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Frankenberg Anfang des 16. Jahrhunderts. Die Handwerkertochter Elisabeth Kanngießer wird von ihrem Vater streng erzogen und wünscht sich nichts sehnlicher, als frei über ihr Leben bestimmen zu können. Ihre Zwillingsschwester, die bei einem Bauernehepaar aufwächst hat diese Freiheiten. ALs Elisabeth 18 wird und erbt, versucht ihr Bruder, der auch ihr Vormund ist, ihr das Erbe abzunehmen. Als ihre Schwester wegen einer Verwechslung mit ihr überfallen wird, fliehen die beiden zusammen aus Frankenberg und müssen sich entscheiden, wie viel Freiheit sie brauchen und wie viel Abhängigkeit - und damit auch Sicherheit - notwendig ist. Elisabeths Bruder Gunther, Erbe der florierenden Schmiede und Rechtsanwalt, ist nach dem Tod des Vaters nicht nur Vormund von Elisabeth, sondern auch für die Zunftkasse der Schmiede verantwortlich, mit der das Rathaus der Stadt wieder aufgebaut werden soll. Unglückliche Spekulationen haben nicht nur sein Privatvermögen und Elisabeths Mitgift aufgebraucht, sondern auch die Kasse der Schmiedezunft geleert. Er muss es schaffen, Elisabeth trotz fehlender Mitgift zu verheiraten und das Geld wieder zu beschaffen, sonst ist sein Ruf in der Stadt vernichtet und es droht die Versteigerung seines Hauses und der Schmiede, und damit der Ruin der ganzen Familie.
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Seitenzahl: 283
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Vorwort
Teil I
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Teil II
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Teil III
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Epilog
Willkommen im 15. Jahrhundert in Frankenberg an der Eder. Ich möchte Sie mitnehmen in eine kleine Stadt nach Nordhessen, die die ihre große Blütezeit bereits hinter sich hat.
Einst eine wichtige Handelsstadt, an der Kaufleute gerne haltmachten und die berühmt für ihren großen Markt war, konnte sie, nachdem sie nahezu vollständig abgebrannt war, nie wieder an ihren Ruhm anknüpfen. Aber das Leben geht immer weiter, auch wenn sich die Umstände ändern und so bauten die Frankenberger ihre Stadt nach und nach wieder auf.
Dem einen oder anderen Leser kommt es vielleicht komisch vor, dass in meinem Roman keine Kaufleute und keine Adeligen vorkommen, die doch sonst die historischen Romane zieren. Aber Frankenberg war in der Zeit, zu der der Roman spielt, eine Handwerkerstadt. Eine mögliche Erklärung wäre folgende:
Einige empörte Bürger wendeten sich 1373 gegen den damaligen Herren von Frankenberg Hermann von Treffurt. Offensichtlich gelangten sie zu keiner Einigung, denn letztendlich brannten sie die Burg– den Wohnsitz des damaligen Herrn– ab. Der Hausherr war nicht zu Hause, deshalb entstand nur der Schaden an der Burg, die auch nie wieder aufgebaut wurde. Zu der Zeit meiner Romanfiguren standen nur noch einige Ruinen.
Nun fehlte im 16.Jahrhundert dem Landgrafen die Wohnung in Frankenberg, und so hat er sich mit seinem Gefolge in das Wolkersdorfer Jagdschloss zurückgezogen, wo eher weniger intensiv regiert wurde.
Seine Mannen befanden sich ebenfalls bei ihm, so dass die Stadt Frankenberg ohne nennenswerte Adelige war.
Nachdem die Altstadt Frankenberg 1476 nicht mehr stand, wanderten die ansässigen Kaufleute wanderten, oder verarmten. Übrig blieben die Handwerker und der Klerus.
Die Handwerker hatten vor der Stadt auch Felder und innerhalb der Stadt, an der Stadtmauer, ihre Scheunen. In der Stadt war Viehhaltung völlig normal.
Die Wichtigkeit der Handwerker zeigt sich heute noch im alten Rathaus, um dessen Bau es in diesem Roman geht. Es wurde tatsächlich von den Zünften der Stadt gebaut und bezahlt, wie man an den Zeichen, die in der Rathausschirrn angebracht sind, sehen kann.
Draußen war es bereits dunkel und ein heftiges Gewitter tobte über der Stadt Frankenberg an diesem Abend im Jahre des Herrn 1487.
Doch nicht nur Donner und Blitz ließen den kleinen Gunther erzittern. Immer wieder drangen Schreie aus dem Haus zu ihm herüber in sein Versteck in Vaters Schmiede, einem kleinen Verschlag, der nicht mehr genutzt wurde. Er hielt sich vor Angst die Ohren zu und Tränen liefen über seine Wangen.
Seine Hose und das Hemd waren schmutzig und nass vom Regen. Die langen, dunklen Haare hingen ihm wirr um den Kopf, die blauen Augen waren verquollen, und seine spitze Nase ganz rot vom vielen Weinen.
Wieder gellte ein Schrei aus dem Haus. Seine Mutter lag schon seit dem Nachmittag im Bett und schrie. Er sollte ein Geschwisterchen bekommen. Doch er wollte keins, nicht, wenn Mutter so schreien musste. Letztes Jahr hatte sie schon mal eins bekommen. Stundenlang hatte sie gelitten und dann war es tot gewesen.
Viele Tage hatte sie im Bett gelegen und er musste ganz leise sein und durfte nicht zu ihr. Nein, nie mehr wollte er ein Geschwisterchen. Er hasste Geschwister.
Am Nachmittag war Gertrud, die alte Hebamme, gekommen. Gunther hatte sich hinter Hanne, der Magd versteckt, weil die Hebamme ihm mit ihrer buckligen Gestalt und ihrer herrischen Art Angst eingejagt hatte. Sie war dick, trug einen langen, schwarzen Umhang und stützte sich auf einen knorrigen Stock.
Vermutlich verprügelte sie mit diesem Stock jeden, der ihr nicht gehorchte. Besonders kleine Jungen.
Sein Vater hatte sich mit den Schmiedegesellen und Lehrlingen ins Wirtshaus begeben, um dort zu warten, bis es vorbei war. Gunther sollte bei Hanne bleiben, aber er hielt es im Haus nicht aus.
Der Junge nahm die Hände von den Ohren. Durch den Sturm hörte er, wie Hanne nach ihm rief, aber er rührte sich nicht vom Fleck.
Seufzend schloss Hanne die Türe. Sie hatte keine Zeit, Gunther zu suchen. Die Geburt ging nicht recht voran und sie musste ständig Wasser heiß machen. Der Herrin mussten zur Entspannung heiße Tücher auf den Bauch gelegt werden und die Hebamme verlangte ständig nach frischem Tee, von dem die Gebärende dann doch nur wenige Schlucke trank.
Auch musste die Öllampe neben dem Bett immer wieder nachgefüllt werden, damit sie so hell wie möglich brennen konnte. Nein, Gunther konnte sie jetzt nicht auch noch suchen. Der Lümmel hatte sich wahrscheinlich wieder irgendwo versteckt.
Keuchend schleppte sie den heißen Wasserkessel die schmale Stiege hoch ins Schlafzimmer ihrer Herrin. Schon vor der Tür hörte sie ihr Stöhnen. Hanne trat ein und setzte den Kessel ab.
Der schale Geruch nach Angst und Schweiß schlug ihr entgegen. Die Luft in der kleinen Kammer war verbraucht und heiß, weil die Öllampe schon so lange brannte.
Hanne ging zum Fenster, um es zu öffnen, aber die Hebamme Gertrud hielt sie barsch zurück. „Willst du die Dämonen anlocken? Bei dem Gewitter streifen sie durch die Stadt und warten nur auf eine solche Gelegenheit. Außerdem tut die kalte, feuchte Luft deiner Herrin nicht gut.“
Ein Blitz leuchtete ins Zimmer und der Donner ließ die Scheiben erbeben. Hanne trat vom Fenster zurück. Die Kammer war klein. Nur das große Bett und die Truhe daneben hatten hier Platz. Hildegard Kanngießer versuchte, sich auf dem Bett etwas aufzurichten. „Gertrud“, flüsterte sie angestrengt, „wir müssen verhindern, dass das Kind ein körperliches Leiden bekommt:“
„Verhindern?“, kam die Antwort, „Verhindern können wir es nicht, nur beten und die Umstände günstig beeinflussen. Schaut, die Axt liegt hier im Bett mit dem hellen Licht zusammen hält es die Dämonen fern. So können sie Eurem Kind nichts antun.“
„Mehr!“, keuchte Hildegard, „Wir müssen mehr tun.“
Sorgenvoll betrachtete die Hebamme die vor Schmerz angespannte Frau. Hildegard war schon in ihren guten Zeiten keine Schönheit, aber jetzt war ihr Gesicht blass und eingefallen. Von der Totgeburt im letzten Jahr hatte sie sich noch nicht richtig erholt und diese Geburt war viel zu anstrengend für die schmale, kleine Person.
Ihre Augen wirkten riesig in dem von schweißnassem Haar umrahmten Gesicht.
„Ihr macht euch Sorgen wegen Eures Sohnes?“ Gertrud nahm die Hand der Schwangeren, als die mit zusammengebissenen Zähnen zu ihr aufsah.
„Seine Hand war von Anfang an verkrüppelt und er kann sie nicht richtig gebrauchen.“ Sie stöhnte und preßte die Zähne zusammen. Gertrud wischte ihr mit einem feuchten Tuch die Stirn ab. Sie sprach nicht weiter, es ging nicht. Aber Gertrud wußte auch so Bescheid.
Wenn es auch nur die linke Hand des Jungen war, so war er nicht geschickt genug, um in der Schmiede zu arbeiten. Ihr Mann brauchte aber einen Nachfolger.
Die nächste Wehe kam. Ein Schrei, sie bog den Rükken durch und sackte am Ende der Wehe wieder in sich zusammen. „Kannst du etwas tun?“
„Ja, gleich. Zunächst will ich es Euch etwas leichter machen.“
An Hanne gewandt befahl Gertrud: „Misch Kümmel, Melisse und Kamille und brüh ihr damit einen Tee auf.
Und bring eine aufgeschnittene Zwiebel mit.“
Als Hanne verschwunden war, fragte sie: „Habt Ihr einen Smaragd? Er kann die Geburt beschleunigen, aber nur die wenigsten Leute besitzen solch kostbare Dinge.“ Hildegard nickte. „An meiner Kette, dort in der Truhe.“
Gertrud holte die Kette. „Ein schöner Stein, er wird sicher helfen. Er muss auf dem Schenkel liegenbleiben. Achtet darauf, dass er nicht verrutscht. Wenn er Euch in den Schoß fällt, verkehrt sich seine Kraft ins Gegenteil.“ Offenbar erschöpft nickte Hildegard.
„So, und jetzt können wir die heilige Katharina bitten, dass Ihr ein gesundes Kind zur Welt bringt. Mehr können wir nicht tun.“
„Ja, bitte.“ Hildegard schien am Ende ihrer Kräfte angekommen. Die Augen fielen ihr zu, bis sie die nächste Wehe wieder aus ihrer Erschöpfung riss. Draußen donnerte es heftig, aber Hildegard rührte sich nicht.
Gertrud nahm ihr Amulett ab, das sie um den Hals trug und das sie für Bitten und Beschwörungen jeglicher Art für unerlässlich hielt. Es pendelte über dem gewölbten Bauch der Schwangeren. „Heilige Katharina, wir bitten dich.“
Frau Irmtraud Althofer sah von dem Teig auf, den sie gerade knetete und blickte aus dem Fenster auf ihre Tochter Bertha. Sie saß auf einem Baum und rief den anderen Kindern, die darunter standen etwas zu. Wie so oft, wenn sie das Kind beim Spielen beobachtete, strömte Dankbarkeit in ihr Herz. Sie hatte so viele Todgeburten gehabt, nur dieses Mädchen war ihr geblieben. Und sie war ein Prachtmädchen, mit wilden langen blonden Haaren und großen blauen Augen, die vor Abenteuerlust nur so blitzten.
„Bertha!“ Es war Zeit, sich auf den Weg zu machen. Bertha wuchs so schnell aus ihrem Kleidchen heraus. Sie wollte Stoff auf dem Markt kaufen, damit sie für Bertha ein neues Kleid nähen konnte.
Irmtraud Althofer dachte einen Moment nach. Verwöhnte sie ihre Tochter nicht zu sehr? Die anderen Kinder trugen Kittel aus den abgelegten Sachen der Eltern oder älteren Geschwister. Aber – Bertha hatte keine älteren Geschwister. Und sie mussten ja keine sieben oder acht Kinder durchbringen wie die Nachbarn. Sie hatten ja nur dieses eine Kind.
„Bertha, komm bitte!“ Bertha sollte mitkommen und sich den Stoff selbst aussuchen. „Habt Ihr gerufen, Mutter?“
„Ja, Kind, wir gehen auf den Markt. Wasch dir das Gesicht und die Hände.“ Bertha stürmte zum Brunnen und Irmtraud Althofer blickte ihr liebevoll nach.
Hand in Hand schlenderten Berta und ihre Mutter durch die Haynpforte den Berg hinauf in Richtung Marktplatz. Bertha war schon oft hier gewesen, so dass ihr der Unterschied zur Neustadt, in der sie wohnte, kaum noch auffiel. Dabei war der Gegensatz nur zu deutlich. In der Neustadt standen die Häuser als Bauernhäuser oft ziemlich dicht beisammen.
Vor etwa 20 Jahren war die Altstadt abgebrannt. Zwar drückten sich hier auch wieder aufgebaute Fachwerkhäuschen eng an ihre Nachbarn, aber vielfach standen auf den Grundstücken nur verkohlte Ruinen. Die meisten Leute wohnten in provisorischen Unterkünften oder in den Kellerruinen. Viele hier konnten sich den Wiederaufbau nicht leisten, waren weggegangen oder lebten immer noch in großer Armut.
Je näher sie dem Markt kamen, desto häufiger gab es Baustellen und fertiggestellte Häuser. Hier wohnten die erfolgreichen Handwerker. Sie hatten ihre Häuser als erste errichtet. Manche Gebäude hatten sogar zwei oder drei Etagen, und hinten einen Hof mit eigenem Eingang. Bertha versuchte durch die offenen Eingangstore in die Höfe zu schauen. Meistens waren dort die Handwerker bei der Arbeit. Die offenen Feuer der Schmiede prasselten und das Hämmern und das aufgeregte Wiehern der Pferde drangen an ihr Ohr. Sie bestaunte die großen Webstühle der Tuchmacher und lauschte dem Singen der Weberinnen. An den Zimmermannswerkstätten roch sie den Duft von frischem Holz.
Oben auf dem Berg befand sich der Marktplatz, geteilt in Untermarkt und Obermarkt. Die Mitte umgrenzten schmucke Gebäude. Dann folgte der große Rathausplatz. Gerne hätte Bertha sich das stattliche Rathaus angeschaut, von dem ihre Eltern ihr schon soviel erzählt hatten, doch leider stand es nicht mehr, denn bei dem großen Brand war auch der prächtige Sitz der Ratsherren zerstört worden.
Inzwischen waren sie auf dem Obermarkt angekommen. Pferde wieherten, Wagen ratterten dröhnend vorbei und die Marktleute boten lautstark ihre Waren an. Es roch nach frischem Brot, nach Fleisch und Gewürzen. Hausfrauen und Mägde, wenn sie gerade nicht einkauften, standen beieinander und tauschten den neusten Tratsch aus.
„Kaufen wir was, Mama?“ Bertha betrachtete an der Hand der Mutter das bunte Treiben.
„Einen Stoff für ein neues Kleid für dich. Die Zisterzienserinnen haben dieses Jahr kaum Stoffe gewebt. Mal sehen, was die Tuchmacher haben.“
Bertha ließ sich auf der Suche nach den Tuchmachern von Stand zu Stand ziehen.
Sie wollte zu den Spielzeughändlern und ihre bunten Hampelmänner bestaunen. Auch Puppen aus Tuch und lustig bemalte Reifen gab es dort.
Ein heftiges Poltern ließ Mutter und Tochter zusammenfahren. Sie drehten sich um. Ein hochbeladener Wagen war umgekippt. Alle Leute, die in der Nähe standen, liefen hinzu. Viele um zu helfen, aber auch Einige, um zu plündern. Nur einen Flügelschlag lang ließ Bertha die Hand der Mutter los. Doch das reichte, und die Menge trennte sie, und drängte Bertha immer weiter von ihrer Mutter ab.
Bertha versuchte, sich zu ihr durchzukämpfen, aber bald sah sie ihre Mutter nicht mehr.
„Ach, nicht so schlimm“, dachte sie, „so habe ich doch wenigstens Zeit, mir alles in Ruhe anzusehen. Und den Weg nach Hause kenne ich doch.“ Auf diese Weise beruhigt machte sie sich auf die Suche nach Spielzeughändlern und Gauklern, betrachtete die ausgestellten Kessel, das Geschirr und die vielen Stoffe und genoss den Duft der angebotenen Speisen.
Ein leichter Wind strich ihr durch das Haar und mischte den Geruch von Fettgebackenem, Süßem und Brot mit den Ausdünstungen der vielen Menschen um sie herum und dem Gestank des Pferdemistes.
Plötzlich legte sich ihr von hinten eine Hand schwer auf die Schulter.
„Was machst du denn hier?“, fragte eine Frau mit strenger Stimme.
Erschrocken drehte sich Bertha um. Vor ihr stand eine rundliche, große Frau, die sie ärgerlich ansah.
„Elisabeth, was machst du hier? Warum bist du nicht zu Hause?“
Bertha wollte ihr gerne erklären, dass sie Bertha heiße und mit ihrer Mutter auf den Markt gekommen war, aber ihr Herz klopfte bis zum Halse und ihr Mund war so trocken, dass sie keinen Ton herausbrachte.
„Na, komm, wir gehen nach Hause“, sagte die Frau zu ihr.
Bertha nickte. Vielleicht konnte sie ihr ja unterwegs entwischen, wenn sie sich jetzt brav verhielt. Was wollte die Frau eigentlich von ihr? Bertha hatte sie noch nie gesehen.
Sie gingen eine Querstraße weiter, zum Untermarkt. Dann betrat die Frau mit ihr das Eckhaus an der Schmiedegasse durch die Hintertür. Hinten im Hof war eine Schmiede. Aber Bertha hatte keine Zeit, sich umzusehen, die Frau zog sie mit ins Haus und rief: „Hanne!“
Ein dralles Dienstmädchen kam herbeigelaufen. „Sie ist auf dem Markt umhergestreift. Du sollst doch auf sie aufpassen.“ Das Dienstmädchen Hanne nahm sie sogleich in die Arme. „Na komm, ich bringe dich auf dein Zimmer.“ Hanne ging mit ihr die Treppe hinauf. „Was ist los mit dir, Elisabeth?“ Die Magd blickte sie besorgt an. „Sag doch was. So kenne ich dich ja gar nicht.“
Bertha mochte Hanne vom ersten Moment an und hätte ihr gern alles erklärt, aber sie verstand ja selber nicht, was hier los war. Und wieso wurde sie Elisabeth genannt? Keiner hatte sie nach ihrem Namen gefragt. „Ich glaube, du wirst krank“, meinte Hanne nachdenklich. „Am besten legst du dich erstmal hin.“
Was für ein wunderschönes Zimmer. Eingeschüchtert ließ Bertha sich ausziehen und ins Bett bringen. Bestimmt würde sie fliehen können, wenn sie alleine war.
„Woher hast du denn diese Kleider? Zieh dir nachher bitte etwas Ordentliches an.“
Mit diesen Worten und Berthas Kleidern verließ Hanne den Raum.
Bertha schlug die Decke zurück und setzte sich auf. Ihre Kleider waren weg. Wie sollte sie jetzt aus dem Haus kommen? Sie ging zu der Kleidertruhe, die in der Ecke des Zimmers stand.
„Was tust du hier? Und wer bist du überhaupt?“ tönte es eher erstaunt als ärgerlich von der Tür her. Bertha fuhr herum und erblickte ein Mädchen in ihrem Alter. Sie hatte die gleiche Haarfarbe wie sie und auch die gleichen blauen Augen. „Ich heiße Bertha und eigentlich weiß ich selber nicht so ganz genau…, also mir ist da etwas Seltsames passiert…“ Bertha wollte dem Mädchen gerne alles erzählen, aber sie wusste nicht, wie sie anfangen sollte. Aber vielleicht konnte ihr das Mädchen helfen, hier heraus zu kommen.
Das fremde Mädchen schloss die Tür, kam zum Bett und setzte sich. „Na, dann erzähl doch mal“, ermunterte sie Bertha. Und Bertha erzählte, wie sie auf dem Markt von ihrer Mutter getrennt worden war, wie sie von der großen Frau mitgenommen und von ihr und Hanne Elisabeth genannt worden war, dass man sie ins Bett gesteckt und ihr die Kleider fortgenommen hatte, und dass sie nun so nicht nach Hause gehen konnte.
„Ja“, das Mädchen nickte. „Aber das ist auch kein Wunder. Ich heiße Elisabeth und bin die Tochter von Friedrich Kanngießer, dem Schmied, der hier wohnt. Sie haben uns verwechselt, denn du siehst genauso aus wie ich. Schau mal!“ Sie blickte in ihre gefüllte Schüssel voll Wasser, die auf dem Waschtisch stand und winkte Bertha zu sich.
Neugierig betrachtete Berta das Gesicht, das ihr aus der glatten Wasseroberfläche entgegensah. Die gleichen blauen Augen, das gleiche schmale Gesicht, nur ihre Haare waren ihr nicht so ordentlich um den Kopf geflochten, wie Elisabeths, hatten aber dieselbe Farbe.
Nachdem Bertha ihr Spiegelbild lange fassungslos im Wasser angeschaut hatte, sah sie zu Elisabeth auf. Zum Verwechseln! „Das gibt es doch nicht“, platzte sie heraus. „In einer Familie kommt das mal vor, dass man sich ähnlich sieht, aber wir kennen uns doch gar nicht.“
Elisabeth zuckte mit den Schultern. Ich weiß nicht wieso, ich sehe nur, dass es so ist. Aber du musst jetzt gehen, sonst entdeckt man dich und dann gibt es Ärger. Ich darf nämlich nicht mit anderen Kindern spielen. Mein Vater ist der Zunftmeister der Schmiede. Er meint, dass andere Kinder meine Erziehung verderben würden.“
„Dann hast du also gar keine Freundin?“ Ein ungläubiges Staunen stand in Berthas Augen. Elisabeth schüttelte den Kopf. Bertha nahm Elisabeths Hand. „Dann lass mich deine Freundin sein. Es braucht ja niemand zu wissen. Wir könnten uns heimlich treffen. Darfst du alleine raus“
„Nur zur Mädchenschule am Obermarkt.“
„Dann treffe ich dich morgen. Mittags, am Fleischborn, ja?“ Elisabeths Augen strahlten. „Aber erstmal ziehst du was an, ja?“ Sie lachten.
Elisabeth schaffte es, Berthas Kleid zu holen, ohne jemandem zu begegnen. Bertha kleidete sich an, kletterte aus dem Fenster und machte sich auf den Heimweg, während Elisabeth ihr hinterher winkte. Auch sie schien glücklich, eine Freundin gefunden zu haben.
Aufgeregt lief Elisabeth über den Obermarkt. Die Stiefelchen klapperten selbstbewußt ihren Rhythmus und das neue, hellblaue Seidenkleid schwang ihr elegant um die Beine. Die Schulstunden waren endlich zu Ende und sie wollte sich zum ersten Mal mit Bertha treffen. Ihrer neuen Freundin. Hoffentlich kam sie auch. Und wenn Bertha sie schon vergessen hatte? Nein, bestimmt nicht.
Da war der Brunnen, der Fleischborn. Und Bertha wartete schon mit einem Lächeln auf dem Gesicht.
Elisabeth strahlte sie an. „Schön, dass du gekommen bist.“
„Hab ich doch versprochen!“ Bertha reichte ihr die Hand. „Komm, ich zeig dir mein Geheimversteck oben auf der Burg.“
„Aber nicht zu lange“, wandte Elisabeth ein. „Wenn ich zu spät nach Hause komme, gibt es Ärger.“
„Ich will dir nur mein Versteck zeigen, dann können wir uns demnächst dort treffen. Hier auf dem Markt fallen wir ja auf wie Buntspecht und Rabe.“ Lachend deutete sie auf Elisabeths buntes Seidenkleid und ihren grauen Kittel.
Elisabeths Herz hüpfte, whrend sie neben Bertha herging. „Du siehst wirklich aus wie ich.“ Nachdenklich betrachtete sie Bertha neben sich. „Eine andere Frisur, ein anderes Kleid und niemand kann uns mehr auseinander halten.“
Bertha nickte. „Lustig, nicht?“
„Ich finde es merkwürdig. Mir fällt einfach keine Erklärung dafür ein.“
Bertha sah sie ernst an: „Du, mir ist das wirklich nicht wichtig. Ich mag dich, egal wie du aussiehst.“
„Aber die Ähnlichkeit! Dafür muss es doch einen Grund geben. Ich möchte wissen, was dahinter steckt.“
„Wie sollen wir das denn herausfinden?“
„Wenn wir uns nach unserer Familie und unserer Geburt erkundigen, dann ist das doch nichts Ungewöhnliches. Ich weiß nur, dass ich einen Bruder habe und am 21. Juli 87 geboren wurde. Wann bist du denn geboren?“
„Weiß nicht genau. Im Sommer bin ich neun geworden.“
„Oh, dann sind wir gleich alt.“
„Aber über meine Geburt weiß ich nichts. Meine Mutter sagt, sie wäre ohnmächtig gewesen, und nur die Hebamme hätte ihr damals bei der Geburt geholfen.
Die alte Gertrud, die jetzt noch manchmal hilft.“
„Hm, die war auch bei meiner Geburt dabei. Das ist schon der nächste Zufall.“ Sie zählte an den Fingern ab:
„Erstens sehen wir uns ähnlich wie ein Ei dem anderen, zweitens sind wir um die gleiche Zeit geboren.
Und drittens hatten wir dieselbe Hebamme.
Da muss es doch einen Zusammenhang geben.“
„Meinst du? Ich sehe keinen. Das könnte wohl nur die alte Gertrud aufklären.“
Elisabeth hopste vor Aufregung in die Luft. „Ja, genau. Und die weiß dann auch, ob es noch mehr Gemeinsamkeiten gibt. Aber ich weiß nicht, wo sie wohnt.“
„Och, das kriege ich schon raus. - Schau, hier ist der Eingang zu meinem Versteck.“
Inzwischen waren sie auf der Spitze des Berges angekommen und hatten die Ruinen der alten Burganlage fast durchquert. Vor dem Südturm blieb Bertha stehen. Hier liefen die Burgmauerreste der Ost- und Westseite zusammen und im Süden schloss sich die Stadtmauer der Neustadt an.
„Schau, wir müssen ganz nach unten klettern.“
Elisabeth sah an ihrem Kleid herab. So konnte sie nicht klettern. Sobald sie den Turm betreten würde, wäre ihr Kleid voller Spinnenweben und Staub. „Nächstes Mal! Dann werde ich andere Sachen anziehen. Hanne merkt sofort, wenn ich schmutzig nach Hause komme. Was ist denn das?“
Bertha zögerte einen Moment uns sah sich um. Dann flüsterte sie: „Es ist ein Geheimgang. Man kann die Stadt verlassen und betreten, ohne durch das Stadttor zu gehen.“
„Oh!“ Elisabeth staunte. „Das machen wir nächstes Mal, ja? Ich muss nach Hause, sonst fällt es auf, dass ich noch nicht zurück bin. Können wir uns abends treffen? Nach dem Abendessen kümmert sich keiner mehr um mich.“
„Ja, abends. Bis zum Dunkelwerden arbeiten meine Eltern auf den Feldern. Wenn ich bis dahin zu Hause bin, kümmert es keinen. Morgen abend?“
Elisabeth nickte.
Langsam goss Elisabeth das geschmolzene Zinn in die Form. Es durfte nicht überlaufen, und es durften sich auch keine Luftbasen bilden. Sie stellte die Form auf dem Tisch ab und klopfte mit einem kleinen Hammer leichtdagegen. Einige wenige Luftbläschen entwichen und sie goss noch etwas Zinn nach.
„Gut, sehr gut, Mädchen.“ Heiner, der alte Schmiedegeselle, kontrollierte die Form. „Du hast alles fest zusammengepresst, da läuft nichts aus.“ Er lächelte ihr stolz zu. Alles hatte er ihr beigebracht.
Er drehte sich zu seinem Werkstück um, dass in der Esse lag.
Gunther, der an einen Pfosten gelehnt dastand, hatte alles beobachtet. Geistesabwesend fasste er mit der rechten Hand die linke, kleinere, verdrehte, die sich kaum noch richtig bewegen ließ.
Langsam glitt er zu Elisabeth hinüber und stellte sich dicht hinter sie, die gerade dabei war, etwas Zinn nachzufüllen.
„Zeig mal!“ Er stieß sie mit dem Ellenbogen am Arm. Flüssiges, heißes Zinn schwappte über und lief seiner Schwester über die Finger. Ein spitzer Schrei. Sofort war Heiner bei ihr und tauchte die Hand in das Wasser, das sie zum Abkühlen der geschmiedeten Werkstücke verwendeten. Zum Glück hatte er es erst vor kurzem gewechselt, so dass es wirklich noch kalt war. „Geh!“, stieß er in Gunthers Richtung aus.
„Aber das war ein Unfall“, rechtfertigte sich der Junge.
„Ich wollte nur mal schauen.“
Aber der Blick, den Heiner ihm zuwarf, ließ ihn schleunigst den Rückzug antreten.
Heiner kümmerte sich natürlich um Elisabeth. Er kümmerte sich ja immer um Elisabeth. Ein kleines Mädchen, das nichts in der Schmiede verloren hatte. Das hier war sein Erbe und nichts davon gehörte Elisabeth.
Eine Erinnerung blitzte in ihm auf: Heiner, der neben ihm stand und ihm zeigte, wie man Formen mit Zinn füllte. Ganz langsam floss das dickflüssige Metall. Dann Pause. Klopfen, setzen lassen, Luft entweichen lassen. Er hatte es rasch verstanden, so schwierig war das nicht.
Aber wenn er es selbst versuchte, konnte die linke Hand die Form nicht halten. Und mit einer Hand war die Arbeit nicht zu bewältigen. Da hatte sich auch keiner um ihn gekümmert. Er erinnerte sich, wie er die Form wütend auf den Boden in die Ecke gefeuert hatte und fortgelaufen war. Und ein paar Tage später wollte Vater, dass er es nochmal versuchte. Tränen Trotz und Verstecken hatten nichts genützt, er musste erneut feststellen, dass er es nicht konnte und jedes Mal endete es mit der Zinnform, die er voller Wut auf den Boden schleuderte. Einmal hatte es so weit gespritzt, dass es Heiner am Bein getroffen hatte. Der Alte hatte heute noch eine Brandnarbe an der Stelle. Danach war Schluss mit seinen Versuchen.
Gunther war nun schon fast am Haus angekommen. Mit einem hinterlistigen Lächeln drehte er um und stellte sich hinter die Hausecke, die von der Werkstatt aus nicht einzusehen war.
Heiner schaute nach dem Mädchen. Sie rieb sich noch den Finger, aber in ihrem Gesicht war mehr Wut und Empörung als Schmerz zu erkennen. Innerlich lächelte Heiner. Wie gut er sie doch kannte.
Elisabeth war schon als Fünfjährige immer in der Werkstatt gewesen. Heiner konnte sich noch gut an die Zeit erinnern, als er Elisabeth immer weg geschoben hatte, wenn er konzentriert arbeiten wollte. Immer hatte er Angst gehabt, dass sie zu nah ans Feuer kam, dass ein Funke ihr das Kleid oder die Haut versengen könnte. Nicht auszudenken, was der Meister mit ihnen angestellt hätte.
Und mit Elisabeth erst, war es ihr doch verboten, in die Werkstatt zu kommen. Aber Elisabeth kam, wann immer sie Hanne entwischen konnte. Und sie stellte früh Fragen. Ihre Lieblingsfrage war: „Wie geht das?“, dicht gefolgt von: „Darf ich auch mal?“ Irgendwann hatte Heiner nachgegeben und sie auf die heiße Eisenstange hämmern lassen. Und sie stellte sich geschickter an, als der Lehrjunge. Sie hatte ein Gefühl dafür, wie fest sie hämmern musste, wann die Stange erneut in die Glut gelegt werden musste und wie sie die Stange gegen das Rundhorn legen musste, um bestimmte Figuren zu formen.
„Machst du mir noch ein paar von deinen Spangen?“ Die Kunden fragten inzwischen schon danach. Elisabeth hatte vor einiger Zeit angefangen, aus Eisenstäben und Zinnplättchen Spangen zu formen und sie zu Blüten oder Tieren zu schmieden. Man konnte sie als Schmuckbrosche tragen oder den Mantel oder ein Tuch zusammenstecken. Manche Frauen trugen sie auch in ihren aufwendigen Frisuren.
Aber diesmal schüttelte sie den Kopf. „Nein, heute nicht.“ Ihr fehlte heute die Ruhe, die sie brauchte, um etwas anzufangen, ihre Gedanken kreisten nur um Bertha und ihr Treffen heute Abend. Hoffentlich ging alles gut.
Sie verließ die Werkstatt und ging über den Hof auf das Haus zu. Plötzlich trat ihr Gunther in den Weg. Elisabeth zuckte zusammen, zog den Kopf zwischen die Schultern und hielt sich ängstlich die Hände vors Gesicht. „Wieso warst du wieder in der Schmiede? Du weißt doch, dass Mädchen dort nichts zu suchen haben.“ Gunters rechte, gesunde Hand schlug hart gegen Elisabeths Kopf.
„Lass mich, ich darf in die Schmiede. Heiner sagt, meine Sachen verkaufen sich gut und ich kann die kleinen Dinge besser, als mancher seine Gesellen.“
Wut entstellte Gunthers Gesicht, als er begann mit beiden Fäusten auf Elisabeth einzuschlagen. „Du bist nur ein Mädchen und schmieden ist Männerarbeit. Geh weg, du hast hier nichts verloren. Ich will dich nicht mehr bei der Schmiede sehen. Ich erbe sie, egal, was Heiner sagt…“
Hanne kam aus dem Haus gerannt und riss die schluchzende Elisabeth unter Gunthers Fäusten weg. Tröstende Worte murmelnd verband Hanne Elisabeth den Kopf.
Danach legte sie sich in ihrer Kammer auf ihr Bett. Die letzten Schluchzer waren verklungen und die Kopfschmerzen zu einem dumpfen Dröhnen verblasst, als sie ihre Gedanken wieder auf das bevorstehende Treffen richtete.
Ihre Freundin! Bertha schlug sie nicht, sie bewunderte sie und Elisabeth genoss das. Sie bewunderte Bertha auch. Die kannte sich aus. Sie wusste sogar, wie man herausfinden konnte, warum sie sich so ähnlich sahen. Unglaublich, dabei ging sie noch nicht mal in die Schule! Und einen Geheimgang wollte sie mit ihr erkunden. Sie glaubte nicht, dass die Mädchen in ihrer Schule den kannten. Die mussten ja, genau wie sie, vormittags in der Schule sitzen und nachmittags auf dem Hof und in der Küche helfen. Bertha war so frei. Ihre Eltern hatten nicht viel Zeit für sie, aber Bertha durfte überall hin. Ihr erschien das als die größtmögliche Freiheit. Und heute sollte sie daran teilnehmen. Ein freudiges Kribbeln durchfuhr ihre Glieder.
Aber was sollte sie bloß anziehen? Elisabeth besaß nichts, was schmutzig werden konnte ohne dass es auffiel. Außerdem liefen die Kinder der reichen Leute abends nicht mehr allein draußen herum.
Sie ging hinunter in die Küche. Kaum dass sie in der Tür stand, sprach Hanne sie an: „Na, geht’s schon wieder? Ich sortiere gerade meine Kleidung. Diese Kittel hier kann man nicht mehr tragen. Würdest du sie bitte in die Lumpenkiste legen?“
„Klar!“ Elisabeth nahm die Kittel, und ihr fiel ein Stein vom Herzen. Es würde nicht weiter auffallen, wenn einer der Kittel fehlte. Und mit einem Strick um die Taille würde sie aussehen, wie die Kinder, die in den Kellern der abgebrannten Häuser wohnten.
Vater Kanngießer achtete sehr darauf, sich vornehmer zu geben, als die anderen Familien in der Nachbarschaft. Dort war es üblich, dass die Hausmägde und die Gesellen und Lehrlinge bei Tisch am Essen teilnahmen. Jeder bediente sich selbst und es wurde sich lustig unterhalten. Seit Herr Kanngießer jedoch erfahren hatte, dass es beim Landgrafen anders zuging, bestand er darauf, mit seiner Familie allein zu essen. Damit sie bei Tisch Dinge besprechen konnten, die nur die Familie etwas angingen.
„Als ob wir das nicht sowieso erfahren“, hatte Hanne empört geschnauft, sich dann aber mit dem anderen Dienstpersonal in die Küche gesetzt.
Heute hatte Frau Kanngießer einen guten Tag. Es ging ihr sogar abends noch so gut, dass sie am Abendessen teilnahm. Normalerweise freute sich Elisabeth, wenn die Mutter dabei war, weil sich das Gespräch nicht nur um Gunther und Vater drehte und weil Gunther sie in Ruhe ließ. Aber heute war sie zu aufgeregt, und ihre Mutter achtete mehr auf sie, als ihr lieb war. „Elisabeth, Kind, so sitz doch still.“
„Ja, Frau Mutter“ Sie bemühte sich, gerade zu sitzen und zu essen, aber bei dem Gedanken an das bevorstehende Treffen bekam sie keinen Bissen hinunter.
„Elisabeth, rutsch doch nicht so auf dem Stuhl herum. Was ist denn los mit dir?“
Sie erschrak. Jetzt bloß keine Aufmerksamkeit auf sich lenken.
„Nichts, Frau Mutter“, antwortete sie ruhig, „ich habe nur einfach keinen Hunger mehr.“ Die Mutter sah sie erstaunt an.
„Aber du hast ja kaum etwas gegessen. Du wirst doch nicht krank?“
„Nein, nein, bestimmt nicht!“, wiegelte Elisabeth ab. Glücklicherweise hatte sie sich den Kopfverband bereits wieder abgenommen. Sonst hätte ihre Mutter Hanne vielleicht an ihrem Bett Nachtwache halten lassen, damit wirklich nichts Schlimmes passiert. Was Krankheit anging, war ihre Mutter unerbittlich.
„Man kann nicht vorsichtig genug sein, glaub mir. Ich schicke dir später Hanne mit einer Tasse Kamillentee in deine Kammer.“
Elisabeth schluckte. Nur das nicht. Wenn sie erst auf Hanne warten musste und die womöglich später noch einmal zurückkam, um die Tasse zu holen, dann würde es heute nichts mehr mit dem Treffen.
Tapfer nahm sie sich noch ein Stück Brot. „Frau Mutter, es ist wirklich nichts. Kein Bauchweh, kein Kopfweh. Ich bin nur etwas müde. Vielleicht, wenn ich früh ins Bett gehe, und dann meine Ruhe habe…“
„Natürlich, Kind. Ich bin auch ganz erschöpft. Am besten, wir gehen heute beide zeitig zu Bett.“ Sie nickte Elisabeth zu, erhob sich und auch Elisabeth war damit in ihre Kammer entlassen. Sie unterdrückte ein erleichtertes Aufseufzen und verließ mit einem „Schlafen Sie wohl“ das Speisezimmer.
Es war Sommer und noch hell draußen. In ihrer Kammer zog Elisabeth den alten Kittel an und lauschte an ihrer Tür. Aus dem Speisezimmer drang die Unterhaltung von Vater und Gunther und unten in der Küche klapperten Hanne und die Köchin mit dem Geschirr. Behutsam öffnete sie ihr Fenster. Die Luft war warm und ein leichter Wind strich ihr durch das Haar als sie ein Bein durch die Fensteröffnung zwängte. Und wie weiter? Das Fenster war zu klein um noch durchzukommen. Mit dem Kopf zuerst, dann würde sie fallen, also mit den Beinen zuerst? Aber dann sah sie ja nichts. Stöhnend zog sie das Bein zurück. Auf die Truhe unter dem Fenster gestützt, schob sie die Beine zuerst hinaus, bis sie auf dem Bauch auf dem Fenstersims lag. Nun suchte sie mit den Füßen halt in den Streben, die die Ranken am Haus halten sollten. Mit den Händen hielt sie sich derweil innen an den Wänden fest. So schwierig hatte sie sich ihr Unternehmen nicht vorgestellt. Wenn sie abrutschte, endete das mit einem kaputten Bein und wochenlangem Liegen. Sie hoffte nur, dass keiner ihrer Nachbarn hochsah und die wedelnden Beine entdeckte und wohlmöglich ihrem Vater Bescheid gab. Aber sie fand Halt, der nicht nachgab und ein triumphierendes Lächeln lag auf ihren Lippen als sie an den wilden Ranken die Fassade hinunter kletterte.
Glücklich unten angekommen machte sie sich mit klopfendem Herzen auf den Weg zur Burgruine.
Dunkel und abweisend lagen die Ruinen der Burganlage gegen die untergehende Sonne vor Elisabeth, die mit kleinen Schritten den Burgberg hinaufstieg. Hier oben war es fast still. Die Geräusche der Stadt waren nur als dumpfes Rauschen im Hintergrund wahrnehmbar. Gelegentlich rief ein Käuzchen ein schauriges „U-hu“.
