Am liebsten barfuß - Chris Livina - E-Book

Am liebsten barfuß E-Book

Chris Livina

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Beschreibung

Der wurzellos aufgewachsene Joel Terlizzi findet in der emotional vernachlässigten Lin Stroker seine erste Liebe. Die beiden Teenager bauen eine innige Bindung auf und heilen aneinander- die Schatten der Vergangenheit verblassen. Joel ist attraktiv und wird mehr und mehr zur Projektionsfläche weiblicher Fantasien und rutscht in Intrigen, aus denen er sich nicht mehr allein befreien kann.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 422

Veröffentlichungsjahr: 2024

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© 2021 Chris Livina

Umschlaggestaltung: Ria Raven Coverdesign

Aquarell: Andrea Kux, www.kux.design

Verlag & Druck: Tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig.

Bibliografische Information der deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-347-06556-7 (Hardcover)

ISBN 978-3-347-05859-0 (Paperback)

Prolog

Vanessa Davis verstaute ihren Arbeitsordner auf dem Rücksitz, ihre Kollegin kam ebenfalls aus einem Familientermin. »Wie war’s?«, fragte Jana Wickham und zündete sich eine Zigarette an.

»Jana, ich will nicht, dass du in meinem Auto rauchst. Mach wenigstens das Fenster auf.«

Die junge Frau ließ die Scheibe herunter und blies den Rauch nach draußen.

Vanessa startete den Motor und fuhr den Schotterweg vom Campingplatz hoch. »Ich muss zugeben, Pat Stroker ist ein herzensguter Kerl. Aber nach dem Tod seiner Frau scheint ihm alles zu entgleiten. Der ganze Haushalt ist ein Saustall und versinkt im Chaos. Ich weiß nicht, ob wir Linnéa in der Familie lassen können. Stroker ernährt sie mit Toastbrot und Schokopudding, er achtet kaum auf sie. Jedes Mal, wenn ich sie sehe, hat sie dieselben, stinkenden Sachen an. Vom Kindergarten erhalte ich regelmäßig Anrufe, weil er vergisst, sie abzuholen. Dann auch noch dieses Hausschwein, das überall hinkotet. Das sind Zustände …« Sie fasste sich an die Stirn. »Mir wird schlecht, wenn ich daran denke, dass Lin im Sommer in die Schule kommen soll.«

»Schlimm«, entgegnete Jana.

»Es bricht mir das Herz, dass sie jedes Mal auf meinen Schoß klettert, wenn ich komme. Sie klammert sich an mich und lässt mich kaum gehen.« Vanessa schluckte schwer und erwischte einen Parkplatz vor dem Jugendamt. »Sie ist völlig ausgehungert nach Liebe.«

»Sind sie das nicht alle? Wir haben keine Pflegeplätze für Kinder wie Lin. Es sind keine Drogen im Spiel und Patrick Stroker ist nicht gewalttätig. Passt diese Frau aus dem Laden noch auf sie auf?«

»Sie zieht die Kleine heraus, sooft sie kann. Aber die Mutter kann sie natürlich nicht ersetzen.«

»Wenigstens das.« Jana drückte die schwere Tür zum Jugendamt auf. »Trotzdem müssen wir die Familie im Auge behalten.«

Am gleichen Abend in einer anderen Gegend

Teresa Terlizzi stand am Bett ihres fünfjährigen Sohnes und schluckte schwer an der Verzweiflung, die seit Tagen ihren Hals zusammendrückte. Ihr Blick glitt über ihn, seine dunklen Locken kringelten sich auf dem Kopfkissen und seine Wimpern zitterten im Traum. Teresa seufzte. Es war nach zweiundzwanzig Uhr, sie hatte ihn so lange wie möglich schlafen lassen. Aber nun war keine Zeit mehr, ihn zu bewundern. »Joel, wach auf.« Sie strich ihm die weichen Haare aus dem Gesicht.

»Mama«, schnaufte er. »Was ist?«

»Wir müssen los, Liebling. Sonst erwischen wir den Nachtzug nicht mehr.«

»Wohin fahren wir denn?« Mit einem Schlag war der Junge wach und registrierte den gepackten Koffer, die volle Reisetasche und die leer geräumten Regale.

»Ich weiß nicht«, antwortete Teresa und hob seinen kleinen Körper aus dem behaglichen Bett. Sie überlegte. Den Schlafanzug musste er wohl anbehalten, seine Kleidung hatte sie schon eingepackt.

»Müssen wir wieder weg?«

Sie bemerkte, wie er versuchte, ein Schluchzen zu unterdrücken, was ihr einen Stich versetzte. »Ja, leider.« Teresa drückte ihn an sich und wünschte, sie könnte ihm etwas anderes sagen. Aber die Zeit tickte gnadenlos und der Erste des Monats kam mit dem Sonnenaufgang am nächsten Tag. Der Vermieter gab keinen Aufschub mehr mit der Miete, sie waren schon ein Vierteljahr im Rückstand und mussten die Wohnung räumen. Teresa schmiegte ihre Wange an seine. »Komm jetzt. Wir schaffen es sonst nicht.« Sie setzte Joel auf die Füße und nahm das Gepäck. »Zieh die Türe leise hinter dir zu. Hast du Mr. Poo?«

»Ja.«

Fröstelnd trat Teresa mit dem Gepäck auf die Straße, Joel dicht neben sich. Kaltes Nachtlicht fiel auf das Kopfsteinpflaster. Ein Taxi wartete am Straßenrand und Teresa gab dem Fahrer ihr letztes Geld. »Zum Bahnhof, bitte.«

Die Fahrt war kurz. Am Bahnhof umfasste Teresa Joels Hand, doch er stolperte hinter ihr her. »Mama«, bat er. »Bring mich ins Bett.«

Teresa brach der Schweiß aus. Ungeduldig schob sie den Riemen der schweren Reisetasche zurück auf ihre Schulter. »Du kommst jetzt, Joel!« Sie setzte den Koffer ab und sah auf die Uhr, was ihren Puls nach oben trieb. »Wenn wir nicht in fünf Minuten am Bahnsteig sind, fährt der Nachtzug ohne uns, unsere Tickets verfallen!«

»Ich gehe nicht weiter!« Mit einem unwilligen Laut setzte sich Joel mitten auf den schmutzigen Bahnhofsvorplatz und drückte Mr. Poo an sich, als wäre er das Einzige auf der Welt, was ihm Halt gab. Teresa ächzte mit dem Gepäck heran und zog ihn am Arm hoch. »Im Zug kannst du schlafen.«

»Geh alleine!«, heulte er auf und machte sich extra schwer. Teresa wuchtete das zappelnde Kind hoch, balancierte die Reisetasche und schleppte den Koffer mit der anderen Hand. Ihr Sohn gebärdete sich wie wild und schlug mit den Fäusten auf sie ein. Das Stofftier flog zu Boden. »Mr. Poo!«, kreischte Joel und rutschte Teresa vom Arm. Hart prallte er mit den Knien auf den Asphalt, wo er das geliebte Tier aufhob und ans Herz drückte. Teresa ließ die Reisetasche und den Koffer fallen.

»Ich komm jetzt, Mama.« Schuldbewusst humpelte er auf sie zu. Teresa drückte den Kleinen an sich, schluckte die Tränen herunter und gab ihm einen herzhaften Kuss. »Alles okay?«

Er nickte, umschlang sie mit seinen Ärmchen und verbarg seinen Kopf an ihrer Brust. Teresa hielt ihn an sich gepresst, hievte das Gepäck hoch und erreichte in letzter Minute den Bahnsteig. Im Zug sanken sie entkräftet in die Sitze. Joel knibbelte einen steif gewordenen Kaugummi aus dem abgewetzten Polster und hob seinen Kopf zu seiner Mutter. »Wir kommen aber wieder, oder?«

Teresa schluckte schwer. »Ich weiß nicht«, antwortete sie matt.

»Ich spiele doch morgen mit Thomas«, erinnerte sie Joel. »Wir bauen die Sandburg fertig und seine Mutter macht uns den Rasensprenger an. Du bringst mich doch hin?«

»Schauen wir mal.« Teresa schluckte und kam sich schäbig vor. Wann konnte sie diesem Kerlchen endlich ein Zuhause bieten? Joel seufzte, zog die Beine an und kuschelte sich mit Mr. Poo an sie. Teresa breitete ihren Mantel über ihn.

»Weck mich rechtzeitig«, murmelte er, bevor der Schlaf ihn übermannte. Mit seinem Kopf auf dem Schoß fuhr Teresa in einen neuen Morgen, in eine unbekannte Zukunft. Sie lehnte den Kopf an die ratternde Scheibe und schloss die Augen.

Zehn Jahre später

Lin klappte den Ordner zusammen und ließ den Bleistift auf den abgegriffenen Tresen fallen. Eineinhalb Stunden stand sie nun hier und kontrollierte Pats lückenhafte Buchführung. Sie fuhr sich durch die strähnigen blonden Haare und stützte ihre Unterarme auf die Theke. In einem Anflug von Müdigkeit bedeckte sie ihre Augen. Das Läuten der Türglocke, die lose an einem Bindfaden über der Tür baumelte, ließ sie aufsehen. Zwei Camper in Khakihosen und Baseballkappen betraten die schummerig beleuchtete Holzhütte, die als Rezeption des Campingplatzes ihres Vaters diente. Lin lächelte, trotz ihrer Erschöpfung.

»Guten Abend, Miss«, sagte der größere der beiden. »Sind Sie hier zuständig?«

»Ja«, erwiderte Lin und reckte sich ein wenig vor. »Kann ich Ihnen behilflich sein?«

Die beiden Camper sahen sich verdutzt an, und Lin wusste sofort, warum. Fremde Leute schätzten sie jünger, dabei war sie fast fünfzehn.

Dann räusperte sich der Kleinere. »Wir benötigen einen Zeltplatz für das Wochenende, zwei Erwachsene. Wir wollten eigentlich zwei Orte weiter, nach Cestward, hatten aber eine Reifenpanne, deshalb sind wir hier.«

Lin reckte die Schultern. »Zwei Erwachsene, ein Zelt. Natürlich, wir haben noch Plätze frei. Möchten Sie am Fluss campen oder lieber etwas ruhiger?«

Wieder tauschten die Männer einen Blick. »Am Wasser wäre schön.«

»Gut. Ich zeige Ihnen den freien Platz. Sie haben Glück. Heute Morgen ist er wieder frei geworden. Die Toiletten befinden sich in den Waschräumen gegenüber der Rezeption.« Sie wedelte mit der Hand in Richtung Tür. »Warm duschen können Sie ab sechs Uhr. Benötigen Sie Petroleum?« Lin reichte den Toilettenschlüssel über den Tresen. Auf dem angeketteten Holzetikett prangte eine eingebrannte Fünf.

»Petroleum wäre prima«, erwiderte der Kleinere und sie kauften ihr eine Plastikflasche ab.

Ein freudiges Kribbeln stieg in Lin hoch. Pat würde stolz auf sie sein und sagen, die Geschäftstüchtigkeit hätte sie von ihm. Sie rechnete den Wochenendpreis ab und schlug um zwei Dollar auf, wie ihr Vater es ihr eingebläut hatte. Schweißperlen bildeten sich auf ihrer Oberlippe, sie hasste es, unehrlich zu sein. Doch sie schluckte ihre Bedenken herunter und die Camper bezahlten, ohne sich zu beschweren.

Erleichtert nahm sie die alte Taschenlampe vom Haken und geleitete die Gäste zum Zeltplatz. Zielsicher glitt sie auf ihren Sandalen durch die Dunkelheit und die Camper wankten schwer bepackt hinter ihr her. Lin leuchtete die flachste Stelle am Flussufer ab und wartete, bis sie ihre Petroleumlampe entzündet hatten. Die Männer begannen mit dem Zeltaufbau und Lin verabschiedete sich. Sie lief zur Holzhütte zurück, schloss leise die Tür und spitzte die Ohren. Na klar, Pat schnarchte auf seinem schäbigen Sessel, die Übertragung des Baseballspiels war längst vorüber. Lin schlich in das erhitzte Wohnzimmer, das nur durch einen alten Vorhang vom Empfangsraum getrennt war, schaltete den Fernseher aus, nahm behutsam Pats Brille von seiner Nase, legte sie auf den von Zeitschriften überquellenden Tisch und löschte das Licht. Dann huschte sie zurück in die Rezeption und streckte sich auf der Holzbank neben dem Tresen aus. Sie musste die Stellung halten, falls bis Mitternacht noch ein Camper hereinschneite. Ein letzter Blick auf ihre Armbanduhr, halb elf. Dann fielen ihr die Augen zu.

Joel

Joel schaltete sein Nachtlicht ein und wieder aus. Doch das Zimmerchen mit den hellgrauen Holzplanken, den Dachschrägen und dem Bullauge als Fenster blieb, wie es war. Er kuschelte sich tiefer in sein Kissen und knipste die Lampe an. Sie beleuchtete das Segelschiffmodell auf seinem Nachttisch. Claas, sein Vater, hatte es ihm zum achten Geburtstag geschenkt, als er Teresa einen seiner seltenen Besuche abgestattet hatte.

»Auf so einem Segelschiff hab ich mal angeheuert«, hatte er Joel zugeraunt, als der festgestellt hatte, was unter dem bunten Knisterpapier verborgen gewesen war. Es war wohl Seemannsgarn gewesen, das sein Vater gesponnen hatte, denn die Schiffe, mit denen Claas die Welt umkreist hatte, waren schwere Hochseeschiffe mit starken Motoren. Joel seufzte, knipste das Licht wieder aus und starrte ins Dunkel. Alles war fremd hier. Ein fremdes Zimmer in einem fremden Haus, ein fremdes Bett mit anders riechender Bettwäsche. Stille statt Straßenlärm. Joel drehte den Gedanken herum. Für das Zimmer, für das Bett und für alles um ihn herum war er der Fremde. Wieder einmal. Er verschränkte die Hände hinter dem Kopf und versuchte zu sortieren, wie der Tod seines Vaters gerade sein Leben auf den Kopf stellte. Ein Gehirntumor, hatte seine Mutter gesagt und furchtbar geweint. Sie hatten es erfahren, weil die Zahlungen für Joel ausblieben, die Claas sonst regelmäßig überwies. Nachdem Teresa bei den Behörden nachfragte und darlegen musste, dass sie Claas’ rechtmäßige Ehefrau war, unterrichtete man sie darüber, dass er in einer Klinik in Kentucky gestorben sei.

»Was zum Teufel hat er denn in Kentucky gemacht?«, hatte Teresa die Frau am Telefon angeschrien, die darauf aber keine Antwort wusste. Tage später war ein Testament eingetroffen, in dem Claas ihr sein Kapitänshaus in Wrestlington vermachte. In dessen Mansarde lag Joel nun. Nachdem seine Mutter den Inhalt des Briefes erfasst hatte, rief sie Joel zu: »Pack die Koffer, Junge, und raus hier aus der engen Hütte!«

Tja. Und heute hatte sich dann der Schlüssel des alten Holzhauses gedreht und Teresa war eingezogen mitsamt zwei Koffern voller Blumenkleider, ihrem Plattenspieler und sämtlichen Operetten auf Vinyl. Und da waren sie nun. Neuanfang hundertzwanzig? Joel trommelte mit den Fingern gegen die Holzverkleidung über seinem Bett und gab es auf, nachzuzählen.

Linnéa

Pat pustete noch vor sich hin, als Lin am nächsten Morgen erwachte. Helles Sonnenlicht filterte sich durch die mit Fliegenschissen besprenkelten Fenster. Lin seufzte. Mann, dieses ewige Putzen. Einen Moment sah sie zu, wie die Sonne helle Kringel auf die Holzdielen malte. Lin streckte sich, dann stand sie auf. Trotz der harten Liege hatte sie gut geschlafen und fühlte sich erfrischt. Leise öffnete sie die Tür und achtete darauf, dass das Glöckchen am Türrahmen nur mit einem sachten Klingeln hin- und herschwang. Draußen sog sie die frische Morgenluft ein und lächelte, weil warme Brisen darin einen herrlichen Sommertag versprachen.

Am Becken, wo die Camper ihr Geschirr abspülten, spritzte sie sich etwas Wasser ins Gesicht und putzte die Zähne. Dann band sie ihre langen Haare zu einem schnellen Knoten. Eilig schwang sie sich auf den gelben Drahtesel ihrer Mom und strampelte vom Campingplatz den Schotterweg hinauf zum kleinen Lebensmittel-Laden an der Straße. Knirschend schaltete sie in einen leichteren Gang. Puh, lange würde das alte Ding nicht mehr durchhalten.

Lins Ankommen blieb nicht unbemerkt, Ruth öffnete ihren Laden in aller Frühe, und jetzt stand sie mit ihrer gestreiften Schürze in der Tür und beschattete ihre Augen mit der Hand. »Morgen, Lin. Du bist wieder mal früh auf den Beinen.« Lachfältchen umrahmten ihre hellblauen, sehr wachen Augen wie ein feines Spinnennetz.

Lin stieg ab und lehnte das alte Rad gegen die Bank, die zum Verweilen vor dem kleinen Geschäft einlud. »Ja, ich will Pat mit Frühstück überraschen. Damit fängt der Tag immer gut für ihn an.«

»Du solltest besser mal ausschlafen, wie andere Kinder in den Ferien. Komm rein.«

Lin folgte ihr in den Laden und überging die gut gemeinte Rüge. »Ich brauche zwölf Eier und ein Paket Bacon.« Lächelnd reichte sie Ruth ihren Fahrradkorb über die blitzblanke Theke. »Mehr kann ich heute nicht kaufen, ich habe nur drei Dollar fünfzig dabei.« Sie händigte ihr das Geld aus, inklusive dessen, was sie gestern den Campern zu viel berechnet hatte.

Ruth nickte. »Du bist Gold wert, Kleines. Dein besoffener Vater weiß das gar nicht zu schätzen.«

»Es ist schon okay«, erwiderte Lin und schluckte gegen den Kloß an, der plötzlich in ihrer Kehle wuchs. Niemand sonst durfte so über Pat reden. Aber die Ladenbesitzerin sagte immer genau das, was sie dachte, und hatte durch ihre direkte, etwas forsche Art nicht nur Freunde. Nun beugte sie sich über die Theke. »Ach, Kind. Ich vergesse immer, wie groß du geworden bist. Ich habe immer noch die fünfjährige Lin vor Augen, die sich zu mir flüchtet.«

Lin erwiderte ihr warmes Lächeln. »Bei dir ist es immer schön, ich würde gern nochmal wie ein Küken unter deine Flügel kriechen.«

Ruth lachte auf. »Du bist jederzeit willkommen, Liebes.«

Lin drückte Ruths Hände, die mit den Jahren runzeliger geworden waren. »Ich muss leider los, sonst wacht Pat auf, bevor ich fertig bin.« Sie winkte ihrer Freundin, nahm ihren Korb und schnallte ihn auf den Gepäckträger, doch irgendwie rutschte er ab und knallte mitsamt dem Einkauf auf den Schotter. »Oh, Mist.« Lin ging in die Hocke, ein Ei war zerbrochen, Eiweiß floss über ihre Finger. Sie sammelte den Bacon und die restlichen Eier ein. Vielleicht war es sicherer, die Einkäufe zu Fuß nach Hause zu bringen, über das kaputte Ei würde sich bestimmt ein Fuchs freuen. Sie rollte das Fahrrad an den Straßenrand und legte es in Gras, sie konnte es später holen. Jetzt aber nach Hause! Schnellen Schrittes lief Lin den Schotterweg hinunter und rannte über den Rasenstreifen zur Hütte. Leise öffnete sie die Tür und schlich in die schmale Küche hinter dem Wohnzimmer. Dort bereitete sie ihrem Vater ein wunderbares Frühstück. Sie schäumte Kaffeemilch auf und presste drei Orangen, die ihre frischesten Zeiten schon überdauert hatten. Dann briet sie den Bacon mit den Eiern. Als sie fertig war, trug sie das beladene Tablett in das muffige Wohnzimmer.

Patrick war durch das Geklapper in der Küche erwacht, setzte seine Brille mit den dicken Gläsern auf und langte über den Couchtisch nach seinem Baseballcap. »Morgen«, brummte er und schaute sie aus verquollenen Augen an.

»Hi Dad!«, flötete Lin.

»Sieht ja prächtig aus.« Seine Mundwinkel wanderten Richtung Ohren. Und in Lin ging in diesem Moment die Sonne auf, denn in dem kleinen Lächeln spiegelte sich der Vater, der er früher gewesen war und den sie nun so schmerzlich vermisste. Sie reichte ihm den Teller. »Guten Appetit, Dad.« Zufrieden sah sie zu, wie er Ei in seinen Mund schaufelte.

Joel

Der Duft sonnengewärmten Holzes durchdrang jede Ritze des Kapitänshauses, als Joel verschlafen aus seinem Zimmer tappte. Seine Mutter rumorte im Wohnzimmer und er stieg die knarrenden Stufen hinab. Teresa hatte die Tücher von den Möbeln genommen und füllte Wasser in einen Eimer. »Ich trete heute den Hausputz an«, verkündete sie und blies eine schwarze Haarsträhne aus dem leuchtenden Gesicht.

»Soll ich helfen?«, fragte Joel und ging zum Kühlschrank, dessen Griff er vor lauter bunten Magneten kaum fand. Seine Mutter wedelte geschäftig um ihn herum. »Später vielleicht. Willst du dich nicht erstmal umsehen?«

Joel fand einen Rest Sandwiches von der Zugfahrt hierher, etwas zusammengedrückt, aber noch genießbar. Er biss hinein und lief über die knarrenden Holzdielen. Licht ergoss sich aus Sprossenfenstern darauf und Joel schaute in die zahlreichen Winkel seines neuen Zuhauses. Fotografien zierten die vertäfelten Wände, sie zeigten Schiffe, Claas mit der Hand an der Mütze, Claas winkend an der Reling. Derweil wedelte seine Mutter geschäftig um ihn herum, gab ihm einen Kuss auf den Schopf und flötete: »Joel, Schatz, leg mir Aida auf, dann kann ich schneller arbeiten.«

»Noch schneller?«, brummte Joel, gehorchte aber. Kurz danach trällerte Teresa Aida zur verkratzen Schallplatte.

Joel lief nach oben in die Mansarde und knallte die Tür zu. Teresas ewiges Gedudel nervte ihn so, dass er sich weigerte, ein Instrument zu erlernen. In der Schule in Worcester hatte er den Blockflötenunterricht boykottiert, weil er sich so blöd dabei vorgekommen war. »Ich bin doch kein Faun!«, hatte er die Lehrerin angefaucht und ein glattes F kassiert. Was ihn wohl an der neuen Schule in Wrestlington erwartete?

Linnéa

Nach dem Frühstück räumte Lin das Wohnzimmer auf und beobachtete aus dem Augenwinkel ihren Vater, der nun ein frisches T-Shirt anzog, das über seinen mächtigen Bauch spannte. Die Fettflecken auf seiner Brille störten ihn nicht. Er machte eine prustende Katzenwäsche am Küchenwaschbecken und fuhr sich durch die wirren, grauen Haare. Immerhin. Lin schüttelte die Sofakissen auf und stellte das gebrauchte Geschirr in die Spüle, als Pat rüber in die Rezeption schlurfte und sie öffnete.

Lin machte innerlich einen kleinen Luftsprung. Herrlich, er kriegte es hin. Damit hatte sie Freigang bis zum Abend. Sie holte ihr Duschgel und wollte das Blockhaus verlassen, konnte sich aber nicht verkneifen, einen prüfenden Blick in das Regal unter dem Verkaufstisch zu werfen.

»Schon gut, Lin. Ich habe keine Bierflasche unterm Tresen versteckt«, brummte Pat. Mit seinen dicken Fingern schob er sich einen Bleistift hinters Ohr, wie er es schon immer gemacht hatte, und warf ihr ein entwaffnendes, wenn auch blasses Lächeln zu. Lin schluckte. Pat konnte so lieb sein, und sie hasste es, ihm zu misstrauen.

»Okay, Dad. Ich … es tut mir leid.«

»Tut es nicht«, entgegnete er und verfolgte sie mit seinem Blick. »Ach, Lin. Nimm nicht schon wieder eins der Leih-Badetücher. Wir haben nur noch drei, wie soll ich Geld damit machen, wenn du sie dauernd benutzt?«

»Ich kann nachher waschen. Aber es wäre gut, wenn du dir die Waschmaschine anschaust. Seit Wochen kommt nur noch kaltes Wasser, da stimmt doch was nicht.« Sie zog die Tür hinter sich zu und ging zu den Waschräumen hinüber. Die Camper hatten diese bereits verlassen und Lin konnte ausgiebig duschen. Danach hüllte sie sich herrlich duftend in ihr Badetuch, malte eine lachende Sonne auf einen beschlagenen Spiegel und füllte Papierhandtücher nach. Die Abflüsse waren mal wieder verstopft, nur langsam sickerte das Wasser ab und Lin entfernte die nassen Haarknäuel, so gut es ging. Seufzend sammelte sie leere Shampoo Flaschen ein, gab sie in den Müll und brachte den verschnürten Sack in den Container.

Später schlenderte sie auf dem Campingplatz herum und richtete den Blick auf das Gras. Sie achtete auf vergessene Heringe, die noch im Boden steckten.

»Na, Lin!« Cem Booker vom Nachbarplatz kam mit einem Stapel Colakästen um die Ecke, offenbar hatte er den Getränkeautomaten ausgebessert und neu befüllt. Er spannte seine Bizepse unter dem Muskelshirt an und drehte sich so, dass Lin sie bemerken musste. »Machst du wieder dein Hering-Suchspiel?« Er grinste, setzte die Kästen ab und legte lässig seine Arme darauf.

Lin hob die Schultern. »Ist ein super Zeitvertreib. Verletzte Barfußläufer können wir nicht so gut gebrauchen.«

Cem wischte sich mit der Hand über die Stirn. »Hast recht.« Er überlegte einen Moment, offenbar wollte er das Gespräch am Laufen halten. »Wie viele Metallhaken willst du denn heute finden?«

»Vier«, sagte Lin und hätte sich am liebsten den Mund zugehalten. Hoffentlich kam er nicht auf die Idee, ihr zu helfen.

»Vier ist ’ne Menge«, sagte Cem, legte den Kopf schief und hob die Augenbrauen.

Hilfe. Flirtete er etwa mit ihr? Lin trat vorsichtshalber den Rückzug an. »Schön, dass du wieder fit bist, war viel Arbeit ohne dich.«

Er machte eine Muskelmann-Pose und gegen ihren Willen musste Lin lachen. Vielleicht war es besser, sich gut mit Cem zu stellen, Pat brauchte seine Hilfe.

»Ich muss weiter«, sagte sie und strich sich eine Strähne hinters Ohr.

»Lass dich nicht aufhalten, Süße«, flötete er, zwinkerte ihr zu und stemmte die Kästen wieder hoch. »Man sieht sich.«

»Bye.« Lin zog weiter und klemmte die Arme vor die Brust. Cems Baggerei fing langsam an, zu nerven. Sie stockte. Da! Ein vergessener Hering. Nummer eins. Und daneben noch einer. Lin zog beide aus dem Boden und strich die Erde vom Metall. Es begann zu nieseln, und sie suchte am Cone River weiter. Den ganzen Frühling hatte es geregnet, die Wiesen waren völlig durchgeweicht und trotzten saftig grün dem heißen Sommer.

Die Camper von gestern Abend grüßten freundlich. »Hey, junge Dame. Danke für den super Platz, wir können unser Bier im Fluss kühlen. Willst du auch eins?« Doch Lin schüttelte den Kopf, winkte ab und setzte ihre Suche fort. Hinter einem alten Volvo steckte Hering Nummer drei, fast hätte der Hinterreifen ihn erwischt und Pat hätte eine Menge Ärger gekriegt. Sie ließ die Heringe in ihrer Hand hin- und her klirren. Vielleicht könnte man aus ihnen ein Windspiel basteln, wenn man sie in interessante Formen bog? Mal sehen. Lin schlenderte den Weg zurück, bis sie die Anmeldung fast erreicht hatte. Oh, Mist. Das Fahrrad, noch mehr Rost würde ihm nicht guttun. Sie lief los, ihre Füße patschten durch das feuchte Gras, der Regen rauschte nun stärker durch die Bäume. Da lag es vor dem Zaun. Aber … Eine Gestalt stand darüber gebeugt und Lin bremste erschrocken ab. Der nasse Schotter rutschte unter ihren Sandalen weg und ehe sie sich abfangen konnte, stürzte sie in eine Pfütze, die Heringe sprangen aus ihrer Hand. Mist. Fluchend stemmte sie sich hoch. »Hey«, rief sie, kam auf die Beine und stolperte in Richtung des Unbekannten. »Das ist mein Rad«, fügte sie etwas leiser hinzu und blieb am Tor stehen. Die Gestalt hob den Kopf und richtete sich auf, sie war größer, als Lin zuerst gedacht hatte. Sekundenlang starrten sie sich an und Lin erkannte einen Jungen in einer blauen Jacke, den Kopf von einer Kapuze bedeckt.

Sie trat vor. »Das ist mein Rad«, wiederholte sie leise.

Der Junge nickte. Er strich sich eine gebogene, schwarze Haarsträhne aus dem regennassen Gesicht und schob die Kapuze ein Stück zurück, unter der hellblaue Augen zum Vorschein kamen. »Ein Pedal war abgefallen«, sagte er mit überraschend ruhiger Stimme. »Ich hab’s wieder drangebaut. Der Ständer ist auch lose, ich wollte … ähm. Ich kann das reparieren.« Er schluckte nervös. »Wenn du willst.«

Lin atmete voller Misstrauen aus. »Lass mein Rad in Ruhe und hau ab.«

Der Junge trat einen Schritt zurück und wischte sich die Hände an der Jeans ab. Seine Stimme ging im rauschenden Regen fast unter. »Ich wollte es nicht stehlen, ehrlich.«

Sie nahm ihm das Fahrrad ab und wollte sich abwenden. Doch da drehte sich das Pedal in der Kurbel, die seit Jahren lose gewesen war. Pat konnte es nicht reparieren, er hatte es versucht. Lin hob überrascht den Kopf, doch der Junge wich ihrem Blick aus. Barfuß war er, trotz des Wetters, irgendein Werkzeug verschwand halb in seinem Jackenärmel.

»Ich geh dann mal.« Er tat noch einen Schritt rückwärts, dann wandte er sich ab.

»Ähm, danke«, krächzte Lin und schluckte gegen ihr Unbehagen an.

Er drehte sich noch einmal um und als sich ihre Blicke trafen, bemerkte sie neben seinen klarblauen Augen ausgeprägte Grübchen, eingerahmt von dunklen Locken. Nass klebten sie an seinen Wangen. Sein vorsichtiges Lächeln landete mitten in ihrem Bauch und zupfte an ihrem Nabel.

»Wie heißt du?«, fragte er zögernd, während Lin sich am Fahrradlenker festkrallte, um nicht zurückzuweichen und davonzulaufen. »Lin. Und du?«

»Joel.« Einige Atemzüge sagten beide nichts, nur die Regentropfen ploppten weiter in die Pfützen. »Ich muss heim«, sagte Lin schließlich und drehte das Rad Richtung Campingplatz.

»Ciao«, sagte er, und sie hätte schwören können, dass er einen italienischen Akzent in seine Stimme legte, dieser Angeber. Sie drehte sich nicht mehr um und rollte das Rad den Weg hinunter. Vor der Anmeldung blickte sie kurz zurück und suchte die Stelle, wo Joel gestanden hatte, aber er war bereits unter den Bäumen verschwunden.

»Die Heringe hab ich nun in der Pfütze vergessen«, murmelte sie, als sie das Fahrrad in den Verschlag schob. Damit war ihre schöne Nachmittagsbeschäftigung dahin, denn sie wollte auf keinen Fall noch mal in den Regen hinaus. Seufzend öffnete sie die Tür zur Rezeption. Pat war mit Kunden beschäftigt und sah nur flüchtig zu ihr herüber.

Lin ging durch den Wohnraum in die Küche, legte ihre nasse Jacke über die Heizung und spähte in den Kühlschrank. Pat hatte offenbar ein Glas Rollmöpse zu Mittag gegessen. Nur noch einer schwamm in der Brühe herum. Sie grinste. Da war also der vierte Hering! Mit den Fingern fischte sie ihn heraus, setzte sich an den winzigen Tisch und biss hinein. Regentropfen rutschten schnurgerade am Fenster hinunter, während ihre Gedanken durcheinanderwirbelten. »Jo-el«, dachte sie laut. Sein Name hallte in ihr, als hätte sie ihn von einem hohen Berg ins Tal gerufen. Kurz trat sein Lächeln vor ihre Augen, Neugier hatte in seinem Blick gelegen, aber auch Befangenheit. Wo kam dieser Junge nur her? Sie hatte ihn noch nie gesehen, so auffällige Augen wären ihr doch in Erinnerung geblieben. Sie spürte dem Ziehen in ihrem Bauch nach, doch dann fiel ihr Blick auf den unerledigten Spülberg. Seufzend krempelte Lin die Ärmel hoch. Als sie gerade die Hände ins Wasser tauchte, näherten sich Schritte.

»Hast du die Bierflaschen von gestern Abend ausgeschüttet?« Pat trat neben sie und Lin wich mit dem Kopf ein Stück aus. Puh. Wann hatte ihr Dad das letzte Mal geduscht? »Sie waren schal. Außerdem waren es nur Reste.« Ihre Hände begannen zu zittern und sie packte den Spüllappen fester.

Pat rückte näher und Lin hielt die Luft an.

»Ich arbeite doch genug, findest du nicht, dass ich mich auch mal entspannen darf? Lass die Finger von meinem Bier!«

Lin schluckte. Wenn es nur beim Bier bleiben würde. »Sorry, ich …« Sie stockte. Jedes Wort war jetzt zu viel, sie stellte das letzte Glas ab und drückte sich an ihm vorbei. Sie nahm ihre Jacke von der Heizung und schlüpfte aus dem Haus, um seinem Geschimpfe zu entkommen. Regentropfen betupften ihr Gesicht und sie atmete tief ein. Puh, tat die gereinigte Luft gut! Ja, frische Luft brauchte sie, keine dicke, wie so oft in letzter Zeit bei ihr zuhause. Spätestens um acht würde Pat so betrunken sein, dass ihm alles egal war. Er würde auf der Couch liegen, sich die Baseballübertragung ansehen und sie übernahm die Abendschicht. Also alles wie immer. Lin zog die Kapuze über ihren Kopf und trabte durch die langen, grauen Regenfäden.

Ruth

Ruth hatte das Mädchen im Stillen bereits erwartet, sie kreuzte die Arme vor der Brust, als sie Lin den Weg heraufkommen sah. Bei Regen gab es wenig zu tun auf dem Campingplatz und Pat, der versoffene Sack, griff aus Langeweile schon am Nachmittag zur Flasche. »Komm herein, Liebes. Du bist ja auf dem kurzen Stück völlig durchgeweicht.«

Lin nickte. »Es ist nur warmer Regen«, sage sie und nahm das Handtuch entgegen, das Ruth ihr reichte.

»Ist was passiert?«, fragte Ruth beiläufig und goss eine Kanne Tee auf, dann bestückte sie einen Teller mit Schokocookies, die ihre Freundin so gerne aß.

»Pat ist sauer, weil ich die Reste seiner Bierflaschen weggegossen habe. Aber es saßen schon Fruchtfliegen darauf.« Lin drückte das Wasser aus ihren Haaren.

»Du tust nichts Falsches. Patrick sollte sich endlich zusammenraufen, Herrgott nochmal, manchmal frage ich mich, wer von euch beiden der Erwachsene ist.« Ruth biss sich auf die Lippen, um nicht noch mehr zu sagen. Stattdessen winkte sie Lin an den kleinen Tisch im hinteren Raum des Ladens. Obwohl die Kammer überquoll vor Kisten mit Ware, strahlte der Tisch mit der Karodecke und der schiefen Stumpenkerze Gemütlichkeit aus. Ruth schenkte Tee ein und Lin hängte ihre nassen Sachen über eine Stuhllehne. Dann setzte sie sich in T-Shirt und Strumpfhose auf den roten Hocker mit dem Lederbezug, den sie als kleines Mädchen mit schwarzen Klebepunkten verziert hatte.

»Wann willst du ihn eigentlich mitnehmen?«, fragte Ruth schmunzelnd und deutete auf den überdimensionalen Marienkäfer. Doch Lin schüttelte den Kopf. »Der gehört hierher. Das hat er schon immer und ich kann mir nicht vorstellen, ihn zuhause aufzustellen.«

Ein Stück Geborgenheit, dachte Ruth bekümmert. Das ist, was dir am meisten fehlt. Sie verwickelte Lin in ein Gespräch und sie erzählten, bis es dämmerte und der Regen sich langsam verzog.

Joel

Am nächsten Morgen lachte die Sonne vom blitzblauen Himmel. Joel schrubbte die Gartenmöbel und atmete den frischen Duft der Bettwäsche ein, die in der lauen Brise flatterte. Es sah aus, als hätten Geister ihre Laken aufgehängt, um sich unsichtbar davonzumachen. In der Dämmerung kamen sie bestimmt wieder und erschreckten Teresa, indem sie sie in ihren dicken Po kniffen. Joel grinste, aber da tönte die Stimme seiner Mutter aus dem Haus, als hätte sie seine Gedanken gehört.

Er ging hinein und sah sich suchend um. »Wo bist du denn?«

»Hier, im Keller. Die Waschmaschine geht nicht«, jammerte Teresa. In dem Moment, als Joel die Treppe herabstieg, hämmerte sie wutentbrannt mit ihrem Pump auf die Maschine ein.

»Nanu, was sind denn das für Methoden?«, fragte Joel und lachte sich innerlich kaputt. »Sonst trittst du sie doch an.«

»Kann ich nicht mehr. Ich habe mir den Zeh angestoßen. Trete du diese doofe Kuh!«

Joel ging vor der alten Maschine in die Knie. Er entriegelte und schloss sie wieder, alles normal. Dann prüfte er das Stromkabel. »Das ist auch okay«, murmelte er. Schließlich öffnete er eine Klappe rechts unten, zog eine matschige Masse hervor und entfaltete sie zu zwei Hosenbeinen.

»Meine Nylonstrümpfe«, sagte Teresa entsetzt und fasste sich an die Stirn.

»Sie haben den Abfluss verstopft.« Er verschloss die Klappe wieder und schaltete die Maschine an, rumpelnd setzte sich die alte Dame in Gang. »Siehst du? Geht doch.«

Teresa seufzte. »Danke, Schatz. Was täte ich nur ohne dich?«

»Jemand anders auf die Nerven gehen?«

Teresa schnaufte. »Das lasse ich dir durchgehen, weil du mir geholfen hast. Aber komm nicht auf die Idee, du könntest dir fortan solche Sprüche erlauben.« Sie hielt ihm den Finger unter die Nase, den er lachend wegschlug. Dann verzog er sich wieder nach draußen.

Im Garten sah er sich unschlüssig um. Was sollte er nur mit seiner Zeit anfangen? Joel kickte einen Kiesel mit dem Fuß weg, er klackerte die Böschung hinunter. Er sah ihm nach und beschloss, einen kleinen Spaziergang in den Ort zu machen. Mit den Händen in den Hosentaschen schlenderte er barfuß das Wohngebiet hinab, inspizierte Straßen und Vorgärten. Auf einem Platz mit einem Brunnen in der Mitte tummelten sich Jugendliche, die mit ihren Mountainbikes und Skateboards Runden drehten. Mädchen saßen mit baumelnden Beinen auf dem Brunnenrand, schleckten Eis am Stiel und schauten auf ihre Handys. Joel drückte sich in einen Hauseingang. Nicht ohne Neid betrachtete er die glänzenden Fahrräder der Jugendlichen, die in der warmen Sommersonne schimmerten. Doch davon zu träumen, konnte er sich schenken. Er stieß sich ab und ging weiter. Wrestlington war ein überschaubarer Ort, nach einer Dreiviertelstunde hatte Joel ihn durchwandert. Viel gab es nicht zu sehen, auf dem Hügel thronte ein kleiner Lebensmittelladen, der hatte aber gerade Mittagspause.

Auf dem Rückweg kam er an der Stelle vorbei, wo er Lin getroffen hatte. Stirnrunzelnd musterte er das verwitterte Schild, auf dem in gelben Lettern Camping Stroker zu lesen war. Er spähte den Schotterweg hinunter, den sie am Vortag hinuntergefahren war. Sein Blick fiel auf ein Blockhaus mit kleinen Nebengebäuden und eine Wiese, die sich bis zum Waldrand erstreckte. Vereinzelte Zelte standen verstreut herum. Ob sie hier Urlaub machte? Einen Moment lang dachte er an das Mädchen, wie der Regen an ihren blonden Haaren hinabgeperlt war und wie sie ihn angeschaut hatte. Wie ein scheues Reh, obwohl sie ihm zuerst so mutig erschienen war.

Da riss ihn ein Geräusch aus den Gedanken. Ein paar Kinder stürmten mit Lollis bewaffnet an Joel vorbei, durchs Gatter Richtung Campingplatz. Ein kleines Mädchen in Gummistiefeln stolperte auf seiner Höhe und ehe er sie auffangen konnte, klatschte das Kind vor seine Füße, während seine Geschwister weiter rannten. Reflexartig half Joel der Kleinen hoch, die gellend schrie. »Alles okay mit dir?« Er kniete sich zu ihr und streifte den Schotter von ihren Händchen. »Oje, das war ein Schreck, was?« Aus den Untiefen seiner Hosentasche beförderte er ein zerknautschtes Taschentuch und wollte dem Mädchen die laufende Nase abwischen, die es heulend an seinen Pulli schmierte. Vorsichtig strich er ihr die Haare zurück, als ein Junge in seinem Alter den Weg hochgerannt kam. »Was hast du mit meiner Schwester gemacht?«, herrschte er ihn an und zerrte das Kind auf die Beine.

»Sie ist gefallen«, erwiderte Joel. Wohl zu leise, denn ehe er sich versah, schubste der Junge ihn in den Dreck.

»Lass die Finger von ihr! Komm, Gertie!« Schon rannte er den Weg wieder herunter und schleifte seine Schwester hinter sich her. Joel rappelte sich hoch. An seinen aufgeschürften Händen klebte Schotter. »Blödmann!«, schrie er und unterdrückte den Wunsch, dem Kerl hinterherzulaufen. Joel grummelte. Das fing ja gut an. Murrend machte er sich auf den Heimweg. Bis zum Kapitänshaus war es nicht weit. Teresa sang, als er die massive Holztür aufdrückte.

»Hallo, Liebling«, trällerte sie und schob ihn Richtung Küche. »Da bist du ja. Du musst was essen. Ich hab dir was gekocht.«

Joel ging an den Herd. Es roch nun frisch und sauber in der Küche, seine Mutter hatte die Möbel abgewaschen und eine gebügelte Decke auf dem Tisch platziert. Jetzt stand sie mit einer Zigarette im Türrahmen zum Garten. »Wo warst du?« Sie wedelte den Rauch mit der Hand weg.

»Ich hab mich ein bisschen umgesehen.« Misstrauisch hob er den Topfdeckel und stöhnte. »Schon wieder Spaghetti!«

»Na und?«, fauchte Teresa. »Davon wirst du mir auch nicht zu dick.« Sie setzte sich mit einer Zeitschrift an den Küchentisch und sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen unter kräftig getuschten Wimpern an.

Joel seufzte und füllte seinen Teller mit den unvermeidlichen Spaghetti.

Linnéa

Lin blinzelte in die Sonne und umfasste die rostigen Ketten der Schaukel. Ihre Fußspitzen bohrten sich knirschend in den Kies. Es war herrlich ruhig, ein klarer Mittwochmorgen, die meisten Wochenend-Camper waren abgereist. Einige Stammgäste im Rentenalter saßen vor ihren Wohnwagen und lasen die Tageszeitung, die sie in Ruths Laden gekauft hatten. Die Familie mit den fünf Kindern, darunter ein blonder, rotzfrecher Bengel in Lins Alter, brach gerade auf, um ins nahe gelegene Freibad zu fahren. Bald verklangen die Stimmen und Lin sog die vom Morgentau gewaschene Luft ein. Amseln hüpften über die taunassen Wiesen auf der Jagd nach einem fetten Wurm.

Der Morgen lag frisch und neu vor Lin, was würde sie heute wohl erleben? Sie sprang von der Schaukel und trabte leichten Fußes zwischen den Campingwagen hindurch. Unter einigen Mühen überwand sie den natürlichen Wassergraben, der das eine Ende des Campingplatzes begrenzte. Als sie sich schnaufend die Böschung hochzog, quoll krustiger Dreck durch ihre Zehen. Lang machten ihre Sandalen das nicht mehr mit. Oben klopfte sie ihre Kleidung ab, bevor sie ihren Weg durch den Wald fortsetzte. Das federnde Moos dämpfte ihre Schritte. Je weiter sie ins Unterholz vordrang, desto weniger Sonnenlicht fiel durch das grüne Blätterdach der zusammenrückenden Bäume.

Am Weiher angekommen, zog sie ihre Kleidung bis auf den Badeanzug aus, warf alles auf einen Haufen und watete in das verwunschen schillernde Kleinod. Sie quietschte ein bisschen, das Wasser war kälter als vermutet. Nach ein paar Schritten wagte sie sich ganz hinein und das kühle Nass umschloss sie wie eine riesige, kalte Decke. Sie tauchte unter und schwamm, bis ihre Haut prickelte. Dann kletterte sie ans Ufer, um von einem großen Stein wieder ins Wasser zu springen. Ausgelassen erfand sie immer neue Sprungarten. Vorwärts, rückwärts, seitlich, dann versuchte sie, sich in der Luft zu drehen. Völlig außer Atem kroch sie schließlich an Land und zog schlotternd Shorts und Tanktop wieder an. Dann legte sie sich auf den flachen Stein, der ihr vorher als Sprungbrett gedient hatte. Seine sonnengewärmte Oberfläche durchdrang ihre Haut und sie presste wohlig den Rücken an ihn. Seufzend schloss sie die Augen. Herrlich war das. Ferien. War das nicht das schönste Wort von allen?

Joel

Der versteckte Weiher im Wald war Joels Entdeckernatur bereits nach wenigen Streifzügen aufgefallen. Heute war er zum ersten Mal mit der Angelrute seines Vaters zurückgekehrt, um vielleicht einen dicken Fisch für Teresa zu fangen. Ein wenig Abwechslung in der Küche täte ihnen wirklich nicht schlecht. Er kletterte auf einen Baum, nachdem er die Angelrute ausgeworfen und mit einem Bindfaden an einem Strauch befestigt hatte. Den Schwimmer konnte er von hier aus gut im Auge behalten. Zufrieden ließ Joel seine nackten Waden von dem dicken Ast herunterbaumeln. Seine Locken strich er hinter die Ohren und er starrte konzentriert auf die Wasseroberfläche, als Lin plötzlich angestürmt kam und den Weiher so schnell für sich einnahm, dass Joel gar nicht dazu kommen konnte, sich bemerkbar zu machen. Sein Herzschlag verdoppelte sich – ausgerechnet Lin war es, die in seinem Kopf war, seitdem er sie das erste Mal gesehen hatte. Er duckte sich hinter einen belaubten Zweig und hörte auf, mit den Beinen zu baumeln. Still verfolgte er ihre Sprünge und ihr freudiges Plantschen. Doch er biss nervös auf der Unterlippe herum. Irgendwie kam es ihm nicht richtig vor, sie im Badeanzug zu sehen. Dennoch konnte er den Blick nicht abwenden von ihrer zarten weißen Haut, die sich über ihre Schulterblätter spannte, und ihren langen, blonden Haaren, die tropfend an ihrem Schädel klebten. Ihre Jauchzer hallten in seinem Kopf. Wie es wohl klänge, wenn sie seinen Namen aussprechen würde? Ob dann auch so viel Freude in ihrer Stimme liegen würde? Joel verstand nicht, warum er sich das auf einmal wünschte, vielleicht weil ihre Anwesenheit auf ihn wirkte wie das warme Licht, das sich auf dem Weiher spiegelte.

Lin beendete ihr ausgelassenes Toben und Joel lehnte sich vorsichtig mit dem Rücken gegen den Baumstamm. Er rührte sich erst, als sie schon eine Weile auf ihrem Sonnenplätzchen ruhte. In seiner Hosentasche tastete er nach den gesprenkelten Kieseln, die er vor ein paar Tagen gesammelt hatte. Ohne Zögern ließ er sie ins Wasser fallen. Mit einem dumpfen Plumps landete der Erste im Weiher und zog größer werdende Kreise um die Stelle, wo er eingetaucht war. Lin rührte sich nicht. Plomp, der Zweite. Keine Reaktion. Klong, der Dritte. Joel spähte zu ihr hinüber. Nicht mal ein Auge öffnete sie. Er sah sich um. Ein paar Krähen hatten sich im Nachbarbaum niedergelassen. Da holte Joel aus und der letzte Stein krachte in die dünne Kiefer, aus der die Krähen aufflatterten. Mit ohrenbetäubendem Gekreische suchten sie über den Wipfeln der Bäume das Weite.

Linnéa

Von dem plötzlichen Lärm aufgeschreckt riss Lin die Augen auf. Einen Augenblick musste sie weggenickt sein.

Wie ein Apfel fiel er vom Baum. Lin bemerkte ihn sofort und sprang auf die Beine. Für einen Herzschlag hielt sie die Luft an. Joel. Er stand am Wasser und grub die Zehen in das aufgeweichte Ufer. Wie befangen hob er nur kurz die Hand. Dann senkte er seine Hände in die Hosentaschen. Zögernd schlenderte er zu ihr herüber. »Hi.«

Lin staunte über seinen Mut. »Hi«, hörte sie sich erwidern.

»Tut mir leid, wenn ich dich erschreckt habe«, sagte er und grinste schief.

Sie schloss den Mund und fasste sich. »Was willst du denn hier? Hier gibt es keine Fahrräder zu reparieren.«

»Ich angle.« Er deutete auf den schaukelnden Schwimmer in der Mitte des Weihers.

Nervös strich Lin das Wasser aus ihren Haarspitzen. Dann stockte sie. »Wie … lange bist du schon hier?«

»Eine Weile«, wich Joel aus und sah zur Seite.

Er hatte sie gesehen. Albern und kindisch. Ausgerechnet er. Scham stieg in ihren Kopf. Der sollte sich mal nicht einbilden, so was könnte er öfter machen. »Damit eins klar ist. Das hier ist mein Weiher. Ich habe ihn gefunden und teile ihn mit niemandem sonst. Schon gar nicht mit einem, der sich heimlich heranschleicht und halbnackten Leuten beim Baden zusieht. Verschwinde!« Atemlos starrte sie ihn an, gleichzeitig wurden ihre Knie weich. Sein verwunderter Blick aus den hellen Augen traf sie unerwartet.

»Ist gut«, murmelte er und drehte sich um. »Ich hole nur die Angel ein.«

Lin öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Sie hatte trotziges Aufbegehren erwartet, ein Schnauben oder zumindest ein paar Entgegnungen auf ihr zugegebenermaßen unverschämtes Verhalten. Zitternd verschränkte sie die Arme.

Joel ging um den kleinen Weiher herum und löste die festgebundene Angel vom Strauch. Lin krallte die Finger in die Arme und sah zu, wie er ein paar Schritte ins Wasser watete. Vorsichtig holte er die Spule ein, gab jedoch einen Augenblick nicht acht und rutschte auf einem glitschigen Stein aus. Mit dem Schwimmer in der Hand plumpste er ins Wasser und tauchte prustend wieder auf. Mit den Armen wedelnd rief er: »Lin! Ko-komm mal!« Er rang mit etwas. Hatte er sich verletzt? Ohne nachzudenken, rannte sie los.

Als sie am gegenüberliegenden Ufer ankam, war Joel schon an Land gekrochen, am Haken einen zappelnden Karpfen. »Ich hab einen, ich hab einen!«, schrie er außer sich vor Freude und umklammerte den Fisch.

Lin strahlte. »Was für ein Fang!«

Joel kämpfte sich hoch, die Wangen rot vor Aufregung, die Latzhose triefend nass. Er warf den Karpfen in den Sand, wo er sich zappelnd selbst panierte.

»Was machst du?«, rief Lin, griff einen Stein und hieb ihn dem armen Geschöpf auf den Kopf.

»Wow!« Joel keuchte. »Krass zielsicher.«

Lin hob den Karpfen an der Schwanzflosse hoch und wog ihn in der Hand. »Das ist ein ganz schön Dicker! Sowas lebt hier? Ich habe hier noch nie Glück gehabt mit dem Angeln!«

»Na, du benutzt eben nicht den geheimen Zauberköder«, gab Joel zurück.

»Zauberköder? Na, du wirst wohl Würmer aufspießen, wie jeder andere auch.«

»Igitt«, entgegnete Joel. »Würmer durchbohren ist noch ekliger als Fischen den Schädel zu ramponieren.«

»Was nimmst du denn dann?«

»Das sag ich dir erst, wenn du versprichst, mich nicht mehr anzukeifen.«

»Nein«, sagte Lin bestimmt. »Ich weiß was Besseres. Aber das sag ich dir erst, wenn du mir deinen Köder verrätst.«

Joel zuckte die Schultern. »Brotkrumen. Ich knete sie ungefähr erbsengroß, mit Erdnussbutter.«

»Ach komm. Das mögen sie?«

Joel grinste breit und stupste sie an. »Ätsch! Reingefallen!«

Ein wohliger Schauer durchzuckte Lin. Seine Hände waren kalt vom Wasser und hinterließen angenehme Druckstellen auf ihrer Haut. Spontan fasste sie einen Entschluss. »Komm mit, ich zeig dir was.«

Joel zögerte nur kurz. »Okay …wohin gehen wir?«

Joel

Lin zwinkerte ihm vergnügt zu und ihn durchfuhr es heiß.

»Überraschung.« Sie schritt voraus und bedeutete ihm, ihr zu folgen. Joel balancierte die Angel unter den Bäumen umher, mit der anderen Hand umklammerte er den Karpfen. In seinem Kopf rumorte es. War zwischen ihm und Lin das Eis gebrochen?

»Nun komm schon!«, trieb sie ihn an. »Es ist nicht weit.«

Im gefühlten Zickzack durchquerten sie den Wald und ein mulmiges Gefühl durchströmte Joel. Er würde hier nie wieder rausfinden, wenn sie ihn jetzt allein ließ. Endlich verlangsamten sich Lins Schritte, die Bäume rückten auseinander und gaben den Blick frei auf ein kleines Feld, rote Früchte schaukelten an grünen Blättern.

»Erdbeeren!«, rief Joel erstaunt aus. »So viele?«

»Ja. Walderdbeeren. Sie schmecken köstlich.«

Er legte Angel und Karpfen ins Gras, hockte sich hin und strich mit beiden Händen über die Pflanzen. »Wie schön. Eine ganze Lichtung voll.«

»Koste mal!« Lin streckte ihm eine Handvoll roter, sonnengewärmter Früchte hin.

Joel nahm sie und ließ die Erdbeeren in seinem Mund zerplatzen. »Hmm. So süß.« Er sah sie von der Seite an. »Du heißt Lin, oder?«

Sie nickte. »Ja. Eigentlich Linnéa, aber alle nennen mich Lin. Lin Stroker. Und du?«

»Joel. Ich bin gerade mit meiner Mutter hierher gezogen. Wir wohnen im Kapitänshaus.«

»Echt?« Sie riss die meergrünen Augen auf. »Du meinst die kleine Villa auf dem Hügel? Die mit den grau-weiß gestrichenen Planken und den Bullaugen im Obergeschoss?«

»Genau die.«

»Oh, wow. Die empfehlen wir ortsfremden Campern immer zum anschauen.«

Joel betrachtete Lin verstohlen. Sommersprossen zierten ihre rosigen Wangen. Und ihre Lippen, so hellrosa wie Rosenblätter. Einen Augenblick schaute er zu lange auf ihren Mund, erwischte sich aber und nahm den Gesprächsfaden wieder auf. »Das Kapitänshaus gehörte meinem Vater.«

»Deinem Vater? Claas Petersen war dein Vater?«

Joel hob überrascht die Augenbrauen. »Ja … woher weißt du das?«

»Nun, bei uns kennt jeder die Geschichte von Claas Petersen. « Wieder blitzte sie ihn vergnügt an. »Im Umkreis von hundert Kilometern flennten alle weiblichen Teenager, als er zur See fuhr. Und die Mütter flennten mit, um den verloren gegangenen Schwiegersohn, alle waren verrückt nach seinen blauen Augen. Nur einmal kam er zurück, mit einer hübschen Blondine. Er baute das Haus um, wohnte aber nur ein paar Wochen darin. Dann packte er seine Siebensachen und fuhr wieder zur See. Er war eben ein richtiger Seebär, der sich an Land nie wohl gefühlt hat.« Lin sah ihm forschend ins Gesicht und kniff die Augen zusammen.

Joel schoss unter ihrem Blick Wärme in die Wangen. Natürlich. Teresa sagte immer, Claas sei ein Schürzenjäger gewesen. Und von wem außer ihm sollte er die blauen Augen haben? Teresas Augen waren braun. »Ich hab ihn nie richtig kennen gelernt. Er hat meine Mutter verlassen, als ich gerade laufen konnte. Jetzt ist er tot.«

Lin sah ihn einen Moment nachdenklich an, dann bückte sie sich und pflückte nochmal einige Früchte. Sie legte sie in seine Hand und umschloss sie. »Verrat die Erdbeerstelle keinem. Niemand sonst kennt sie.«

Joel sah ihr fest in die Augen, dann legte er vorsichtig seine Hand auf ihre. »Versprochen, ich sag’s keinem.« Verwundert bemerkte er, dass sich ihr Blick auf ihm festsog, nicht unangenehm, eher intensiv. Er räusperte sich. »Hab ich Butter im Haar? Oder stinke ich?«

Lin erwachte aus ihrer Erstarrung und kicherte. »Nee. Du riechst nach Brackwasser, nach Junge. Nach Sommer. Gut irgendwie.«

Oha. »Riechen alle Jungs so?«

Lin hob die Schultern. »Keine Ahnung. Mein Vater riecht nach Papa. Wahlweise nach Schweiß.«

Gelöst traten sie den Nachhauseweg an und Joel schnupperte unauffällig an sich. Wie um Himmels willen roch man denn als Junge, vermischt mit Brackwassergeruch und Sommerduft? Er konnte nichts feststellen. Am Campingplatz angekommen fragte er: »Dann sehen wir uns wieder?«

»Wenn du meinst, Saftsack!«, erwiderte Lin und schubste ihn lachend ins Gras.

»Jetzt hab ich mich auf den Karpfen gesetzt, du doofe Kuh!«

»Mach’s gut!« Lin kicherte, bereits auf halbem Weg zum Blockhaus. »Und vergiss nicht, den Fisch ins Wasser zu legen. Zum Abschleimen.«

»Was davon übrig ist«, brummte Joel und stand auf. Lin winkte ihm von der Rezeption, bevor die Tür hinter ihr zuklappte. Von wilder Freude erfüllt rannte er nach Hause.

Er würde sie wiedersehen.

Joel

Den ganzen Vormittag scheuchte Teresa ihren Sohn durch das Haus. »Bring den Müll raus!«, schimpfte sie. »Ich kann hier nicht alles allein machen! Und kümmere dich um das schmutzige Geschirr, Joel, sonst setzt es was.«

Unwillig schlurfte er zum Mülleimer. Wie er diesen Ton an ihr hasste!

»Und heb um Himmels willen deine Füße hoch. Hast du Gewichte daran? Bist du schon wieder barfuß? Herrgott, Joel, zieh wenigstens Socken an!«

Schweigend ließ er die kleine Tirade an sich vorüberziehen. Er wusste, wenn er nichts erwiderte, würde sich seine Mutter schon wieder beruhigen. Nachdem er den Müll in die Tonne versenkt hatte, erledigte er den Abwasch, befreite den Windfang von Spinnweben und reparierte Teresas Schaukelstuhl, dessen Kopfteil ständig verrutschte. Seine Mom wirbelte derweil um ihn herum, wischte hier, putzte da und nahm sich schließlich die Bügelwäsche vor. Als Joel seine Arbeit verrichtet hatte, wollte er gerade durch die Haustür entwischen, als Teresa ihn am Kragen zu fassen bekam. »Hier, geh nicht ohne Schuhe und Strümpfe, tu mir den Gefallen.«

Joel kniff die Lippen zusammen, Teresa konnte so penetrant sein, wenn sie etwas wollte. Murrend zog er beides an, dann entließ sie ihn unter Ermahnungen.

Draußen rannte Joel um die Ecke, fand eine kleine Nische unter einer Holzplanke und schob seine Schuhe hinein. Barfuß trat er wieder ins Haus und huschte ungesehen das Treppenhaus hinauf. Er suchte das Buch mit den außerirdischen Phänomenen aus der kleinen Bibliothek seines Vaters, griff seine Taschenlampe und öffnete die unscheinbare Tür, die einen winzigen Treppenverschlag verschloss. Teresa lagerte hier überschüssige Federbetten, was ihm sehr entgegenkam. Angestrengt lauschte er, doch seine Mom klackerte auf ihren Pumps durch die Küche und bald darauf erklangen rhythmische Tanzschritte zur Fledermaus. Erleichtert schaltete Joel die Taschenlampe ein und versank für einige Stunden in seiner Lektüre.

Als sein Licht verglomm, schloss er das Buch. Vorsichtig öffnete er den Verschlag einen Spalt. Die helle Mittagssonne hatte sich verflüchtigt und die Musik aus der unteren Etage spielte nur noch leise. Hatte seine Mutter Besuch bekommen? Neben Teresa, die immer ein wenig schrill klang, ertönte aus der Küche eine andere weibliche Stimme, die er nicht kannte.

Er wand sich aus der Enge und lehnte das verräterisch quietschende Türchen nur an. Ein paar rasche Schritte, und er stand am Bullauge seines Zimmers. Ohne lang zu überlegen, öffnete er es und stieg hinaus. Vom Kletterrosen-Zaun aus ließ er sich nach unten fallen. Dann rannte er zum Campingplatz. Auf der Kuppe des Hügels blieb er stehen, als er auf der anderen Straßenseite eine gebückte Gestalt entdeckte, die etwas schleppte. Eine alte Dame, die sich mit ihren Einkaufstüten abmühte.

Zuerst zögerte Joel, noch hatte sie ihn nicht gesehen. Unschlüssig schob er die Hände in die Hosentaschen und trat in den Schatten, weg vom heißen Asphalt. Als die Dame näherkam, bemerkte er, wie sich ihre runzeligen Hände um die Tütenschlaufen krampften, und er gab sich einen Ruck. »Entschuldigung, brauchen Sie vielleicht Hilfe?«

Die alte Dame japste auf, fuhr herum und setzte ihre Tüten ab. Dann rückte sie ihre Brille zurecht. »Lieber Gott, hast du mich erschreckt, junger Mann. Musst du dich so anschleichen?«