Amerigo Jones - Vincent O. Carter - E-Book

Amerigo Jones E-Book

Vincent O. Carter

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Beschreibung

Amerigo Jones liebt seine Eltern Rutherford und Viola, die selbst noch Teenager sind, als er zur Welt kommt, und er ist ein grosser Träumer. Doch viele seiner Träume werden ein Leben lang unerfüllt bleiben, nicht wegen seiner Person, sondern wegen seiner Hautfarbe. «Amerigo Jones» ist die Geschichte einer Kindheit und Jugend im Kansas City der 1920er- und 1930er-Jahre, das einerseits als Zentrum des Jazz von einer lebendigen Musikszene, andererseits von Rassentrennung geprägt war. Im Mittelpunkt stehen Amerigos Schilderungen der urbanen Welt, in der er selbst seinen Weg finden muss. Vincent O. Carter hat einen unvergesslichen und musikalischen Roman geschrieben über die Geschichte Schwarzer Menschen in Amerika, über den Kampf für Gleichberechtigung und über ein starkes Gefühl von Familie und Gemeinschaft.

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Seitenzahl: 1125

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Amerigo Jones liebt seine Eltern Rutherford und Viola, die selbst noch Teenager sind, als er zur Welt kommt, und er ist ein großer Träumer. Doch viele seiner Träume werden ein Leben lang unerfüllt bleiben, nicht wegen seiner Person, sondern wegen seiner Hautfarbe.

«Amerigo Jones» ist die Geschichte einer Kindheit und Jugend im Kansas City der 1920er- und 1930er-Jahre, das einerseits als Zentrum des Jazz von einer lebendigen Musikszene, andererseits von Rassentrennung geprägt war. Im Mittelpunkt stehen Amerigos Schilderungen der urbanen Welt, in der er selbst seinen Weg finden muss.

Vincent O. Carter hat einen unvergesslichen und musikalischen Roman geschrieben über die Geschichte Schwarzer Menschen in Amerika, über den Kampf für Gleichberechtigung und über ein starkes Gefühl von Familie und Gemeinschaft.

Foto Staatsarchiv des Kantons Bern,

FN

Baumann 229

Vincent O. Carter (1924–1983) wuchs in bescheidenen Verhältnissen in Kansas City auf. 1944 wurde er in die US-Armee eingezogen und war in Frankreich stationiert. Zurück in den USA, studierte er mit Unterbrüchen, in denen er als Koch bei der Union Pacific Railroad und in Detroit in einer Automobilfabrik arbeitete. Danach kehrte er nach Europa zurück und ließ sich nach Aufenthalten in Paris, Amsterdam und München 1953 in Bern nieder, wo er Radiosendungen schrieb und moderierte, Englisch unterrichtete, malte und meditierte. «Meine weiße Stadt und ich. Das Bernbuch» erschien 2021 in deutscher Erstausgabe im Limmat Verlag.

«Amerigo Jones» erscheint erstmals auf Deutsch, übersetzt von pociao und Roberto de Hollanda.

Vincent O. Carter

Amerigo Jones

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von pociao und Roberto de Hollanda

Limmat VerlagZürich

Dieses Werk ist ein Roman. Namen, Figuren, Orte und Ereignisse sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen, Geschehnissen oder Schauplätzen ist rein zufällig.

Für Duke Ellington

Inhalt

Amerigo Jones

Rutherfords Nachbemerkung für die Leserinnen und Leser des einundzwanzigsten Jahrhunderts

Zur deutschen Erstausgabe

Übersetzerin und Übersetzer

An einem kalten Wintermorgen 1944 kurz vor dem Morgengrauen leuchteten helle Sterne am Himmel, hin und wieder von schweren Wolkenzügen verdeckt.

Der Weltkrieg, der damals die Erde verwüstete, schien zu schlafen. Doch die Soldaten in der eingezäunten Rennbahn am Rand der nordfranzösischen Stadt R. fanden keine Ruhe. Das Lager nahm mehr als zwei Drittel des Geländes ein – lange Reihen von Baracken, miteinander verbunden durch Kieswege. Sie führten von den äußeren Randbereichen bis zu einem großen Feld in der Mitte, das als Exerzierplatz diente.

Jetzt lag alles im Dunkeln. Am Ende des Platzes erhob sich ein gigantischer Betonbau über den Kasernen. Früher hatte er als Paradetribüne gedient, jetzt war er nur noch ein massiger Klotz am Ende der Rennbahn. Bänke und Böden hatte die frierende Zivilbevölkerung zu Feuerholz zerhackt. In dieser leeren Hülle schienen die Todesschreie widerzuhallen, die die Kehlen der französischen, englischen und amerikanischen Soldaten zuschnürten, die während des Weltkriegs 1914 unruhig im selben Lager geschlafen hatten.

Auch jetzt wälzten sich die Soldaten auf ihren Pritschen ruhelos hin und her, und die Wachtposten der neun Aussichtstürme an den Grenzen des Lagers spähten aufmerksam in die Dunkelheit.

Eine Glocke läutete von einem Turm in der Stadt; in der Dunkelheit flackerte ein Lichtstrahl auf. Ein heiseres Kommando erhob sich über das Stimmengewirr in dem leeren Gebäude:

«Okay, Jungs! Ihr-hattet-ein-schönes-Zuhause-aber-das-war-einmal!»

Der diensthabende Sergeant scheuchte die verschlafenen Männer von ihren Pritschen. Sie stolperten aus der Baracke und bewegten sich träge in lockerer Formation vorwärts, die Gewehre achtlos über die Schultern geworfen. Ihre schweren Stiefel knirschten auf dem gefrorenen Kies.

Nachdem sie kurz dem Hauptweg gefolgt waren, bogen sie in das offene, von Reif bedeckte Feld ein. Aus der Ferne sahen sie aus wie Gespenster, die lautlos durch eine Nebelbank stapften.

Verschlafen und zitternd vor Kälte verteilten sie sich, blieben erst bei einem, dann bei einem anderen Wachtposten stehen und murmelten den Kameraden, die sie ablösten, unverständliche Kennworte zu. Diese konnten es kaum erwarten, auf ihre warmen Pritschen zurückzukehren.

Schließlich erreichte auch der letzte Soldat seinen Posten. Er lag fünf oder zehn Meter hinter der ehemaligen Tribüne, etwas abseits vom Rest des Lagers. Dieser Bereich war von dichtem Wald umgeben, und dahinter begann die südliche Stadtgrenze.

«Roy, ich bin’s, Jones!», rief der ankommende Soldat mit jugendlich fester Stimme. Im Innern des Wachhäuschens legte Roy rasch einen Deckel auf den alten Ölkanister, in dem er sich ein Feuer gemacht hatte, und trat hinaus. «Schweinisch kalt!», fügte Jones hinzu, so mannhaft er konnte.

«Das findest du kalt, Mann?», erwiderte der andere.

Verwirrt und fröstelnd schob sich Amerigo Jones an ihm vorbei.

«Hör mal …»

«Ja?»

«… du kannst sie haben, wenn du sie willst.»

«Was?»

«Was?»

Doch da war Earle bereits in der Dunkelheit verschwunden.

Am blauschwarzen Himmel erschien jetzt kaum sichtbar ein malvenfarbener Streifen. Ein wenig irritiert betrat Amerigo das Wachhäuschen und versuchte, das Feuer gleich wieder neu zu entfachen. Er stocherte mit dem Gewehrkolben im Kanister herum und dachte, dass Earle etwas ganz anderes gesagt haben musste als das, was er gehört zu haben glaubte. Aber bei den Worten «Du kannst sie haben, wenn du sie willst» war ihm ein Stein vom Herzen gefallen. Das Wort sie löste sich auf geheimnisvolle Weise aus dem Kontext des Satzes und versetzte ihn in freudige Erregung.

Was hat das zu bedeuten?, fragte er sich und lehnte das Gewehr neben dem Kanister an die Wand. Der große Roy Earle! Er kramte in seinen Taschen nach einem Streichholz und sah, wie Roy – größer, kräftiger und auch attraktiver als er – in eng anliegenden lila Shorts und von einer begeisterten Menge angefeuert, arrogant im Ring der Turnhalle ihrer Highschool herumtänzelte. Er versuchte, sich mit dem Gedanken zu trösten, dass Roy verquollene kleine Augen hatte und eine schiefe Nase, seit man sie ihm gebrochen hatte. Doch dann hörte er wieder, wie seine Mutter sagte, er, Amerigo, müsse die Schönheit in seinem Inneren suchen, weil aus ihm nie ein Filmstar würde. Erinnerungen an sein Zuhause und die Highschool schossen ihm durch den Kopf, bis er nach und nach im warmen Gefühl des Frühlings versank.

Eines besonderen Frühlings, fand er, während die unausweichliche Bedeutung an die Oberfläche seiner Erregung stieg. Eine überschwängliche Freude packte ihn, und er versuchte herauszufinden, woher sie kam. Dann erinnerte er sich vage, dass sie irgendwie aufgekommen war, als er das Wort sie bewusst von dem abstrahiert hatte, was Roy noch gesagt hatte.

Er fand es auch nicht seltsam, dass sich jetzt herbstliche Farben über die Frühlingsgefühle senkten, denn seine Gedanken stolperten so schnell weiter, dass das unbekannte Gesicht, das sich hinter dem sie verbarg, in einem Schwall von Worten aufschien, der sein Bewusstsein überflutete und ihn mit einer süßen, wehmütigen Traurigkeit erfüllte.

Die rosige Glut des Feuers erlosch. Sie.

Das Feuer ist ausgegangen, dachte er und schämte sich, weil er keine Verbindung zwischen dem Wort und dem Feuer sah. Warum hätte es auch eine geben sollen? Sein Blick wanderte zu dem quadratischen kleinen Fenster des Wachhäuschens. Ein schwaches, sehr schwaches blaues Licht fiel durch die schmutzige Scheibe. Sie war mit getrockneten Regentropfen gesprenkelt, und an den Rändern hatten sich Eiskrusten gebildet.

Er zündete ein Streichholz an. Im Schein der gelben Flamme tanzte sein Schatten über die Wand und löste sich da, wo die Decke auf die Wand traf, in drei groteske Teile auf. Der rostige Kanister mit der toten Asche schien sich zu drehen und mit seinem tanzenden Schatten zu verschmelzen. Der Boden war mit Abfällen bedeckt. Ein vertrocknetes Gummi lag verschrumpelt in der heißen Asche, die aus dem unteren Spundloch des Kanisters gerieselt war. Er drückte es mit der Schuhspitze in die Erde und entdeckte hinter dem Kanister ein ölverschmiertes Stück Papier. Er bückte sich danach. Das Streichholz ging aus. Er zündete ein weiteres an und beugte sich erneut vor, aber bevor er unter der Schmutzschicht den Namen der Zeitung entziffern konnte, erlosch die Flamme schon wieder. Er zündete ein neues Streichholz an.

Die Voice! Verdammt! Er rieb sich die Hand, um den stechenden Schmerz an der Daumenspitze zu lindern. Nervös zündete er noch ein Streichholz an, und da sah er, dass er einen Teil der Gesellschaftsseite in der Hand hielt. Sein Blick fiel auf das Gesicht einer jungen Frau in der Mitte der zerrissenen Seite, halb verdeckt von einem schlammigen Stiefelabdruck, sodass kaum mehr als Augen, Nase und ein Mundwinkel zu erkennen waren. Sie schien zu lächeln.

Das ist sie!, flüsterte er aufgeregt. Und die Luft, mit der seine Lungen das Wort sie ausstießen, blies das Licht aus. Fieberhaft zündete er ein weiteres Streichholz an, war aber so fahrig, dass er nur mit Mühe lesen konnte.

Halt! Gerade als er anfangen wollte, wurde er sich des rauschenden Windes bewusst. Er peitschte durch die erstarrten Bäume des umliegenden Waldes und schleuderte unsichtbare Äste zu Boden. Er hallte durch das leere Gebäude, das sich über dem Wachhäuschen erhob, und vermischte sich mit den flüsternden Farben der Morgendämmerung. So unheimlich war es, dass Amerigo beinahe glaubte, eine Horde von Dämonen habe sich in die Worte eingeschlichen, als er las:

«Mr und Mrs Elijah Thornton, wohnhaft in dieser Stadt, geben die Hochzeit ihrer einzigen Tochter, Miss Cosima Thornton, mit …»

Ein dicker Strich verdeckte die Identität des unbekannten Mannes und verwandelte das Rechteck mit seinem Foto in ein Dreieck. Das Streichholz ging aus. Sekunden später spürte er, wie die Kälte durch das quadratische blaue Fenster ins Zimmer kroch. Er zitterte, als könnte er so den Schock abschütteln, der ihn getroffen hatte, als aus dem Schatten des «sie» Cosimas entstelltes und besudeltes Gesicht aufgetaucht war.

Ein Zeichen!, dachte er. Doch dann – das ist doch verrückt! Trotzdem. Irgendwas muss es doch bedeuten! Sie … wir …

Die Kälte kroch an seinem Rückgrat hoch.

Ich muss ein Feuer machen. Mit schlechtem Gewissen dachte er an die Gesellschaftsseite der Voice. Ist doch bloß ein Stück Papier, sagte er sich. Und plötzlich warf eine gewissenlose Hand sie in die heiße Asche, während die andere ein Messer aus der Tasche zog und ein paar Holzspäne von einem der dicken Holzbalken in der Wand des Wachhäuschens schälte. Schuldbewusst zündete er das Papier an und sah zu, wie es aufloderte und das schlafende Feuer die Flamme am Leben hielt.

«Verzeih mir, Cosima!» Draußen vor dem Wachhäuschen ächzten die vereisten Zweige im Wind.

Fühlt sich seltsam an nach all der Zeit. Zuerst hab ich sie gar nicht erkannt. Und jetzt verbrennt sie in dem verdammten Kanister. Ist nicht Roys Schuld. Doch wessen dann? Was, wenn es keinen Krieg gegeben hätte? Ja, wenn …

Er schabte noch mehr Späne von dem Kantholz, und das Feuer wurde heller.

Wahrscheinlich sitzt sie am Kamin, dachte er. Frühstückt an einem kalten Wintermorgen wie diesem mit Mr WiewarnochseinName? Bei Orangensaft und Toast! Sie schlägt die knisternden, sauberen Seiten der Voice auf und liest unter dem Foto eines ernsten jungen Schwarzen mit Augen, die bis in die Tiefen ihrer Seele blicken:

«Amerigo Jones, einziger Sohn von Mr und Mrs Rutherford Jones, wohnhaft in dieser Stadt, gefallen als Held im …»

Während er noch über sein Heldentum nachdachte, hörte er, wie ihr Herz in der schmerzlichen Leere aufrichtiger Reue pochte. Ergriffen von einem starken Mitgefühl, das ihn für all das Leid entlohnte, das sie ihm zugefügt hatte, streckte er ihr in einer Geste der Vergebung über den kalten blauen Himmel und die stürmischen Weiten des Atlantiks hinweg seine kleine schwarze Hand entgegen! Sie vergoss eine reumütige Träne darauf und streichelte sie andächtig. Dermaßen von Liebe gesegnet, explodierte sein gequälter Körper in schillernde Fäden reinsten Lichts.

«Ich werde dich immer lieben», flüsterte er.

Draußen vor der Hütte knackte ein brechender Zweig. Er hielt den Atem an. In den Büschen regte sich etwas, zögerte und bewegte sich erneut. Vorsichtig griff er nach dem Gewehr, entsicherte es leise und schob die Tür mit dem Fuß auf.

Vor ihm stand eine Frau.

Der malvenfarbene Himmel leuchtete mittlerweile noch intensiver und hob ihr blondes Haar hervor. Der Feuerschein fing ihr blasses, ovales Gesicht ein, der untere Teil ihres Körpers aber blieb im Dunkeln.

Wortlos ging sie an der Mündung seines Gewehrs und an seinem verblüfften Gesichtsausdruck vorbei und blieb zitternd in der gegenüberliegenden Ecke des Wachhäuschens stehen.

Ein Mädchen! Höchstens sechzehn.

Verwirrt und auch ein wenig verlegen angesichts ihres durchdringenden Blicks lehnte er das Gewehr an die Wand. Ihr Haar sah aus, als wäre es lange nicht mehr gekämmt worden, und ihre Augen leuchteten tiefblau.

Sie stand ganz ruhig da – das Zittern verschwand, als das Feuer im Wachhäuschen die Kälte nach und nach aus ihrem Körper vertrieb –, sodass seine offen erstaunten Augen die violetten Ringe um ihre Augen erkunden konnten. Über der schmalen Oberlippe zog sich ein Streifen von goldenem Flaum entlang; die Unterlippe war leicht herabgezogen, mehr aus einer Art animalischer Härte heraus als aus Angst vor ihm. Sie ist sicher weder beschämt noch stolz. Nur hier: am Posten Nr. 9, 1944, zwanzigstes Jahrhundert. Ihr lächerlicher GI-Mantel reichte ihr fast bis zu den Knöcheln, und es fehlten alle Knöpfe bis auf einen, der fest geschlossen war. Was er von ihren Beinen sehen konnte, endete in Kampfstiefeln.

Sein ganzes Bewusstsein wurde von der flammenden Aufmerksamkeit ihrer Augen aufgesaugt, sie schienen alle wahrnehmbaren Welten zwischen ihnen zu verschlingen.

Der Wind wurde stärker, klang wie ein schmerzvolles Stöhnen.

Er warf einen schuldbewussten Blick auf das Feuer. Bloß ein schmutziger Papierfetzen!, sagte er sich. Aber jetzt Teil der Flamme.

Er schaute der Frau ins Gesicht, als wollte er nicht wahrhaben, dass die Flammen es in sanftes Licht tauchten.

Du kannst sie haben, wenn du sie willst. Impulsiv stocherte er mit der Klinge seines Messers in der heißen Asche. Dann zog er, ohne zu wissen, was er tat, eine Essensration aus seinem Tornister und gab ihr etwas davon ab. Sie nahm es und aß wortlos.

Das hat sie schon oft getan, dachte er, kippte etwas Kaffee in seine Tasse und reichte sie ihr, während er selbst aus der Feldflasche trank. Als er fertig war, schulterte er sein Gewehr und ging nach draußen, Feuerholz holen. Vielleicht geht sie weg, dachte er. Aber als er kurz darauf mit ein paar gefrorenen Zweigen zurückkehrte, stand sie genau wie zuvor in der Ecke. Er warf etwas Holz ins Feuer und ging dann vor ihr in die Hocke.

«Jetzt», sagte sie.

Durch das zerlumpte dünne Kleid hindurch, das entweder blau oder grün und am Hals mit einer Nadel verschlossen war, konnte er ihren Körper sehen. Ihre Unterwäsche, möglicherweise die olivgrauen Shorts eines Kameraden, war durch eine geplatzte Naht zu erahnen. Um den oberen Teil der Stiefel knüllten sich Armeesocken.

«Ich werde dich immer lieben!», hörte er sich sagen, und plötzlich packte ihn eine kalte Angst. Der Wind wurde stärker, und in seinem Gefolge schien eine Prozession grotesker Gestalten im Licht ihrer starren Augen einen obszönen Tanz aufzuführen. Er schwankte unter einem Schwall von Ereignissen, die kaum wahrnehmbar und unterschiedlich deutlich in seinem Blickfeld auftauchten und alle bisherigen Vorstellungen von sich zur Schau stellten.

So hätte es nicht sein dürfen!, dachte er verzweifelt.

Er versuchte, sich an Cosimas Gesicht zu erinnern. Doch dann musste er wieder die Frau ansehen, als erwartete er halbwegs, dass sie tatsächlich Cosima war. Vorsichtig hob er den Blick bis zu den Stiefeln. Dann ließ er ihn rasch über ihren Körper und ihr Gesicht schweifen und schaute ihr in die Augen.

«Jetzt?»

Warte noch!, rief er sich zu, denn mit einem Mal kam es ihm vor, als veränderten sich die Gesichtszüge der Frau vor seinen Augen. Er stocherte im Feuer. Die Flamme wurde heller.

«Cosima?»

Ein Ast fiel laut krachend zu Boden. Mit offenem Mund sah er, wie die Augenfarbe der Frau von Blau zu Braun wechselte, das Haar von Blond zu Hellbraun.

Ist das möglich? … Er überließ sich dem blendenden Eindruck der heißen Frühlingsfarben. Was, wenn ich es nicht aufhalten kann?

Die Haut der Frau wurde dunkler. Die Nasenwurzel breiter, die Wangenknochen wölbten sich leicht unter den Augen, die jetzt größer wurden, die Wimpern länger, was ihnen einen unwirklich träumerischen Ausdruck verlieh. Ihre Lippen wirkten voller in einem Gesicht, das sich nun radikal von dem des Mädchens unterschied, das eben noch dort gestanden hatte.

Es hat keinen Zweck, dachte er traurig, aber nicht ohne ein klammheimliches Gefühl von Lust, während er sich entspannte und seinen Fantasien freien Lauf ließ. Das kann nicht alles nur Einbildung sein. Aber … aber wie soll es Cosima sein? Seine Augen kämpften darum, die nackte Haut unter dem fadenscheinigen Mieder ihres Kleides zu ignorieren.

Und nun sah er, dass ihr Körper noch kleiner geworden war! Kein Zweifel!, dachte er und ließ sich entrückt vom Anblick und den Gedanken an sie mitreißen. Ihr geschmeidiger Körper huschte über den Horizont seiner schönsten Erinnerungen.

Frühling 41. Die Turnhalle … North High. Die untergehende Sonne fiel durch die drei großen Fenster.

Musik um vier. Chester Higgens am Schlagzeug und Daisy Logan am Klavier. Die Gesichter drängten sich vor der Bühne und hörten Tommy Wright aus Jay McShanns lokaler Band an der Trompete.

Er tanzte mit Cosima! Spähte vorsichtig über ihre Schulter hinweg auf eine Seite ihres Gesichts, auf die weiche Haarsträhne, die sich im Sonnenlicht verfing: in der Drehung, am Rand der Menge.

Zum Blues. Nervös auf Ballen und Zehen schlurfend. Einmal, kurz vor der Drehung, schlang er den Arm um ihre Hüfte, die Ferse kreiste auf der Stelle, ihr Körper schmiegte sich an den seinen, die Gesichter zwangsläufig getrennt und doch angezogen von der Faszination unaussprechlichen Glücks!

Gefangen im Schwung der Bewegung, sein Schenkel zwischen den ihren, drehte sich seine Ferse wie die Achse der Welt, blähte sich ihr weiter Rock wie ein Segel!

Betäubt! Berauscht! Mitten auf der Tanzfläche, umgeben von tosendem Beifall, stampfenden Füßen und begeisterten Schreien.

Cosima?

Verloren? Verloren! Im Kielwasser des flatternden gelben Rocks, auf der Flucht durch ein Meer sonnenbeschienenen Rauschens!…

Von einem Turm in der Stadt läutete die Glocke. Die Stimmen im leeren Gebäude schwollen zu einem gewaltigen Flüstern an.

Cosima ist nicht da! Cosima ist nicht da! Cosima ist nicht da …

In seinem Kopf pochte ein dumpfer Schmerz.

Cosima!

Cosima ist nicht da!

«Das ist doch bloß eine Vorstellung», rief er wütend. «Sie kommt aus mir!»

Er musterte das Gesicht der Frau.

Sie lächelt. Warum lächelt sie? Wie klein ihr Mund ist! Und dann dachte er vielsagend: Sie hat schon immer so ausgesehen, wenn sie … Ihre Nase ist – ist wie meine! Er schloss die Augen und sah, wie sich ihr glattes, schwarzes Gesicht beim Sprechen belebte.

Mom?

Er schlug die Augen auf und sah die Frau mit seinem Gesicht auf dem Boden liegen. Sie stützte sich auf einen Ellbogen und zog das linke Bein an die Brust. Er schaute ihr flehend in die Augen.

Und jetzt spürte er, wie sich ihr warmes Fleisch zärtlich um seinen nackten Körper schmiegte. Seine Fäustchen klammerten sich an ihre Brust. Er schloss die Augen und saugte, hungrig, inbrünstig.

Bumm! Eine tiefe Bassstimme dröhnte in seinen Ohren: «Ein großer Junge wie du, und hängt noch immer an den Titten seiner Momma!»

Er blickte auf und sah, wie sich die Brust der Frau zwischen seinen Augen und dem bärtigen Gesicht eines Mannes wölbte. Er schämte sich zu Tode.

«Ist nicht meine Schuld!», rief Amerigo und ärgerte sich über seinen eigenen Anblick: ein kleines Kind, das hilflos herumzappelte. Gleichzeitig wurde sein Schamgefühl von einem unwiderstehlichen Verlangen verstärkt, die Frau zu umarmen und Schutz zwischen ihren gespreizten Beinen zu suchen. Aus dem Verlangen erwuchs eine starke Sehnsucht, wie ein tief empfundenes Heimweh. Unterdessen wurde sein Körper immer kleiner, als suchte er Zuflucht vor dem bedrohlichen Gesicht.

«Das ist unmöglich!», rief er und bemerkte, dass seine Stimme nur einen kleinen, runden, kaum hörbaren Ton hervorbrachte. «Nein!» Doch sein Körper schrumpfte und schrumpfte. Er drang in den der Frau ein. Er ließ zu, dass seine Gedanken zum Rhythmus unzähliger schlagender Herzen in der sintflutartigen Schwärze versanken. Sie waren so laut, dass er selbst auf ein rein amorphes Bewusstsein seines Ichs reduziert wurde, das durch uralte Welten aus Haut und Knochen trieb, verstreut zwischen Canyons eingestürzter Berge und ausgetrockneter Meere, gefangen im grellen Licht eines rotierenden Regenbogens, im Strudel einer unwiderstehlichen Kraft.

In der Ferne läutete eine Glocke.

Wie gebannt sah er in die Augen der Frau. Er sah die Nacht. Ein Junge und ein Mädchen tauchten auf. Verstohlen kletterten sie auf den Gipfel eines hohen Hügels, der mit wildem blauem Gras bedeckt war, und verschwanden hinter einer Gruppe von Büschen, deren mächtige Triebe über ihnen aufragten.

Regen und die Füße vieler Generationen hatten tiefe Furchen in den Kamm des Hügels gegraben, sodass sich der geheime Ort, an dem es zur Sache ging und der jetzt hinter einer kleinen Anhöhe, einem Busch oder einem Dickicht aus verworrenem Gestrüpp versteckt war, genau hier befinden musste: Bumm! Der Samen versank in den Wurzeln schlagenden Tiefen der noch kühlen Dunkelheit. Es war der erste Tag des neunten Monats im Jahr ’23. In einer sternenklaren Juninacht, als der Duft von Ahorn und Kiefer, Wildrose und Flieder die Luft erfüllte … erblickte er den Tag: Bumm! Und der langsame, rhythmische Schmerz hallte im Unterleib des Mädchens wider.

Die Augen der Frau ruhten auf dem hübschen Gesicht des kleinen Jungen. Er knirschte mit den Zähnen und biss sich auf die Unterlippe, bis sie blutete. Dad? Amerigo sah das Gesicht seines Vaters; er spürte, wie er sich dem Rand der Zeit näherte, mehr und mehr in Hörweite der unvermeidlichen Frage kam. Rutherford rang die Hände und murmelte vor sich hin:

«Mit so was hab ich nich gerechnet! Was soll ich mit nem Baby? Das war ne Falle! Ihr Wort gegen meins!»

«Ti hi hi!» Eine fremde Frauenstimme, aber kein Gesicht.

«Schwarzes Flittchen!» Eine andere Frauenstimme. Sie war ihm vertraut, aber er konnte sie nicht einordnen.

«Rumtreiber!» Ein Mann.

«… du – ein Vater!» Die Stimme einer älteren Frau, die er meinte schon oft gehört zu haben. «Aber Junge, du bist doch selbst nochn Kind! Außerdem, woher willste wissen, dasses deins is?»

Bumm!

Violas gellendes Kreischen, gefolgt von einem kräftigen Schrei. Rutherford musterte das Gesicht des winzigen schwarzen Babys in Violas Armen, das sich nun in den Augen der Frau spiegelte. Es hatte die Augen fest geschlossen, die dicken Händchen zu Fäusten geballt und strampelte, als würde es durch einen leeren Raum fallen. Amerigo fand, dass es ihm ähnlich sah.

«Hat überhaupt keine Ähnlichkeit mit mir!», sagte Rutherford vorwurfsvoll.

«Er ist noch zu klein, um das erkennen zu können», entgegnete Viola. Ihre Augen waren klar und hell von der Erinnerung an den Schmerz, die Lippen trocken und aufgesprungen. «Irgendwas in mir ist am Ende», flüsterte sie, « … aus und vorbei. Nicht mehr zu ändern. Es geht nicht bloß drum, da oben auf dem Hügel zu liegen, wo er mir das Rückgrat gegen den Hang presst. Das war schon was, ja. Aber das hier ist was andres! Das musste ich mir verdienen! Musste ich erkämpfen, ganz allein!» Sie sah Rutherford ins Gesicht und las Angst und Zweifel darin. Dann wandte sie sich Amerigo zu und flüsterte bitter: «Adam soll so viele Brüder haben wie der Ozean Zähne!»

«Am Ende lassen sie dich hängen!» Die heisere, schwindsüchtige Stimme einer Frau, die nicht mehr jung, aber auch noch nicht alt war. «Sie wollen immer bloß das eine. Und kaum isses vorbei und sie ham dirs Herz gebrochen, machen sie sich davon. Mistkerle!»

Jetzt tauchte auch das Gesicht der Frau auf. Sie klang krank oder betrunken und verfluchte mit zärtlichen Worten einen Mann. «Dein Poppa! Dein Poppa seine Augen warn heller wie die Hölle! Besonders wenn sie die Würfel un Karten am Spieltisch sahn. Sei mir gnädig, o Herr! Rex … Rex! So hieß mein süßer Teufel. Er war gefährlich! Wie die Sünde. Hat sich mit allen Glücksspielen ausgekannt, von wo du je gehört hast. Un wenn sie ihm ausgingen, hat er welche erfunden! Er hätte noch auf die Länge des Messers gewettet, das ihn abmurkst, wenn der andre lang genug gewartet hätte!

Zweinvierzig war er, wo wir uns begegnet sind. Darlin’ Sarah, so hat mich mein Vater genannt, er hieß Jethro. Im Frühjahr war ich grad mal siebzehn geworden. Das war das Jahr, wo ich den Spieltisch geheiratet hab.

Un zwischen den Spielen kamen die Babys. Zuerst Oriece. Der Herr hat ihn mir genommen, da war er nich mal anderthalb. Aber er hats wiedergutgemacht un mir Ruben geschenkt! Un danach Viola, die Kleine.

Wo sie nich älter war wie zehn, gabs nen langen kalten Winter. Das Glück von ihrm Daddy war so zäh wie der Winter kalt. Einmal blieb er volle drei Tage weg. Dann wurden aus drei Tagen drei Wochen! Danach hab ich ihn nich mehr wiedergesehn …»

«Deine Grandma», sagte eine neue Stimme, die einer Frau. «Deine Grandma hat sich die Augen ausgeweint, es tat ihr nich gut, sich zu sorgen, wie sie durch die Nacht kommen sollte. Wies Rex beim Glücksspiel ergangen war, ob er sauer war oder gut gelaunt, wenn er dann endlich nach Hause kam.»

«Ne süße Nacht war tausend saure wert!», sagte Grandma Sarah.

«Yeah, Darlin’, aber eines Tages is er dann nich mehr wiedergekommen.»

«Nich mehr wiedergekommen …», flüsterte Grandma. «Komm her, sachte der Teufel. Ich hörs un hörs immer wieder, wies erste Mal, wo ers gesacht hat.»

«Das is doch bloß dummes Geschwätz im Suff, Sarah. Wenn du nich aufpasst, bringt es dich noch um. Wenn nich das, Schätzchen, dann die Schwindsucht! Is wohl schon so weit», setzte die Frau traurig hinzu. «Später hat Ruben die Familie unterstützt. Vi war elf. Er hatte dasselbe Gesicht wie seine Momma – klein un rund, spitzes Kinn. Wenn ers ernst meinte, hat er den Kopf auf die Seite gelegt, genau wie sie.»

Jetzt tauchte das Gesicht eines jungen Mannes auf, das dem seiner Mutter und auch seinem eigenen ähnelte.

«Sicher», fuhr die Frau fort, «sein Haar war auch kringelig, aber nicht so wie das von Sarah. Krauskopp! Das hat sie zu ihm gesagt, wenn sie ihn ärgern wollte. Da hat er gelacht un ausgesehen wie sein Daddy. Un dann war für Sarah der Abend gelaufen!»

«Viola war ei-fer-süch-tig!», rief Rutherford.

«Ja, ich gebs zu», gestand Viola, «aber ich habs ihm nie übel genommen! Ich hab ihn auch geliebt! War nicht meine Schuld, dass mein Vater starb, wo ich noch so klein war.»

«Starb?»

«Wegging.»

Aus dem leeren Gebäude kam leises, lebhaftes Murmeln, als mehrere nicht identifizierbare Stimmen gleichzeitig zu sprechen begannen.

«Ruben sein Lachen war ne Million Dollar wert.»

«Er war einfach süß!»

«Un tanzen konnte er!»

«Aber dieses hübsche schwarze Kerlchen war einfach zu früh auf die Welt gekommen!»

«Uncle Ruben konnte tanzen, mein Junge!», hörte er seine Mutter über all die Stimmen hinweg sagen und fragte sich, wie oft er das schon gehört hatte, vor allem, wenn er den Breakstep nicht hinbekam, den sie ihm unbedingt beibringen wollte!

«Mein Daddy hatte Hände wien Teufel, hat Momma immer gesagt. Mein Bruder Füße wien Engel, un du … du hast Füße wie Klötze!»

Sie brach in schallendes Gelächter aus, und Uncle Ruben führte noch mal den Breakstep vor. Dann probierte Amerigo ihn mit seiner Mutter, und sie rief: «Nein, nein, so geht das nicht!»

«Wenn er Rubens Tanzkünste pries, vergaß er sogar, dass du mehr Ähnlichkeit mit deiner Momma hast wie mit ihm!», sagte die Frauenstimme, die mit Grandma Sarah gesprochen hatte.

«Mann, der war ne Wucht!», rief Rutherford. «Un ich meine ja nich bloß tata ta-ta-ta! Ich mein, der Typ ist einfach aufgestanden un hat losgelegt! Ich kann mich noch an die Nacht erinnern, Jack, die Nacht im Black and Tan. Werds nie vergessen, s-o-l-a-n-g ich lebe. Da, wo früher der Black Angel war, gegenüber von der italienischen Bäckerei, Ecke Independence und Charlotte.

Ruben jobbte damals im Hotel, un-un an diesem Samstag hatte er Spätschicht. Er kam so gegen Mitternacht. Der Laden kochte! Die Jungs ham alles gegeben. Wahnsinn, Mann! Die Leute tranken heimlich Schnaps aus der Flasche, in der Tasche versteckt oder unterm Tisch. Fürn Viertelpint musste man damals dreieinviertel Dollar un fürs Eis sechs Cent berappen!

Bus Morton spielte, Mannomann! Ich meine, er hat sie umgehaun! Die Jungs hatten was drauf! Bus war am Klavier, un – wie hieß nochmal der Winzling, ders Kornett gespielt hat, Babe?», fragte er und sah Viola an.

«Knuckles.»

«Yeah, stimmt. Sie haben ihn Knuckles genannt, Amerigo, weil seine Hände so g-r-o-ß warn! Wie der mit diesen Pranken Kornett spielen konnte, ist mir ein Rätsel. Aber blasen konnte er! Die hatten alle mächtig was drauf, un gut aussehen taten sie auch, mit ihrn feinen Klamotten un der vielen Knete. Die Jungs hatten K-l-a-s-s-e, Jackson!

Deine Momma trug das schärfste Kleid von allen. Silbern, mit einem tiefen Ausschnitt. Fiel grade von den Schultern runter bis genau an die Knie, mit feinen Fransen am Saum. Un dazu die Strassschuhe, die sie im Schrank aufbewahrt. Junge, als diese schwarze Frau mit diesem Kleid nach Hause kam, hätte ich sie glatt umbringen können! Sie war schon i-m-mer so, sogar, wie sie noch klein war. Immer bloß das Beste vom Besten für sie! Zu zweit haben wir sechs Monate gebraucht, ums abzuzahlen. Das hieß Tag un Nacht schuften. Kein Witz, stimmt’s, Babe?

Aber sie war auch wirklich umwerfend! Niemand konnte sie toppen. Deine Momma sah aus wien Model!»

Rutherfords Stimme wurde nachdenklich.

«Un ich in meim grauen Sakko, Jack!» Er grinste vergnügt. «Ich konnts nich fassen! Ich weiß nich mehr, was ich für den Anzug blechen musste. Halt! Sexton hat ihn mir gekauft. Ja. Er hatte i-m-mer ein dickes Bündel Geld dabei. Unvorstellbar dick! Mein erster maßgeschneiderter Anzug. Passgenau, Jack! Mit weißen Florsheim-Schuhen un einem dunkelblauen Slips. Aus Seide! Mit nem festen Knoten genau in der Mitte vom Kragen. Un direkt drunter Sextons Diamantennadel. Die glänzte so hell, dass sogar die Sonne geblendet war!»

Wie üblich hielt er inne, um diesen Glanz in vollen Zügen zu genießen.

«Ich un deine Momma haben den Camel Walk getanzt, un du hast zu Hause geschlafen.»

«Du bist immer sofort weg gewesen», sagte Viola, «un hast auch die ganze Nacht durchgeschlafen!»

«Ruben kam so gegen Mitternacht», sagte Rutherford. «Hat ausgesehn wie einer von den piekfeinen Pinkeln aus Chicago oder New York oder was weiß ich, mit nem Lächeln, das alle umgehauen hat! Was sagt man dazu!, rief einer von den Niggahs, un a-l-l-e kuckten hin! ‹Das is Ruben!›, sagten sie. Stimmt’s, Babe?»

Viola grinste stolz.

«Er hats kaum zu uns an Tisch geschafft vor lauter Lächeln un Händeschütteln! Als wär er der Präsident oder was! Rachel hing an seinem Arm un hat sich aufgeplustert wie sonst was.»

«Rachel!», rief Viola verächtlich.

«Aber gut ausgesehn hat sie!»

«Pah!», sagte Viola.

«Rachel hat nix getaugt, Amerigo», sagte Rutherford. «Sie war keine gute Frau. Faul un nutzlos. Hat dem Ruben sein Geld schneller ausgegeben, wie ers verdienen konnte. Un obendrein g-e-t-r-u-n-k-e-n! Trinken konnte sie wien Kerl. Sie war schlimm! Keiner konnte sie ausstehn.»

Nur Uncle Ruben, dachte Amerigo.

«Aber sie war ne hübsche Frau, Amerigo, eine der hübschesten, wo ich je gesehn hab, egal ob schwarz oder weiß! Stimmts, Babe?»

«Rachel!» Viola spuckte den Namen im selben Ton aus, mit dem sie vielleicht Hure gesagt hätte.

Das ist das, was sie in Wirklichkeit meint, dachte Amerigo. Aber sie kann es nicht laut sagen, wegen mir.

«Egal», sagte Rutherford, «er hat ihr den Stuhl zurechtgerückt un alles. Ruben war ein Gentleman! Un noch eh er sich hinsetzen kann, rufen die Jungs: ‹Tanz, Ruben! Tanz! Machn Buck-an’-Wing! Mach sie mit dem Softshoe alle! Eagle Rock, Baby!›

Der Kerl am Schlagzeug fängt auf der kleinen Trommel leise an zu wirbeln. Wird lauter. Alle drehen durch, als er aufs Becken schlägt! Dann legt er einen Trommelwirbel hin, nur mit den Fingern. Federleicht! Alles ist still un wartet, was Ruben macht.

Ruben, dein Onkel – wirklich schade, dass du ihn nich richtig gekannt hast, er mochte dich sehr, was, Babe? Nun, Uncle Ruben ist hoch auf die Bühne un stellt sich vor all die Jungs! Diskret, Jack! Das hab ich immer an Ruben gemocht. Cool! Wien A-a-aristokrat! Dem ist nie was zu Kopf gestiegen, so wie Rachel. Tja, er ist also rauf auf die Bühne. Un dieser Baby Love – miesester Drummer aller Zeiten – fängt an, Ruben zu reizen!

Ruben legt nen Softshoe hin, mit nem leichten Rhythmus, c-o-o-l wie sonst was! Mannomann! Stimmts, Babe?» Er sah Viola an, um Bestätigung heischend. «Als würde er in der Luft tanzen!

Baby Love kommt am Becken in Fahrt, Rubens Füße immer im Blick, un der Bass klinkt sich locker ein: a-Bumm-bumm-bumm-bumm.

Ruben reagiert auf den Niggah un setzt noch eins drauf. Dann wechselt er den Beat, bevor der andre richtig loslegen kann. Aber Baby Love klebt an ihm, Jack! Wie das Weiß am Reis! Dieser Baby Love ist k-n-a-l-l-hart! Verstehst du? Im Laden ists so still, dass man ne Ratte hätte pissen hören können.»

«Rutherford Jones!», rief Viola.

«Un dann, wie gings weiter, Dad?»

«Dann!», sagte Rutherford und sah ihn überrascht an, als hätte er Mitleid mit ihm, weil er nicht dabei gewesen war. «Dann, mein Junge, macht Ruben die Augen zu. So.» Rutherford schloss die Augen wie Uncle Ruben, sodass die seidigen, langen Wimpern an seinen Lidern die dunkle, rötlich braune Haut berührten.

Der schönste Mann auf der ganzen Welt, dachte Amerigo.

«Genau so», sagte er, «un lässt die Arme auf die Seiten fallen. Ganz entspannt, Jack! Er tanzt. Tanzt! Eine volle Stunde lang! Un kein einziges Mal kommt derselbe Schritt zweimal vor!

Baby Love legt seine Trommelstöcke weg un kuckt Ruben zu! Die andern Kerle aus der Band haben ihre Instrumente auf den Knien liegen. Alle wippen mit dem Fuß, un unser Ruben tanzt. Yes, Sir, als ob der liebe Gott ihm die Schritte zurufen würde! Alles, was man hört, ist: Wumm! Wumm! Tututu wumm! Wumm! Wumm! Zwischen den Wumms legt Ruben jeden Tanzschritt hin, dens je gegeben hat. Un wenn sie ihm ausgehn, denkt er sich neue aus!»

Wie Bill Bojangles Robinson, dachte Amerigo. So ähnlich muss es gewesen sein.

«Bis sich Rachel mal wieder daneben benimmt», seufzte Viola.

«Yeah», sagte Rutherford mit bebender Stimme. «Lässt sich mit nem Niggah von der South Side ein … nem einäugigen Niggah. Macht sich an ihn ran, weil ern Haufen Kohle in der Tasche hat. Der betatscht sie von oben bis unten, un wie sie von ihm weg will, ist es zu spät.

Ruben sieht genau in dem Augenblick auf, wo der Kerl sie abknutscht. Da wirds ganz still in dem Schuppen, die Leute weichen ein Stück zurück. Dann stürzt sich Ruben auf den Niggah – direkt von der Bühne! G-e-s-c-h-m-e-i-d-i-g!

Eine Frau schreit: ‹Pass auf, Ruben, der Niggah hatn Messer!›

Ist aber kein Messer, sondern ne Knarre! Ne Zweiundzwanzigerautomatik. Er schießt Ruben in die Brust – aus einem Meter Entfernung. Dann fuchtelt er mit dem Ding rum un rennt zur Tür. Little John ballert noch mit seiner Fünfunvierziger hinter ihm her, aber da ist er schon weg.

Das Loch in Rubens Brust war zu klein. Es hat sich wieder geschlossen un konnte nich bluten. Wo der alte Doc Bradbury eintraf, war Ruben schon tot.

Den Niggah, ders getan hat, haben sie nie erwischt.»

«Die habens gar nicht erst versucht!», sagte Viola verbittert. «Warum auch? War ja bloß ein Niggah, der einen andern Niggah umgelegt hat.»

Es folgte eine nachdenkliche Stille, in der Amerigo zutiefst bedauerte, dass die grünen Augen und die weiche, goldene Haut seiner Tante Rachel ein Loch in Uncle Rubens Brust gerissen hatten, das zu klein war, und dass die, die sich mit solchen Leuten befassen sollten, sich kein bisschen drum geschert hatten.

«Er war einfach zu früh auf die Welt gekommen», sagte Rutherford. «Wär dieser schwarze Tänzer doch bloß weiß gewesen!» Dann verstummte er plötzlich, als hätte die Ungeheuerlichkeit seiner Spekulation ihm die Sprache verschlagen. «Yeah, un deine Momma war auch eine gute Tänzerin, Amerigo. Hat jeden Charleston-Wettbewerb in der Stadt gewonnen. Außerdem war sie berühmt für ihren scharfen Black Bottom un nen Eagle Rock, besser wie jede andre, außerdem konnte sie Buck un Tap an Toe …»

«Ich kann bloß, was Ruben mir beigebracht hat», sagte Viola. «Ich hab gern mit deinem Daddy getanzt, mit seinen langen Beinen konnte er den Camel Walk so gut! Un wenn er ein bisschen betrunken war, hatte er auch einen richtig scharfen Shimmy drauf!»

Die Stimme seiner Mutter verebbte, und der Ausdruck seines Vaters wurde ernst. Amerigo fühlte sich irgendwie unbehaglich, war aber weder überrascht noch verwundert, denn er erinnerte sich nach und nach an den Ursprung dieses Gefühls und konnte es schließlich isolieren. Er spitzte die Ohren und horchte auf das Flüstern des Windes.

Rutherford, seine fünf Schwestern und ein Bruder wohnten in der Fourth Street hinter dem alten Field House gegenüber dem Garrison Square, wo die alte Garrison School gewesen war. Gegenüber dem Schulhaus erhob sich der Clairmount Hill.

Stolz wie ein echter Berg stand er da und schaute herab auf den breiten Missouri River und die riesigen, schmutzigen Fabriken, die an seinen Ufern verstreut waren. Und auf die Maschinenhallen der Eisenbahn mit ihren weitläufigen Höfen, besudelt mit verbranntem Öl und Ruß, vollgestopft mit überschüssigen Reifen und Motorenteilen, Stapeln von verschlissenen Bremsbacken und allen möglichen Kabelrollen, Bimmeln, Trommeln, Bolzen, Ringen, Winkeln und von Rost angefressenen Kugelgelenken aus Eisen oder Stahl. Die Maschinenhallen wurden von grobschlächtigen Männern in schwarzen Lederjacken bewacht und waren von starken, verrosteten Eisenzäunen umgeben, die lange im Regen gestanden hatten.

Im Frühling, wenn Blitze in die Stämme der hohen Bäume einschlugen, Flammen hoch aufloderten und der Wind um die mächtigen Äste toste, war Clairmount Hill ein stürmischer Hügel.

Und dieser vom Sturm gebeutelte Hügel tobte nun in den Augen der sich zurücklehnenden Frau.

Dann erhob sich eine vertraute Stimme über den Wind: «Sie sind nich besser wie du!» Es klang wie die Stimme seiner Mutter, und dann wieder wie die seiner Großmutter, Darlin’ Sarah. Er glaubte, die Stimme zu kennen, und war aufgewühlt, weil kein Gesicht dazu auftauchte.

«Rutherford is in dem alten Schuppen am Fuß vom Clairmount Hill aufgewachsen», fuhr die Stimme fort. «Jedes Mal, wenns regnete, lief der Matsch vom Hang runter un hat die Straße überschwemmt. Is bis zum Haus geschwappt, wien Schlamm spuckender Vulkan! Das Haus an der Ecke, wo die Straße zu Ende war, ein Holzhaus mit drei Zimmern. Seine Momma, Veronica, seine Schwestern, Ruby, Jessy, Nadine, Edna un Helen – un er – alle zusammengepfercht wie Cracker Jacks in ner Cracker-Jacks-Packung. Klar, der schnöselige Sexton hat nich mit den andern zusammengewohnt, der hatte was weiter oben in der Avenue. Der Älteste – wenn er lang genug gelebt hätte.»

«… So nen Mann gibts nich zwei Mal!» Eine weitere vertraute Stimme, die einer Frau. Sie hatte Ähnlichkeit mit der seines Vaters. Das Gesicht konnte er nicht sehen.

«Jenfalls hat sie Sexton wirklich geliebt!», sagte Rutherford verbittert.

«Groß un stattlich! Wie sein Vater», sagte die Frau. «Haare wien weicher Federnstrauß! Kastanienbraun. Wär nich übertrieben, zu sagen, dass sein Gesicht s-c-h-ö-n war fürn Mann. Nase so grade wien Pfeil! Sah gut aus. Holla! Kein Wunder, dass die Mädchen so verrückt nach ihm warn! Ich schäm mich nich, das zuzugeben. Genau wie sein Vater!

Weißt du, wie dein Vater an mich gekommen is? Er hat mich gestohlen! Mich nachts von der Plantage geholt! Um ein Haar hätt er seinen Gaul zu Tode geritten, weil er nich anhalten wollte, bevor er drei Landesgrenzen hinter sich gebracht hatte!»

«Von was für einer Plantage hat Poppa dich gestohlen, Momma?», fragte eine seltsame, gespenstische Stimme. Eine Männerstimme. Wie jemand, der tot war.

«Geht dich nix an!», antwortete die Frau erregt.

«Hast du Schiss, es zu erzählen?»

«Ja, mein Sohn, hab ich. Du, Sexton, mein Ersgeborener – du bist in Saint Louie geboren. Genau wie deine Schwestern, Nadine unJessica – die Zwillinge. Un dann sind wir hierher in den Westen gekommen. Dein Granpa war immer unterwegs, wien Nomade. Hier sind auch Ruby, Helen un Rutherford zur Welt gekommen. Dazwischen war kein Platz. Mein Mann warn Halbblut!»

Allmählich erkannte Amerigo das neue Gesicht, das nun in den Augen der zurückgelehnten Frau erschien, es war das seiner Grandma Veronica. Sie hatte fast so helle Haut wie eine Weiße und langes, glattes dunkelbraunes Haar. Er meinte, den Schatten eines Lächelns auf ihrem Gesicht zu erkennen

«Momma hat nich viel gelächelt», sagte Rutherford, und der Ernst in seinem Gesicht wurde von Resignation gemindert, «außer man brachte sie dazu, über Will zu reden. Dann kam alles raus, was in ihr war. Sonst hat sie n-i-e-m-a-n-d geliebt! Bloß Sexton. Sie wär Will überallhin gefolgt. Un ich meine, ohne zu klagen.»

«Der warn echter Indianer!», sagte Grandma Veronica, «aber Haare hatte er wien Weißer. Un blaue Augen! Sogah nen gezwirbelten Schnurrbart. Wie Buffalo Bill. Hat weder getrunken noch geraucht noch gezockt!»

«Er hatte sieben von uns, Momma!», rief Rutherford. «Ich meine, das reicht!»

Grandma Veronicas Gesicht nahm die Farbe eines reifen Pfirsichs an. Wenn sie mit geschlossenem Mund lachte, blähten sich ihre Wangen unter den haselnussbraunen Augen auf, und ein feiner Spuckeregen ergoss sich aus ihrem Mund, während die bläulich grüne Ader, die ihre Stirn in zwei gleiche Hälften teilte, die Strenge der schmalen Nase und des spitzen Kinns aufhob. Die Haut war glatt, wie die von Cosima, und das lange, seidige, in der Mitte gescheitelte Haar auf beiden Seiten nach hinten gekämmt und zu einem weichen Knoten geschlungen.

«Momma hat nie viel von sich erzählt», fuhr Rutherford verwirrt fort. «Einklich hat sie überhaupt von kaum was gesprochen! Echte Indianerin, mehr wie alles andre. Crow, behauptet sie. Aber wie sie eine Crow sein sollte, wenn ihre Mom – sie hieß Anna – eine Sklavin war, hab ich nie verstanden. Un was war, ehe Poppa angeblich mit seim Pferd aufkreuzte, ist mir genauso schleierhaft wie dir. Aber er war ihr schwacher Punkt!»

«Hat sich sein Geld mit Gelegenheitsjobs verdient, meistens im Freien», erzählte Grandma Veronica. «Will war verdammt gern draußen. Er sah einfach lächerlich aus, wenn er im Haus eingesperrt war! Konnte wunderbar mit Kranken umgehen.»

«Old Will war ein Medizinmann!», rief Rutherford. «Ein echter Tausendsassa!»

Amerigo versuchte, sich seinen Großvater vorzustellen, doch ihm fiel nur Buffalo Bill ein.

«Egal, worums ging», sagte Grandma Veronica, «er is innen Wald un kam nachn paar Stunden zurück, mitm kleinen Hirschledersack, wo er immer bei sich hatte, voll mit Wurzeln un Kräutern. Dann isser in die Küche un hat sie gekocht. Hatn Umschlag gemacht odern Schwitzbad. Un-un … egal, was man hatte, nomaalerweise war man danach wieder gesund! Un pfeifen konnt er! Wien Vogel. Oder vorhersagen, wies Wetter wird, bloß vom Himmelankucken. Fischen? Jagen? Ha!»

«Ihre Lippen haben am Ende immer gezittert, un dann hat sie geweint, genau wie Momma», sagte Viola, «Dabei war sie blind! Schon komisch, wie blinde Augen weinen können. Vor allem ihre, weil man immer dachte, sie wäre so eine willensstarke Frau. Ich werde nie vergessen, wie wir geheiratet haben un sie …»

«Willensstark war sie allerdings!», fiel ihr Rutherford ärgerlich ins Wort. «Wie hätte sie uns sonst durchbringen können, wo Sexton nich mal neun war un ich ein Baby, konnte grad mal krabbeln, und dazwischen fünf Mädchen. Un-un Buffalo Bill hatte sich davongemacht! In die Wälder, wo er nie von wiedergekommen ist!»

«Er hats nich mehr ausgehalten, in nem Bett zu schlafen», rief Grandma Veronica.

Rutherfords Ausdruck wurde bitter; seine Augen verengten sich, und seine Stimme bebte.

«Aber wir mussten den g-a-anzen Tag im Bett bleiben, wo es wengstens warm war, wenn Momma losging, um für die Weißen zu arbeiten. Fünf Dollar die Woche fürs Kochen, Saubermachen, Wäschewaschen un Bügeln. Ich hab mit fünf auf der Straße Zeitungen verkauft un musste Momma jeden Penny abgeben.

Sie war brutal! Eine schreckliche Frau! Uff! Na los, hat sie gesagt, mach schon! Un wehe, man hat nich pariert – ich meine sofort, auf der Stelle – peng! Schon hatte man sich ne Kopfnuss eingefangen. Wehe, man hat geheult. Heulen gabs nich.»

Rutherford sah Viola mitleidheischend an, aber ihr Gesichtsausdruck war hart, fordernd. Sag es, schien er anzudeuten.

«Mein Bruder Sexton warn Zuhälter, Amerigo …»

«Was ist ein Zuhälter?»

«Er hat sich Frauen gehalten. Du weißt schon …»

«Ach …»

«Die haben gemeint, ich wär nicht gut genug für deinen Daddy», sagte Viola, «weil ich zu schwarz war un kringeliges Haar hatte.»

«Ach, Babe!»

«Aber mein Bruder war kein Zuhälter! Ihre hellbraune kleine Schwester Ruby, die zu fein war, um zu unsrer Hochzeit zu kommen, wurde tot im Bordell gefunden! Sie war ein Luder! Un obendrein schwindsüchtig. Sorry, Amerigo, aber das ist die Wahrheit. Frag deinen Daddy. Man musste sie in einem Kleid von mir begraben, weil ihre eignen Schwestern ihr keins geben wollten!

Mein Bruder hier un mein Bruder da, sagen sie, tun aber nie was für ihn, außer, ihm jeden Cent aus der Tasche zu ziehen, den sie ihm abluchsen können. Un wo soll ers Geld hernehmen? Von mir! Ich racker mich genauso ab wie er. Ich trag dazu bei, bezahle mit für jedes Möbelstück in diesem Haus un jedes Stück Brot, das wir essen! Genau wie er! Un er, Trottel, der er is, kann nicht Nein sagen! Sie schaufeln an unserm Grab, seit wir zusammen sind! Es macht sie einfach wild, zu sehen, wie gut es uns geht. Un dann wurde deine Gran’ma blind. Sie hatte drei Töchter, aber wohnen musste sie bei uns, weil keiner sie bei sich aufnehmen wollte. Es war eine Schande, wir haben sie bloßgestellt! Frag deinen Daddy!»

Alle Gesichter verschwanden, außer dem von Amerigo und seiner Mutter.

«Ich werde dich immer lieben», sagte er.

«Wirklich?»

«Warte ab! Ich werde was Großes vollbringen! Eines Tages bin ich berühmt, un dann bist du stolz. Ich werde dir ein großes Haus schenken un für alles zahlen!»

Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, tauchte das Gesicht seines Vaters neben dem seinen auf. Er flüsterte klagend in ein Ohr, seine Mutter klagend in das andere. Fetzen von unerträglich trauriger Musik hingen in der Luft. Er schloss die Augen, aber den Klang konnte er nicht ausblenden.

Wenn sie noch ein einziges Wort sagen, sterbe ich, dachte er!

«Eins musst du Momma zugutehalten, Babe.»

«Was denn?»

«Sie hat unsern Sohn immer geliebt. Sogar noch mehr wie mich!»

«Das ist wahr», sagte Viola, «weil er sie auch geliebt hat.»

Die traurige Musik verstummte, und er sah mit einem Gefühl der Erleichterung erneut Grandma Veronicas Gesicht. Es sah so aus, wie er es am besten kannte: streng, ruhig, mit haselnussbraunen Augen.

«Ich werde dich immer lieben!», flüsterte er.

«Amerigo issn Träumer», sagte sie, «so wie mein Will. Für Sexton hatte ich große Hoffnungen, aber die Weiber ham ihn umgebracht.»

«Es war der Krebs, Momma!», sagte Rutherford.

«Nenn es Krebs, wenn du willst. Wie auch immer. Er is tot. Un Ruby, meine Kleine, auch. Sie war die Hübscheste von allen. Wahrscheinlich hatte sie nie ne Chance. Ein hübsches Ding mag hübsche Dinge. Un dann is Nadine hin un hat den alten John Simpson geheiratet!»

«Ja, Momma, aber alle – sogar die Weißen! – haben ihn Mr John genannt!», sagte Rutherford bewundernd. «Yes Sir! Was fürn Mann!»

«Ein einarmiger, alter Glatzkopp!», entgegnete Grandma Veronica. «Hat ihn in nem Sägewerk verloren, heißt es, wo er grad mal neunzehn war. Mit fünfnvierzig hat er dann mein Mädchen geheiratet! Un sie war nich älter wie achtzehn. Abschaum!»

«Hat allerlei Zeugs gesammelt», sagte Rutherford. «Er hatte nen alten Gaul un einen Wagen, Amerigo, mit dem ist er die Gassen rauf un runter, hat Zeitungen, Lumpen, Kupfer un alle Arten von Töpfen un Pfannen aus Aluminium gesammelt. Ungelogen! Sanitäranlagen, alte Möbel, Bücher, Bolzen, Schrauben, Draht! Alles, was er zusammenbinden un aufm Schrottplatz verscherbeln konnte. Un s-c-h-l-a-u war er! Hat i-m-m-e-r-z-u gelesen!»

«Schlau genug, um meine Tochter einzusammeln!»

«Yeah», erwiderte Rutherford. «Kurz drauf hat er sich ein neues Pferd gekauft. Un jetzt hat ern Laster!»

«Un drei Kinder!»

«Er hat bloß eine Hand, Momma!»

«Amerigo is der Beste von euch allen. Er hat zwei Hände un is nich fünfundvierzig. Un sehn kann er auch, Gott seis gedankt! Träumt am helllichten Tag, auch wenn er nich so aussieht wien Jones!»

«Das war immer ein Rätsel für Momma», sagte Viola, «wie jemand bei Verstand sein kann, ohne wie ein Jones auszusehen. Wenn du nicht sehr hell bist, mit ein bisschen Indianerrot un nem Schuss Strohblond drin, rein zufällig, dann zählst du einfach nicht! Un auch wenn die Jones eher ein bisschen dunkel waren, so wie Nadine, wenigstens gutes oder halbwegs gutes Haar mussten sie haben!»

«In meiner Familie gibts keine Krausköppe!», sagte Grandma Veronica. «Un die Gesichter sind nomaal.»

«Everybody goes when the wagon comes!», sagte eine vertraute Stimme. Amerigo horchte auf.

«Ist doch wahr!», rief Viola.

Das Gesicht einer Frau erschien und verschmolz nach und nach mit Violas Gesicht. Amerigo empfand ein Gefühl tiefer, fast ehrfürchtiger Liebe.

Aunt Rose? Aunt Rose! Es war ihre Stimme, die mit Grandma Sarah sprach! Das ist sie, na klar! Aber anders, jünger.

Sie hatte eine sehr hohe Stirn. Gewölbt und glatt. Schlimmes Haar! Er lächelte liebevoll über den Scheitel in ihrem dichten schwarzen Haar. Er verlieh ihr etwas Mädchenhaftes. Fehlte bloß die rosa Schleife.

«Mit etwa vierzig fing sie an, ihr Haar zu färben», sagte Viola, «als die ersten weißen Strähnen kamen. Aber das ist ein Geheimnis.»

Aunt Rose ist keine Schönheit, dachte Amerigo, aber sie hat einen wunderschönen Mund. So ähnlich wie der von Momma. Deshalb wirkt ihr Kopf kleiner, als er tatsächlich ist. Auf alle Fälle klein genug. Wie ein gotischer Miniaturturm!

Beim Spielen mit ihren Gesichtszügen ließ er seiner Fantasie freien Lauf. Die Brauen schwebten über ihren Augen wie die Flügel eines Vogels am Himmel; die Augen selbst waren von unruhiger Energie beseelt und schienen jede Gefühlsregung wahrzunehmen, die an die Oberfläche ihres Bewusstseins trat. Sie waren hungrig, neugierig, traurig über das, was sie sahen – sofern sie nicht gerade lachten. Und das taten sie die meiste Zeit.

«Sie ist fett!», zischte die giftige Stimme einer jungen Frau.

«Weißte das denn nich, Schätzchen? Manches muss man auf die harte Tour lernen!», erwiderte Aunt Rose.

«Lordy!», sang sie. «Lordy look down, look down, that lonesome road, before you travel on!»

Ein Windstoß fuhr durch den Wald und zerbarst in tausend Klangfragmente, die von Aunt Rose erzählten. Neugierig spitzte Amerigo die Ohren.

«Sollte Aunt Rose je ihre Stimme verlieren, könnte sie mit den Augen trotzdem mehr sagen wie die meisten andern Leute!», meinte Viola.

«Yeah», sagte Rutherford, «un ob! Sie lobt einen immer mit Humor.»

«Tadelt!»

Ardella!, dachte Amerigo.

«Ich hätte sie nich gern zum Feind!» Eine unbekannte Stimme.

«Genau wie Ruben», sagte Rutherford, «zu früh auf die Welt gekommen. Wär diese schwarze Frau doch bloß weiß gewesen.»

«Wirklich wahr», sagte Viola. «Un sie hats auch nicht weiter gebracht als bis zur dritten Klasse. Aber wenn du ihre Handschrift siehst, würdest du glauben, sie wär auf dem College gewesen, nicht Ardella!»

«Sie ist verrückt!», erklärte Ardella.

«Die Leute sagen, Blut ist dicker wie Wasser, aber sie war wie eine Momma für mich!», gab Viola zurück. «Ich weiß nicht, was wir ohne sie gemacht hätten. Vor allem, wo wir frisch verheiratet waren, ohne einen Cent in der Tasche un ohne einen Platz, wo wir nach Mommas Tod hätten hinkönnen!»

«Klar, sie hatte ihre Schwächen, wie jeder andre auch», sagte Rutherford. «Ihr Verhängnis war Old Billy! Mit dieser Gitarre. Hätte er ihr erzählt, dass der Mond aus Japapenwurzel besteht, hätte sies glatt geglaubt!»

«Ach was, hätte sie nicht», entgegnete Viola. «Es war ihr einfach egal.»

«Ist es nich komisch, wie sie so nen Niggah lieben konnte, Babe?»

Plötzlich saß Amerigo in einem Raum voller Frauen, vor einer kleinen Bühne, auf der sich eine alte schwarze Frau über eine silberne Kugel beugte. Sie trug einen schwarzen Turban und einen Umhang, der bis zum Boden fiel. Einer der Ränder war über die Schulter geworfen, sodass man das rote Futter und ein langes weißes Gewand darunter sah. Sie trug halbmondförmige Ohrringe, und wenn sie Augen und Hände zur Decke erhob, funkelten zahlreiche Ringe mit hübschen bunten Steinen an ihren Fingern. Der Raum verdunkelte sich, und die silberne Kugel leuchtete auf wie ein Mond. Im Gegenlicht sah man das Weiß in ihren Augen und die Konturen ihrer schmalen Finger. Reglos stand sie da. Nach ein paar Minuten ging sie auf Aunt Rose zu und schaute ihr lange tief in die Augen. Dann verschränkte sie die Arme vor der Brust und sagte mit ruhiger Stimme, die kaum über ein Flüstern hinausging: «Du hättst ne große Frau werden können, Sister, wenn du nich den Mann geheiratet hättest, den du jetz hast!»

«Gott weiß, ich hab Fehler gemacht», sagte Aunt Rose mit einem schweren Seufzer, als der Raum verblasste und ihr Gesicht wieder auftauchte. «Ich hab getan, was ich konnte. Ich habn Spiegel, da kuck ich immer wieder rein. Aber ein Spiegel kann nich zeigen, was in jemand vorgeht, un scheinbar hat keiner Zeit, genauer hinzusehn. Mein ganzes Leben lang musst ich mich für andre abrackern: für Momma, bis sie starb; für Poppa, als er blind wurde, für die Weißen. Un dann auch noch Billy. Er war Soldat, un du weißt ja, wie Soldaten sind! Kavallerie! Es war die Armee, die hat ihn verdorben. Oh, ich weiß Bescheid! Ich weiß a-l-les über ihn. Er is schwach, faul, ein Versager, der mir im ganzen Leben nix gegeben hat außer Ardella un verdammt viel Ärger! Aber er war freundlich un gutmütig, hatte ein großes Herz. Un im Dunkeln gabs bloß ihn un mich. Das is meine Meinung dazu!»

«Mein Papa war Soldat», rief Uncle Billy fröhlich. Das lächelnde Gesicht eines glatzköpfigen Mannes erschien neben dem von Aunt Rose. Seine Haut hatte die Farbe von dunklem Sattelleder, und sein Gesicht war mit blauen Stoppeln, vielleicht zwei Tage alt, bedeckt. Die Augen funkelten, und die kräftigen weißen Zähne schimmerten. «Zweimal verwundet! Neunundsiebzig. Un ich bin auch Soldat. Habn Schrapnell in die linke Schulter gekricht, neunzehnsiebzehn. Einenzwanzig Tage unter Beschuss, große Scheiße! … Aber eins will ich dir sagen.» Sein Lächeln vertiefte sich, Grübchen bildeten sich auf beiden Seiten seines schön geschwungenen Mundes. «Ich hatte mein schwarzen Spaß! Yessir! Haste schon mal gesehn, wie französische Mädchen Cancan tanzen? Mann, die könn ihrn Cancan! A-l-l-mächtiger! F-r-ü-h am Morgen bin ich in die Hurenhäuser! Bevor die Zeit zum pinkeln hatten! Ha! Ha! Zivilisten schwafeln bloß immer übern Krieg, aber fürn Soldat – ich mein fürn echten Soldat, nich einen von diesen Kuchenfressern – isser das Größte auf der Welt!»

«Sei still, Billy», sagte Aunt Rose.

«Sei still! Frau, ich warn toller Hecht im Krieg …»

«Was ist Krieg, Uncle Billy?», fragte das Kind.

«Krieg? K-r-i-e-g!» Uncle Billys Mund öffnete sich. Er starrte ins Leere, als suche er dort nach einer Antwort.

«Das wirste noch früh genug erfahren. Glaubste etwa, die ollen Jerrys wissen nich, was Sache is? Eines Tages, mein Jungchen, eines Tages. Ich werds nich mehr erleben, aber du schon. Eines Tages wirste nen l-a-u-t-e-n Knall hörn, un dann is Krieg!»

Eine Windböe schlug gegen die Seite des Wachhäuschens und prallte an den Wänden des leeren Gebäudes ab … Unbewusst beschleunigte sich sein Denken zur Melodie eines alten Songs, den er schon oft gehört hatte: «Joshua!», murmelte er, «an’ the walls come tumblin’ down!» Und die Mauern stürzen ein!

«Männer!», sagte Aunt Rose verächtlich. «Ich war mein Leben lang Soldat, auch ohne Uniform un all dem Brimborium. Versuch mal, während ner Depression plus Prohibition deine Tochter in nem Freudenhaus aufzuziehn, dann wirste sehn, was das für ne Hölle is! Jede Wette, dass General Sherman davon keine Ahnung hat!»

«Hat trotzdem Spaß gemacht», sagte Uncle Billy. «Aber ’türlich wars nich dasselbe wie in den guten alten Zeiten in Übersee!»

«Rose war sehr gesellig!», sagte eine heisere Männerstimme. «Un ne verdammt gute Köchin! Ihre Kekse zergingen eim auf der Zunge! Wer sich an Roses Tisch setzte, konnte seine Zähne zu Hause lassen! Un nich bloß das, sie war ne Frau, mit der man reden konnte, weil sie verstand, worums ging!»

«Wir ham j-e-d-e Samstagnacht ein draufgemacht!» Noch eine Männerstimme. Vom Whiskey gefärbt. «Pförtner un Kellner kamen, die Taschen klimpernd vom Geld, was sie unbedingt verprassen wollten!»

«Brathähnchen mit Grünkohl!»

«Sei still!»

«Schwarzaugenerbsen! Rote Bohnen mit Reis! Schweinehaxen – Ohren, Schnauzen, Schwänze. Nix vom Schwein, was sie nich kannte! Un ne Menge guter Maisschnaps un Gin un eiskaltes Bier zum Runterspülen. Ach, was sag ich!»

«Un die Weiber in Roses Haus warn verdammt scharf! Meine Fresse!»

«Die kleine Georgie May – so hieß sie, genau, Georgie May! – hatte nen Twist drauf, mit dem konntese nem Tunnelbauer das Rückgrat brechen!»

«Die konnte eim Angst machen, stimmt. Aber Baby Sister warauch nich schlecht. Die krummbeinige Kleine konnt aufstehn un gehn! Ungelogen!»

«Big-leg woman, keep yo’ dresses down! You got somethin’ make a bulldog hug a houn’. Big-leg woman, eh!, keep yo’ dresses down! Ah-ha ha!»

«Ti hi hi!Äh … ähm … Un weißte was?»

«Nee, was?»

«Rose hat jede Menge Kohle gemacht!»

«Ich wünscht, ich hätte nen Nickel für jeden Dollar, den ich bei ihr gelassen hab!»

«Sie hatn Händchen fürs Geschäft, stimmt.»

«Hat dirs Gold aus den Zähnen geklaubt, wenn sie dich bei nem Nickerchen erwischt hat!»

«Wenn dus mit nem Esel zu tun hast, patsch ihm aufn Kopf!», sagte Aunt Rose. «Du konntest sowieso nich mit Geld umgehn. Aber ich will dich mal was fragen. Haste jemals Hunger gelitten, weil ich dir nichts zu essen geben wollte? Haste mich jemals um was zu trinken gebeten, wo ich dir nichts geben wollte? Haste jemals in der Kälte geschlafen, solange ichn Dach überm Kopf hatte? Hä? Sag schon! Ihr jammernden Niggahs macht mich ganz krank! Keiner von euch taugt was! Ich nehm Rumtreiber auf, seit ich denken kann – un was is der Dank?»

«Stimmt», sagte eine Frauenstimme. «Sie hat sich jede Menge Scheiß von denen Niggahs gefallen lassen, bloß damit sie Ardella n anständiges Leben bieten konnte.»

«Eins, was ich nie hatte!», sagte Aunt Rose. «Gott allein weiß, was ich durchgemacht hab.»

«Hoffentlich», sagte Ardella, «hoffentlich denkt der liebe Gott nicht so einspurig, Momma, denn ich bin genauso wie du.»

Zwischen den Gesichtern von Aunt Rose und Uncle Billy tauchte nun ihr Gesicht auf. «War nicht meine Entscheidung, so auszusehen wie Momma. Sie ist massig, und ich bin groß und schlank, aber meine Knöchel und Füße sind geschwollen wie ihre. Und genau wie Momma hab ich nie Glück mit Männern gehabt.»

«Eigentlich hat Ardella ein gutes Herz», sagte Viola ernsthaft. «Un sie ist auch klug, genau wie Aunt Rose. Bloß hat man nichtsvom Klugsein, wenn man nicht mit Leuten kann. Oder auch mit sich selbst!»

«Zwei Jahre College haben mich nicht zur Heiligen gemacht!», gab Ardella zurück. «Ich bin in Mommas Freudenhaus aufgewachsen und hab die Drinks ausgeschenkt! Und wenn nicht das, hab ich auf die Bullen gelauert. Oder Momma geholfen, den Niggahs ihre dreckigen Eindollarscheine abzuluchsen! Von meinem Bett aus hab ich gehört, wie Georgie May, Baby Sister und Queenie Johnson mit den Pförtnern und Kellnern in den Zimmern nebenan gekichert haben. Ich hab alles mitgekriegt. Jahrelang! Und dann sind wir in die Stadt gezogen, in ein größeres Haus!»

Amerigo erinnerte sich an das Haus.

«Fifth Street, Ecke Beadle Street, gegenüber vom alten Gerichtsgebäude. Mit Blick auf die breite Straße …»

Der Lärm der langen Blechlawine, die sich über die breite Durchgangsstraße wälzte, das Scheppern und Rumpeln der Straßenbahn in der Fifth Street hallten durch seinen Kopf. Er sah Aunt Roses großes, einstöckiges Haus aus rotem Backstein mit seiner breiten Veranda, die sich über die gesamte Fassade zog. Es stand auf einem ziemlich hohen Hügel, der sich jäh von der Straße erhob. Sieht aus wie ein verrücktes Nest!, dachte er und betrachtete das dichte Gestrüpp, das um das Fundament herum wucherte. Sein Blick glitt über den Hügel und die massive Felswand, die fünfzehn Meter zur Straße hin abfiel. Da an der Ecke war der Obststand von Mr Antonini. Und die Treppe! Er richtete seine Aufmerksamkeit auf die hölzerne Wendeltreppe, die er so oft zu Aunt Roses Festung hochgestiegen war. Sie war zwischen der hohen Felswand, die den Sockel ihres Hauses bildete, und der Wand des angrenzenden Gebäudes eingequetscht, eines Nachtclubs namens Dante’s Inferno!

«Was heißt In-fer-no, Aunt Rose?», fragte Amerigo.

«Hölle, mein Junge.»

Das Haus loderte vor seinen Augen auf wie eine riesige Flamme, die Rosen- und Himbeersträucher in Brand setzte und sich über die steile Felswand bis zur Straße hinunter ausbreitete, wo sie die Straßenbahnschienen erreichte, die das brennende Licht aufschnappten