war das allein durch Fleiß und Ausdauer, ohne wohlhabende Eltern im Hintergrund, gelungen. Dass ihr Campingplatz eigentlich nicht mehr zum Ort gehörte und sie jeden Morgen von ihrem Wohnwagen mehr als zwei Kilometer zum Strand laufen mussten, brauchte zu Hause ja keiner zu erfahren.
»Deinen Freundinnen sagst du, dass wir direkt aufs Meer schauen«, hatte ihr Vater ihr eingeschärft. Ihre Mutter hatte ergänzt: »Und dass man hier an jedem Tag frischen Fisch bekommt.«
Burgau, Günzburg, Leipheim.
Wenn ihr Vater am Steuer saß, hatte sie sich immer sicher gefühlt. Ihre Mutter sorgte für die Vesper: Apfelschnitze aus der Tupperdose, ein Wurst- und ein Käsebrot für jeden. Dazu gab es gesüßten Tee aus der Thermoskanne. Lange war sie es gewesen, die ihnen die dampfenden Plastikbecher reichte, immer mit der Warnung »Vorsicht, heiß!«. Als sie wegen ihrer Chemo zu sehr zitterte, hatte Toni diese Aufgabe übernommen. 2005 war ihre Mutter gestorben. Sie hatte zwei Jahre lang gekämpft und sich dem Tod schließlich gefügt, so wie sie sich zu Lebzeiten ihrem Mann gefügt hatte. Toni war damals erst vierzehn gewesen. Trotzdem war sie mit ihrem Vater danach nur noch einmal verreist. Seine Art Urlaub zu machen, war für sie unerträglich geworden. Alles folgte einem strengen Plan, wie die Arbeitsabläufe am Band der Schuhfabrik Peter Kaiser, die er als Meister überwachte. Bei jeder Fahrt stimmte er an derselben Stelle, an einem Gebirgspass mit zugegeben fantastischer Aussicht, »Großer Gott, wir loben dich« an. Er war nicht bereit, seinen Urlaubsort zu verlassen, um wenigstens einmal das nahe gelegene Städtchen Lucca zu besuchen, das Toni so gern kennengelernt hätte. Er wollte unbedingt zur selben Zeit zu Abend essen wie zu Hause – Punkt 18:30 Uhr. Wenn dann nur deutsche Touristen in der Pizzeria saßen, beschwerte er sich. Da könne er ja gleich in Pirmasens bleiben und zu Luigi gehen.
Als Toni ihm an ihrem sechzehnten Geburtstag erklärte, sie habe keine Lust mehr auf seinen »Reiseterror«, nahm er es resigniert hin. Er war zermürbt von den Auseinandersetzungen mit seiner Tochter, die ihn provozierte, wo sie nur konnte. So wusste sie zum Beispiel sehr genau, wie ernsthaft er bemüht war, ein anständiger Mensch zu sein. Trotzdem warf sie ihm vor, es gehe ihm bloß um den Schein. »Du willst doch nur von deinen Betschwestern in der Pirminiuskirche bewundert werden.«
Besonders wütend machte es Toni, dass ihr Vater nicht aufhörte, sie zu überwachen, als wäre sie noch zehn oder zwölf Jahre alt. Es kam ihr vor, als würde er sie am liebsten gar nicht aus dem Haus lassen. Als sie ihn einmal dabei erwischte, wie er ihr heimlich zu einer Party folgte, stellte sie ihn vor ihrer gesamten Clique bloß.
»Ich weiß nicht, warum du so ein Schisser bist. Aber das ist dein Problem. Ich lebe mein Leben, verdammt!«
Er zog sich zurück wie ein geprügelter Hund, und sie feierte in dieser Nacht besonders wild.
Nach diesem Vorfall gab ihr Vater es auf, sie in irgendeiner Weise zu kontrollieren oder zu bevormunden. Nur einmal versuchte er noch, Einfluss zu nehmen. Toni war früh entschlossen, ihr Elternhaus gleich nach dem Abitur zu verlassen, weil sie in Pirmasens keine Zukunft für sich sah. Ihr Vater hingegen behauptete unverdrossen, in ihrer Heimatstadt gebe es trotz der hohen Arbeitslosigkeit durchaus Karrierechancen für sie. Der Journalismus, für den sie sich interessiere, sei außerdem eine sehr unsichere Branche und Frauen würden leider immer zuerst entlassen. In der örtlichen Wirtschaft hingegen suche man vermehrt weibliche Führungskräfte, auch in der Schuhindustrie, die zu Unrecht totgesagt werde. Falls Toni sich mehr Privatsphäre wünsche, könne er gern das Haus umbauen. Er habe alles für eine Einliegerwohnung vorbereitet. Doch sie hatte sich längst in München beworben und zu ihrer Überraschung die Zusage für einen Praktikumsplatz bei der Abendzeitung bekommen.
Ulm, Stuttgart, Karlsruhe, Landau.
Toni war jetzt seit mehr als fünfzehn Stunden wach, ihre Augen brannten vor Müdigkeit. Die Scheinwerfer der entgegenkommenden Fahrzeuge blendeten sie, immer wieder verschwamm für Sekunden die Fahrbahn, die sich in der Schwärze der Nacht verlor. Sie fuhr das Wagenfenster ein Stück herunter, damit die Nachtluft ihr Gesicht kühlte.
Ob ihr Vater sich nach dem Ende seines strikt durchorganisierten Arbeitslebens wohl geändert hätte, wenn ihre Mutter noch am Leben gewesen wäre? Sie hatte immer einen guten Einfluss auf ihn gehabt. Hätte sie erreicht, dass er zugänglicher wurde und auch mal seine verletzlichen Seiten zeigte? Ihre Mutter hatte wichtige Ziele mit der Beharrlichkeit einer Langstreckenläuferin verfolgt. Sie hätte ihn zu nichts gedrängt, wäre einfach mit gutem Beispiel vorangegangen. Mit ihren sanften Strategien hätte sie ihn wohl dazu gebracht, dass er sein Herz regelmäßig untersuchen ließ. Vielleicht hätte sie sich von ihm die Teilnahme an einem Senioren-Tanzkurs gewünscht. Oder sie hätte einen Hund angeschafft, der ihn zwang, regelmäßig vor die Tür zu gehen.
Mit einem Mal erfasste Toni eine schmerzhafte Sehnsucht nach ihrer Mutter. Sie sah sie vor sich, wie sie ihr die Arme entgegenstreckte, sie an sich drückte.
5.
Kurz nach sechs stieg Toni auf dem Besucherparkplatz des Städtischen Krankenhauses Pirmasens aus dem Wagen. Sie versuchte, sich zu orientieren. Wo war der Haupteingang? Warum hatte sie am Telefon nicht gefragt, auf welcher Station er lag? Wurde ein Herzinfarkt in die Abteilung für Kardiologie gebracht oder zur Sicherheit auf die Intensivstation?
Am Empfang saß ein übernächtigter junger Mann.
»Hallo. Ich bin angerufen worden. Mein Vater wurde hier gestern eingeliefert.«
»Guten Morgen. Wie ist denn der Name?«
»Papin. Antonia Papin.«
»Und der Name des Patienten?«
»Entschuldigung. Erwin Papin.«
Er tippte mit zwei Fingern auf der Tastatur, vertippte sich. Endlich schien er etwas gefunden zu haben, kratzte bedächtig sein bärtiges Kinn.
»Sagen Sie mir doch bitte, wo ich ihn finde.«
»Kann ich Ihren Ausweis sehen? Bei Intensivpatienten muss ich überprüfen, ob es sich um nahe Angehörige handelt.«
Toni nestelte ihren Personalausweis aus der Geldbörse. Der junge Mann betrachtete ihn, nickte und wählte eine Nummer.
»Mariam, bei euch liegt doch ein Erwin …«
»Papin«, sagte Toni. »Erwin Papin.«
»Papin.«
Der Pförtner lauschte und schien schlagartig hellwach zu sein.
»Verstehe.«
Toni erstarrte innerlich.
»Was … was ist mit ihm?«
Auf dem Zettel, den der Pförtner ihr in die Hand drückte, hatte er in krakeliger Schrift neben dem Namen ihres Vaters und der Stationsnummer auch den Todeszeitpunkt vermerkt.
1.September 2024, 1:45.
Gerade mal zwei Stunden nach dem Anruf der Klinik. Als hätte ihr Vater es endgültig aufgegeben, auf sie zu warten.
»Wir haben ihn länger als üblich hier bei uns gelassen«, erklärte die Stationsschwester. »Wir dachten, Sie schaffen es vielleicht noch.«
»Ich komme aus München.«
Die Schwester griff nach ihrer Hand und drückte sie.
»Das sollte kein Vorwurf sein. Wenn sie wollen, lasse ich ihn aus dem Kühlraum holen.«
»Ja, bitte.«
Die nächsten fünfzehn Minuten, oder waren es zwanzig, kamen Toni wie eine Ewigkeit vor. Sie saß starr auf einem unbequemen Stuhl im Abschiedsraum und starrte auf ein Poster mit einer Mittelgebirgslandschaft. Im Vordergrund stand ein einzelner Baum, eine Eiche vermutlich, mit herbstverfärbten Blättern, daneben ein windschiefer Weidezaun, dahinter ein einsames dunkelbraunes Pferd. Das Bild sollte wohl beruhigend wirken. Bei Toni bewirkte es das Gegenteil. Baum, Zaun, Pferd, Baum, Zaun, Pferd, Baum, Zaun, Pferd, die Spirale drehte sich immer schneller, bis sie aufsprang und sich vor dem Poster ans Fenster rettete. Unter ihr, auf einem Parkplatz, der offensichtlich für das Personal reserviert war, schlichen müde Menschen aus dem Klinikgebäude zu ihren Fahrzeugen. Die Kolleginnen und Kollegen, die sie ablösten, grüßten im Vorbeigehen mit einem stummen Nicken. Eine Plastiktüte wurde vom Wind über die Teerfläche geweht, verfing sich an einem Kotflügel, blähte sich auf und wurde fortgerissen.
»Guten Morgen«, sagte ein Krankenpfleger hinter ihr und rollte eine Bahre vor das Landschaftsposter. »Nehmen Sie sich die Zeit, die Sie brauchen.«
Tonis erster Blick fiel auf das Nachthemd. Weiß, mit kleinen hellgrauen Sternchen. So etwas hätte ihr Vater niemals freiwillig getragen. Seine Schlafanzüge hatten kräftige Farben, dunkelblau oder burgunderrot, verspielte Muster kamen für ihn nicht infrage. Wohl aus Angst vor dem Blick in sein Gesicht begann Toni mechanisch, die Sternchen auf dem Nachthemd zu zählen. Als ihr die Absurdität bewusst wurde, zwang sie sich, den Kopf zu heben.
Sie erschrak.
Das war nicht ihr Vater. Der Krankenpfleger hatte ihr den falschen Toten gebracht. Doch, er war es. Und war es gleichzeitig nicht. Seine Gesichtshaut war gräulich blass, die nicht ganz geschlossenen Lider wirkten, als wären sie aus Wachs. Sein Mund stand leicht offen, die Lippen waren rissig und schmaler geworden. Er reckte sein Kinn, als hätte er noch eine letzte Bemerkung auf Lager. Das am Halsansatz, was war das? Ein Bluterguss?
Ein Totenfleck, schoss es Toni durch den Kopf. Sie spürte einen Anflug von Übelkeit.
Du siehst ihn zum allerletzten Mal. Sag etwas. Vielleicht hört er dich ja noch. Irgendwo in der Ferne.
Sie schluckte mehrmals.
»Hallo Papa.«
Ihre zittrige Stimme hörte sich an, als wäre sie wieder ein Kind.
»Tut mir leid, dass ich’s nicht rechtzeitig geschafft habe. Ich hätte dich auch längst besuchen wollen, aber du weißt ja, wieviel bei mir immer los ist und …«
Sie unterbrach sich. Wollte sie ihm sogar jetzt noch etwas vormachen? Sie hatte ihn nicht monatelang warten lassen, weil sie so beschäftigt war.
Ihr Blick fiel auf die rechte Hand ihres Vaters. Die durchscheinende Haut, die leicht gekrümmten Finger. Als sie sie berührte, erschrak sie, weil die Haut eiskalt war.
»Papa, wir haben es nicht leicht miteinander gehabt. Du hast dir gewünscht, dass ich öfter auf deine Ratschläge höre. Vielleicht hast du dir insgeheim sogar eine andere Tochter gewünscht. Aber du hast nie aufgegeben, dich um mich zu bemühen. Ich konnte immer sicher sein, dass du mich nicht fallen lässt, egal, welchen Blödsinn ich mache. Blödsinn aus deiner Sicht. Ich glaube … nein, ich weiß, dass du mich immer geliebt hast. Dafür danke ich … dir.«
Sie schluchzte, ihre Stimme versagte. Ihre Augen wurden feucht, richtig weinen konnte sie nicht. Sollte sie ihn noch einmal umarmen? Irgendwo hatte sie gelesen, das helfe, zu begreifen, dass jemand wirklich tot sei. Aber das war ihr klar, seit sie in sein Gesicht geblickt hatte. Vor ihr lag nur noch seine leere Hülle. Die Seele ihres Vaters, was immer das sein mochte, war längst weit fort.
»Entschuldige, Papa. Ich kann nicht.«
Sie horchte, als würde sie darauf warten, dass er antwortete. Dass er »Ist schon gut« sagte. Erst da fiel ihr die Stille auf. Es war eine Stille, die sie nicht kannte. Vom Parkplatz her drangen Motorengeräusche zu ihr, auf dem Flur waren Stimmen zu hören. Trotzdem war da diese Stille, die ihren Vater wie in einen Nebel hüllte, der alle Geräusche der Lebenden schluckte.
Das ist der Tod, dachte Toni.
6.
Sie wusste nicht, wo sie war und wer sie war. Ihr Körper fühlte sich seltsam fremd an, wie etwas Fernes, Vergangenes. War das der Tod? So früh? Sie war doch noch so jung. Wie alt war sie eigentlich? Zwölf? Dreizehn? Sie versuchte, sich an ihren Namen zu erinnern. Sie hieß … sie hieß … Fuck, sie musste doch wissen, wie sie hieß.
Wieder dämmerte sie weg.
Ein heiseres Bellen weckte sie. War das ein Hund? Nein, das war sie selbst. Sie hustete erneut. Ihr Hals brannte.
»Was trinken.«
Ihr Flüstern hörte sich an, als käme es von jemand anderem. Sie griff nach dem Glas Wasser, das immer neben ihrem Bett stand – es war nicht da. Sie streckte die Hand aus, tastete. Der Boden war merkwürdig rau und kalt. Wo war der flauschige Teppich, den sie zum Geburtstag bekommen hatte?
Da wusste sie es wieder. Sie war dreizehn, sie hieß Vanessa, ihre Freundinnen nannten sie Nessi. Aber sie lag nicht in ihrem Bett. Sie lag auch nicht neben ihrem kleinen Bruder Patrik, wie manchmal, wenn sie noch gequatscht hatten und darüber eingeschlafen waren. Sie war nicht zu Hause. Sie war auch nicht bei ihrer Freundin Marie.
Wo war sie?
Vanessa öffnete ihre verklebten Augen und sah nichts. Um sie herum war alles schwarz. Es musste ein Traum sein, als kleines Kind hatte sie ständig Albträume gehabt. Dann war sie schreiend zu ihrer Mutter gerannt und zu ihr unter die Decke geschlüpft.
»Ich glaub ja, du schläfst einfach lieber bei mir«, hatte die gemurmelt und sie an sich gezogen. Es war so gemütlich gewesen.
Vorsichtig öffnete Vanessa ihre Augen noch einmal. Es war kein Traum. Sie lag in einem stockdunklen Loch, in dem es modrig roch, und irgendwie auch chemisch. Sie hatte keine Ahnung, wie sie da hingekommen war.
Und sie hatte schrecklichen Durst....Ende der Leseprobe
