Am liebsten mit dir - Chris Livina - E-Book

Am liebsten mit dir E-Book

Chris Livina

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Beschreibung

Wie lebt man weiter, wenn die Seele weint? Mit drei Kindern platzt das Kapitänshaus aus allen Nähten. Lin und Joel haben alle Hände voll zu tun. Doch geheimnisvolle Anschläge stören ihr Leben und das Unfassbare passiert. Ihr Jüngster verschwindet auf unerklärliche Weise und die Liebe seiner Eltern wird schwer erschüttert. Während Lin kaum zu sich findet, wird Joel mit der dunklen Seite seiner Vergangenheit konfrontiert. Und was er entdeckt, schockt ihn zutiefst, gibt aber auch Hoffnung. Geschieht doch noch ein Wunder? Packendes Romantik-Drama! Stoff, aus dem elterliche Albträume gewebt sind, gepaart mit verträumt-poetischen Momenten einer großen Liebe, die am seidenen Faden hängt. Ein Must-Read! (Manuel Strack, Autor)

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 406

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Chris Livina

Am liebsten mit dir

© 2022 Chris Livina

Umschlaggestaltung: Ria Raven Coverdesign, https://

riaraven.de/ unter Verwendung von Shutterstock Bildmaterial

Aquarell: Andrea Kux, www.kux.design/

Verzierung: Image ID # 43932834, www.123rf.com

Lektorat: Tamara Leonhard

Korrektorat: Hubertus Peters

Distribution & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne die Zustimmung des Verlages und der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-347-50917-7 (Hardcover)

ISBN 978--3-347-50916-0 (Paperback)

ISBN 978-3-347-61270-9 (Ebook)

Ich hab nicht gewusst, dass es

Liebe gibt, die überwältigt und

Ängste besiegt.

Die groß ist und mächtig und

stark, und dabei schwebt

Anuschka Zuckowski

Erster Teil

DER REGEN HATTE NACHGELASSEN. EIN WOLKENBRUCH WAR AUF das Kapitänshaus niedergeprasselt und hatte den Vormittag in tiefstes Grau getaucht. Am Bordsteinrand trudelte ein aufgeweichtes Papierbötchen durch einen Strom Regenwasser. Die von Kinderhand aufgekritzelten Namen verwässerten in blauen Schlieren und bevor das Schiffchen vom Gully verschluckt wurde, hatte sich eine Buchstabenfolge komplett aufgelöst.

Als sich das Licht durch die verhangenen Schwaden kämpfte, brach Joel zum Einkaufen auf. Ole brauchte neue Windeln. Er wartete, bis Lin das Baby gestillt hatte und schaltete seiner Tochter den Fernseher aus. Sanft küsste er seine Freundin. »Leg dich etwas hin, Süße. Es wird ’ne anstrengende Nacht. Der Kleine hat ziemlich viel geschlafen heute.«

Lin streckte sich auf der Couch aus, als er den Wagen anließ. Kraftlosigkeit lähmte ihre Glieder und Gedanken, sie erlebte die ersten Wochen nach der Geburt wie durch eine beschlagene Fensterscheibe. Der ständige Schlafmangel, die Nachwirkungen der Niederkunft und das permanente Gefordertsein beim Stillen brachten eine tiefe Erschöpfung mit sich. Joel half ihr, so gut er konnte. Er wickelte Ole, er bespaßte ihn in aller Frühe, wenn er nicht schlafen wollte, aber er hatte nun mal keine Brüste.

Ihr fielen die Augen zu.

Joel fuhr mit seinen Kindern ins neugebaute Einkaufszentrum. Nachdem er die Windeln und Kleinkram besorgt hatte, fiel sein Blick auf eine Boutique, an deren Schaufenster sich Lin letzte Woche wegen einer hübschen Bluse die Nase plattgedrückt hatte. Ole hatte jedoch einen Weinkrampf bekommen und sie hatten den kurzen Einkaufsbummel abgebrochen. Joel sah auf die Uhr. Eine halbe Stunde noch, dann musste der Kleine wieder an die Brust. Zielstrebig marschierte er in den Laden. Ruby zerrte an seiner Hand. »Daddy, krieg ich eine Münze? Ich will im roten Auto fahren.« Sie deutete mit dem Finger vor das Geschäft.

»Okay du Quälgeist, hier, fünfzig Cent. Zisch ab.«

Ruby fegte nach draußen.

So, endlich Ruhe im Karton. Joel sah sich nach der Bluse um, irgendwo hier musste sie doch hängen.

Lexa sah das Elfchen, bevor sie Joel erspähte. Es war in das Ruckelauto vor der Boutique gestiegen und fuhr darin, indem es wild das Lenkrad drehte und »tut - tut!« rief.

Lexa musste zweimal hinsehen. Diese hellen Zöpfchen und das zarte Gesicht erinnerten sie derart an Lin, dass es ihr die Luft abschnürte. Sie konnte nicht anders, sie musste das Mädchen ansprechen. Geschmeidig glitt sie an das Spielauto heran.

Das Fahrzeug versagte stotternd seinen Dienst und das Kind trat in drolliger Wut auf das Pedal. »Oh nein! Paaapa? Die blöde Blechbüchse ist schon aus!«

»Brauchst du fünfzig Cent für dein Auto?«, fragte Lexa und hielt ihr ein Geldstück hin.

Das Kind wandte ihr das Gesicht zu. Den trotzigen Ausdruck um den Mund der Kleinen kannte Lexa nur zu gut und es traf sie wie eine Abrissbirne, als das Mädchen lächelte. Zwei mandelförmige Grübchen tauchten in den Wangen der Kleinen auf, ihre Milchzähne reihten sich aneinander wie Tictacs. Das war unverkennbar Joels Lächeln in diesem Kindergesicht, ein Lächeln, das sie fast umgebracht hatte.

»Ich darf nix annehmen von Fremden«, erklärte die Kleine und rutschte von dem Auto herunter.

Lexa warf einen Blick durch das Schaufenster in den Laden, starr vor Schreck stierte sie auf seinen Rücken. Die geraden, starken Schultern. Der dunkle Haarschopf! Da stand Joel zwischen den Kleiderständern und durchkämmte mit angestrengter Miene die Kleidungsstücke, mit einem Baby in der Trage?! Hitze durchfuhr sie und die alte Sucht brach hervor. Nur mit Mühe riss sie ihren Blick los und kramte fahrig in ihrem Täschchen. »Ich bin keine Fremde. Ich war mal mit deinem Papa befreundet. Es ist Joel, nicht wahr?« Sie deutete mit dem Kopf in den Laden. Ruby klappte den Mund auf. »Du kennst ihn?«

»Wir sind zusammen zur Schule gegangen«, erwiderte Lexa. »Los, fahr noch ’ne Runde. Ich gehe rein und sage ihm Hallo.«

Das Mädchen musste nicht lange überredet werden. Ruby hopste vergnügt, die blonden Zöpfchen hüpften auf und ab. »Danke«, zwitscherte sie artig und stieg in den Wagen zurück. »Bist du in ihn verknallt?« Ruby grinste breit und warf die Münze ein. Das Auto setzte sich in Bewegung.

Lexa biss sich auf die Lippe und schmeckte ihr Gloss.

»Ist schon okay«, folgerte das Mädchen aus ihrem überraschten Gesichtsausdruck. »Alle Frauen sind in ihn verknallt. Außer meine Oma!« Ruby lachte sich kaputt über ihren eigenen Witz.

Lexas Beine schlingerten gummiartig und sie lehnte sich kurz an das Schaufenster. Ihr Blick wanderte wieder zu Joel, der nun an der Kasse stand. Ohne ein weiteres Wort an seine Tochter wandte sie sich um und betrat den Laden.

Joel hatte sie schon entdeckt und unterdrückte den Wunsch, sich hinter einen Kleiderständer zu ducken. Es war zu spät. Sie steuerte bereits auf ihn zu. Widerwillig trat er auf den Gang. Seine Hand krampfte sich in die Bluse, die er gerade bezahlt hatte.

Lexa sah verändert aus. Sie trug ihre braunen Haare auf Schulterhöhe, bauschig geföhnt, mit einer Tonne Haarspray betoniert. Obenauf thronte eine riesige Sonnenbrille. Dazu ein knielanger Fummel, ein Dolce&Gabbana Täschchen schaukelte an ihrem sonnengebräunten Arm. Die harten Augen waren dieselben, das konnten auch die überlangen, künstlichen Wimpern nicht verbergen.

Joel unterdrückte ein Schaudern. Seit der lebensverändernden Nacht hatten sie einander nicht wiedergesehen. Ihr Dad hatte sie von der Schule genommen, als die Geschichte bekannt wurde.

Seine Mutter und seine Lehrerin hatten dafür gesorgt, dass Lexas Vater von der Sache erfuhr. Teresa hatte ihm mit einer Anzeige wegen Drogenmissbrauch und Vergewaltigung gedroht, gestärkt durch die Aussagen von Joels Freunden.

Mister Wright hatte nicht lange gefackelt. Der Eskapaden seiner Tochter überdrüssig, hatte er Lexa ihre Kreditkarten abgenommen, ihr einen Pixi Cut schneiden lassen und sie mit winzigem Handgepäck am Flugschalter abgegeben. Ihre restlichen Schuljahre hatte sie in einem Mädchenpensionat in Edinburgh geschmort, weit weg von Wrestlington, weit weg von Joel.

»Du bist nicht mehr in Schottland?« Er runzelte die Stirn und sah über ihre Schulter, als schätzte er den Weg zum Ausgang ab. Lexa fasste sich zitternd ins Haar und schob es mit einer femininen Geste zurecht. »Mein Vater ist verstorben. Ich muss seine Angelegenheiten ordnen.« Immer wieder senkte sie ihren Blick, nur um ihn Sekunden später erneut auf Joel zu richten. Dreiundzwanzig war er nun, genau wie sie. Seine blauen Augen musterten sie ablehnend, er hatte nichts von seiner Anziehungskraft verloren. Er legte seine Hand über die Rundung der Trage, das winzige Wesen verschwand beinahe vollständig in seiner schützenden Hülle. Diese behütende Geste löste in Lexa eine Verzweiflung aus, die ihr den Boden unter den Füßen wegzog. »Hast du einen Bruder bekommen?«, fragte sie hoffnungsvoll und trat näher. Sie erinnerte sich, dass Joels Mutter unheimlich jung war, sie hatte sie nicht oft gesehen.

Er zögerte, mit umwölkter Stirn biss er sich auf die Unterlippe. Wie süß, seine Hände zitterten sogar. Lexa weidete sich an seiner Unsicherheit, doch da trat ein entschlossener Ausdruck in seine Augen. Er schob das Erstlingsmützchen nach hinten und drehte sich zu ihr. Das Baby schlief mit offenem Mündchen, an seine Brust gekuschelt.

Sie sah den dunklen Haarflaum auf dem Köpfchen des Kindes und erkannte ihr Gegenüber in den zarten Gesichtszügen. Joel trug ein jüngeres Selbst an seiner Brust – das Baby war ihm wie aus dem Gesicht geschnitten.

»Das ist Ole«, hörte Lexa seine Stimme wie durch Watte. Er lächelte, als könne er es selbst kaum glauben. »Er ist mein Sohn.«

Heiße Eifersucht pumpte wie Arsen durch Lexas Adern. Wie ferngesteuert fuhr sie dem Kleinen mit dem Finger über die weiche Wange.

Das Kind erschrak durch die plötzliche Berührung und öffnete kurz die Augen.

Joels Miene versteinerte. »Nicht.« Er trat zurück.

Lexa hatte genug gesehen. Oles Kulleraugen schimmerten in dem tiefen Blau, das sie unbedingt für ihre eigenen Kinder gewollt hatte.

»Ich muss gehen«, raunzte Joel schroff. »Er kann ziemlich ungemütlich werden, wenn er nicht rechtzeitig an die Milchbar kommt.« Ohne einen Gruß wandte er sich ab. »Ruby? Wo steckst du?« Er befreite das Elfchen, das sich in den Vorhang einer Umkleidekabine gewickelt hatte. »Lass den Scheiß und komm jetzt. Wir sind spät dran.«

Lexa sah ihm nach und kämpfte den Schmerz nieder, der sich in ihrer Brust ausbreitete. Joel war immer noch Joel. Zuerst riss er ihr mit seinem Grübchenlächeln das Herz aus dem Leib, um es dann genüsslich über dem Feuer zu rösten. Zwei Kinder. War das zu fassen? Joel war dazu bestimmt, die Modewelt in Begeisterungsstürme zu versetzen – Paris, Mailand, New York. Dumm und dusselig könnte er sich verdienen, stattdessen stolzierte er durch dieses Provinznest Wrestlington und machte mit Anfang zwanzig einen auf Happy Family. Ihr war nicht entgangen, dass seine Augen violett umschattet waren vor Müdigkeit. Er zahlte den Preis für das Baby. Lexa keuchte. Auch die fünf Jahre Abschottung hatten das Feuer ihrer Sucht nach ihm nicht löschen können. Sie hatte gedacht, sie käme klar, aber ihre überquellenden Gefühle lehrten sie eines Besseren. Sie würde niemals von ihm loskommen.

Niemals.

NACHDEM ER DIE KINDER IN IHREN SITZEN FESTGESCHNALLT HAT-te, setzte sich Joel ins Auto und warf einen Blick nach hinten.

Ruby knisterte mit der Chipstüte, die er ihr vorsorglich in die Hand gedrückt hatte, um ihr Plappermäulchen zum Schweigen zu bringen. Dass sie seinen Wagen vollkrümelte, nahm er billigend in Kauf.

Ole war eingenickt, sein Köpfchen mit den dunklen Babylocken lehnte verschwitzt am Kopfpolster des Maxi-Cosis. Sein Schnuller war halb herausgerutscht und zwei runde, feuchte Saugpunkte zierten seine Oberlippe. Aufgewühlt wandte Joel den Kopf und starrte blicklos auf die reflektierende Motorhaube, dann sank seine Stirn gegen seine Hände, die auf dem erhitzten Lenkrad ruhten. Wirre Gedanken blitzten unter seinen geschlossenen Lidern auf, vermengt mit Lichtpunkten. Nervöse Energie jagte durch seine Adern. Lexa war also wieder da. Dieses Mädchen, das ihn in seiner Schulzeit täglich gescannt hatte, egal was er tat. Das ihn buchstäblich gestalkt und ihre Lust auf ihn nicht hatte zügeln können. Weder das Geld ihres Vaters, noch ihre tussenhaft anbiedernde Aufmachung hatten ihn beeindruckt. Im Gegenteil, abgestoßen hatte sie ihn. Und genau das war ihn teuer zu stehen gekommen. Ein Schauder durchlief ihn und er schluckte hart. Nur ein Blick in ihre kalten Augen hatte genügt, um die Vergewaltigung wieder lebendig werden zu lassen. Mit roher Hand umschloss die Erinnerung seine Kehle. Mit ihrer Freundin Kaya hatte Lexa ihm eine Droge verabreicht und seinen Willen manipuliert. Gefügig hatte er ihrem Begehren nachgegeben, ohne wirklich zu checken, was ablief. Mit den Folgen hatte er leben müssen. Mit zitternder Hand wischte er über seine Stirn und tastete nach einem Taschentuch. Er klappte die Sonnenblende herunter und tupfte sich ab. Für einen Moment begegnete er seinem Spiegelbild und starrte sich in die strahlend blauen Augen. Dieses Vermächtnis seines Vaters, den er nie gekannt hatte, war die Wurzel allen Übels. Oder allen Glücks. Joel straffte die Schultern, atmete tief durch und startete den Motor. Seine Attraktivität lenkte sein Schicksal wie die zwei Seiten derselben Medaille, die sich fortlaufend um sich selbst drehte. Kopf oder Zahl, Fluch oder Segen. Es hatte Vorteile, dass er Frauen jeden Alters den Kopf verdrehen konnte. In Lexas Fall war es jedoch ein mieser Hinterhalt gewesen, dessen Bitterkeit er zu spüren bekommen hatte, als Lin sich nach der ausschweifenden Partynacht von ihm getrennt hatte.

Im Rückspiegel streifte sein Blick Ruby, das genaue Abbild seiner großen Liebe. Ihre kleinen Füße traten ungeduldig gegen den Fahrersitz.

»Lass das, du Frechdachs«, ermahnte er sie. »Ich fahre ja schon los.«

Seine Tochter widmete sich wieder ihren Chips, während Joel den Wagen durch die Straßen des Vorortes von Boston lenkte. Das verschlungene Wegenetz formte sich in seinen Gedanken wie von selbst zu einer Straßenkarte. Dieser überschaubare Ort mit dem Brunnen in der Dorfmitte war sein Zuhause geworden, nachdem er bis zu seinem vierzehnten Lebensjahr heimatlos gewesen war. Wurzellos, haltlos. Mietnomaden hatten die Leute ihn und seine Mutter Teresa hinter vorgehaltener Hand genannt. Und es stimmte, immer wieder hatten sie ihre Zelte abgebrochen und waren klammheimlich, im Schutze der Dunkelheit vor ihren Gläubigern geflohen. Stolz war Teresa nicht auf ihre gemeinsame Vergangenheit und er hatte als Kind sowieso nichts dran ändern können.

Jetzt rollte er die letzten Meter bis zum Kapitänshaus und parkte um die Ecke. Sein Halbbruder Tim saß auf dem Zaun mit dem weißen Lack und schleckte an einem Eis. Mit einem Satz sprang er herunter, als Joel Ruby die Tür öffnete.

»Wieso hast du Chips?«, fragte Tim seine gleichaltrige Nichte und versuchte, einen Blick in die halbleere Tüte zu erhaschen.

»Wir können ja tauschen«, schlug Ruby vor und Joel sah breit grinsend zu, wie die begehrten Leckereien außer Reichweite gehalten wurden, bevor die Konditionen ausgehandelt waren. Mit Ole auf dem Arm leerte er den Briefkasten und sah die Post durch, als ein entrüsteter Aufschrei ihn aufsehen ließ. Die Naschereien hatten ihren Besitzer getauscht, doch Tim hatte die Gelegenheit genutzt, Ruby seine schmelzende Eistüte auf die Nase zu stupsen.

TERESA WEHTE SO SCHWUNGVOLL INS BADEZIMMER, DASS DIE AUF-gestickten Vögel auf ihrem roten Kimono flatterten. Joel lächelte ihr über seine Schulter zu. Er war bereits angezogen und hatte Ole auf dem Wickeltisch.

»Guten Morgen, Darling«, säuselte sie und drückte ihrem Sohn einen Kuss auf die Wange. »Ist mein Göttergatte schon weg?«

»Ja. Fred ist vor zwanzig Minuten gefahren.«

Sie beugte sich über ihren Enkelsohn. »Na, mein Kleiner! Papa hat dich ja schon fein gemacht!« Sie kitzelte ihn am Bauch, das Baby gluckste und produzierte Spuckebläschen. Vor dem Spiegel löste Teresa ihre Haare aus dem improvisierten Dutt. Ein Wasserfall aus dunklen Locken rauschte über ihren Rücken. »Wie war die Nacht?«, fragte sie und bürstete ihre Haarpracht.

Joel stützte beide Hände neben seinem Sohn ab. »Laut«, antwortete er, dann löste er zum vierten Mal die Schleifchen von Oles Wickelbody. Die Dinger machten ihn wahnsinnig.

»Kann man wohl sagen«, gab Teresa mit einer Spur Provokation in der Stimme zurück.

Joels Wangen wurden warm. Er sah nicht auf und versuchte stattdessen noch einmal, Ole richtig anzuziehen. Dann antwortete er ruhig: »Non é colpa mia se questa casa e construita di carta.«

Teresa strich mit der Hand über seinen Rücken. »Ich verstehe ja, dass ihr einander braucht. Aber ihr habt die Kinder geweckt.« Sie sah, wie er sich abmühte. »Komm, ich zeig dir das nochmal.« Mit wenigen Handgriffen schloss sie den Wickelbody und reichte ihm den Kleinen. »Du brauchst ihm nicht noch mehr anzuziehen. Es wird furchtbar warm heute. Schläft Lin?«

»Ja. Gott sei Dank. Ole hat um halb sechs das letzte Mal getrunken. Danach wollte er nicht mehr schlafen. Ich bin dann mit ihm aufgestanden.« Joel nahm seinen Sohn mit in die Küche und setzte ihn in die Babywippe.

Ole lutschte an seinen Händchen und beobachtete, wie sein Dad Frühstück für Tim und Ruby vorbereitete und die Kindergartentaschen packte.

Joel bereitete Kaffee für sich und seine Mutter, setzte sich an den Tisch und nahm sein kleines Herzblatt auf den Schoß. Er knuddelte das Baby und Ole antwortete ihm mit lustigen Tönen und lachenden Augen.

Dankbar griff Teresa nach der Tasse, die ihr Sohn auf den Tresen gestellt hatte.

»Ich kann Ruby und Tim zum Kindergarten bringen, ich hab erst um neun Vorlesung«, bot Joel an.

Seine Mutter schlug die langen Beine übereinander, die unter ihrem Seidenmorgenmantel hervorlugten. »Brauchst du nicht«, antwortete sie und nippte einen Schluck Kaffee. »Ich muss erst um zehn Uhr im Friseursalon sein. Das schaffe ich ganz entspannt vorher. Ich habe sie extra schlafen lassen. Sie sind beide heute Nacht zu mir und Fred gekommen und liegen immer noch bei uns.«

Ole wand sich quengelnd in Joels Armen. »Willst du einen Schluck Wasser?«, fragte der junge Vater, doch das Baby schlug die Flasche weg. Er wechselte in den Fliegergriff. »Sie schlafen ja fast nie in ihren Betten. Entweder sind sie bei euch, bei uns, oder liegen zusammen in Tims Bett. Weißt du noch, wie sie sich einmal nachts eine Höhle im Wohnzimmer gebaut haben und ihre nackten Füße guckten unter der Decke heraus? Fred wäre beinahe über sie gestolpert.«

Teresa lachte auf und schüttelte ihre Mähne, rote Funken glitzerten in ihren schwarzen Haaren. »Das war wirklich ein Schreck! Diese Racker!«

Joel grinste in sich hinein. Tim und Ruby hatten ihr Leben ganz schön auf den Kopf gestellt. Wie der Zufall es gewollt hatte, hatte Lin am gleichen Tag entbunden wie seine Mutter. Kurz zuckte dieser verrückte Geburtstag der Kinder in seinen Gedanken auf. Wie unterschiedlich die beiden Frauen ihre Babys zur Welt gebracht hatten! Teresa hatte kein Schmerzmittel akzeptiert und dem Krankenhauspersonal die Hölle heiß gemacht, während Lin ihrer Tochter fast meditativ das Leben geschenkt hatte.

Ruby und Tim hielten zusammen wie Pech und Schwefel, auch wenn es schonmal Zoff gab, weil sie sich in dem engen Kapitänshaus das ehemalige Gästezimmer teilten. Es war eine wüste Räuberhöhle. Die wahllos im Zimmer verteilten Legosteine bescherten der barfuß laufenden Familie so manchen Autsch-Moment.

»Papa?«, erschallte Rubys Stimme von der Treppe.

»Ich bin hier, Ruby.«

Das Kind flog ihm an den Hals. »Dürfen Tim und ich heute allein zum Kindergarten gehen? Bitteee!«

Joel suchte Teresas Blick und zog fragend die Augenbrauen hoch.

»Von mir aus. Ihr seid ja zu zweit«, entschied sie. »Aber es werden keine Lutscher bei Marjam gekauft, ihr geht direkt zum Kindergarten, ohne Umwege.«

Ruby nickte strahlend und krähte die Treppe hoch: »Tim, wir dürfen! Hab ich doch gesagt!«

Natürlich hatte Tim seine charmante Nichte vorgeschickt, ihr Niedlichkeitsfaktor funktionierte fast immer.

Joel schüttelte den Kopf. Wie gewieft die beiden Kleinen waren! Dabei waren sie erst fünf. Sein jüngerer Bruder polterte die Treppe herunter und er bekam ihn am Schlafittchen zu fassen. »Seid nicht so laut, Lin schläft. Ihr putzt jetzt die Zähne und wascht euch. In fünf Minuten sitzt ihr am Frühstückstisch, sonst klappt das nicht mit dem Selbergehen.«

Teresa hatte ihrer Enkelin das Nachthemd ausgezogen und flocht ihre Zöpfe, bevor sie ihr einen Klaps gab und sie nach oben schickte.

Keine zehn Sekunden später ertönte Gekreisch aus dem Badezimmer. Tim bespritze Ruby mit Wasser. »Hilfe! Ich krieg den Hahn nicht mehr zu!«

Joel reichte Ole an Teresa weiter. Er lief nach oben und drehte den Wasserhahn zu. Herrgott, dauernd ging in diesem alten Haus etwas kaputt! Er rubbelte die Kids trocken und trieb sie erneut zur Eile an.

Als sie gefrühstückt hatten, ließ er einen Kuss auf Teresas Wange zerknallen, herzte Ole ein letztes Mal und steckte Ruby und Tim in einem unbeobachteten Moment zwei Lutscher zu. »Aber erst nach dem Frühstück!«

Die beiden versprachen es und grinsten sich verschwörerisch zu.

Als sie weg waren, nahm Joel trotz seiner Müdigkeit das Fahrrad, um die zwanzig Kilometer nach Cestward zu fahren. Er hatte Vorlesung bis drei, also würde er rechtzeitig zurück sein, um Lin mit den Kindern zu helfen.

Teresa füllte derweil die Waschmaschine und balancierte Ole auf der Hüfte, während sie das Nötigste im Haushalt erledigte. Kopfschüttelnd leerte sie Tims und Joels Hosentaschen. In dieser Hinsicht glichen sich ihre Söhne unheimlich. Ihr Ältester trug seit seiner Kindheit Bindfaden, Taschenmesser, Büroklammern, Bleistifte und Nägel mit sich herum. Bei Tim waren es Gummibänder, Eiscremestiele, ein Stückchen rotes Glas sowie ein handliches Töpfchen Knete. Wenn die beiden draußen zusammen herumstromerten, hatten sie alles dabei, um Schiffchen zu bauen, irgendwelche verrückten Experimente zu machen oder was ihnen sonst so im Kopf herumspukte. Es würde nicht mehr lange dauern und Ole würde sie mit ähnlichen Füllungen beglücken. Teresa warf die Sachen in die leeren Marmeladengläser, die Lin mit Joel und Tim beschriftet hatte. Wieder einmal durchströmte tiefer Stolz Teresas Herz. Wer hätte gedacht, dass das Kapitänshaus mal aus allen Nähten platzen würde? Barfuß liefen die Kinder allesamt, sogar Lin war im Winter ohne Socken unterwegs.

Teresa betrachtete den Wonneproppen auf ihrem Arm. Unruhig moserte er und war drauf und dran, den Volumeregler ordentlich aufzudrehen. Es tat ihr in der Seele weh, aber sie musste seine Mutter wecken. Leise öffnete sie die Tür zur Mansarde.

Lin lag eingerollt da und wirkte winzig in dem schlabberigenT-Shirt von Joel. Auf dem Nachttisch stand ein Frühstück für sie: Ausgestochene Butterbrotherzchen und mit Zahnstochern zusammengebastelte Blümchen aus Karotten und Gurken. Daneben lag ein zusammengefalteter Zettel, der Teresa ein Schmunzeln entlockte.

»Wach auf, Liebes«, sie tätschelte Lins schlafwarme Wange.

Lin öffnete langsam die Augen und nahm Ole entgegen. Das Baby suchte sofort nach der Brust und seine Mutter schob sich das T-Shirt hoch. Gierig saugte der Kleine sich fest und Lin stützte sich auf den Ellenbogen.

»Hast du noch ein bisschen geschlafen?«

Lin nickte. »Aber ich fühl mich trotzdem wie ein Zombie.«

»In drei Monaten kannst du ihn abstillen, dann wird es leichter.«

»Ich weiß. Ich will mich auch nicht beklagen. Ich wollte ihn ja unbedingt.«

Teresa legte den Kopf schief. »Du hattest tatsächlich das richtige Gespür, Lin. Ich muss zugeben, ich war nicht allzu begeistert, als ich hörte, dass du wieder schwanger bist. Aber der kleine Racker hat sich so schnell in unsere Herzen gelacht, wir können ja gar nicht anders, als ihn zu vergöttern.«

»Er ist genauso süß wie Joel!«, platzte Lin hervor und Teresa musste ihr Recht geben. Ole sah seinem Vater so ähnlich, dass er ihn Mini Me nannte. Wenn sie zusammen waren, sah es so aus, als seien sie zusammengewachsen. Sie seufzte. »Ihr habt so ein Glück miteinander. Und ich bin dankbar, daran teilhaben zu dürfen.« Teresa lächelte Lin verschmitzt an. Sie kannte sie, seitdem sie vierzehn war und Joel sie eines Tages angeschleppt hatte. Die junge Frau war wie ihre eigene Tochter. Sie erinnerte sich, dass sich ihr Ältester vom ersten Tag an in sie verknallt hatte. Die beiden hatten alle Widrigkeiten von sich geschoben und sich weitergeliebt, bis zum heutigen Tag.

Nachdem sie der Symbiose zwischen Mama und Baby eine Weile zugeschaut hatte, stand sie auf. »Bitte lass den Haushalt liegen«, trug sie Lin auf. »Du sollst dich noch schonen.« Sie öffnete das Bullauge und verließ das Zimmer.

»Okay«, erwiderte Lin halbherzig und fing mit der Hand Teresas Handkuss auf. »Bye.«

Als die Tür sich schloss, überkam Lin eine innere Ruhe. Sie beobachtete, wie Ole saugte. Seine geschlossenen Augen waren von langen Wimpern umrahmt. Wie ein Stern umfassten seine kleinen Finger ihre Brust. Liebevoll streichelte sie die runden Wängchen und freute sich, dass auch ihr zweites Kind Joels Markenzeichen geerbt hatte. Oles Grübchen waren winzig, aber sie ahnte, wie sie aussehen würden, wenn er heranwuchs.

Sie streckte den Arm aus und entfaltete den Zettel, den ihr Liebster auf den Teller gelegt hatte. Lachend warf sie den Kopf in den Nacken, als sie las, was er geschrieben hatte.

Guten Morgen, Zuckerpuppe. Ich liebe es, wenn du schwitzt. Dein Zucker karamellisiert auf deiner Haut.

JOEL FAND LIN IM FREIEN, SIE LAG MIT OLE AUF IHRER SELBSTGEnähten Picknickdecke unter dem Sonnensegel, das er im hinteren Teil des Gartens aufgespannt hatte. Ole schlief fest an ihrer Seite.

»Ist das heiß heute!«, beschwerte sich Joel, ließ das Fahrrad fallen und zog sein T-Shirt aus. Dann kickte er seine Chucks ins Gras und beugte sich über seine kleine Familie. »Na? Euch geht’s ja gut!«

Lin strahlte ihn an.

»Wo sind denn Ruby und Tim?«

»Bei meinem Dad. Sie sie haben nur kurz was gegessen, dann haben sie ihre Wasserpistolen eingepackt und sind zum Campingplatz gerannt.«

Joel legte sich neben sie auf die Decke. »Dann sind wir ja ganz allein.« Er küsste sie und Lin schmolz. Joel war so anziehend wie immer. Ihn in die Uni gehen zu lassen, fiel ihr schwer. Sie konnte sich gut vorstellen, wie seine Kommilitoninnen ihn anhimmelten, wenn er die Vorlesungen besuchte. »Mann, riechst du gut.« Sie schnupperte.

»Ich hab heute Morgen Rubys Duschgel genommen. Meins war leer.« Intensiv strömte der Kokosduft aus seiner erhitzten Haut. Joel spielte mit einer ihrer Haarsträhnen. »Teresa glaubt, wir hätten es letzte Nacht gemacht.«

»Nicht dein Ernst!«, lachte Lin übermütig. »Wär ein klein wenig früh nach dem Baby.«

»Wir haben uns doch nur ein bisschen gestreichelt. Wenn ich es machen müsste, würde ich glatt auf dir einpennen.«

»Ich hab dir gesagt, stöhn leiser!«

Joel drehte sie auf den Rücken und nagelte sie fest. »Das kann ich doch nicht«, flüsterte er. »Außerdem- es hat mir höllisch gefallen.«

»Denen werden wir es zeigen«, schlug Lin vor, während Joel kitzelnde Küsse auf ihrem Hals verteilte.

»Wenn wir den Ernstfall proben, rieselt denen der Putz von der Decke«, raunte Joel und Lin kicherte begeistert.

»Au ja!«

»Lass uns doch heute Abend die Dusche aufdrehen, wenn Teresa heimkommt. Dann stöhnen wir ein bisschen für sie.«

»Das hasst sie wirklich! Und wenn sie total sauer reingestürmt kommt, sind wir angezogen.«

»Wir könnten etwas mit der Duschtür klappern. Rhythmisch. Du weißt schon.« Er hob eine Augenbraue.

»Du bist so ein ungezogener Junge.« Lin grub ihre Hände in sein Haar und küsste ihn.

Joel drückte sie auf die Decke. »Zu gerne würde ich dieses alberne Gedankenspiel sofort in die Tat umsetzen«, nuschelte er an ihrem Hals. Das Telefon schrillte. »Mann, immer im falschen Moment.« Er erhob sich grummelnd. »Rühr dich nicht von der Stelle. Ich komme gleich wieder.«

»Hallo? Jill?«, raunzte er drinnen in den Hörer. Dann änderte sich sein Ton. »Ja, gerne, wenn ihr wollt. Hmm. Okay. Ist es euch nicht zu viel? Cool. Bis später.« Mit einem breiten Grinsen kam er wieder nach draußen. »Wir haben heute nur Ole. Jill und dein Dad wollen mit Tim und Ruby zum Tierpark. Sie bringen sie gegen sechs hierher. Haben wir genug zu essen da?«

»Alles fertig.«

»Ich liebe dich!«, platzte Joel heraus und zog sie auf die Füße. »Pack Ole ein. Wir gehen zum Erdbeerfeld.«

»Ja!« Lin klatschte mit einem Jauchzer in die kleinen Hände und sprang auf. »Guck mal, mein Kleid passt wieder!«, sie drehte eine Pirouette vor ihm.

»Sieht toll aus.« Er nickte bewundernd, doch plötzlich verglühte Lins Lächeln wie eine Sternschnuppe.

»Hi, Joel.« Eine junge Frau in Joggingmontur hielt vor dem Zaun und stützte ihre Hände auf ihre Knie. Keuchend holte sie Luft und band sich die rotglänzenden Haare aus dem Gesicht, die in verschwitzen Strähnen aus ihrem Zopf gerutscht waren.

Joel fuhr herum, dann erhellten sich seine Züge. »Tag, Julia. Du joggst schon wieder? Respekt.«

»Könntest ruhig mal mitkommen, du Fettsack!«, neckte die Nachbarin und boxte spielerisch gegen seinen flachen Bauch.

»Ach, mit dir kann ich nicht mithalten.« Er würzte seinen Charme mit einer Prise Unverfrorenheit. »Sonst kriege ich einen Knackarsch, das kann ich nicht verantworten.« Die Worte rutschten ihm ungefiltert raus und schon färbten sich seine Wangen.

Einen Moment starrte Julia ihn an, ihr schien keine passende Antwort einzufallen und Joel mühte sich vergeblich, seine Züge zu ordnen.

Lin trat mit Ole an den Zaun, sofort verengten sich Julias Augen. »Lässt du ihn eigentlich nie von der Leine?«, zischelte sie unterdrückt und Lin stockte kurz der Atem ob dieser Unverfrorenheit. »Leider hat er keine Zeit, Julia, such dir jemand anders.«

Joel legte seinen Arm um Lin und drückte sie besitzergreifend an seine Hüfte. »Du entschuldigst uns? Wir wollten gerade gehen.«

Die Rothaarige warf Lin einen abschätzigen Blick zu und entgegnete in zuckersüßem Ton: »Du kannst es dir ja nochmal überlegen, Joel. Ein Quäntchen Fitness täte dir sicher gut.« Sie übersah sein Schulterzucken und trabte weiter.

»Hey«, entschuldigte sich Joel sofort bei Lin. »Tut mir leid, ich hab irgendwie unbewusst drauflosgeredet.«

Lin nickte langsam und wich seinem Blick aus.

Zerknirscht versuchte er sich an einem Lächeln. »Hilfst du mir, Ole in die Trage zu setzen?«, bemüht er sich, die Situation zu entkräften.

Lin konnte nicht widerstehen, lächelnd umarmte sie ihn. »Ich liebe dich, auch wenn du manchmal unmöglich bist. Nun komm!«

Lachend liefen sie den verschlungenen Pfad entlang, den sie so gut kannten. Mit jedem Schritt auf dem federnden Waldboden schlug Lins Herz leichter, Joels Hand umschlang ihre warm und beständig. Über dem Erdbeerfeld lag kühlender Schatten, als hätte der drückend heiße Tag einen Sonnenschirm aufgespannt.

»Herrlich!«, rief Joel und atmete tief die erdige Waldluft ein. Er pflückte ein paar Erdbeeren und warf sie sich nacheinander in den Mund.

Lin zog die kleinen Früchte auf Grashalme. »Nachtisch für heute Abend.«

»Super Idee!«

»Was sagst du eigentlich zu Jill?«

»Ich finde sie ganz cool. Ist wie ein Wunder, dass Pat nochmal eine Frau gefunden hat.«

»Sie ist irgendwie schrill, oder?«

Er legte den Kopf schief. »Schrullig und schrill. Jill. Daraus könnte man einen Zungenbrecher bauen.«

Lin schüttelte den blonden Schopf. »Joel Terlizzi, du und deine Fantasie. Du solltest ein Buch schreiben über Wortspiele, Holzschiffchen, Seifenblasen und so ein Zeug.«

»Ich hasse Schreiben«, erinnerte er sie. »Lin …« Er sah auf. »Mini Me stinkt.«

»Oh nein! Ole!«

Das Baby rang die Ärmchen und ein bekümmertes Tönchen entfleuchte seiner Brust.

Lin befreite es aus der Trage. »Wir haben keine Wechselsachen dabei.«

»Wir könnten ihn in den Weiher tunken«, schlug Joel vor.

»Hier, nimm ihn. Ich suche etwas Huflattich. Bis wir zuhause sind, ist er wund.«

Joel sah zu, wie Lin Ole mit den großen Blättern säuberte. »Kriegt er keine Allergie oder sowas?«

»Wahrscheinlich nicht. Huflattich wirkt entzündungshemmend auf der Haut.«

»Deine Mama kann mit Kräutern zaubern, Ole. Pass auf, dass sie dich nicht verhext«, feixte Joel und macgyverte aus den riesigen Blättern eine Art Höschen.

Ole strampelte wild, endlich war die blöde Windel weg.

Lin seufzte. »Wenn ich zaubern könnte, hätte er mich jetzt nicht angepieselt.«

JOEL MERKTE FRÜH, DASS SEIN SOHN ÄHNLICH TICKTE WIE ER selbst. Der Junge wollte von klein auf möglichst viel mitbekommen. Er betrachtete alles mit großer Ernsthaftigkeit und als er endlich greifen konnte, erschloss sich ihm die Welt. Wenn man ihm seinen Entdeckerdrang verbot, fing er an zu weinen. Er war ganz anders als Ruby, die im gleichen Alter stundenlang Bilderbücher angesehen hatte und singen konnte, bevor sie die ersten Worte gesprochen hatte.

Ole war anders als Tim, der ein Draußenkind war, und immer in irgendwelchen Bäumen herumkletterte, wo er seinen Gedanken nachhing. Er balancierte auf dem schmalen Zaun des Kapitänshauses oder spannte mit Seilen einen Kletterparcours quer durch den Garten. Tim konnte bereits lesen und lief am liebsten mit Ruby herum oder überredete Joel zum Angeln. Und Ole war eben Ole.

Lin war es, die herausfand, dass er Linkshänder war. Schon mit drei Monaten wechselte er Spielzeug in die linke Hand, wenn man es ihm in die rechte gab. Kaum hatte er den achten Lebensmonat erreicht, hielt er sich nicht mehr mit Essen auf, er musste forschen. Beharrlich schlug er seiner Mutter den Löffel aus der Hand und der liebevoll zubereitete Brei landete überall, nur nicht in seinem Mund.

»Ole«, seufzte Lin jedes Mal und verwünschte die Wäscheberge, die ihr Söhnchen produzierte. Halb belustigt, halb genervt wischte sie ihm das Mäulchen ab. »Wenn du so weitermachst, kann ich dich nie abstillen.«

Doch der Kleine ließ sich keineswegs stören. Er untersuchte Äpfel, knibbelte die Aufkleber von ihnen ab und pappte sie überall hin.

»Sie haften wirklich im ganzen Haus«, grinste Joel, der mit Ruby und Tim auf Aufklebersuche ging. »Wer die meisten findet, gewinnt!«

Ole wuchs rasend schnell. Als er ins Krabbelalter kam, fand er einen Topfdeckel und haute ihn so fest auf den Boden, dass er sich selbst erschrak und anfing zu plärren. Joel zeigte ihm, wie man mit einem Löffel draufhauen konnte. Ole strahlte, wieder was gelernt. Als Nächstes kroch er zur untersten Küchenschublade, zog sie auf und angelte angestrengt die Küchenhandtücher heraus, die Lin sorgfältig hineingefaltet hatte. Nacheinander warf er sie mit Schwung hinter sich. Dazu kommentierte er: »Adda! Adda!«

»Das Epizentrum der Zerstörung liegt bei uns unterhalb der Tischkante«, stellte Joel fest und rollte einen Apfelaufkleber zwischen den Fingern. »Alles wird betastet, bemalt und schlimmstenfalls beleckt.«

Lin warf die Hände in die Luft. »Wenn das so weitergeht, müssen wir renovieren.«

Joel schnappte sich den Kleinen. »Lass uns mit ihm rausgehen. Hier drin drehen wir alle noch durch.«

Zum Glück war es nicht weit bis zu Pats großem Spielplatz, der dank Joels gelegentlichen Modeljobs mit neuen Spielgeräten ausgestattet worden war.

Lin kroch mit Ole über die Wiese, zusammen bestaunten sie den klitzekleinen Charme der Gänseblümchen, während Tim und Ruby eine Sandkuchenbäckerei eröffneten.

»Schau dir das an!«, raunte Joel seiner Freundin zu.

Ole sah einem Schmetterling nach und ließ den haltgebenden Sandkastenrand los. Ein Schritt. Dann noch einer.

Lins Herz holperte kurz, Rührung und Bedauern mischten sich in ihr. Er wurde so schnell groß!

Sie bemerkten nicht den langgezogenen Schatten, der verborgen unter einer ausladenden Fichte seinen Anfang nahm und seine dunklen Finger nach ihnen ausstreckte. Eine am ganzen Leib bebende Frau stand dort, die Nasenflügel gebläht, das Gesicht verzerrt vor Neid. Dieses Familiengetue – unerträglich! Ein Frösteln überzog ihre Arme und sie biss die Zähne aufeinander, um ihren Schmerz nicht laut in die Welt hinauszuschreien. Womit hatte Lin so ein Glück verdient? Was zum Teufel hatte sie an sich, dass Joel sein Leben willenlos an sie verkaufte? Oh, Joel. Siehst du denn nicht, dass sie dir im Weg steht und dich mit den Kindern an sich bindet? Wolltest du das? Die Frau kreuzte die Arme vor der Brust und krallte ihre Nägel in ihre Haut, um sich zur Vernunft zu bringen. Am liebsten hätte sie sich ihm an den Hals geworfen, sie sehnte sich danach, seinen atmenden Brustkorb unter ihren Händen zu spüren. Obwohl sie vor Anspannung zitterte, konnte sie den Blick nicht abwenden von dem Familienidyll, das sich ihr darbot. Diese rotwangigen, zerzausten Naturkinder, dieses Bilderbuchbaby!

Nur mit Mühe unterband sie ein Stöhnen, Gallenflüssigkeit füllte ihren Mund. Das wirst du bereuen, Lin. Du wirst dir wüschen, Joel nie kennengelernt zu haben.

VON ZEIT ZU ZEIT NAHM JOEL SEIN MINI ME MIT IN DEN KELLER und beschäftigte ihn dort, während er selbst baute und reparierte. »Schau Ole, jetzt muss man das hier reindrücken. Genau. Mach du mal.« Er nahm seinen Minifinger und drückte mit ihm ein Stäbchen an seinen Platz. »Okay. Nun brauchen wir Kleber …«

Lin staunte, wie quietschvergnügt ihr Söhnchen bei Joel war. Wenn Ole sich langweilte, gab sein Dad ihm einen Schraubenzieher.

»Ist das nicht gefährlich?« Skeptisch zog Lin die Nase kraus.

»Nein. Er hat sich genau abgeschaut, wie man ihn hält. Komm, Ole. Zeig der Mama mal, was du kannst.« Joel nahm ein Küchensieb und stellte es umgekehrt vor Ole hin.

Das Kind steckte den Schraubendreher in ein Loch. »Da!« Er drehte sich mit blitzenden Augen zu Lin.

»Super, Ole! Joel … woher weißt du, was er will?«

»Das sieht man doch«, erwiderte er und gab seinem Sohn eine Schachtel Strohhalme.

Ole begann, die Halme in die Löcher des Siebes zu stecken.

»Jetzt verstehe ich, dass er kein Spielzeug will. Er möchte was Richtiges machen.«

»Er lernt wie ein Kängurubaby. Learning by doing, doing, doing.« Joel schob die prustende Lin aus dem Raum. »Geh jetzt endlich mit Ruby und Tim Kuchen backen. Ole und ich müssen Männersachen machen.«

»Aber zum Kuchenessen kommt ihr hoch?«, gluckste sie.

»Ja, klar. Was, Ole? Kuchen essen?«

Der Junge blitzte ihn vergnügt an und kaute an einem Strohhalm. Dann steckte er ihn ins Sieb. »Da!«, sagte er mit Überzeugung.

»Es heißt ja«, übersetzte Joel.

JOEL HATTE SEINE MUTTER NACH CLAAS’ EHERING GEFRAGT UND sie hatte ihn ihm gegeben, ohne zu fragen, was er damit vorhatte. Teresa hatte dieser Ring kein Glück gebracht, aber vielleicht könnte er ihm etwas nützen. Er schob ihn auf seinen Finger und hielt das goldene Ehegelübde seines verstorbenen Vaters ins Licht.

In dem Moment öffnete Lin die Mansardentür. »Was machst du?«, fragte sie und näherte sich neugierig.

»Ach, nichts«, erwiderte Joel. Verlegen drehte er den Ring ab und seufzte.

Lin legte den Kopf schief. »Nerven dich deine Kommilitoninnen?«

Joel legte das Schmuckstück auf seinen Schreibtisch und schob seine Hände in die Hosentaschen. »Jaaa«, gab er zu und hob unbehaglich die Schultern. Es war das gleiche Problem wie immer, die Frauenwelt warf sich ihm zu Füßen, doch er fand es nur ätzend und peinlich.

Lin runzelte die Stirn. »Tu es nicht«, riet sie. Schaudernd musterte sie den Ring. »Böses Karma.«

Er schaute sie an. »Du hast sicher recht. Es wäre nur zu schön, wenn ich auch äußerlich etwas hätte, das sie mir vom Leib hält. Gestern hat mir wieder eine die Hand aufs Bein gelegt, nur weil ich neben ihr saß. Dabei bin ich doch sowas von vergeben.« Er zog sie an sich, sog den Duft ein, der ihrer Kopfhaut entstieg und brummte wohlig.

»Joel, es ist vielleicht an der Zeit, mir die entscheidende Frage zu stellen«, half ihm seine Freundin auf die Sprünge.

Ihm stockte einen Moment der Atem. Dann antwortete er: »Ich will aber nicht mit dir im Ehehafen landen, nur damit es einfacher für mich wird.« Er überlegte, der Bund der Ehe war eigentlich überfällig. »Meinst du, wir sollten heiraten?«

»Doch nicht soo«, jaulte Lin und boxte auf ihn ein.

»Ich mach jetzt keinen Kniefall, wenn du das meinst!«

»Biiiiitte«, quengelte Lin. »Bittebittebitte …«

Joel stöhnte ergeben. »Na schön.« Er beugte sein Knie vor ihr und umschloss ihre Hand. »Also Lin, willst du meine Frau werden?«

»Du bist meine Traumfrau und ich liebe dich«, soufflierte sie und Joel verdrehte die Augen.

»Du bist meine Traumfrau und ich liebe dich«, wiederholte er pflichtschuldig.

»Ich will mit dir zusammen sein bis ans Ende meiner Tage«, fuhr Lin streng fort und ein Zucken umspielte ihre Lippen.

Joel beugte sich dem Spiel. »Ich will mit dir zusammen sein bis ans Ende meiner Tage.« Ungestüm blitzten seine Augen auf. »Kommt jetzt der Teil mit Sie dürfen die Braut küssen?«

»Nein, der mit ja, ich will«, nuschelte Lin, denn er war aufgesprungen und drängte sie an den Schreibtisch. Heftig küsste er sie, zog ihr die Bluse aus der Hose und öffnete ihre Shorts. »Schluss mit lustig«, forderte er atemlos. »Lass uns mit den ehelichen Pflichten weitermachen.«

»Ich kann nicht«, keuchte Lin. »Gib mir noch ein bisschen Zeit.« Sie hielt seine Hände fest, die sich anschickten, mehr zu tun.

Joel sank der Mut. »Sorry«, presste er hervor und kämpfte seine Erregung nieder. Erst kürzlich hatte sie sein Baby auf die Welt gebracht und er konnte an nichts Anderes denken als an … Lin streichelte seinen Hals und drehte sein Gesicht zu sich. »Sei nicht sauer«, bat sie leise. »Mir fällt schon was ein.«

Er schob sie von sich. »Nein«, sagte er bestimmt. Bewusst lächelte er so süß, dass Lins Züge verrutschten zu dem Emoji mit den Herzchen in den Augen. Artig schloss er ihre Hose und richtete ihre Bluse. »Lass uns warten bis zur Hochzeitsnacht. Wir machen es einmal im Leben in der richtigen Reihenfolge.«

Am Abend griff Joel das Thema Heiraten nochmal auf. »Was ziehen wir eigentlich an? Steck mich bloß nicht in einen Anzug.«

Lin überlegte. Er sah im Smoking supersmart aus und hatte genügend Anzüge im Schrank von seinen Modelaufträgen, aber er wäre wie verkleidet. Sie liebte ihn in seinen Jeans und seinen verwaschenen Oberteilen, die er so lange trug, bis sie sich auflösten. Sie strich über sein T-Shirt, das flauschig weich vom vielen Waschen und vollgesogen war mit seinem Duft. Mit Nachdruck versicherte sie: »Ich will dich heiraten. So wie du bist, barfuß. In siebenachtel Jeans und Hemd. Und möchte, dass man deine braunen Waden sieht.«

»Genau so will ich es auch«, bestätigte Joel. Dann brachte er ein anderes Thema aufs Tapet: »Ich bin nicht getauft. Gibt das ein Problem?«

»Lass uns doch einen freien Prediger nehmen, ich brauche nicht unbedingt eine Kirche.«

Joel nickte wissend. »Du findest mich unter jedem Stein.«

»Du weißt genau, was ich meine. Ach ja. Weiße Tauben will ich auch keine«, bestimmte Lin. »Das ist so ’ne Tierquälerei. Die jungen Tiere finden oft nicht mehr in ihren Schlag zurück und verenden kläglich.«

»Nee«, grollte Joel, dem solche Extravaganzen sowieso nicht lagen. »Ballons zum fliegen lassen bitte auch nicht. Es gerät genug Plastik in die Umwelt.«

»Bloß nicht«, wehrte Lin ab und hakte einen weiteren Punkt auf ihrer Liste ab. »Es geht um dich und mich. Alles Brimborium lenkt bloß ab.«

LIN UND JOEL PLANTED IHRE HOCHZEIT UND FLUSTERTEN MITEI-nander, wann immer es ging. Wenn sie sich uneinig waren, stritten sie so lange, bis sie eine Lösung hatten. Völlig klar war: Sie wollten eine kleine Feier, nur mit den allerengsten Freunden und ihrer Familie. Pur. Ohne Schnickschnack. An einem Lieblingsplatz. Keine Geschenke, dafür zahllose Kerzen und Blumen, entschied Lin und Joel nickte. »So machen wir es.«

Beim Abendessen ließen sie die Bombe platzen.

Teresa kreischte auf: »Endlich! Das wurde aber Zeit!« Sie sprang vom Stuhl und verteilte knallrote Kussmünder auf Lins Wangen. Dann stürmte sie zu ihrem Sohn und schlang ihre Arme in einer Heftigkeit um ihn, dass ihre goldenen Armreifen aneinander klirrten.

Doch Joel hielt ihr eine Serviette unter die Nase. »Erst abschminken.«

Teresa wischte sich augenrollend den Mund und ging danach zum Angriff über.

»Und was ist mit mir? Bekomme ich denn keine Küsse?«, beschwerte sich Fred, sein murriger Ton löste heiteres Gelächter aus.

»Aber natürlich mein Schatz«, Teresa landete jauchzend auf seinem Schoß und herzte ihren zurückhaltenden Mann mit einem Elan, der seine Wangen rosig färbte. Dann klatschte sie unternehmungslustig in die Hände und trat hinter Lin. »Süße, du weißt, was wir zu tun haben.« Sie ließ Lins schimmernde Prachthaare durch ihre langen Finger gleiten. »Komm mit, Darling. Ich habe oben ein paar Kataloge mit Flechtfrisuren, die dich prächtig schmücken könnten.«

ALS LIN TAGE SPÄTER VOM EINKAUFEN HEIMKEHRTE, LÜMMELTE JOEL mit Ruby und Tim auf dem Sofa. Sie sahen sich wohl zum hunderttausendsten Mal Mrs. Doubtfire an. Auf seinem Schoß balancierte er Ole. Der war über und über mit Brei bekleckert, Farbe zierte seine Pausbäckchen. Nicht zu fassen, dass Joel nur zwei Stunden mit den Kindern allein gewesen war. Sie hatte ihm ein sauberes Kleinkind in den Arm gedrückt, bevor sie mit Teresa zum Einkaufen gefahren war. Jetzt sah der Kleine aus wie ein Ferkel, das in Uhu getunkt und in Konfetti gewälzt worden war.

»Joel«, stöhnte sie. »Darf ich eigentlich mal was anderes machen, als Wäsche waschen?«

»Ich präsentiere dir unser glückliches Kind«, erwiderte Joel und ein Lachanfall platzte aus ihm heraus. Robin Williams hob gerade sein beschmiertes Gesicht aus einer Torte.

Die Kinder wälzten sich vor Lachen, Tim steckte sich eine Handvoll Chips in den Mund. Die Krümel verteilte er unachtsam auf der Couch, giggelnd kletterte er auf die Schultern seines Bruders. Er ließ die Beine baumeln und kitzelte Ole mit seinen Zehen, der Kleine lachte drollig mit.

»Ihr macht mich fertig«, knurrte Lin und zog ihre Ballerinas aus.

Joel war unfähig, den Blick vom Bildschirm zu lösen, er brüllte vor Lachen und Tränen liefen ihm übers Gesicht. Als er Lins verkniffenen Gesichtsausdruck bemerkte, meinte er unbekümmert: »Sei kein Spielverderber, Babe. Du bist meine Geliebte, keine Putzfrau. Komm her und küss mich.«

Robin Williams löschte seine brennenden Gummibrüste mit zwei Topfdeckeln. Die vier brachen erneut in Gelächter aus.

»Ich saug den Mist gleich weg, okay? Wenn der Film zu Ende ist, gehen Ole und ich baden.«

Ole strahlte, als hätte er ihn verstanden. Dann streckte er die bunten Ärmchen nach seiner Mutter aus. »Ma-ah!«

Lin konnte nicht widerstehen. Sie setzte sich neben Joel und nahm ihm den Kleinen ab. »Pfui, Ole! Wie siehst du aus?«

Er pflückte ein Popcorn aus der Sofaritze und versuchte, es ihr in den Mund zu stecken. Jetzt musste auch sie lachen und lehnte sich seufzend zurück. Joel löste ihr Haargummi und strich zärtlich über ihren Hinterkopf. Da saßen sie nun in ihrem Sauhaufen und Lin atmete durch.

Mit dem Fuß stupste Joel gegen einen Stapel Papiere, der auf dem Couchtisch lag. »Schau mal.«

»Deine Klausuren?« Lin inspizierte den Blätterhaufen. Dann schrie sie: »Boah, zweimal sehr gut, einmal gut? Du bist der Hammer!« Sie küsste ihn voller Stolz und er grinste.

»Siehst du? Ich sitze also nicht nur unnütz herum und mache Dreck! Noch zwei Klausuren dieses Semester, dann darf ich ins Referendariat.«

»Mega, Joel. Ich freu mich tierisch für dich!« Lin küsste ihn nochmal. Sie lehnte sich zurück und ignorierte die Chipstüte, die unter ihrem Gewicht zerplatzte.

»Na also. Autsch, Ruby, das war mein Arm!« Er biss der Kleinen in den Fuß.

»Spiel Panflöte, Papa«, bettelte sie.

Joel fuhr mit den Lippen über ihre kleinen Zehen und tutete darauf herum. Dann besah er ihre Füße genauer. »Du kommst gleich mit in die Badewanne.« Er legte seine nackten Quadratlatschen auf den Couchtisch und kicherte in sich hinein. »Gott, ist das gut! Ich liebe diesen Film.«

ALS JOEL VOM BAMBINITRAINING HEIMKEHRTE, DREHTE SICH ihm der Kopf. Seit zwei Jahren arbeitete er nun ehrenamtlich als Hockeytrainer und kümmerte sich um die Anfänger. Die Kleinen spielten pfiffig, aber sie schafften ihn. Er stieg die Treppe nach oben und rief Lins Namen.

Im Kinderzimmer stürzte etwas um und er hörte Ruby aufheulen. »Tim, bist du blöd? Das war mein Turm!«

»Lass mich, du doofe Schrulle. Ohne mich hättest du ihn doch gar nicht bis zur Decke gekriegt!« Sein kleiner Bruder ließ sofort Rubys Haare los, als Joel die Zimmertür öffnete.

»Was ist denn bei euch los?«

Der Bauklotzturm, den sie seit gestern gebaut hatten, lag zertrümmert auf dem Boden.

Ruby heulte herzzerreißend. »Tim ist so ein Blödmann. Ich will heute bei euch schlafen.« Sie warf ihrem Onkel einen giftigen Blick zu.

»Mir doch wurst, du aufgeplatztes Baiser.«

Joel musste grinsen. Seine Tochter trug ein voluminöses Prinzessinnenkleid aus der Verkleidungskiste. Er drehte den voll aufgedrehten Regler der Heizung herunter. »Gott, ist das ’ne Hitze hier. Noch ein Grad mehr und Hobbits werfen hier Ringe rein!«

Tim und Ruby verschmolzen sofort zu einer Einheit, Trotz in den kleinen Gesichtern.

Kopfschüttelnd besah sich Joel die beiden. »Ihr seid echt unbelehrbar. Wo ist Lin?«

»Ole stillen«, antworteten sie wie aus einem Mund und hielten inne. Dann fingen sie an zu lachen.

Tim gab seiner Nichte einen Knuff. »Tut mir leid mit dem Turm. Lass ihn uns wieder aufbauen.«

»Gut so, Bruderherz«, lobte Joel und wisperte ihm zu: »Genauso geht man mit Frauen um.« Zwinkernd zog er die Tür zu. Wenn Lin stillte, wollte sie ungestört sein. Er duschte ausgiebig und stieg frisch angezogen runter in die Küche. Aus dem Radio tönte der ohrwurmige Sound von Ricky Montgomerys Line without a hook, zu dem er und Lin schon so oft getanzt hatten. Eine leichte Brise fegte durch die offene Gartentür und hauchte sommerliche Wärme ins Innere des Kapitänshauses.

Ach, da war Lin ja schon, sie summte das Lied mit. Sie trug ihren Sommerpyjama mit den kleinen Schafen drauf und ihr Po wippte unter der engen Shorts, als sie zum Kühlschrank ging. Joel schloss seine Arme um sie. »Na Linnéa, hast du Ole schon hingelegt?«

»Ja. Der kleine Mister Terlizzi war total platt. Er hat den ganzen Nachmittag die Schnipsel sortiert, die du ihm in die Wanne geschüttet hast.«

»Wo sind eigentlich Teresa und Fred?«

»Im Kino«, erinnerte sie ihn. »Sie sind mit Pat und Jill verabredet.«

Joel nahm sich ein Mountain Dew und trank in langen Schlucken. Eigentlich mochte er das Zeug nicht, aber Gatorade war alle. Er lehnte sich an den Kühlschrank, seine Finger tippten gegen die Flasche, während er beobachtete, wie Lin summend das Abendbrot für die Kinder vorbereitete. Mann, sah ihr Hintern prall aus in dieser Pyjamashorts. Trug sie keine Unterhose? Sie machte ihn verrückt! Lust durchprickelte ihn und breitete sich in seinem Bauchraum aus. Ole war nun schon ein Kleinkind und alles, was er von ihr bekam, war Petting. Okay, ganz nice, doch langsam sehnte sich Joel nach mehr. Dennoch … Lin hatte bei Oles Geburt eine Menge durchgemacht. Er war in gewaltvollen drei Stunden auf die Welt gekommen. Die Wehen waren so schnell aufeinandergefolgt, dass sie schwere Verletzungen davongetragen hatte. Bei Ruby hatte es furchtbar lange gedauert, Ole dagegen wurde förmlich ins Leben geschleudert. Seufzend dreht Joel die Flasche zu, er musste ihr noch Zeit geben, auch wenn er sich manchmal zu jung fühlte, sein Mädchen mit den Kindern zu teilen. Wenigstens entschädigte Oles sonniges Wesen Lins Geburtstrauma.

Lin ahnte, was in Joel vorging. Er hatte sie beobachtet, als er wie ein Pin-up Boy am Kühlschrank gelehnt hatte. Während er die Kinder zu Bett brachte, schlüpfte sie leise ins Bad. Sie kämmte ihre Haare und legte einen Hauch Parfum auf. Durch die Tür hörte sie ihn vorlesen und spitzte die Ohren.

»Soll ich dir den Bauch aufschlitzen oder dir den Kraaagen umdrehen?

«, erweckte er gerade einen Unhold zum Leben. Er gab seiner Stimme einen bedrohlichen Klang.

Ruby und Tim quietschten vor Vergnügen. Je blutrünstiger, desto besser.