Analytische Psychologie nach C. G. Jung - Ralf T. Vogel - E-Book

Analytische Psychologie nach C. G. Jung E-Book

Ralf T. Vogel

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Beschreibung

Die von dem Schweizer Psychiater und Psychologen C. G. Jung begründete Analytische Psychologie hat in ihren modernen Weiterentwicklungen in jüngerer Zeit erneut verstärkt Beachtung gefunden, etwa durch ihre an moderne neurowissenschaftliche Erkenntnisse anschlussfähige Konzeption einer Netzwerkstruktur der Psyche oder ihre Wertschätzung des inneren Bilderlebens und der Imagination. Das Buch leitet in allgemeinverständlicher Form die Grundlagen der Analytischen Psychologie aus ihren geisteswissenschaftlichen Wurzeln her und beschreibt die daraus entwickelten therapeutischen Methoden, wie etwa die Traumarbeit oder die Aktive Imagination.

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Der Autor

 

Prof. Dr. phil. Ralf T. Vogel ist Psychoanalytiker und Verhaltenstherapeut, Dozent, Supervisor und Lehranalytiker, u. a. am C. G. Jung Institut München, und arbeitet in Ingolstadt in freier Praxis für Psychotherapie und Supervision. Er ist Gründungsmitglied des Internationalen Netzwerks für Forschung und Entwicklung in der Analytischen Psychologie (infap3), Mitglied verschiedener wissenschaftlicher Beiratsgremien, gehört der Redaktion der Zeitschrift Analytische Psychologie an und hält eine Honorarprofessur für Psychotherapie und Psychoanalyse an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. Im Kohlhammer Verlag ist er Herausgeber der Reihe Analytische Psychologie C. G. Jungs in der Psychotherapie und Autor verschiedener Fachbücher zum Thema, z. B. C. G. Jung für die Praxis (2016), Das Dunkle im Menschen – Zum Schattenkonzept der Analytischen Psychologie (2015) oder Individuation und Wandlung (2017).

Ralf T. Vogel

Analytische Psychologie nach C. G. Jung

Verlag W. Kohlhammer

Für Sabine

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1. Auflage 2018

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-028678-8

E-Book-Formate:

pdf:      ISBN 978-3-17-028679-5

epub:   ISBN 978-3-17-028680-1

mobi:   ISBN 978-3-17-028681-8

Geleitwort zur Reihe

 

 

 

Die Psychotherapie hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich gewandelt: In den anerkannten Psychotherapieverfahren wurde das Spektrum an Behandlungsansätzen und -methoden extrem erweitert. Diese Methoden sind weitgehend auch empirisch abgesichert und evidenzbasiert. Dazu gibt es erkennbare Tendenzen der Integration von psychotherapeutischen Ansätzen, die sich manchmal ohnehin nicht immer eindeutig einem spezifischen Verfahren zuordnen lassen.

Konsequenz dieser Veränderungen ist, dass es kaum noch möglich ist, die Theorie eines psychotherapeutischen Verfahrens und deren Umsetzung in einem exklusiven Lehrbuch darzustellen. Vielmehr wird es auch den Bedürfnissen von Praktikern und Personen in Aus- und Weiterbildung entsprechen, sich spezifisch und komprimiert Informationen über bestimmte Ansätze und Fragestellungen in der Psychotherapie zu beschaffen. Diesen Bedürfnissen soll die Buchreihe »Psychotherapie kompakt« entgegenkommen.

Die von uns herausgegebene neue Buchreihe verfolgt den Anspruch, einen systematisch angelegten und gleichermaßen klinisch wie empirisch ausgerichteten Überblick über die manchmal kaum noch überschaubare Vielzahl aktueller psychotherapeutischer Techniken und Methoden zu geben. Die Reihe orientiert sich an den wissenschaftlich fundierten Verfahren, also der Psychodynamischen Psychotherapie, der Verhaltenstherapie, der Humanistischen und der Systemischen Therapie, wobei auch Methoden dargestellt werden, die weniger durch ihre empirische, sondern durch ihre klinische Evidenz Verbreitung gefunden haben. Die einzelnen Bände werden, soweit möglich, einer vorgegeben inneren Struktur folgen, die als zentrale Merkmale die Geschichte und Entwicklung des Ansatzes, die Verbindung zu anderen Methoden, die empirische und klinische Evidenz, die Kernelemente von Diagnostik und Therapie sowie Fallbeispiele umfasst. Darüber hinaus möchten wir uns mit verfahrensübergreifenden Querschnittsthemen befassen, die u. a. Fragestellungen der Diagnostik, der verschiedenen Rahmenbedingungen, Settings, der Psychotherapieforschung und der Supervision enthalten.

Harald J. Freyberger (Stralsund/Greifswald)

Rita Rosner (Eichstätt-Ingolstadt)

Günter H. Seidler (Dossenheim/Heidelberg)

Rolf-Dieter Stieglitz (Basel)

Bernhard Strauß (Jena)

Inhalt

 

 

 

Geleitwort zur Reihe

Zur Einführung

1 Ursprung und Entwicklung des Verfahrens

2 Verwandtschaft mit und Abgrenzung zu anderen Verfahren

3 Wissenschaftliche und therapietheoretische Grundlagen

3.1 Grundsätzliches

3.2 Das Konzept des dynamischen und geschichteten Unbewussten

3.2.1 Die Struktur des Unbewussten

3.2.2 Die Archetypen

3.3 Das Selbst

3.4 Die Grundfunktionen

3.5 Die Finalität

3.6 Die Gegensatzstruktur der Psyche und Ganzheit

3.7 Die Komplextheorie

3.8 Die Idee der Individuation

3.8.1 Zur Theorie der Individuation

3.8.2 Der Individuationsprozess

3.8.3 Persona und Schatten

3.8.4 Anima und Animus

3.9 Jungs »Energetik der Seele«

3.10 Die Analytische Psychologie, die »gehobenen Emotionen« und die Liebe

3.11 Die Analytische Psychologie und das Bild

3.11.1 Das Bild als unmittelbarer Ausdruck des Seelischen

3.11.2 C. G. Jung auf der Biennale in Venedig

3.12 Tod und Ewigkeit – Thanatopsychologie und Religionspsychologie

4 Kernelemente der Diagnostik

4.1 Allgemeines zur Diagnostik in der Analytischen Psychologie

4.2 Eine Jung’sche Psychodynamik

5 Kernelemente der Therapie

5.1 Vorbemerkungen

5.2 Der Wert des Symbolischen

5.2.1 Die ›symbolisierende Einstellung‹

5.2.2 Symboltheorie und therapeutische Arbeit mit Symbolen

5.3 Die Arbeit in und mit der therapeutischen Beziehung

5.4 Therapeutische Traumarbeit

5.4.1 Traumtheorie und -praxis in der Analytischen Psychologie

5.4.2 Amplifikation

5.5 Aktive Imagination

5.6 Maltherapie

5.7 Sandspieltherapie

5.8 Therapeutisches Arbeiten mit Märchen und Mythen

5.9 Therapie im höheren Lebensalter

5.10 Der Therapeut im Blickwinkel der Analytischen Psychologie

6 Klinisches Fallbeispiel

6.1 Grundsätzliches zu Falldarstellungen

6.2 Frau A.: Kontaktaufnahme und Anamnese

6.3 Biographische Angaben

6.4 Erste (jungianische) psychodynamische Hypothesen zu Beginn der Therapie

6.5 Auszüge aus dem Behandlungsverlauf

6.6 Abschließende Würdigung

7 Hauptanwendungsgebiete

7.1 Allgemeines

7.2 Störungsspezifische Ansätze

8 Settings

8.1 Einzeltherapie mit Erwachsenen

8.2 Einzeltherapie mit Kindern und Jugendlichen

8.3 Gruppentherapie

8.4 Paar- und Familientherapie

9 Therapeutischer Prozess und therapeutische Beziehung

10 Wissenschaftliche und klinische Evidenz

11 Institutionelle Verankerung

12 Infos zu Aus-, Fort- und Weiterbildung

13 C. G. Jung in der Literatur und im Netz

Literatur

Sachwort- und Personenverzeichnis

Zur Einführung

 

 

 

Diesem Band als Teil einer Buchreihe mit dem Titel »Psychotherapie kompakt« ist zunächst die vielleicht überraschende Information vorauszuschicken, dass es sich bei der Analytischen Psychologie nicht primär um ein psychotherapeutisches Verfahren handelt. Vielmehr haben wir es mit einer traditionsreichen, aber durchaus modernen, vorwiegend geisteswissenschaftlichen Denkrichtung zu tun. Sie hat als einem ihrer Anwendungsbereiche auch ein psychotherapeutisches Verfahren mit verschiedenen theoretischen Grundlagen, deren praktischen Implikationen und daraus abgeleitet auch therapeutischen Einzel-»Techniken« entwickelt. Die Beschäftigung mit dem Unbewussten und das in der Analytischen Psychologie nach wie vor behauptete Ringen um die menschliche Seele (die nicht in der Psyche als dem persönlichen Innenraum des Einzelnen aufgeht) machen – auch erkenntnistheoretisch – die respektvolle Anerkennung von Opakem (d. h. nicht vollständig durch eine operationalisierende Definition Bestimmbarem), Unwissbarem und Unverfügbarem notwendig, denn »Die klassischen Nachweise des Unbewussten gehören alle der Kategorie des ›Stolperns‹ an. Das Unbewusste lässt sich nicht logisch beweisen« (Hillman 2016, S. 53). Diese mangelnde exakte Operationalisierbarkeit vieler seiner Kernbegriffe war dem Schweizer Psychiater und Psychologen C. G. Jung (1875–1961) wohl bewusst, wenn er etwa meinte: »Die Sprache, die ich spreche, muss zweideutig bzw. doppelsinnig sein, um der psychischen Natur mit ihrem Doppelaspekt gerecht zu werden. Ich strebe bewusst und absichtlich nach dem doppelsinnigen Ausdruck, weil er der Eindeutigkeit überlegen ist und der Natur des Seins entspricht« (Jung 1972, Briefe Bd. II, S. 283f). Den Vertretern der Analytischen Psychologie (aus Lesbarkeitsgründen wird die männliche Form benutzt, in der Hoffnung, die weiblichen Leserinnen nicht abzuschrecken) ist sehr wohl bewusst, dass die Begriffe, die sie zur Veranschaulichtung ihrer »Landkarte der Seele« (Stein 2000) benutzen, nicht immer auf operationalisierbare Realitäten verweisen und notwendigerweise vorläufig und spekulativ sein müssen. Sich der »psychologischen Differenz« (Giegerich 1994, 2017) zwischen Seelisch-geistigem und Persönlichem stets bewusst, lassen wir für die Konzeption einer Psychotherapie pragmatisch dieses Wissen aber temporär außen vor, nehmen die Konzepte als brauchbare Heuristiken, ja versuchen gar von Zeit zu Zeit, ihnen in objektivierender Forschung auch im Sinne der vorherrschenden positivistischen Wissenschaftlichkeit einen Platz zuzuweisen. Auch wenn Jung selbst nicht müde wurde, sich – in teilweise sogar selbstbeschränkender Manier – als Empiriker zu bezeichnen (wobei der Empiriebegriff im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert ein viel breiterer war, als es heute der Fall ist), gilt: Seine Konzepte leiten sich stringent aus der abendländischen Philosophiegeschichte ab und haben ihren Ursprung in der Naturphilosophie, bei den Vorsokratikern, v. a. bei Heraklit (520–460 v. Chr.). Schopenhauer, Nietzsche, Schleiermacher und Klages sind u. a. als als moderne Inspirationsquellen Jungs zu nennen, und ebenso gibt es deutliche Parallelen (wenn auch gleichzeitig einige Unterschiede) zu nicht wenigen Facetten der existenzialistischen Philosophie (die Nähe der jungianisch ausgerichteten Psychotherapie zur Existenziellen Psychotherapie (Yalom 2000) wird auch in diesem Buch an vielen Stellen deutlich werden). Bzgl. moderner philosophischer Strömungen besteht zwischen einigen Grundkonzepten der Analytischen Psychologie und der modernen Philosophie der Lebenskunst (Schmid 2016) eine hohe Affinität. Psychotherapie im Sinne der Analytischen Psychologie stellt sich also dar als eine in einer engen zwischenmenschlichen Beziehung angewandte »Klinische Philosophie« (Yalom 2005, S. 44), und Jung räumt bereits 1925 ein, dass »wir Psychotherapeuten eigentlich Philosophen oder philosophische Ärzte sein sollten oder schon sind, ohne es wahrhaben zu wollen« (Jung 1943, GW16 § 181).

Ein solch umfangreiches, über 100 Jahre altes Lehrgebäude wie das der Analytischen Psychologie in einem schmalen Bändchen zusammenzufassen, stellt sich als nahezu unmögliches Unterfangen dar. Schon allein das ausgedehnte Gesamtwerk, die drei voluminösen Briefbände, und ein Autobiographie-ähnliches Buch sowie zahlreiche Mitschnitte und Protokolle von Seminaren C. G. Jungs überall auf der Welt machen dies deutlich. Seit der ersten Generation nach Jung wurden dessen Theorien und Konzepte zudem kontinuierlich weiter ausdifferenziert, kommentiert, weiterentwickelt und verändert. Hinzu kommt eine ganze Reihe teilweise recht empfehlenswerter Einführungsliteratur – wie es auch überhaupt anzuraten ist, sich Jung nicht gleich durch das Studium seiner Originalschriften, sondern zunächst über Vermittlung und Erläuterung anzunähern (Kap. 13). In der BRD, weltweit und besonders in den USA gibt es bis heute eine rege Arbeitstätigkeit um Jungs Werk herum. Da die vorliegende Schrift Teil einer wissenschaftlichen Buchreihe ist, wird auch ein verstärkter Akzent auf den Wissenschaftsfaktor im engeren Sinne gelegt. Dies ist umso wichtiger, als der Analytischen Psychologie immer wieder eine ernsthafte Wissenschaftlichkeit abgesprochen wurde. Um dem entgegenzuwirken, wird zum einen mit Bezügen auf aktuelle psychotherapeutische und psychologische Forschung nicht gespart. Zum andern wird aber immer wieder versucht deutlich zu machen, welcher Art Wissenschaft die Analytische Psychologie zuzurechnen ist, also welche erkenntnistheoretischen Grundlagen sie ausmachen.

Die Analytische Psychologie gehört – wie zahlreiche andere tiefenpsychologische oder humanistische Denkrichtungen – zu den psychologischen und psychotherapeutischen Lehrgebäuden mit einer eindeutigen, charismatischen und wohl auch genialen Gründerfigur. Trotzdem kam es bereits zu Lebzeiten Jungs zu heftigen Diskussionen zwischen ihm und einigen seiner Schülerinnen und Schüler, die seine Ansichten zwar zum eigenen Ausgangspunkt machten, sie aber nicht eins zu eins und unkritisch übernahmen. Rasch entwickelte sich daraus eine fruchtbare Heterogenität auch innerhalb der Analytischen Psychologie. In manchen zentralen Aspekten der Analytischen Psychologie ist Jung heute zwar der historische Vordenker, hat aber nicht mehr das ›letzte Wort‹. Das vorliegende Buch geht grundsätzlich von den Gedanken des Gründervaters selbst aus, ergänzt sie aber in vielen Belangen durch die Erkenntnisse der nächsten Generationen. Manche Widersprüche bleiben dabei unerwähnt, insgesamt wird eine eher komplementäre Sicht auf die unterschiedlichen Auffassungen in dem weiten Feld der Analytischen Theorie und Praxologie vertreten.

Um dem riesigen Ausmaß des jungianischen Schaffens wenigstens ansatzweise Rechnung zu tragen, wurden – neben der Notwendigkeit von Zusammenfassungen, Kürzungen und Weglassungen – nach den meisten Hauptkapiteln ein paar möglichst aktuelle Literaturangaben aus dem deutschsprachigen oder angloamerikanischen Raum zum Weiterstudium angefügt. Die Zitate Jungs wurden mit den jeweiligen Jahreszahlen ihres Erscheinens versehen, um eine historische Einordnung zu ermöglichen. Die dadurch im Literaturverzeichnis zusammengetragene stattliche Liste Jung’scher Aufsätze kann daneben einen Überblick über die enorme Breite seines Gesamtwerks verschaffen. Die kursive Schrift in manchen Zitatstellen ist von Jung selbst jeweils so vorgenommen. Bezug ist durchgehend die Studienausgabe der Gesammelten Werke aus dem Walter Verlag.

Zum weiteren Studium:

 

Kast, V. (2016a) Die Dynamik der Symbole. Grundlagen der Jung’schen Psychotherapie. Ostfildern: Patmos

Singer, J. (1994) Bounderies of the Soul. The practice of Jung’s psychology. New York: Anchor Books

Stein, M. (2000) C. G. Jungs Landkarte der Seele. Eine Einführung. Ostfildern: Patmos

1          Ursprung und Entwicklung des Verfahrens

 

 

 

Die Analytische Psychologie ist die aus den Werken C. G. Jungs abgeleitete und weiterentwickelte Theorie des Seelenlebens des Menschen mit ihren vielfältigen Anwendungen. ›Jungianisch‹ meint in diesem Zusammenhang ebenfalls das Gebiet der Analytischen Psychologie, das sich allerdings nicht mehr nur auf Jungs umfangreiches Gesamtwerk, sondern auf dessen Fortschreibung v. a. in den Sozial- und Geisteswissenschaften bezieht. Der seltener benutzte Terminus der ›Komplexen Psychologie‹ stammt ebenfalls von Jung und meint das Gleiche. Im deutschsprachigen Raum finden wir schließlich auch noch die Bezeichnung ›Psychoanalyse nach C. G. Jung‹. Auch der Terminus ›Tiefenpsychologie nach C. G. Jung‹ ist gebräuchlich (z. B. Kast 2014c), wie überhaupt außerhalb Deutschlands der Begriff Tiefenpsychologie oft eher mit Jung als mit Sigmund Freud in Verbindung gebracht wird, während es in Deutschland die ›Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie‹ als verwaltungstechnischen Begriff des Krankenkassenwesens gibt.

C. G. Jung wurde 1875 (dem Geburtsjahr u. a. auch von Rainer Maria Rilke und Thomas Mann) in Kesswil, einem kleinen Ort am Bodensee im Schweizer Kanton Thurgau als Pfarrerssohn geboren. Nach durchaus konflikthafter Kindheit und Jugend studierte er in Basel Medizin und wählte als Kompromiss zwischen seinen medizinischen und philosophischen Interessen die Psychiatrie als sein Fachgebiet. Um 1900 wurde er Assistent des damals wahrscheinlich einflussreichsten Psychiaters Eugen Bleuler. Jung kannte wohl sämtliche Werke Sigmund Freuds, zu einer persönlichen Kontaktaufnahme kam es allerdings erst 1906, als Jung schon zentrale Konzepte seiner Psychologie in ihren Grundzügen entworfen hatte. Freud war zunächst von seinem jungen Kollegen begeistert und Jung sah in Freud einen väterlichen Mentor. Von 1910 bis 1914 war Jung Präsident der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung, der Bruch mit Freud erfolgte allerdings bereits 1912 mit der ersten umfassenden Darstellung seiner eigenen psychologischen Gedankenwelt (Wandlungen und Symbole der Libido). Die darin enthaltene Kritik an Kernkonzepten Freuds wie etwa der Libidotheorie, aber auch persönliche Unvereinbarkeiten der beiden Männer führten 1913 zur endgültigen Aufgabe der persönlichen und fachlichen Beziehungen.

Um die Entstehungsgeschichte der Analytischen Psychologie zu skizzieren, genügt es nicht, die Darstellungen ihres Begründers C. G. Jung nachzuzeichnen. Auch wenn Jungs Biographie und die Konzeption seiner zentralen Entdeckungen eng miteinander verwoben sind (Bair 2005) gilt doch: Zahlreiche grundlegende Konzepte wurden bei genauerer Betrachtung nicht von Jung ›erfunden‹, sondern von ihm vielmehr in den geistesgeschichtlichen Strömungen vorwiegend Europas und Asiens entdeckt und (tiefen-)psychologisch aufgearbeitet. Mindestens vier Entwicklungsstränge sind zu berücksichtigen, um eine adäquate Einordnung der Geschichte der Analytischen Psychologie vornehmen zu können. Es sind dies:

•  der geistesgeschichtliche,

•  der philosophische,

•  der psychologisch-psychoanalytische sowie schließlich

•  der psychiatrisch-naturwissenschaftliche Zugang.

Dabei ist Letzterer in Jungs Werdegang als anfänglich und vorübergehend zu bezeichnen.

1904 veröffentliche C. G. Jung, damals Oberarzt in der psychiatrischen Klinik von Eugen Bleuler (1857–1939), zusammen mit seinem damaligen psychiatrischen Assistenten Franz Beda Riklin (1878–1938) erstmals über das sog. »Assoziationsexperiment«, eine experimentalpsychologische Methode, die psychologiegeschichtlich bis zu solch großen Namen wie Francis Galton, Wilhelm Wundt oder Emil Kraepelin im 19. Jahrhundert zurückzuverfolgen ist (Jung und Riklin 1904, GW2). Das inzwischen als Wortassoziationstest (WAT) bezeichnete Vorgehen steht bis heute Pate für zahlreiche psychometrische Testverfahren und aktuelle Forschungen zeigen seine Position im Kanon moderner klinischer (Test-)Diagnostik (v. Uffelen 2017). Es besteht aus (in der jungianischen Form 100) Reizwörtern, zu denen spontan Assoziationen erfolgen sollen. Diese werden inhaltlich, bzgl. zusätzlicher Störungsmerkmale und anhand der Reaktionszeit notiert und psychophysiologische Begleitparameter werden u. U. zusätzlich gemessen. In einem zweiten Durchgang wird dann die Übereinstimmung mit den ersten Antworten betrachtet. Das Experiment, das zunächst in gut psychologischer Manier an gesunden Probanden erprobt wurde, diente Jung zum experimentellen Nachweis der Verdrängungshypothese der Psychoanalyse, v. a. aber zum Auffinden sog. intrapsychischer ›Komplexe‹ (s. u.) und ist als erster experimenteller Beitrag zu einer »Empirie des Unbewussten« (Meier 1994) zu betrachten. Die Hypothese dazu ist, dass, wenn ein ansonsten unverfängliches, alltägliches Wort (Kopf, grün, Wasser, Stechen) einen solchen Komplex aktiviert, sich dies in einer verlängerten Reaktionszeit und psychovegetativen Veränderungen äußert. Der Wortassoziationstest ist von jungianischen Wissenschaftlern gut beforscht (Schlegel und Zeier 1982), wird an jungianischen Ausbildungsinstituten bis heute gelehrt und findet immer noch Anwendung in forscherischen und therapeutischen Zusammenhängen (Kast 1999). Für Jung bedeuteten seine Veröffentlichungen zum Assoziationsexperiment erste wissenschaftliche Anerkennungen und internationales Renommee, was etwa seine Einladung zu einer Vorlesung zum Assoziations-Thema an die Clark University in den USA bereits im Jahre 1909 aufzeigt.

Trotz dieses auch im heutigen, streng-empirischen Sinn gültigen ersten Forschungsansatzes Jungs hat die Analytische Psychologie in der akademischen Psychologie – mit wenigen, an Einzelpersonen gebundene Ausnahmen – keinen Platz gefunden und wird dort heute allenfalls noch im historischen Kontext oder als Fußnote erwähnt. Anders ist das in vielen anderen universitären Fakultäten, wo die Konzepte Jungs und seiner Nachfolger von maßgeblichen Vertretern des jeweiligen Faches, etwa in der heutigen Germanistik (Bishop 2009), der Philosophie (z. B. Hauke 2003), der Kunstwissenschaft (z. B. Madden 2016) oder auch der Medizin (z. B. Frick 2009) rezipiert und weiterentwickelt werden.

Exkurs: C. G. Jung und der Nationalsozialismus

Seltener werdend, aber noch immer anzutreffen ist die skeptische Betrachtung des Werks C. G. Jungs mit der Begründung seiner vermeintlichen Nähe zum Nationalsozialismus. Tatsächlich gibt es um die Zeit der nationalsozialistischen Machtergreifung herum einige schriftliche und mündliche Aussagen Jungs, die sich auf unentschuldbare Art und Weise nationalsozialistischer Gedanken annähern. Gleichzeitig scheint Jung auch nicht gesehen zu haben, dass seine Psychologie, wie alle anderen großen Denkgebäude auch, einer politischen Instrumentalisierung ausgesetzt werden könnte. Spätesten seit 1936 distanzierte sich Jung schließlich von den Nationalsozialisten, 1939 wurden seine Schriften ebenfalls auf die ›Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums‹ der verbotenen Bücher gesetzt. Jung war, das zeigen die inzwischen umfangreichen historischen und biographischen Studien, sicher kein Nazi oder Antisemit. Dies wird nicht zuletzt in den Auseinandersetzungen mit seinen engen jüdischstämmigen Mitarbeitern Aniela Jaffé (1903–1991) und Erich Neumann (1905–1960) deutlich. Trotzdem bleiben seine Äußerungen aus dieser Zeit und auch sein späterer Umgang mit denselben (eine förmliche Entschuldigung blieb aus) ein Stachel in der Befassung mit seiner Theorie. Umgekehrt führte Jungs Verhalten in der analytisch-psychologischen Community aber auch zu einer im Vergleich zu vielen anderen psychologischen Denkschulen äußerst differenzierten und sich immer weiterentwickelnden Auseinandersetzung mit den historischen Bedingtheiten des gesamten analytischen Denkgebäudes, zur beständigen Reflexion der Beziehung zwischen Werk und Autor und zu einer besonderen Sensibilität bzgl. ihrer Missbrauchsmöglichkeiten (vgl. z. B. Metzner und Lesmeister 2001). In jüngerer Zeit gehört dazu auf internationaler Ebene auch die sensible Beachtung der aus dem Ende des 19. Jahrhunderts stammenden Sprache des Gründungsvaters, besonders wenn es um seine Ansichten bzgl. farbiger und indigener Bevölkerungsgruppen ging, die heute den Zugang zur Analytischen Psychologie erschweren können.

Die Analytische Psychologie in ihrer heutigen internationalen Aufstellung ist nicht ein homogenes Gebilde. Vielmehr gibt es, wie in anderen altehrwürdigen psychologischen Traditionen, so etwas wie theoretische ›Schulrichtungen‹, wenn diese auch, etwa im Vergleich zu manchen Kontroversen innerhalb der Freud’schen Community, weitgehend friedlich-koexistent nebeneinanderstehen und eher Schwerpunktsetzungen des theoretischen Interesses sind. Im Allgemeinen werden diese Orientierungen in eine Archetypische Psychologie, eine Entwicklungspsychologische Psychologie, in eine Klassische Psychologie und bisweilen noch in eine Übertragungsorientierte Psychologie unterteilt (z. B. Polly-Eisendrath und Dawson 1997). Eine aktuelle Entwicklung ausgehend von Grundsatzschriften C. G. Jungs, der »Archetypischen Psychologie« von James Hillman und v. a. dem international renommierten Berliner Psychoanalytiker Wolfgang Giegerich formuliert, in der Weiterführung des Jung’schen Schwerpunkts der Arbeit an und in der ›Inneren Welt‹, das Wesen der (Analytischen) Psychologie als »Disziplin der Innerlichkeit« (Sandovall und Knapp 2017). Sie stellt sozusagen das ›radikalste‹ Verständnis und die ›radikalste‹ Weiterentwicklung Jungs dar. Psychologie und Psychotherapie, verstanden als »die nach innen gerichtete Suche entlang einer vertikalen Achse, eine ›Innenforschung‹ anstelle einer Erforschung von äußerem, historischem und horizontalem Geschehen« (Hillman 2016, S. 8), ermöglicht der Analytischen Psychologie ein aus sich selbst heraus entwickeltes, genuines Verständnis von Psychologie und Psychotherapie neben den Entwicklungen in Natur- und Geisteswissenschaft und Philosophie.

Zum weiteren Studium:

 

Bishop, P. (2014) Carl Jung. London: Reaction Books

Evers, T. (1987) Mythos und Wirklichkeit. Eine kritische Annäherung an C. G. Jung. Hannover: Junius Verlag

Jaffé, A. (Hg.) (1968) Aus Leben und Werkstatt von C. G. Jung. Zürich: Rascher.

Metzner, E., Lesmeister, R. (2001) »Der neue Mensch«. C. G. Jungs Denken im Spannungsfeld esoterischer Erneuerungsideen und faschistischer Ideologie. Anal. Psychol. 32/2, S. 138–157

Sandovall, J.M., Knapp, J.C. (Hg.) (2017) Psychology as the Discipline of Interiority. London: Routledge

v. d. Tann, M., Erlenmeyer, A. (1993) C. G. Jung und der Nationalsozialismus. Texte und Daten, im Auftrag der Dt. Ges. f. Anal. Psychol., erweiterte Auflage.

2          Verwandtschaft mit und Abgrenzung zu anderen Verfahren

 

 

 

Die Analytische Psychologie steht in ihrem Kern in geisteswissenschaftlicher und philosophier Tradition und nimmt nur zu Erläuterungs- und Ergänzungszwecken (heute bisweilen auch aus Gründen der Rechtfertigung im Krankenkassensystem) Kontakt zu statistisch-naturwissenschaftlich ausgerichteten Forschungsbereichen auf. Der Hauptunterschied zu allen kognitiv-verhaltenstherapeutischen Therapierichtungen ist also ganz grundsätzlich, bereits auf der Ebene der Wissenschaftstheorie anzusiedeln (Kap. 3), wenngleich auf pragmatischer Ebene einzelne therapeutische Methoden der Analytischen Psychologie durchaus anschlussfähig sind.

Im Allgemeinen wird v. a. im deutschsprachigen Gebiet die Analytische Psychologie der Psychoanalyse zugeordnet, ja nicht selten (z. B. im bundesdeutschen Krankenkassenwesen) als eine ihrer Unterformen dargestellt. Innerhalb der Vertreter der Analytischen Psychologie gibt es allerdings einen breiten ›Range‹, der von einer totalen Identifikation mit der Psychoanalyse auf der einen und dem Bestehen auf einer höchst eigenständigen tiefenpsychologischen Therapie- und Theorierichtung auf der anderen Seite reicht. Die einschlägigen Monographien der Psychoanalyse selbst weisen ihrerseits die Analytische Psychologie, etwa im Gegensatz zur Selbstpsychologie, nicht als unter das Dach der Psychoanalyse gehörig aus. Mertens (2005) etwa benennt die Analytische Psychologie überhaupt nicht, Kutter und Müller (2008) erwähnen Jung kurz, gehen aber auf keinerlei Beitrag der Analytischen Psychologie zur psychodynamischen Theorie und Praxis ein und auch bei List (2009) findet die Analytische Psychologie bei der Aufreihung der »Psychoanalytischen Schulen« (S. 137ff) keine Erwähnung. Dies ist einerseits bedauerlich, da so die Erkenntnisse der Analytischen Psychologie eher isoliert bleiben und kaum Eingang in die Diskussion des psychoanalytischen Mainstreams finden können. Bei genauer Betrachtung des analytischen Gesamtkanons allerdings wird deutlich, dass dies aber durchaus verständlich ist, auch wenn grundlegende ›Leitsätze‹, wie etwa die zentrale Rolle unbewusster Prozesse und die unumgehbare Veränderungsrelevanz zwischenmenschlicher Beziehungen, auf eine große Schnittmenge hinweisen.

Auf praktischer Ebene besteht der zentrale Unterschied jungianisch-psychotherapeutischen Arbeitens zur modernen Psychoanalyse in der durch das unterschiedliche Menschenbild geprägten therapeutischen Haltung und dem weitaus breiteren Methodenkanon. Während die Psychoanalyse quasi ›monomethodisch’ den Fokus ihres Tuns nahezu ausschließlich auf das Arbeiten in und mit Übertragung und Gegenübertragung richtet, haben die jungianschen Therapeuten mit ihren zusätzlichen imaginativen und diversen kreativen Methoden und ihrer elaborierten Traumtherapie eine breitere Methodenvielfalt zur Verfügung (Kap. 5). Auch wird die Möglichkeit der Einleitung eines therapeutischen (analytischen) Prozesses nicht stark an äußere Variablen wie etwa die Stundenfrequenz oder die Therapiedauer geknüpft, so dass hier eine größere Flexibilität möglich ist. Dies gilt auch für die Bereitschaft der Analytischen Psychologie, auf dem Boden ihres Welt- und Menschenverständnisses Kenntnisse und Methoden anderer therapeutischer Richtungen zu integrieren, so dass manche Autorinnen und Autoren die Analytische Psychologie gar als Prototyp einer Integrativen Psychologie konzipieren (Müller und Müller 2018).

Die therapeutische Haltung ist die zur Praxis gewordene Grundeinstellung des Therapeuten zum Seelischen und zum (seelischen) Leiden schlechthin. Die Unterstellung einer Symbolhaftigkeit und einer Sinnhaftigkeit aller Erscheinungen (und damit auch der psychischen Symptomatik) durch das Vertrauen auf die Entwicklungstendenz der Psyche und ihrer Fähigkeit zu Kompensation und Komplementarität führen zu einer zurückhaltenden, raumgebenden Grundhaltung. Diese Haltung beschreibt James Hillman (2017, S. 30) als »Sich-Zurückziehen, statt dem anderen entgegenzutreten (…), damit der andere sich öffnen und sprechen kann« und vergleicht diese mit dem Begriff des Zimzum der jüdischen Mystik. Der Einsatz therapeutischer Methoden erfolgt deshalb vorsichtig und zögerlich sowie ohne die Absicht, mittels eines forcierten therapeutischen ›Machens‹ Fortschritte erreichen zu wollen (Kap. 5.1). An verschiedenen Stellen weist Jung dazu auf den mittelalterlich-alchemistischen Terminus des »deo concedente« hin (z. B. Jung 1946, GW16 § 386), um zu veranschaulichen, dass der heilsame therapeutische Prozess auch von Kräften abzuhängen vermag, die die Interventionsmöglichkeiten des Therapeuten weit überschreiten und die eher in Begriffen der Fügung oder des Schicksals zu fassen sind (Vogel 2014).

Was die Verwandtschaft der Analytischen Psychologie mit anderen therapeutischen Richtungen und Verfahrensweisen anbelangt, so sind hier also neben den psychoanalytischen v. a. auch die humanistischen psychologischen Traditionen zu nennen, es gibt aber auch Überschneidungen mit so heterogenen Ansätzen wie etwa der Kunsttherapie oder der modernen Schematherapie (s. u.).

3          Wissenschaftliche und therapietheoretische Grundlagen

 

3.1       Grundsätzliches

Die Grundlagen des analytisch-psychologischen Denkens und Arbeitens wurzeln tief in der abendländischen (v. a. der griechischen Antike und der Romantik) und z. T. auch ostasiatischen (v. a. dem Daoismus) Geistesgeschichte. Die wissenschaftliche Tätigkeit innerhalb der Analytischen Psychologie befasst sich teilweise sehr akribisch mit diesen unterschiedlichen Geistesströmungen in Jungs Werk und entwickelt die Verbindungen etwa zwischen Philosophie und Tiefenpsychologie und die dort zur Anwendung kommenden Begriffe beständig fort (z. B. Ferrell 2016). Als solche zunächst philosophischen Begriffe, die auch eine grundlegende Sicht auf den Menschen transportieren, beanspruchen sie ihre Gültigkeit und sind v. a. durch kultur-, sozial- und geisteswissenschaftliche Methoden in konkrete Anwendungsbereiche übertragen worden. Als Kernelemente der Analytischen Psychologie haben zu gelten (Vogel 2016a):

•  das Konzept eines dynamischen und geschichteten Unbewussten

•  die Psychologie des Selbst

•  die psychischen Grundfunktionen

•  das Prinzip der Finalität

•  die Gegensatzstruktur der Psyche

•  die Komplexpsychologie

•  die Idee der Individuation

Sie bilden in gut (klinisch-)philosophischer Manier »den Begriffsrahmen (…), mit Hilfe dessen wir uns selbst verstehen und über uns nachdenken können« (Bordt 2015, S. 17). Alle diese Grundlagenkonzepte haben seit ihrer Herleitung und Beschreibung durch C. G. Jung allerdings auch Erweiterungen und Veränderungen erfahren, ohne aber den generellen Boden des durch sie umrissenen (therapeutischen) Menschenbildes zu verlassen. Jung benutzte in diesem Zusammenhang immer wieder den Terminus ›Weltanschauung‹ (Jung 1943, GW16 § 173ff). Wie jede Psychologie, so fußt auch die Analytische Psychologie auf einer solchen, die durch ihre maßgeblichen Kernbegriffe umrissen ist. Modern formuliert versteht man unter einer Weltanschauung »nicht nur das, was jemand über seine Welt denkt, sondern die Gesamtheit des komplexen Bezugs eines Menschen zu seiner Welt, in dem nicht-sprachliche Empfindungen, Grundstimmungen, Emotionen, Erlebnisse und Erfahrungen ebenso enthalten sind wie theoretische Annahmen über die Welt und das Leben« (Bordt 2015, S. 20). Im vorliegenden Band können diese Wurzeln nicht detailliert dargestellt werden. Vielmehr soll in den folgenden Kapiteln die Möglichkeit gegeben werden, sich einen Gesamteindruck über diese Grundlagen zu verschaffen.

Deutlich wird bei obiger Auflistung der Kernelemente aber auch, dass die Analytische Psychologie zwar unbestritten in das weite Feld der Tiefenpsychologie einzuordnen ist, dass aber ihre ausschließliche Zugehörigkeit zur Psychoanalyse, wie sie v. a. in der BRD vertreten wird (Kap. 1), durchaus angezweifelt werden darf. Viele der Grundkonzepte der Analytischen Psychologie verweisen nämlich in ihren fundamentalen Menschenbildannahmen eher auf humanistische Philosophien und Psychologien. Besonders gilt dies bzgl. des von Jung als fundamental für seine Psychologie vorgestellten und aus der griechischen Philosophie entnommenen Prinzips der ›Entelechie‹, das alle sieben hier aufgezählten Kernkonzepte durchzieht: »Das Therapiekonzept Jungs baut auf die natürliche Entfaltungstendenz eines jeden Lebewesens, auf die Entelechie. Es setzt auf die Fähigkeit zu wachsen, sich zu entwickeln, auf die Fähigkeit zum Überwachsen der Probleme durch eine immer differenziertere Entfaltung der besonderen Gestalt, auf die eine jede und ein jeder von uns angelegt ist« (Riedel und Henzler 2016, S. 15). Die Entelechie ist, wie das am Ende dieses Kapitels dargestellte und mit ihr verwandte Konzept der Finalität (Kap. 3.5) und das des Gegensatzprinzips der Psyche (Kap. 3.6), die Klammer, die Jungs Grundvorstellungen umschließt. Es wird aber auch deutlich werden, dass die Kernkonzepte nicht im eigentlichen Sinne in sich geschlossene theoretische Konzepte sind. Vielmehr weisen sie zahlreiche Überschneidungen auf, gehen ineinander über und bedingen einander. Auf die Opazität der jungianischen Begriffswelt wurde im Einleitungskapitel bereits hingewiesen. Sie gilt auch und in erster Linie für die Kernbegrifflichkeiten, die sich sämtlich operationalisierenden Definitionsversuchen entziehen, da diese den Begriffen zwangsläufig immer wesentliche Teile aberkennen würden. Evers (1987) weist auf den eschatologischen Charakter Jung’scher Begriffsbildungen hin, die im eigentlichen Sinne nur in Grenzsituationen erfahrbar seien. So sind die zentralen Konzepte innerhalb der jungianischen Community auch beständig im Fluss, sie unterliegen einer andauernden, lebhaften Diskussion und über die ganze jungianische Fachwelt hinweg sind wahrscheinlich kaum einfache Konsensbildungen über ihre genaue inhaltliche Beschreibung möglich. Diese bisweilen schwierige Tatsache schützt andererseits die jungianischen Kernkonzepte weitgehend vor einer impliziten Normativität, wie sie Begriffen manch anderer Therapierichtungen eigen ist (Schmid 2016).

Zusammen bilden die jungianischen Grundbegriffe eine umfassende Lehre über das Sein des Menschen und seine Stellung in der Welt, die den Vergleich mit anderen großen Welt- und Menschenbildsdarstellungen in der Geistesgeschichte nicht zu scheuen braucht. Dabei hatte Jung, trotz seines bisweilen recht selbstbewussten Auftretens, immer auch die Relativität seiner Psychologie im Blick, als eine Sichtweise, neben der auch andere ihren Wert und ihre Berechtigung behalten, denn: »Die Annahme, es gäbe nur eine Psychologie oder nur ein psychologisches Grundprinzip, ist eine unerträgliche Tyrannei des pseudowissenschaftlichen Vorurteils von Normalmenschen« (Jung 1921, GW6 § 60).

3.2       Das Konzept des dynamischen und geschichteten Unbewussten

3.2.1     Die Struktur des Unbewussten