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Amanda und Amara oder Der Weg zur Schönheitsquelle "Als ich eines Tages darüber nachsann, wie es im frühen Altertum, jener goldenen Zeit, von der die Dichter so häufig sprechen, gewesen sein muss - und besonders, wie man damals unterrichtete, als es noch keine Schriften gab und der Mensch über das Wahre und Heilige bei offenem, geistigem Gesichte und durch den Verkehr mit Engeln belehrt wurde, die ihm die Wahrheiten des Himmels mitteilten, - fiel ich in einen festen und sehr angenehmen Schlaf und es träumte mir, ich lebe selbst in jenen glücklichen und friedvollen Tagen." Mit dieser Einleitung beginnt diese gleichnishafte Erzählung, die in der irdischen und himmlischen Welt spielt. Wir begegnen zwei ungleichen Schwestern, während die eine liebenswürdig und schön ist, ist die andere boshaft, neidisch, zänkisch und hässlich. Ebenfalls nach Schönheit sich sehnend, begibt sie sich unter der Führung und Belehrung von Engeln auf den Weg durch die himmlischen Welten zur Quelle der Schönheit, die sie aber erst nach vielen Prüfungen und Läuterungen erreichen wird. Der Weg zur Vollkommenheit wird in dieser Parabel in eindrucksvollen Bildern geschildert, er führt in und durch unsere eigenen inneren, lichten und dunklen Seelenwelten, in deren Tiefen das Wasser des Lebens aus der wahren, göttlichen Quelle entspringt.
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Seitenzahl: 56
Veröffentlichungsjahr: 2020
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„Ohne Gleichnis aber redete er nicht zu ihnen.“
(Mk. 4,34)
Als ich eines Tages darüber nachsann, wie es im frühesten Altertum, jener goldenen Zeit, von der die Dichter so häufig sprechen, gewesen sein muss – und besonders, wie man damals unterrichtete, als es noch keine Schriften gab und der Mensch über das Wahre und Heilige bei offenem, geistigem Gesichte und durch den Verkehr mit Engeln belehrt wurde, die ihm die Wahrheiten des Himmels mitteilten, - fiel ich in einen festen und sehr angenehmen Schlaf und es träumte mir, ich lebe selbst in jenen glücklichen und friedvollen Tagen.
Es kam mir vor, ich befände mich in einer der schönsten Gegenden der Erde, welche ich je gesehen. Die Sonne erhob sich in großer Pracht über die östlichen Höhen, auf den grünen Wiesen perlten noch Tautropfen und als die Lichtstrahlen sich darin spiegelten, schien es, als ob die Erde mit Edelsteinen besät wäre. In der Ferne dehnte sich eine ansehnliche, hin und wieder mit schönen großen Bäumen besetzte Hügelkette aus.
Am Fuße derselben hatten die silberklaren Wasser eines leicht abfallenden kleinen Stromes ihren Lauf, in dessen melodisches Rauschen die lieblichen Stimmen von tausend befiederten Sängern einfielen. Auf einer leichten Anhöhe sah man ein eigentümlich gebautes schönes Haus, umgeben von den prächtigsten Obstbäumen, welche in voller Blüte standen. Es befand sich inmitten eines weit ausgedehnten Gartens, dessen belaubte Gänge in kühle Grotten ausliefen, wohin der Eigentümer des Hauses mit den Seinigen während der Hitze des Tages sich zurückzog, um über Gegenstände von ewigem Werte sich mit ihnen zu unterhalten.
Der Besitzer dieses Gutes hatte zwei Töchter, Amanda und Amara genannt. Amanda war ebenso liebenswürdig als schön. Eine gewisse kindliche Unschuld vereinte sich bei ihr mit weiblicher Würde und Verständigkeit und verlieh ihrem ganzen Wesen eine unaussprechliche Anmut und einen Liebreiz, der nur Zutrauen erweckend und herzgewinnend sein konnte und sie zu jedermanns Liebling machte. Aber Amara war gerade das Gegenteil. Sie war immer mürrisch und bei übler Laune; immer fehlte ihr etwas und wenn sie erhielt was sie wünschte, war sie doch nicht zufrieden, sondern über sich und über andere verdrießlich. Durch ihre beständige Verstimmung hatte ihr Körper seine natürliche Schönheit verloren und war ganz der Ausdruck und die Form ihrer hässlichen Gesinnung geworden, denn es ist der Geist, welcher dem Körper sein Gepräge verleiht. Ein sanftmütiger Geist bildet stets in der einen oder anderen Weise einen schönen Körper; und obgleich wir bisweilen eine schöne und tugendhafte Seele in einem missgestalteten Körper finden, wird doch die unschöne Form völlig in Schatten gestellt und gleichsam unserem Anschauen entrückt durch die Lieblichkeit und Schönheit der Gesinnung, welche aus derselben hervorleuchtet.
Amaras größter Wunsch war, ebenso schön und ebenso beliebt zu sein wie Amanda. Weil ihr das aber nicht zu gelingen schien, so fasste sie den Vorsatz, ihre Schwester ebenso hässlich und unliebenswürdig zu machen, wie sie selbst war. Einige Jahre lang hatte sie diesen Plan verfolgt, indem sie bisweilen Amanda schlug und schmähte, bisweilen ihren schönen Anzug zerriss und wenn jene in der Grotte schlief, ihr das liebliche, dunkelbraune Haar abschnitt. Ja einst schlug sie sogar die Schwester ins Gesicht, in der Absicht, dort ein hässliches Merkmal zu hinterlassen, von dem sie hoffte, das es den Reiz desselben zerstören würde. Außerdem war sie beim Stehlen der Spielsachen ihrer Gefährtinnen angetroffen worden und mehr als einmal hatte man gesehen, wie sie in die Gärten ihrer Nachbarn einbrach, Blumen zertrat und einige mitnahm um sie – sowie auch die Spielsachen – in das Schlafzimmer ihrer Schwester zu legen. Alles in der Absicht, Amanda in schlimmen Verdacht zu bringen.
Solcher Art waren die Mittel, deren sie sich bediente, aber dessen ungeachtet blieb Amanda ebenso schön wie vorher, ja sie wurde sogar noch schöner. Jeder Stoß den sie erhielt, machte sie liebenswürdiger und reizender, denn, ich muss bemerken, dass sie niemals die unfreundliche Behandlung Amaras vergalt und deshalb hatte sie zu ihren anderen anziehenden Eigenschaften die der Geduld, der Nachsicht, des Verzeihens und der Barmherzigkeit, welche eben die Schönheiten sind, auf die man im Himmel den größten Wert legt. Und trotz all der bösen und listigen Anschläge Amaras wollte niemand glauben, dass Amanda irgendjemand sollte Schaden zufügen wollen. So hatte die arme Amara die Demütigung zu erfahren, wie Amanda mit jedem Tag schöner wurde und sich immer mehr die Liebe anderer erwarb, während sie immer hässlicher wurde und sich mehr und mehr unbeliebt machte.
Man erzählte sich in der Nachbarschaft, dass wenn Amanda in dem Garten ihres Vaters in der Grotte schlafe, ihr Geist in die Gesellschaft von Engeln eingelassen werde, mit denen sie spreche und auf immergrünen Fluren sich ergehe. Man sagte auch, dass die Engel sie in der Quelle der Schönheit badeten, die auf dem Gipfel des Berges der Unschuld in der geistigen Welt sprudele, dies hieß es, sei die Ursache ihrer unübertrefflichen Schönheit.
Amara, welcher niemals etwas Derartiges begegnet war, hatte oft solche Dinge von anderen berichten hören, und als dies von Amanda gesagt wurde, erregte es ihre Neugierde, sie wünschte zu wissen ob es so sei oder nicht. „Denn vielleicht“, dachte sie, „kann ich mich auch in jener Quelle baden und dann werde ich ebenso schön, ebenso bewundert und ebenso geliebt werden, wie meine Schwester!“
Eines Morgens eilte sie zu Amandas Schlafzimmer, sie schlich sanft und geräuschlos den Gang entlang und horchte an der Türe, indem sie erwartete, die Engel mit der Schwester reden und spielen zu hören. Alles war jedoch ruhig, sie vernahm nur das Gezwitscher einiger lieblicher Vögel, die jeden Morgen sich einfanden und von den Zweigen eines Weinstocks ihre Lieder anstimmten, um Amanda aus ihrem friedlichen Schlummer zu wecken. Als Amara eintrat fragte Amanda, die eben erwacht war, was sie so früh zu ihr bringe? Amara fand sich getäuscht und wurde ein wenig verlegen bei der Frage der Schwester, aber sie fasste sich bald und erwiderte kurz:
„Ich komme, um die Engel zu sehen.“
„Die Engel zu sehen!“ rief Amanda. „Welche Engel, teure Schwester?“
„Die Engel, welche dich lieben und dich so schön machen“, entgegnete Amara.
„Aber warum suchst du die Engel hier?“ fragte Amanda. „Weißt du nicht, dass die Engel in der anderen Welt leben?“
„Aber ich habe gehört, dass Engel dich in der Quelle der Schönheit baden, darum sage mir Schwester, wo ich sie finden kann, denn ich sehne mich danach, auch dort zu baden und auch so schön zu werden!“
Amanda errötete bei der Anspielung auf ihre Schönheit und ihre Verbindung mit Engeln, aber sie lächelte über die Einfalt und den Ernst ihrer Schwester, und sagte:
