Mord im Münsterland - Katja Anker - E-Book

Mord im Münsterland E-Book

Katja Anker

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Beschreibung

Ende Dezember 2020 - Während das pandemiemüde Deutschland sich auf das erste Weihnachtsfest mit Kontaktbeschränkungen vorbereitet, verschlägt es Kommissar Markus Steiger ins Münsterland. Er hat eine hässliche Scheidung hinter sich und darf seine Kinder über die Feiertage nicht sehen. Seine Kollegin, Helena Besseling hat ihre Probleme mit Corona und ihrem dementen Vater. Am Tatort lernen sie am ersten Feiertag Nils kennen, den Jugend-Pastor eine Freien Gemeinde, der immer schon Kommissar werden wollte. Er bringt sich nicht nur in die Ermittlungen ein, sondern gibt Antworten auf die eine Frage, die sich immer wieder stellt: Warum lässt Gott das zu?

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Seitenzahl: 228

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Prolog

Mit einem glücklichen Lächeln stieg Sybille die Stufen hinauf, die unter ihrem Gewicht ächzten. Sie war mit ihren 58 Jahren nicht mehr die Gazelle, die sie mit 20 noch gewesen war, aber das machte ihr nichts aus. Sie hatte ihren Beruf als Haushälterin, ihre Wohnung im Souterrain und ihren Sohn Peter. Mehr brauchte sie nicht. Und heute war Weihnachten, die Arbeit war gut vorbereitet, schließlich waren die Kinder von Herrn von Rothenstein zu Besuch. Auch ihr Sohn Peter war da. Der liebe Junge war gestern Abend noch zu ihnen herausgekommen, nach einem langen Arbeitstag in der Gärtnerei. Er hatte seine eigene Wohnung in der Stadt, aber an Weihnachten wollte er bei ihr sein. Dieser Gedanke erwärmte ihr Herz.

Sie öffnete die Tür zur Halle, die düster wirkte an diesem frühen Wintermorgen. Ein Druck auf den Lichtschalter und versteckte LED-Lampen erleuchteten das alte Gemäuer. Sybille grinste, wie immer, wenn sie sah, dass das historische Gebäude mit modernster Technik gepaart war, ohne das Ambiente zu stören. Mit den entsprechenden Summen war es möglich, in einem uralten Herrenhaus komfortabel zu leben. Selbstverständlich waren die Fenster alle dicht, es zog nicht in den Ecken und neben Licht gab es auch fließend Wasser und Strom. Sie hatten sogar eine Solaranlage. Nicht auf dem Dach, das war nicht möglich, wegen des Denkmalschutzes, aber etwas abseits gab es den Solarpark.

Sie ging die breite Treppe hinauf. Natürlich hätte sie auch den Fahrstuhl benutzen können, aber sie liebte das erhabene Gefühl, auf dieser Treppe zu gehen. Oben angekommen, wandte sie sich nach rechts. Zuerst musste sie im Arbeitszimmer von Herrn von Rothenstein nach dem Rechten sehen und die Heizung anstellen, denn er würde sicher nach dem Frühstück noch etwas arbeiten wollen, Weihnachten hin oder her.

Leise öffnete sie die Tür. Und dann schrie sie und schrie und schrie.

Kapitel 1

Kommissarin Helena Besseling sah ihren Kollegen von der Seite an. Markus Steiger war erst einige Tage bei ihnen und sie kannte ihn noch nicht richtig. Er sah gut aus mit seinem markanten Gesicht, den braunen Augen und den strubbeligen schwarzen Haaren. Aber er war verschlossen. Kaum ein persönliches Wort war bisher über seine Lippen gekommen. Bisher hatte er in Münster gearbeitet, aber wegen einer hässlichen Scheidung hatte es ihn hierher verschlagen. Ausgerechnet ins verschlafene Billerbeck. Das Kommissariat war so klein, dass sie hier alles machten, von Kapitalverbrechen über Diebstahl bis sogar hin zum Verkehrsunterricht in der Schule. Naja, einmal zumindest, weil die Kollegen vom Streifendienst so dünn besetzt waren.

Und heute, am ersten Weihnachtstag, also ein Mord. Kollege Steiger war nicht begeistert gewesen, als sie ihn über den Einsatz informiert hatte.

Aber wie sagte ihr Dienststellenleiter Johannes Orlund immer: Solange sich die Verbrecher nicht an die offizielle Dienstzeit halten, muss die Polizei auch außerhalb der offiziellen Dienstzeit antanzen. Wenn man was werden will.

Sie jedenfalls wollte bei der Polizei was werden. Mit 28 Jahren bereits Kommissarin hatte sie noch ganz andere Ziele vor Augen. Vielleich das LKA. Aber auch Steiger war Kommissar, also bisher auch nicht ganz untätig, zumal er ungefähr Mitte 30 war. Aber heute hatte er wohl etwas anderes vorgehabt. Wenn er Kinder hätte, bräuchte er heute nicht unbedingt den Dienst zu übernehmen. Aber er war geschieden. Vielleicht hatte er Kinder, die bei seiner Frau – Exfrau – waren.

„Wie weit muss ich denn noch fahren?“ Die Stimme des Kollegen riss Helena aus ihren Überlegungen.

„Bis zur nächsten Station, dann rechts und dann sieht man das Herrenhaus schon bald auftauchen.“

„Station? Hier ist doch noch nicht mal eine Bahnlinie.“

Helena verkniff sich ein Grinsen. „Die Stationen für den Prozessionsumzug an Fronleichnam. Die kleinen überdachten Marien-Statuen, die hier ab und zu stehen.“

Steiger grunzte nur.

„Du bist wohl nicht katholisch, was?“

„Nee.“

Markus ließ seinen Blick aus dem Fenster schweifen, während er die schnurgerade Straße entlangfuhr. Links war ein Graben, dahinter Felder, die von Schnee bepudert waren, rechts Bäume und Sträucher, deren Zweige und Beeren durch den Raureif überdeutlich gezeichnet schienen. Auch einige Blätter hingen noch, braun, vertrocknet und zusammengerollt, als hätten sie im Herbst das Herunterfallen vergessen und wüssten nicht, was sie dort noch sollten.

Aber mehr gab es nicht. Auf der Straße vor ihm, auf der der feine Schnee sich nicht hatte halten können, reihte sich links Feld an Feld, rechts Baum an Baum. Und Strauch. Immerhin konnte man das eine geschlossene Schneedecke nennen.

Er wollte nicht hier sein. Es war Weihnachten, da gehörte er morgens in einen Gottesdienst, um die Geburt Jesu zu feiern. Und anschließend gehörte zu seinen Kindern. Nachmittags konnten noch Verwandt dazu kommen, aber bestimmt kein Polizei-Einsatz.

„Hast du deine Maske?“, riss Helena ihn aus seinen Gedanken.

Die rote Mund-Nasen-Maske mit den Rentieren, die vom Rückspiegel baumelte, kam in sein Blickfeld. Es war Helenas. Sie nähte gerne und in diesem Jahr, das Covid-19 bestimmt hatte, waren Masken zu allen Gelegenheiten ihr Projekt, wie sie ihm zu Beginn ihrer Partnerschaft ernsthaft versichert hatte.

„Ja, ich habe einige Einmal-Masken in der Tasche“, gab er zurück.

Helena zog die Nase kraus. „Einmal-Masken? Das ist nicht umweltfreundlich und auf die Dauer teuer. Soll ich dir mal einen Grundbestand nähen?“

„Nein, danke.“ Sonst würden sie im Partnerlook mit Rentiermasken auftreten. Ihre mit rotem Hintergrund, seine blau. Wer sollte sie denn so ernst nehmen.

„Ist das die Station?“ Er wies auf einen Stamm, an dem eine Madonna auf einem Brett befestigt war, ein schmales Bretterdach deutet an, dass es ein Haus sein sollte. Oder sowas in der Art.

„Ja, genau. Hier rechts.“ Tatsächlich machten die Bäume Platz für eine Abzweigung, bevor sie sich in die ursprüngliche Richtung weitermachten. Jetzt gab es rechts und links nur noch Felder. Durch die Schneedecke war nicht zu erkennen, was hier mal gestanden hatte. Ein Herrenhaus konnte Markus aber nicht sehen.

„Wo ist denn das Haus?“

„Das kommt noch. Jetzt glaub mir doch mal, ich kenn mich hier aus.“

Markus sagte nichts. Er wollte sich hier im Nichts nicht auskennen. Wahrscheinlich führte das hier zum Chaos, wenn man eine Station woanders aufstellte, einen markanten Baum fällte oder das Schild: „Eier von freilaufenden Hühnern“ wegnahm.

Als er sein Versetzungsgesuch stellte, hatte er sich etwas weniger Ländliches vorgestellt.

Beide hingen ihren Gedanken nach, als Helena plötzlich sagte: „Da ist es auch schon!“

Tatsächlich zeichnete sich rechterhand ein Haus ab. Als erstes fiel Markus ein Türmchen auf, das an der Seite des zweistöckigen Hauses klebte. Von der Straße, auf der sie unterwegs waren, ging ein kleiner Weg nach rechts, der über eine in drei Bögen geschwungene Brücke führte.

„Das glaub ich jetzt nicht“, murmelte Markus, „Was ist das hier?“

„War mal ein Wasserschlösschen“, erklärte Helena. „Die sind hier gar nicht so selten. Aber das Haus von Herrn von Rothenstein ist besonders gut in Schuss.“

Sie fuhren über die kleine Brücke direkt in einen Innenhof. Hier parkten einige Autos, fast alles dicke Schlitten, nur etwas abseits stand ein kleiner Renault Twingo älteren Baujahrs, aus dem ein Mann stieg. Er hatte eine Anzughose an, dazu einen Pullover und darüber trug er einen offenen Mantel. Das Alter war schwer zu schätzen. Seine jungenhaften Züge passten gut zu den blonden Haaren und den dunkelblauen Augen. Beim Näherkommen stellte Markus fest, dass er zwar einen leichten Oberlippenbart trug, aber am Kinn nur einzelne Haare sprossen. Vielleicht trug das zu dem alterslosen Aussehen des Herrn bei. Er grinste und rieb sich vergnügt die Hände, als wäre der heutige Anlass ein großer Spaß.

„Hallo! Ich bin Nils Abwild, der Pastor, der angerufen wurde.“ Markus und Helena blieben stehen. „Und Sie? Gehören Sie zur Familie?“ Er musterte sie interessiert.

„Nein, Kriminalpolizei. Wir ermitteln hier. Kommissar Steiner und meine Kollegin Besseling“, stellte Markus sie vor.

Wieder das begeisterte Händereiben.

„Aber sie wissen schon, dass es sich hier um einen Mordfall handelt?“, fragte Markus weiter, den die Begeisterung des Pastors irritierte.

„Ja, ja. Tragisch!“ Die Gesten Pastor Abwilds straften seine Worte Lügen.

Markus zog die Mund-Nasen-Maske aus der Tasche und setzte sie auf. Der Abstand von 1,50 Metern war nicht eingehalten. Helena schaute ihn über ihre Rentier-Maske strafend an. Ach ja, die Einmal-Maske war nicht umweltfreundlich.

„Und man hat Sie angerufen? Gehört Herr von Rothenstein zu ihrer Gemeinde? Oder einer von den Gästen?“

Jetzt blickte Herr Abwild erstaunt auf. „Was? Nein, ich kenne keinen von ihnen. Ich bin Jugendpastor in der Freien Gemeinde in Billerbeck. Wenn ich das richtig verstanden habe, hat mich die Tochter von Herrn von Rothenstein angerufen und um seelischen Beistand gebeten.“

„Ach, und warum dann Sie? Ich denke, die sind hier alle erzkatholisch!“

„Ja, sind sie auch. Aber ich vermute, dass Frau Wiemann im Telefonverzeichnis unter „Pastoren in der Umgebung“ nachgeschlagen hat. Abwild dürfte ziemlich weit vorne stehen.“

„Ach und für eine solche Aufgabe außerhalb Ihrer Gemeinde haben Sie am Weihnachtsmorgen Zeit? Müssen Sie nicht predigen?“

Jetzt wirkte der junge Mann etwas bekümmert. „Nein, der Hauptpastor predigt. Ich durfte gestern Abend aber die Christvesper leiten“, gab er mit wiedererwachtem Stolz zurück.

„Nun, dann“, meinte Helena, „Vielleicht könnten wir dann hineingehen und uns an unsere jeweiligen Aufgaben machen.“

„Ähm!“, wieder das Händereiben, nur etwas verhaltener, „Ich möchte dazu sagen, dass ich bei meinem Theologiestudium damals dem Ruf Gottes gefolgt bin, aber meine wahre Leidenschaft liegt beim Ermitteln. Ich glaube, wenn mich die Berufung zum Pastor nicht ereilt hätte, wäre ich auch Kommissar geworden.“

Markus stöhnte innerlich auf. Nicht auch noch ein Pfarrer Brown.

„Also, was ich sagen will: Lassen Sie mich Ihnen über die Schulter schauen? Ich störe Sie auch nicht, ich möchte wirklich nur zusehen.“

Markus suchte nach den richtigen Worten, um den ermittelnden Pastor sanft in die Schranken zu weisen, aber Helena war schneller: „Aber klar, das macht uns nichts aus, was Markus? Nach Weihnachten haben Sie bestimmt nicht so viel zu tun, stimmts?“, wandte sie sich an den Pastor.

Etwas anderes als Nicken hätte kleinlich gewirkt, fand Markus. Auch wollte er Helena nicht gleich in den Rücken fallen, aber er nahm sich vor, ein ernstes Wort mit ihr unter vier Augen zu reden.

Sie wandten sich dem Eingang zu und schritten über die dünne, unberührte Schneefläche.

Gemeinsam betraten sie Halle des Wasserschlösschens.

Kapitel 2

Sybille Herschenk, die Haushälterin, hatte die Kommissare und den Pastor hereingebeten und stand nun mit verweinten Augen und hängenden Armen vor ihnen. Markus war sicher, dass sie ihnen unter anderen Umständen Kaffee und Plätzchen oder sogar ein Frühstück angeboten hätte. Heute hatte sie offensichtlich genug damit zu tun, einfach nur zu leben.

„Mein herzliches Beileid“, murmelte er, Helena und Pastor Abwild schlossen sich an. Frau Herscheid nickte nur langsam.

Markus Blick wanderte durch die Eingangshalle. Ein Weihnachtsbaum beherrschte das Foyer, dass sich über zwei Stockwerke erstreckte. Der Baum war klassisch in Rot und Gold geschmückt und glänzte der Trauer zum Trotz. In Höhe der ersten Etage hing eine Girlande aus Tannenzweigen mit weißen LEDs, an der Balustrade und um den Handlauf der großen Treppe waren ebenfalls Tannengirlanden gewunden.

„Wir haben einige Fragen und müssen auch den Tatort sehen“, besann sich Markus wieder auf den Grund ihres Kommens. „War der Erkennungsdienst schon da?“

Er wurde nur mit einem verständnislosen Blick bedacht.

„Können wir das Zimmer sehen, in dem Herr von Rothenstein ums Leben kam?“, versuchte er einen anderen Ansatz. Ob die Spusi dagewesen war, würde man dann ja sehen. Hinterließen ja genug Spuren, die Sicherer.

Jetzt erwachte Frau Herschenk zum Leben. „Natürlich. Kommen Sie, er ist im Arbeitszimmer.“ Wieder flossen reichlich Tränen, als sie mit den dreien die Treppe hinaufstieg.

„Wollen Sie sich nicht um die Angehörigen kümmern?“, zischte Markus dem Pastor leise zu.

„Och, das mach ich später. Erst will ich den Tatort sehen.“

Ein strafender Blick traf Helena, aber die achtete zu sehr auf die Treppe, als dass sie sich hätte stören lassen.

Markus wandte sich wieder Pastor Abwild zu. „Sie bleiben in der Tür stehen. Es wird nichts berührt. Wenn ein Papierchen auf dem Boden liegt, wird nicht aufgeräumt, verstanden?“

Nils Abwild reagierte beleidigt. „Glauben Sie, ich hätte noch nie einen Krimi gesehen? Ich will mich doch nicht selbst in die Schusslinie bringen.“

Markus grummelte. „Gut. Wollte es nur gesagt haben.“

Und schon waren sie am Arbeitszimmer angekommen.

„Ich gehe da aber nicht mit rein“, verweigerte Frau Herschenk jeden weiteren Schritt.

„Das sollen Sie auch gar nicht“, beruhigt sie Helena, „Aber bleiben Sie bitte in der Nähe, falls wir etwas brauchen sollten“

Sie nickte und stellte sich neben der Tür auf.

„Würde es ihnen etwas ausmachen, uns eine Tasse Kaffee zu bringen? Es ist ja noch sehr früh.“ Markus war der Ansicht, dass Frau Herschenk etwas tun musste.

„Natürlich bekommen Sie Kaffee. Ich bin gleich wieder da.“ Und schon lief sie die Treppe hinab. Wäre es doch auch so leicht, den Pastor los zu werden. Aber der stand schon neben der geschlossenen Tür, bereit, nicht eine Sekunde der Tragödie zu verpassen.

Helena hatte schon die Klinke in der Hand. „Bereit?“ Markus nickte.

Ihnen präsentierte sich ein Arbeitszimmer, wie es jedem englischen Herrensitz zur Ehre gereicht hätte. Hohe Fenster, ein Schreibtisch davor. Regale mit Büchern, dicke Teppiche und – Jagdtrophäen. Tote Augen starrten sie von den Wänden an.

Hier könnte ich nicht arbeiten, dachte Helena, ich würde mich ja die ganze Zeit über beobachtet fühlen.

Aber es nützte nichts, genau hier war jetzt ihr Arbeitsplatz. Auch Markus stöhnte und vergewisserte sich, dass der Pastor vor der Tür blieb. Er stand dort und hielt sich am Türrahmen fest, damit er sich weit in den Raum lehnen konnte. „Nichts anfassen!“ zischte Markus ihn wieder an. „Oh!“ Schnell ließ er den Türrahmen los und steckte die Hände in die Manteltaschen. „Tschuldigung!“

Der Geruch des Todes überlagerte alle Gerüche, die sonst in diesem Raum vorherrschen mochten. Helena schaute sich um. Die Bücher in den Regalen wirkten alt. Aber es gab auch eine Reihe jüngeren Datums. Hier standen Schachliteratur, Bücher zur Gartenpflege, und zur Jagd.

Das werden die Hobbys von Herrn von Rothenstein sein, dachte Helena.

Sie ging einen Schritt zum Fenster, um den Schreibtisch besser sehen zu können. Der dicke Teppich dämpfte jedes Geräusch; es war so still, dass Helena den Pastor an der Tür atmen hören konnte.

Auf dem Schreibtisch standen der Computer und ein Glas mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit. Helena beugte sich vor und roch daran. Etwas Alkoholisches, mehr konnte sie nicht sagen. Nun, die Kollegen würden sich das genauer ansehen.

Die Kommissare traten an den Schreibtisch, auf dem Herr von Rothenstein zusammengesackt war. In seinem Rücken steckte ein Brieföffner.

Kapitel 3

„So, wir haben erstmal genug gesehen.“ Markus schob Helena aus der Tür und schloss diese hinter sich. „Wir müssen mit den Angehörigen sprechen. Und Sie“, er wandte sich an Pastor Abwild, „sollten denjenigen aufsuchen, der Sie hierher bestellt hat.“

Pastor Abwild nickte. „Ja, das werde ich. Aber Sie halten mich auf dem Laufenden?“

„Haben wir doch versprochen“, mischte sich Helena wieder ein. Markus biss die Zähne zusammen, um nichts Falsches zu sagen.

Während der Pastor mit wehendem Mantel verschwand, um die Haushälterin nach Frau Wiemann zu fragen, zischte Markus seiner Kollegin zu: „Was soll das? Wir dürfen keine Außenstehenden in laufende Ermittlungen einbeziehen.“

Sie wurde rot. „Tschuldigung, aber so ein Pastor hat doch sicher auch eine Schweigepflicht. Und er ist irgendwie süß.“

Ein vernichtender Blick traf sie. „Süß? Du setzt unsere Ermittlungen aufs Spiel, weil du einen Pastor süß findest?“

Das Rot vertiefte sich. Einerseits tat sie Markus leid, weil auch er den übereifrigen Pastor sympathisch fand, aber es war gegen die Vorschriften. Und er konnte sich gut vorstellen, dass er an Pastor Abwilds Stelle genauso gehandelt hätte. Aber sie mussten sich absprechen, anders ging es im Team nun einmal nicht.

„Wir suchen jetzt Frau Herschenk und versammeln die Angehörigen, damit wir sie befragen können.“

„Außer Frau Wiemann, die spricht ja noch mit unserem Pastor.“

„Das ist nicht „unser Pastor“, der ist uns nur zugelaufen.“ Jetzt grinste auch Markus und Helena fühlte sich gleich besser.

Frau Herschenk teilte ihnen mit, dass die Familie in der Bibliothek versammelt sei, bis auf Frau Wiemann, und dort auf die Kommissare warte.

Die Bibliothek war, im Gegensatz zu ihrem Pendant in altenglischen Herrensitzen, modern eingerichtet. Natürlich gab es auch hier hohe Regale mit Büchern und auch eine rollbare Trittleiter, sowie bequeme Sessel. Allerdings befanden sich diese vor hohen Fenstern, die viel Licht hineinließen. Auf den Tischchen zwischen den Sesseln lagen Laptops. Und die schweren Vorhänge fehlten, stellte Helena fest. Stattdessen hingen durchsichtige Stores in verschiedenen Variationen von Rot an den Fenstern.

Der Blick aus den bodentiefen Fenstern ging in den Garten. Die Schneedecke hier wies nur ein paar Spuren von Vogelfüßchen auf, die sich um ein gefülltes Vogelhäuschen gruppierten.

Der Raum war insgesamt in warmen Rottönen gehalten. Die Sessel und ein bequem aussehendes Sofa waren beige bezogen, die Tapete wies ein dezentes, blassrosa Muster auf und auf dem dunklen Parkettboden lagen wunderschöne, in Rot changierende Teppiche.

In bodentiefen Vasen waren Tannenzweige arrangiert, die mit Mini-LEDs bestückt waren. Auf dem Tisch vor der Sitzgruppe stand ein Adventskranz in rot und Silber.

Die Familie hatte sich auf die Sessel und das Sofa verteilt. Es waren drei Männer unterschiedlichen Alters und eine Frau.

„Guten Morgen und mein herzliches Beileid zum Tod Ihres Vaters und Schwiegervaters“, begrüßte Markus die Gruppe. „Ich bin Kommissar Steiner, das ist meine Kollegin Besseling. Sicherlich haben Sie inzwischen erfahren, dass Herr von Rothenstein einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist. Aus diesem Grunde möchte ich gerne erfahren, wer sie alle sind. Waren Sie alle gestern schon hier?“

Ein Mann, knapp 40, lehnte in einem Sessel, den er mit seinem Körperumfang gut ausfüllte. Er trug eine Chino-Hose und einen locker fallenden, sehr schicken Pullover über einem Polo-Hemd. „Mein Name ist Andreas von Rothenstein. Ich bin der älteste Sohn. Wir waren alle seit gestern hier. Wir sind zu Weihnachten nach Hause gekommen, um das Fest mit der Familie zu feiern, so wie jedes Jahr.“

„Hat das Haus mehrere Ein- und Ausgänge?“, mischte sich nun Helena ein.

„Ähm, ja, schon. Also den Haupteingang natürlich und hier in der Bibliothek kann man in den Garten gehen.“ Er überlegte. „Moment, es gibt noch einen Eingang zur Einliegerwohnung von Frau Herschenk. Der ist an der Seite, neben dem Türmchen. Wird aber selten benutzt. Frau Herschenk kommt durch eine Innentür zu uns und wenn sie Einkaufen muss, oder was anderes in der Stadt zu tun hat, geht sie meistens durch die Haustür.“

„Oh, keinen Dienstboten-Eingang?“ Markus´ Frage klang etwas spöttisch.

„Doch, den gab es tatsächlich mal. Aber mein Vater hat bei der Renovierung alle nicht notwendigen Türen zumauern lassen. Es sind unnötige Kältebrücken, hat er gemeint.“

„Und die Tür zur Einliegerwohnung? Warum gibt es die, wenn sie kaum genutzt wird?“

Andreas von Rothenstein lächelte. „Ich glaube, er wollte Frau Herschenk so viel Privatsphäre wie möglich lassen. Aber auch wenn Frau Herschenk die Tür nicht nutzt, kann eine ihrer Nachfolgerinnen irgendwann einmal dieses Extra doch sehr schätzen.“

Markus nickte. „Na, gut. Diese Tür müssen wir auch genauer überprüfen. Das machen wir gleich. Nun zu Ihnen.“ Er wandte sich an einen Herrn, der zu der frühen Stunde bereits einen Anzug trug. Er war älter als Andreas von Rothenstein, aber mindestens genauso dick. Der gepflegte Kurzhaarschnitt machte die schwabbelige Figur nicht wett.

Vielleicht ist das der Tribut an die Corona-Zeit, dachte Markus. Bis zur Brust gepflegt und repräsentativ, weil man sich ja in Online-Meetings sieht. Aber seit die Fitness-Studios geschlossen sind und man sich nicht mehr vom Schreibtisch wegbewegen muss, geht der Rest in die Breite.

„Ja, mein Name ist Gerd Wiemann“, begann dieser, „Ich bin der Schwiegersohn von Herrn von Rothenstein.“

„Ach, und ihre Frau ist im Gespräch mit Pastor Abwild.“

Gerd Wiemann zog die Augenbrauen hoch. „Heißt der so? Ja, kann sein. Sie kommt, wenn sie fertig ist.“

Markus zückte ein Notizbuch. „Seit wann sind sie hier?“

„Wir sind gestern so gegen Vier Uhr nachmittags gekommen. Wir sind aus Coesfeld. Nachdem wir in der Firma in die Weihnachtspause gegangen sind, habe ich meine Frau abgeholt und wir sind hierhergefahren. Ja, gegen Vier müsste stimmen.“

„Wo arbeiten Sie?“, wollte Helena wissen.

„Ich bin der Geschäftsführer von Rothenstein-Productions. Das ist die Firma, die Herr von Rothenstein gegründet hat.“

Jetzt wandte sich Markus an Andreas von Rothenstein. „Sind Sie auch dort beschäftigt?“

Der schüttelte den Kopf. „Ich bin selbständiger Finanzberater. Mit meinem Vater in einer Firma zusammen zu arbeiten, konnte ich mir noch nie vorstellen. Ich glaube auch nicht, dass das gut gegangen wäre. Wir sind beide Alpha-Tiere. Wir hätten uns zu sehr aneinander gerieben.“

Markus nickte. In vielen Fällen war es besser, Arbeit und Familie zu trennen. Es konnte auch gut gehen, zusammen zu arbeiten, aber da mussten viele Kompromisse eingegangen werden und nicht jeder war dazu bereit.

„Nun ja, die Firma bleibt ja auch so in der Familie.“

Markus räusperte sich. „Gestern Abend haben sie alle mit Ihrem Vater -oder Schwiegervater - zusammengesessen, ist das richtig?“

Andreas von Rothenstein nickte. „Ja, wir haben zusammen Weihnachten gefeiert.“

„Bis wann haben Sie alle zusammen gefeiert?“ Sein Bleistift schwebte über seinem Notizbuch.

Andreas´ Blick schweifte in die Runde. „Bis zehn?“

Die anderen nickten.

„Um zehn ist mein Vater gegangen. Er hat uns eine gute Nacht gewünscht und gesagt, dass er nochmal in sein Arbeitszimmer müsse.“

„Was wollte er dort?“ Markus zog die Brauen zusammen. „Ich meine, es ist Heiligabend, die Familie ist eingeladen und er verzieht sich in sein Arbeitszimmer?“

Andreas von Rothenstein zuckte die Schultern. „So war er schon immer. Wenn er eine Idee hatte, setzte er sie sofort in die Tat um. Was weiß ich, vielleicht hatte er eine neue Idee für die Firma.“

Markus nickte. „Na gut. Und Sie saßen bis wann zusammen?“

Andreas von Rothenstein räusperte sich. „Ähm, meine Frau und ich gingen direkt nach meinem Vater zu Bett. Meine Frau versteht Deutsch nicht gut, wenn Leute schnell durcheinander sprechen. Diese Abende sind für sie sehr langweilig und deshalb wollte ich den gestrigen schnell beenden.“

Gerd Wiemann schnaufte. „Na, auch schönen Dank.“

„Das ist keine Kritik gegen jemanden von Euch, es eine Eigenart meiner Frau.“

Markus mischte sich ein. „Ok, Herr Wiemann, wann sind Sie denn zu Bett gegangen? Sie haben ja dann nur noch mit Ihrer Frau und - wem noch? - zusammengesessen, stimmt´s?

„Ja“. Gerd Wiemann nickte eifrig. „Das ist der jüngere Bruder meiner Frau, Dirk von Rothenstein. Meine Frau und ich sind gegen halb elf gegangen.

Dirk hatte schon zu viel getrunken, um sich noch unterhalten zu können. Da haben wir die Kerzen gelöscht und sind ins Bett gegangen.“

Markus sah ihn konzentriert an. „Und in der halben Stunde, seit Ihr Schwager und seine Frau und Ihr Schwiegervater weg waren, haben Sie das Zimmer nicht verlassen?“

Herr Wiemann überlegte. „Doch, einmal kurz, um zur Toilette zu gehen.“

„Die Toilette ist unten in der Eingangshalle?“

„Da gibt es auch eine.“ Gerd Wiemann wirkte verlegen. „Aber ich bin auf unser Zimmer gegangen. Bei Toiletten, die ich mit anderen Leuten teilen muss, bin ich eigen.“

Markus nickte und notierte sich den Punkt. „Dann können Sie auch nicht sagen, ob Ihre Frau die ganze Zeit dort war?“

Herr Wiemann überlegte. „Als ich wiederkam, versuchte sie, auf Dirk einzureden. Und später ist sie in unser Zimmer gegangen, um ein Buch zu holen.“

Jetzt ruckte Markus Kopf hoch. „Ach, wollte sie lesen?“

„Nein“, Gerd Wiemann schüttelte den Kopf. „Wir hatten uns über Vögel unterhalten und sie wollte mir in einem Vogelbuch etwas zeigen.“

Markus sah sich um. „Wir sind hier in einer Bibliothek. Kann es wirklich sein, dass es hier kein Vogelbuch gibt?“

Auf Gerd Wiemanns Gesicht malte sich Erstaunen. „Aber wir waren doch gar nicht hier. Wir haben im Wohnzimmer im ersten Stock gefeiert.“

Markus räusperte sich. „Ach so. Nun, das müssen wir uns dann auch noch anschauen.“

Er betrachtete den letzten Mann, der in seinem Sessel beinahe eingedöst war. Er war jünger, Ende zwanzig, Anfang dreißig, schätzte Markus. Und die Corona-Zeit hatte ihn nicht dick werden lassen. Seine lange, dünne Gestalt war wie eine Schlange auf dem Sessel zusammengerollt. Er schien keine Online-Meetings zu machen, denn er wirkte auch oben nicht gepflegt, sondern sein braunes Zottelhaar war weder gekämmt, noch schien es sich an eine Art Frisur zu erinnern. Sein Gesicht hatte einen ungesunden Teint und wies schorfige Stellen auf. Er war auch noch nicht angezogen, über seinen Schlafanzug hatte er lediglich einen Morgenmantel geworfen.

„Und Sie sind Dirk von Rothenstein?“ Markus schaute den jungen Mann fragend an, der eine kleine Weile brauchte, bis er merkte, dass er gemeint war. Er entrollte die schlaksige Gestalt und schob sich in eine sitzende Position.

„Hmm“, nuschelte er. Mehr kam nicht.

„Und seit wann sind Sie hier?“

„Hä? Ich wohn hier.“

„Aha. Und arbeiten Sie in der Firma ihres Vaters oder sind sie woanders beschäftigt?“

Ein unverständiger Blick traf Markus. „Oder sind Sie selbständig?“

Dem Jungen musste man ja alles aus der Nase ziehen.

„Ne, ich wohn hier“, wiederholte er.

„Ja, das habe ich verstanden. Aber was arbeiten Sie?“

„Nichts. Ich muss nicht arbeiten. Wenn ich hier wohne brauch ich keine Miete und kein Essen zu bezahlen. Wozu soll ich dann arbeiten?“

„Naja, viele möchten ein Auto und sonst was haben“, warf Helena ein.

„Audi R8, hat mein Alter mir zum 18. Geburtstag geschenkt. Für Steuern und Versicherung kommt er auch auf. Benzingeld schnorre ich so nebenbei. Ich brauch nicht viel, bin nur ab und zu mal bei paar Kumpels.“

„Na gut, dann wissen wir Bescheid.“ Markus markierte seinen Eintrag mit einem fetten Ausrufezeichen. „Aber wir kommen nochmal darauf zurück.“

Markus hob einen Finger. „Können Sie uns sagen, ob Frau Wiemann den Raum verlassen hat, bevor sie das Buch holen ging?“

„Hä? Ach so, gestern Abend. Als Gerd weg war, hat sie die ganze Zeit auf mich eingeredet, dass ich mein Leben in die Hand nehmen soll. Nein, die war nicht weg. Leider nicht.“

„Danke. Und wann sind Sie ins Bett gegangen?“

„Keine Ahnung. Ich bin aufgewacht, hab gesehen, dass keiner mehr da war und bin in mein Zimmer gegangen.“

„Oh. Naja, vielleicht fällt Ihnen ja doch noch ein, wann ungefähr das gewesen sein könnte.“

„Wie Sie meinen.“ Dirk von Rothenstein war bereits wieder dabei, seine eingerollte Position einzunehmen. Es stand zu befürchten, dass er diesmal fest einschlafen würde, was Markus aber nicht weiter interessierte.

„Und wer sind Sie?“, fragte er die einzige Frau im Raum, die gerade an das Sofa gelehnt dasaß. Sie war klassisch schön, mit langen schwarzen Haaren und sehr schlank, aber nicht so dünn und schlaksig wie ihr Schwager Dirk.

„Ich bin Marla von Rothenstein, Andreas Frau.“ Der Akzent verriet die osteuropäische Herkunft, die ihre Schönheit schon vermuten ließ.

„Und Sie sind gestern mit ihrem Mann zusammen hier angekommen?“

Sie nickte. „Ja, wir waren so gegen 6 Uhr abends da, nicht?“ Sie schaute ihren Mann an, der bestätigend nickte und erklärte: „Wir kommen aus Ascheberg. Das ist schon etwas weiter als Coesfeld.“

Markus nickte. Er wusste, wo Ascheberg war. Er schätzte die Fahrtzeit auf 30-40 Minuten, je nachdem, wo sie in Ascheberg wohnten. Coesfeld war in 10 Minuten erreichbar.