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Auf Rabbi David Small lastet ein schlimmer Verdacht: Hat er den jüdischen Friedhof entweiht, indem er dort einen Selbstmörder begrub? Der Rabbi und Amateurdetektiv ermittelt auf eigene Faust und findet heraus, dass der Mann ermordet wurde. Doch damit steckt er plötzlich in noch viel größeren Schwierigkeiten als zuvor. Der zweite Fall für Rabbi David Small, den kurzsichtigen, unsportlichen, aber überaus scharfsinnigen Schriftgelehrten, der nie um eine treffende Sentenz aus dem Talmud verlegen ist.
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Seitenzahl: 290
Veröffentlichungsjahr: 2015
Auf Rabbi David Small lastet ein schlimmer Verdacht: Hat er den jüdischen Friedhof entweiht, indem er dort einen Selbstmörder begrub? Der Rabbi ermittelt auf eigene Faust und findet heraus, dass der Mann ermordet wurde. Doch damit steckt er plötzlich in noch größeren Schwierigkeiten als zuvor.
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Harry Kemelman (1908-1996) wuchs als Sohn russisch-jüdischer Einwanderer in den USA auf. Großen Erfolg feierte er mit seinen Romanen um den Rabbi und Amateurdetektiv David Small und erhielt unter anderem den Edgar Allan Poe Award.
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Eva Rottenberg, später Koralnik, arbeitete als Übersetzerin und leitete viele Jahre die Literaturagentur Liepman.
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Harry Kemelman
Am Samstag aß der Rabbi nichts
Kriminalroman
Aus dem Englischen von Eva Koralnik Rottenberg
Durch die Woche mit Rabbi Small (Der zweite Fall)
E-Book-Ausgabe
Unionsverlag
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Die Originalausgabe erschien 1966 unter dem Titel Saturday the Rabbi Went Hungry bei Verlag Crown Publishers, New York.
Die deutsche Erstausgabe erschien 1967 im Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg.
Originaltitel: Saturday the Rabbi went hungry (1966)
© Harry Kemelman 1966
© by Unionsverlag, Zürich 2024
Alle Rechte vorbehalten
Umschlag: particula/photocase.com
Umschlaggestaltung: Martina Heuer
ISBN 978-3-293-30909-8
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Cover
Über dieses Buch
Titelseite
Impressum
Unsere Angebote für Sie
Inhaltsverzeichnis
AM SAMSTAG ASS DER RABBI NICHTS
1 – … Am zehnten Tag des siebenten Monats ist …2 – Hugh Lanigan, der Polizeichef von Barnard’s Crossing …3 – Colonial Village war die erste Stadtrandsiedlung von Barnard’s …4 – Für die Alteingesessenen von Barnard’s Crossing war der …5 – Ein kleiner Lieferwagen mit der Aufschrift JACKSON’S SPIRITUOSEN …6 – Die Smalls kamen gerade noch rechtzeitig im Tempel …7 – Kurz vor Mitternacht klingelte das Telefon. »Barnard’s Crossing …8 – Der Jom-Kippur-Gottesdienst, der den ganzen Tag dauert …9 – Widerwillig schlurfte Jordan Marcus zum Telefon. Während er …10 – »Und jetzt«, verkündete Schwarz, »will ich Ihnen etwas …11 – Am nächsten Mittag hielt ein Taxi vor der …12 – Sykes hatte den Rabbi mit keinem Wort auf …13 – »Ja, hier spricht Ben Goralsky. Okay, ich warte …14 – Der Rabbi hatte eigentlich vorgehabt, nach dem Besuch …15 – Pat Hirsh kam mit Liz Marcus in der …16 – Das große, einstöckige Gebäude der Goraltronics-Werke war durch …17 – Mrs Hirsh führte Dr. Sykes ins Wohnzimmer und …18 – »Possel? Was heißt das – possel?«19 – »Das kann doch nicht Ihr Ernst sein!« …20 – Marvin war in bester Stimmung, als er am …21 – Am Samstag beim Morgengottesdienst hatte der Rabbi starke …22 – Jacob Wasserman, Gründer und erster Präsident der Gemeinde …23 – Der Gäste wegen hatte der Rabbi den Schlafrock …24 – »Sieh mal, wer da kommt, David!«, rief Miriam …25 – »Der District Attorney hat eine Sauwut auf mich« …26 – Ein Dienstmädchen mit Häubchen und Schürze öffnete die …27 – Der District Attorney ließ keine offizielle Meldung veröffentlichen …28 – »Ich bin vor allem anderen Polizist«, sagte Lanigan …29 – In einer Kleinstadt gibt es keine Geheimnisse …30 – An diesem Freitag fühlte sich Miriam ziemlich elend …31 – »Ich misch mich nie ein, Hugh, das weißt …32 – Sergeant Whitaker war jung und ehrgeizig. Drei Abende …33 – »Sie haben Ihren Fall also gelöst, ja?« …34 – Der Rabbi sah den Wagen über den Parkplatz …35 – Lanigan war im Aufbruch, als der Rabbi anrief …36 – Der Rabbi setzte sich zu Lanigan in den …37 – Am Sonntagmorgen stand Schwarz mit seinen Anhängern mürrisch …38 – »Ist die Dame des Hauses schon zurück?« …39 – Rabbi Small schritt im Wohnzimmer auf und ab …WorterklärungenMehr über dieses Buch
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Über Eva Koralnik Rottenberg
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…Am zehnten Tag des siebenten Monats ist der Versöhnungstag – heilige Berufung sei er euch, und ihr sollt fasten … und keinerlei Arbeit sollt ihr verrichten an diesem Tag: eine ewige Satzung für eure Geschlechter in allen euren Wohnsitzen. Eine Sabbatfeier sei er euch, und ihr sollt fasten. Am neunten Tag des Monats sollt ihr beginnen und von Abend bis Abend eure Feier begehen.
Dieses Jahr fiel Jom Kippur, der Versöhnungstag, auf einen Sabbat, da der neunte Tag des hebräischen Kalendermonats ein Freitag und der zehnte ein Samstag war. Das machte den Tag zwar nicht heiliger – das war gar nicht möglich –, aber die Juden brauchten ihre normale Arbeitswoche nicht zu unterbrechen. Am Freitagnachmittag bereitete sich die jüdische Gemeinde von Barnard’s Crossing auf diesen heiligsten Tag im Jahr wie die Juden auf der ganzen Welt vor. Die Frauen richteten das Abendessen, das der Tradition gemäß besonders reichlich war, um die nötige Kraft für den anschließenden vierundzwanzigstündigen Fasttag zu spenden. Die Männer waren früh von der Arbeit nach Hause gekommen, damit sie noch in Muße baden, die Feiertagskleider anziehen, Abendbrot essen und vor Sonnenuntergang zur Synagoge gehen konnten, wenn der Kol-Nidre-Gesang den hohen Tag einleitete.
David Small, der junge Rabbi der Gemeinde, stand fertig angezogen vor seiner Frau Miriam. Sie musterte ihn mit kritischem Blick. Er war mittelgroß und trotz seiner guten Gesundheit blass und mager; dunkle, tief liegende Augen blickten nachdenklich hinter den Brillengläsern. Er hielt den Kopf leicht vorgeneigt und ließ die Schultern hängen wie ein Mann, der ständig über Büchern sitzt.
Seine Frau war zierlich und lebhaft und trug einen üppigen blonden Haarschopf, der sie zu erdrücken schien. Sie hatte große blaue Augen und ein offenes Gesicht, das ohne das entschlossene kleine Kinn naiv gewirkt hätte. Sie hatte etwas Kindliches trotz des vorstehenden Bauches, der den letzten Monat ihrer Schwangerschaft verriet. »Dein Anzug, David. Die Jacke sitzt schief. Steh grad und zieh die Schultern hoch!«
Er riss sich zusammen.
»Der oberste Knopf stimmt nicht. Falsch angenäht. Er verzieht die Jacke.«
»Er war abgerissen, da hab ich ihn wieder angenäht. Du warst gerade aus.«
»Komm, ich näh ihn dir richtig an.« Sie untersuchte den Knopf. »Warum hast du für einen grauen Anzug blauen Faden genommen?«
»Er ist eigentlich gar nicht blau, sondern weiß. Ich hab ihn mit dem Füller gefärbt. Und überhaupt, beim Gottesdienst trage ich ja den Talar drüber.«
»Und auf dem Weg zum Tempel? Und nachher, wenn du mit den Leuten sprichst? Deine Schuhe sind auch ganz schmutzig.«
Er begann, den Schuh am Hosenbein abzureiben.
»David!«
»Sie werden ja doch wieder staubig, wenn wir zur Synagoge gehen«, rechtfertigte er sich.
»Nimm wenigstens die Schuhbürste.«
Aufseufzend ging er hinaus. Sie hörte, wie er mit der Bürste energisch über die Schuhe fuhr. Als er wieder hereinkam, half sie ihm in die Jacke, rückte sie zurecht wie ein Schneider und machte die Knöpfe zu. Dann strich sie über den Kragen und erklärte: »So, jetzt siehts besser aus.«
»In Ordnung? Kleiderappell beendet?«
»Du siehst gut aus, David.«
»Also weiter im Text.« Er entnahm seiner Brieftasche zwei Dollarnoten, gab ihr eine und behielt die andere für sich. Mechanisch wollte er die Brieftasche wieder einstecken, überlegte einen Moment und legte sie in die Schreibtischschublade. Am Sabbat trug er kein Geld bei sich.
Mit einem Gebetbuch in der Hand kam er zurück, blätterte und gab ihr das offene Buch: »Da ist das Gebet.«
Sie las den hebräischen Abschnitt, der erläuterte, dass dieses Geld für wohltätige Zwecke bestimmt sei – eine Art Buße für begangene Sünden. Dann faltete sie den Geldschein und steckte ihn in den Schlitz der blauen Sparbüchse auf dem Küchenschrank, deren Inhalt von Zeit zu Zeit wohltätigen Zwecken zugeführt wurde. »Ist ein Dollar genug, David?«
»Es ist nur symbolisch.« Auch er stopfte seine Dollarnote hinein. »Mein Großvater schenkte immer einen lebendigen Hahn – der Mann opferte einen Hahn und die Frau ein Huhn. In deinem Zustand müsstest du ein Huhn und ein Ei nehmen.«
»Du machst Witze!«
»Nein, ganz im Ernst.«
»Und was tut man nachher mit dem Ei?«
»Wahrscheinlich isst mans.«
»Klingt irgendwie kannibalisch.«
Sie setzten sich zu Tisch, und er sprach den Segen. Da klingelte das Telefon.
Der Rabbi nahm den Hörer ab. »Ja?«
»Ist dort Rabbi Small?« Die Stimme war sehr laut. »Hier spricht Stanley. Stanley Doble vom Tempel.«
Stanley war der Hausmeister in der Synagoge, und obwohl er den Rabbi fast täglich sah, identifizierte er sich am Telefon jedes Mal feierlich als »Stanley Doble vom Tempel«, als sei das eine Art von Adelstitel. Er konnte sonst mit allem, was mit Elektrizität und Mechanik zu tun hatte, sehr geschickt umgehen, betrachtete aber offenbar das Telefon als Verbindungsrohr, durch das man möglichst laut schreien muss, um gehört zu werden. »Entschuldigen Sie die Störung, Rabbi, aber der Lautsprecher ist kaputt.«
»Was ist los damit?«
»Na, die Anlage ist kaputt. Funktioniert nicht richtig. Sie heult.«
»Vielleicht gehts bis heute Abend wieder«, meinte der Rabbi, für den alle technischen Einrichtungen etwas Geheimnisvolles hatten – aus irgendeiner Laune heraus versagten sie plötzlich, um dann aus ebenso unerklärlichen Gründen auf einmal wieder zu funktionieren. »Vielleicht ists nur eine kleine Reparatur?«, fragte er hoffnungsvoll.
»Ich hab die Kabel kontrolliert und nichts gefunden. Muss wohl am Mikrofon liegen. Wahrscheinlich futsch.«
»Kann man nicht jemand holen? Vielleicht die Firma, die damals die Anlage installiert hat?«
»Die ist in Boston.«
Der Rabbi warf einen Blick auf die Uhr. »Das hat jetzt keinen Sinn mehr. Gibts niemand in Lynn oder Salem?«
»Die Geschäfte sind schon zu, Rabbi.«
»Dann werde ich eben lauter sprechen müssen. Rufen Sie den Kantor an und sagen Sie ihm Bescheid.«
»Okay, Rabbi. Tut mir leid, dass ich gestört hab, aber ich dachte, ’s ist besser, Sie wissens vorher.«
Der Rabbi begann, die Suppe zu löffeln, da klingelte es wieder. Mrs Robinson, die Präsidentin des Frauenvereins, war am Apparat. »Hallo, Rabbi? Hier spricht Sue Robinson.« Sie war ganz außer Atem. »Verzeihen Sie, wenn ich Sie noch so kurz vor Festbeginn beim Meditieren störe, aber es ist entsetzlich wichtig. Sie werden doch ganz bestimmt die Blumendekorationen erwähnen? Kann ich mich drauf verlassen?« Es klang wie ein Vorwurf.
»Selbstverständlich. Einen Moment bitte.« Er schlug das Gebetbuch auf, in dem ein Zettel steckte: »Da hab ichs schon. Die Blumenarrangements wurden vom Frauenverein gestiftet.«
»Da muss was geändert werden. Haben Sie Papier und Bleistift? Ich warte.«
»Ich bin bereit.«
»Rose Bloom, nein, schreiben Sie lieber: gestiftet von Mr und Mrs Ira Bloom zum Andenken an ihren Vater David Isaac Levin. Haben Sies? Ich hätte schon früher angerufen, aber Mrs Bloom hat es mir erst vor einer halben Stunde gesagt.«
»Ich will dran denken.« Er las ihr noch einmal vor, was er sich notiert hatte.
»Großartig, Rabbi. Und vielen Dank.«
»Bitte schön.«
Er setzte sich wieder an den Tisch, aß ein paar Löffel Suppe und schüttelte den Kopf. »Ich glaube, ich bin satt«, entschuldigte er sich.
»Sie ist sicher kalt geworden.« Miriam nahm den Teller. »Warte, ich wärm sie dir rasch, damit …«
Das Telefon. Mrs Rosoff. »Sagen Sie, Rabbi«, schnaufte sie aufgeregt, »wie viel wiegt die Thora? Die Rolle, wissen Sie.«
»Die Tho… Also das weiß ich wirklich nicht, Mrs Rosoff. Die Rollen sind nicht alle gleich groß und daher verschieden schwer. Ist es so wichtig? Ich würde sagen, im Schnitt so bei fünfundzwanzig, dreißig Pfund.«
»Und ob das wichtig ist! Mein Mann hat letzte Woche eine Mitteilung bekommen, dass er an Jom Kippur zu einem Ehrendienst aufgerufen werden soll – als Hagboh. Ich hab erst jetzt erfahren, was das bedeutet: Er muss die Thorarolle an den beiden Griffen hochhalten. Hoch überm Kopf. Ich bitte Sie, Rabbi – ehrt man so einen Mann, der vor drei Jahren einen Herzinfarkt gehabt hat? Sind das die Ehren, die man austeilt, Rabbi? Wollen Sie, dass er vor dem Thoraschrank zusammenbricht?«
Der Rabbi versuchte, ihr zu erklären, dass dafür die Ritualkommission zuständig sei und dass man dort über Mr Rosoffs Gesundheitszustand sicherlich nicht Bescheid gewusst habe. »Es ist nicht weiter schlimm, Mrs Rosoff, weil Hagboh der eine von einem Paar ist. Die beiden heißen Hagboh und Glilloh. Hagboh hebt die Thorarolle hoch, und Glilloh rollt sie auf und bindet sie zu. Ihr Mann braucht nur zu sagen, dass er lieber die Thora aufrollen möchte, dann wird sie der andere hochheben.«
»Rabbi, Sie kennen meinen Mann nicht. Glauben Sie, dass er auf die Ehre verzichtet, wenn er schon dazu aufgefordert wird? Lieber riskiert er einen Herzanfall.«
Der Rabbi versprach, sich selbst um die Sache zu kümmern. Er wollte sich nicht auf sein Gedächtnis verlassen und rief gleich Mortimer Schwarz an, den Gemeindepräsidenten, der die Ehrenämter von der Kanzel zu verkünden hatte.
»Gut, dass Sie anrufen, Rabbi«, sagte Schwarz, nachdem er die Nachricht gehört hatte. »Ich wollte Sie schon anrufen, aber es war schon spät, und ich wollte Sie nicht mehr stören. Haben Sie von der Lautsprecheranlage gehört?«
»Ja, Stanley hats mir gemeldet.«
»Ist sicher nur halb so schlimm. Es summt ein wenig, wenn man direkt ins Mikrofon spricht, aber man muss einfach die Lautstärke leiser stellen. Denken Sie bitte daran.«
»Ich glaube, ich brauche das Mikrofon gar nicht.«
»Heute vielleicht nicht, aber morgen wird es schön anstrengend werden. Das ist kein Kinderspiel, ein ganztägiger Gottesdienst auf leeren Magen.«
»Wir werdens schon schaffen. Der Raum hat eine gute Akustik.«
»Vielleicht find ich noch einen Mechaniker, der heute Abend nach dem Gottesdienst …«
»Kommt nicht infrage!«, warf der Rabbi rasch ein.
»Na schön, Sie haben recht. Es würde uns mehr schaden als nützen, wenn die Leute merken, dass ausgerechnet heute in der Synagoge gearbeitet wird. Machts Ihnen wirklich nichts aus?« Rabbi Small versicherte, es mache ihm wirklich nichts aus, und setzte sich wieder an den Tisch. »Mortimer Schwarz wird rücksichtsvoll«, bemerkte er. »Das macht zweifellos die Jom-Kippur-Stimmung.«
Er hatte die Hälfte seines Brathähnchens gegessen, als das Telefon erneut klingelte. Miriam wollte abnehmen, aber er winkte ab und nahm den Hörer. »Rabbi Small.«
»Oh, Rabbi – gut, dass ich Sie erwische. Hier spricht Mrs Drury Linscott. Ich gehöre nicht Ihrem Glauben an, aber mein Mann und ich haben eine hohe Meinung von Ihren Leuten; der engste Mitarbeiter meines Mannes ist auch Jude.« Sie hielt inne und erwartete offenbar eine Dankesbezeugung seinerseits.
»Tatsächlich?«, murmelte der Rabbi.
»Ja. Und jetzt kommt mein Mann und sagt, dass Morton … Das ist er, wissen Sie. Der Mitarbeiter. Morton Zoll heißt er. Kennen Sie ihn?«
»Ich … Nein, ich glaube nicht.«
»Ein feiner Mensch. Und so zuverlässig. Also, mein Mann behauptet, Morton hätte gesagt, dass er von heute Abend bis morgen Abend nichts essen und trinken darf, nicht einmal einen Schluck Wasser. Ich kann das einfach nicht glauben. Da hat mein Mann doch sicher was falsch verstanden?«
»Nein, nein. Es ist schon so, Mrs Linscott. Wir fasten von Sonnenuntergang bis Sonnenuntergang.«
»Wirklich? Und während der Zeit darf er nicht arbeiten?«
»Nein.«
»Oh.«
Der Rabbi wartete.
»Na ja, dann …« Sie legte auf.
Der Rabbi starrte verdutzt auf den Hörer. Dann legte er ihn langsam auf die Gabel.
»Was war denn diesmal?«, fragte Miriam.
Er berichtete.
»Von jetzt an werde ich antworten«, entschied sie. Im selben Moment schrillte der Apparat wieder. Sie nahm den Hörer. »Mrs Small, ach so, Sie sinds.« Sie deckte die Muschel mit der Hand zu: »Kantor Zimbler«, flüsterte sie.
»Lass mich ran.«
Der Kantor schien außer sich. »Rabbi, haben Sie das gehört wegen der Lautsprecheranlage? Stanley rief mich an, und ich bin gleich zur Synagoge gelaufen. Ich ruf von hier an. Es ist fürchterlich. Ich hab mal probiert – es klingt wie ein dreißig Jahre altes Grammofon mit einer stumpfen Nadel. Sobald man den Kopf bewegt, heult es wie die Feuerwehrsirene. Was sollen wir tun, Rabbi?«
Der Rabbi musste lächeln; er fragte sich, ob Zimbler für die Probe wohl das Kantorengewand angezogen und das weiße Käppchen aufgesetzt hatte. Das dicke Männchen mit dem kurzen schwarzen Spitzbart sah aus wie der Koch auf einer Spaghettireklame. Sie teilten miteinander das Umkleidezimmer, und der Kantor hatte darauf bestanden, dass neben der Tür ein hoher Spiegel angebracht wurde. Bis vor zwei Jahren hatte er in einer orthodoxen Gemeinde gesungen; seinem Bewerbungsschreiben um die neue Stelle hatte er ein Konzertplakat beigelegt, auf dem er sich Jossele Zimbler nannte. Neuerdings trat er nur noch als Reverend Joseph Zimbler auf. Die Umwelt formt den Menschen. »Mit Ihrer Stimme brauchen Sie doch keinen Lautsprecher«, sagte Rabbi Small.
»Meinen Sie wirklich?«
»Bestimmt nicht. Außerdem – Sie sind doch orthodox, oder nicht?«
»Na und?«
»Da werden Sie doch sicherlich auf die ganze Lautsprecheranlage verzichten wollen. Wenn ich mich nicht täusche, ist es ein elektrisches System, bei dem der Stromkreis durch die Schwingungen der Stimme ständig geschlossen und wieder unterbrochen wird.«
»Na und?«
»Das ist doch dasselbe, als ob Sie das Licht anknipsen.«
»So?« Der Kantor schien nicht ganz überzeugt.
»Aus diesem Grund benutzen viele orthodoxe Gemeinden keinen Lautsprecher für den Sabbatgottesdienst, geschweige denn am Jom Kippur, dem höchsten aller Feiertage.«
»Ja, dann …« Der Kantor gab sich geschlagen.
Rabbi Small kehrte lachend zum Tisch zurück. »Diese Kantoren sind wie kleine Kinder. Vielleicht brauchen sie deshalb ihren Namen immer in der Verkleinerungsform – Jossele, Mottele, Itzikel.«
»Wenn ich dich jetzt Davidel rufe, bleibst du dann endlich beim Tisch sitzen, bis du fertig gegessen hast?«
Das Telefon läutete nicht mehr, und er konnte den Kaffee in Ruhe trinken. Miriam räumte ab, spülte das Geschirr und zog sich an.
»Macht es dir wirklich nichts aus, zu Fuß zur Synagoge zu gehen?«, fragte er besorgt.
»Aber nein. Der Arzt sagt doch, ich soll mich möglichst viel bewegen. Komm, gehen wir, sonst geht das blödsinnige Geklingel wieder los.«
Es war noch eine Stunde bis zum Sonnenuntergang, aber der Gottesdienst sollte fünfzehn Minuten früher beginnen. Und wenn man auch bis zur Synagoge nur zwanzig Minuten brauchte, so war es an diesem Abend doch ratsam, zeitig dort zu sein. Als sie zur Tür gingen, schrillte nochmals das Telefon.
»Lass läuten, David.«
»Damit ich mir den ganzen Abend den Kopf zerbreche, wer es wohl war? Ich machs kurz.«
»Rabbi?« Die heisere Stimme klang aufgeregt. »Hier spricht Ben Goralsky. Ich hab eine große Bitte an Sie: Könnten Sie auf dem Weg zur Synagoge rasch hier vorbeikommen? Es ist furchtbar wichtig. Mein Vater, er ist sehr krank.«
»Wir waren schon am Gehen, und … Es ist schon spät, und Ihr Haus liegt nicht auf dem Weg.«
»Sie müssen kommen, Rabbi! Es geht um ein Leben. Ich schick Ihnen einen Wagen, und nachher fahr ich Sie selber zur Synagoge. Sie werden bestimmt zur Zeit dort sein.«
»Also …«
»Der Wagen ist schon unterwegs. In ein paar Minuten ist er bei Ihnen.«
Hugh Lanigan, der Polizeichef von Barnard’s Crossing, war ein untersetzter Mann mit einem freundlichen irischen Gesicht und schneeweißem Haar. Er ließ sich in seinen Drehstuhl sinken und schwang sich herum, um seinen Besucher zu mustern: »Was kann ich für Sie tun, Herr Pfarrer?«, fragte er.
Der Mann auf dem Stuhl gegenüber war jung – höchstens fünfunddreißig. Er war groß und breitschultrig. Auf dem kräftigen Nacken saß ein schöner, markanter Kopf. Das blonde Kraushaar begann, seitlich am Stirnansatz schütter zu werden. Trotz des klerikalen Stehkragens sah er eher wie ein Footballspieler als wie ein anglikanischer Geistlicher aus. Peter Dodge hatte tatsächlich mehrere Jahre lang als Profi gespielt, ehe er sich dann für die geistliche Laufbahn entschloss. »Peter Dodge, Assistent von Dr. Sturgis an der Pfarrei von St. Anselm’s«, stellte er sich mit tiefer Baritonstimme vor.
Lanigan nickte.
»Ich möchte mich über zwei von Ihren Leuten beschweren.«
»Oh? Über wen denn?«
»Ich weiß nicht, wie sie heißen.«
»Kennen Sie die Nummern ihrer Dienstmarken?«
»Nein. Aber es waren die beiden Beamten, die am Mittwochabend den Streifenwagen fuhren.«
Lanigan warf einen Blick auf den Plan, der an der Wand hing. »Loomis und Derry, beides gute Leute. Was haben sie angestellt?«
»Ach, es gab da irgendwelchen Ärger in Bill’s Café – es liegt an der Straße nach Salem.«
»Ich weiß, wo es liegt.«
»Jedenfalls, Bill, eh, der Wirt, forderte die Radaubrüder auf, das Lokal zu verlassen. Sie gehorchten ohne Widerrede, aber dann lungerten sie draußen herum und fingen die Gäste ab, die ins Lokal wollten. Schön, sie haben sich schlecht benommen; aber es war nicht ernsthaft gemeint.«
»Obwohl sie die Gäste nicht hereinließen?«
»Ich habe mit dem Wirt gesprochen; er sagte, die Sache sei gar nicht so schlimm gewesen.«
»Ach, Sie waren nicht dort, als es passierte?«
»Nein. Ich kam erst später hinzu.«
»Auf Ihrem täglichen Abendspaziergang?«
Der junge Pfarrer war erstaunt. »Woher wissen Sie, dass ich jeden Abend einen Spaziergang mache? Stehe ich etwa unter Polizeiaufsicht?«
Lanigan lächelte. »Unsere Stadt ist klein, Herr Pfarrer, aber wir müssen ein großes Gebiet überwachen. Dafür haben wir nicht genügend Leute; wir müssen versuchen, möglichst Bescheid zu wissen, ehe was passiert. Die Betonung liegt auf ›Bescheid wissen‹! Sie sind neu hier, nicht wahr?«
»Ja, ich bin erst seit ein paar Monaten …«
»Und Sie kommen wohl aus einer Großstadt?«
Dodge nickte. »South Bend.«
»Aus dem Mittelwesten, aha. Ich dachte es mir. Man hörts an der Aussprache. Sehen Sie, Stadtleute merken meistens erst, dass es eine Polizei gibt, wenn sie sie brauchen. Die Polizei ist etwas, das einfach immer zu funktionieren hat – wie das Wasserwerk oder die Stromversorgung. Aber an kleinen Orten wie hier sind Polizisten noch Nachbarn und Freunde; man kommt mit ihnen zusammen wie mit anderen Bekannten. Unsere Aufgabe ist es, alles zu wissen. Wenn nachts ein Fremder durch die Straßen geht, wird ihn der Streifenpolizist vermutlich ansprechen.« Er schaute den jungen Pfarrer belustigt an: »Hat Sie noch nie ein Polizist angesprochen?«
»Doch – kurz nachdem ich hergezogen bin. Aber er fragte nur, ob er mir behilflich sein könne. Wahrscheinlich dachte er, ich suche eine Straße.«
»Worauf Sie ihm erklärten, dass Sie immer nach dem Abendessen einen Spaziergang machten?«
»Oh.«
»Sehen Sie, so einfach ist das. Sie marschieren jeden Abend von Mrs Oliphant, bei der Sie logieren, durch die Oak Street bis hinter Colonial Village, biegen dann in die Main Street in Richtung Salem ein und gehen dann am Wasser entlang nach Hause.«
»So macht ihr das also?«
»Ja, so machen wir das.«
»Und wenn ich statt dieser Kleider einen … gewöhnlichen Anzug anhätte?«
»Dann wäre der Beamte genauso höflich gewesen, nur hätte er Ihnen mehr Fragen gestellt. Und wenn Sie ihm gesagt hätten, dass Sie zur Bushaltestelle wollen, hätte er Ihnen wahrscheinlich angeboten, auf den Streifenwagen zu warten, damit er Sie dort absetzt.«
»Ach so.«
»Ja, also … Ich nehme an, dass Sie so gegen halb neun bei Bill vorbeikamen. Die Jungen standen rum und schimpften. Sie fragten …«
»Einer von ihnen ist in unserer Kirche. Er sagte – und die anderen bestätigten es –, dass sie von den beiden Beamten angebrüllt und unnötig grob behandelt worden seien. Zwei schwarze Jungs waren auch dabei; auf sie hatten es Ihre Leute besonders abgesehen.«
»Sie beschweren sich also darüber, dass meine Leute ungebührlich grob waren. Haben sie zugeschlagen? Haben sie ihre Knüppel benutzt?«
»Ich möchte vorerst klarstellen, dass man die Polizei gar nicht gerufen hat. Der Streifenwagen fuhr rein zufällig vorüber.«
»Wir schauen jeden Abend ein paarmal bei Bill herein.«
»Also es war auch Ihrer Ansicht nach an jenem Abend dort nichts Besonderes los?«
»Ganz recht.«
»Ich finde es höchst bedenklich, dass die schwarzen Jungs schlecht behandelt wurden. Wir sind doch nicht in Alabama.«
»Ach so, Sie gehören wohl der Bürgerrechtsbewegung an?«
»Jawohl.«
»Na gut. Und was ist diesen Farbigen passiert, dass Sie sich so empören?«
»Einmal protestiere ich dagegen, dass sie strenger angefasst wurden als die anderen. Und dann, sie wurden herumgestoßen; einer von ihnen fiel sogar hin. Ihre Leute sind zu weit gegangen. Ich glaube nicht, dass sie als Hüter der öffentlichen Ordnung …«
»Das ist es ja gerade, Herr Pfarrer. Ich meine, dass sie Hüter der öffentlichen Ordnung sind. Aber sie betrachten sich vor allem als die Hüter der Ordnung in Barnard’s Crossing, und die beiden Burschen sind nicht aus unserer Stadt.«
»Woher wissen Sie das?«
»Weil wir in Barnard’s Crossing keine farbigen Familien haben. Und bevor Sie irgendwelche voreiligen Schlüsse ziehen: Es liegt nicht daran, dass wir sie nicht wollen oder gar stillschweigend boykottieren. Es liegt an den Bodenpreisen. Sie sind hier sehr hoch, und die meisten Schwarzen können sichs einfach nicht leisten.« Er fragte sich, ob es überhaupt Sinn habe, diesem »Ausländer« auseinanderzusetzen, wie es in Barnard’s Crossing zuging. »Sie müssen die Situation hier verstehen, Herr Pfarrer. Ed Loomis – ich vermute, er war es – und ich, wir haben keinerlei Vorurteile gegen Schwarze. Oder gegen sonst jemand. So sind wir nicht hier in Barnard’s Crossing; wenn Sie erst eine Zeit lang hier gewohnt haben, werden Sies selbst merken. Die meisten Familien stammen ursprünglich aus Salem; sie sind von dort weggezogen, weil sie die Theokratie satthatten. Sie wollten sich nicht mehr vorschreiben lassen, was sie tun und was sie nicht tun durften. Während einer langen Zeit gab es hier weder Kirche noch Pfarrer. Es war ein derber Menschenschlag, aber die Leute waren tolerant, und ich habe das Gefühl, dass diese beiden Eigenschaften bis heute erhalten geblieben sind. Meine Leute waren alle irische Katholiken, und sie leben hier seit der Kolonialzeit, ohne dass jemand was dagegen gehabt hätte. Wir sind tolerant, aber wir haben aus jener Zeit noch ein einziges Vorurteil – es richtet sich gegen Fremde. Fremde sind Leute, die nicht aus Barnard’s Crossing stammen. Und die beiden Jungen waren aus Salem. Ich bin ganz sicher, dass Ed Loomis nichts gegen die Jungen hatte. Nichts Persönliches. Wohlgemerkt, ich heiße es nicht gut, dass unsere Polizei mit fremden Jungen härter umspringt als mit den einheimischen, aber ich kann es verstehen, weil ich die Hintergründe kenne.«
»Sie entschuldigen also diese Haltung?«
»Ich entschuldige sie nicht, aber ich verstehe sie.«
»Ich denke, damit ist die Sache noch nicht abgetan. Mr Braddock, der Vorsitzende des Stadtparlaments, gehört zu unserer Kirche. Ich habe die Absicht, ihn von dem Vorfall zu unterrichten.«
Lanigan spitzte die Lippen, sagte aber nichts. Dann blickte er auf die Wanduhr und lehnte sich in seinem Drehstuhl zurück, bis er über den anschließenden Korridor den Schreibtisch des diensttuenden Sergeant sehen konnte. »Sag mal dem Streifenwagen Bescheid, Joe«, rief er ihm zu. »Sie sollen zur Synagoge fahren und den Verkehr regeln. Ich hab mit dem Rabbi gesprochen; er sagt, die Ersten kommen so gegen halb sieben, aber zwischen Viertel vor und Viertel nach wirds Gedränge geben. Nachher sollen sie die Streife wieder aufnehmen.« Dann wandte er sich mit einem Lächeln wieder an seinen Besucher: »Gehen Sie ruhig zu Alf Braddock und beschweren Sie sich bei ihm über Ed Loomis – er kennt ihn recht gut. Die beiden sind im gleichen Ruderklub.«
Colonial Village war die erste Stadtrandsiedlung von Barnard’s Crossing. Die üblichen Witze, die man über Wohnkolonien zu machen pflegt, trafen auf Colonial Village nicht zu; es bestand hier nicht die Gefahr, dass der Ehemann am Abend ins falsche Haus trat. Die Häuser hatten zwar alle denselben Grundriss, doch gab es drei unterschiedliche Fassadentypen, und keine zwei benachbarten Häuser waren gleich. Die Parzellen waren nicht allzu groß, aber sie gestatteten doch ein Privatleben, ohne enge nachbarliche Beziehungen zu erschweren.
Die älteren Bewohner der Stadt betrachteten Colonial Village etwas von oben herab. Sie selbst wohnten in hässlichen, aber soliden und geräumigen viktorianischen Häusern und bezeichneten die Siedlung als »Keksdosenkolonie«; sie spöttelten auch gern über die »Schwimmbecken mit Dach« – eine boshafte Anspielung auf die Tatsache, dass es anfangs nach Regenfällen gelegentlich überschwemmte Keller gegeben hatte. Außerdem hielt sich hartnäckig die Vorstellung, dass hier überwiegend Juden lebten.
Tatsächlich wohnten fast ebenso viele Nichtjuden im Village, am oberen Teil der Bradford Lane zum Beispiel, wo Isaac und Patricia Hirsh wohnten, gab es zwar sehr viele jüdische Familien, aber am anderen Ende lebten die Venutis, die O’Hearnes und der Pole Stan Padefsky.
Immerhin herrschte am Vorabend des Versöhnungstages in vielen Häusern von Colonial Village geschäftiges Treiben; überall machte man sich für den Tempel bereit. Nur bei den Hirshs ging es verhältnismäßig ruhig zu. Patricia Hirsh, eine große, aparte Frau in den Dreißigern mit rotem Haar und hellen blauen Augen im sommersprossigen Gesicht, hatte bereits gegessen und das Geschirr abgeräumt. Sie aß oft allein, weil sie nie wusste, wann ihr Mann aus dem Labor nach Hause kam. Sonst machte es ihr nichts aus, aber heute hatte sie Liz Marcus von gegenüber versprochen, die Kinder zu hüten, damit sie zum Kol-Nidre-Gottesdienst gehen konnte. Pat ärgerte sich über die Verspätung ihres Mannes. Sie hatte ihn ausdrücklich gebeten, früh nach Hause zu kommen. Sie hatte für ihn in der kleinen Essnische, die durch eine Bücherwand vom Wohnzimmer getrennt war, den Tisch gedeckt. Sie sah gerade auf die Uhr und überlegte, ob sie im Labor anrufen sollte, als sie ihn die Tür aufschließen hörte.
Im Gegensatz zu seiner attraktiven jungen Frau war Isaac Hirsh klein und dick. Ein Kranz stahlgrauer Haare umrahmte die Glatze des Fünfzigjährigen. Unter der rot geäderten Knollennase saß ein borstiger Schnurrbart.
Sie gab ihm einen flüchtigen Kuss. »Ich hab dir doch gesagt, dass ich Liz Marcus versprochen habe, auf die Kinder aufzupassen. Und dass ich zeitig drüben sein will.«
»Es reicht noch längst, Baby. Der Gottesdienst beginnt frühestens um sieben, kurz vor Sonnenuntergang.«
»Woher weißt du das?«, fragte sie. »Du gehst doch seit Jahren nicht mehr in die Synagoge.«
»So was vergisst man nicht, Baby.«
»Wenn dus nicht vergessen kannst, warum gehst du dann nicht hin?«
Er zuckte die Achseln und setzte sich zu Tisch.
»Es ist sicher wie bei uns mit Weihnachten«, meinte sie nachdenklich. »Ich geh nie in die Kirche, zu Hause haben wir uns nicht viel draus gemacht – aber Weihnachten, das ist was anderes. Als Ma und Pa noch lebten, bin ich zu Weihnachten immer heim nach South Bend gefahren.« Sie brachte ihm das Essen. »Ist doch bei allen dasselbe, oder nicht?«
Er überlegte. »Jaaa. Ja, wahrscheinlich ist es aber für die meisten Leute im Grunde doch nur eine Art Aberglaube. Und ich bin nun mal nicht abergläubisch.«
Sie setzte sich ihm gegenüber und sah ihm beim Essen zu.
»Manche Juden sind fürchterlich stolz darauf, Juden zu sein«, fuhr er fort, »obwohl sie ja schließlich nichts dafür können. Und andere wieder sind unglücklich, dass sie als Juden geboren wurden. Im Grunde ist es dasselbe mit umgekehrten Vorzeichen.« Er fuchtelte beim Sprechen mit dem Löffel herum. »Sie setzen alles daran, um davon loszukommen. Arme Teufel.«
Sie nahm ihm den Teller weg und brachte einen neuen.
»Wenn sie aus ihrer Geburtsstadt fortziehen, ändern sie den Namen«, sagte er. »Wenn sie bleiben, ist es nicht ganz so einfach, aber auch dann versuchen sie, es zu vertuschen. Ich bin Jude, aber ich bin weder stolz darauf, noch schäme ich mich deswegen; ich verheimliche es nicht, aber ich trompete es auch nicht in die Welt hinaus. Ich bin, was ich bin, weil ich so geboren wurde. Es ist lediglich eine Kategorie; und man kann nach allen möglichen Kriterien Kategorien einteilen.«
»Das verstehe ich nicht.«
»Schau, du kommst aus South Bend. Bist du stolz darauf? Schämst du dich dafür? Du bist eine Frau …«
»Das allerdings hab ich schon oft bedauert!«
Er nickte. »Gut; vielleicht habe ich auch schon mal bedauert, dass ich Jude bin. Es ist nur menschlich.« Er wurde nachdenklich. »Ich glaube sogar, dass ich Glück hatte. Als Wissenschaftler kommt es nicht so darauf an. In manchen Berufen schlagen viele Türen zu, wenn man Jude ist; vielleicht hätte ich es dann verheimlicht, oder ich wäre übergetreten. Aber für einen Mathematiker ist es kein sonderlicher Nachteil – im Gegenteil, manche Leute reden sich sogar ein, dass wir eine besondere Begabung dafür haben. Wenn man sich irgendwo bewirbt, hat man den Vorteil eines Italieners, der ein Engagement bei einem Opernensemble sucht.«
»Mein Gott, bist du heute aber philosophisch!«
»Möglich. Ich bin völlig erschossen. Davon kann einer schon philosophisch werden.«
»Hat dir Sykes wieder einmal zugesetzt?«, fragte sie mitfühlend. »Ach, übrigens, er hat vorhin angerufen.«
»Sykes? Wann denn?«
»Vor einer Viertelstunde ungefähr. Du sollst ihn zurückrufen.«
»Schön.«
»Rufst du ihn nicht an?«
»Nein. Ich geh später nochmals ins Labor zurück. Deswegen hat er wahrscheinlich angerufen.«
»Aber du bist doch müde!«, protestierte sie. »Und außerdem ist es doch ein Feiertag für dich.«
»Ach was! Sykes weiß, dass ich nicht in die Synagoge gehe. Der Alte hat ihn abgekanzelt, und natürlich muss ich das wieder mal ausfressen.«
»Etwas nicht in Ordnung, Ike?«, fragte sie besorgt.
