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Es geht um Sehnsucht nach Liebe und dem Kampf der Protagonistin mit sich und der Welt. Ein Roman für Leser, die sich für Schicksale interessieren. Das Umfeld jener Zeit mit ihren sozialen Vorbehalten, bewirkt ungewöhnliche Handlungen eines milieugeprägten, heranreifenden Mädchens.
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Seitenzahl: 233
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Gerhard Grollitsch
Margarethe
Schicksal einer Liebenden
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Inhaltsverzeichnis
Titel
IN NOT UND ARMUT
ZWISCHEN MÄRCHEN UND WIRKLICHKEIT
SEHNSUCHT NACH LIEBE
EIN BLICK INS PARADIES
LICHT UND SCHATTEN
STURZ INS AUSWEGLOSE
ILLUSIONEN
Am Zielpunkt ?
AUSSER KONTROLLE
UNGEWISS
NUR HOFFNUNG BLEIBT
Impressum neobooks
Radenthein war im Jahre 1935 ein kleines, vor allem landwirtschaftlich geprägtes Dorf. Doch schon langsam begann die Bergbauindustrie das Leben der Dorfgemeinschaft zu dominieren
„Gehst a zum Kirchtag“, fragte der Knecht Michi die Aushilfsmagd Elisabeth Schimek, allgemein nur Lis gerufen, eine magere, aber drahtige Person um die dreißig Jahre.
„Was soll i am Kirchtag? Zuschauen?
I hab doch ka Geld bei dem Wenigen, was i då verdien.“
„Håb die nit so. I låd die ein. Für a Bier wird´s schon reichen und tånzen magst doch, oder?“
„Ja, tånzen möcht i schon.
Is lång her, dass i auf an Tånzboden wår.“
„Also åbgmåcht. Um a siebene treff ma uns.“ bestimmte der Knecht.
Elisabeth war arm wie eine Kirchenmaus. Sie war nur Taglöhnerin und den Vater musste sie auch noch durchbringen. Der war einst Arbeiter im Werk gewesen und ist nun arbeitslos. Sie musste wieder einmal heraus aus dem Elend, für ein paar Stunden alles vergessen und lustig sein.
Die Einladung des Knechtes war ihr sehr willkommen.
Sie schlüpfte also in ihr sorgsam gepflegtes, für den Kirchgang bestimmtes Sonntagskleid, ein Erbstück ihrer Mutter. Sie war festlicher Stimmung, als sie neben dem Knecht beim einem Bier saß und die Musik zu spielen anhob.
„Då is jå dem Bruggerbauern sei Maria“, rief Michi erfreut und wurde rot. Er stand auf und ließ Lis allein zurück.
„Willst mit mir tanzen?“
Ein verwegen blickender Bursch, etwa in ihrem Alter, vielleicht ein paar Jahre jünger, packt sie am Arm und zieht sie hoch. Ehe sie es sich versah, drehte sie sich im Polkatakt.
„Woher kommst denn?“, fragte sie nach Atem ringend.
„I bin der Paul, Arbeiter im Werk und du?“
„ I bin die Elisabeth, Lis sågen alle zu mir.“
Die Polka hatte die beiden erhitzt und lachend schob er die Lis durch das Gedränge zu ihrem Platz. Ungeniert setzte er sich neben sie und bestellte ein Bier für beide, nachdem Elisabeth das noch ungetrunkene gierig hinuntergestürzt hatte.
„Du bist also der Paul. Håst sonst noch an Nåmen?“
„Jå, Stadler. I bin Schichtführer im Werk.“
„Då geht’s da jå guat?“
„Frågt sich nur, wie lång noch. Es haßt, die wollen Leut åbbauen.“
„Die Zeiten san schon lausig. Mei Vater håt a die Arbeit im Werk verloren“, erwiderte Elisabeth.
„Die Alten håt´s schon erwischt“, nickte Paul.
„Wie haßt denn dei Våter, vielleicht kenn i ihn?“
„Valentin Schimek.“
Er schüttelte den Kopf.
„Na, i glaub net. Aber måcht nix. Hauptsåch i kenn sei Tochter.“
Er rückte näher und Elisabeth war das ganz angenehm. Auch als er seinen Arm um sie legte, war ihr das recht. Entschlossen drehte er ihren Kopf zu sich und küsste sie. Elisabeth erwiderte den Kuss.
Vom Tanzboden her kam plötzlich ein Tumult auf. Die Musik spielte unverdrossen und wie es den Anschein hatte, sogar lauter werdend weiter, aber die Rufe und Schreie übertönten doch alles. „Kommunistenpack Nazischweine“ war zu hören. Paul riss sich von Elisabeth los, stürmte Richtung Tanzboden und stürzte sich in das Getümmel.
Verstört beobachtete sie den Wirbel. Gläser und Flaschen zersplitterten, Holz krachte und brach. Dann sah sie, wie das geborstene Geländer der Tanzfläche, als Keule zweckentfremdet, auf die Raufenden niedersauste. Die Schreie wurden immer lauter, aber die Kapelle spielte dennoch weiter. Von Ferne hörte man ein Martinshorn und plötzlich stob die Menge auseinander, Polizisten stürmten im Laufschritt, Gummiknüttel schwingend, in den Gastgarten. Elisabeth wurde von hinten gepackt und hochgerissen.
„Komm, schnell“, rief Paul. „Wir müssen hier weg.“
Sie liefen um das Gasthaus herum und über die Felder zum Waldrand. Sie warfen sich in den Schutz der Bäume. Nachdem sich ihr heftiges Keuchen beruhigt hatte, rutschte Paul zu ihr und nahm sie in den Arm. Sie küssten sich stürmisch und ihre Körper fanden zueinander.
Eine ganze Woche hatte Elisabeth von Paul nichts gehört.
Jede Nacht dachte sie an ihn, aber langsam verlor sich die Erinnerung und es schien ihr alles nur ein Schemen gewesen zu sein.
Da klickte es an ihrem Fenster. Sie wurde aufmerksam und stieg aus dem Bett. Wieder flog ein Steinchen an die Scheibe. Nun stieß sie das Fenster weiter auf und schaute hinaus. Unten stand Paul. So wie sie war rannte sie über die Treppe zur Tür hinaus. Er legte seinen Finger an die Lippen und zog sie in den Schatten.
Nachdem er sie eilig geküsst hatte, flüsterte er ihr zu: „I bin auf der Flucht vor der Polizei. I muass då weg.“
„Wohin gehst denn?“, fragte sie erschrocken.
„Nåch Deutschland.“
Er drückte sie wieder an sich und verschwand bevor sie noch irgendetwas sagen konnte.
Radenthein im Jahr 1938 zeigte sich festlich geschmückt.
„Das Elend ist vorbei“, rief der Vater, als er in die Stube trat. „Ich hab im Werk eine Anstellung als Portier bekommen.“
Margarethe, das Kind Elisabeths, lief zum Großvater hin und schmiegte sich an seine Beine.
Elisabeth schaute vom Herd auf und lächelte. „Ja, wir gehören jetzt auch zum Reich und die Not hat ein Ende. Der Bauer hat mich gefragt, ob ich bei ihm als Magd, fix angestellt, arbeiten möchte.Natürlich müsste ich am Hof wohnen. Die Kleine kann ich mitnehmen.“
„Klar. Zieh nur hinauf, ich komm schon zurecht, jetzt wo ich Arbeit hab.“
Radenthein im April 1945. Der Krieg lag in der Endphase. Auf einer abschüssigen, mit Sonnenlicht überstrahlten Wiese weideten ein paar Ziegen.
Margarethe, Gretl gerufen, war an dem Vormittag mit ihrem Freund Herbert am Waldrand und hütete die Tiere. Von Ferne war nur das Scharren des Pfluges und das gelegentliche Schnauben des Zugtieres vernehmbar. Am Feld unter der Wiese war ein Bauer mit Ackerarbeit beschäftigt.
„Hü, - vadåmmter Gaul, kånnst net in der Spur bleiben“, schimpfte der Bauer. Ein unwilliges Wiehern des Pferdes und Klirren des Geschirrs drang bis zu ihnen hinauf.
Steil fiel das ganze Gelände zur Landstrasse ab, die sich wie ein Band durch das enge Tal schlängelte. Der junge Tag war auch erfüllt vom Gesumm der Bienen, unbeeindruckt von den Sorgen der Zeit. Unten auf der Fahrbahn kam ein kleiner LKW angezuckelt, auf dessen Ladefläche zwei Frauen hockten. Das Motorengeräusch drang nur sehr leise bis zu ihnen, aber plötzlich schreckten die Kinder auf, als ein Donnern vom Westen kommend, alles zu übertönen begann. Sie konnten kaum glauben, was sie da sahen: Unter ihnen blitzten zwei Flugkörper auf, die sich in rasender Geschwindigkeit dem LKW näherten. Gretl schienen sie zum Greifen nahe, sie konnte die Piloten in den Kanzeln und die weißen Sterne auf den Flügeln sehen.Ein helles Knattern durchschnitt das Getöse.
Herbert riss sie aus ihrer Erstarrung und zog sie hinter die nahen Büsche. Als sie wieder den Mut fasten, hinunterzublicken, stand der LKW am Straßenrand. Rauch und Feuer hüllte die Fahrerkabine ein. Die Frauen lagen reglos auf der Ladefläche.
Dann näherte sich das Motorengeräusch erneut und die Flugzeuge donnerten zurück. Die Kinder drückten sich vor Angst wieder tiefer in die Büsche. Gretl hielt sich die Augen zu, während Herbert das Geschehen fassungslos verfolgte.
Ein Flieger zog knapp über den LKW und belegte ihn nochmals mit einer Garbe, während der andere direkt zu ihnen hochzog, so dass Herbert glaubte, er hätte sie entdeckt und sie wären Ziel des Angriffs. Tatsächlich knatterten wieder Schüsse, aber sie galten nicht ihm. Der Bauer, der stehen geblieben war und das Schauspiel verfolgt hatte, stürzte wie umgemäht zu Boden. Erst als sich das Donnern der Motoren in der Ferne verlor, traute sich Gretl wieder die Augen zu öffnen. Sie sah den Knecht im Feld liegen. Den Pflug hatte das durchgehende Pferd an den Ackerrand geworfen wo er sich verhakte.
Gretl stieß den sprachlos erstarrten Herbert an: „Komm, wir müssen zum Mathias hinunter. Der liegt da und rührt sich nicht.“
Nun schien Herbert die Wirklichkeit zu erfassen und sprang auf. Sie rutschten und hüpften den Hang hinunter. Da lag er in seinem Blut.
„Wir müssen Hilfe holen“, rief er und zog Gretl weg.
Wie von Furien gehetzt, sausten die Kinder los.
Heute ist Radenthein ein Industrieort mitten im Drautal.
Das Magnesitwerk schmiegt sich an den Sonnenhang und mit ihm die Blocks der Arbeiterwohnungen, sowie etliche kleinere Häuschen mit Garten, die meist von den Facharbeitern des Werkes gebaut wurden und von ihren Familien bewohnt werden. Aber auch die bodenständigen Siedler, zumeist kleine Bauern, auch solche, die als Nebenerwerbsbauern tagsüber in der Fabrik beschäftigt werden und die Land- oder Viehwirtschaft mit Unterstützung ihrer Frauen in der Freizeit betreiben, mischen sich darunter.
Ebenfalls am Sonnenhang eingebettet, liegt der Friedhof.
Hier manifestiert sich die Geschichte des Ortes.
Schicksale, meist von Armut geprägt, werden offenbar, wenn man sich Zeit nimmt, zwischen den Grabsteinen umher zu wandern und ihre Inschriften zu lesen. Vor einem dieser Grabsteine stand Gretl, zu einem jungen, sehr schlanken, für ihre Größe von einem Meter siebzig fast mager wirkenden, dunkelhaarigen Mädchen herangewachsen, und versuchte ihrer Tränen Herr zu werden. In der Hand hielt sie einen selbst gepflückten, liebevoll zusammengestellten Blumenstrauß aus Feldblumen. Sie suchte nach einem Behältnis. Von Allerheiligen waren vertrocknete Blumen in einer Blechbüchse am Wegrand vergessen worden.
Sie nahm die Dose und entfernte die vertrockneten Stängel. Dann füllte sie diese beim nahe gelegenen Wasseranschluss und stellte ihren Strauß hinein, den sie vor dem Grabstein platzierte. Sie stand nun davor und leicht bewegten sich ihre Lippen im Gebet.
Schließlich setzte sie sich auf den Rasenfleck vor dem Grab und hielt mit ihrem Großvater Zwiesprache. Das macht sie immer, wenn sie alle zwei bis drei Wochen von Klagenfurt nach Radenthein kommt nicht wegen ihrer Mutter, da würden die heiligen Zeiten für einen Besuch schon reichen , nur dem Großvater konnte sie ihr Herz ausschütten, ihre Freuden und Leiden erzählen, so wie sie es zu seinen Lebzeiten immer getan hatte.
Damals gab es oft genug Anlass zu ihm zu flüchten und sich von ihm trösten zu lassen. Ihre Gedanken verloren sich in diese Zeit und sie sah sich als kleines vaterloses Mädchen in die Volksschule gehen. Der Vater hatte, wie sie später erfuhr, ihre Mutter mit dem Kind sitzen lassen und so musste sich diese mit ihrer Tochter durch Aushilfsarbeiten bei den Bauern ernähren. Der Großvater aber war das Zuhause. Er gab ihr Wärme und sie holte sich bei ihm Trost und Rat. Trost brauchte sie in übergroßem Maß, denn es mangelte ihr an Mutterliebe.
Die Mutter war hart und hatte sie schon als kleines Kind zur Mithilfe gezwungen. Wenn sie etwas nicht nach dem Willen der Mutter machte oder Dinge, die sie zu erledigen hätte, nicht gleich sah, wurde sie von ihr an den Haaren zur Arbeit gezogen. Das führte dazu, dass sie sich oft vor ihr in den nahe gelegenen Stall des Bauern flüchtete. Dieser hatte Ziegen und Katzen, die ihre liebsten Spielkameraden wurden. Sie führte die Ziegen auf die Weide. Dort konnte sie ihnen erzählen, wie ihr ums Herz war und da drückte sie die Tiere an sich, um ihnen ihre Liebe zu zeigen. Das spürten diese auch und folgten ihr auf Schritt und Tritt. Aber nichts und niemand konnte den Großvater ersetzen. Von ihm hörte sie Geschichten über Prinzessinnen, Elfen und Berggeister, die sie ihren Tieren weitererzählte. Manche waren auch gruselig. Die durfte sie ihnen natürlich nicht zumuten.
Aber die Geschichte vom verwunschenen Wald war ihre Lieblingsgeschichte, die der Großvater unzählige Male hervorholen musste. Sie setzte sich auf einen Schemel zu seinen Füßen und bat: „Bitte erzähl mir die Geschichte vom verwunschenen Wald.“
Wenn er dann mit den Worten „Es war einmal ein kleines Mädchen …“ begann, versank für sie die Wirklichkeit. Zwar fing die Geschichte immer mit diesen Worten an, aber sie war voll von Abenteuer und Begebenheiten, von denen die Kleine nicht genug bekommen konnte, denn immer wieder erlebte das Mädchen etwas Neues und Gretl lebte mit dem Mädchen so mit, als wäre sie selbst jenes Kind, das der Phantasie des Großvaters entsprang. Natürlich war sie es, denn wen sollte er sonst meinen als sie?
Sie geht also in den Zauberwald und hört, wie ein Baum zu ihr spricht. Zuerst glaubt sie, sich verhört zu haben, aber dann setzt sie sich auf einen Baumstumpf um die Geräusche besser verstehen zu können. Wieder hört sie den Baum sprechen. „Ein böser Hexenmeister hat unser Volk in Bäume verwandelt. Wir waren Bergleute und haben nach Erz gegraben, viele Generationen lang. So hat sich ein Vermögen angesammelt, das unser aller Besitz war und das wir schützen mussten. Aber der Zauberer wollte uns den Schatz nehmen. Wir haben ihn im Berg gut versteckt. Aus Wut darüber hat er uns in Bäume verwandelt und dieser Fluch wird so lange dauern, bis jemand kommt, der ihn hebt und seinen Wert zu schätzen weiß. Such doch nach ihm. Er liegt in einem Bergstollen. Wenn du ihn aufspürst, bewahre ihn gut, denn der Zauberer wird alles tun, um ihn dir wegzunehmen. Deshalb verlier ihn nicht, bis der böse Fluch an Kraft verliert und unser Volk erlöst wird. Du musst fest an dein Glück glauben, denn wenn du es gefunden hast, dann wird der Bann gebrochen.“
Der Großvater fand immer wieder neue Wendungen für diese Geschichte, aber jetzt, da er tot ist, muss sie sich wohl selbst auf die Suche nach dem Glück begeben und hoffnungsvoll sagte sie zu ihm: „Ich werde es finden.“
Die Volksschul und auch die Hauptschulzeit vergingen.
Margarethe Schimek war eine gute Schülerin und die Lehrer hatten sie gern, ganz im Gegensatz zu ihrer Mutter, wie sie glaubte. So ging sie mit Freude zur Schule und war traurig, als dieser Abschnitt zu Ende gegangen war. Sie wusste nicht, was auf sie zukommen würde, aber Gretl wollte nur weg von zu Hause.
Die Mutter beschloss, sie in Klagenfurt in die Handelsschule zu schicken. Dieser Entschluss wurde gefasst, weil der Pfarrer einen Platz im Caritas-Heim vermitteln konnte.
Es begann ein neuer Lebensabschnitt. Nicht mehr geschlagen, aber trotzdem ohne Liebe, musste sie die Fremde ertragen. Umso empfänglicher war sie daher für die Avancen die ihr der junge Stenographielehrer Martin Stangel machte. Erstmals spürte sie, dass sie als Person einen Wert für jemanden hatte. Der Großvater war bisher der Einzige gewesen, von dem sie wusste, dass er sie liebte. Aber das war etwas ganz anderes. Diesmal war es ihr Lehrer, eine Respektsperson, die sich um sie kümmerte, und das schmeichelte ihr und baute ihr kümmerliches Selbstbewusstsein gehörig auf.
Mit Garderobe war Gretl so gut wie gar nicht ausgestattet. Außer Bluse und Rock, die sie in die Schule anzog, hatte sie nur zwei Garnituren Unterwäsche, zum Wechseln. Allerdings hatte sie vom Großvater, kurz vor seinem Tod und gewissermaßen als Vermächtnis, ein duftiges, weites Sommerkleid geschenkt bekommen und das hütete sie wie ihren Augapfel. Als ihr Lehrer sie mit besonderem Interesse ehrte, hatte sie dieses Kleid angezogen, denn sie war von ihm zu einem Kinobesuch eingeladen worden.
„Das ist ein besonderer Film, den musst du unbedingt sehen. Ich lad dich ein“, lächelte er sie an und ihr stockte der Atem. Kein Wort kam über ihre Lippen, nur zu einem zustimmenden Lächeln war sie fähig.
Er ging also mit ihr ins Kino und anschließend ließ sie sich in seine Wohnung locken. Er versprach ihr, Schallplatten vorzuspielen, kam aber gleich zur Sache und bedrängte die überraschte Gretl. Kaum hatte sie das Zimmer betreten, packte er sie von hinten und griff an ihre Brust. Erschrocken blieb sie stehen und rührte sich nicht, auch dann nicht, als er sie zu sich drehte und an die Wand drängte. Wie ihr jetzt diese Erinnerung durch den Kopf ging, flüsterte sie zum Kreuz des Grabes hin: „Glaub mir, ich war so überrascht. Das hatte ich nicht erwartet und auch nicht gewollt.“
Als ob es gerade erst geschehen wäre, stand die Erinnerung alles Weiteren vor ihren Augen. Sein Körper drückte sich auf den ihren und sein Mund presste sich auf ihre Lippen. Bevor sie überhaupt irgendeine Reaktion zeigen konnte, war seine Hand schon unter ihr Kleid gefahren und schob es hoch. „Ich konnte es nicht glauben. Mein Lehrer? Er war doch eine Respektsperson und nie hätte ich das von ihm erwartet.“ Jetzt kam Bewegung in sie. Sie presste ihre Beine zusammen und versuchte, seinen gierigen Küssen zu entkommen, indem sie ihren Kopf zur Seite drehte. Noch immer war ihre Abwehr nicht wirklich eindeutig. „Ich hab nicht gewusst, was ich tun sollte. Durfte ich ihn denn einfach weg stoßen?“ Aber ihr passives Verhalten ermunterte ihn. Er hob sie einfach hoch. Der Raum war mit einer Couch ausgestattet, die ihm auch als Bett diente. Dorthin trug er sie, warf sie hin, so dass ihr leichtes Kleid nach oben rutschte. Der Anblick ihrer langen Beine erregte ihn so sehr, dass er seine Hose abstreifte, sich über sie beugte und ihr Kleid bis zum Bund hinaufschob. Ein Streifen ihres nackten Bauches wurde sichtbar, begrenzt durch den Saum ihres Höschens. Bar aller Hemmungen, riss er es mit einem Ruck herunter und warf sich auf sie.
Gretl war durch seine plötzlichen Handlungen so geschockt, dass sie, zu keiner Reaktion fähig, die Augen zudrückte und von dem Geschehen nichts wirklich wahrnahm. Erst als er sich zwischen ihre Knie drängte, wurde ihr der Ernst der Situation bewusst. Sie schrie auf und wollte durch heftiges Strampeln das Unvermeidliche verhindern. Und sie schrie weiter, als sie Schmerz durchzuckte. Ihr Schreien hörte unter seinen brutalen Stößen nicht auf. Als er sich schwer atmend von ihr wälzte, sprang sie weinend auf, packte ihr misshandeltes Dessous und stürmte aus der Wohnung.
„Opa“, flehte sie zum Kreuz hin, „glaub mir doch, ich hab das wirklich nicht gewollt.“ Nochmals bewegte sie ihre Lippen im Gebet. Dann stand sie auf und winkte ihrem Großvater zum Abschied zu. Langsam stieg sie die Stiegen zur Straße hinunter und machte sich auf den Rückweg.
Gretl schloss sich Maria, einem gleichaltrigen Mädchen an, mit der sie ein ähnliches Geschick verband und mit der sie auch schon gemeinsam zur Schule gegangen war.
Im Heim hatte sie gelernt, ihre Interessen zu verteidigen und sich auch, notfalls mit Gewalt, durchzusetzen.
Diese Zeit war nun vorbei! Sie hatte in einem Lebensmittelgroßhandel eine Stelle gefunden, verblieb aber mit ihrer Freundin trotzdem im Heim.
Sie arbeitete sich in ihrer neuen Firma rasch ein und wurde von ihren älteren Kollegen, insbesondere von Herrn Orasch, als das „junge Fohlen“ in Obhut genommen. Trotz ihres rassigen Aussehens, vermittelten ihre großen, dunklen Augen ihrer Umgebung das Bedürfnis, sie zu umhegen und zu beschützen. Ein Arbeitskollege, Erwin, etwas über dreißig Jahre, bemühte sich besonders um sie. Gelegentlich ließ sie sich von ihm ins Kino ausführen, aber außer ein paar Küssen beim Nachhausegehen, hielt sie ihn auf Distanz. Ihre Freundin Maria bestärkte sie in dieser Haltung, weil diese befürchtete, sie sonst zu verlieren und allein im Heim bleiben zu müssen.
Erwin fühlte sich sehr sicher, dass Gretl ihm schließlich nachgeben würde und begann über sie zu bestimmen. Dies missfiel ihr und sie hielt weiterhin Abstand zu ihm, ohne ihn allerdings größer werden zu lassen. Erwin empfand das als Einverständnis und versuchte weiterhin hartnäckig sein Glück.
In dem Wiener Mietshaus Goldeggasse 4 saß Andreas Meislitzer in seiner Studentenbude und hielt einen Brief in den Händen, den er gerade dem Postkasten entnommen hatte. Früher sprang sein Herz jedes Mal beim Anblick der vertrauten Handschrift hoch, denn sehnlichst waren von ihm immer diese Liebesgrüße aus seiner Heimatstadt Klagenfurt erwartet worden. Das endete aber in dem Augenblick, als ihm seine Freundin Edith mitteilte, dass sie sich in einen anderen verliebt hätte.
Er hatte Edith in seiner Mittelschulzeit am Sportplatz kennen gelernt. Sie war sechzehn Jahre, äußerst quirlig, konnte aber auch gewaltig in Romantik schwelgen. Sie hatte also alles, was einen noch nicht achtzehn Jahre alten Jungen, wie das Licht die Motten, anzog. Die Beziehung zu ihr gestaltete sich für ihn wie eine Achterbahnfahrt: ein ewiges Auf und Ab, Liebesjauchzen und tiefe Verzweiflung.
Als er zum Technikstudium nach Wien ging, waren es ihre Briefe, die ihn an die Heimat banden. Die hatten es in sich, denn das Mädel verstand es, ihrem Briefpartner die ganze Gefühlsskala eines Teenagers zu Füssen zu legen und ihn damit auch in der Ferne gehörig an die Leine zu nehmen.
Wie eine kalte Dusche wirkte dann aber ihr Geständnis, sich in einen anderen verliebt zu haben. Das traf Andreas zu einem Zeitpunkt, als er am wenigsten damit gerechnet hatte, an seinem Geburtstag. Damit erzwang Edith zwar formal die Freigabe, was immer sie darunter verstand, wollte aber andererseits ihren Anbeter nicht von ihrer Angel lassen. Sie bat ihn daher um ewige Freundschaft, die alle Jahre wieder, durch ein Treffen erneuert werden sollte.
Für Andreas war Freundschaft eine ernsthafte Angelegenheit und es gelang ihm leichter, seine Enttäuschung zu verdauen, indem er sie in Freundschaft umwandeln konnte. Das war für ihn dann aber so wichtig geworden, dass er zu der von ihr später gewünschten Rückwandlung nicht mehr bereit war. Und nun bekam er diesen Brief von ihr, der bereits seine Freundschafts-dienste abrief:
Andreas, ich bin so schrecklich krank. Ich brauch Deine Hilfe. Komm dringend.
Er reiste unverzüglich an ihr Krankenbett.
Bedauernswert und hilfsbedürftig lag sie da und gab ihm das Gefühl einem Samariter zu gleichen.
In den nächsten Tagen war er daher viel bei ihr und wurde von ihrer Mutter schon wie ein Schwiegersohn behandelt. Er mochte Frau Johanna Kovalik und deshalb widersprach er nicht. Edith wird ihr schon sagen, dass zwischen ihnen nur mehr Freundschaft war, denn es kam ihm niemals in den Sinn, das Mädchen selbst könnte das wieder anders sehen. Schließlich hatte sie sich von ihm getrennt und das Ende ihrer Liebe eindrucksvoll unter Beweis gestellt, denn die Ursache ihrer geheimnisvollen Krankheit war die vollzogene Abtreibung des Kindes seines „Nebenbuhlers“, von der ihre Mutter natürlich nichts wissen durfte.
Trotzdem fühlte er sich, wegen seines Freundschaftsversprechens ihr gegenüber, verpflichtet.
Jetzt erwartete sie Schonung und seelischen Beistand, den ihr ihre Mutter offenbar nicht ausreichend geben konnte. Also war er ihr nicht nur Freund, sondern auch Mutterersatz geworden. So schien es ihm jedenfalls.
Am Samstagnachmittag bekam Edith von ihrer Schulfreundin Gretl Schimek Besuch.
Andreas kannte sie noch nicht und Edith stellte ihn der Freundin wie eine Trophäe vor, was ihn amüsierte.
„Mein Freund Andreas Meislitzer“, betonte sie augenzwinkernd.
Andreas ging kommentarlos darüber hinweg.
Gretl schaute ihn mit großen Augen an und er fühlte sich gleich zu ihr hingezogen. Edith merkte das offensichtlich, denn sie versuchte, als Gretl sich verabschiedete, Andreas unter fadenscheinigen Vorwänden, noch zum Bleiben zu veranlassen. Doch er ließ sich nicht halten und ging gemeinsam mit Gretl weg.
„Trinken wir noch einen Kaffee miteinander?“
„Ja, gern.“
Sie wunderte sich über sich selbst. Normalerweise ging sie nicht gleich mit jedem mit, der sie zum Cafe einlud, aber in diesem Fall war ihr der Junge von Edith vorgestellt worden und so einer war schon deshalb interessant. Das allein war es aber nicht. Sie fand ihn nett, anders als sie es von Ediths Freunden normalerweise erwartete. Das machte neugierig.
Sie suchten in der Stadt das Café Berger auf.
„Du bist also eine Freundin von Edith?“, fragte Andreas.
„Das ist zuviel gesagt. Wir sind zusammen in die Handelsschule gegangen. Gelegentlich treffen wir uns und ich habe sie auch einige Male besucht, wenn ich mich einsam fühlte. Nun habe ich gehört, dass sie krank ist.“
„Bist du nicht aus Klagenfurt?“
„Nein, meine Mutter lebt in Radenthein. Ich bin in Klagenfurt zur Schule gegangen und habe dann eine Stelle bei einem Lebensmittelgroßhandel angenommen, wo ich derzeit arbeite.“
„Und du, du gehst mit Edith?“, fragte sie neugierig.
„Falsch, wir sind Freunde.“
„Gibt es das bei Edith?“, wunderte sich Gretl und fixierte ihn mit ihren dunklen Augen.
„Du hast schon Recht“, lachte er, „aber das ist vorbei.“
„Und was machst du?“, wollte sie wissen.
„Ich studiere in Wien Elektrotechnik.“
„Dann bist du ja nur zufällig da?“, seufzte sie.
„Aber recht oft.“
Je länger sie ihn betrachtete, desto besser gefiel er ihr. Er hatte dunkelbraune gewellte Haare. Eine Locke fiel ihm immer wieder ins Gesicht und ließ seine Züge weich werden. Wenn er sie ärgerlich zurückwarf, wirkte er aber sehr entschlossen. „Trotzdem. Er müsste wohl ein romantisches Gemüt haben“, dachte sie.
„Wann musst du wieder nach Wien?“, fragte Margarethe schließlich.
„Schon am Sonntag, deshalb wäre es schön, wenn wir uns vorher noch treffen könnten.“
„Du willst mich treffen? Warum denn?“
„Weil ich dich besser kennen lernen will. Wir könnten uns doch noch heute Abend sehen, wenn du Lust hast?“
Eigentlich hatte Gretl nichts Besonderes vor. Mit Erwin war sie schon gestern im Kino gewesen und an diesem Wochenende wollte sie nicht mit ihm zusammen-kommen. Er musste auf Distanz gehalten werden.
Sie sah sich in dem dürftigen Zimmer im Heim vor Langeweile vergehen. „Das wäre doch eine interessante Abwechslung“, dachte sie und sagte: „Ich würde mich freuen.“
Ihre Augen fixierten ihn neugierig.
Er lächelte zufrieden: „Gut dann um acht Uhr, am besten wieder hier.“
Sie alberten noch eine Zeitlang herum. Dann verabschiedeten sie sich.
Andreas wunderte sich, dass ihm diese neue Bekanntschaft nicht aus dem Kopf ging.
Dunkle Mädchenaugen hatten sich in sein Denken gebrannt und er fieberte dem Rendezvous sogar erstaunlich aufgeregt entgegen.
„Komm“, sagte er, „ich lade dich zum Essen ein und du erzählst mir von dir.“
„Über mich gibt es nicht viel zu erzählen“, antwortete sie, als es sich die beiden in einer Nische im „Landhauskeller“ gemütlich gemacht und das Essen bestellt hatten.
„Ich bin ein armes, einsames Mädel und wohne im Caritas-Heim.“
„Du wirst sicher Freunde haben, bei deinem Aussehen.“
„Danke, -aber nichts Festes. Ein Arbeitskollege beim Lebensmittelgroßhandel Kucher, bei dem ich beschäftigt bin, ist hinter mir her, und gelegentlich gehen wir ins Kino.“
„Dann hab ich ja vielleicht die Chance ihn auszustechen?“
Sie wurde rot.
„Willst du das denn?“
„Ich glaube, ich will nicht nur, ich muss.“
Er rückte näher.
Ihr wurde schwindlig, als er ihre Hand erfasste.
„Ist das mein Glück? Hab ich es gefunden?“ Sekundenlang dachte sie an Großvaters Märchen.
Andreas erzählte von sich und seiner Familie, während sie ihn unentwegt anblickte.
Jeder von ihnen spürte, wie es zwischen ihnen zu knistern begann.
Er konnte ihrem Blick auf Dauer nicht Stand halten, setzte sich nahe zu ihr auf die Sitzbank und legte seinen Arm um sie. Mit der freien Hand umklammerte er die ihre, so als wolle er sie niemals mehr loslassen. Der Zustand der beiden fiel auch den anderen Gästen auf, die ihre Eingesponnenheit schmunzelnd beobachteten. Hier formte sich ein Liebespaar, selbstvergessen, wie man es sonst nur im Film sah. Eine Erinnerung an die eigene Jugend, oder wie man es sich damals erträumt hätte, flammte bei einigen auf.
Der Kellner stand vor ihnen und räusperte sich diskret. „Entschuldigen Sie. Darf ich abkassieren, wir haben gleich Sperrstunde.“
Vom Restaurant zum Heim war es nicht weit. Er ließ das Auto stehen und Hand in Hand schlenderten sie dorthin.
Vor der Haustür küsste er sie. Gretl meinte einen Stromschlag zu erleiden, so sehr erregte sie dieser Kuss.
Die schon aufgebaute Spannung zwischen ihnen schien sich auf einmal zu entladen. Plötzlich wusste sie, dass sie einen neuen Abschnitt ihres Lebens betreten hatte, einen, der voller Geheimnisse vor ihr lag, einen, der ihr Leben gestalten und verändern würde. Sie hatte das Gefühl, von einer Klippe zu springen, aber nicht, um zu sterben, sondern in eine neue Dimension zu fliegen … um zu erleben. Und sie wollte das mit jeder Faser ihres Herzens.
„Wir schreiben uns und treffen uns, wenn ich wieder in Klagenfurt bin.“
Gretl hatte Andreas´ Gedanken blockiert. Je weiter er sich von Klagenfurt entfernte, umso intensiver dachte er an sie. Sie war ein solcher Kontrast zu Edith. Bei Edith war es ihr heranreifendes „Weibchentum“, gepaart mit dem noch Kindlichen, das ihn so heftig umgarnt hatte.
