Wie ich den Sex erfand - Peter Probst - E-Book

Wie ich den Sex erfand E-Book

Peter Probst

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Beschreibung

Eine Weltstadt mit Herz, ein fast noch dörfliches Viertel, eine sehr katholische Familie und Franz Josef Strauß – schöner ist von einer Jugend in den 70er Jahren selten erzählt worden – sprich Erinnerung, sprich! Seit einigen Wochen sammelt der zwölfjährige Peter in einem Heft geheimnisvolle Worte. Unbefleckt und Hingabe, Empfängnis und feien, Unfehlbarkeit. Er ist Ministrant und fromm, so katholisch wie seine Eltern, die er, das weiß er, nicht fragen kann, was diese Worte bedeuten. Und schon gar nicht solche wie Unzucht, Beischlaf, Porno, die er in den Gesprächen der Erwachsenen aufschnappt oder bei seinen Schulkameraden, die anscheinend alle über ein Wissen verfügen, das ihm nicht zur Verfügung steht. Was bleibt ihm übrig, als zu tun als ob? Sonst würde er ja ewig der unscheinbare Gillitzer bleiben, der es nicht mal auf die Liste der von den Mädchen begehrten Jungs schafft. Gott sei Dank hängt ein großes Plakat von Franz Josef Strauß über seinem Bett, der ihm den einen oder anderer Rat gibt. Peter Probst erzählt liebevoll und mit großem Witz von den Zumutungen der Pubertät und davon, wie die Revolte der Jugend in den 70er Jahren in ein konservatives Milieu einbricht und die Gesellschaft verändert. Zum Entsetzen der Erwachsenen, zu unserem Lesevergnügen.

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Zum Buch

Eine Weltstadt mit Herz, ein fast noch dörfliches Viertel, eine sehr katholische Familie und Franz Josef Strauß – schöner ist von einer Jugend in den 70er Jahren selten erzählt worden. Sprich, Erinnerung, sprich!

Seit einigen Wochen sammelt der zwölfjährige Peter in einem Heft geheimnisvolle Worte. „Unbefleckt“ und „Hingabe“ und „Empfängnis“. Er ist Ministrant und so fromm wie seine Eltern, die er nicht fragen kann, was diese Worte bedeuten. Und schon gar nicht solche wie „Unzucht“, „Beischlaf“ oder „Prono“, die er bei manchen Erwachsenen aufschnappt oder bei Schulkameraden, die über mehr Wissen verfügen als er. Das muss sich ändern, beschließt er, er muss das Rätsel lösen. Gott sei Dank hängt ein Plakat von Franz Josef Strauß über seinem Bett, der ihm wichtige Ratschläge fürs Leben gibt.

Peter Probst erzählt liebevoll und mit großem Witz von den Zumutungen der Pubertät und davon, wie die Revolte der Jugend in den 70er Jahren in ein konservatives Milieu einbricht - zum Entsetzen der Erwachsenen, zu unserem Lesevergnügen.

Über den Autor

Peter Probst ist 1957 in München geboren. Er studierte Deutsche und Italienische Literatur sowie Katholische Theologie. Bald begann er mit dem Schreiben von Drehbüchern, etwa für Tatort. Für seine Fernsehspiele erhielt er zahlreiche Auszeichnungen. Ab 2006 schrieb Probst erst Kinderkrimis, dann Kriminalromane wie Blinde Flecken oder Im Namen des Kreuzes. Bei dem Sachbuch Verliebt, verlobt… verrückt? arbeitete er mit seiner Frau Amelie Fried zusammen, mit der er in München lebt.

 

 

 

 

für Amelie und Arthur

1

Schuld war die Muttergottes.

Wegen ihr und ihren Wundern fröstelte ich sogar unter der schweren Wintersteppdecke, die mein Vater bei der Bundeswehr abgestaubt hatte.

Meine Mutter erzählte immer von der kleinen Bernadette, der in Lourdes eine wunderschöne Frau im weißen Kleid mit blauer Schärpe erschienen war. Achtzehn Mal insgesamt. Erst beim sechzehnten Mal hatte Bernadette den Mut gehabt, sie nach ihrem Namen zu fragen.

»Ich bin die unbefleckte Empfängnis.«

Was die Wörter unbefleckt und Empfängnis bedeuteten, wusste ich nicht. Ich war noch keine zwölf und der Sohn sehr gläubiger Eltern. Besonders Empfängnis klang gruselig, fand ich.

Ich war genauso fromm wie Bernadette, betete morgens und abends und vergaß es nie. Ich ministrierte bei Hochämtern, Trauungen und Beerdigungen, am liebsten aber bei Marienandachten und sang mit Inbrunst:

»Maria zu lieben, ist allzeit mein Sinn.

in Freuden und Leiden ihr Diener ich bin.«

Dann gab es noch die Kinder von Fátima: Jacinta, Francisco und Lúcia. Ihnen hatte die Muttergottes drei Geheimnisse anvertraut, von denen das dritte so schrecklich gewesen war, dass es niemand erfahren durfte. »Die Menschen würden sonst aus Angst glatt tot umfallen«, sagte meine Mutter. Ich traute mich nicht zu fragen, wieso die drei Kinder überlebt hatten – vielleicht waren sie außergewöhnlich kernig gewesen oder hatten die Botschaft der Muttergottes gar nicht richtig verstanden. So oder so wollte ich auf keinen Fall zu den Auserwählten gehören, denen die Muttergottes etwas weissagte.

»Heilige Maria, Muttergottes, ich bitte dich: Erscheine mir nicht!«

Lourdes 1858, Fátima 1917, München-Untermenzing 1970. Die Reihe erschien mir logisch. Bernadette, Francisco, Jacinta, Lúcia, Peter. Auch diese Aufzählung klang in meinen Ohren so selbstverständlich, als wäre meine Marienerscheinung beschlossene Sache.

Es gab eine Hoffnung: die Muttergottes bevorzugte offenbar arme Müllers- und Hirtenkinder. Ich war ein Arztkind, sogar eines von zwei Ärzten. Wir aßen zwar Scheibletten, Corned Beef und Hering in Tomatencreme aus der Dose, aber so richtig arm waren wir nicht.

Andererseits gab es in Untermenzing keinen Müller und keine Hirten mehr, nur den komischen alten Schäfer, der zweimal im Jahr hinter unserem Haus über die Wiesen zog und seine Herde absichtlich über den Bolzplatz lenkte, damit sie ihn komplett zuschiss. Er hatte aber keine Kinder. Weil er auch noch Junggeselle war, hatte unser Vater uns verboten, ihn in seinem Schäferkarren zu besuchen. Dabei hätte ich ihn so gern gefragt, wieso er seine Herde nicht woanders kacken ließ.

»Heilige Muttergottes, kannst du dir nicht einfach ein anderes

Kind aussuchen?«

Tagelang zerbrach ich mir den Kopf darüber, wen ich ihr an meiner Stelle vorschlagen könnte. Aber mir fiel niemand ein, der infrage kam. Alle anderen Kinder benutzen unanständige Wörter, manche logen, manche stahlen, viele naschten. Alle waren Sünder, nur ich blöderweise nicht.

In meiner Verzweiflung zog ich mir, sobald ich im Bett lag, die Decke über den Kopf, obwohl ich kaum Luft bekam und mir klar war, dass die Muttergottes mit Leichtigkeit hindurchstrahlen konnte, wenn sie wollte.

Ich sah sie schon über meinem Bett schweben, die unbefleckte Empfängnis, wie einen riesigen weißen Falter mit blauer Schärpe. Sie würde mir womöglich ein Geheimnis anvertrauen, das noch viel schrecklicher war als das dritte von Fátima, und ich würde zur Salzsäule erstarren wie die Frau Lot, die sich auf der Flucht nur noch mal kurz nach dem brennenden Sodom umblicken wollte – immerhin war es ihre Heimatstadt.

Von der Angst, die mich Nacht für Nacht heimsuchte und viele Stunden wach hielt, erzählte ich keinem Menschen. Ich war verschwiegen wie meine Vorgänger in Lourdes und Fátima, die ihr Geheimnis so lange wie möglich für sich behalten hatten.

Bald hatte ich wegen des Schlafmangels solche Augenringe, dass meine Arzteltern mir eine Sanostol-Kur verordneten. Sie verrieten mir nicht, dass es sich um Lebertran handelte, weil ich Leber so hasste, dass mir allein das Wort Übelkeit bereitete. Sanostol schmeckte nach sehr süßer Orange und fühlte sich wunderbar klebrig auf der Zunge an. Nach dem Zähneputzen wartete ich ungeduldig auf den Moment, da meine Mutter mit der braunen Flasche und dem Suppenlöffel an mein Bett trat. Ich achtete darauf, dass sie nicht sparte, und behielt den Sirup so lange im Mund, dass ich ihn noch am nächsten Morgen schmecken konnte.

Sanostol war mein Zaubertrank und beherrschte meine Gedanken in manchen Nächten beinahe so sehr wie die Muttergottes. Das lag auch an einer Zeitungswerbung, die mich vor Jahren bei meinen ersten Leseübungen in den Bann gezogen hatte.

Sanostol macht kernig und feit gegen Krankheiten.

Wie vermutlich die meisten Kinder hatte ich nicht gewusst, was feien bedeutet, aber ab da dringend kernig werden wollen. Kernig, wie die Waden der Burschen beim Menzinger Trachtenumzug, die Politiker im Bayerischen Fernsehen, die mit der Faust auf den Tisch hauten, kernig, wie die Sprüche am Stammtisch im Alten Wirt gegen die Preußen und alle anderen Fremden.

Meine Augenringe verschwanden dank der Sanostol-Kur allmählich, von echter Kernigkeit war ich aber weit entfernt. Ich stand auf Steckerlbeinen und redete aus Schüchternheit sehr leise.

Trotzdem glaubte ich eines Abends, in mir eine Veränderung wahrzunehmen – meine Angst vor der Muttergottes war auf einmal nicht mehr ganz so schrecklich.

»Dann erschein mir halt, heilige Muttergottes, wenn du einfach kein anderes Kind findest.«

Ich hatte noch nicht zu Ende gebetet, da wusste ich, dass das der falsche Ton gewesen war. So redete man nicht mit einer unbefleckten Empfängnis. Wahrscheinlich war mein Gebet sogar eine Sünde. Und Sünden wurden bestraft. Meistens mit dem, was dem Sünder am wehsten tut, sagte mein Vater. Das konnte in meinem Fall nur eine Marienerscheinung sein.

Ich wartete zwei Nächte, ohne dass etwas geschah. In der dritten sah ich das Licht. Es tanzte vor der Wand hin und her, als müsste die Muttergottes erst noch in ihr weißes Kleid schlüpfen. Wo war denn die blaue Schärpe? Das Licht wurde kreisrund. Hatte sie sich doch gegen die Lourdes- und für die Fátima-Version entschieden?

»Da hat die Sonne sich plötzlich wie verrückt um sich selbst gedreht«, hatte meine Mutter erzählt, »und es hat so ausgesehen, als würde sie gleich auf die Erde stürzen. Dreißigtausend Gläubige haben vor Angst geschrien und sind zitternd auf die Knie gefallen!«

Ich wollte ebenfalls auf die Knie fallen, aber mein Körper war bleischwer. Unmöglich, ihn aus dem Bett zu heben. Hätte meine Mutter die Sanostol-Flasche auf dem Nachttisch vergessen, ich hätte sie zur Kräftigung in einem Zug geleert. Aber sie vergaß sie nie. Mein Zimmer erstrahlte im Licht der Muttergottes.

Wenn mir der Kniefall schon nicht gelang, musste ich irgendwie anders reagieren, sonst dachte die Muttergottes womöglich, sie habe einen Unwürdigen für ihre Erscheinung ausgesucht. Das wollte ich auf keinen Fall. Unser Pfarrer fiel mir ein, der in seinen Predigten gern von Hingabe sprach. Vielleicht war das die Lösung. Aber wie genau ging Hingabe? Vielleicht so? Ich streckte meine Arme dem Licht entgegen.

»Heilige Muttergottes, ich gebe mich dir hin.«

Ich stellte mir vor, dass die Muttergottes mit ihrem Lichtfeuer erst die Steppdecke verbrennen würde, die, obwohl schon öfter gewaschen, immer noch stark nach Soldat roch. Dann würde sie sich wie ein leichtes, warmes Tuch auf mich legen und mich ganz einhüllen. Ich würde mit ihr ein paar Zentimeter über dem Bett schweben, und sie würde mir mit ihrer sanftesten Stimme ihre Geheimnisse ins Ohr flüstern. Vielleicht waren sie gar nicht so schlimm, weil die Muttergottes es nett mit mir fand. Vielleicht vertraute sie dem Untermenzinger Kind, das sie sich für ihre Erscheinung ausgesucht hatte, ausnahmsweise sogar gute Nachrichten an.

»Ich werde die Welt retten« zum Beispiel oder: »Mach dir keine Sorgen, Peter, es gibt gar kein Fegefeuer.«

Ich hauchte noch einmal, dass ich bereit sei, da hustete sie. Wo war sie denn jetzt hingeflogen? Ich riss den Kopf herum und musste geblendet die Augen schließen.

Da war es also: mein Sonnenwunder.

München-Untermenzing, 7. Oktober 1970. Die Muttergottes erscheint dem Arztsohn Peter Gillitzer und verkündet ihm und der Welt …

Wieder hustete die Muttergottes, räusperte sich und spuckte aus.

Aber …? So war sie nicht! Nicht die Muttergottes, zu der ich, seit ich denken konnte, betete. Oder wollte sie mich auf die Probe stellen, die Unerschütterlichkeit meines Glaubens testen? Mit einem so ekelhaften Nasehochziehen und Ausspucken? Nein! Das war für eine unbefleckte Empfängnis eindeutig zu unheilig.

Das Licht wurde schwächer, ich öffnete vorsichtig die Augen. Da sah ich vor meinem Fenster, halb verdeckt von der großen Eibe, einen Schatten. Es war unser Nachbar zur Linken, der Professor. Gewöhnlich jagte er mit einer Taschenlampe, aber an diesem Tag hatte er sich einen Handscheinwerfer ausgeliehen. Er jagte auch noch im Herbst, obwohl mein Vater ihn darauf aufmerksam gemacht hatte, dass seine Beute bald von selber sterben würde. Die große Schneiderschere, mit der er die Schnecken zerschnitt, blitzte auf. Wieder zog er die Nase hoch und spuckte aus. Später erklärte mein Vater mir, dass der Professor diese Angewohnheit aus der Kriegsgefangenschaft in Russland mitgebracht hatte. Die Russen hätten den deutschen Soldaten nämlich absichtlich keine Taschentücher gegeben. Um sie zu demütigen!

Andere, nicht so heilige Kinder hätten jetzt gelacht – ich musste weinen. Nicht wegen der Schnecken, die waren eine echte Plage, und auch nicht, weil es für meine Marienerscheinung eine so irdische Erklärung gab. Meine Trauer wurde durch ein Zeichen ausgelöst, das die Muttergottes mir offenbar im Vorbeischweben hinterlassen hatte. Ich verstand es nicht, und es passte überhaupt nicht zu den Wundern von Lourdes und Fátima. Ich weinte und schämte mich und tastete noch einmal. Es bestand kein Zweifel: die Muttergottes hatte mir ein bisschen was von dem Schleim, der aus den zerschnittenen Schnecken quoll, in meine Unterhose gezaubert.

Sie war meine erste intime Beziehung gewesen. In manchen Momenten hatte ich sie mehr geliebt als meine Mutter, meinen Vater und das Sanostol zusammen. Der Muttergottes hatte ich alles anvertrauen können und sie beschützte mich – immer. Nun war das geheime Band zwischen uns zerschnitten. Mit einer großen, blitzenden Schneiderschere.

2

Meine Oma mütterlicherseits, die wir Gymnastik-Oma nannten, hatte, schon als ich sieben oder acht war, angefangen, mir regelmäßig aus dem Neuen Universum vorzulesen. Weil die Bände eigentlich für die reifere Jugend gedacht waren, hatte ich vieles nicht verstanden, aber dass im Leben berühmter Erfinder die Eltern eine wichtige Rolle spielten, war klar. Sie können sehr arm sein, Hirten zum Beispiel, dann erfinden die Erfinder meistens etwas, was sie reich macht. Oder etwas, was Reichtum überflüssig macht. Erfindereltern können auch früh sterben, dann erfinden ihre Kinder eine Medizin gegen Pocken oder Pest. Oder die Eltern trennen sich und fügen ihrem Kind Leid zu, dann erfindet es vielleicht ein nicht nachweisbares Gift für den Elternmord.

Die Eltern des Erfinders, der den Sex erfinden sollte – also meine –, waren, wie schon erwähnt, Ärzte. Beide. Er Augenarzt, sie praktische Ärztin. Er sah so gut aus, dass sie immer seufzte: »Wenn der Beppo bloß nicht so schön wär, dass ihn mir jede Frau am liebsten wegschnappen würde!« Seine Freunde nannten ihn Italiano. Seine Haare waren sehr schwarz und seine Nase sehr prominent.

Sie besaß dafür ein Honiglächeln und Grübchen und Lachfältchen. Wer sie sah, wollte sie sofort in den Arm nehmen. Sie roch nach Babypuder, er immer ein bisschen modrig.

Mein Vater war stolz darauf, dass er seine Kindheit und Jugend ohne Badezimmer verbracht und sich wie seine Eltern und Schwestern nur einmal pro Woche in einem städtischen Brausen- und Wannenbad gereinigt hatte. Diese Gewohnheit habe er beibehalten, erklärte er, weil er, anders als die meisten Menschen, nicht schwitzte. Nur eben leicht moderte. Aber das traute sich ihm keiner zu sagen.

Vor allem beim Abendessen war mein Vater das unumstrittene Familienoberhaupt. Dann sagte er uns, wie viele Millimeter Corned Beef wir abschneiden durften und welcher seiner drei Söhne neben ihm sitzen sollte. Ich war der älteste und kam grundsätzlich nicht zum Zug. Weshalb, hat mein Vater mir nie erklärt. Vielleicht war er gekränkt, weil ich mir nicht von ihm den Nacken kraulen lassen wollte. Für uns Kinder, fand ich, müsste er sich schon andere Zärtlichkeiten ausdenken als für unsere Schäferhündin Britta. Nie neben dem Vater sitzen zu dürfen, machte mich traurig, obwohl es auch seine guten Seiten hatte. Vor seinem Teller lag nämlich ein Kochlöffel. Den benutzte er nicht zum Kochen und nicht zum Essen. Er schlug damit auch nicht zu, aber oft beinahe. Für meine Brüder war der Kochlöffel ein Drohlöffel. Ich war durch meinen Randplatz außerhalb seiner Reichweite.

Wenn wir Ausflüge machten – meistens zu einer weit entfernten Bauernwirtschaft, weil dort der Schweinebraten eine Mark billiger war –, fuhr er unseren blauen VW 411.

Sie war nur an den Tagen das Familienoberhaupt, an denen sie ihre Migräne hatte. Dann mussten wir im Auto ganz still sein und steuerten eine bessere Wirtschaft an, wo es Wild gab. Meine Mutter bekam zwar feuchte Augen, wenn sie beim Rehgulasch Essen an Bambi denken musste, bestellte es sich aber trotzdem immer wieder. War die Migräne nach dem Genuss einer Wildspezialität nicht verschwunden, besichtigten wir noch eine Kirche und lobten die schönen Fresken und Skulpturen – vor allem die der Muttergottes, wenn es eine gab.

Auf der Rückfahrt redete er gern über die Unfehlbarkeit von unserem Papst, und ich stellte mir vor, wie Paul VI. in der vatikanischen Mannschaft einen Elfer nach dem anderen im gegnerischen Tor versenkte. Mein Vater fand es auch gut, dass der Stellvertreter Christi die Empfängnisverhütung verbot. Er wurde wütend, wenn ich aus Langeweile meinen zweijährigen Bruder Sigi zwickte oder mit meinem Bruder Berti schwätzte, weil wir keine Ahnung hatten, was eine Empfängnis war oder eine Verhütung. Noch wütender wurde er, als ich einmal fragte, ob es auch eine unbefleckte Empfängnisverhütung gab.

Sie sagte, dass man auch moderne Bilder schön finden dürfe, wenn sie nicht unanständig seien, er sagte: »Geh, Traudi, das ist doch wirklich wissenschaftlich erwiesen, dass alle modernen Künstler verrückt sind.«

Wenn bei unserer verfressenen Britta mal wieder ein Knochen quer im Hals steckte und sie sich vor Schmerzen in einen brüllenden Wolf verwandelte, hielt er todesmutig mit einer Hand ihren Unterkiefer fest und griff mit der anderen beherzt in ihren Rachen. Nach solchen Heldentaten nahm er gern unseren Applaus entgegen. Auch Britta bellte jedes Mal dankbar mit. Vom Krieg erzählte mein Vater höchstens in Andeutungen, die unserer Fantasie viel Raum ließen. Berti, der erst zehn war, aber schon ziemlich schlau, und ich waren uneins, ob unser Papa im Krieg genauso heldenhaft gewesen war wie bei unserem Hund. Mein Bruder fand, bei Britta könne er leicht tapfer sein, da er wisse, dass sie in Wirklichkeit lammfromm sei. Bei einem Russen hätte unser Vater es sich sicher zweimal überlegt, ob er ihm ins Maul griff.

Mein Held war er auf jeden Fall – bis ich mich nach meiner missglückten Marienerscheinung allmählich für etwas interessierte, das es bei uns zu Hause nicht gab.

»Wir haben drei Mal zum lieben Gott gebetet, dass er uns Kinder schenkt«, sagte meine Mutter oft, »und drei Mal hat er unser Gebet erhört.« Sie sagte nie: »Dein Papa und ich, wir haben halt so Sachen gemacht, und irgendwann bin ich dick geworden.«

Das Wort Sex kam im Wortschatz unserer Familie gar nicht vor. Einmal belauschte ich ein Gespräch zwischen meinem Vater und meiner Mutter, die sich nach drei Buben dringend noch eine Tochter wünschte. Da sagte mein Vater nicht: »Wir müssen ein viertes Mal beten«, sondern: »Am zu seltenen Beischlaf kann’s ja wohl nicht liegen, Traudi«. Ich versuchte mir vorzustellen, dass Kinder wuchsen, wenn eine Frau sich im Schlaf ganz fest an ihren Mann kuschelte. Ich schaffte es nicht. Aber als Wort gefiel Beischlaf mir gut. Deswegen schrieb ich es in das Heft, in dem ich seit einigen Wochen alle geheimnisvollen Wörter sammelte: unbefleckt und Hingabe, Empfängnis und feien, Unfehlbarkeit und so weiter.

Ich war mir nicht sicher, ob einer sich Erfinder nennen darf, der etwas erfindet, was es außerhalb der ihm bekannten Welt möglicherweise schon gibt.

Dann fragte unser Religionslehrer, Herr Habermann, uns, ob einer, zum Beispiel ein Südseeinsulaner, der noch nie von der Bibel und Jesus gehört hat, ein guter Christ sein könne.

Wie immer in diesem Fach meldete ich mich als Erster.

»Nein, ganz bestimmt nicht.«

»Auch nicht, wenn er trotzdem so lebt, wie Jesus es von uns verlangt hat?«

»Warum sollte er das tun?«

»Weil seine innere Stimme ihm sagt, was gut und was böse ist.«

Herr Habermann erklärte uns, dass man so einen Menschen einen »anonymen Christen« nennen dürfe. Da begriff ich, dass ich ein anonymer Erfinder war. Ich wusste nicht, ob es noch irgendwo anders auf der Welt Menschen gab, die vor Marienerscheinungen Angst hatten und auch sonst so dachten und fühlten wie ich und ähnliche Pläne hatten. Ich machte einfach das, was meine innere Stimme mir sagte. Und erfand den Sex, von dem ich im November 1970 noch nicht einmal das Wort kannte. Sonst hätte es ja in meinem Heft der geheimnisvollen Wörter gestanden.

3

An meiner Schule, einem altsprachlichen Gymnasium, besuchte ich die Klasse 6 A, die letzte mit ausschließlich katholischen Knaben. Die beiden Parallelklassen und der Jahrgang unter uns waren bereits gemischt. Einige ältere Lehrer, vor allem der Biologielehrer mit Schmiss und der einarmige Geschichtslehrer, rieten, uns als Elite zu fühlen, der Rest der Schule bedauerte uns.

Am ersten Tag nach den Herbstferien starteten die Mädchen der unteren Klassen, angeregt durch die Lektüre der in meinem Elternhaus streng verbotenen und deswegen von mir brav ignorierten Zeitschrift Bravo, eine Abstimmung.

Mit welchem Jungen würdest du am liebsten gehen?

Gleich mehrere meiner Klassenkameraden rechneten sich gute Chancen auf den ersten Platz aus. Die geheime Wahl mit Namenslisten zum Ankreuzen zog sich über drei Tage hin, sodass ich genug Zeit hatte, meine Attraktivität im von mir noch kaum benutzten Spiegel zu überprüfen. Meine Nase war zu groß, der Mund leicht schief, die Haare waren seit meiner Trennung von der Muttergottes gewachsen, aber zu ordentlich von rechts nach links gescheitelt, die Segelohren durch jahrelanges, nächtliches Ankleben mit Heftpflaster im Normbereich, die Schultern im Vergleich zum übrigen Körper zu ausgeprägt, der gelbe Rollkragenpulli sah genauso peinlich aus wie die Jeans – ich gehörte zu den wenigen in meiner Klasse, die ausschließlich bei C & A eingekleidet wurden. Ganz nett waren nur meine Augen, fand ich.

Ich verstand zwar nicht, wieso ein normaler Bub drauf scharf sein sollte, mit einem Mädchen zu gehen – ich stellte mir einsame Spaziergänge vor, bei denen ich langweiligen Geschichten zuhören musste. Aber verlieren wollte ich bei der Wahl auch nicht. Meine geheime Hoffnung war ein unauffälliger Platz im Mittelfeld.

Noch bevor das Ergebnis der Abstimmung verkündet wurde, suchte ich Kontakt zu Sanne, der Wahlleiterin.

»Und?«

»Was, und?«

»Vielleicht …«

»Was?«

»Vielleicht magst du es mir ja schon verraten …«

»Was denn, Peter?«

»Auf welchem Platz ich bin, halt.«

Sanne starrte mich an, als hätte sie mich noch nie gesehen.

»Ach, Mist«, sagte sie, »du warst überhaupt nicht auf unserer Vorschlagsliste.«

Sie hatten mich vergessen. Glatt vergessen. Und es war keinem einzigen Mädchen in allen fünften und sechsten Klassen aufgefallen. Nicht mal den hässlichsten.

Als Sanne im Pausenhof die Namen der Buben vom letzten bis zum ersten Platz feierlich vorlas, hörten alle, dass ich nicht dabei war.

Da ging es los.

»Auf welchem Platz bist du denn, Gillitzer? – Auf gar keinem? Heißt das, die Weiber denken, du bist ein Mädchen? Wieso hast du dann nicht mit abstimmen dürfen? Hättest du mit mir gehen wollen, Gillitzer?«

Ich stand reglos da und ließ den Spott über mich ergehen. Mir fiel kein lässiger Spruch ein, und eine Prügelei hätte ich mit Sicherheit verloren. Die meisten meiner Mitschüler waren in den letzten Monaten ein ganzes Stück gewachsen, nur ich nicht. Als Thomas aus der letzten Bank mich »Petra« nannte und mich unter dem Gejohle der anderen zu küssen versuchte, traf ich einen Entschluss: ab sofort wollte ich auffällig werden – auch außerhalb des Religionsunterrichts.

Im Haus meiner Eltern gab es einen Kellerraum, den wir Arzneimittelkeller nannten. Alle Zimmer hatten bei uns Namen, was sie fast zu Lebewesen werden ließ. Es gab freundliche, abweisende, einladende und verbotene Zimmer. Dazu gehörte der zwischen Vorrats- und Hobbykeller gelegene Arzneimittelkeller. Eigentlich sollte er immer abgeschlossen sein, aber meine Mutter vergaß das regelmäßig, weil sie gestresst war. In den drei Wände bedeckenden Regalen verstauten meine Eltern die Wein-, Sekt- und Schnapsflaschen, die Patienten in die Praxis brachten, weil sie hofften, dann weniger lang warten zu müssen. Dazwischen lagerten, nach Krankheiten sortiert, die sogenannten Ärztemuster, die uns der Postbote täglich brachte. Gleich neben der Abteilung Erkältungen/Grippe gab es ein staubiges Eck mit Medikamenten für Psychische Erkrankungen. Sie hießen zum Beispiel Tavor oder Haldol. Ich wusste, dass es auf der Welt viele Irre gab, einigermaßen harmlose wie den alten Schäfer und teuflisch gefährliche wie Hitler, bei dem ich immer Angst hatte, er könnte doch noch leben. Ich wusste nicht, wer besser welche Arznei bekommen hätte. Deswegen ließ ich eine größere Auswahl an Tablettenröllchen, Fläschchen und Packungen in meinem Schulranzen verschwinden. Trotz eingehender Gewissenserforschung fühlte ich mich nicht als Sünder. Erstens war es unwahrscheinlich, dass ausgerechnet jetzt ein Mitglied unserer Familie psychisch krank wurde und behandelt werden musste. Zweitens lieh ich die Medikamente ja nur aus.

Der Flur zwischen Heizungs- und Vorratskeller war mein Probenraum. Ich übte mit geschultertem Schulranzen das natürliche Stolpern. Ich ging ein paar Schritte, blieb an einer imaginären Wurzel hängen, verlor das Gleichgewicht, ruderte mit den Armen, zog mit einem Ruck meine breiten Schultern hoch und schleuderte den Inhalt meines offenen Schulranzens über den Kopf. Ich trainierte stundenlang, bis mir der perfekte Wurf gelang, mit Pervitin und Ritalin auf dem Lateinbuch.

Henriette Kurz, die alle Hetti nannten, war in der 6 B. Mein und ihr Vater waren Todfeinde, trotzdem hatte ich sie ausgesucht. Sie war nämlich ebenfalls ein Arztkind, und damit bestand eine gute Chance, dass sie wenigstens eine der Arzneien und ihre Bestimmung kannte. Ich wusste, aus welchem Schulbus Hetti stieg – fast immer als Letzte – und dass sie grundsätzlich links an der alten Kastanie vor dem Schulhaus vorbeiging.

Hetti blickte sich zweimal verunsichert um, als sie merkte, dass ich ihr folgte. Beim dritten Mal lächelte sie einladend, was mir beinahe so rätselhaft vorkam wie das Wort Empfängnisverhütung. Ich ging aber erst schneller, als sie hinter dem dicken Stamm der Kastanie verschwand.

Mein Stolpern war perfekt. Der Schleuderwurf über den Kopf ebenfalls. Allerdings hatte es nachts geregnet und meine Schulbücher landeten in einer Pfütze. Aber das war egal. Wichtig war, dass Hetti die Aufschrift auf dem braunen Fläschchen erkannte, das zwischen Tablettenschachteln und Büchern schwamm.

»Cannabis?«, sagte sie.

»Cannabis indica, um genau zu sein.«

Sie starrte mich entsetzt an.

»Heißt das, du bist ein Hascher?«

Mir wäre es lieber gewesen, sie hätte mich für verrückt und gefährlich gehalten, aber ein zweiter Wurf wäre unglaubwürdig gewesen. Es gab kein Zurück mehr. Ich setzte das Gesicht auf, das ich lange geübt hatte. Mein Vorbild war ein Bild mit dem Titel »Der arme Sünder schaut das Fegefeuer«, das bei meiner Gymnastik-Oma hing. Nachdem ich im Rahmen meiner Vorbereitung auch dem Sanostol abgeschworen hatte, waren meine Augenringe zurückgekehrt und verstärkten den Eindruck.

Hetti schrie: »Mein Gott, Peter« und riss mich in ihre Arme. Sie atmete sehr schnell und laut und flüsterte: »Oh, wie schlimm. Ich verrat’ keinem was. Ich schwör’s!«

Weil mein Ohr von ihrer nassen Aussprache feucht wurde, schob ich sie von mir weg.

»Du kannst mich gern verraten.«

»Nein, auf keinen Fall.«

»Doch, mach ruhig!«

Mein Plan war es ja, dass Hetti meine Botschafterin wurde und allen erzählte, in welcher Gefahr ich schwebte, damit ich die Zone der Unauffälligkeit für immer verlassen konnte. Und nie mehr bei der Wahl zum Buben, mit dem Mädchen gern gehen wollten, übersehen wurde.

Dann tat Hetti etwas, womit ich nicht gerechnet hatte. Sie stopfte eilig meine Medikamente in ihren Schulranzen und stürzte davon.

Am Schultor drehte sie sich noch mal um.

»Ich werde dich retten, Peter.«

»Bitte nicht«, murmelte ich und musste an die Muttergottes denken, die mir unbedingt hatte erscheinen wollen.

Leider war Hetti nicht nur verschwiegen, sondern auch sehr hartnäckig. Nach dem Vorfall an der Kastanie und der Beschlagnahmung meiner Medikamente steckte sie mir täglich kleine Zettel zu, die mich retten sollten. Auf ihnen stand zum Beispiel: Mens sana in corpore sano oder Frisch, fromm, fröhlich, frei oder Es ist so mit Tabak und Rum. Erst ist man froh, dann fällt man um.

Diese Sprüche hatte Hetti, wie ich später erfuhr, von ihrem Großvater, dem im Krieg wegen eines Granatenbeschusses beide Trommelfelle zerplatzt waren. Deswegen redete er immer zu laut, konnte aber immerhin perfekt Lippen lesen.

Wenn ich meiner selbst ernannten Retterin im Schulhaus über den Weg lief, tat ich so, als würde ich sie nicht kennen. Das stachelte Hetti erst richtig an. Plötzlich war sie nicht mehr die Letzte, die aus dem Schulbus stieg, sondern die Erste und stellte sich mir an der Kastanie in den Weg. Sie reichte mir mit ernster Miene Birnen oder Äpfel oder Nüsse und sagte: »Auch gut und kein Hasch.«

Obwohl sie das immer nur flüsterte, bekam ein Schüler aus der Fünften etwas mit und verbreitete das Gerücht, an der Kastanie würde mit Rauschgift gehandelt. Hetti wollte selbstverständlich keine Drogenhändlerin sein und änderte ihre Strategie. Sie schickte mir anonyme Briefe mit kleinen Zeichnungen. Sie zeigten immer dasselbe magere Männlein mit schnurgeradem Seitenscheitel und übertrieben breiten Schultern. Manchmal erbrach das Männlein sich, manchmal war es schon tot. Darunter stand zum Beispiel: Wehe, wehe, wehe! Wenn ich auf das Ende sehe!

Meine Eltern hatten das Fehlen der Medikamente noch nicht bemerkt, und ich fing in meiner Not doch wieder zu beten an.

»Bitte, heilige Maria Muttergottes, mach, dass Mama und

Papa und Berti und Sigi nicht psychisch krank werden, und Hetti mich nicht mehr retten will!«

Dass sie mich nicht erhörte, begriff ich, als mein Vater mich beim Abendessen mit der Frage überraschte, was der Satz Die Drogen werden dich töten, Peter! zu bedeuten habe. Meine Mutter hatte aus Versehen einen von Hettis Briefen geöffnet.

»Was für Drogen denn?«, sagte Berti, und Sigi krähte wie meistens: »Ich auch!«

Während ich verzweifelt nach einer rettenden Erklärung suchte, begann mein Vater mit dem Kochlöffel auf den Tisch zu klopfen. Sehr langsam und sehr regelmäßig.

Ich hätte sagen können, dass ich viel zu jung für Rauschgift war, oder dass der anonyme Brief von einem fiesen Klassenkameraden stamme, der mir eins auswischen wolle. Aber es gab das 8. Gebot in der Kinderbibel, das Du sollst nicht lügen hieß. Obwohl die Muttergottes und ich uns getrennt hatten, war ich ja nach wie vor sehr fromm. Vielleicht nicht mehr ganz so fromm wie Bernadette, aber doch fast.

Deswegen sagte ich: »Die mir das geschrieben hat, meint, ich wär ein Hascher.«

»Den Merkur, Traudi!«, sagte mein Vater. »Die ganze letzte Woche.«

Während meine Mutter in den Keller eilte, wo wir die alten Zeitungen aufhoben, klopfte mein Vater weiter.

»Von wem kriegst du das Rauschgift? Wer ist der Dealer?«

Er sagte »De-aler«, weil er Englisch gern so aussprach, wie man es schrieb.

»Ich weiß nicht, was ein De-aler ist, Papa.«

»Du wirst auch noch frech!«

Er holte mit dem Kochlöffel aus, meine Brüder gingen in Deckung.

Da kehrte zum Glück meine Mutter mit einem Packen Zeitungen zurück.

Mein Vater war ein gewissenhafter Leser und fand sofort, was er suchte.

»Neunjährige stirbt an einer Überdosis Marihuana. Eine Neunjährige! In Böblingen!«

»Schrecklich. Allein, wenn ich an die Eltern denke«, sagte meine Mutter.

»Die Eltern«, raunzte mein Vater. »Sind doch keine Eltern, wenn sie so was nicht von Anfang an unterbinden.«

Er griff zur Wochenendausgabe seiner Hauszeitung.

»Hier, das habe ich gesucht: Haschisch, bald die beliebteste Droge unter deutschen Volksschülern?«

»Schrecklich«, sagte meine Mutter wieder, und mein Vater stand auf.

»Ich will jetzt sofort wissen, wer dich verführt hat, Peter?«

Ich weiß nicht, warum ich Hetti nannte. Ich wollte nicht lügen, aber angesichts des Kochlöffels hatte ich nicht den Mut, mich zur Lücke im Arzneimittelkeller zu bekennen.

Es rutschte mir einfach so raus.

»Hetti sagen sie zur Tochter vom Kurz«, warf meine Mutter ein.

»Vom roten Kurz?«, sagte mein Vater. Nein, er schrie es, und beim Namen Kurz machte seine Stimme einen gefährlichen Sprung nach oben.

Meine Mutter nickte so schuldbewusst, als wäre sie die Dealerin. Oder die eineiige Zwillingsschwester vom roten Kurz.

»Die Tochter von diesem Menschen treibt unseren Sohn in die Rauschgiftsucht?«

»Ich glaub nicht, dass ich schon süchtig bin, Papa.«

Aber das interessierte ihn nicht. Sein Kollege Kurz, ein Internist, war, bevor er ein Roter wurde, einer seiner besten Freunde gewesen. Dann hatten sie sich furchtbar wegen Willy Brandt gestritten, den mein Vater immer Herbert Frahm oder einfach den Deserteur nannte, und danach hatten sie nie mehr ein Wort miteinander geredet.

Meine Mutter schlug vor, dass er Hettis Vater anrief, um die Sache mit ihm zu besprechen. Aber mein Vater war nicht der Typ, der sich wegen einem rauschgiftsüchtigen Sohn versöhnte. Abgesehen davon telefonierte er nie. Er hatte eine unüberwindliche Abneigung gegen unser schwarzes Bakelit-Telefon, war aber gleichzeitig magisch von ihm angezogen. Wenn es klingelte, rannte er in den Flur zum Apparat, blieb daneben stehen und rief: »Traudi, Telefon! Telefon! Jetzt beeil dich schon! Gertraud!«

Meine Mutter antwortete immer mit: »Dr. Gillitzer, grüß Gott.« Bevor sie fragen konnte, mit wem sie sprach, flüsterte er schon aufgeregt: »Wer? Wer ist dran?« Dann deckte sie die Sprechmuschel ab und sagte den Namen. Und er sagte, egal, wer es war: »Ich bin nicht da.«

Eigentlich hätte auch meine Mutter, die eine entspannte Beziehung zum Telefon pflegte, Dr. Kurz anrufen können, aber mein Vater traute ihr nicht zu, ein Problem mit einem Roten zu klären. Er hielt sie für politisch anfällig und bestellte deswegen immer Briefwahlunterlagen, um für sie abzustimmen. Sie protestierte zwar, das sei nicht demokratisch, aber er erklärte, an der Demokratie sei bekanntlich auch nicht alles perfekt. Er persönlich würde zum Beispiel halbe, Drittel- und Viertelstimmen für politisch weniger Informierte einführen.

»Aha, und wie viel Stimme würdest du mir zugestehen?«

Auf diese Frage bekam meine Mutter nie eine Antwort.

Dr. Kurz wurde also nicht angerufen, und mein Vater setzte sich wieder. Er legte den Kochlöffel vor seinen Teller und presste beim Nachdenken die Lippen so zusammen, dass sie blau wurden. Er konnte es auf keinen Fall zulassen, dass sein Sohn weiter vergiftet wurde, schon gar nicht vom politischen Gegner.

»Wir stecken ihn ins Internat.«

»Was? Er ist noch keine zwölf!«, rief meine Mutter.

»Wie sie mich in den Krieg geschickt haben, war ich auch erst neunzehn.«

Sie fand das keinen guten Vergleich. Ich sagte nichts, weil ich mir sicher war, dass er bluffte. Ich hatte gehört, dass Internate eine Menge kosteten. Ein Vater, der das Corned Beef so streng rationierte, würde sein Geld nie für die Kindererziehung verschwenden.

4

Die Mutter meiner Mutter hieß Gymnastik-Oma, weil sie uns Kinder bei jedem Besuch mit der Frage empfing, ob wir auch brav unsere Leibesübungen machten. Sie selbst sei nur deswegen noch so beweglich, weil sie den Tag immer mit Gymnastik beginne. Allerdings hatten wir sie nie turnen sehen, und auch unsere Mutter war sich nicht sicher, ob sie je Sport gemacht hatte.

»Freilich, Oma, kein Tag ohne Gymnastik«, sagten Berti und ich und bekamen jeder eine Tafel harte Vollmilchschokolade.

»Ich auch«, sagte Sigi. Sie gab ihm einen Lutscher, weil seine Zähne noch wackelig waren.

Mein Vater mochte seine Schwiegermutter nicht, und sie war froh, dass er sich nach dem Sonntagsbraten bei ihr schnell in einen Lehnstuhl zurückzog und einschlief.

»Das Problem mit den beiden hat schon angefangen, als dein Vater um meine Hand angehalten hat«, verriet meine Mutter mir einmal.

»Da hat der Beppo gedacht, er muss besonders lustig sein, und deine Oma hat ja leider keinen besonders ausgeprägten Humor.«

Dafür konnte sie spannende Geschichten über ihre Familie erzählen.

An diesem Sonntag schlief mein Vater nicht und fragte die Gymnastik-Oma über St. Ottilien aus. Dort nämlich war ihr vor drei Jahren verstorbener Mann, mein Opa Hammerl, einst Internatsschüler gewesen.

»Eine ganz fabelhafte Schule«, sagte sie. »Und die Rettung für meinen Josef. Er ist ja aus so einfachen Verhältnissen gekommen. Seine Leute haben nur eine Kuh, eine Ziege und drei Hühner besessen. Im Winter hat die ganze Familie in den Stall umziehen müssen, weil es der einzige warme Ort in ihrer Bruchbude war.«

»Mama, jetzt übertreibst du aber!«, griff meine Mutter ein.

»Wenn ich’s dir sage: der Josef wäre garantiert verhungert, weil das Essen für den Jüngsten von zwölf Kindern nicht gereicht hätte.«

»Von acht«, sagte meine Mutter.

»Wäre da nicht der Pfarrer von Engelschalling gewesen. Der hat gemerkt, wie blitzgescheit der kleine Seppi war.«

»Er hätte Pfarrer werden sollen, hast du mal erzählt«, sagte mein Vater.

»Missionar. Aber das war nicht seine Bestimmung. Weil er der geborene Lehrer war.«

Meine Oma betonte noch einmal, wie arm die Hammerls gewesen waren, wie sie überhaupt gern etwas zweimal sagte. Das war ihr deswegen so wichtig, weil sie selbst aus »besserem Hause« stammte. Ihr Vater hatte eine Gerberei besessen, und Gerber waren, auch wenn es bei ihnen schlimmer als im schmutzigsten Stall roch, angesehene Leute. Die Bayern mussten schließlich mit Lederhosen versorgt werden.

»Ohne Schuhe, den ganzen Weg von Engelschalling aus! Hundertfünfzig Kilometer! Mutterseelenallein!«, rief meine Oma und schlug die Hand vor den Mund, als wäre mein Opa gerade erst barfuß in St. Ottilien angekommen.

»Weißt du, ob die Pädagogik dort noch die alte ist?«, erkundigte sich mein Vater.

»Ganz bestimmt«, sagte meine Oma. »Die Mönche legen ja großen Wert auf die Tradition.«

Als er ihr verriet, dass er darüber nachdächte, mich ebenfalls nach St. Ottilien zu schicken, erklärte sie, sie habe immer schon davon geträumt, dass einer ihrer Enkel Missionar würde.

»Dann bin ich ja ganz allein«, protestierte Berti.

Ich wartete darauf, dass Sigi »ich auch« sagte, aber der hatte sich mit einem geklauten Lutscher unter den Tisch verzogen.

»Aber«, sagte meine Mutter, »so jung darf man doch kein Kind aus dem Nest stoßen.«

»Alt wird er von selber«, sagte mein Vater.

Ich war mir sicher, dass er nur Theater spielte, damit ich vom Rauschgift abließ. Seine Sparsamkeit würde mich auf jeden Fall vor dem Internat beschützen.

Doch dann erwähnte er den Bundesbruder. So hießen die Mitglieder seiner Studentenverbindung Unitas, die, wie er stets versicherte, »nichtschlagend, nicht farbentragend und selbstverständlich katholisch« war.

»Ich habe einen in St. Ottilien.«

Das änderte alles. Die Bundesbrüder machten Dinge möglich, die eigentlich unmöglich waren. Wahrscheinlich konnten sie sogar dafür sorgen, dass er einen teuren Internatsplatz zum Schnäppchenpreis bekam.

Ich war verloren.

5

»Mein Vater«, sagte meine Mutter zu dem Pater, der ein Bundesbruder war, »ist auch hier gewesen.«

Sie zeigte auf den neugotischen Kirchturm von St. Ottilien, meinte aber das angrenzende Internat.

»Tatsächlich? Wie schön!«

»Hammerl hat er geheißen.«

»Hammerl?«

Ich weiß nicht, ob der Pater deswegen schmunzelte oder ihm dieser Ausdruck von Haus aus ins Gesicht geschnitzt war.

»Wir können gern später im Schülerarchiv nachschauen, wie er sich bei uns gemacht hat.«

Er zwinkerte mir zu, als wollte er sagen, dass meine Enkel da später auch mal was über mich lesen könnten.

»Aber jetzt schauen wir uns erst mal ein bisschen um, damit der Peter sieht, ob unser Laden was für ihn ist.«

Ich fand es gemein, dass er so tat, als wäre es meine Entscheidung, ob ich ins Internat kam oder nicht.

»Als Erstes gehen wir in unser Missionsmuseum. Weil, das ist wirklich unser Schmankerl.«

Ich hatte es während der ganzen Fahrt geschafft, meine Gefühle unter Kontrolle zu halten und so zu tun, als wäre der Besuch in St. Ottilien ein harmloser Familienausflug. Bei dieser Strategie wollte ich auch bleiben. Weder meine Eltern noch der Pater sollten erkennen, ob ich mich mit einer Zukunft als Internatsschüler bereits abgefunden oder einen Rettungsplan entwickelt hatte.

Das Missionsmuseum war alles andere als ein Schmankerl, wenn man Schmankerl wie Kaiserschmarrn oder Zwetschgendatschi zum Maßstab nahm. Es gab ausgestopfte Tiere aus Afrika mit Glasaugen, die man im Tierpark Hellabrunn lebendig sehen konnte oder in Ein Platz für Tiere von Bernhard Grzimek. Es gab Schmuck, Waffen und Masken. Aber die vergaß ich gleich wieder, als ich das Foto einer Gruppe von Missionaren entdeckte. Sie starrten erschrocken in die Kamera, als wüssten sie schon, dass sie bald nach der Aufnahme aufgehängt werden oder in einem koreanischen Lager am Hungertod sterben sollten. Das stand auf einer Tafel neben dem Foto.

»Natürlich wieder die Kommunisten«, sagte mein Vater.

Der Pater schmunzelte. Es war also sein Gesicht, nicht der Name Hammerl.

Ich hatte mich noch nicht von den ermordeten Missionaren erholt, da stand ich vor Hunderten aufgespießter Schmetterlinge. Einer, über dessen weiße Flügel sich ein zartes, blaues Band spannte, sah in Klein exakt so aus, wie ich mir die Muttergottes von Lourdes in Groß vorgestellt hatte. In diesem Moment wurde mir klar, dass ich, falls ich wirklich Internatsschüler in St. Ottilien mit dem Berufsziel Missionar werden sollte, wieder mit einer Marienerscheinung zu rechnen hatte.

Ich sank, wie ich es im Kellerflur lange geübt hatte, leblos zu Boden. Meine Mutter stürzte mit einem Aufschrei zu mir.

»Peter, was ist los? Was hast du denn?«

Ich riss die Augen auf und tat so, als könnte ich nicht reden. Meine Mutter nahm mich in die Arme, mein Vater klopfte mir auf die Backen und tastete nach meinem Puls. Ich schluckte, holte tief Luft, schluckte noch einmal und flüsterte: »Ich … ich lauf weg.«

»Was sagt er, Gertraud?«

»Er …«

»Wenn ich ins Internat komme …«

»Jetzt red doch mal so laut, dass man dich hört!«

»Er sagt …«

Ich unterbrach meine Mutter und sagte es selbst.

»Wenn ich ins Internat komme, laufe ich weg. Und wenn sie mich einfangen, laufe ich noch mal weg. Immer wieder.«

Ich war so gerührt von mir selbst, dass ich zu schluchzen anfing.

»Und wohin willst du laufen?«, knurrte mein Vater.

»Ja, zu euch.«

Ich konnte sehen, dass in den Augenwinkeln meiner Mutter Tränen schimmerten. Als ich mir das mit dem Heimlaufen ausgedacht hatte, wusste ich, dass sie an dieser Stelle weinen würde.

»Du fällst doch nicht auf das Theater rein?«, sagte mein Vater. Meine Mutter warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu und fragte mich, was sie für mich tun könne, damit es mir wieder besser ging.

»Mich nach Hause bringen«, hauchte ich.

»Du schaust dir jetzt das Internat an, Herrschaftszeiten!«, sagte mein Vater. »Wir sind nicht zur Gaudi hergefahren.«

»Dann Kaba«, sagte ich.

So gelang mir wenigstens die Befreiung aus dem Schmankerl-Museum. Kaba gab es laut dem Pater im Speisesaal des Internats. Der Kaba war aber kein Nesquik wie bei uns zu Hause, sondern Ovomaltine. Ich ließ den Becher nach einem Schluck stehen.

Mein Vater hasste es, wenn wir nicht aufaßen oder austranken, aber diesmal beherrschte er sich.

Als der Pater mir den Schlafsaal zeigte, sagte er: »Zu uns kommen immer wieder Zöglinge, die am Anfang furchtbar Heimweh haben, aber nach ein paar Wochen wollen sie gar nicht mehr weg.«

In einem Bett lag so ein Zögling. Er hatte einen roten Kopf und wimmerte. Wenn ich Fieber hatte, saß meine Mama bei mir oder machte mir Wadenwickel. Der Zögling war allein.

Ich überlegte kurz, ob ich jetzt schon den Asthmaanfall, den ich ebenfalls geprobt hatte, bekommen sollte. Ich hatte kein Asthma, deswegen musste mein erster Anfall sehr überzeugend sein. Ich holte tief Luft, da kündigte der Pater schon die nächste Station an, den Fußballplatz. Mir war klar, dass er mich damit nach dem Reinfall im Missionsmuseum ködern wollte. Alle Buben, außer den dicken, die nicht ins Tor wollten, spielten gern Fußball. Aber unser Bolzplatz direkt hinterm Haus war besser als alle Fußballplätze der Welt – wenn die Schafe ihn nicht gerade zugeschissen hatten.

»Ich möchte lieber erst ins Archiv, nach meinem Opa Hammerl schauen.«

Die Schülerakten lagerten im Dachboden, den wir über eine schmale Hintertreppe erreichten. Weil hier auch Tauben nisteten, waren die Schränke mit den Dokumenten und ein Lesetisch mit Bettlaken abgedeckt. Meine Mutter wusste, dass ihr Vater im Jahr 1887 geboren war, zehn Jahre später musste er in St. Ottilien angekommen sein.

»Barfuß angeblich«, sagte sie.

»Dann war er ja bei den allerersten Zöglingen hier«, sagte der Pater und zog ein Tuch weg. Staub flog auf, getrocknete Taubenscheiße rieselte auf den Boden. Er musste länger suchen, mein Vater schaute schon auf die Uhr. Er war es gewohnt, pünktlich um 13.00 Uhr am Mittagstisch zu sitzen, und hatte eine Empfehlung für eine Wirtschaft mit besonders günstigem Schweinebraten.

»Hammerl Josef«, sagte der Pater endlich, »geboren in Engelschalling.«

»Das ist er.« Die Stimme meiner Mutter zitterte leicht.

Der Pater breitete die Zeugnisse auf dem Tisch aus. Ich sah nur Einser und Zweier. Wahrscheinlich hat es damals nur zwei Noten gegeben, dachte ich.

»Seltsam, sein Abiturzeugnis fehlt, aber da ist ja der Schülerbogen.«

Ich konnte die Schrift nicht entziffern, aber meine Mutter las mir vor, dass mein Großvater strebsam, artig und sehr fromm gewesen war. Und, dass ihm der Unterricht an der Querflöte viel Freude bereitet hatte.

»Merkwürdig«, sagte der Pater, »wieso hat er die Schule denn so kurz vor dem Abitur verlassen?«

»Heißt das Unzucht?«, sagte mein Vater und deutete auf ein Wort.

Meine Mutter schlug die Hand vor den Mund, der Pater klappte den Schülerbogen schnell zu, und mein Vater verbesserte sich.

»Blödsinn, Unfall. Ja, er hat einen Unfall gehabt.«

»Richtig!«, rief meine Mutter. »Daran erinnere ich mich dunkel.«

»Ja, das hat er erzählt, als ich zum ersten Mal bei euch zu Besuch war. Der Unfall bei der Apfelernte. Wie er von der Leiter gefallen ist.«

»Gott, der Arme«, sagte der Pater.

Die drei schauten zu mir, ob die Geschichte gewirkt hatte. Um sie zu beruhigen, sagte ich auch: »Der Arme.«

Unzucht