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An den Wassern. Der rote Faden dieser Anthologie ist ausnahmsweise blau. Blau wie Wasser. Poetisch formuliert. Und er ist eigentlich auch kein Faden, eher ein fließendes Band, ein Strömen und ein Drängen, Worte im Fluss gleichsam, mäandrierend von Wasser zu Wasser; Wasserworte, alles andere als farblos und geflossen aus der Feder von Amateuren und Profis. Meister auf beiden Seiten, die sich anlässlich der Rheinland-Pfälzischen Literaturtage 2009 in Bingen zu neuen Ufern geschrieben haben. Wasser fasziniert. Wohl immer schon. Auch heutzutage – wo die Faszination Wasser weniger religiös oder mythisch begründet ist – beeindruckt uns das Fließende dieses Elementes, das Bewegte, Klare und Fortwährende. So auch die Autoren und Autorinnen in diesem Buch, die dem Herzschlag des Wassers gefolgt sind, auf ureigenen Wortwegen in Richtung 'Süßwasser', 'Salzwasser', 'Chlorwasser', 'Hochwasser', 'Wiesenwasser', 'Wasserzeichen', 'Wassermusik' … So verschieden die Wasser, so sprudelnd die Geschichten!
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Seitenzahl: 100
Veröffentlichungsjahr: 2011
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Printausgabe gefördert durch das Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur Rheinland-Pfalz
Die Edition Schrittmacher wird herausgegeben von Michael Dillinger, Sigfrid Gauch, Arne Houben und Gabriele Korn-Steinmetz.
© 2009 eBook-Ausgabe 2011 RHEIN-MOSEL-VERLAG Brandenburg 17, D-56856 Zell/Mosel Tel.: 06542-5151 Fax: 06542-61158 Alle Rechte dieser Ausgabe beim Verlag Alle Rechte der einzelnen Beiträge bei den Autoren ISBN 978-3-89801-780-0 Lektorat: Marcel Diel Titelbild: Arne Houben
Petra Urban (Hrsg.)
An den Wassern
Kurzgeschichten
Edition Schrittmacher Band 22
RHEIN-MOSEL-VERLAG
Inhaltsverzeichnis
Petra Urban: VorwortSusanne Beckenkamp: Nah am WasserAlexander Broicher: Nächte wie schwarz und weißCarla Capellmann: Vom Fluss ausManfred Dechert: Warum schweigst du, Anna?Volkmar O. Döring: Erinnerung an AliciaChrista Estenfeld: Nahe FerneDietmar Gaumann: Am SeeHeinz G. Hahs: An den WassernChristel Hartmann: SchutzengelMyriam Keil: WasserzeichenFranziska Kurtz: la merRoswitha-Lucia Linde: An den WassernWilfried von Manstein: FroschperspektiveAndreas Noga: Am Wasser gebautWalter Passian: WassermusikHans Tönjes Redenius: Ein Kuss der EwigkeitNicole Schmidt: Hinter dem Wasser das MeerStefan Schrahe: Loch NessCorinna Waffender: WeggeschwemmtAnne Ziegler: KaribuKatharina von Zwehl: Mayas Uferland
An den Wassern … Ein literarischer Wortfluss
»Panta rhei – Alles fließt«Heraklit
»Wasser deine blauen deine schwarzen Augen die farblosen …«Rose Ausländer
Der rote Faden dieser Anthologie ist ausnahmsweise blau. Blau wie Wasser. Poetisch formuliert. Und er ist eigentlich auch kein Faden, eher ein fließendes Band, ein Strömen und ein Drängen, Worte im Fluss gleichsam, mäandrierend von Wasser zu Wasser; Wasserworte, alles andere als farblos und geflossen aus der Feder von Amateuren und Profis. Meister auf beiden Seiten, die sich anlässlich der Rheinland-Pfälzischen Literaturtage 2009 in Bingen zu neuen Ufern geschrieben haben.
Bingen. Wo Rhein und Nahe ineinanderfließen und die heilige Hildegard vor nunmehr rund 900 Jahren dem Wasser fünfzehn Kräfte zuschrieb und wo sie, der Legende nach, gar einen blinden Jungen mit Rheinwasser geheilt hat. Literaturtage in Bingen also – was liegt da näher als eine Anthologie mit dem Titel »An den Wassern«!
»Von allen Naturerscheinungen«, so der Dichter Ludwig Tieck, »kommt mir das Wasser als die wunderbarste vor, denn es ist nicht anders, wenn man recht darauf sieht und hört, als wohne in ihm ein uns befreundetes Wesen, das uns versteht und sich uns mitteilen möchte, so klar und lockend schaut es uns an, es lacht mit uns, wenn wir fröhlich sind, es klagt und schluchzt, wenn wir trauern, es schwatzt und plaudert kindisch und töricht, wenn wir uns zum Schwatzen aufgelegt fühlen, kurz, es macht alles mit …«
Von diesem ›befreundeten Wesen‹ also soll im Folgenden die Rede sein. Jenem »heilignüchternen« Element, wie Friedrich Hölderlin es in seinem Gedicht »Hälfte des Lebens« nennt. Jenem Urelement, das in allen Kulturen und Religionen seit jeher seinen Platz als heiligheilender Lebensquell hat und als Symbol der Erneuerung, Wandlung und Fruchtbarkeit gleichermaßen geheimnisvoll vom Leben wie vom Tod kündet.
Wasser fasziniert. Wohl immer schon. Auch heutzutage – wo die Faszination Wasser weniger religiös oder mythisch begründet ist – beeindruckt uns das Fließende dieses Elementes, das Bewegte, Klare und Fortwährende, von dem es in Goethes berühmtem und vielzitiertem »Gesang der Geister über den Wassern« heißt:
»Des Menschen Seele Gleicht dem Wasser: Vom Himmel kommt es, Zum Himmel steigt es, Und wieder nieder Zur Erde muss es, Ewig wechselnd …«
Dass Wasser und Seele miteinander zu tun haben, weiß auch die Psychologie und erklärt Wasser zu einem Symbol des Unbewussten. Das Hineintauchen im Traum bedeutet ein Hinabtauchen in die eigenen Tiefen und ist häufig Ausdruck für seelische Bewegtheit und beginnende Lebendigkeit. Der Träumende ist im Wasser sozusagen seinem Ursprung näher.
Für den Tiefenpsychologen C. G. Jung ist Wasser Sinnbild des Mütterlichen, ein Bild, das an den Erlebnisbereich des vorgeburtlichen, symbiotischen Einsseins mit der Mutter erinnert.
Die Dichterin Rose Ausländer, die viel und immer wieder vom Wasser gesprochen hat, dichtete ihm eine »unheimliche Seele« an.
Warum unheimlich? Vielleicht, weil der Mensch in ihm erstmals sich selbst erblickte. Denken wir nur an Narziss, den Schönen, sehnsüchtig übers blaue Antlitz des Sees gebeugt, unsterblich verliebt ins eigene Bild. Die flüsternde Mahnung des Wasserspiegels, das kristallklare »Erkenne dich selbst!«, überhörend, verharrt er selbstverliebt an der Oberfläche. Wäre er, bildlich gesprochen, hinabgetaucht in tiefste Tiefen, hätte er die Ganzheit seines Wesens gefunden, hätte sein Ich nicht nur gespiegelt, sondern auch entdeckt.
Von Entdeckungen, Spiegelungen, Selbstfindungen, kurz gesagt: von Begegnungen am Wasser erzählen auch die Geschichten in diesem Buch.
Ob Süßwasser, Salzwasser, Chlorwasser, Hochwasser, Wiesenwasser, Wasserzeichen, Wassermusik … – der Herzschlag des Wassers ködert sie alle: die Liebenden und die Verlassenen, die Suchenden, Vagabundierenden, Rebellierenden, Zaudernden, Zögernden, Entrückten und Entzückten, die Lebensfrohen und die Lebensmüden, die Strauchelnden und die Stürzenden.
Wir begegnen Menschen, die sich unbeschwert und leicht fühlen, als hätte das Wasser alle Spannungen von ihnen genommen, alle Belastungen aufgelöst, alle überflüssigen Gedanken fortgeschwemmt. Fröhliche Wassergewächse sozusagen, die ihr Glück im dahinplätschernden Augenblick finden.
Aber wir begegnen auch den anderen, den Melancholischen und Schwermütigen, die keinerlei Leichtigkeit verspüren am Wasser, deren Sehnsucht vielmehr in die dunkle Tiefe hinabtaucht, während ihr Blick unermüdlich über die glitzernde Oberfläche gleitet.
Und wir begegnen seltsam Unbehausten und maßlos Verzweifelten, die einer fernen Lebensmelodie lauschen, ihr Glück in der Freiheit suchen, sich hinauswagen aufs große Wasser, weil sie an anderen Ufern Besseres zu finden hoffen als den Tod.
Wasser als Fluchtweg, Wasser als Ausweg. Wasser als Ort der Wandlung, wo ein Altes aufhört, damit ein Neues beginnt.
Und so begegnen wir auch Liebenden und solchen, die vergessen haben, ob sie sich lieben, Treibenden und Träumenden, Paaren eben, die sich treffen und trennen am Wasser.
Wer sich hineinliest in diese Geschichten, wird merken, dass es so recht keinen Anfang und kein Ende gibt, irgendwie ist man immer mittendrin, egal welches Wasser – alles in dieser Anthologie ist im Fluss.
Gott hat die Zeit gemacht, weiß ein heiteres Sprichwort zu berichten, von Eile allerdings hat er nichts gesagt. Also nehmen Sie sich Zeit und tauchen Sie ein in die ernsten und amüsanten, nachdenklichen, abgründigen, märchenhaften und auch skurrilen Wasserwelten.
Tauchen Sie ein, ohne nass zu werden!
* * *
Petra Urban, geboren 1957 in Dohna/Pirna, studierte Germanistik und Philosophie und promovierte über Richard Wagners »Tristan und Isolde«. Sie lebt als Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin in Bingen. Nach zwei Romanen im Fischer-Taschenbuchverlag (»Die Maulwürfin« und »Septemberlicht«) erschien 2007 ihre Erzählung »Von Reben umgeben. Warum ich mir in Bingen ein Haus gekauft habe« im Rhein-Mosel-Verlag. Ebenfalls 2007 wurde sie mit dem Martha-Saalfeld-Förderpreis für ihren Roman »Die Flaneurin« ausgezeichnet, der 2009 im Leinpfad-Verlag erschienen ist. Nähere Informationen unter www.petraurban.de.
Anmerkungen zur Textzusammenstellung
Die vorliegende Anthologie entstand anlässlich der Rheinland-Pfälzischen Literaturtage 2009 in Bingen, einer Stadt an zwei Flüssen. Von hier aus erging der Ruf nach Prosa-Texten zum Thema »An den Wassern«.
Voraussetzung für die Teilnahme an diesem Literaturwettbewerb war, dass die Bewerber/innen in Rheinland-Pfalz geboren sein oder dort ihren Lebensmittelpunkt haben mussten. Auch durften die Texte eine Länge von drei Manuskriptseiten nicht überschreiten, mussten unveröffentlicht sein und selbstverständlich zum Thema passen.
Eingegangen sind mehr als einhundert Texte, aus denen die Jury sechzehn zur Veröffentlichung auswählte. Drei davon wurden mit Preisen bedacht – dies sind:
– »la mer« von Franziska Kurtz (1. Platz) – »Nächte wie schwarz und weiß« von Alexander Broicher (2. Platz) – »Vom Fluss aus« von Carla Capellmann (3. Platz)
Den sechzehn veröffentlichten Einsendungen wurden fünf Texte von Autoren an die Seite gestellt, die an den Literaturtagen mit Lesungen beteiligt waren: Volkmar O. Döring, Christa Estenfeld, Heinz G. Hahs, Hans Tönjes Redenius und Stefan Schrahe.
Die Jury, die über die hier vorliegenden Texte entschieden hat, bestand aus folgenden Personen:
– Monika-Katharina Böss, Schriftstellerin und Vorstandsmitglied des Verbands deutscher Schriftsteller in Rheinland-Pfalz (VS)
– Thomas Haag, Redaktionsleiter der »Allgemeinen Zeitung« in Bingen
– Rüdiger Heins, Schriftsteller und Dozent für Kreatives Schreiben in Bingen
– René Nohr, Philologe und Leiter der Volkshochschule und Musikschule Bingen e.V.
– Petra Urban, Dr. phil., Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin.
Mein Otto ist tot. Otto ist seit zehn Jahren tot.
Ich denke jeden Tag an ihn. Er ist immer bei mir.
Das ist gut.
Das ist nicht gut. Weil er nicht wirklich da ist.
Er lebt in deinem Herzen.
Er liegt im Grab.
Ach Lotte, wenn Otto sähe, wie du dich grämst.
Ich gehe jeden Tag zum Friedhof.
Wenn dir das gut tut.
Dann spreche ich mit ihm.
Er versteht dich sicher.
Er kann mich gar nicht hören.
Das Sprechen hilft dir.
Mein Otto hilft mir nicht. Bei dem Hochwasser.
Wir haben doch alles nach oben geräumt.
Und unten schwimmen die Otter.
In drei Tagen ist das Wasser abgelaufen.
Mein Haus wird nie mehr richtig trocken.
Das Haus war nie richtig trocken.
Und jedes Jahr kommt das Wasser.
Alle zwei, drei Jahre – es kommt dir öfter vor.
Die Jahre treiben uns vor sich her.
Wie Wasser das Holz.
Gespenster.
Wir räumen alles wieder nach unten.
Und nächstes Jahr kommt wieder das Wasser.
In zwei, drei Jahren – vielleicht.
Vielleicht bin ich dann bei Otto.
Vielleicht.
Dann muss ich nicht mehr weinen.
Nein.
Ich weine jeden Tag.
Wenn dir das hilft.
Es hilft mir nicht.
Siehst du.
Meinst du, ich bin krank?
Nein.
Wenn ich krank werde, bin ich bald bei Otto.
Vielleicht.
Es ist kalt hier.
Es ist nass. Deshalb kommt es dir kälter vor.
Erst der Winter, dann das Wasser.
Dann der Frühling.
Der Boden ist vergiftet.
Der Boden ist fruchtbar.
Was da wächst, sollen wir nicht essen.
Wir haben doch Blumen gepflanzt.
Wir sollten Gemüse anbauen.
Das können wir kaufen.
Kartoffeln, Zwiebeln, Möhren und Salat.
Für uns allein?
Wegen der Krise
Wir haben viele Krisen überlebt.
Und Hasen züchten.
Wir können nicht schlachten.
Dann Hühner.
Die laufen weg.
Kleinvieh und Kohl tut allen wohl.
Nicht allen.
Morgen kaufe ich Saatgut.
Morgen?
Im Keller ist noch ein Käfig.
Der steht im Wasser.
Dann kaufen wir Holz. Und Draht.
Morgen?
Ja, morgen!
Morgen bin ich in der Stadt.
Fährst du mit dem Zug?
Nein.
Du hast doch kein Auto.
Nein.
Kannst du mir Saatgut, Holz und Draht mitbringen?
Ich komme nicht zurück.
Nicht zurück?
Ich gehe ins Wasser, und dann – bin ich morgen in der Stadt.
Bei der Strömung!
Ins Wasser?
Ja.
Warum denn?
Das verstehst du nicht.
Nein.
Siehst du.
* * *
Susanne Beckenkamp, geboren 1959 in Simmern / Hunsrück, lebt im Raum Koblenz. Veröffentlichungen von Lyrik und Kurzprosa in Anthologien, Literaturzeitschriften und dem Band »REM-Phasen« (2003, zusammen mit Dr. Volker Flörkemeier). Nähere Infos zur Autorin unter www.autorin.eu.
Unzählige kleine Spiegel treiben auf dem Schwarz. Tausendfach blinken sie, morsen mit Mondlicht. Ich kann die Signale nicht verstehen. Wir suchen andere Lichter. Rote und grüne.
Es geht um Farben. Immer nur um Farben.
In der Nacht ist alles umgedreht. Nächte sind wie schwarz und weiß.
Der Mond strahlt vorbeiziehende Wolkenfetzen kalt an. Es ist dunkel und hell. Man denkt, man kann alles erkennen. Und sieht doch nichts.
Das Meer ist schwarz und nicht blau, der Himmel auch. Die Farben, sie schlafen. Bei Tag gibt es sie hier im Überfluss. An Farben sind wir reich.
Es geht immer nur um Farben.
Wir suchen etwas Weißes.
Vor uns nur ein unendlicher schwarzer See. Ohne Kontur, ohne Grenzen. Unser Boot zerschneidet ihn sauber in zwei Hälften. Wie mit einer Machete. Wie ein Pflug beackert unser Bug das Schwarz. Weiße Schaumkronen, hinter uns die aufklaffende Welle. Ein schönes symmetrisches V. Wir hinterlassen alles geordnet.
Die Schraube des Außenborders verquirlt meine Gedanken mit dem Meer.
Wie viele Meter Wasser liegen unter mir? Ich kann nichts sehen, da ist nur der dunkle See. Ein See aus Öl. Ja, dann müssten wir nicht in diesem Boot sitzen. Ich würde einen Fernseher kaufen, für Mutter und mich.
Ich habe Angst vor tiefem Wasser. Hatte ich schon als Junge. Wir alle haben Haibisse gesehen. Glaub mir, den anderen geht’s auch so. Aber natürlich sagts keiner. Ich auch nicht. Natürlich nicht. Will ja nicht als Memme dastehen. Bin ja ein Mann. Aber sterben will ich auch nicht. Mama soll mich nicht umsonst zwanzig Jahre aufgezogen haben.
