9,99 €
„Um die Welt zu retten, hatten wir alles geopfert, was den Menschen ausmachte. Amatea war nur noch die letzte Bastion der Menschheit – nicht aber mehr der Menschlichkeit.“ Ruth Bernstein träumt schon als Kind davon, Stadtplanerin zu werden – grüner, nachhaltiger, gerechter soll die Welt durch ihre Ideen werden. Als Schülerin entwirft sie das zukunftsweisende Projekt Amatea – eine Stadt der Nachhaltigkeit. Doch ein schwerer Schicksalsschlag wirft sie aus der Bahn. Sie gibt ihren Traum auf – und ahnt nicht, dass Amatea längst von einem mächtigen Konsortium übernommen wurde. Was bleibt von einer Idee, wenn andere sie zum eigenen Vorteil formen? Und wie viel Wahrheit kann man ertragen, wenn jene, die man liebt, Teil der Katastrophe sind? Ruth muss sich fragen, wie viel Einfluss ein einzelner Mensch wirklich hat – und wie weit man gehen darf, um den Planeten zu retten. Solarpunk trifft auf Dystopie – erzählt als intime Biografie zwischen Hoffnung, Schuld und Apokalypse.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 666
Veröffentlichungsjahr: 2026
Saskia Karges
AMATEA – Memoirs of the Last City
»If I were allowed to change a few things, if I had just this magic power, I would like to, without causing any pain or suffering, reduce the number of people on the planet because there’s too many of us. Our planet has finite resources, and we’re using them up. That will mean so much suffering in the future.«
Dr. Jane Goodall
Klick. Klick. Klick. Klacker. Stein auf Stein, um schließlich wieder einzustürzen und aus den Trümmern wieder aufgebaut zu werden. Den größten Teil meiner Kindheit habe ich mit Bauklötzen verbracht, was damals als ungewöhnliches Spielzeug galt. Zumindest für ein Mädchen. Auf die Stofftiere und Puppen meiner Schwester Liliana reagierte ich ängstlich, auf jedes andere Spielzeug, das man mir anbot, mit ausgeprägtem Wutgeschrei. Jeder neue Bauklotz hingegen, den mein Vater aus dem Holz unseres Waldes schnitzte, hobelte, liebevoll feilte und mit Klarlack überzog, führte zu wahren Freudenausbrüchen. Bald standen sich in unserem gemeinsamen Zimmer die Chinesische Mauer aus Holzbauklötzen in allen erdenklichen Formen und Farben und die kaiserliche Armee aus Puppen und Teddys gegenüber. Ein Blick ins Kinderzimmer und jedem war klar: Hier lebten zwei Mädchen, die unterschiedlicher nicht sein konnten.
Nicht, dass allzu oft Fremde zu Besuch gekommen wären. Meine Familie wohnte abgeschieden am Waldrand in einem Häuschen, zu dem nur ein holpriger Feldweg führte, auf dem man wahlweise im Winter in tiefen Schlammpfützen versank oder im Sommer staubbedeckt bei uns ankam.
Ab und zu spähten Wanderer über unseren Gartenzaun und bewunderten die Blumenpracht dahinter. Sie wurden von meiner Mutter stets mit selbst gemachten Saftschorlen und Obstkuchen verpflegt, während meine Schwester Liliana sie mit Fragen bestürmte und ich mich zu meinen Bauklötzen in den ersten Stock zurückzog. Aus dem Garten drangen die Stimmen nur gedämpft zu mir herauf, und ich konnte mich ganz meinem Spiel widmen – eine Stadt zu bauen. Kleine Häuser, hohe Türme, Brücken, die über einen Fluss führten, für den ich einen blauen Schal meines Vaters zweckentfremdete. Oder ich blätterte stundenlang in den Architekturzeitschriften, die ich mir erbettelte, wenn meine Eltern mit uns in die nächstgrößere Stadt zum Einkaufen fuhren. »Ruth, was willst du denn damit, du kannst doch noch gar nicht lesen«, pflegte mich meine Mutter aufzuziehen. Zeitschriften, die mein Vater jedes Mal wortlos in den Einkaufswagen legte, wenn meine Augen sich mit Tränen füllten. Und Liliana, der Gerechtigkeit wegen, einen oder gleich mehrere Schokoriegel hinterherwarf.
All dies geschah gegen Ende eines anderen Jahrhunderts, einer Zeit, die es längst nicht mehr gibt. In einem Land, in einer Stadt, die seit Jahrzehnten ausgelöscht ist, als hätte es dort nie menschliches Leben gegeben. Heute sind nur noch ein paar überwucherte Ruinen übrig, wenn man der offiziellen Propaganda glauben darf.
Es war das Jahrzehnt der großen Stromausfälle in Europa, die den Kontinent in jenem Sommer heimsuchten. Und die meine Mutter nach unserer Geburt beinahe das Leben gekostet hätten, als das Notstromaggregat während des Kaiserschnitts ausfiel und es zu Komplikationen kam. Schon damals steuerte die Welt mit großen Schritten auf den Abgrund zu. Tankerunglücke und Lecks in Unterwasserpipelines richteten in den Weltmeeren immense Schäden an, die auch durch die milliardenschweren Strafzahlungen der Ölkonzerne nicht wiedergutgemacht werden konnten. Schwere Erdbeben in Amerika, ausgelöst durch Fracking, forderten unzählige Todesopfer. Gleichzeitig begann die intensive Suche nach einer ›neuen‹ Erde, denn einige der weitsichtigeren Länder hatten erkannt, dass auf der unseren bald kein Leben mehr möglich sein würde. Der Sturm auf den Mond und der Aufbruch zum Mars begannen von Neuem. Ironischerweise wurde in unserem Geburtsjahr der Nobelpreis für eine neuartige Genschere verliehen. Ein Werkzeug, mit dem man Viren so verändern konnte, dass sie sogar Funktionen im menschlichen Körper umprogrammieren und so zur Heilung aller möglichen und unmöglichen Krankheiten beitragen konnten. Der Schlüssel, mit dem unsere Gruppe schließlich die Erde von ihrer größten Krankheit befreite: dem Menschen.
Aber nichts davon beeinflusste meine Kindheit in unserem winzigen Universum am Waldrand. Ich war nur ein kleines Mädchen, das mit seinen Bauklötzen spielte, mit ernster Miene Architekturzeitschriften ›las‹ und heimlich die Puppen seiner Schwester mit dem Gesicht zur Wand drehte, weil ihr die Augen unheimlich waren. Als meine Eltern merkten, dass ich nicht viel mehr brauchte als das, um glücklich zu sein, und dass ich nicht viel Wert auf soziale Interaktion legte, ließen sie mich gewähren.
Während mein Vater jeden Morgen mit seinem Jeep über den Feldweg zu seiner Apotheke in Kleinstand fuhr, blieb meine Mutter die ersten drei Jahre mit uns Kindern zu Hause. Die Wochenenden verbrachten wir in unserem Waldstück, das mein Vater ebenso wie unser Häuschen von seinen Eltern geerbt hatte. Ich mochte diese Spaziergänge grundsätzlich nicht, weil meine Schwester andauernd »Warum«, »Wieso« und »Wozu« fragte, während ich lieber dem Vogelgezwitscher oder den ruhigen Erklärungen meines Vaters lauschte. Irgendwann setzte ich durch, dass ich allein zu Hause bleiben durfte, während meine Eltern mit Liliana Pilze sammelten, Reisig bündelten oder Brombeeren pflückten. Dafür ging mein Vater mit mir nachts auf die Pirsch. Meistens saß ich, in warme Decken gehüllt, auf dem Hochsitz, die Hände um einen Becher heißen Tees geschlungen, und beobachtete staunend, wie sich die Wiese im Laufe der Nacht veränderte.
Ab und zu raschelte es unter dem Hochsitz, dann kam der Fuchs heraus, dessen Bau, ein tiefes Loch in der Böschung, ganz in der Nähe war. Auf den Fuchs war Verlass. Immer wenn wir auf dem Hochsitz saßen, huschte er vorbei. Pünktlich zum Sonnenuntergang. »Meister Reineke ist wieder pünktlich«, flüsterte mir mein Vater dann zu, während ich mir mit dem Handschuh den Mund zuhielt, damit Meister Reineke mein Kichern nicht hören konnte. Ab und zu sah man auch eine Eule, die lautlos über der Wiese kreiste, um dann plötzlich in die Tiefe zu stürzen. Und dann war sie da: Vorsichtig prüfend betrat die Ricke das Feld, blieb stehen und lauschte, drehte die Ohren, witterte in alle Richtungen. Und in besonders glücklichen Nächten folgte ihr kurz darauf der König des Waldes, den Kopf mit dem mächtigen Geweih stolz erhoben.
Unser Häuschen, der Wald und die Wiesen ringsum und die kleine Stadt, die damals in meinen Augen nur existierte, um Lebensmittel in Gläsern und Dosen und Zeitschriften zu kaufen, sie waren meine ganze Welt.
Liliana und ich, wenn auch Zwillinge, waren völlig verschieden. Liliana hatte das übersprudelnde Wesen meiner Mutter geerbt, bisweilen laut und zutiefst kreativ, während ich in meiner Stille und Verschlossenheit unserem Vater ähnelte. In unserem Haus gab es ein altes Familienfoto, das vom Alter mittlerweile einen Rotstich aufweist, auf dem wir vier auf der Bank im Garten zu sehen sind. Mein Vater, schüchtern lächelnd, und ich mit verschränkten Ärmchen auf seinem Schoß, sehen mit ernstem Blick in die Kamera. Meine Mutter hingegen lacht und versucht, Liliana zu bändigen, die konzentriert nach einer Blumenranke angelt. Obwohl wir beide pausbäckige Wonneproppen waren, hätte man uns damals kaum für Zwillinge gehalten, denn ich war um einiges größer als Liliana. Und drei Minuten älter, wie ich Liliana später immer dann unter die Nase rieb, wenn sie es gar zu toll trieb. Dabei war es eine schlichte Notwendigkeit, dass man mich zuerst holte, denn ich hatte die Nabelschnur um den Hals gewickelt. Doch schon acht Monate später hatte Liliana die Gelegenheit, aufzuholen, und nutzte sie, während ich mit einem Atemwegsinfekt und einer heftigen Bronchitis mehrere Wochen im Krankenhaus verbrachte und jegliche Nahrung zu verweigern begann. Von da an waren wir immer genau gleich groß.
Dieses Foto war eines der wenigen, auf denen meine Mutter damals lächelte. Auf vielen anderen wirkte sie abwesend, den Blick in die Ferne gerichtet. Sie litt an einer schweren Wochenbettdepression, die auch Monate nach unserer Geburt nicht vergehen wollte. Vom Arzt bekam sie starke Medikamente, von der Krankenkasse eine Haushaltshilfe. Johanna, genannt Hanne, war ein energisches, zupackendes Mädchen, das meiner Mutter in unseren ersten Lebensjahren zur Hand ging. Hanne verdankten wir nicht nur leckeres Essen aus der gutbürgerlichen Küche, sondern auch unzählige Fotos, die sie mit ihrer Spiegelreflexkamera schoss und liebevoll in Alben einklebte. Später kam noch eine alte Polaroidkamera vom Flohmarkt dazu, die surrend ein Bild nach dem anderen ausspuckte.
Hanne verband ich immer mit unserer riesigen Küche, in der neben einem modernen Herd auch ein alter Ofen mit Kamin stand. Von unserem Laufstall aus konnten Liliana und ich beobachten, wie Hanne den Ofen mit zerknülltem Zeitungspapier und Holz bestückte und geheimnisvolle dunkle Formen hineinschob. Dann erfüllte ein wunderbarer Duft den Raum, und schließlich zog Hanne die mit Lasagne oder Kuchen gefüllten Formen wieder heraus. Dass wir zu dieser Zeit in den Laufstall verbannt wurden, hatte neben unserer Sicherheit auch einen praktischen Zweck, der auf einem weiteren Foto von Hanne verewigt wurde: der Sicherheit des Kuchens. Denn auch wenn wir uns sonst nicht besonders ähnelten, waren Liliana und ich durchaus zum gemeinschaftlichen Kuchenraub fähig. Und so saßen wir mehr als einmal in trauter Zweisamkeit, von oben bis unten mit Schokolade beschmiert, unter dem Tisch und ließen uns Hannes Köstlichkeiten schmecken.
Wir waren zu fünft, und für mich war es selbstverständlich, dass Hanne bei uns wohnte, auch wenn wir nur selten in ihr Zimmer kamen. »Hanne braucht auch mal ihre Ruhe«, sagte mein Vater mehr als einmal, als wir vor ihrer Zimmertür spielten, während sich unsere Mutter in das große, aber dunkle Schlafzimmer im Dachgeschoss zurückzog. Dessen schmucklose graue Wände, die dunkelbraunen Möbel und die mächtigen Tannen vor dem Fenster erinnerten mich immer an eine Bärenhöhle.
Hanne schlief im Erdgeschoss, in einem Zimmer, das wir das ›Nähzimmer‹ nannten, obwohl dort, zumindest in meiner Kindheit, nie genäht wurde. Nach und nach wurde es zu einem ordentlichen Zimmer umgebaut, sodass Hanne ein schmales weißes Bett, einen Schrank und einen kleinen Schreibtisch mit Stuhl zur Verfügung hatte. Als persönliche Note zog irgendwann eine Nachttischlampe in Form einer zerbrechlichen violetten Glockenblume aus Glas ein, vermutlich der Grund, warum Hannes Tür verschlossen blieb. Es folgten selbst genähte Blümchengardinen und Häkelkissen. Und weitere Häkelarbeiten, die nach und nach von Hannes Zimmer aus das Haus eroberten. Sowohl Hanne als auch meine Mutter, als es ihr langsam besser ging, waren begeistert von der Handarbeit. Bald gab es kaum noch eine Ecke, in der nicht niedliche Deckchen, selbst genähte Kissen oder hübsche Vorhänge hingen oder lagen. Trotzdem wirkte es nie aufdringlich oder überladen. Es war ein natürlicher Prozess. So wie sich Moos auf den Steinen im Wald ansiedelte, so wuchsen im Wohnzimmer Häkeldeckchen auf jedem Schränkchen oder Bücherregal.
Die Fensterbänke dagegen zeugten von Hannes und meines Vaters grünem Daumen. In der Küche wuchsen und gediehen Kräuter in rechteckigen Terrakottakästen, im Wohnzimmer blühten und dufteten Orchideen in bunten Blumentöpfen.
Selbst auf dem riesigen Röhrenfernseher stand ein Blumentopf, unterlegt mit einem Häkeldeckchen, hinter dem sich das Gerät verschämt während des Tages versteckte. Der Fernseher wurde jeden Abend, pünktlich um acht, enthüllt und nur für die Nachrichten benutzt. Und danach sofort wieder ausgeschaltet. Es war ein festes Ritual, von dem mein Vater niemals abwich. Genauso, wie dass er jeden Tag pünktlich um sieben Uhr morgens die Haustür zuzog, entweder um zur Arbeit zu fahren oder am Wochenende einen Revierrundgang zu machen. Dementsprechend legte er Wert darauf, dass das Abendessen pünktlich abends um halb sechs auf dem Tisch stand. Abgesehen davon gab es keine Regeln. Allerdings hatte ich mir schon in der Kindheit meine eigenen festen Gewohnheiten zusammengestellt, von denen es mir bis heute schwerfällt, abzuweichen. Meine Morgenroutine zum Beispiel beginnt seit jeher mit dem Zähneputzen und Haare kämmen, oder sollte ich besser Locken entwirren sagen? Das Anziehen folgt einer starren Routine: zuerst das rechte Hosenbein, dann das linke. Dann der Pullover, zuerst die rechte Socke, dann die linke. Rechter Schuh, linker Schuh. Und nur dann folgt das Frühstück. Ein Frühstück im Schlafanzug, wie es Liliana besonders zu unserer Studentenzeit zelebrierte, ist für mich undenkbar. Als Kind kamen für mich auch nur Haferflocken mit Kakao und eiskalter Milch, in genau dieser Reihenfolge in die Schüssel gegeben, als Frühstück infrage. Alles andere führte zu lautem Geschrei. In der Zwischenzeit habe ich auch anderes Frühstück zu schätzen gelernt, zumal Haferflocken und Kakao heutzutage wirklich eine Seltenheit sind und mir sonst nur die Wahl bliebe, ganz auf das Frühstück zu verzichten. Die Angewohnheit, beim Mittagessen alles auf meinem Teller getrennt zu essen, habe ich dagegen beibehalten. Erst das Fleisch, dann die Beilagen, zuletzt das Gemüse. Und diese Angewohnheit wusste ich schon als kleines Kind gegen jeden Spott zu verteidigen.
Mein Vater dagegen musste eine Menge Spott einstecken, den er mit gutmütiger Gleichgültigkeit über sich ergehen ließ. Vor allem von meiner Mutter, die ihn pünktlich zu jedem Namenstag von Liliana zur Feier des Tages wieder aus der Mottenkiste holte. Namenstage wurden in unserer Familie wie Geburtstage gefeiert. Es gab eine Torte, auf die der Konditor liebevoll mit Schokolade den Namen des Namenstagskindes geschrieben hatte. Und ein kleines Geschenk, meistens ein Buch. Alle Frauen in der Familie tragen einen Doppelvornamen, zusammengesetzt aus einer unendlich langen Ahnenreihe, die meine Großmutter, die ich nie kennengelernt habe, einmal in einem Stammbaum zusammengetragen hat. Alle Frauen, außer Liliana. Während die Standesbeamtin, bei der mein Vater stolz die Geburt seiner Töchter anzeigte, mit den beiden Vornamen meiner Mutter, Anna Maria, und meinem, Ruth Elisabeth, noch einigermaßen zurechtkam, scheiterte sie bei Lili Anna und trug schließlich Liliana in die Geburtsurkunde ein. Mein Vater, zu schüchtern oder vielleicht auch zu eingeschüchtert, ließ es dabei bewenden.
Überhaupt hatte es mein Vater mit Standesbeamten aller Art nicht leicht. Am Hochzeitstag meiner Eltern, einem Samstag im Mai, fanden mehrere Trauungen statt. Der Standesbeamte verwechselte die Reihenfolge und sprach meinen Vater wiederholt mit dem falschen Nachnamen an. Nach meinen Eltern heiratete wohl ein Herr Hühnerbein seine Frau. Es dauerte eine ganze Weile, bis sich mein Vater endlich dazu durchringen konnte, den Standesbeamten zu korrigieren. »Jakob Bernstein. Nicht Jakob Hühnerbein«, unterbrach er ihn kurz und knapp mitten im Satz. Der Standesbeamte begann zu stottern und in seinen Papieren zu kramen, während meine Mutter unter ihrem weißen Schleier kicherte und schließlich Tränen lachte und die beiden Trauzeugen peinlich berührt danebenstanden. Als meine Mutter Jahre später einen Töpferkurs besuchte und ein Schild für unser Gartentor entwarf, verzierte sie es in Erinnerung an diese Anekdote mit Hühnern mit auffallend gelben Beinen.
Unser Haus am Waldrand war nicht groß. Im Erdgeschoss gab es neben der großen Küche und dem Wohnzimmer noch Hannes Räumchen und das Bad. Das Obergeschoss war nur über eine hölzerne Wendeltreppe im Wohnzimmer zu erreichen, die bei jedem Schritt knarrte. Der Abstieg dagegen war irgendwann ein Kinderspiel, denn wir Mädchen schwangen uns einfach auf das Geländer und rutschten lachend und kreischend daran hinunter. Zur Sicherheit legte mein Vater schließlich einen dicken Teppich am Fuß der Treppe aus, der uns auffing.
Doch abgesehen von dem täglichen gemeinsamen Adrenalinkick auf dem Geländer spielten Liliana und ich meistens für uns allein, beziehungsweise Liliana mit Hanne. Gemeinsam bastelten sie Ketten aus Perlen, spielten mit Puppen oder malten zusammen. Ich dagegen spielte lieber still auf dem Teppich in der Ecke neben dem Sofa mit Bauklötzen. Und als ich etwa drei Jahre alt war, entwickelte ich eine besondere Vorliebe für das Bauen von Türmen. Mein Vater hatte mir zu Weihnachten neue Bauklötze geschenkt, die er selbst geschnitzt hatte und die, wie er, immer leicht nach Wald rochen. Er hatte eine ganze Reihe von verschiedenen Formen in verschiedenen Farben angefertigt. Kleine Brücken, Kegel, Würfel und Quader. Ich begann, die Steine immer höher zu stapeln, und schon bald entwickelte ich eine gewisse Geschicklichkeit darin. Ich verlegte das Bauen neben den Teppich, denn der Untergrund erwies sich für mein Vorhaben als zu instabil. Täglich bettelte ich um neue Bauklötze, bis Hanne sich erbarmte und mir vom Flohmarkt eine ganze Kiste voller lackierter Holzbausteine mitbrachte. Und sie erst einmal in die Spülmaschine steckte. Vor der ich dann bis zum Ende des Programms saß und ungeduldig zappelte.
Jetzt war die Höhe meiner Türme nur noch durch meine Körpergröße begrenzt, und bald begann ich, Stühle heranzuziehen, um mein Ziel zu erreichen. Mit dem Ergebnis, dass es beim Einsturz des Turmes einen fürchterlichen Lärm gab, wenn die Klötze zu Boden prasselten, was sowohl Hanne als auch meine Mutter regelmäßig in helle Aufregung versetzte. Mein Vater schlug mir schließlich vor, ich solle mich doch einmal am Bau eines Dorfes versuchen, dessen höchster Punkt der Kirchturm sei. Und ich musste ihm versprechen, in Zukunft nicht mehr auf Stühle zu klettern.
Liliana hingegen entdeckte in dieser Zeit das Ballett für sich – Hanne hatte eine Probestunde vorgeschlagen, weil Liliana ständig durch die Wohnung tanzte. Von da an fuhr mein Vater jeden Samstag mit uns in die Stadt, wo er vormittags in der Apotheke liegen gebliebene Arbeit erledigte. Ich begleitete meinen Vater in die Apotheke, während Liliana zum Ballett ging. Und sich von da an Tag für Tag in ihrem Tutu vor dem Spiegel im Flur drehte. Ich dagegen hatte schon nach einer Stunde keine Lust mehr auf den Unterricht. Die albernen Drehungen, die Liliana und die anderen Kinder unter den strengen Augen der Lehrerin vollführten, ergaben für mich keinen Sinn. Und diese komischen Tüllröckchen kratzten fürchterlich.
Stattdessen verbrachte ich meine Zeit im Lager der Apotheke, wo ich die Schachteln und Tuben aus den Kisten nahm, die die Lieferanten gebracht hatten, und sie in den riesigen Roboter legte. Ich musste nur darauf achten, dass der Strichcode oben lag, damit der Scanner ihn richtig erfassen konnte. Für mich war das nichts anderes, als abends vor dem Schlafengehen meine Bauklötze wieder in die Kiste zu legen. Die PTAs ließen mich das bald alleine machen. Wenn der Roboter bestückt war, gesellte ich mich wieder zu ihnen, und oft erklärten sie mir, was sie gerade taten. »Sie haben aber ein wissbegieriges Kind«, sagte eine von ihnen einmal zu meinem Vater. Mein Vater nickte nur stumm. In dieser Zeit wurde ich ein richtiges Papa-Kind, während Liliana sich mehr zu unserer Mutter hingezogen fühlte, der sie charakterlich mehr ähnelte. Es war ein natürlicher Prozess, der sich ohne Eifersüchteleien einfach so vollzog.
Kurz vor unserem vierten Geburtstag fiel die Entscheidung der Krankenkasse, dass Hanne meiner Mutter nicht mehr länger zur Hand gehen konnte. Zumal es meiner Mutter wieder so gut ging, dass sie in Teilzeit in ihren Beruf zurückkehren wollte. Nach einem tränenreichen Abschied von Hanne, die sich entschieden hatte, in ihrer Heimat eine Weiterbildung zur Tagesmutter zu beginnen, und einer Abschiedsfeier mit Torte und allem Drum und Dran beschlossen meine Eltern, dass wir Mädchen ab September in den Kindergarten kommen sollten. Liliana war begeistert von der Aussicht, den ganzen Tag mit den Mädchen aus ihrer Ballettklasse spielen zu können. Tagelang schwärmte sie von der Puppenecke und den Mutter-Vater-Kind-Spielen. Wie es damals üblich war, wurden Geschwister in getrennten Gruppen untergebracht, so auch wir.
Liliana hatte sich innerhalb weniger Tage im Kindergarten eingelebt. Mir dagegen fiel es schwer, mich an die neue Routine zu gewöhnen. Mein Morgenprogramm musste nun viel schneller ablaufen als gewohnt. Außerdem war ich zu schüchtern, um mit den anderen Kindern zu spielen. Und wenn sie mich doch in ihre Spiele einbezogen, verstand ich vieles nicht. Zum Beispiel das Spiel mit den Puppen, das Liliana so liebte. Während die anderen Kinder wiederum kein Verständnis dafür hatten, dass ich so gerne mit den Erzieherinnen bastelte oder in der Sandgrube mit Matsch und Schlamm meine Baukünste erweiterte. Ich blieb lieber für mich. Irgendwann fingen sie an, mich zu hänseln, als Strafe dafür, dass ich sie nie mit meinen Sandburgen spielen ließ. Nach einer Weile hatte ich endlich meine eigene kleine Routine für den Kindergarten entwickelt, die es mir ermöglichte, den anderen Kindern so weit wie möglich aus dem Weg zu gehen. Sie begann damit, dass ich jeden Morgen die Erzieherin fragte, was wir an diesem Tag machen würden. Nach dem Morgenkreis zog ich mich immer in die Ruheecke zurück, meistens mit einem Bilderbuch oder einem Puzzle. Dort waren fast nie andere Kinder, außerdem war der Raum durch eine Glastür vom Rest des Kindergartens abgetrennt. Dort fühlte ich mich am wohlsten, weil es ruhiger war. Das ging eine Zeit lang gut. Doch dann ›verliebte‹ sich ein anderes Kind in mich. Und küsste mich vor allen anderen Kindern auf den Mund. Ich verstand in diesem Moment gar nicht, wie mir geschah, und wies das Kind schroff zurück und erklärte ihm laut und deutlich, dass Küssen auf den Mund nur etwas für Erwachsene sei. Und wie eklig ich diesen Kuss fand. Daraufhin wurde ich erneut zur Zielscheibe von Spott, den die Kindergärtnerinnen kaum unterbinden konnten.
Schließlich war das Glück auf meiner Seite, in Form von Milo, der aus der ersten Klasse der Grundschule zurückgestuft worden war. Er war wie ich ein Außenseiter und nahm mich wohl deshalb unter seine Fittiche. Die anderen Kinder versuchten, ihn zu hänseln, aber sie kamen nicht weit. Als sie es einmal zu weit trieben, brach eine regelrechte Schlägerei aus, in die auch ich verwickelt wurde. Mit Krallen und Zähnen verteidigte ich Milo gegen die anderen Kinder. Etwas, das ich mir selbst nie zugetraut hätte. Aber Milo war mein bester Freund, und die anderen waren zu viert. An diesem Abend gingen diese vier Kinder mit Kratzern und Bissspuren von mir nach Hause.
Zur Strafe wurden wir beide in eine andere Gruppe gesteckt, die im Allgemeinen als ruhiger und vernünftiger galt. Eine Strafe, die sich im Nachhinein als Belohnung herausstellte, denn die neue Gruppe hatte eine Bauecke mit riesigen Holzklötzen und -schienen. Ein ganzes Zimmer voll. Ich fühlte mich wie im Himmel. Milo hatte eine seltsame Vorliebe für Züge, und so baute ich wochenlang Tag für Tag Bahnhöfe und Städte entlang der Schienen, die Milo jeden Tag in neuen Mustern verlegte. Im Grunde war Milo mein erster Auftraggeber als Stadtplanerin. Oder ich errichtete hohe Türme und Milo reichte mir die Steine, wenn er ausnahmsweise keine Lust hatte, neue Bahnstrecken zu entwerfen. Ich merkte, dass man zu zweit mit weniger Aufwand viel höher bauen konnte. Schließlich erreichte ich mit ausgestreckten Armen auf einem Stuhl eine Höhe, die meiner Körpergröße mit ausgestreckten Armen entsprach, was mich unglaublich stolz machte. Ein Turm, der höher war als ich! Leider kam ein anderer Junge auf die Idee, trotz meines Protests einen Holzklotz aus dem Turm zu ziehen. Die Konstruktion brach zusammen und er zog sich eine blutende Platzwunde am Kopf zu.
Meine Eltern und die Kindergärtnerinnen schimpften nicht mit mir, denn schließlich war der Junge selbst schuld an seinem Unglück. Aber sie machten mir klar, dass Türme bauen von nun an nicht mehr erwünscht war, und wir kehrten zu den Städten, Bahnhöfen und Brücken zurück – bis Milo mich eines Tages aus dem Nichts heraus fragte, ob ich eigentlich schon lesen könne. Ich konnte zwar mit Buntstiften meinen Namen in krakeligen Großbuchstaben auf ein Blatt Papier malen, aber lesen konnte ich noch nicht. Als ich verneinte, lief er wie der Blitz davon. Und kam mit einem Bilderbuch zurück, zu dessen Geschichte wir in dieser Woche gebastelt hatten. Die kleine Raupe Nimmersatt. Er schlug die Seite mit dem Apfel auf, wohl wissend, dass ich mich vor den Gesichtern der Raupe, der Sonne und des Mondes im Buch fürchtete. Die Raupe war mir genauso unheimlich wie die Gesichter von Lilianas Puppen.
Er zeigte auf das erste Wort: »Das ist ein A. Und das ist ein M. Ein kleines M.«
»Am«, sagte ich, denn ich erinnerte mich, dass alle diese Seiten mit »Am« begannen, gefolgt von einem Wochentag. Milo nickte, stolz wie ein Vater, dessen Kind gerade seine ersten Schritte gemacht hatte. »Das ist auch ein M, diesmal ein Großbuchstabe. Und das ist ein kleines O. M-O-N-T-A-G«, buchstabierte er mir vor.
»Oh, das T, das kommt in meinem Namen auch vor!«, rief ich nach einem Moment höchster Verwunderung. Milo dachte kurz nach: »Stimmt.« Dann buchstabierte er nach und nach die anderen Wörter auf der Seite, und immer, wenn ein Buchstabe schon da war, wartete er, bis ich ihn rief. Ich machte keinen einzigen Fehler. So nahmen wir uns nach und nach alle Bücher vor, die wir im Kindergarten finden konnten. Schon nach wenigen Tagen ergaben die ersten kurzen Wörter einen Sinn, auch ohne dass ich sie buchstabieren musste. Nach etwa einem Monat las ich halblaut, im Schneckentempo. Langsam, aber sicher verlagerte sich unsere Aktivität vom Bauen zum Lesen. Die anderen Kinder störten uns weniger. Während sie uns hin und wieder die Bauecke streitig machten oder im Übermut unsere Türme und Brücken zum Einsturz brachten, waren wir, wenn wir mit einem Buch in der Ecke saßen, fast unsichtbar.
Doch dann geschah das für mich Undenkbare: Nach den Sommerferien kam Milo nicht zurück. Er sei zum zweiten Mal eingeschult worden, erklärte mir die Kindergärtnerin. Für mich war das die Höchststrafe. Milo, mein bester Freund, war nicht mehr da. Einfach weg, als wäre er gestorben. Ich brach in Tränen aus und schluchzte so untröstlich, dass mein Vater angerufen wurde, um mich abzuholen. Ich warf mich in seine Arme und er trug mich ein paar Straßen weiter zur Apotheke. Tagelang fühlte ich mich im Kindergarten schrecklich einsam, irrte ziellos durch die Gruppe. Ich bekam Bauchschmerzen und meine Eltern mussten mich abholen. Abends erklärte ich meiner Mutter, dass ich nicht mehr in den Kindergarten zurückwollte. Ein paar Tage später haute ich sogar ab. Ich kletterte über den Zaun, als wir draußen spielten. Weinend flüchtete ich zu meinem Vater in die Apotheke. Monatelang war ich danach ständig krank, aber der Arzt konnte keine Ursache finden.
Meine Eltern waren ratlos. Schließlich brachten sie mich, wohl auf Anraten der Kindergärtnerinnen oder des Arztes, zu einer Kinderpsychologin. Zum Trost nahm ich einen der Holzklötze mit, die mein Vater geschnitzt hatte. Der Geruch des Holzes und die glatte Oberfläche hatten etwas Beruhigendes. Ich brauchte einen Klotz nur in die Hand zu nehmen, und schon pochte mein Herz weniger schnell, wenn ich aufgeregt war. In mehreren Sitzungen führte die Psychologin verschiedene Tests mit mir durch. Darunter war wohl auch ein Intelligenztest, bei dem ich außerordentlich gut abschnitt. So gut, dass die Psychologin meine Mutter bat, zum Vergleich auch Liliana testen zu lassen. Auch Liliana schnitt bei diesem Test weit über dem Durchschnitt ab. Daraufhin wurde meinen Eltern empfohlen, uns beide ein Jahr früher einzuschulen. Außerdem riet die Psychologin meiner Mutter mit einem Augenzwinkern, mir eine Leihkarte für die örtliche Bibliothek zu besorgen. Als in ihrer Praxis eines Tages das Telefon klingelte, hatte ich mir ein Buch geschnappt und, wie immer, halblaut vor mich hin gelesen.
Da es nur noch ein halbes Jahr bis zu den Sommerferien war und danach die Schule beginnen sollte, durfte ich in einer Ecke des Kindergartens mit Lego spielen, das extra für mich angeschafft worden war, wenn die Bauecke besetzt war. Ich bekam Bücher aus der Bücherei. Um mir die Wiedereingewöhnung schmackhaft zu machen, durfte ich zweimal in der Woche nachmittags in die Apotheke gehen. Und zur Freude der PTAs den Roboter einräumen.
Nach und nach veränderte sich die Zusammensetzung der Kindergartengruppe. Während meiner Zeit mit Milo hatten uns die anderen Kinder irgendwann weitgehend ignoriert. Jetzt kamen neue, laute und aufdringliche Kinder dazu. In dieser Zeit entdeckte ich, dass ich mit den Bauklötzen noch etwas anderes machen konnte als bauen: werfen! Zu Hause verfeinerte ich meine Technik. Zuerst warf ich sie aus einer bestimmten Entfernung zurück in die Kiste, die ich immer weiter vergrößerte. Dann ›lieh‹ ich mir eine Puppe von Liliana und nahm sie als Ziel. Das alles tat ich mit der mir eigenen ruhigen Konzentration. Zielstrebig und präzise gelang es mir schließlich, diese Puppe vom anderen Ende des Zimmers aus zu treffen. Genau wie ich meine Städte und Türme baute, so lernte ich zu zielen. Schritt für Schritt, immer weiter, immer höher. Ich sprach nicht viel, war still und in mich gekehrt. Aber wehe, man störte mich in meinem Tun, dann flippte ich aus und bekam regelrechte Wutanfälle, wenn man mich zum Beispiel zum Essen rief. Meine Mutter löste das Problem, indem sie mir einen alten Wecker, dem schon beide Schellen fehlten, hinstellte und daneben eine Pappuhr, die mir anzeigte, wann ich in der Küche zu erscheinen hatte.
Nachdem ich von da an pünktlich zu den Mahlzeiten aus meinem Zimmer kam, hatte ich nur noch selten Ärger mit meinen Eltern. Schwierigkeiten wurden offen angesprochen und ohne großes Drama aus der Welt geschafft. Das heißt, bis ich meine Wurfkünste so weit verfeinert hatte, dass ich sie im Kindergarten ausprobierte. Und traf.
Meine Eltern wurden zum Gespräch gebeten, nachdem mehrere Kinder blaue Flecken an den Beinen davongetragen hatten.
»Ruth, warum bewirfst du die anderen Kinder?«, wollte mein Vater wissen. Sein Blick war ernst und ich spürte seine Enttäuschung. Das war das Schlimmste für mich. Meinen Vater enttäuscht zu haben. Das wütende Schnauben meiner Mutter bereitete mir Unbehagen. Aber die stille Enttäuschung meines Vaters machte mir Angst.
»Weil sie mich nicht in Ruhe lassen«, antwortete ich, den Tränen nahe. »Sie laufen die ganze Zeit um mich herum.«
»Und dann?«, fragte meine Mutter, die Hände in die Seiten gestemmt.
»Dann habe ich ihnen gesagt, sie sollen weggehen. Und sie haben mich nur ausgelacht.«
»Und dann?«
»Dann habe ich gesagt, wenn ihr nicht geht, dann werfe ich. Da haben sie noch mehr gelacht.«
»Und dann hast du sie beworfen?«
»Ja«, nickte ich.
»Und getroffen«, sagte meine Mutter und schüttelte ungläubig den Kopf.
»Natürlich habe ich getroffen. Aber ich habe nur auf die Beine gezielt«, verteidigte ich mich. Stolz schwang in meiner Stimme mit.
»Gott sei Dank«, sagte mein Vater. »Ruth, wenn du auf den Kopf gezielt hättest, hättest du die anderen Kinder schwer verletzen können. Wirst du das wieder tun?«
»Ja, wenn sie mich nicht in Ruhe lassen, werde ich sie wieder bewerfen«, antwortete ich ehrlich. Das brachte das Fass für meine Mutter zum Überlaufen.
»Ruth, geh in dein Zimmer. Dort bleibst du so lange, bis du verstanden hast, dass du das nie wieder machst.«
Verwirrt trollte ich mich. Ich hatte nicht verstanden, was das Problem war. Insgeheim hatte ich Anerkennung dafür erwartet, wie gut ich zielen konnte. Und dass ich niemanden ernsthaft verletzt hatte. Alles, was ich sah, war, dass es anscheinend in Ordnung war, dass andere Kinder mich ohne Konsequenzen ärgern durften. Ich warf mich auf mein Bett und fing an zu weinen.
Nach einer Weile tauchte Liliana auf, aber der kleine Holzklotz in meiner Hand war für sie Zeichen genug, mich nicht anzusprechen. Schließlich hatte auch sie bereits Bekanntschaft damit gemacht.
Unser gemeinsames Zimmer war streng in zwei Hälften geteilt. Da wir mittlerweile fast aus unseren Babybetten herausgewachsen waren, beschlossen meine Eltern, dass es an der Zeit war, unser Zimmer zu renovieren und wie ein richtiges Kinderzimmer einzurichten. Mein Vater packte uns ins Auto und fuhr mit uns zum Baumarkt. Dort sollten wir gemeinsam eine Farbe für die Tapete und eine für den Teppich aussuchen. Wie nicht anders zu erwarten, ging es schief. Und zwar gründlich. Ich wollte einen dunkelgrünen Teppich, dessen Farbe mich an das Moos an unserem Gartenzaun erinnerte, und eine schlichte hellgraue Tapete mit Streifen, die sich fast unsichtbar vom Untergrund abhoben. Ich liebte das leichte Kribbeln, wenn ich mit den Fingerspitzen darüberfuhr. Liliana dagegen wollte unbedingt einen dunkelroten Teppich und eine Tapete mit bunten Blumen und Tieren. Ich fand ihre Wahl scheußlich, weil die gekritzelten Blumen jegliche Symmetrie vermissen ließen. Mehrere Kompromissvorschläge meines Vaters lehnten wir beide strikt ab. Schließlich gab mein Vater nach. Kopfschüttelnd ließ er sich vom Verkäufer mehrere Rollen der beiden Tapeten geben und roten und grünen Teppich zuschneiden.
In weiser Voraussicht, um weiteren Streit zwischen seinen doch sehr unterschiedlichen Töchtern zu vermeiden, kaufte er auch ein Stück dunkelgrauen Teppich. Um die Tür herum sollte eine Art neutrale Zone entstehen, damit es am Ende keinen Streit um den Eingang gab. Nachdem alles tapeziert und die identischen Möbel, bei denen wir diesmal nicht mitreden durften, aufgebaut waren, kaufte meine Mutter noch Himmelbettvorhänge. Ich liebte diesen Vorhang, der mein Bett mit einem Handgriff in eine Höhle verwandelte. So musste ich Lilianas Puppen nicht mehr sehen. Vor allem die größte Puppe drehte ich immer noch heimlich mit dem Gesicht zur Wand. Wenn Liliana sich darüber beschwerte, begann ich zu lügen, aber meine Eltern, vor allem mein Vater, nahmen diese kleine Lüge stillschweigend hin.
Mein Vater war überhaupt mehr auf meiner Seite, was solche kleinen Vorfälle anging, vielleicht weil wir uns vom Charakter her sehr ähnlich waren. Wir wollten beide vor allem unsere Ruhe und mochten keinen Trubel. Ich glaube, mein Vater fühlte sich nur mit meiner Mutter und uns Kindern richtig wohl, alle anderen Menschen waren eher ein Störfaktor. Mein Vater war ein ruhiger Mensch, der sich aber furchtbar aufregen konnte, wenn er bei seinen Reviergängen Müll im Wald fand. Er konnte stundenlang über eine einzige Plastikflasche schimpfen. Einmal, als ich etwa fünf Jahre alt war, fand er im Wald eine Feuerstelle, die von Müll umgeben war, den achtlose Umweltverschmutzer zurückgelassen hatten. Dieses Vergehen weckte in ihm die gleiche Entschlossenheit, mit der ich mich im Holzklotzwerfen geübt hatte. Ich gab nicht auf, bis ich mein Ziel erreicht hatte. Und genauso gab mein Vater nicht auf, bis er die Schuldigen gefunden und Anzeige erstattet hatte. Ich glaube, das war das erste Mal, dass mein Vater sich für soziale Medien interessierte. Jahre später erzählte mir meine Mutter, dass er sich auf verschiedenen Plattformen Accounts angelegt hatte und dann tagelang akribisch die geposteten Fotos durchsuchte. Er fand tatsächlich eine Gruppe Jugendlicher, von denen sich einige vor dem brennenden Feuer in seinem Wald fotografiert hatten. Nachdem er die Beweise der Polizei übergeben hatte, marschierte er schnurstracks zur Schule der Übeltäter und ließ sie in der Pause ins Lehrerzimmer rufen, wo er ihnen vor allen Anwesenden eine Standpauke hielt, dass die Wände wackelten. Einen Tag später, an einem Samstag, als Liliana und ich nicht im Kindergarten waren, kam der Bürgermeister zu uns nach Hause und hielt dagegen meinem Vater eine Standpauke, die durch das ganze Haus hallte. Einer der Jungen, die er vor dem versammelten Lehrerkollegium bloßgestellt hatte, war sein geliebter und ziemlich verzogener Sohn. Doch das Geschrei half nichts, die Jugendlichen wurden zu Sozialstunden verurteilt, die sie bei meinem Vater im Wald ableisten mussten. Ein Wochenende lang halfen sie meinem Vater, säuberten die Picknickplätze und sammelten Müll entlang der Straße, die durch den Wald führte. Am Ende entschuldigte sich sogar der Sohn des Bürgermeisters wortreich und erklärte, dass er aus dieser Erfahrung tatsächlich etwas gelernt hatte, was mein Vater mit einem grimmigen Nicken zur Kenntnis nahm. Er setzte sich sogar bei seinem Vater dafür ein, dass die Stadt mehrere vernünftige Grillplätze bekam. Der Bürgermeister schmollte zwar weiter, aber da er seinem Sohn nichts abschlagen konnte, schrieb er schließlich einen Wettbewerb aus, bei dem man Vorschläge für die Gestaltung einreichen konnte.
Nachdem mein Vater mir erklärt hatte, was ein Grillplatz war und mir einige Fotos im Internet gezeigt hatte, wollte ich auch mitmachen. Ein Grillplatz schien mir eine vernünftige Sache zu sein, wenn er die großen Kinder davon abhalten würde, ihren Müll in den Wald zu werfen und meinen Vater zu ärgern. Stundenlang tüftelte ich und steckte Legosteine zusammen, bis ich mit meiner Idee zufrieden war. Schließlich bat ich meine Mutter, ein Foto von meinem Werk zu machen. Sie druckte es mir sogar aus. Auf die Rückseite kritzelte ich mit meinen Buntstiften in meiner Kinderschrift das Wort Bürgermeister, Grillplatz und meinen Namen. Nur weil ich inzwischen fließend lesen konnte, konnte ich noch lange nicht richtig schreiben. Aus meiner Sparbüchse schüttelte ich ein paar Münzen.
Ungeduldig wartete ich auf den Postboten, den ganzen Vormittag saß ich – entgegen meiner Gewohnheit – im Garten, um ihn nicht zu verpassen. Endlich fuhr das gelbe Auto vor und ich rannte ihm entgegen. Aufgeregt rief ich ihm zu, dass ich einen Brief an den Bürgermeister schicken müsse. Für den Wettbewerb. Und hielt dem Postboten meine Handvoll Münzen hin, in der Hoffnung, dafür eine Briefmarke zu bekommen. Er konnte mir zwar keine Briefmarke verkaufen, fand mich aber so mutig, dass er versprach, den Brief mit dem Foto kostenlos in die Stadt zu bringen und beim Bürgermeister abzugeben.
Doch die Enttäuschung folgte einige Tage später. Ich bekam einen Ablehnungsbescheid, den mir mein Vater erklären musste, weil er voller Beamtensprache war. Ich war vom Wettbewerb disqualifiziert worden.
»Papa, was heißt disqualifiziert? Und was ist ein Mindestalter?«, fragte ich. Überrascht nahm er mir den Brief aus der Hand und erklärte mir, dass man mindestens 14 Jahre alt sein müsse, um am Wettbewerb teilnehmen zu können.
Ich fing an zu weinen, denn ich verstand nicht, warum man vierzehn Jahre alt sein musste, um eine Idee für einen Grillplatz zu haben. Mit meinen sechs Jahren erschien mir das wie eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, und ich stellte mir vor, dass viele andere Kinder in diesem Moment einen solchen Brief bekommen hatten. Und ich weinte noch mehr wegen der Traurigkeit dieser Kinder.
Liliana nahm mir den Brief aus der Hand, zuckte mit den Schultern und warf ihn in den Kamin. »Dann bauen wir ihn eben bei uns im Garten. Und der Bürgermeister darf nicht mit uns grillen«, sagte sie und verschwand wieder. Sofort versiegten meine Tränen. Es war das erste Mal, dass Liliana zu verstehen schien, wie wichtig mir die ganze Bauerei war. Mein Vater hingegen war stolz auf seine beiden Töchter und sehr beeindruckt von meinem Mut, ein Projekt einzureichen. Meine Mutter holte das Foto aus ihrer Handygalerie hervor, der Lego-Grillplatz war in Einzelteilen wieder in einer Kiste verschwunden. Wir gingen alle in den Garten, um einen Platz auszusuchen, und am Ende entschieden wir uns für den kleinen Hang unter den Apfelbäumen. Mein Vater nahm mit dem Zollstock Maß und ich steckte mit Liliana kleine Äste in den Boden an den Stellen, die er uns gezeigt hatte.
Gemeinsam mit meinem Vater verwandelten wir meinen Entwurf in eine Art technische Zeichnung, in die er die Maße des Gartens eintrug und Berechnungen anstellte. Meine Idee war ein Halbkreis aus zwei Steintreppen, auf denen man sitzen konnte, inspiriert von einem römischen Theater, und in der Mitte ein gepflastertes Rund für den Grill. Ich war fasziniert, wie sich meine Legosteine in Linien und Zahlen verwandelten. Tagelang buddelten wir mit meiner Mutter im Garten, während mein Vater passende Findlinge aus seinem Revier und Pflastersteine aus dem Baumarkt heranschleppte.
Am Ende hatten wir einen Grillplatz im Garten, der viel schöner war, als ich ihn mir vorgestellt hatte, denn meine Mutter fand, dass er nach meinem Entwurf zu steril aussah. Sie brachte ein paar Töpfe mit Kräutern mit, was ich sofort akzeptierte, denn ich verstand, dass es nur nützlich war, Rosmarin oder Petersilie zum Würzen in Reichweite zu haben. Vielleicht war das der Moment, in dem ich zum ersten Mal von einer grüneren Stadt träumte. Denn von nun an baute ich nicht nur mit Bauklötzen, sondern integrierte auch Bäume und Grünflächen in mein Tun, für das ich mir die Reste meines Teppichs erbat. Meine Mutter hatte mir Moos aus dem Wald auf dem Teppich schlichtweg verboten.
Als ich zum ersten Mal die Grundschule betrat, war ich von der Umgebung fasziniert. Das alte, blassgelbe Gebäude mit dem Schulhof, auf dem ein einziger riesiger Kastanienbaum wuchs. Die hohen Fenster mit den gelb-weiß gestreiften Jalousien. Der Portikus mit den gelben Säulen. Die Wälder, die die Hügel rund um das Tal bedeckten, und der Fluss mit dem Kraftwerk, das man vom Fenster aus sehen und bei günstigem Wind auch hören konnte. Ich fand es beruhigend, so von Natur umgeben zu sein wie zu Hause. Auch die Schule strahlte eine gewisse Ruhe aus, die ich mochte.
Der lange, helle Flur, von dem aus man die Klassenzimmer betrat, hatte eine Decke aus Fenstern, die im Sommer geöffnet wurden. Überall wuchsen Palmen und Farne in großen Kübeln. Die Fensterbank meines Klassenzimmers sah aus wie ein Dschungel. Es gab keine Stelle, an der keine Topfpflanzen standen. Um einen der großen Holzschränke zu öffnen, musste man immer erst die Ableger der Grünlilien beiseiteschieben, die wie ein Vorhang davorhingen.
An meinem ersten Schultag hatte jemand in geschwungener Schrift »Herzlich willkommen, liebe Erstklässler« an die Tafel gemalt, wohl mehr für die Eltern, die die Schultüten trugen, als für uns Kinder.
Mein Blick fiel sofort auf die Schulbücher und Hefte, die in kleinen Stapeln auf den Tischen lagen. Besonders das Sachkundebuch hatte es mir angetan, das ich gleich zu Hause durchlas. Der erste Schultag dauerte nur ein paar Stunden und bestand darin, dass wir ein Blatt mit einem Ausmalbild bekamen, auf dem wir alle Kreise rot ausmalen sollten. Davon gab es eine Menge, schließlich spielten die Kinder darauf mit Hula-Hoop-Reifen. Als Hausaufgabe sollten wir dann den Rest des Bildes ausmalen.
Wenn das bedeutete, ein Schulkind zu sein, dann mochte ich die Schule sehr. Außerdem mussten alle Kinder auf ihren Plätzen sitzen bleiben, was einigen sichtlich schwerfiel. Niemand rannte herum wie im Kindergarten oder machte Lärm, außer in den Pausen. Sobald es klingelte, brach jedes Mal schlagartig das Durcheinander aus. Alle stürmten zur Tür, in der Garderobe wurde geschubst und gedrängelt, alle wollten zuerst auf dem Pausenhof sein und die Spielgeräte besetzen.
Meine Mutter, die uns jeden Nachmittag über unseren Schultag ausfragte, bestand darauf, dass ich zumindest einmal ausprobierte, mit den anderen Kindern auf dem Klettergerüst herumzuturnen. Oder Hula-Hoop zu lernen, worin Liliana es schon nach ein paar Tagen zu wahrer Meisterschaft gebracht hatte. Aber als Liliana ihr erzählte, dass ich eher einem faulen Apfel an einem Baum ähnelte, so wie ich am Klettergerüst hing, und ich vom Hula-Hoop höchstens blaue Flecken bekam, gab sie es auf. Von da an nahm ich jeden Tag ein Buch aus dem Klassenzimmer mit nach draußen und verbrachte die Pausen lesend auf einer Bank. In den ersten Tagen hatte ich noch nach Milo Ausschau gehalten. Vergeblich. Er war nicht unter den anderen Kindern der höheren Klassen.
Ich las für mein Leben gern, aber es fiel mir sehr schwer, schön zu schreiben, denn das Nachmalen der Buchstaben mit Filzstiften schien mir Zeitverschwendung zu sein. Während der Schreibstunden sehnte ich mich heimlich nach meinen Bauklötzen zu Hause.
Unsere Lehrerin, Frau Monika, mochte ich auf Anhieb. Sie war eine untersetzte Frau mit knallroten Pausbäckchen und langsam ergrauenden Haaren, und ihre Frisur sah aus, als hätte sie sie selbst geschnitten. Aber sie hatte diese tiefe, angenehme Stimme, mit der sie uns in die Welt der Zahlen und Buchstaben einführte, mit einem offenen Lächeln, immer uns Kindern zugewandt. Sie schaffte es, dass selbst die größten Unruhestifter wie gebannt auf ihren Plätzen saßen und das Wissen aufsaugten, das sie uns vermittelte.
Sie war sehr nett zu mir, und ich glaube, ich verdanke ihr bis heute viel. Vor allem, dass sie nicht darauf bestand, mich in eine Schublade zu stecken oder mich zu brechen. Es dauerte nicht lange, bis sie merkte, dass ich schon lesen konnte. Sie wunderte sich, aber als ich ihr von Milo erzählte, nickte sie verständnisvoll und holte mir Bücher aus der Bibliothek, vor allem Abenteuergeschichten. Während die anderen Kinder mit dem Lesenlernen beschäftigt waren, las ich still die Bücher, die sie mir brachte. Sie rief mich nie in den Lesestunden auf und ich vermute, dass Frau Monika das absichtlich tat, um keine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. So fiel meine Sonderbehandlung nicht auf oder weckte gar den Neid der anderen Kinder.
Aber dass ich etwas konnte, was Liliana erst lernen musste, spornte meine Schwester an. Sie setzte alles daran, nun auch so schnell wie möglich lesen zu lernen, denn sie fand den Leseunterricht ›peinlich‹. Sie flehte mich an, ihr das Lesen beizubringen. Schließlich ließ ich mich überreden. Wie hatte Milo das gemacht? Das Buch von der Raupe Nimmersatt hatten wir nicht.
Also versuchte ich es zunächst mit einer meiner geliebten Architekturzeitschriften über Hausbau. Die konnte ich zwar lesen, aber noch lange nicht verstehen, sodass ich mir vor allem die Bilder anschaute. Um es kurz zu machen: Der erste Versuch scheiterte kläglich und ich fragte mich im Nachhinein, warum ich nicht eines unserer Kinderbücher genommen hatte. Beim zweiten Versuch nahmen wir stattdessen ein paar Blätter Papier aus dem Drucker, und genau wie Frau Monika schrieb ich einfache Sätze darauf, die Liliana fast zur Verzweiflung brachten, denn meine Krakelschrift hatte sich in den wenigen Schulwochen nicht im Geringsten verbessert. In meinem Kopf ergab das alles Sinn, denn die Lehrerin machte es genauso. Dass unsere Lehrerin jahrelang geübt hatte, schön an die Tafel zu schreiben, hatte ich in meinem Eifer übersehen. Warum einfach, wenn es auch umständlich ging?
Schließlich kam Liliana auf die rettende Idee, dass wir doch einfach das Schulbuch nehmen könnten. So verbrachten wir einige Nachmittage, an denen Liliana, genau wie ich ein Jahr zuvor, erst stundenlang buchstabierte und dann langsam halblaut vorlas.
Frau Monika nahm Lilianas rasche Lesefortschritte im Unterricht kommentarlos zur Kenntnis, doch schließlich siegte die Neugier und sie fragte uns beide, wie es dazu gekommen war. Sie war überrascht, und doch merkte ich, dass sie sich ein Lachen verkneifen musste, als ich ihr von meinen Unterrichtsversuchen erzählte. Auch Liliana hatte sich damit lange vor der Klasse das Recht erkämpft, sich in den Lesezeiten still mit einem Buch ihrer Wahl zu beschäftigen.
Gemeinsam entdeckten wir die Welt der Bücher und verschlangen in Rekordzeit die halbe Bibliothek.
Im Mathematikunterricht, der mir sehr leichtfiel, beteiligte ich mich rege, ansonsten war ich wie immer still, uninteressiert an den anderen Kindern und in mich gekehrt. Lilianas ständige Unterbrechungen mit Fragen über Fragen störten den Unterricht mehr.
Mehr als einmal wurde das bei einem Elternabend angesprochen und Frau Monika sagte meinen Eltern, dass sie natürlich versuche, uns alle individuell zu fördern. Soweit das in einer Klasse mit 25 Kindern eben möglich war.
Aber von dem Moment an, als meine Schwester lesen konnte, fühlte ich mich zumindest zu Hause viel weniger von ihr gestört, denn auch Liliana verbrachte die Nachmittage wie ich mit der Nase in einem Buch. Unsere Interaktion beschränkte sich hauptsächlich auf Fachsimpeleien über die Bücher, die wir gelesen hatten. Aber die unterschwellige Ablehnung, die ich früher empfunden hatte, war einer gewissen Akzeptanz unserer Verschiedenheit gewichen.
Inzwischen kamen auch die meisten Kinder aus Lilianas Ballettgruppe nicht mehr zu Besuch, weil Liliana die anderen Kinder zu ›kindisch‹ fand und die älteren Kinder sich nicht herablassen wollten, mit einem jüngeren Mädchen zu spielen. Mehr als einmal erzählte Liliana beim Abendessen lebhaft, wie blöd sie es jetzt fand, Fangen, Verstecken oder Verkleiden spielen zu müssen.
Stattdessen erlaubten meine Eltern Liliana, auf dem glatten Parkettboden im Wohnzimmer ihre Ballettpirouetten zu üben, und auf dem Teppich in unserem Schlafzimmer konnte ich mich in Ruhe meinen Legosteinen widmen. Die hatte mein Vater kiloweise im Trödelladen erstanden, während die Holzklötze aus Kleinkindtagen nun das Fundament bildeten. Mit den Steinen, die man richtig zusammenstecken konnte, war ich beim Bauen vielseitiger und es ergaben sich neue Möglichkeiten. Auch die Schule hatte meinen Horizont erweitert: Im Heimat- und Sachkundeunterricht nahmen wir eine Woche lang Dörfer und Städte durch. Besonders fasziniert war ich von den Großstadtbildern, die uns Frau Monika zeigte. Nach dem Unterricht bestürmte ich die Lehrerin mit tausend Fragen, mit einem Eifer, den sie sonst nur von Liliana kannte. Da Frau Monika keine Städteexpertin war und ich jeden Tag mit neuen Fragen vor dem Lehrerzimmer stand, brachte sie mir schließlich jede Woche aus der Bibliothek neue Bildbände und Zeitschriften mit Städteporträts anstelle der Abenteuerbücher mit. Ich schwebte im siebten Himmel und studierte die Bücher so gründlich, dass ich in der Lage war, Textstellen, die mich besonders beeindruckt hatten, wörtlich wiederzugeben. Am Ende des Schuljahres legte sie meinen Eltern nahe, mir endlich einen eigenen Bibliotheksausweis zu besorgen. Es wäre wirklich an der Zeit.
Es waren entspannte Sommerferien, die ich in unserem Häuschen im Wald verbrachte, umgeben von Stapeln von Büchern. Die Welt draußen schien sich kaum zu bewegen, nur das Grün des Baumes vor meinem Schlafzimmerfenster verfärbte sich langsam herbstlich gelb. Aber in der Ferne sah ich eine Veränderung – ein ganz neues Wohngebiet wurde gebaut, und von meinem Fenster aus konnte ich durch die Äste des Baumes sehen, wie Straßen und Häuser langsam Gestalt annahmen.
Ich drängte meine Eltern, mich so oft wie möglich dorthin zu begleiten. Sie waren erstaunt, dass aus der Stubenhockerin Ruth plötzlich eine fleißige Spaziergängerin geworden war. Trotzdem gingen wir beinahe jeden Samstagmorgen dorthin. Die Geräusche und der Baulärm waren für mich so überwältigend, dass ich, die Hände fest auf meine Ohren gepresst, dastand und mit großen Augen jede noch so kleine Veränderung in mich aufnahm. Mein Vater, der sich um mein Gehör sorgte, bestand schließlich darauf, dass ich nur noch nach Feierabend dorthin gehen durfte, um zu sehen, wie Straßen und Häuser aus dem Nichts entstanden. Ich dachte, das sei das Faszinierendste, was ich je in meinem Leben sehen würde.
Als die Häuser nach und nach bezogen wurden, änderte sich meine Meinung. Die Leute, die mich freundlich ansprachen, irritierten mich, und meine Mutter blieb oft für eine Ewigkeit stehen, um mit ihnen zu plaudern. Alles hatte sich für mich verändert und ich fühlte mich nicht mehr wohl.
Nicht nur das Dorf, auch unsere Schulklasse wuchs mit den neuen Bewohnern der Siedlung. Plötzlich hatten wir es mit sehr verwöhnten Kindern zu tun, die sich für etwas Besseres hielten. Aber das war noch nicht das Schlimmste.
Zu Beginn der zweiten Klasse bekamen wir eine neue Lehrerin. Sie bestand darauf, dass wir sie mit Frau Dubois und Sie anreden. Ich hatte in meinem ganzen Leben noch nie jemanden gesiezt, und es fiel mir schwer, weil ich das Konzept dahinter nicht verstand. Nach zwei Wochen musste ich für jedes ›Du‹, das mir herausrutschte, Sätze schreiben. Mit zunehmender Schülerzahl gab es für Liliana und mich keine Bücher mehr, und Lilianas ständige Fragen wurden von der Lehrerin barsch unterbunden. Langeweile machte sich in uns breit, denn natürlich hatten wir beide die Schulbücher schon in der ersten Woche komplett durchgelesen, und durch die vielen Bücher, die wir in den Ferien verschlungen hatten, waren wir dem Stoff weit voraus.
Die meiste Zeit versank ich in meiner eigenen Traumwelt, in der ich Häuser, Dörfer und Städte plante und die Lehrerin und die anderen Kinder weitgehend ignorierte. Ich schwieg und ließ mich nicht mehr auf den Unterricht ein. Liliana dagegen wurde unruhig und zappelig, auch sie beteiligte sich nicht mehr am Unterricht oder gab absichtlich falsche Antworten.
Bei einem Elternabend erklärte Frau Dubois meiner Mutter schließlich, dass sie uns beide für geistig ziemlich zurückgeblieben hielt, und empfahl, uns in die erste Klasse zurückstufen zu lassen. Meine Mutter probte den Aufstand, ohne Erfolg. Schließlich wurde die Direktorin eingeschaltet, unsere Intelligenztests wurden vorgelegt, was Frau Dubois noch mehr gegen uns aufbrachte. Meine Mutter betonte immer wieder, dass es nicht darum gehe, dass wir etwas Besonderes seien, sondern dass die Lehrerin uns falsch einschätze. Frau Dubois hingegen war überzeugt, es mit zwei besonders dummen Kindern und einer Helikoptermutter zu tun zu haben, die ihre Kinder auf gute Testergebnisse getrimmt hatte. Ihre Meinung über uns arme Kinder, die man am besten den Eltern wegnehmen und in ein Kinderheim stecken sollte, verkündete sie lautstark vor der versammelten Klasse.
Als mein Vater das hörte, kochte er vor Wut, während meine Mutter weinte. Diese Episode schweißte Liliana und mich zusammen. Wir verbrachten eine Nacht in meinem Bett, aneinandergekuschelt und voller Angst, und sprachen über das, was geschehen war. Wir hatten noch nie erlebt, dass unsere Mutter unseretwegen weinte. Liliana saß zuerst auf meiner Bettkante, aber als sie vor Angst zu zittern begann, hob ich meine Decke an, und sie krabbelte zu mir ins Bett. Es war das erste Mal, dass wir – oder besser ich – freiwillig zusammen in einem Bett schliefen. Mein Vater ging am nächsten Tag zur Direktorin und verbat sich solche Bemerkungen der Lehrerin, notfalls würde er das auch bei der Schulbehörde durchsetzen. Die Direktorin versprach, dies zu unterbinden.
Dennoch forderten die Ereignisse ihren Tribut, und Liliana und ich wurden in kurzen Abständen immer wieder krank. Aber das Wichtigste war, dass Liliana und ich als Geschwister zusammenwuchsen und uns gegenseitig unterstützten, anstatt wie bisher nebeneinander zu existieren. Diese Lehrerin sollte es nicht wagen, unsere Mutter noch einmal zum Weinen zu bringen, so viel war sicher. Also mussten wir ihr beweisen, dass wir nicht dumm waren. Nun trieben wir Frau Dubois regelmäßig zur Weißglut, indem wir sie unaufgefordert korrigierten, unnötig lange und ausführliche Antworten gaben, die an Klugscheißerei grenzten, oder ungefragt die Lösungen der Mathematikaufgaben in den Raum riefen. Regelmäßig verbrachten wir, als Störenfriede abgestempelt, den Unterricht auf der Bank im Flur. Was als Strafe gedacht war, empfanden wir als erstrebenswerte Belohnung, denn so konnten wir dem langweiligen Unterricht entkommen. Wir vertrieben uns die Zeit mit allen Spielen, die man auf einem karierten Blatt Papier spielen konnte, oder mit Kartenspielen und Büchern, die wir in unseren Jacken vor dem Klassenzimmer versteckten.
Der einzige Lichtblick in der zweiten Klasse war, dass wir nach den Osterferien Computerunterricht bekamen. Von einem anderen Lehrer. Der Unterricht war interessant und er beantwortete nicht nur alle unsere Fragen ausführlich, nein, wir wurden sogar ermutigt, Fragen zu stellen. Außerdem hatte der Computerkurs noch einen großen Vorteil: Ich musste nicht mehr schreiben, sondern nur noch tippen. Das war bei meiner Sauklaue ein riesiger Vorteil.
Unser Kinderzimmer wurde um zwei Schreibtische mit Computern ergänzt. Meine Mutter bestand darauf, dass jeder seinen eigenen Arbeitsplatz bekam, damit es keinen Streit gab. Mein Vater schenkte uns zum Geburtstag Computerspiele, die wir uns aussuchen durften. Ich entschied mich für Skylines, ein Spiel, in dem ich meine eigenen Städte errichten und mit der Zeit durch geschickte Planung zu riesigen Metropolen ausbauen konnte. Dabei musste ich an alles denken, vom Verkehr über den Bau einzelner Stadtteile bis hin zur Versorgung der Bevölkerung. Alles, damit meine Städte wuchsen und gediehen. Das Spiel war nicht unbedingt altersgerecht, aber meine Eltern meinten, solange es sich nicht um Mord und Totschlag oder ein Kriegsspiel handle, sei es in Ordnung. Ich verlagerte die meisten meiner Bautätigkeiten in das Computerspiel. Ich benutzte die Bausteine nur noch, wenn ich etwas direkt nachbauen wollte.
Liliana suchte sich ein Spiel aus, in dem es um Biologie und Naturschutz ging. Ich glaube, dass die Spaziergänge in der Natur mit meinem Vater auch bei ihr gewisse Spuren hinterlassen hatten. Seit einiger Zeit war ein riesiger Bildband, mit dem sich mein Vater in seiner Jugend auf das ›grüne Abitur‹ als Jäger vorbereitet hatte, aus dem Regal im Wohnzimmer in unser Zimmer gezogen. Darin blätterte Liliana stundenlang und konnte sich in Details verlieren, die mich völlig kaltließen. Einmal musste meine Mutter danach einen ihrer Monologe beim Abendessen über Mistkäfer unterbrechen, damit wir anderen auch noch am Gespräch teilnehmen konnten. Da ihr Spiel billiger war als meines, bekam sie auch noch ein Barbie-Spiel. Unnötig zu erwähnen, dass ich Lilianas Spiele nicht interessant fand und sie sich auch nicht im Geringsten für Skylines erwärmen konnte. Unsere Spielzeit war auf eine Stunde am Tag begrenzt, was mich ärgerte. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich nur noch vor dem Computer gesessen – und die Schule hätte mich nie wieder gesehen.
Die Direktorin hatte darauf bestanden, uns nicht mehr in den Flur zu verbannen, nachdem sie uns mehrmals beim Kartenspielen erwischt hatte. Aber Frau Dubois beharrte darauf, dass wir zu dumm seien, um dem Unterricht zu folgen. Sie meinte, wir hätten bei jedem Test irgendwie geschummelt. Wir brachten regelmäßig schlechte Noten nach Hause und waren schließlich sogar versetzungsgefährdet. Um das Klassenziel zu erreichen, setzte meine Mutter durch, dass wir in Mathematik, Lesen und Schreiben geprüft wurden. Von einer anderen Lehrkraft, damit es gerecht zuging. Schließlich übernahm die Direktorin selbst diese Aufgabe.
Am Tag der Prüfung saßen Liliana und ich nervös im Büro der Direktorin, während meine Eltern im Flur auf uns warteten. Frau Dubois hatte der Direktorin Prüfungsaufgaben gegeben und angemerkt, es sei Zeitverschwendung. Nach weiteren giftigen Kommentaren forderte die Direktorin Frau Dubois auf, den Raum zu verlassen. Als diese hinausstürmte, würdigte sie uns keines Blickes.
Die Direktorin schüttelte den Kopf und versicherte uns, dass sie es nicht für Zeitverschwendung hielt. Ich beobachtete die ältere Dame, die hinter ihrem Schreibtisch in den Prüfungsbögen blätterte. Sie hatte kurze graue Wellen, trug eine bunte Brille und eine ebenso farbenfrohe Perlenkette. Sie sprach mit tiefer Stimme, nicht laut oder schrill wie Frau Dubois, was ich als angenehm empfand. Einige böse Stimmen nannten die Direktorin wegen ihrer wallenden Kleider eine Vogelscheuche, aber ich fand, dass sie eine ruhige Würde ausstrahlte. Oder zumindest das, was ich mir darunter vorstellte, als ich den Satz in einem Buch las.
Wir mussten rechnen, ein Diktat schreiben und einen unbekannten Text vorlesen. Trotz der Aufregung schafften wir es beide mit Bravour. Während des Vorlesens hielten Liliana und ich uns an den Händen, um uns gegenseitig Mut zu machen. Dann sollten wir erzählen, was wir zuletzt gelesen hatten, und ich erzählte von dem Artikel in einem der Bildbände über eine Stadt, die in der Wüste gebaut wurde. Auf die überraschte Frage, ob das nicht etwas schwierig für mich sei, gab ich verlegen zu, dass ich nur langsam vorankomme, weil ich immer wieder meine Eltern fragen müsse, was bestimmte Wörter bedeuteten.
Am Ende lächelte uns die Direktorin an und lobte uns für unsere Arbeit. Dann wurden unsere Eltern gerufen. Die Direktorin reichte ihnen die Blätter mit der vollen Punktzahl über den Tisch und sagte: »Frau Dubois hat einen Fehler gemacht. Diese Aufgaben sind zum Teil für die dritte Klasse. Doch Ihre beiden Töchter hatten selbst damit keine Probleme. Beide haben das Klassenziel mühelos erreicht, auch wenn ich bei Ruth noch Schwächen im Schriftbild sehe.«
In diesem Moment war mir klar, dass meine Schwester und ich Frau Dubois ein Schnippchen geschlagen hatten.
Die Sommerferien lagen vor uns, unbeschwert und ohne Sorgen. Doch meine Hoffnung, dass wir Frau Monika vielleicht im neuen Schuljahr wiedersehen würden, zerschlug sich an der Klassenzimmertür. »Sie hat euch hier nicht erwartet«, flüsterte meine Mutter, als sie Liliana und mich an den finsteren Blicken der Lehrerin vorbei zu zwei Plätzen an der Fensterseite begleitete. Und lauter, sodass auch Frau Dubois es hören musste, sagte sie: »Ich hole euch später ab und dann erzählt ihr mir, wie euer Tag war.« Nun, dieser Tag und alle folgenden verliefen nach dem gleichen Muster: Frau Dubois ignorierte uns, so gut es ging. Was zumindest in den ersten Wochen eine Verbesserung darstellte.
Irgendwann sickerte durch, dass Liliana und ich eine Nachprüfung gemacht hatten, bei der es »nicht mit rechten Dingen zugegangen« sei. Dass wir zur Direktorin zitiert worden waren. Und über unsere angebliche geistige Zurückgebliebenheit. Was einige der anderen Kinder zum Anlass nahmen, uns zu mobben. »Wir spielen nicht mehr mit dir«, sagte Lilianas gute Freundin, die sie in der Tanzgruppe kennengelernt hatte. »Du bist dumm. Ich mag keine dummen Freundinnen.« So fing es an. Gruppenarbeiten mussten wir alleine machen, beim Sport wurden wir immer als Letzte in die Mannschaften gewählt. Frau Dubois lächelte immer freundlich und sagte uns, dass die anderen Kinder uns eben nicht in ihrer Gruppe haben wollten, was unsere Mitschüler mit Gekicher und Getuschel unterstrichen. Radiergummis und Bleistifte verschwanden. Unsere Bücher waren plötzlich unauffindbar. In unseren Heften fehlten die Seiten mit den Hausaufgaben, sie waren einfach herausgerissen worden. Lilianas Malblock verschwand und tauchte ein paar Tage später mit Orangensaft getränkt und verschimmelt in einem Klassenschrank wieder auf. In meinem Rucksack fand ich einen verfaulten Apfelbutzen. Gerüchte und Lästereien machten die Runde.
Meine Eltern wurden am Elternabend bei Frau Dubois vorstellig, die zunächst behauptete, von den Problemen nichts bemerkt zu haben. Als meine Eltern an ihrer Kompetenz zweifelten, wie sie denn die so offensichtliche Ausgrenzung zweier Schülerinnen nicht bemerken könne, belehrte sie sie, dass wir uns mit unseren dummen Fragen und der ewigen Besserwisserei selbst ausgeschlossen hätten. Dabei hatte sie am Ende des Schuljahres angedeutet, dass wir noch nicht versetzungsreif seien. Am Ende, als meine Eltern sich frustriert zum Gehen wandten, sagte sie, sie könne doch nicht die ganze Klasse bestrafen, sie seien doch alle gegen uns. Schließlich könne man nicht ständig Ausnahmen für zwei so besondere Kinder machen. Das besondere betonte sie, indem sie mit übertriebener Geste Anführungszeichen in die Luft malte.
Als wir das Klassenzimmer verließen, senkten wir unsere Köpfe. Liliana liefen Tränen über die Wangen. Unsicher, was ich tun sollte, nahm ich ihre Hand und wischte ihr mit dem Ärmel der anderen einmal quer über das Gesicht.
»Das lassen wir uns nicht gefallen«, sagte meine Mutter mit grimmiger Entschlossenheit zu meinem Vater.
»Ganz sicher nicht«, antwortete er trocken und reichte mir eine Packung Taschentücher. »Ruth, nimm lieber ein Taschentuch. Dein Ärmel ist kein Lappen und Lili kein Küchentisch.« Dieser Satz brachte uns dann doch alle zum Lachen.
