An den Grenzen der Wirklichkeit - Gerhard Grollitsch - E-Book

An den Grenzen der Wirklichkeit E-Book

Gerhard Grollitsch

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Beschreibung

Die Studentin Erika, Tochter eines Industriellen, verliebt sich in Hermann, einen Techniker, der über seine Vergangenheit beharrlich schweigt. Diese holt ihn jedoch noch vor der bereits geplanten Hochzeit ein und es kommt, aus jeweils missverstandenen Gründen, zur Trennung. Er geht ins Ausland. Dort gerät er in spannendes Geschehen `an den Grenzen der Wirklichkeit´ und macht erfolgreich Karriere. Kann er aber wirklich seine erste Liebe vergessen? Das Schicksal webt ein unsichtbares Band. Ein lebhafter moderner Roman.

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Seitenzahl: 310

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Gerhard Grollitsch

An den Grenzen der Wirklichkeit

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

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Impressum neobooks

1

An den Grenzen der Wirklichkeit

Coverbild: Eigenbesitz

Unterwasseraufnahme Malediven 2013

Gerhard Grollitsch

An den Grenzen der Wirklichkeit

Roman

Erika Kerbler

Ich bekam kaum noch Luft, - so küsste mich Dieter, als ich seinem Drängen nachgab und mich auf einen Abendspaziergang mit ihm zum Kreuzbergl einließ. Wir landeten bei einer Parkbank oberhalb des zweiten Teiches.

In Klagenfurt geboren, verlebte ich, als einziges Kind eines Industriellen, eine wunderschöne Zeit. Im Sommer waren wir oft am Meer und im Winter meist in Kitzbühel, wo ich recht gut Skifahren lernte.

Mit einem Schlag änderte sich alles, als ich zehn Jahre wurde. Meine Mutter starb, weil sie sich einem Bankräuber in den Weg stellte. Sie wollte doch nur kurz einkaufen gehen und bald wieder zurück sein.

Lange brauchte ich, um den Schmerz zu überwinden, ganz ist es mir noch immer nicht gelungen. Am meisten spüre ich das, wenn ich mit Vater zu Allerheiligen an ihrem Grab stehe. Ich besuche sie öfter, aber gemeinsam mit Papa nur an diesem Tag.

Wie sehr hätte ich sie gebraucht, als ich begann eine Frau zu werden. Da half mir nur meine Freundin Flora, die ein Jahr älter ist. Mit ihr bespreche ich alle meine Geheimnisse.

Ich liebe meinen Vater. Er tut alles für mich, aber in manchen Dingen ist er sehr gehemmt. Doch das macht nichts, ich habe ja Flora.

Meine Beziehung zu den Jungs war immer sehr unkompliziert. Ich spielte lieber mit ihnen als mit Mädchen. Puppenspiele hatten mich nicht interessiert, dann schon lieber Eisenbahn und Autos. In der Schule gab es mehr Freunde als Freundinnen und das änderte sich auch beim Studium nicht wirklich.

Als ich Dieter kennen lernte, wurden die Beziehungen zu den Burschen mit einem Mal schwieriger. Diese Unbefangenheit war nun Geschichte.

Ich studiere BWL, weil mein Vater glaubt, dass ich das später brauchen werde. Wahrscheinlich hat er recht, denn ich will nicht abhängig sein, sondern auch im Leben auf eigenen Füßen stehen.

Bei Überraschungen bin ich gewohnt mich zu erforschen, bevor ich mich zu etwas hinreißen lasse. Jetzt aber, bei diesem spontanen Kuss, bei dem ich um Luft ringen und mich zugleich gegen seine Hand, die unter meinen Rock fuhr, wehren musste, ließ er mir keine Wahl.

Ich stieß ihn weg und funkelte ihn an. „Versuch das nie wieder.“

Dieter gab nicht auf.

Zwar bedrängte er mich körperlich nicht mehr in dieser Weise, aber er fing an, mich nun öffentlich zu küssen, so dass ich bald als seine feste Freundin galt. Ich war aber noch nicht so weit mich zu binden, und deshalb war mir das zunächst peinlich.

Gut, er war ungestüm, aber er konnte auch sehr charmant sein, und ich wurde mit der Zeit immer bereiter, mich wirklich auf ihn einzulassen. Das fand ein jähes Ende, als mir Flora mitteilte, was ihr Hubert, Dieters bester Freund, beichtete

Dieter hatte Ginetta geküsst, eine Italienerin, die mit uns studiert, und Hubert fragte ihn erstaunt, ob er jetzt nicht mehr mit mir gehe.

„Klar doch“, erwiderte Dieter, „die Millionärin lass ich doch nicht aus, aber sie ziert sich und spielt eiserne Jungfrau, da brauch ich doch eine Abwechslung.“

Dazu gab es nichts mehr zu sagen

Hermann Keppler

„Ich bin zurück vom Einsatz bei Turbotec. Alles erledigt“, rief ich unserer Sekretärin zu, die gerade das Telefon ans Ohr nahm.

Von meiner Firma, Ortner GmbH Maschinenbau, war ich als Servicetechniker im Außendienst eingestellt worden.

Sie winkte mich in Richtung Chefbüro.

„Ah, da sind Sie wieder, das ging aber schnell.“

Mein Chef, Diplomingenieur Werner Hildebrand, lächelte mich hinter seinem mächtigen Schreibtisch erfreut an. Er warf eine Mappe, in der er gelesen hatte, auf einen Stoß zu bearbeitender Akten, die sich vor ihm türmten, und schenkte mir seine Aufmerksamkeit.

Ich begann zu berichten.

„Den Fehler habe ich schnell gefunden, weil ich …“ In diesem Augenblick begann das Telefon sich störend einzumischen.

Der Chef meldete sich. Er nahm Haltung an, als er hörte, wer am Apparat war.

„Es tut mir leid, Herr Kommerzialrat. Wir müssen uns das genau anschauen…“

Ich wollte diskret den Raum verlassen und hatte schon den Türgriff in der Hand, als mich eine heftige Handbewegung des Chefs verharren ließ.

„Beruhigen Sie sich doch, ich schick Ihnen gleich meinen besten Mann…“

Er wollte noch etwas sagen, aber sein Gesprächspartner hatte wohl aufgehängt.

Mit gerötetem Gesicht rief er mir zu: „Fahren Sie gleich zur Firma Kerbler ins Industriezentrum Ebental, Adresse bei Frau Bürger. Die haben ein Problem.“

Ich schloss die Türe und eilte zur Sekretärin, die mir bereits den Arbeitsauftrag hinhielt.

„Na, hoffentlich gelingt es Ihnen, die Störung bei Kerbler zu beheben, damit wir die lästige Firma endlich abhaken können.“

Während ich im Auto unterwegs zum Kunden war, gingen mir höchst angenehme Gedanken durch den Kopf. Mein Chef hatte mich seinen besten Mann genannt. Das baute auf. Ich war noch nicht sehr lange bei Maschinenbau Ortner tätig, aber es gefiel mir.

Das Betriebsklima war gut, die Arbeitskollegen hatten mich akzeptiert und der Chef mich soeben gelobt.

Es war mein erster Arbeitsplatz nach der HTL, die ich noch vor meiner Flucht aus Wien, abzuschließen vermochte. Lief doch sehr gut. Was wollte ich mehr?

Ich war jung und hier in Klagenfurt hatte ich schon einige hübsche Maiden ausgemacht. Sogar im Haus meiner Wirtin begegnete ich jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit einem Mädchen, dessen Lächeln täglich intensiver wurde, so dass ich mich wohl näher mit ihr befassen müsste.

Industriegelände Ebental.

Die Firma Kerbler war leicht zu finden. Ein großes Werksgelände wurde durch eine Schranke neben einem Wärterhäuschen abgegrenzt.

Ich meldete mich an, bekam einen Laufzettel, und mit dem Hinweis „Sie werden schon dringend erwartet, aber vorher ins Sekretariat, Bürogebäude zweiter Stock“ wurde mir die Dringlichkeit bewusst gemacht.

Als ich die Stiege hocheilte, rannte mich beinahe eine schwungvoll nach unten gleitende Person um.

„Hoppla“, sagten wir wie aus einem Mund und hielten uns aneinander fest.

Sie lachte.

„Entschuldigung, ich hab Sie nicht bemerkt, Sie waren so plötzlich da...“

„Es gibt nichts zu entschuldigen. Im Gegenteil, ich bin ein Glückpilz, weil mir ein Engel schon am frühen Morgen in die Arme fliegt.“

Sie errötete und machte sich von mir frei.

„Was machen Sie hier?“. Ihr Lächeln begann zu erlöschen.

„Ich werde dringend im Sekretariat erwartet, daher meine Eile.“

„Dann will ich Sie nicht länger aufhalten. Tschüss“

Beeindruckt schaute ich ihr nach.

Im Sekretariat wurde ich vom Werkmeister abgeholt und über die häufig auftretende Störung informiert.

„Unser Chef ist ganz schön sauer. Hoffentlich kommen Sie auf den Fehler. Ihre Kollegen haben die Ursache nicht gefunden und nur Ersatzteile getauscht.“

Ich positionierte meine Messgeräte und schaltete, um mir ein Bild zu machen, die Anlage mehrmals ein und aus.

Ich lokalisierte die Bereiche und dann hatte ich es.

„Es liegt nicht an den Hydraulikelementen, es liegt an der Ansteuerung hier. Bei mehreren Impulsen hintereinander lässt ein Chip aus. Das habe ich gleich.“

Ich wechselte das ganze Modul.

„Und sind Sie sicher, dass die Anlage keinen Ärger mehr macht? Warum sind Ihre Kollegen nicht darauf gekommen?“

„Ja, liegt wahrscheinlich daran, dass wir im Servicebereich nur Mechaniker haben, die elektronisch nicht so geschult sind, ich aber schon.“

Die Miene des Meisters entspannte sich, er lächelte, unterschrieb die Arbeitsbestätigung und wies mich an:

„Die Kopie geben Sie bei unserer Frau Pontasch im Sekretariat ab.“

Mit kräftigem Händedruck verabschiedete er sich.

Ich ging zurück zum Sekretariat, um dort auftragsgemäß die Kopie abzugeben, als wieder das Bild des Mädchens in mein Bewusstsein trat.

Ich muss mehr über sie erfahren, überlegte ich.

„Ich bin fertig, die Anlage läuft“, rief ich der Vorzimmerdame zu und setzte mein charmantestes Lächeln auf.

„Hoffentlich tut sie das morgen auch noch“, brummte sie.

„Wenn Sie mir eine Frage beantworten, komme ich gerne wieder“, zwinkerte ich ihr zu.

Sie schenkte mir nun ihre Aufmerksamkeit.

„Worum geht es denn?“

„Ich bin früher mit einem blonden Mädchen zusammengestoßen. Ist die bei euch beschäftigt?“

„Ah die Erika. Nein, die hat uns nur besucht.“ Nun lächelte auch Frau Pontasch.

„Ist sie öfter da?“

„Ja, häufig“, ihr Lächeln wurde intensiver.

Mir fiel im Moment nichts mehr ein, was ich noch fragen könnte, und so winkte ich ihr nur verabschiedend zu.

Erika.

Mir ist, als wäre der Tag stehen geblieben.

Ich bilde mir ein, doch eine ganz vernünftige Person zu sein, jedenfalls hab ich das bisher geglaubt. Aber seit mich der junge Mann im Stiegenhaus im Arm gehalten und in meine Augen geschaut hat, bin ich wie gelähmt.

Ich hörte gar nicht so recht, was er sagte, ich wollte nur weg von ihm. Doch er lässt mich nicht los. Dauernd muss ich an diese Begegnung denken. So etwas habe ich noch nicht erlebt.

Und dann dieser Zusammenstoß. Komplett verrückt, meine Reaktion auf diesen Jungen. Na ja, als Junge ist er wohl nicht mehr einzustufen, denn er wirkt auf mich sehr souverän, wie er unsere plötzliche Begegnung gemeistert hat.

Ist das am Ende der Grund für meine Gemütslage? Weil ich einem richtigen Mann begegnet bin?

Na gute Nacht, wenn ich auf Männer immer so reagiere. Ich muss mich mehr zusammennehmen…

Vielleicht kann ich bei Frau Pontasch mehr über ihn erfahren?

Hermann

Ein völlig neues Gefühl bestimmt mich.

Niemals hat mich eine Person wie dieses Mädchen derart gefangen genommen.

Als ich in der Früh zur Arbeit fahren wollte, lag am Nebensitz die Kopie der Arbeitsbestätigung, die ich in tendenziösem Unterbewusstsein bei Kerbler nicht abgegeben hatte. Ich wollte den Zettel schon wegwerfen, als mir eine Idee kam. Nun habe ich doch einen unverfänglichen Grund wieder hinzufahren, um mehr über Erika zu erfragen, dachte ich. Vielleicht sehe ich sie sogar, wenn sie so häufig dort ist, wie die Sekretärin angedeutet hat.

Zunächst musste ich mich aber in meiner Firma melden.

Mit Ungeduld wartete ich auf die Gelegenheit, mich wieder in den Außendienst absetzen zu können. Die kam bald mit einem neuen Auftrag.

Zuerst zu Kerbler, nahm ich mir vor. Der neue Auftrag konnte solange warten.

„Einen schönen guten Morgen“, schmetterte ich in den Raum.

Die Sekretärin schaute mich erstaunt an.

„Was machen Sie bei uns, wir haben Sie nicht angefordert. Es funktioniert alles.“

„Das ist doch schön“, erwiderte ich frohgemut und erklärte ihr den Grund für mein Erscheinen, die vergessene Arbeitsbestätigung.

„Und deswegen kommen Sie extra her?“

Ihre Augen begannen schalkhaft zu glitzern, wie mir schien, und bleiern lastete ihre Frage auf mir.

Ich wollte sie nicht beantworten und gleich zum Punkt kommen, aber es gelang mir nur stotternd die Worte „das blonde Mädchen“ hervorzubringen.

Sie nickte lässig, nahm einen Zettel und schrieb etwas auf.

Es war eine Telefonnummer

Erika

„Entschuldige, wenn ich dich störe, Papa.“

„Du störst mich nicht“, lächelte mein Vater, wie er es immer tat, wenn er mich sah.

„Da war gestern ein Servicetechniker von der Firma Ortner bei uns. Was hast du mit dieser Firma zu tun?“

„Die haben uns die neue elektronische Zuschneidestraße eingerichtet. Warum fragst du?“

„Hat mich nur interessiert, weil ich gestern von dem jungen Mann fast über den Haufen gerannt worden wäre. Der hatte es aber eilig.“

„Das glaub ich. Schließlich hatten wir eine Menge Ärger mit der Anlage. Gestern haben sie endlich einen wirklichen Fachmann geschickt und jetzt ist alles in Ordnung.“ Nachdenklich ergänzte er: „Angeblich ein Elektroniker, frisch aus der Ausbildung, aber tüchtig und kompetent, hat mir unser Werkmeister Schmiedinger berichtet.“

Sein Blick fokussierte mich. „Ist etwas?“

Ich schüttelte den Kopf und ging hinaus.

Hermann

Erika raubte mir den Schlaf.

Ich lag im Bett und wälzte mich hin und her. Das war neu. Mit Schlafproblemen musste ich eigentlich nie zu kämpfen, aber seit ich Erika kannte, war das wohl anders.

Immerhin, ich hatte ihre Telefonnummer. Die hütete ich wie einen Schatz, nur sie zu benutzen traute ich mich nicht und das war wohl einer der Gründe für meinen Zustand.

Meine Gedanken schweiften ab, weit zurück in die Schulzeit des Jungen, der ich einmal war.

Dieser Junge hatte gelernt, Entscheidungen allein zu treffen. Seine Eltern hatten keine Zeit oder wollten sich nicht mit den Problemen des Jungen befassen. An Geld gab es keinen Mangel, obwohl sie in Wien-Favoriten, einem Arbeiterbezirk, wohnten. Der Vater war Maschinenschlosser, die Mutter Köchin, so war ihr Einkommen in dieser Gegend als überdurchschnittlich anzusehen, aber persönliche Zuwendung, nein, das gab es nicht, denn sie waren ja nie da.

Die Erziehung erhielt er von der Nachbarin im Verbund mit ihren Sprösslingen. Da ging alles in einem Aufwaschen und war nicht sehr nachhaltig. Alle Kinder waren sich meist selbst überlassen, denn bei der Ersatzmutter stellte sich der Nachwuchs mit periodischer Gleichmäßigkeit ein. Seine Wertevorstellung, sofern er damals überhaupt welche gehabt hatte, bekam er von dem Buchhändler in der Leebgasse vermittelt, der sich zu einem väterlichen Freund entwickelte und den er am meisten vermisste, seit er Wien verlassen hatte.

Jetzt bräuchte ich ihn mehr denn je, dachte ich. Die Leebgasse mit seinem Laden wird wohl ewig in meiner Erinnerung verankert sein, sosehr ich auch alles Sonstige, was mit meiner Wiener Zeit zusammenhängt, verdränge

Wieder schob sich in meinen Gedanken Erika vor. Morgen ruf ich sie an. Unverzüglich, befahl ich mir, und als ich diesen Entschluss gefasst hatte, überlegte ich nicht mehr, was ich ihr sagen würde. Das war mein Glück. Denn nun nahm mich endlich der Schlaf gefangen.

Erika

„Ja, Erika hier“, meldete ich mich.

Ich war in Eile, denn ich hatte gleich in der Früh eine Vorlesung an der Uni.

Mein Vater war schon aus dem Haus und ich wollte gerade gehen, als das Telefon anschlug.

„Ich bin es … das heißt Keppler … eigentlich Hermann“, kam es stotternd aus dem Hörer.

Ich musste lachen.

„Jetzt haben Sie sich aber umfassend vorgestellt … und?“

„Sie kennen mich. Es war eine stürmische Begegnung … auf der Stiege bei der Firme Kerbler … der blonde Engel…“

„Ich erinnere mich dunkel.“ Der Hafer stach mich, die Überheblichkeit war mein.

„Und …?“

„Ich kann nachts nicht mehr schlafen und bin total geschlaucht. Ich muss Sie treffen.“

„So schlimm steht es um Sie? Ja, da muss ich wohl großmütig sein.“

„Wann?“, fragte er wie ein Ertrinkender, so hatte ich wenigstens den Eindruck, und Schande über mich, weil ich darüber erfreut war.

„Jetzt muss ich dringend zur Uni, aber wenn Sie Zeit haben, könnten wir uns zu Mittag in der Mensa sehen.“

„Ich werde da sein.“

„Ab halb eins?“

„Um halb eins“.

2

In höchstem Maße aufgeregt, wie eben ein Jugendlicher vor seinem ersten Date nur sein kann, zählte ich die Stunden herunter.

Bereits um Viertel nach Zwölf betrat ich das Lokal, welches sich zu füllen begann.

Ein kleiner Tisch, etwas abseits, fiel mir ins Auge. Da wären wir trotz des Rummels ungestört.

Endlich trat sie ein. Nervös stand ich auf, ging ihr ein paar Schritte entgegen. Ich wies fragend zum Tisch hin. Sie nickte und schenkte mir ein Lächeln.

Ein kleines, flüchtiges Lächeln, aber mich traf es mitten ins Herz.

Mir, dem nüchternen Techniker, passierte so etwas?

Wir saßen einander gegenüber und schauten uns schweigend an.

„Wollen wir etwas essen?“, unterbrach ich die Spannung, die zwischen uns entstanden war.

„Ja, eine Kleinigkeit“, meinte sie, „die müssen wir uns an der Theke holen.“

„Was möchten Sie denn?“

„Nur einen Salat und ein Mineralwasser.“

Ich eilte zur Theke und stellte mich an. Für mich nahm ich nur ein Schinkenbrot und ein kleines Bier, denn ich wollte mich auf sie konzentrieren und nicht aufs Essen.

Während sie in ihrem Salatteller stocherte, stellte ich fest: „Sie sind also Studentin. Was studieren Sie hier?“

„BWL, bin aber erst am Anfang.“ Sie blickte auf. Eine Locke fiel ihr in die Stirn. Sie war so reizend, dass ich sie am liebsten an mich gezogen hätte, aber es war ja der Tisch dazwischen.

„Da wir uns hier auf studentischem Boden befinden, wollen wir doch das `Sie´ weglassen, ja?“, schlug sie vor.

„Aber gern.“

Ihr Angebot hob meine Stimmung und ließ mich forscher werden.

„Ich hätte nicht gedacht, dass ich so rasch eine so hübsche Kärntnerin kennen lernen würde. Das Schicksal ist mir wohl sehr gewogen.“

Sie errötete. „Bist du nicht von hier?“

„Merkt man das nicht? Ich bin geborener Wiener, aber wirklich glücklich hier zu sein.“

„Was hat dich nach Klagenfurt verschlagen?“

„Nach der HTL habe ich hier einen Job gefunden, aber reden wir über dich.“

„Was soll ich sagen? Ich bin hier geboren, hier in die Schule gegangen und studiere hier.“

„Und ein Freund?“

„Natürlich habe ich Freunde, alte und neue, aber keine feste Beziehung, wenn du das meinst.“

„Gott sei Dank, mir fällt ein Stein vom Herzen.“

Sie schob verlegen ihren Teller weg und schaute mich ernsthaft an. „Das heißt aber nicht …“

Ich unterbrach sie. „Mach dir keine Sorgen. Ich freue mich einfach, dass ich dich kennen lernen durfte.“

Ich merkte, wie sie sich entspannte, und wagte es nicht mehr, weiter in sie zu dringen.

Ich habe immer gehört, Frauen plaudern gerne. Ich hatte gehofft, sie würde Privates preisgeben, etwas über ihr Umfeld, ihre Familie oder dergleichen.

Obwohl wir uns noch gut eine halbe Stunde unterhielten, erfuhr ich eigentlich nichts, so dass ich zu dem Schluss kam, sie wollte kein Gespräch über ihre Familie. Da ging es ihr wohl wie mir. Auch ich war auf meine Familienverhältnisse nicht stolz und vermied es möglichst, darüber zu reden. So blieb unsere Unterhaltung auf Belanglosigkeiten beschränkt, und doch hatte ich das berauschende Gefühl, ihr etwas näher gekommen zu sein.

Sie schaute auf die Uhr.

„Es war sehr nett mit dir, aber jetzt muss ich leider wieder in den Hörsaal.“

Sie durfte mir nicht entgleiten. Deshalb fragte ich etwas zu hastig: „Wann kann ich dich wiedersehen?“

Sie schaute zum Fenster. Dann wandte sie mir ihr liebliches Gesicht zu.

„Ach weißt du, ruf mich einfach an.“

Rasch stand sie auf und hielt mir ihre Hand hin.

Erika

„Erika, ich habe für heute Abend jemanden eingeladen und möchte, dass du sie kennen lernst.“

Erstaunt schaute ich zu meinen Vater. Das musste wohl was Ernstes sein, denn noch nie hatte er seit dem Tod meiner Mutter eine Beziehung gehabt, jedenfalls soweit ich das wusste.

„Ja wirklich?“, fragte ich nur.

„Ich habe beim Sandwirt einen Tisch reserviert. Für vier Personen. Frau Daniels hat einen Sohn, der für unsere Firma interessant sein könnte, und den möchte ich mir gerne näher ansehen.“

„Wo hast du die Frau kennen gelernt?“

„Auf einer Tagung der Industriellenvereinigung in Wien.“

„Ach, deshalb warst du in letzter Zeit öfter in Wien“, sagte ich und lächelte verständnisvoll.

Ein Paar steuerte auf uns zu. Mein Vater sprang auf und eilte der Dame entgegen. Die Art, wie er sie umarmte, ließ keinen Zweifel, dass die beiden miteinander schon viel, viel weiter waren, als ich angenommen hatte.

Der junge Mann hinter ihr, der sie um Haupteslänge überragte, stand verlegen daneben, bis mein Vater so weit war, sich von der Dame zu lösen und sie an unseren Tisch zu führen.

„Elvira, darf ich dir meine Tochter Erika vorstellen.“

Frau Daniels hielt mir ihre beringte Hand entgegen.

„Ich freue mich. Ihr Vater hat mir schon viel von Ihnen erzählt. Das ist Theobald, mein Sohn.“

Der junge Mann reichte mir die Hand und verbeugte sich knapp. „Doktor Daniels.“

Was für ein steifer Knabe, dachte ich.

Mein Vater hätte kein besser passendes Lokal für seine Gäste finden können. Für sein Einfühlungsvermögen bewunderte ich ihn wieder einmal.

Die Atmosphäre dieses Restaurants wurde den gehobenen Ansprüchen, die Frau Daniels offensichtlich stellte, durchaus gerecht. Die warme Holztäfelung, das gedämpfte Licht und das lautlos, kaum wahrnehmbar agierende Personal machten es sehr exquisit.

Während alle die Speiskarte studierten, hatte ich zwischendurch Gelegenheit, Frau Daniels zu beobachten.

Ich musste zugestehen, dass sie eine attraktive Person war, die zwar den Zenit ihres Lebens überschritten hatte, ich schätzte sie ihres Sohnes wegen an die sechzig, die aber, als offensichtlich gute Kundin der Kosmetikindustrie, keineswegs so alt wirkte.

Auf ihrem silbrigen Haar lag ein blauer Schimmer, der durch das Kerzenlicht am Tisch changierte. Ihr Schmuck war echt und die Kleidung erlesen. Eine reiche Frau, so hatte es jedenfalls den Anschein.

Mein Blick schweifte zu Theobald, Doktor Daniels, wie er sich mir respekteinflößend vorgestellt hatte.

Groß, hager und unnahbar war mein erster Eindruck gewesen, aber jetzt, da er saß, schien er mir zugänglicher zu werden, trotz seiner Brille, die professionelle Distanz vermittelte.

Das Essen war hervorragend, die Nachspeise ein Traum, und dann saßen wir beim Wein und Vater versuchte ein Gespräch in Gang zu bringen.

„Sie waren bisher an der technischen Universität Wien beschäftigt“, wandte er sich Doktor Daniels zu.

„Ja, als Assistent habe ich dort meinen Doktor gemacht.“

„Darf ich fragen, zu welchem Thema?“

„Über den Einfluss oszillierender Massenkräfte auf verschiedene Drehkraftamplituden.“

„Das ist sehr theoretisch.“

„Ich habe ja auch auf der Uni als Wissenschaftler gearbeitet.“

Nachdenklich betrachtete Vater sein Weinglas.

„Sie wären bei mir der richtige Mann. Einen Theoretiker brauche ich, Praktiker habe ich genug. Ich möchte die in meinem Betrieb benötigten Maschinen selbst herstellen, und dazu ist Entwicklung notwendig“, sagte er und fügte mit einem Blick zu Frau Daniels hinzu: „Außerdem will ich mich etwas zurückziehen. Das kann ich nur, wenn ich eine vertraute Führungskraft gewinne.“

„Sie können mit mir rechnen, Entwicklungsarbeit interessiert mich.“

„Morgen reden wir eingehender darüber, aber jetzt widmen wir uns den Damen.“

Er nahm sein Glas und prostete uns zu.

Nun schenkte er seine Aufmerksamkeit der Frau neben ihm, und wir beide waren uns selbst überlassen.

Um die entstandene Pause zu überbrücken, fragte ich ihn nach seinen Hobbys.

„Ach wissen Sie, dazu habe ich nie Zeit gehabt.“

„Irgendein Sport?“, fragte ich.

„Eigentlich nichts Besonderes. Schwimmen kann ich leidlich, bei allen anderen Disziplinen in der Schule war ich nicht sehr geschickt. So habe ich mich halt auf den Lehrstoff konzentriert. Und was machen Sie?“

Ich hatte den Eindruck, dass sich, als ich ihm mitteilte, was ich studiere, leichte Geringschätzigkeit in seiner Miene breit machte, und zerknirscht dachte ich: Nicht jeder kann Wissenschaftler sein. Dann aber siegte mein Selbstbewusstsein und ich überließ ihm in der Folge den sehr holprig geführten Dialog. Was hätte ich auch mit ihm reden sollen. Als ich vorsichtig Kunst und Theater ins Gespräch bringen wollte, kam kein Echo. Einen letzten Versuch riskierte ich noch.

„Welches sind Ihre Lieblingsblumen?“

„Lieblingsblumen?“, fragte er. „Hab ich eigentlich nicht. Und Ihre?“

„Weiße Lilien.“

Ich war froh, als wir uns endlich verabschiedeten.

Am nächsten Morgen war ich sehr überrascht, als er mit einem großen Strauß weißer Lilien vor der Tür stand.

Hermann

Tagelang zerbrach ich mir den Kopf, was ich mit Erika unternehmen sollte, um mich ihr angenehm zu machen. Ich war nicht gewohnt mit Mädchen auszugehen. Mir würde genügen, nur mit ihr beisammen zu sein, aber das, so glaubte ich, wäre ihr sicher zu wenig.

Am besten, ich würde jemanden meiner jüngeren Kollegen fragen.

„Wo geht ihr mit Mädchen hin, wenn ihr sie einladen wollt?“

„Natürlich in die sensationelle Groß-Disko. Die ist neu eröffnet worden und Tanzen, das mögen die Mädchen.“

„Ich kann doch nicht tanzen. Da blamier ich mich.“

„In der Disko? Da kannst du dich nicht blamieren. Schau, wie es die anderen machen, dann geht das schon.“

Trotzdem war mir nicht wohl, als ich zum Telefon griff.

Ihre helle Stimme wischte meine Bedenken weg.

„In eine Disko willst du mit mir gehen? Ja, warum nicht? Ich habe davon gehört, dass bei uns eine große Disko eröffnet wurde. Interessiert mich dort einmal hinzukommen. Wann?“

„Ist dir Samstag recht?“

„Um zwanzig Uhr am `Neuen Platz´ vor dem Rathaus. Ich freu mich.“

Scheinbar hatte sie es eilig, aber mich hatte sie damit auch in Schwung gebracht.

Erika

Was zieht ein Mädchen an, wenn es in eine Disko eingeladen wird? Diese Überlegung machte mir ungewohnt lange zu schaffen, aber ich fühlte intensiv das damit verbundene, aufregende Prickeln.

Er war schon da, als ich am `Neuen Platz´ ankam.

„Ich muss dir gestehen, ich war noch nie in einer Disko, und tanzen kann ich auch nicht.“ Verlegen drückte er mir die Hand.

„Mach dir nichts draus, ich auch nicht, und was das Tanzen angeht, das kriegen wir schon hin“, lachte ich ihn an, und eingehängt schritten wir frohgemut der Gegend zu, wo sich angeblich die Disko befand.

Es fühlte sich sehr gut an, so neben dem großen Mann, von ihm quasi geführt, einherzuschreiten, und meinetwegen hätte es unendlich lange dauern können.

Es dauerte lange genug und nach einigem Fragen fanden wir das Lokal. Allerdings würde ich Hermann den langen Fußweg nicht zugemutet haben, hätte ich gewusst, wo sich die Disko wirklich befand. Aber es war ein schon recht milder, zunehmend mondheller Abend, und ich habe den Fußweg genossen.

Das Lokal war in Vollbetrieb. Davor krachten infernalisch die Mopeds der jugendlichen Besucher. Eintretend, empfingen uns ein das Trommelfell zerstörender Rhythmus und eine Menschenmenge, in der wir ein weiter-geschobener Teil der Masse wurden. Ein Ruheplatz  von einer Sitzgelegenheit konnte nicht die Rede sein war momentan nicht zu finden und so begannen wir uns auf der Tanzfläche der brodelnden Menge anzugleichen. Wir hielten uns an den Händen, wurden losgerissen und verloren uns, waren von Freude durchglüht, wenn wir uns wieder fanden, und mit der Zeit wurde daraus ein lustiges Spiel  sich verlieren und wiederfinden.

Der Durst zwang uns schließlich an einen Tisch, an den wir uns quetschen konnten, nur um wenigstens einen Abstellplatz für ein mühsam ergattertes Getränk zu finden.

Ich war von mir begeistert, dass ich da so einfach mitmachte. Gedränge war eigentlich nicht mein Ding, aber es war so schön, immer wieder an Hermann gedrückt zu werden, und ob er es wollte oder nicht, er musste mich beschützend in den Arm nehmen.

Rasend verging die Zeit und irgendwann standen wir auf der Straße.

Ich atmete die Nachtluft genießerisch ein, als ich aus dem Schatten des Gebäudes ein lautes Schreien vernahm. Offensichtlich bedrängten zwei Jugendliche ein Mädchen.

Hermann eilte ihr zu Hilfe und riss einen der Knaben von ihr weg. Zitternd drückte sie sich an die Mauer, während der Junge sich drohend Hermann zuwendete.

Plötzlich blitzte ein Messer in seinen Händen und schoss auf Hermann zu. Mir raste das Herz und mein Aufschrei blieb mir im Hals stecken. Es ging alles blitzschnell.

Mein Freund war ein Kämpfer. Sein Arm wehrte das Messer gekonnt ab und es flog in weitem Bogen weg, während sein Gegner, von einem Haken getroffen, aufstöhnend zu Boden ging. Auch der zweite Junge, der sich nun einmischen wollte, wusste gar nicht, wie ihm geschah, als ihn Hermanns Fußspitze empfindlich traf und außer Gefecht setzte.

Es schien mir wie im Film.

Plötzlich war die Szene leer, nur das Mädchen stand noch immer zitternd an die Mauer gedrückt. Die Jungen hatten sich so schnell es ging, aufgerappelt und eiligst die Flucht ergriffen.

„Alles in Ordnung?“, fragte mein Held das Mädchen.

Sie nickte.

Hermann wandte sich lächelnd zu mir, legte seinen Arm um mich und ging mit mir, so als wäre nichts geschehen, weiter hinein in die silbrig glänzende Nacht.

3

Hermann

Dieser Abend hatte mich aufgewühlt.

Mit einem Mal war ich Erika so nah wie noch nie. Diese Freude, mit ihr beisammen sein zu können, diese Übereinstimmung unserer Denkweise und diese Ausgelassenheit, die uns erfasst hatte.

Jetzt ahnte ich, wie Liebe ist, und jetzt wusste ich, dass ich sie unendlich liebte. Ich scheute mich darüber nachzudenken wie sie sich fühlte, denn ich war schon glücklich, wenn ich mir einbildete, dass es bei ihr ähnlich sei.

Warum hätte sie sich sonst an mich gedrängt, mich berührt und angelächelt?

Vor lauter Glücksgefühl fand ich wieder einmal keinen Schlaf.

Meine Gedanken schweiften ab, zu diesem Kampf, und mir war das unangenehm.

Was wird sie wohl nach diesem Intermezzo von mir halten?, dachte ich.

Aber ich konnte nun einmal Gewalt gegen Schwächere nicht ertragen.

Der Kampf selbst war nebensächlich. Ich hatte als Junge viel gekämpft, zu viel, wie ich heute wusste. Deshalb verdrängte ich diese Zeit, konnte mich mit ihr nicht identifizieren und wenn ich daran denken musste, dann unbeteiligt, wie ein Beobachter, der, persönlich über den Dingen stehend, nur zusieht. Das damals war nicht ich gewesen, und daran zu denken, gelang mir nur in der dritten Person, davon zu sprechen war mir unmöglich.

Ja, der kleine Junge aus der Leebgasse 39 hatte eben früh lernen müssen sich zu wehren. In diesem Umfeld wuchs er auf, in das er hineingeworfen worden war, einem Umfeld aus Neid, Gier, Hass und Niedertracht, wo nur der Stärkere sich behaupten konnte, nur der galt, wer in der Lage war, sich und seine Habseligkeiten zu verteidigen.

Auch unter den Freunden, jenen Kindern, mit denen er leben musste, den Kindern der Nachbarin, gehörte Auseinandersetzung wie selbstverständlich dazu.

Kurti, im gleichen Alter, wurde sein bevorzugter Spielkamerad. Da gab es dann schon die ersten Streitigkeiten. Hermann bekam von seinen Eltern eine ganze Menge mehr oder weniger geliebtes Spielzeug. Das aber war für Kurti ein unerreichbarer Schatz. Von seinen Eltern hatte der kaum jemals etwas geschenkt erhalten. Deshalb ließ ihn Hermann auch mit seinen Spielsachen spielen, und manches schenkte er ihm.

Wenn es aber um das ferngesteuerte Auto ging, kannte er kein Pardon. Dieses hütete er wie seinen Augapfel, und oft wurde darum gerauft, denn Kurti wünschte sich auch nichts sehnlicher als dieses Auto.

Später dehnten sie ihre Spiele auf die weitere Umgebung, die Straßen, Plätze, Höfe und Parks aus. Da waren Kämpfe mit anderen unvermeidlich. Die beiden schweißte das allerdings zusammen, und sie lernten die Erfahrung kennen, dass man gemeinsam stärker ist.

Ihr Heimatbezirk Favoriten ist Arbeiter- und Fabriksviertel. Seine Hauptblüte erlebte dieser Stadtteil in der Gründerzeit, um die Wende in das zwanzigste Jahrhundert. Dies, sowie die Bombennächte des vergangenen Krieges ließen Ruinen und leere Hallen entstehen, die spannender Spielplatz, aber auch Kulisse von Bandenbildung war.

In der Hauptschule wurden sie zu den wichtigsten Objekten für die beiden.

Jede Gruppierung hatte einen Ruf und wollte ihn nicht nur verteidigen, sondern auch ausweiten. Das führte zu Kämpfen, Terror und Unterdrückung der Schwächeren. Diese waren daher gezwungen sich unter einen Schutz zu begeben.

Schorschis Bande hatte unter den Jugendlichen einen legendären Ruf. Ihr anzugehören war eine Auszeichnung und bot absolute Sicherheit. Auch Kurti und Hermann strebten danach. Aufgenommen wurde aber nur, wer sich bewährt, das heißt besondere Taten vollbracht hatte und dadurch den Bossen aufgefallen war.

Zunächst handelte es sich um reine Mutproben, denen sich die Buben unterzogen. Bald stellten sie fest, dass das zu wenig war. Es musste etwas mehr geschehen.

Ein alter Fußballspieler hatte sich der Jungen angenommen, und im Arthaberpark wurde ein Fußballplatz adaptiert. Dort trainierte er die Kinder und es fanden auch Spiele gegen andere Bezirke statt.

Hermann und Kurti machten mit und lernten dort die Stufenleiter der Hierarchie im Bezirk kennen. Der Star unter den Spielern, Toby, war auch Mitglied in Schorschis Bande.

Anlässlich einer Auseinandersetzung mit einem anderen der arrivierten Spieler staunten sie über die Kampftechnik des Jungen und fragten ihn, wo er das gelernt habe.

„In unserer Gang lernt das jeder“, erwiderte er stolz.

„Kann ich auch zu euch kommen?“, fragte Hermann.

Er schaute Hermann abschätzig an.

„Was hast du denn vorzuweisen?“

Hermann wies auf das kleine Gebäude, wo sie ihre Utensilien verstauen konnten.

„Ich spring vom Dach herunter.“

Mitleidig lächelnd wandte sich der Junge ab.

„Das ist zu wenig. Wenn du nicht mindestens einen ordentlichen Bruch gemacht hast, redet der Schorschi gar nicht mit dir.“

Die beiden saßen in einem Raum der ehemaligen Kesselfabrik, der ihr bevorzugter Treffpunkt war.

„Wenn wir einbrechen wollen, muss ein ganz genauer Plan her“, sagte Hermann. „Zuerst legen wir fest, wo wir einbrechen.“

„Das ist doch klar. Wo es am meisten zu holen gibt“, erwiderte Kurti.

„Falsch, wo es am leichtesten geht und doch Aufsehen erregt.“

Die Buben beschlossen durch die Gassen zu streifen und ein Objekt auszuforschen, das diese Kriterien erfüllen würde.

Kurti hatte einen Fußball mitgenommen und so konnten sie spielerisch auch die Hinterhöfe erkunden, ohne besonders aufzufallen.

Hermann blieb bei der Buchhandlung in der Leebgasse stehen und blickte in die Auslage.

Leise raunte er Kurti zu: „Den hinteren Hof müssen wir anschauen.“

Kurti ließ den Ball fallen und kickte ihn durch die Einfahrt. Hermann rannte hinterher und spielte mit dem Ball gegen die Mauer, wobei er sich die Eingänge und Fenster einprägte. Dann kickte er das Leder wieder hinaus auf die Gasse und Kurti nahm es wieder hoch.

In ihrer Fabrikruine besprachen sie das weitere Vorgehen.

„Die Buchhandlung ist am besten geeignet. Die Hofeinfahrt hat keine Türen, ist also auch in der Nacht offen. Von hinten führt die Eingangstüre, wie es scheint, direkt in das Geschäft. Die bringen wir sicher auf. Vorher gehe ich noch in den Laden und schau mir alles von innen an.“

„Gut“, sagte Kurti „und ich besorg uns entsprechende Werkzeuge.“

Als Hermann die Buchhandlung betrat, kam ein älterer Mann auf ihn zu.

„Was kann ich für dich tun?“

„Ach, ich will mich nur etwas umsehen.“

„In welche Schule gehst du?“, fragte der Mann.

Das machte Hermann verlegen, weil er nicht wusste, ob er damit nicht zu viel über sich verraten würde.

„Ich will mir nur was anschauen“, sagte er stattdessen und wandte sich einem Regal zu.

„Ich glaub, hier wirst du nichts finden. Das ist mein Antiquariat, aber siehst du, dort gibt es Interessanteres für dich. Abenteuerromane, ich glaub, das ist es, was du suchst.“

„Vielleicht“, meinte Hermann achselzuckend.

„Na, dann schau dich nur um und frag mich, wenn dich etwas interessiert.“

Hermann überflog das Lokal und sah am Tresen eine alte Registrierkasse stehen. Er nahm ein Buch aus dem Regal und begann es, ohne zu lesen, durchzublättern. Selbst der Titel drang nicht in sein Bewusstsein.

Lesen interessierte ihn eigentlich nicht. Er war ein Mann der Tat, bildete er sich ein, und dieser Bücherladen war nur dazu da, zu zeigen, was in ihm steckte.

Er stellte das Buch zurück und winkte, den Laden verlassend, ganz cool dem Händler zu.

Das Werkzeug enthielt neben Schraubenziehern verschiedener Größe, Hammer und Zangen, auch ein Brecheisen.

Etwas nach Mitternacht tauchten die Buben vor der Buchhandlung auf und drückten sich in den Innenhof. Die Türe zum Laden war aus massivem Holz, aber dem Brecheisen widerstand der Rahmen nicht und mit einem Knirschen gab er nach.

Sie befanden sich in einem Gang.

Es gab drei Türen. Eine kleinere ging wohl in eine Abstellkammer oder ein WC, war also nicht von Interesse.

Hermann rüttelte an der nächsten versperrten Türe. Es war eine gewöhnliche Zimmertür und mit einem Ruck des Brecheisens war sie offen.

Im Schein einer Taschenlampe sah er den Verkaufsraum der Buchhandlung. Er entdeckte gleich die Registrierkasse und machte sich an sie heran. Die Lade hielt dem kräftigen Schraubenzieher und den Hammerschlägen nicht lange stand. In ihr lagen mehrere Geldscheine, die er herausnahm und in seine Tasche steckte. Das Kleingeld ließ er unangetastet.

Nun hatten es die Buben eilig, wobei sie alles, außer der Hoftüre, offenstehen ließen.

„Ich möchte mit Schorschi reden“, sprach Hermann seinen Fußballfreund an.

„Will er mit dir reden?“

„Ich glaube schon. Hast du von dem Überfall auf die Buchhandlung in der Leebgasse gehört?“

Er nickte. „Stand in der Zeitung.“

„Das waren wir, Kurti und ich.“

„Aha  gut, dann frag ich halt den Schorschi, und wenn er einverstanden ist, führe ich euch hin.“

Es war nicht weit. Über die Quellenstraße hinüber. Ein riesiger Schornstein überragte einen Gebäudekomplex. Durch ein altes, quietschendes Tor gelangten sie in einen mit Gerümpel angefüllten Hof.

Eine energische Stimme ließ sie verharren. „Was wollt ihr hier, verschwindet.“

„Ich bin es, Toby, ich möchte zu Schorschi und ihm zwei interessante Leute bringen. Er erwartet uns.“

Ein kräftiger Bursche im Alter von etwa zwanzig Jahren tauchte zwischen dem Gerümpel auf.

„Ach, Toby  ist gut. Der Schorsch ist da. Du weißt ja, wo du ihn findest.“

Toby nickte, und sie betraten ein verfallenes Stiegenhaus. Auf den Stufen nach oben lag Schutt. Toby führte sie hinunter in den Keller.

Hier war es feucht, aber als sie eine Tür öffneten, änderte sich das Bild. Sie fanden sich in einem Personalraum. In der Mitte stand ein großer Tisch, an dem zwei Jungen saßen, deren Gelächter wie eine Welle auf die Eintretenden traf.

Das Gelächter verstummte und sie schauten auf.

„Hallo Toby, willst du zum Boss? Er ist drinnen. Geh nur hinein.“

Der Sprecher stand auf und klopfte Toby auf die Schulter.

„Ihr wartet hier“, wies Toby Hermann und Kurti an.

Es dauerte nicht lange, bis sich wieder die Tür öffnete und Toby sie hereinwinkte.

Ein alter Schreibtisch dominierte den Raum. Dahinter saß ein bulliger Mann mit einer breiten Narbe im Gesicht, dessen Alter schwer einzuschätzen war, aber wohl zwischen zwanzig und dreißig Jahren liegen musste.

„Der Bruch in der Buchhandlung geht also auf euch.“

Schorsch schaute sie aus zusammengekniffenen Augen an.

Hermann nickte und legte das erbeutete Geld auf den Tisch.

Schorschi entspannte sich, und ein kleines Lächeln formte seine schmalen Lippen.

„Ein Anfang? O. K.  ihr wollt also zu uns?

Toby, geh mit ihnen zum Boxclub im Jugendzentrum und sag Max, er soll sie trainieren und ihnen Kämpfen beibringen.“

Nun gehörten sie also zur Bande und fühlten sich große Klasse.

Das Wochenende konnte ich kaum erwarten, denn als ich mich endlich entschlossen hatte, Erika wegen eines Wiedersehens anzurufen, war die halbe Woche schon um.

Sie meldete sich mit gewohnt fröhlicher Ansage. Als ich meinen Namen nannte schien es mir, dass ihre Stimme noch erfreuter klang, oder bildete ich mir das nur ein?

So fiel es mir leicht, meine Bitte um ein Treffen vorzubringen.

„Ja, ich würde mich auch freuen, wenn wir uns sehen könnten.“