7,99 €
Vor wenigen Jahren erst ist eine moderne tibetische Literatur entstanden. Provozierend, ambivalent und mit unkonventionellen Mitteln wirft sie einen unverstellten Blick auf ein unbekanntes Tibet, das zwischen modernen und traditionellen Vorstellungen von Leben und Tod, zwischen tiefer Religiosität und Atheismus zerrissen wird. Tashi Dawa fängt die magische Vorstellungswelt ein, in seinem verblüffenden Spiel konfrontiert er die Vergangenheit mit der Gegenwart. Alais eindringliche, kritische Beschreibungen von Natur und Zivilisation führen in den Alltag der Tibeter. Sebo ironisiert und verfremdet in seinen Erzählungen, was religiösen Tibetern heilig ist. Seine Erzählungen sind als chiffrierte Herausforderung an alle Glück und Heil verheißenden Wahrheiten zu lesen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 220
Veröffentlichungsjahr: 2016
Vor wenigen Jahren erst ist eine moderne tibetische Literatur entstanden. Provozierend, ambivalent und mit unkonventionellen Mitteln wirft sie einen unverstellten Blick auf ein unbekanntes Tibet, das zwischen modernen und traditionellen Vorstellungen von Leben und Tod, zwischen tiefer Religiosität und Atheismus zerrissen wird.
Zur Webseite mit allen Informationen zu diesem Buch.
Alice Grünfelder studierte Sinologie und Germanistik in Berlin und Chengdu. Zahlreiche Reisen führten sie auch nach Tibet. Von 2004 bis 2010 betreute sie als Lektorin die Türkische Bibliothek im Unionsverlag. Seither ist sie als freie Lektorin, Übersetzerin und Literaturvermittlerin tätig.
Zur Webseite von Alice Grünfelder.
Beate Rusch studierte Sinologie und Germanistik in Berlin, Taipeh und Shanghai. Sie lebt und arbeitet in Berlin.
Zur Webseite von Beate Rusch.
Dieses Buch gibt es in folgenden Ausgaben: Taschenbuch, E-Book (EPUB) – Ihre Ausgabe, E-Book (Apple-Geräte), E-Book (Kindle)
Mehr Informationen, Pressestimmen und Dokumente finden Sie auch im Anhang.
Tashi Dawa – Alai – Sebo
An den Lederriemen geknotete Seele
Drei Erzähler aus Tibet
Herausgegeben von Alice Grünfelder
Aus dem Chinesischen von Alice Grünfelder und Beate Rusch
E-Book-Ausgabe
Unionsverlag
HINWEIS: Ihr Lesegerät arbeitet einer veralteten Software (MOBI). Die Darstellung dieses E-Books ist vermutlich an gewissen Stellen unvollkommen. Der Text des Buches ist davon nicht betroffen.
© by Unionsverlag, Zürich 2024
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Martina Heuer
ISBN 978-3-293-30188-7
Diese E-Book-Ausgabe ist optimiert für EPUB-Lesegeräte
Produziert mit der Software transpect (le-tex, Leipzig)
Version vom 26.07.2024, 18:10h
Transpect-Version: ()
DRM Information: Der Unionsverlag liefert alle E-Books mit Wasserzeichen aus, also ohne harten Kopierschutz. Damit möchten wir Ihnen das Lesen erleichtern. Es kann sein, dass der Händler, von dem Sie dieses E-Book erworben haben, es nachträglich mit hartem Kopierschutz versehen hat.
Bitte beachten Sie die Urheberrechte. Dadurch ermöglichen Sie den Autoren, Bücher zu schreiben, und den Verlagen, Bücher zu verlegen.
Falls Sie ein E-Book aus dem Unionsverlag gekauft haben und nicht mehr in der Lage sind, es zu lesen, ersetzen wir es Ihnen. Dies kann zum Beispiel geschehen, wenn Ihr E-Book-Shop schließt, wenn Sie von einem Anbieter zu einem anderen wechseln oder wenn Sie Ihr Lesegerät wechseln.
Viele unserer E-Books enthalten zusätzliche informative Dokumente: Interviews mit den Autorinnen und Autoren, Artikel und Materialien. Dieses Bonus-Material wird laufend ergänzt und erweitert.
Durch die datenbankgestütze Produktionweise werden unsere E-Books regelmäßig aktualisiert. Satzfehler (kommen leider vor) werden behoben, die Information zu Autor und Werk wird nachgeführt, Bonus-Dokumente werden erweitert, neue Lesegeräte werden unterstützt. Falls Ihr E-Book-Shop keine Möglichkeit anbietet, Ihr gekauftes E-Book zu aktualisieren, liefern wir es Ihnen direkt.
Wir versuchen, das Bestmögliche aus Ihrem Lesegerät oder Ihrer Lese-App herauszuholen. Darum stellen wir jedes E-Book in drei optimierten Ausgaben her:
Standard EPUB: Für Reader von Sony, Tolino, Kobo etc.Kindle: Für Reader von Amazon (E-Ink-Geräte und Tablets)Apple: Für iPad, iPhone und MacE-Books aus dem Unionsverlag werden mit Sorgfalt gestaltet und lebenslang weiter gepflegt. Wir geben uns Mühe, klassisches herstellerisches Handwerk mit modernsten Mitteln der digitalen Produktion zu verbinden.
Machen Sie Vorschläge, was wir verbessern können. Bitte melden Sie uns Satzfehler, Unschönheiten, Ärgernisse. Gerne bedanken wir uns mit einer kostenlosen e-Story Ihrer Wahl.
Informationen dazu auf der E-Book-Startseite des Unionsverlags
Cover
Über dieses Buch
Titelseite
Impressum
Unsere Angebote für Sie
Inhaltsverzeichnis
AN DEN LEDERRIEMEN GEKNOTETE SEELE
Tashi DawaIm DunkelnTibet – an den Lederriemen geknotete SeeleEinladung eines ZeitaltersAlaiSteppenwindPilzeSeboMagische FlötentöneDie Geschichte von MittwochJunge tibetische LiteraturDankWorterklärungenDie AutorenMehr über dieses Buch
Über Alice Grünfelder
Über Beate Rusch
Andere Bücher, die Sie interessieren könnten
Bücher von Alice Grünfelder
Zum Thema Tibet
Zum Thema China
Zum Thema Asien
Zum Thema Schamanismus
Zum Thema Berge
Langsam hob sich der Türvorhang. Fett, Öl und Ruß hatten sich über all die Jahre hinweg in ihm festgesetzt, und nun hing er wie eine schmutzige Schafwolldecke schwer herab. Der Wind wehte von draußen in die Kammer herein und blies in alle vier Ecken. Er ließ die Flammen der beiden Kerzen aufflackern, die auf dem niedrigen Tisch standen. Die zuckenden Schatten, die sie an die Wand und die Zimmerdecke warfen, wuchsen und schrumpften und nahmen wunderliche Formen an.
Nur die Flammen an den verkohlten Dochtenden der kleinen Butterlampen, die auf dem Schrank standen und vor der Buddhafigur leuchteten, waren reglos und schienen wie erstarrt. Der irdische Lufthauch büßte vor der Buddhastatue seine Kraft ein. Ehrfurcht strahlte sie aus, Friede …
Lange Zeit stand eine Silhouette, ohne sich zu rühren, hinter dem hochgehobenen Vorhang. Ein dunkelgrüner Daunenanorak verschmolz mit der dunklen Nacht zu einem Fleck und schwankte in dieser Finsternis. Da leuchtete plötzlich eine verwaschene, ausgeblichene Jeanshose hell auf. Als die Schritte sich anmutig und graziös entfernten, fiel die Decke wie ein großer Bühnenvorhang langsam nach unten und verbarg die Beine. Es war nur noch das ungleichmäßige Trippeln von hohen Absätzen zu hören, die unentschlossen zögerten, als ob sie ratlos wären, als ob etwas Neues sie in ihren Bann gezogen hätte, an eine Rückkehr war nicht mehr zu denken … schließlich verhallten diese schnellen Schritte, in denen der Frühling mit seiner ganzen Kraft zu spüren war, in weiter Ferne …
Diese Schritte erinnerten Gevatter Gyatso in seiner Kammer an seine Kindheit, an diesen besonderen Klang beschlagener Pferdehufe. So vielerlei Hufklappern hatte er in seinem Leben gehört: schnellen Galopp, Trab, Hufe, die auf Gras oder über Stein gingen. Und dann gab es noch den weichen, gedämpften Laut von Hufen, wenn sie auf einen Leichnam traten. Diese Schritte waren genauso geheimnisvoll wie das Klappern der Hufe, sein Herz begann zu flattern.
»Die da, wer ist sie?« Gyatso hatte bereits sehr viel Schnaps getrunken, sein Verstand war zähflüssig. Der Schnaps war so sauer, dass seine Zähne knirschten, so kalt, dass es wehtat. Ihm war, als ob Tausende kleiner Krallen in seinem Innern wild und erbarmungslos kratzten.
»Frag … sie«, sagte die alte Yishi mit ihrer schwach gewordenen Stimme so zaghaft, als ob sie ein Klagelied anstimmen würde, »sie weiß bestimmt, wo … Gesar ist …«
Gevatter Gyatso hatte eigentlich zu sich selbst gesprochen und war deshalb sehr ungehalten, als er auf einmal eine Stimme neben sich hörte.
Seine Frau Yishi, mit der er seit mehr als vierzig Jahren zusammenlebte, saß kerzengerade vor ihm am Tisch. Ihre beiden Hände lagen auf ihren Oberschenkeln, und um ein Handgelenk hatte sie ihre Mala aus Glasperlen gewickelt, die seit Langem ihren Glanz verloren hatten. Weil der Daumen der anderen Hand unzählige Tage und Nächte lang viele tausend Male die Perlen bewegt hatte, war er nervös und verkrampft. Sie hielt ihre Augen geschlossen und schien zu schlafen, ihr eingefallener Mund stand halb offen und entblößte nur einige wenige Zahnstummel, die so rund waren wie Perlen. Manchmal kräuselten sich die Lippen lautlos, als ob sie im Traum leise mit jemandem sprechen würde.
»Habe gehört, dass er irgendwo Geschäfte macht, genau wie ich, als ich jung war«, sagte Gyatso stolz und kniff seine Augen zusammen.
»He?« Yishi war schwerhörig und hatte ihn nicht richtig verstanden.
»Er konnte sehr gut Stepptanz tanzen«, sagte er mit erhobener Stimme.
»Heute Morgen … als ich den Kora ging, hab ich … jemanden gesehen.« Yishi war ganz darin vertieft, ihm zu erzählen, was an diesem Tag geschehen war. Immer wenn sie etwas erzählte, sprach sie von den Dingen, die sie bei ihrem Kora erlebt hatte.
»Er stieg … aus einem Auto für Funktionäre aus. Als ich ihn sah, ah, er ist … immer noch so, hat sich … nicht verändert. Wahres, von Buddha verliehenes Glück. Danach, danach …«
»Ama Yishi«, unterbrach er sie, »hast du heute Butter gekauft?«
»Ja, hab ich. Heutzutage ist Butter … so teuer wie Gold. Wir haben schon lange … keinen Buttertee … mehr getrunken.«
»Wenn wir nur genug Butter für die Lampen haben, die vor dem allbarmherzigen und allgütigen Buddha stehen. Da dürfen wir nicht sparen.«
»Peng!« Es knallte laut am Fuß der Mauer draußen vor dem Fenster, unter dem Gyatso saß. Er hatte das Gefühl, von einer Kraft in die Luft geschleudert zu werden, als ob eine wilde Bestie in seinen Magen hineinbeißen würde.
»Großer Gott«, rief er erschrocken.
Yishi aber hatte immer noch ihre Augen geschlossen und saß teilnahmslos da. Sie schien geahnt zu haben, dass es so laut knallen würde. Nur ihr Mund verzog sich in viele Falten, der Knall war zur unpassenden Zeit gekommen, denn nun war ihr Gespräch unterbrochen.
Erst jetzt fiel ihnen auf, wie laut und lebhaft es draußen auf der Straße zuging: Stimmen und Töne schwirrten durcheinander; auf dem Pflaster waren Schritte von Fußgängern zu hören, die kamen und gingen, wie ein Marsch, der durcheinander geraten war, wie ein riesiges und mächtiges Heer, das unaufhaltsam marschierte; laut krachten immer noch die Knallfrösche, ganz nah, dann weiter weg, wie Sutras an einem schwülen Gewittertag; man konnte das schleifende Geräusch der eisenharten Bretter hören, die sich die Pilger zum Schutz um die Hände gebunden hatten, wenn sie sich auf den Boden fallen ließen, um ihre Niederwerfung zu machen. Das grobe Lachen der Männer und die spitzen Schreie der Frauen, das Gekreische der Kinder mischte sich darunter; der laute und melodische Gesang der Kampas, heftiges Fahrradklingeln und dann der stampfende Rhythmus der elektronischen Musik, die aus den Lautsprecherboxen der Nachbarn im oberen Stockwerk dröhnte …
Nur die beiden saßen einsam und verlassen in ihrem Zimmer, alles, was draußen vor sich ging, berührte sie nicht.
Dann fel Gyatsos Blick auf die kurzen und langen Messereinkerbungen auf dem vierkantigen Holzpfeiler, der mitten im Zimmer stand. Er krabbelte von seinem niedrigen Bett herab, schwankte in eine Ecke, um ein rostiges Messer hervorzukramen, spuckte auf die Messerscheide und rieb sie auf seinem Gewand ein paar Mal hin und her.
»Richtig … noch … eine Kerbe ritzen«, murmelte Yishi zittrig. Immer noch hielt sie die Augen geschlossen. Sie verließ sich auf ihr Gehör und wusste, was er vorhatte.
Mit beiden Händen hielt Gyatso das Messer und bückte sich vor dem Holzpfeiler: »Hier wohnen wir … ah, seit … dreißig … äh, achtunddreißig Jahren.«
Unter der dunklen und undeutlichen Reihe der Einkerbungen erschien eine tiefe und weiße neue Narbe.
Eine Hand hatte er an seine leicht gebeugte Hüfte gelegt, und mit der anderen hielt er sich am Pfeiler fest. Als er sich aufrichtete, seufzte er und legte den Kopf schräg, als ob er den Anblick eines Meisterwerks lange genießen wolle. Anscheinend war er nicht zufrieden, denn er bückte sich abermals und zog die Kerbe etwas länger bis an die Kante des Pfeilers. Noch einmal prüfte er die oberen krummen, alten Einkerbungen, die alle so erbärmlich kurz waren, und auf einmal versetzte ihn die eben eingeritzte lange, neue Kerbe in Angst, sie schien ihm zeigen zu wollen, dass die Materie und alles Leben endlich sei …
Leben! Seine Beine begannen zu zittern.
Das Messer fiel ihm aus der Hand. Ängstlich kletterte er schnell zurück auf sein Bett. Auf dem Platz, an dem er soeben noch gestanden hatte, sah er den leuchtenden Heiligenschein eines Schutzgottes, sicherlich war dies ein von Gott beschützter Ort.
O Buddha, lass mich diese sündige Tat ungeschehen machen, warum musste ich diesen Strich unbedingt länger ziehen, dachte er voller Angst und Schrecken.
Yishi nahm den Schnapskrug und füllte seine leere Schale wieder auf. Doch da die alte Hand unentwegt zitterte, spritzte der Schnaps auf den Tisch, breitete sich dort aus und verlief zu einer merkwürdigen Zeichnung. Völlig in Gedanken versunken, zog sie mit ihrem Zeigefinger vom Rand der Zeichnung aus einen Strich in ihre Richtung, als ob sie einen Abfluss schaffen wollte. Der Schnaps floss in dieser Linie zusammen und tropfte vom Tisch auf ihren schwarzen Rock aus dickem Wollstoff.
Auf dem Tisch lag ein kariertes Stoffbündel. Sie hatte es hingelegt und war gleich darauf wieder verschwunden. Sicherlich waren frittierte Backwaren, Kuchen, Biskuits, gedörrte Pfirsiche, bunte Bonbons und vielleicht auch getrocknetes, in Streifen geschnittenes Rindfleisch darin eingewickelt. Doch keiner von beiden rührte sich, um es aufzuknoten.
Sie hatten noch nicht über sie gesprochen, überhaupt hatten die beiden kein Wort hervorgebracht, seit diese Frau langsam den Vorhang gehoben und wieder gegangen war. Nur in dem Augenblick, als der Vorhang herabfiel, hob Gyatso höflich beide Hände hoch, doch das hatte sie ganz sicher schon nicht mehr gesehen. Ihn überkam danach auf einmal Angst, er hatte das Gefühl, dass sie aus seinem Herzen etwas mitgenommen hatte. Als sie mit dem karierten Stoffbündel auf einmal an der Tür stand, musste er einige Male blinzeln. Es war, als ob vor seinen Augen eine leuchtende Sonne erschiene und die Frau geradewegs aus den Flammen heraustrete. Der erste Satz aus ihrem Mund war: »An Gesars Stelle möchte ich euch meine freundlichen Gefühle übermitteln.«
Die Worte klangen in seinen Ohren wie eine überirdische, wohlklingende Melodie. In jenem Jahr, als er die wild strampelnde Yishi über seine Schultern geworfen hatte und um sein Leben lief, hatte er keuchend bei sich gedacht: In ganz Tibet gibt es keine zweite Frau, die so schön ist wie die, die ich gerade eben geraubt habe und nun auf meiner Schulter trage, auch eine schönere wird es nie geben. Wie viele verschiedene Frauen habe ich seither im Laufe der vielen Jahre und Monate zu Gesicht bekommen? Adlige, zierliche Fräuleins, Schnapsverkäuferinnen, Sängerinnen, Prostituierte, vom Volk verfluchte Hexen, Frauen aus Kham, Frauen aus Kongpo und aus dem Hinterland, Nomadenfrauen, auch Frauen aus Indien, Kashmir, China … so viele Frauen, doch keine reichte an die schöne Yishi heran, als sie zwanzig war. Doch nun war sie mit ihrem aufreizenden Trippeln aufgetaucht und hatte den Vorhang hochgehoben. Was war bloß geschehen? Er stand vor einem Rätsel. War sie nur ein Trugbild, oder war sie tatsächlich ein Mensch aus Fleisch und Blut? Bist du das gi-rl von Gesar? Yishi hatte den Kopf zu ihm hin gedreht und ihm mit ihren weitgeöffneten, verblüfften Augen zu verstehen gegeben: Hör zu, mach deine Ohren weit auf, und hör genau hin, wie diese Mädchen reden – gi-rl. Wie klug sie sind, den Namen des Geliebten so zu verbergen. Diese Jungen heutzutage, sie sind teuflisch durchtrieben und denken sich in ihrem Hirn Wörter aus, die so zahlreich sind wie die Sterne am Himmel, die so geheimnisvoll sind wie die Geheime Lehre. Sie erfinden lauter schmutzige Wörter, die wir überhaupt nicht mehr verstehen, so viele wie die Läuse in einem Schafstall. Mit ihren Augen hatte ihm Yishi dies und noch mehr zu verstehen gegeben, was er nur zum Teil begriffen hatte.
Sie hatte zugesehen, wie sich die beiden alten Leute merkwürdige Blicke zuwarfen und sich in karges Schweigen hüllten. Kräftig rieb sie ihr von der Kälte gerötetes Gesicht und ging dabei ungeduldig im Zimmer auf und ab.
O Buddha, schau dir das an! Yishis Augen sprachen wieder anklagend und traurig zu ihm: Ist es denn möglich, dass sie ein Mädchen aus einer tibetischen Familie ist? Kennt sie denn nicht den Brauch, dass man sich artig und brav wie eine Katze hinsetzt, wenn man einen Raum betritt? Schämt sie sich denn nicht, vor zwei alten Leuten, die sie respektvoll behandeln sollte, wichtigtuerisch hin und her zu laufen? Die ganze Zeit über, von dem Moment an, als sie hier ankam bis zu dem Zeitpunkt, da sie das Zimmer wieder verließ, war sie wie ein Huhn, das nicht weiß, wohin es sein Ei legen soll, keine Viertelstunde lang stand sie still. Schnell hob sie den Vorhang, hastig stellte sie ihr Geschenk ab, lief eilig hin und her, sprach wirr von irgendwelchen Dingen, als ob ihr Herz ein Topf wäre, in dem heißes Öl heftig brodelt. Ihr Hintern ist offenbar nicht dazu geschaffen, sich hinzusetzen, sondern um ihn zu drehen und zur Schau zu stellen. Warum kann sie sich denn nicht still hinsetzen? Wir Tibeter leben nun mal seit Generationen im Sitzen, wir plaudern im Sitzen, machen im Sitzen Geschäfte, beten im Sitzen, sonnen uns sitzend und trinken sitzend unseren Schnaps. Im Sitzen verrichten wir unsere Handarbeiten und selbst die Lamas gehen sitzend ins Nirwana ein.
Ein paar Mal war sie noch hin und her gegangen und hatte dann plötzlich gesagt: »Ich habe nicht die geringste Ahnung, wohin Gesar gegangen ist, er hat mir nichts gesagt. Bei seiner Arbeitsstelle musste ich lange fragen, um euch hier zu finden.«
Die beiden Alten hatten keine Miene verzogen, nicht einen Laut von sich gegeben. Gyatso bemerkte mit einem Mal, dass Yishi heimlich ihre Mala vom Handgelenk abgenommen hatte und unter dem Tisch ganz schnell drehte, wobei sich ihre Lippen unaufhörlich bewegten. Er wusste nicht, ob sie sich sehr geärgert hatte oder ob sie es bereute, dem Ärger in ihren Augen freien Lauf gelassen zu haben. Doch auf einmal erblickten die beiden Alten in der Frau eine Gottheit in unermesslicher, unantastbarer Reinheit. Vielleicht hörten sie schlecht und verstanden nicht ganz, was sie sagte, oder vielleicht sprach sie eine ganz andere Sprache wie die Freunde von Gesar, vielleicht sahen sie auch schlecht und meinten, sie sei irgendeins von den Mädchen, die man tagsüber überall auf der Straße antrifft. Wer war sie denn eigentlich?
Lange Zeit regte sich nichts im Zimmer.
Yishi hielt ihre Augen immer noch geschlossen, ihre Lippen kräuselten sich ein wenig.
Gyatso saß mit übereinander geschlagenen Beinen ernst auf dem niedrigen Bett. Er zählte bereits mehr als siebzig Jahre, und sein Haar war so dünn und weich wie der Flaum eines Säuglings, die Haare an seinem Kinn hatte er zu einem feinen, langen und dünnen Bart geflochten, der sich voller Zuversicht und Hoffnung nach oben reckte. Die linke Hand ruhte auf seinem Oberschenkel, zwischen seinem breiten Daumennagel und dem Gelenk des Zeigefingers lag Schnupftabak. Mit der anderen Hand nahm er umständlich eine Prise und sog sie durch sein Nasenloch ein. Weit riss er seine vom Alkohol vernebelten Augen auf.
»Gestern hab ich bis Mitternacht geschlafen, als ich es an der Tür … läuten hörte.« Erst lange nach diesen Worten hob Yishi ihre Augenlider, schaute ihn an und sprach weiter: »Gesar … als würde er hereinkommen. Er wühlte … in der Kiste nach irgendwelchen … Dingen. Gevatter Gyatso, hast du die Tür aufgehen … hören?«
»Na, da hast du dich bestimmt getäuscht«, antwortete er rücksichtsvoll und beugte sich dabei nach vorne.
»Buddha beschütze ihn, anscheinend ist es ein … gutes Omen.«
»Reib mit der Hand deine Stirn, bevor du einschläfst, dann träumst du einen Glück verheißenden Traum.«
Yishi schien es zu gefallen, dass sich die Stimmung wieder belebte, sie ächzte einige Male, drehte sich nach links und nach rechts, als ob sie ihren Alten aufmuntern wollte, weiterzuplaudern.
Doch er sagte nichts mehr und nahm wieder seine würdevolle Haltung ein, blickte geradeaus vor sich hin und starrte dann an die Zimmerdecke. Er fixierte einen winzigen schwarzen Punkt, bis ihm die Augen tränten, dann erst merkte er, dass es eine Fliege war, die dort klebte. Er war überrascht, in dieser eiskalten Winternacht eine lebendige Fliege zu sehen.
Dann wieder langes Schweigen.
»Der Mensch … ist wirklich merkwürdig, warum weint er nicht mehr … wenn er erwachsen geworden ist …«, fiel Yishi plötzlich ein.
»Na, dann wein mal, ich hör dir zu.«
»He, he, wenn ich jetzt weine … das wäre nicht gut.«
»Macht nichts, du hast sowieso nie geheult.«
»Hab ich wohl, hab oft geweint.«
»Wann?«
»Früher, als ich … jung war.«
»Ach, ich hab’s nicht ein einziges Mal gesehen.«
»Hab immer hinter deinem Rücken … geweint. Wenn du … nicht da warst.«
»Frauen weinen, weil sie verwöhnt werden wollen«, sagte er gedankenverloren.
»Deshalb, weil du … mich niemals geliebt hast.«
»Du bist alt«, brummte er leise und liebevoll, »und so mager wie ein Wolf im Winter.«
»Na, dann weine … ich jetzt.« Sie hatte seinen letzten Satz nicht richtig verstanden.
»Du hast keine Tränen, man müsste dir schon ein wenig Schnaps in die Augen träufeln.«
»Ja, das ist … wahr«, seufzte sie, war darüber aber keineswegs traurig.
Wieder schwiegen sie.
Nach einer Weile schaute Yishi in alle Ecken und kramte unter Gyatsos Beinen ein altes Transistorradio hervor, das über zehn Jahre alt war und fast schon eine Antiquität. Der Riss im Plastikgehäuse war mit einem Heftpflaster zugeklebt. Das Radio knirschte, als sie es andrehte, und dann rauschte es. Eine tibetische Oper wurde gerade gesendet, sie verstand die Worte zwar nicht genau, doch als sie die Melodie hörte, wusste sie sogleich, dass es »Langsha Wenbo« war. Obwohl ihre alte Stimme bereits brüchig klang und sie den Ton nicht mehr halten konnte, hatte sie ihre angeborene Musikalität nicht verloren. Wie eine Katze miaute sie: »Aih … wenn man Hunderte … und Tausende von Perlen … miteinander zu einer Kette verbindet … eine Buddhastatue … wie gut wäre das … aih … wenn diese Kette aus … Türkis am Hals … für den Beschützergott … wie gut wäre das …«
Das tibetische Opernprogramm ging zu Ende. Anschließend las eine Ansagerin die internationalen Nachrichten: »Meldung der Xinhua-Agentur aus Algier, 14. Februar: Die 16. Nationalversammlung Palästinas wird heute Nachmittag in der algerischen Hauptstadt Algier feierlich eröffnet.« … Yishi hörte eine Weile zu, verstand jedoch den Sinn nicht und schaltete dann schweigend das Radio ab. Ihre Hand strich apathisch über den Teppich, der auf der Bank lag.
»Er stieg aus dem Auto …« Yishi warf ihm von der Seite einen Blick zu und plapperte weiter. »Nicht ein einziges Barthaar … in seinem Gesicht. Als ich ihn sah, ah …«.
»Sei so gut und gib mir mal dein Taschentuch.« Gyatsos Nase juckte.
Aus ihrem Rock kramte sie ein Taschentuch hervor und reichte es ihm. »Als ich ihn sah …«
Er schnäuzte sich nach Leibeskräften. »Wir waren schon lange nicht mehr im Krankenhaus«, sagte er dann.
»Stimmt, ja … wir sind so gesund und stark wie Felsen«, antwortete sie. »Vorgestern, ja vorgestern sagte Gedogs Kind vom oberen Stockwerk: ›Liebe Ama Yishi, morgen in der Morgendämmerung gehe ich mit einigen Freunden und mit dir den Kora.‹ Ich war … so froh und sagte: ›Kinder, da müssen wir sehr weit laufen … vom Medizinhügel … bis zum Potala.‹ Doch dann kamen sie nicht mit … Er wurde krank, mit einem Mundschutz brachten sie ihn ins Krankenhaus. Hm, dann stieg er aus dem Auto aus …«
»Die Kinder von heute sind nicht mehr so gesund wie wir.«
»Stimmt, ja …« Aus ihren Augen sprach unverhüllter Schmerz.
Nachdem Gyatso den restlichen Tabak geschnupft hatte, klopfte er die Tabakbrösel von seinem Bein, rieb seine Nase, griff mit den Händen nach seinen übereinander geschlagenen Fußgelenken und ließ seinen Oberkörper hin und her schaukeln.
»Gesar.« Yishi hob den Kopf. Angestrengt lauschte sie: »Er drückt … auf die Hupe.«
Draußen war tatsächlich ein Motorengeräusch zu hören, das sich allmählich in der Ferne verlor.
»Ich erinnere mich …« Gyatso schaukelte weiter hin und her, beugte sich dabei vor und trank die Schale Schnaps, die er waagrecht hielt, in einem Zug leer. Langsam sagte er: »Früher hat er einen LKW Marke ›Befreiung‹ gefahren, das gerade hörte sich aber nicht danach an.«
Gesar war für ihn überall und nirgends. Leute, die aus dem Landesinnern zurückgekommen waren, erzählten, dass sie ihn in Chengdu in einem Teehaus namens Xiao Yuan gesehen hätten, wie er über Gott und die Welt schwatzte. Leute, die aus Indien kamen, sagten wiederum, er würde am Bahnhof von Bombay als Kuli arbeiten, andere hingegen wollten gesehen haben, dass er in der Grenzstadt Zhangmu schmuggelte. Wieder andere sagten, dass er drüben in Qinghai eine Spedition hätte.
Gyatso hatte nie etwas dazu gesagt, in seiner Erinnerung blieb die undeutliche Gestalt eines großen jungen Mannes zurück, der im Laufe der Zeit aus einem daumenlutschenden, rosafarbenen Fleischbündel herausgewachsen war. Er erinnerte sich, wie er einmal den eigenen Kot entsetzt angestarrt und dabei die Wahrheit entdeckt hatte – was hatte er da doch gleich gesagt? Das hat in meinem Bauch gekocht, hat er gesagt. Einmal ist er auch fast durchgedreht. Gyatso fiel ein, wie Erwachsene Gesar einmal einen bösen Streich gespielt und ihn mit Schnaps abgefüllt hatten. Er hatte wild gelacht und konnte nicht mehr damit aufhören, haha, haha, haha, sprang von einer Ecke zur anderen. Doch eines Tages war er verschwunden, als ob er in einen Spalt gerutscht wäre.
Viele Leute kamen vorbei, stellten tausend Fragen über Gesars Verbleib. Yishi blieb ruhig und still, sie bewahrte ihre Haltung, verlor nie die Fassung, als ob die Leute sie nur nach irgendwelchen belanglosen Dingen aus der Nachbarschaft fragen würden. Sie antwortete in ihrem Singsang und erzählte eine lange Geschichte. Die Leute wurden nicht schlau daraus.
»Weißt du schon? Der alte Daqiong aus unserem Hof ist vor einigen Tagen gestorben«, sagte Gyatso unvermittelt.
»Ich weiß, ich … weiß. Er war ein … herzensguter Mensch, er passte wie ein Schlüssel ins Schloss, er war die meisten Koras gegangen. Die Leute sagen, dass bei seiner Himmelsbestattung die Königsgeier seine Knochen bis aufs letzte Stück aufgepickt und nichts auf dieser irdischen Welt zurückgelassen haben.«
»Wir sollten uns an ihm ein Beispiel nehmen, solange wir leben, sollten wir uns vor Buddha und den Drei Juwelen öfter verbeugen, noch mehr für die barmherzigen Dakinis beten und viel Gutes tun.«
»Richtig, richtig. Om mani padme hum«, betete Yishi mit leiser Stimme.
Allmählich sahen Gyatsos Augen das schimmernde Kerzenlicht und die Schatten im Zimmer doppelt, selbst aus Yishi wurden Zwillinge, die dicht nebeneinander saßen. Eine schneeweiße Wolke hob seinen Körper hoch, er zitterte und trat in eine unwirkliche Märchenwelt ein. Vor seinen Augen flimmerte grelles Sonnenlicht. Er sah, wie ein alter Mann auf das Sonnenlicht zuging, wie er in seine eigenen Fußspuren trat und auf seinem Lebensweg zurücklief, wobei er kleiner und kleiner wurde. Er entfernte sich immer mehr, wurde dabei immer jünger …
»Wie gut wäre es, wenn du dich in eine Teeschale verwandeln könntest, dann könnte ich dich mitnehmen bis ans Ende der Welt …«
»Geh weg! Liederlicher Vagabund, ich würde tot umfallen, wenn ich deine Schnapsfahne nur rieche …«
»Nein, wenn du mich riechst, wirst du vor Trunkenheit sterben …«
