Am Widerhaken hängt das Glück - Siegfried Lenz - E-Book

Am Widerhaken hängt das Glück E-Book

Siegfried Lenz

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Beschreibung

Sehnsucht nach Wasser! Siegfried Lenz war nicht nur einer der bedeutendsten Schriftsteller der Bundesrepublik, sondern auch ein leidenschaftlicher Angler und Naturmensch. Immer wieder hat er seiner Passion auch literarisch auf seine unverkennbare Art ein Denkmal gesetzt. Der Band versammelt seine schönsten und unterhaltsamsten Texte zum Thema, darunter Erzählungen, Gedichte, Briefe und Rundfunkstücke des großen Autors. Das unverzichtbare Geschenkbuch für alle Angler und Menschen, die es wie Lenz immer wieder ans Wasser zieht – wunderschön und wertig ausgestattet.

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Seitenzahl: 300

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Siegfried Lenz

Am Widerhaken hängt das Glück

Ein Fisch-Lesebuch

Roman

Inhalt

Prolog

Was ist Ihr größter Wunsch?9

Kennen Sie die masurischen Seen?

Die Fische13Florian, der Karpfen15Picknick unter Wasser. Der Meeresgrund – das neue Urlaubsparadies29Ein Sommerbrief an die Schwester Ursula Genzel33Angeln in masurischen Seen35Draußen39Eisfischen; oder was man mit Hechten erleben kann – Für Sebastian Schramm41

Der vollkommene Angler

Der vollkommene Angler47Am Widerhaken hängt das Glück – Geschichten und Beiträge zur Kunst des Fischfangs aus alter und neuer Zeit sowie eine aktuelle Darstellung zur Situation der Binnenfischerei und ein Plädoyer für den Königssport der Geduld67Ein Geburtstagsbrief an die Schwester Ursula Genzel101Ehe am Angelhaken102Aus dem Insel-Tagebuch 1964: Makrelenfang104Fischen am Sonntag – Gruß an die 65jährige Ida Ehre105

Das jedoch merkte der alte Hecht sofort

Zwiczosbirskis Kampf mit dem Hecht – Aus dem Roman »Der Überläufer«111Gespräche beim Angeln – Aus dem Roman »Brot und Spiele«123Das Wettangeln145

Kuriositäten des Wassers

Lebenskunde – Aus dem Roman »Deutschstunde«155Besuch beim Teichwirt – Aus dem Roman »Die Auflehnung«165Michails Sammlung seltsamer Fische – Aus dem ersten Entwurf zum Roman »Die Auflehnung«181Ein geretteter Abend – Für Marcel Reich-Ranicki183Ein Geburtstagsbrief an Marcel Reich-Ranicki190Zwei Briefe an Loki Schmidt über den Jahrhundertfisch191Der Fisch des Jahrhunderts193

Was wir unseren Gewässern zugefügt haben

Drei Briefe über den Zustand der Ostsee an den Freund Heinz Perleberg und die Schwester Ursula Genzel201Das Wasser der Republik – Brief an einen jungen Angler206Wie Radikalität entsteht – Anfang der Erzählung213

Epilog

Mein Bild: Paul Klee, Magischer Fisch223

Nachwort

225

Textnachweis239Abbildungsnachweis240

Prolog

Was ist Ihr größter Wunsch?

Da muß ich Ihnen mit einer Geschichte antworten. Ich war einmal bei einem Friseur. Ich mußte warten und nahm eine der Zeitschriften, die dort herumlagen, ein Anglermagazin. Darin sah ich über Seiten weg einen kleinen bärtigen Mann, der immer größere Lachse präsentierte. Kennen Sie diesen biederen, treuherzigen Triumph eines glücklichen Fischers? Lachse, die fast so groß waren wie er. Mein Gott, dachte ich, solch ein Lachs, das wäre was. Dann ging die Tür auf – ich traute meinen Augen nicht: Der Mann, den ich eben mehrfach gesehen hatte, mit achtpfündigen, zwölfpfündigen, zwanzigpfündigen Lachsen, stand vor mir. Ich fragte ihn: Sind Sie das? Er antwortete: Fahren Sie nie nach Alaska! Ich sagte: Warum denn nicht nach Alaska? Er sagte: Die Lachse beißen dort unentwegt. Sie werfen rein – schon haben Sie einen. Im Yukon River beißen die Lachse unentwegt. Fahren Sie nie dorthin. Ich sagte: Doch. Ich möchte nur einmal einen achtpfündigen Lachs fangen, dann fahre ich sofort nach Hause. Das ist mein größter Wunsch.

Kennen Sie die masurischen Seen?

Die Fische

… Schönes weiches

schlankes Silberspiel des Teiches.

Du hast meinen Sinn verführt.

Sonderbar, wie durch das Wasser

gelber, schwarzer und auch blasser

Marmor meinen Blick berührt.

Einmal möcht’ ich nur so wohnen

stumme Fische! Und Millionen

weißer Wunderperlen atmen.

Hin und her im Licht der Kiesel,

ausgelassen auf dem Grunde,

ohne Nachricht, ohne Kunde,

lüstern im Gewand von Flitter.

… Ach und schöne,

unvergleichlich helle Töne

würde ich im Flimmern sehn.

Purpurflossen würd’ ich haben

und mich gut und reichlich laben

an der bunten Wirklichkeit.

Auch verschwiegene Akkorde

könnt’ ich nachts aus bleichen Steinen

durch den Flossenhauch, den feinen,

zaubern; wie Gesang der Lyren.

Wie entlegen ist das Ufer!

Ja, ich bin ein Fabelrufer

mit verworrenem Geschick.

Wählt ihr einst zu einem Feste

unter kranken Menschen Gäste:

Fische, denkt an mich zurück.

Florian, der Karpfen

Beinahe, mein Kind − und es hat gar nicht viel gefehlt –, da hätten wir alle eine schöne silberne Schwimmblase wie die Fische, und wir könnten stundenlang am Grund eines Sees schwimmen, und niemand brauchte mehr zu ertrinken. Das Karlchen hätte nur etwas klüger sein müssen −, so wie wir beide es gewesen wären, wenn uns dasselbe passierte. −

Karlchen wohnte an einem schönen, grünen, schilfbedeckten See, und er lag oft und lange auf einem Holzsteg und beobachtete die Fische. Und er hatte nur einen Gedanken, während er die Fische beobachtete: wie man solch’ eine schöne silberne Schwimmblase bekommen könnte wie sie. Er hatte schon seinen Vater gefragt, woher die Fische die schönen Schwimmblasen haben. Aber sein Vater schüttelte nur den Kopf und ging weg. Und dann hatte er seine Mutter gefragt, woher die Fische die silbernen Schwimmblasen haben, und auch sie schüttelte den Kopf und ging weg. Und er fragte alle, die er traf, aber alle schüttelten den Kopf und gingen weg. Und Karlchen lag wieder allein auf dem Holzsteg, beobachtete die Fische und dachte an die silberne Schwimmblase. Zuletzt wurde er, wie du verstehen kannst, sehr traurig, und das fiel dem alten Haubentaucher Pablo auf, und der Haubentaucher Pablo schwamm ganz nahe an Karlchen heran und fragte: »Nanu, Karlchen, was ist denn mit dir los?« Karlchen sagte ihm aber nicht, warum er so traurig war, denn er hatte Angst, daß auch der alte Haubentaucher den Kopf schütteln und wegschwimmen würde. Darum sagte er nur: »Ich weiß auch nicht, warum ich so traurig bin. Weißt du vielleicht, wie man Traurigkeit wegmacht?« − »Natürlich, Karlchen, weiß ich das«, sagte der alte Pablo, »wenn man traurig ist, muß man eine kleine Reise machen.« »Aber ich habe nur zwanzig Pfennig«, sagte Karlchen. »Das ist genug«, sagte Pablo. Und er erzählte Karlchen, daß er erst vor kurzem ein Reisebüro aufgemacht habe, bei dem man sich für zwanzig Pfennig zwei junge, schnelle Haubentaucher mieten könne. Die spannt man einfach an ein Brett und läßt sich ziehen, wohin man will. Sie ziehen dich über Wasser und, wenn man will, auch unter Wasser, vier Stunden lang. Ja, damals konnte man sich noch zwei junge schnelle Haubentaucher zu diesem Preis mieten. Inzwischen ist das auch teurer geworden.

Karlchen also gab dem alten Haubentaucher zwanzig Pfennig, und Pablo schickte am nächsten Morgen zwei junge, schnelle Haubentaucher an den Holzsteg, und Karlchen saß auf einem dicken, dicken Brett und erwartete sie. Er war jetzt schon gar nicht mehr traurig, denn in der letzten Nacht hatte er einen klugen Gedanken gehabt. Er wollte nämlich unter Wasser fahren und die Fische selbst fragen, woher sie ihre schönen silbernen Schwimmblasen haben. Und er sagte keinem etwas davon, weil er Angst hatte, daß sie nur den Kopf schütteln und weggehen würden.

Als die jungen, schnellen Haubentaucher angeschwommen kamen, begrüßte er sie ungeduldig schon von weitem und fragte sie, wie sie gefrühstückt hätten. Und die jungen Haubentaucher sagten, daß sie gut gefrühstückt hätten, jeder vier Fische, und sie meinten, daß sie ohne Reiseverpflegung auskommen könnten. Darauf band Karlchen jedem von ihnen eine zarte Leine um den Hals und rief: »Hüh!« Die jungen Haubentaucher verstanden das auch sofort und zogen an. Und sie sausten schnell wie ein englisches Rennboot über den schönen, grünen, schilfbedeckten See, und das Brett hob sich vorn hoch aus dem Wasser. Nun sah sich Karlchen nach einem Fisch um, den er nach den silbernen Schwimmblasen fragen wollte. Aber die Fische hatten vor dem sausenden Brett Angst bekommen, und sogar die Verkehrspolizei, die beiden Hechte Napoleon und Schluckauf, hatten sich versteckt. Darum fuhr Karlchen nun etwas langsamer. Und sie glitten ganz still und leise an Kalmuswurzeln vorbei und dann an Schilfhalmen und über Barschkraut. Sie fuhren so vorsichtig, daß niemand sie hören konnte, und sie hinterließen keine Spur auf dem sandigen, sandigen Grund. Und nach einer Weile kamen sie an einer rostigen und verbeulten Konservenbüchse vorbei. Die sah schon aus wie ein richtiges Versteck. Und als Karlchen so hinguckte, sah er zwei runde, ängstliche Knopfaugen. Er hielt sofort an und fragte: »Warum hast du denn solche Angst, wir fahren doch langsam.« Und aus der rostigen und verbeulten Konservendose kam ganz vorsichtig ein kleiner Krebs heraus. Dieser Krebs hieß Hans von Zwickau, und er trug ein Scherchen in einer bequemen Schlinge aus Schilfgras. Als er so hervorkam, weißt du, da konnte man glauben, er sei furchtbar lang und werde überhaupt kein Ende nehmen, so langsam kam er raus. Aber schließlich war er doch zu Ende, und er zupfte seine Schlinge zurecht, in der er ein Scherchen trug, und sagte: »Wir haben uns alle etwas erschrocken.« »Jetzt fahren wir nur noch langsam«, sagte Karlchen, »und ihr braucht euch nicht mehr zu erschrecken. Aber sag mal, was hast du denn mit deiner einen Schere gemacht?« »Kaputt«, sagte Hans von Zwickau. »Gebrochen?« fragte Karlchen. »Nein, geschnitten«, sagte Hans von Zwickau, »weißt du, ich wohnte früher in einer neuen Konservenbüchse, als ich noch kleiner war. Die war so stümperhaft aufgemacht worden, und da habe ich mich an einer der vielen scharfen Ecken geschnitten. Ich bin dann gleich ausgezogen. Aber die Wunde will und will nicht heilen. Aber vielleicht würde ein wenig Ortsveränderung guttun. Kann ich nicht ein Stückchen mitfahren?« »Wenn du Lust hast«, sagte Karlchen. »Ich habe große Lust«, sagte Hans von Zwickau. »Dann setz dich hinten drauf und halt dich gut fest.«

Und so fuhren sie weiter, und Hans von Zwickau, das Krebschen, stieß ab und zu einen Freudenruf aus, weil ihm das so gut gefiel, und winkte mit seinem gesunden Scherchen seinen Freunden zu, die unter Steinen und Büchsen saßen und ihm mit langen Stielaugen nachschauten. Aber dann passierte etwas ganz Merkwürdiges. Während sie so langsam über den sandigen Grund fuhren, drehte sich Karlchen um und fragte den Krebs: »Sag mal, du kennst doch alle Fische hier.« »Sicher«, sagte das Krebschen, »mit einigen bin ich sogar befreundet.« »So, das ist ja schön«, sagte Karlchen, »dann kannst du mir vielleicht erzählen, woher die Fische ihre silberne Schwimmblase haben. Ich möchte mir nämlich auch eine besorgen.«

Hans von Zwickau, der Krebs, wurde beinahe rot vor Angst und stotterte: »Das darfst du nicht fragen.« Aber Karlchen hatte nur diesen einen Gedanken, und so fragte er nach einer Weile wieder: »Also mir kannst du doch verraten, wo die schönen silbernen Schwimmblasen herstammen. Schließlich fahre ich dich ja spazieren.« In diesem Augenblick rief der Krebs laut klagend »Ach« und »Niemals« und ließ sich verzweifelt nach hinten über das Brett fallen. Dabei rutschte sein kaputtes Scherchen aus der Armschlinge, und das tat ihm sicher sehr weh. Daran kannst du erkennen, daß der Krebs unter keinen Umständen verraten wollte, woher die Fische ihre schönen silbernen Schwimmblasen haben. Er litt lieber Schmerzen, aber er verriet nichts.

So fuhr Karlchen allein weiter, kreuz und quer durch eine Bucht, und er hatte nur einen Gedanken. Schließlich traf er einen kleinen artigen Fisch. Es war das Brassenmädchen Rosa. Rosa hatte eine gute Erziehung und sagte: »Hallo, Karlchen, wie geht es dir?« »Och, es geht so«, sagte Karlchen. »Du bist traurig«, sagte Rosa, »kann ich etwas für dich tun?« »Wenn du willst, kannst du ein Stückchen mitfahren«, sagte Karlchen, »setz dich nur hinten rauf.«

So nahm Karlchen auch Rosa mit, aber nachdem sie einige Minuten gefahren waren, wurde der Gedanke in Karlchens Kopf ganz schwer, und er winkte Rosa zu sich heran und fragte sie flüsternd: »Macht es dir Spaß, Rosa?« »Es macht mir großen Spaß«, sagte das kleine Brassenmädchen. »Dann kannst du mir vielleicht sagen, woher ihr Fische die schönen silbernen Schwimmblasen habt. Ich sagte es bestimmt nicht weiter.« »Das darfst du nicht fragen, Karlchen«, sagte Rosa ängstlich. »Warum denn nicht? Daß ihr Mädchen immer solche Angst haben müßt. Es bleibt bestimmt unter uns«, sagte Karlchen. Aber Rosa schüttelte den Kopf. Und als Karlchen sie noch zweimal gefragt hatte, fing sie an zu weinen, und ihre Augen wurden ganz milchig und trübe, und ihre Brustflossen zitterten vor Angst. Auch ihre Kiemen zitterten, und sie pflückte sich schnell ein Krautblatt und steckte es sich ins Mäulchen, damit sie nichts mehr zu sagen brauchte. Dann rollte sie sich auf den sandigen, sandigen Grund und blieb dort eine ganze Weile liegen. »Das hätte ich mir gleich denken können«, sagte Karlchen und beschloß, keinen Mädchenfisch mehr nach der silbernen Schwimmblase zu fragen. Er glitt also weiter, und die jungen, schnellen Haubentaucher zogen ihn fast ohne Anstrengung durchs Wasser.

Manchmal tauchte er auf, um Luft zu holen, und dabei dachte er: wenn ich bloß erst eine Schwimmblase habe, dann ist das alles nicht mehr nötig. Unter Wasser ist es viel schöner als über Wasser, und es wäre ja gelacht, wenn ich keine Schwimmblase bekäme. Irgend jemand muß sie auch den Fischen geben. Na, das werde ich schon herausbekommen. Und wie er so weiterfuhr, hörte er hinter einer Krautwand furchtbar fröhlichen Lärm, und er zog die Krautwand beiseite und sah fünf junge Barsche. Du kennst sie bestimmt, das sind die mit der ruppigen Haut und den vielen harten Stacheln. Sie probierten gerade aneinander die Stacheln aus, und dabei kitzelten sie sich schrecklich, und es gab viel Gelächter und Hallo und Gejucke.

»Was ist denn hier bei euch los«, fragte Karlchen. »Wenn es was zu feiern gibt, möchte ich gern mitfeiern.« »Oh, wir feiern nur unsere Stacheln«, sagte ein Bärschchen. »Seid mal still, Kinder, wir haben interessanten Besuch.« »Wozu feiert ihr denn diese ollen Stacheln«, fragte Karlchen, »was macht ihr denn überhaupt damit? Löcher in die Netze, was?« »Unter anderm auch das«, sagten die Barsche, »aber hör mal zu, du könntest uns eigentlich ein Stückchen spazierenfahren, dazu hätten wir alle große Lust.« »Das ist leicht gesagt, aber was bekomme ich dafür?«, meinte Karlchen. Die kleinen Barsche boten ihm daraufhin zwei Regenwürmer an, aber als Karlchen die entsetzt zurückwies, schlugen sie ihm vor, ihm das Barschlied vorzusingen. Und da Karlchen das Lied nicht kannte, war er einverstanden. Glotzauge, der größte der fünf kleinen Barsche, gab also den Ton mit einer Froschgabel an, und dann sangen sie los:

Es stehen die Stacheln so steil und so gut,

blubb, blubb.

Wir tragen kein’n Schlips, und wir tragen kein’n Hut,

blubb, blubb.

Wir tragen nur Stacheln und Schuppen dafür,

wir rauchen nicht Pfeife, wir trinken kein Bier,

blubb, blubb − hm, hm − blubb, blubb.

Wir fressen die andern, und man frißt auch uns,

blubb, blubb.

Wir heißen nicht Krebs, und wir heißen nicht Kunz,

blubb, blubb.

Wir heißen nur Barsch, das weiß jeder im See,

der Plötz und der Hecht und die Wasserfee,

blubb, blubb − hm, hm − blubb, blubb.

Nach dem Gesang durften dann alle aufs Brett, und Karlchen ermahnte sie nur, nicht soviel Lärm zu machen, damit die andern nicht ängstlich würden. Und so fuhren sie eine ganze Weile über den sandigen, sandigen Grund. Aber dann drehte Karlchen sich um und sagte: »Du, Glotzauge, du hast vorhin so schön den Ton angegeben, du wirst mir sicher auch sagen können, woher ihr eure wundervollen silbernen Schwimmblasen habt. Ich fahre dann noch eine Stunde mit euch spazieren.« Aber bevor Karlchen noch ein zweites Mal fragen konnte, machte Glotzauge »Husch!«, und alle kleinen Barsche ließen sich nach hinten fallen und sausten am Grund davon.

Nun wurde Karlchen über alle Maßen traurig, und seine Traurigkeit war so groß, daß er die zarte Leine aus der Hand legte und den jungen Haubentauchern sagte, sie könnten ihn ziehen, wohin sie wollten. Und sie zogen ihn auch in alle Himmelsrichtungen, und Karlchen glaubte, er werde nie mehr zu einer schönen silbernen Schwimmblase kommen. Aber plötzlich hörte er ganz leise Hilferufe, und als er den Kopf hob, da sah er eine kleine blinkende Maräne. Da sie aus einer Familie stammte, aus der auch die Lachse kommen, war sie adlig und hieß mit vollem Namen: Frieda Beate Freifrau von Pyrmont-Kiemenrot, genannt: Blinkerchen. Das Maränenfräulein hing mit ihrer entzückenden Oberlippe am Haken einer Grundangel, und sie zirpte sehr kläglich und rief immer wieder einen Namen. Der Name lautete: Harry Sunderland. Das war ein amerikanischer Edelzander und der Bräutigam von Blinkerchen, ein sportlicher und schlaksiger Bursche. Aber so oft Blinkerchen auch rief, ihr Bräutigam Harry kam nicht − denn er suchte sie an einer Flußmündung, wo sie sich verabredet hatten. Karlchen hielt neben ihr an und sagte: »Du hast großes Pech gehabt, Blinkerchen.« »Mach mich los, Karlchen«, bat das Maränchen, »ich habe mich erst gestern verlobt, und mein Bräutigam Harry wartet an der kleinen Flußmündung. Wenn du mich nicht losmachst, schwimmt er vor Enttäuschung in das erste beste Netz.« »Ich will dir helfen, Blinkerchen«, sagte Karlchen, »aber was bekomme ich dafür?« »Alles, was du willst«, sagte Blinkerchen. »Ich will gar nichts haben«, sagte Karlchen, »ich will nur etwas wissen.« Und Blinkerchen versicherte ihm, daß sie ihm alles, alles erzählen wollte. Er sollte nur fragen. Und sie hatte große Angst, daß Harry Sunderland sie vielleicht gar nicht mehr leiden möchte mit der verletzten Oberlippe. Aber Karlchen tröstete sie und sagte: »Das heilt bei dir schnell. Du bist ja noch jung.« Und dann löste er sie sehr vorsichtig vom Haken der Grundangel und sagte: »So, das wäre geschafft.« Blinkerchen war überglücklich und sagte: »Womit kann ich dir nun aber danken, Karlchen?« »Das ist ganz einfach«, sagte Karlchen, »ich möchte nur etwas wissen.« »Sag es nur, ich erzähle dir alles, was du wissen willst«, beteuerte Blinkerchen. »Gut, dann kannst du mir, bitte schön, erzählen, woher ihr Fische eure schönen silbernen Schwimmblasen habt.« Da wurde auch Blinkerchen ganz rot vor Angst und stotterte: »Oh, Karlchen, das darfst du mich nicht fragen. Frag mich etwas anderes, frag mich nach allem in der Welt. Nur das nicht, nur das nicht.« »Schön, Blinkerchen«, sagte Karlchen, »wenn du dein Versprechen nicht hältst, dann mußt du wieder an den Haken. Es tut mir leid, aber dann muß dein Bräutigam eben warten.« »Nicht wieder an den Haken«, flehte Blinkerchen. »Dann mußt du es mir eben sagen. Es bleibt auch unter uns. Ich werde es bestimmt keinem erzählen«, sagte Karlchen. »Wir haben alle schwören müssen, Karlchen. Kein Fisch darf verraten, von wem er seine Schwimmblase hat. Frag mich doch etwas anderes.« »Nein«, sagte Karlchen, »etwas anderes interessiert mich nicht. Also komm, mach das hübsche Mäulchen wieder auf.« Und er griff nach dem Blinkerchen und wollte es wieder an den Haken hängen. »Nicht, nicht«, schrie das Maränchen, »ich sag es dir, ich sag es dir. Aber vielleicht wird etwas Schlimmes passieren.« »Es wird gar nichts passieren«, sagte Karlchen, »also, wo kriegt man die schönen silbernen Schwimmblasen.« – »Komm, ich zeig es dir«, sagte das verschreckte Blinkerchen.

Und sie fuhren ganz still und lange über den sandigen Grund, und Blinkerchen saß hinten und bebte nicht schlecht. Es war ihr plötzlich alles egal. Und sie kamen an eine Stelle des Sees, wo der Grund nicht mehr sandig war, sondern morastig und weich, und Karlchens Brett rutschte jetzt wie ein Schlitten darüber. Und wie das Brett darüberfuhr, wirbelten furchtbar viel schwarze Flocken hoch, und es sah aus wie schwarzer Schnee. Karlchen bekam fast ein wenig Angst. Und dann sah er für einen Augenblick im Eingang einer Höhle den Leib eines riesigen, alten Karpfens. Der stand fast bewegungslos. Karlchen fragte sofort: »Wer ist denn der alte Herr, da, in dem dunklen Lodenmantel?« »Das ist Florian, der Karpfen«, sagte Blinkerchen, »aber ich muß dich jetzt allein lassen. Ich habe mein Versprechen gehalten.« Und das Maränenfräulein von Pyrmont-Kiemenrot verschwand in einer Wolke schwarzen Flockenschnees. Karlchen ließ die jungen Haubentaucher halten, stieg ab und ging zu Fuß weiter. Direkt auf die Höhle zu, in der er den Karpfen Florian gesehen hatte.

Nun mußt du wissen: Florian war alt und taub und blind. Aber er war ein großer Künstler. Mit seinen dicken, weichen, beweglichen Lippen konnte er die schönsten Luftblasen formen, die je geformt wurden. Er nannte sich darum auch Kunstluftblasenbildner. Manchmal hatten seine Luftblasen die Form von Pinguinen, manchmal von Tabakpfeifen; ein anderes Mal blies er welche, die sahen aus wie Herzen oder wie Rettungsringe. Es fielen ihm immer neue Sachen ein. Dieser alte und taube Karpfen Florian machte auch die schönen silbernen Schwimmblasen. Und das war so: zu einer bestimmten Zeit versammelten sich die Fischbabys vor der Höhle, und wenn es so weit war, zogen sie in einer Reihe an der Höhle vorbei, und alle sperrten dann ihr Mäulchen auf, und Florian holte tief Luft und blies jedem eine Schwimmblase ein. Manche bekamen eine größere, manche eine kleinere, je nach Alter und Familie. Anschließend mußten sie dann schwören, keinem zu erzählen, woher sie die Schwimmblase bekommen hatten, denn man fürchtete, daß sich eines Tages Wesen finden würden, die den alten Florian raubten und seine Kunst für andere Zwecke mißbrauchten. So ganz unrecht hatten sie auch nicht, wie du wohl zugeben wirst. Darum wurde der alte Florian streng bewacht. Der Fisch, der ihn bewachte, hieß Neunauge, und man sagte ihm nach, daß ihm keine Bewegung im ganzen See entging. Dieses Neunauge, mußt du nun wissen, war sehr eingebildet und stolz, daß es den Florian bewachen durfte. Es schwamm immer in schwarzen Samt gekleidet vor der Höhle hin und her, und vor Einbildung und Eitelkeit bewegte es kaum den Schwanz. Flossen hat es nämlich keine. Das Neunauge hielt sich für wichtiger als den alten Kunstluftblasenbildner, und wenn die ganz jungen Fische zum Schwimmblasenempfang kamen, schimpfte und kommandierte das Neunauge nur so herum. Nur wenn junge Maränenmädchen kamen, schimpfte es etwas weniger. Dann klemmte es sich oft eine Seenelke in eins der sieben Kiemenlöcher und schwamm eingebildet auf und ab.

Als nun Karlchen zwischen den schwarzen Flocken hervorkam, wollte das Neunauge gleich Alarm geben. Aber Karlchen winkte ihm, daß er etwas Wichtiges zu erzählen habe, und das Neunauge wartete noch mit dem Alarm. »Kann ich dich mal sprechen, Neunauge«, sagte Karlchen. »Bleib stehn«, sagte Neunauge, »ich komme zu dir. Wer hat dich hierhergebracht?« »Diese beiden Haubentaucher«, sagte Karlchen. »Das ist ganz unmöglich«, sagte Neunauge, »sie wußten den Weg nicht.« »Wir fanden ihn durch Zufall«, sagte Karlchen. »Dann verschwindet wieder«, sagte Neunauge, »hier ist Sperrgebiet. Was willst du überhaupt hier?« Da nahm Karlchen seinen ganzen Mut zusammen und sagte bestimmt: »Ich möchte dich fragen, ob ich hier vielleicht so eine schöne silberne Schwimmblase bekommen kann. So wie die Fische sie haben.« »Das ist völlig unmöglich«, sagte Neunauge, »verschwinde.« »Ich will sie ja auch nicht umsonst haben«, sagte Karlchen, »schau her, ich würde dir dieses Messer dafür geben.« Neunauge schaute neugierig auf das Messer und sagte: »Unmöglich. Was kann man damit machen? Zeig mal her.« »Du kannst damit Seenelken schneiden«, sagte Karlchen, »und wenn dich jemand bedroht −« »Kann man damit auch Warzen abschneiden und die Haut glätten?«, fragte das eitle Neunauge. »Aber klar«, sagte Karlchen, »ganz besonders. Das Messer eignet sich sehr gut zur Schönheitspflege.« Da war das eingebildete Neunauge auch schon bestochen und forderte Karlchen auf, sich ganz still zu verhalten.

Karlchen verhielt sich auch ganz still und wartete. Und nach einer Weile sah er, daß vor der Höhle ein Blasrohr aufgestellt wurde, und einige zwanzig Fischbabys wurden von ihren Kindermädchen oder Eltern hergebracht. Das Neunauge begann gleich mit ihnen zu schimpfen und gab ihnen den Befehl, sich in einer Reihe aufzustellen und keinen Lärm zu machen. Und dann winkte er Karlchen heimlich, sich ans Ende der Reihe zu stellen, und gab ihm den Rat, sich genau so wie die Fische zu verhalten. Und nun begann das Neunauge, alle zur Geheimhaltung zu ermahnen. Und als er damit fertig war, klopfte er dem alten Karpfen Florian ein Morsezeichen auf den Rücken, und Florian rollte und zuckte mit seinen dicken, weichen Lippen und schob sein Maul vorsichtig über das Blasrohr. »Fertig«, rief Neunauge. »Der erste kann anfangen. Bitte vorher Brustumfang und Taillenweite angeben.« Und die Fische gingen einzeln an das Blasrohr heran, und das Neunauge morste dem alten Florian die Maße auf den Rücken. Wenn er verstanden hatte, begann er zu blasen und wurde ganz rot dabei, und manchmal sprangen ihm dabei auch einige Schuppen ab. Das Blasen machte ihm großen Spaß, aber er hörte doch immer im richtigen Moment auf. Bisher war noch kein Fischbaby bei ihm geplatzt. Und das hätte doch so leicht passieren können.

Als nun Karlchen an die Reihe kam, da stutzte der alte Florian ein bißchen, denn eine so große Schwimmblase hatte er noch nie zu machen brauchen. Aber weil ihm das Blasen so großen Spaß machte, holte er ungeheuer tief Luft, und er blies so stark, daß ihm fast alle Schuppen absprangen und das Rohr wackelte. Karlchen fühlte, wie er leichter und leichter wurde, und zuletzt merkte er, daß er gar nicht mehr zu atmen brauchte. Er fühlte sich auch dick wie eine Tonne, aber das war bestimmt nicht so schlimm. Das war nur das ungewohnte Gefühl. Karlchen schloß vor Erregung die Augen, und der alte Florian wollte gar nicht aufhören zu blasen. Jedenfalls: auf einmal spürte Karlchen, daß er nicht mehr am Blasrohr hing. Etwas zog ihn unwiderstehlich nach oben − das war natürlich die Schwimmblase. Und er trieb, so sehr er sich auch dagegen wehrte, direkt an die Oberfläche, und jetzt wußte er, woran das lag. Die Schwimmblase war zu groß geworden. Daran lag es; sie zog ihn wie einen Luftballon nach oben. Er machte Ruderbewegungen wie ein Verzweifelter, aber nichts half. Er blieb oben. Dann kamen die beiden jungen Haubentaucher an und fragten, was los sei. Und Karlchen sagte: »Jetzt hab ich endlich eine Schwimmblase. Aber sie ist so groß, daß ich nicht mehr nach unten komm.«

Da versuchten die beiden jungen Haubentaucher ihn hinabzuziehen. Aber es war wirklich nichts zu machen. Karlchen lag dick und rund wie ein Gummiball an der Oberfläche und konnte nicht tauchen. Schließlich begann er zu überlegen, und er überlegte sich, daß es das Beste wäre, wenn er sich noch einmal zu Florian bemühte, um die Schwimmblase kleiner machen zu lassen. Der brauchte ja nur etwas Luft abzusaugen. Aber wie sollte er runterkommen? Zufällig kam da der alte Haubentaucher Pablo an. Er befand sich gerade auf einer Promenade und trug einen Zweispitz wie ein Admiral. Er guckte ganz erstaunt auf Karlchen und sagte: »Was ist denn mit dir los?« »Ich habe mir eine Schwimmblase besorgt«, sagte Karlchen. »Dann ist wohl auch deine Traurigkeit weg«, sagte Pablo. »Leider nicht, Pablo«, sagte Karlchen, »jetzt hab ich eine Schwimmblase, aber sie ist zu groß. Ich kann nicht mehr nach unten. Die beiden Herren, die du mir vermietet hast, schaffen es nicht mehr. Es ist zum Auswachsen.«

Da legte der alte Pablo seinen Kopf mit dem Zweispitz schräg und dachte nach. »Ich hab’s«, sagte er und pfiff einmal über den See. Und aus dem Schilf kamen sechzehn junge, schnelle Haubentaucher herbei. Die wurden gleich vor Karlchen gespannt und zogen ihn ohne Mühe nach unten. Als er unten ankam, wurde er sofort von dem eingebildeten, eitlen Neunauge entdeckt. Das kam sofort wütend angeschwommen und sagte: »Hast du immer noch nicht genug?« »Natürlich hab ich genug«, sagte Karlchen, »ich hab sogar zuviel. Meine Schwimmblase ist nämlich zu groß.« »Dann freu dich doch«, sagte das Neunauge. »So nützt sie mir aber nichts«, sagte Karlchen, »und darum möchte ich, daß der alte Florian etwas absaugt, damit sie kleiner wird, verstehst du, und damit ich tauchen kann.« »Ich versteh schon«, sagte das Neunauge, »du brauchst nicht so zu schreien. Aber das ist unmöglich. Das machen wir nur in ganz seltenen Fällen.« – »Ich bin so ein Fall«, sagte Karlchen. »Das weiß ich«, sagte das Neunauge. »Aber wir dürfen es nicht. Und wir sind unbestechlich.« Da zog Karlchen seinen Taschenspiegel aus der Tasche und hielt ihn dem Neunauge hin. »Was ist das«, fragte das Neunauge. »Ein Taschenspiegel«, sagte Karlchen, »man sieht hinein und erblickt sich selbst.« Da wurde das Neunauge ganz aufgeregt. »So«, sagte es, »kann man vielleicht auch kontrollieren, ob der Anzug sitzt, und wie die Augenfarbe ist und ob man überhaupt vorteilhaft aussieht.« »Aber klar«, sagte Karlchen.

Da zog das Neunauge Karlchen vor das Blasrohr und gab dem alten Florian Morsezeichen, die Schwimmblase kleiner zu machen, und während der Karpfen die Luft wieder einsog, nahm das Neunauge den Taschenspiegel und schwamm etwas weiter fort, um sich in Ruhe zu betrachten. Vielleicht wirst du nun glauben, daß alles gutging und daß Karlchen eine passende Schwimmblase bekam. Das stimmt leider nicht. Es ging nicht alles gut. Denn plötzlich sauste das Neunauge wie ein Blitz heran, schleuderte den Taschenspiegel gegen das Blasrohr, schimpfte und tobte und versetzte dem alten Karpfen Florian einen Schlag, einen harten Schlag mit einer ausgewachsenen Muschel. Florian erschrak so sehr, daß er einen riesigen »Was-ist-denn?«-Seufzer tat, und dieser Seufzer war so groß, daß er die ganze Schwimmblase aus Karlchen mit herauszog, bis auf einen kleinen, winzigen, winzigen Rest. Diesen Rest nennt man heute den Blinddarm.

Du wirst nun wissen wollen, wie das alles kam. Das kam so: das eingebildete, eitle Neunauge blickte, nachdem es etwas weiter weggeschwommen war, in den Spiegel. Und als es seinen häßlichen Kopf sah und die häßlichen, gekrümmten Lippen, da war es ganz außer sich und glaubte, der Taschenspiegel habe es so häßlich gemacht. Und darum war es auch so in Wut geraten. Bei Neunaugen ist das durchaus möglich. Schade nur, daß der alte Karpfen Florian durch diesen Schreck etwas schwach auf der Brust wurde. Seit einiger Zeit kann er nämlich nur noch kleine silberne Schwimmblasen machen. Du brauchst es gar nicht erst zu versuchen.

Wenn Karlchen nur etwas besser aufgepaßt hätte und dem eingebildeten Neunauge keinen Spiegel geschenkt hätte, dann hätten wir alle eine schöne silberne Schwimmblase und niemand brauchte mehr zu ertrinken.

Picknick unter Wasser

Der Meeresgrund – das neue Urlaubsparadies

Mittlerweile haben wir uns schon an Außerordentliches gewöhnt: wir haben gesehen, wie man in Florida Modenschauen unter Wasser veranstaltet, wir haben betroffen einem Spaghetti-Wettessen auf dem Meeresgrund zugeschaut, wir waren sprachlose Zeugen einer Unterwasser-Cocktailparty und haben des öfteren gesehen, wie man in Neptuns eigener Residenz Karten spielte, Delphine zuritt, seine Kinder erzog, sich die Haare schneiden oder sogar die Zähne plombieren ließ.

Und diese Unterwasserleidenschaft blieb nicht auf Florida beschränkt: schwamm man in der letzten Saison arglos und in orthodoxem Stil im Mittelmeer herum, so tauchte plötzlich vor einem das bejahrte Vorstandsmitglied einer Bergbauhütte auf, etwas später seine Frau, dann die Kinder mit dem Kindermädchen; sie kamen nur hoch, um Luft zu schnappen, saugten sich voll und empfahlen sich zum Grunde. Und stand man, einsamkeitsbedürftig, auf einer Mole von Elba, so entdeckte man vielleicht mit obligatem Erschrecken einen Mann unter sich auf dem Grunde – nun, das Erschrecken war verschwendet, denn der Mann huldigte nur dem neuesten Zeitvertreib: er las auf dem Meeresgrund seine Zeitung.

Ist man, nach solchen Begegnungen, auf Überraschungen gefaßt, so wird es einen nicht mehr wundern, wenn auch Drogistenkongresse und Präsidentschaftswahlen künftig unter Wasser stattfinden: der Meeresgrund scheint nachgerade unser Metier und Elixier zu sein, unser selbstverständlicher Lebensbezirk, unser Heim, unsere angestammte Häuslichkeit. Die Völker haben einen neuen Raum entdeckt.

Aber unter besonderem Aspekt sieht es so aus, als sei dieser Raum unter Wasser nicht entdeckt, sondern wiederentdeckt, nicht erobert, sondern zurückerobert worden; die Leute, scheint’s, tun heute, was die kleinköpfigen Reptilien der Vorzeit taten, als sie in die erdzeitgeschichtliche und wohl auch existentielle Kreide gerieten: sie marschierten am Strand auf und gingen nach 50 Millionen Jahren Landerfahrung zurück ins Wasser, woher sie gekommen waren.

In der Tat: der submarine Frühling, die nasse Passion, diese flossenfrohe Faszination heutzutage scheint eine alte Sehnsucht einzulösen, ein vergleichsweise tief sitzendes Heimweh zu stillen. Viele Zeitgenossen, so hat es den Anschein, erinnern sich unbewußt kiemenseliger Ursprungszeit, sie binden den Schnorchel vor, schlüpfen in die Flossen und wedeln schlickerdischlacker hinab zum glotzäugigen Vetter fernen Grades. Tragen wir schließlich nicht alle einen salzigen Strom in uns, in dem die Elemente Natrium, Kalium und Kalzium in der gleichen Proportion vorhanden sind wie im Meerwasser? Das ist vielsagend und verdächtig genug.

Aber gesetzt den Fall, diese erhabene, diese raunende Erklärung reicht nicht aus oder ist zu wohlmeinend, um die buchstäbliche Landflucht und die Leidenschaft der Zeitgenossen für den Meeresgrund zu begründen? Was dann? Welche anderen Gründe gibt es dafür, daß heute fast jedermann sein Herz für die Seeigel entdeckt, für Krebse und Kalmare, für die wunderbare Welt unter Wasser schlechthin?

Nun, einer rühmte das Schweigen unter Wasser, ein Maler zeigte sich hingerissen von Anregungen und Modellen, ein anderer erzählte von dem rein optischen Abenteuer, das sich dem Tauchenden biete, von einem wallenden, wehenden Panorama mit der Dimension des Ungeheuren. In jedem Fall: was hier lockt und einnimmt, verzaubert und besticht, das ist die frappierende Andersartigkeit der Welt unter Wasser, das ist ihr Schweigen und ihr Geheimnis.

Doch Geheimnisse sind wenig gefragt in dieser Zeit, alle möchten an allem partizipieren, das Wissen soll demokratisiert und jedermann auf das geschwindeste zugänglich gemacht werden – und in schöner Übereinstimmung mit diesem Verlangen ist denn auch bereits ein Unterwasserleitfaden erschienen, eine Fibel der Flossenfreude, mit einer besonderen Berücksichtigung der Unterwasserjagd. Und in diesem Handbuch, das schlicht »Unterwasserjagd« heißt, wird von einem kundigen »Fisch-Menschen« erzählt, was man auf dem Meeresgrund zu tun und zu lassen hat, wie man’s den Fischen so gleich wie möglich tut (indem man ihnen vor allem nachstellt); es werden Tips und Trostsprüche ausgegeben.

Aber dieses so sympathisch sachliche Buch von James Aldridge verrät auch gelegentlich, worin der Grund der heute weitverbreiteten Unterwasser-Leidenschaft liegt. Natürlich lockt die fließende Schönheit, natürlich reizen die Beute und der neue Blick, aber wichtiger und in unserem Sinne aufschlußreicher ist das Gefühl, das der Mensch empfindet, wenn er unter Wasser streift.

Dies Gefühl ist schwer zu beschreiben: es ist so etwas wie ein Entzückensschauer vor dem Undurchsichtigen, ein Behagen im Unheimlichen – Aldridge spricht von einer Behexung durch blaßblaue Einsamkeit, er meint am Steuer eines Autos zu sitzen, das durch neblige Nacht fährt. Aber etwas anderes kommt noch hinzu. Es ist das Glück, der grimmigen Formel der Erdanziehung entronnen zu sein, man ergeht sich hier in Mondbewegungen, in flüssiger Zeitlupenanmut, der Körper wird ledig. Und der Raum, in dem man dieses Glück empfindet, gibt sich handfest und greifbar, hebt jede Distanz auf, so daß man selbst als guter Fischkenner immer wieder in Versuchung kommt, den Fisch am Schwanz zu packen. Und dann: »Wenn die Sonne um Mittag hoch und klar am Himmel steht, durchdringen die Lichtstrahlen das durchsichtige Wasser wie Pfeile, die auf einen beweglichen Punkt am Meeresboden gerichtet sind. Man hat das Gefühl, man könne diese Pfeile entzweibrechen, wenn man nach ihnen schlägt. Schwimmt man jedoch unter diesen Pfeilen hindurch, glaubt man, man schwimme durch eine undurchsichtige Glasscheibe. Man bekommt fast Kopfschmerzen, so massiv kommt sie einem vor.«

Es ist, ohne sonderliche Gemütsbelastung, das Gefühl des Wunderbaren, das einen unter Wasser überkommt – ein Gefühl, das begünstigt wird durch einen Farbenreichtum, wie man ihn allenfalls in einem exquisiten Harem erwartet: vom persischen Nachtblau bis zum herausfordernden Rosenrot ist alles vorhanden. Ja, und so müßte man wohl auch den submarinen Eros erwähnen, der manche Leute hinabtauchen läßt.

Aber dann taucht wieder der Satz auf, daß das »Meer der Urnacht verwandt sei« und daß »man meistens am Ende eines Tages, den man mit Unterwasserjagd verbrachte, überzeugt ist, daß man soviel wert ist wie ein Fisch«. Und es stellt sich wieder die Vermutung ein, daß Peters oder Pummerjahn, die zum Meeresgrund hinabpaddeln, auf unkontrollierter Suche nach ihrem stimmlosen Ursprung sind, daß sie ein Glück archaischen Einvernehmens aufstöbern wollen – allerdings mit Gummiflossen. Und hier scheint denn auch der Hase im Pfeffer und der Hund begraben zu liegen: wir bleiben nur Zaungäste des Mesozoikums, sind nur auf Ferien in der Vorzeit, bis die Zivilisation, die die Hilfsmittel lieferte, uns aus dem Urlaub abruft.

»Jedes Jahr«, gesteht Aldridge, »versuchte ich, ohne Flossen zu tauchen und zu fischen, um zu wissen, wie man sich dabei vorkommt. ›Nackt‹ ist das einzige Wort dafür – nackt und hilflos, denn ohne Flossen scheinen die Füße so bloß und kraftlos zu sein, daß ich mich ihrer schäme.«

Gleichviel, das neue Glück auf dieser Erde: reit Delphine, reit nicht Pferde!

Ein Sommerbrief an die Schwester Ursula Genzel

den 3. August 1957

Mein kleines Urselchen,