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»Tag siebzehn, der Prozess gegen Aoife Aubert dauert an – und so auch unsere Berichterstattung. Sie konnten bisher nicht einschalten? Wir haben die wichtigsten Infos für Sie: Aoife Aubert, eine der führenden Gentechnikerinnen dieses Landes, wird verdächtigt, Teil der Opposition zu sein. Grund dafür ist belastendes Material, das Ende letzten Jahres an ihrem Arbeitsplatz gefunden wurde. Gänzlich unklar ist, ob Auberts Mitgliedschaft bei der Opposition auch einen Zusammenhang mit den Mutanten bedeuten würde, die immer häufiger gesichtet werden. Bleiben Sie dran, denn wir schreiben einen besonderen Tag in diesem Prozess: Wissenschaftsminister Lazarus Zephyr hat sich soeben im Gerichtssaal eingefunden. Wir sind gespannt, was er seinem ehemaligen Liebling zu sagen hat.«
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Seitenzahl: 459
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Copyright 2022 by
Dunkelstern Verlag GbR
Lindenhof 1
76698 Ubstadt-Weiher
http://www.dunkelstern-verlag.de
E-Mail: [email protected]
ISBN: 978-3-910615-68-7
Alle Rechte vorbehalten
Für Simon, meinen liebsten Wissenschaftler. Ohne dich hätte ich mir dieses Buch nie zugetraut. »Anaphase« ist nur dank deiner Hilfe entstanden <3
Inhalt
Inhaltshinweis
Die Regierung des Neuen Regimes
Playlist
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Epilog
Nachwort
Danksagung
Inhaltshinweis – die Liste
Inhaltshinweis
Liebe*r Leser*in,
dieser Roman enthält Themen und Ereignisse, die nicht jede*r lesen will. Damit niemand unfreiwillig gespoilert wird, befindet sich hinten im Buch eine Liste mit allen Inhalten, auf die wir hinweisen möchten. Dabei wird unterschieden, ob die Themen explizit dargestellt oder angedeutet/angesprochen werden. Die Liste befindet sich hinter der Danksagung.
Des Weiteren möchten wir darauf hinweisen, dass die »Anaphase«-Dilogie neben vielen anderen politischen Themen auch einen Krieg thematisiert, der in der Vergangenheit der Handlung stattgefunden hat. Dieser nimmt jedoch keinerlei Bezug zu realen Begebenheiten. Mit Ausnahme der COVID-19-Pandemie sind sämtliche Ereignisse, die in der Handlung vorkommen, gänzlich fiktiv. So ist es auch das Land selbst, in dem »Anaphase« spielt. Mehr dazu steht im Nachwort.
Wir wünschen ein schönes Leseerlebnis!
Lara Roner & der Dunkelstern Verlag
Die Regierung des Neuen Regimes
Präsidentin: Quinn Pacis
Ministerin für Außenpolitik: Ilya Pyret
Minister für Bildung: Hayward Pendelton-Hodges
Minister*in für Finanzen: Daly Chamberlain
Ministerin für Gesundheit: Tadita Hayes-Costley
Ministerin für Justiz: Adamaris Gordon
Ministerin für Medien und Kultur: Wenona Findly
Minister für Sicherheit: Greyson Villin
Minister für Soziales: Flick Verlander
Minister für Umwelt: Ripert Gabler
Ministerin für Verteidigung: Annette Flanagan-Dalton
Minister für Wirtschaft und Arbeit: Hayward Ricks Ducros-Woods
Minister für Wissenschaft und Forschung: Lazarus Zephyr
Playlist
INFECTED – STARSET
Strange Days – Three Days Grace
bury a friend – Billie Eilish
Infra-Red – Three Days Grace
when the party’s over – Billie Eilish
Empire to Ashes – Sleeping With Sirens
you should see me in a crown – Billie Eilish
Over and Over – Three Days Grcae
Me Against You – Three Days Grace
The Abyss – Three Days Grace
The Real You – Three Days Grace
i love you – Billie Eilish
Gone Forever – Three Days Grace
Anaphase
(Substantiv, feminin)
Stadium der Mitose (einfache Zellteilung). Die Chromosomen sind auf der Äquatorialebene der Zelle angeordnet, an ihnen docken die Spindelfasern an. Durch Verkürzung dieser werden die Chromosomen in ihre beiden Chromatiden geteilt und anschließend zu den entgegengesetzten Polen gezogen.
Prolog
Guten Morgen, sehr geehrte Zuhörende, ich begrüße Sie zu Tag siebzehn unserer Berichterstattung. Auch heute darf ich wieder sämtliche Informationen zur Gerichtsverhandlung von Aoife Aubert mit Ihnen teilen. Zumindest jene Infos, an die wir rankommen. Wie gewohnt findet der Prozess abseits der Medien statt. Wir bemühen uns, baldmöglichst an ein Interview zu gelangen. Wer die letzten Tage nicht einschalten konnte, hier ein kleines Update: Aoife Aubert, eine der führenden Gentechnikerinnen dieses Landes, steht unter Verdacht, Kontakt zur Opposition zu pflegen oder sogar Teil davon zu sein. Grund dafür ist belastendes Material, das Ende letzten Jahres an ihrem Arbeitsplatz gefunden worden ist. Gänzlich unklar ist bisher, ob Auberts mögliche Mitgliedschaft bei der Opposition auch einen Zusammenhang mit dem Vorkommen der Mutanten bedeuten würde. Bleiben Sie auf alle Fälle dran, heute erfahren wir mehr. Womöglich wird sogar ein Urteil gefällt – schließlich haben wir einen besonderen Tag in diesem Prozess.«
○●
Stille. Der Gerichtssaal war zum ersten Mal seit Prozessbeginn randvoll, dennoch hörte man keinen Mucks. Man hätte meinen können, das läge an der Anspannung. In Wahrheit war die Ruhe der Gleichgültigkeit geschuldet. Die Verhandlung ließ die meisten Anwesenden kalt.
Der Richter bemühte sich sichtlich, interessierter als die Politiker zu wirken, doch er hatte sämtliche Leidenschaft verloren. Nicht einmal das wichtigste Justizereignis des Jahres begeisterte ihn. Wenig verwunderlich. Sein Beruf hatte nichts mit Gerechtigkeit zu tun.
»Frau Aubert«, sprach er Aoife an, »wie stehen Sie zu diesen Anschuldigungen?«
Quietschend rutschte der Stuhl zurück, als sie sich erhob. Ihre Knie zitterten, ihr Gesicht glühte vor Hitze, aber das war nicht annähernd so schlimm wie die Blicke der dreizehn Menschen auf der Anklagebank. Sie waren brennende Nadeln, die sich in ihr Fleisch bohrten. Außer der von Lazarus. Der glich einem Dolch.
Aoife hatte gehofft, er würde nicht erscheinen; diesen Termin wie seine Vorladungen als Zeuge ignorieren. Natürlich konnte er das nicht. Nun saß er zur Rechten der Präsidentin und wartete auf ihre Verteidigung.
Aoife räusperte sich – leise, um ihren Gegnern keine Angriffsfläche zu bieten. Dann begann sie zu sprechen. »Ich beteuere erneut meine Unschuld in sämtlichen Anklagepunkten.«
Die Festigkeit in ihrer Stimme beruhigte ihr wummerndes Herz ein klein wenig. Sie versagte nicht einmal jetzt, obwohl sie nervöser war denn je. Zwar würde ihr das nichts bringen, doch es schonte ihren Stolz. Ich muss ich selbst bleiben, sagte sie sich seit Prozessbeginn immer wieder, auch wenn ich alles verliere.
Die Augenbrauen des Richters wurden steil. »Ich erinnere Sie an Ihren Schwur zur Ehrlichkeit. Der Anklagepunkt Besitz verschwörerischen Materials gilt als bewiesen. Sie können nicht unschuldig sein!«
Beinahe wäre ihr ein Schnauben entkommen. Dieselbe Diskussion hatte sie am Vortag geführt, und an dem davor. Doch sie ließ sich nicht aus der Fassung bringen und erst recht nicht ihre Wut anmerken. Aoife korrigierte ihre Haltung, straffte die Schultern und widersprach dem Richter.
»Um Besitzerin der gefundenen Schriften zu sein, müsste ich einen Besitzwillen haben. Den habe ich nicht, noch hatte ich ihn zu irgendeinem Zeitpunkt. Das sogenannte verschwörerische Material ist nicht in meinem Besitz, war es nie, und ich hatte keine Ahnung von seiner Existenz, bis ich von Ermittlerinnen und Ermittlern damit konfrontiert wurde.«
Die Züge des Richters erhärteten sich. Er wusste aus Erfahrung, dass Aoife auf jedes Gegenargument eine Antwort hatte. Sein Interesse, erneut in einer dreistündigen Diskussion zu versinken, war verschwindend gering. Doch er musste dagegenhalten.
Aoife rätselte, ob das normalerweise in den Aufgabenbereich eines Richters gefallen wäre. Sie rätselte, wie eine richtige Gerichtsverhandlung ausgesehen hätte – eine, deren Ausgang nicht von Anfang an klar war. Um bei der Vielzahl an Verfahren Geld zu sparen, hatte die Regierung die Justiz erheblich umgebaut und bei politischen Prozessen sowohl Dauer als auch Personalaufwand von Verhaftung bis Verurteilung gekürzt.
In den letzten Tagen hatte die Regierung Vertreter geschickt, die Aoife ausgequetscht hatten. Keine Anwälte, solche kamen bei Fällen wie ihrem kaum zum Einsatz. Die Spitze der Politik brauchte sie nicht und den Angeklagten konnte ohnehin niemand mehr helfen, deshalb hatte Aoife auf einen Verteidiger verzichtet. Wenn die Regierung meinte, sie zerstören zu müssen, würde sie sich dem persönlich entgegenstellen. Denn egal, ob irgendwelche Vertreter oder der Richter ihr die Worte im Mund umdrehten, letztendlich argumentierte sie gegen die Präsidentin und ihre Minister. Diese waren jedoch nicht für ein Wortgefecht gekommen, sondern um Informationen zu sammeln und ihre Pflicht zu erfüllen.
»Das Material war in Ihrem Spind«, fuhr der Richter mit derselben Leier fort.
»Technologie ist nicht unfehlbar. Jemand hat das Schloss gehackt und mir das Material untergejubelt.«
»Niemand wurde in der Nähe Ihres Spinds gesehen.«
Obwohl Bitterkeit sie erfüllte, lächelte Aoife gewinnend. »Vollkommen richtig. Niemand. Das bezieht mich mit ein. Wie bekannt ist, nutze ich meinen Spind nicht. Habe ich in meinen neun Dienstjahren nie. Die Kameraaufnahmen beweisen das. Die einzigen Personen, die sich meinem Spind genähert haben, gehören zum Personal, das die Kontrollen durchgeführt hat.«
Der Richter zuckte die Achseln, als wäre das in seinen Augen kein valides Argument. »Selbst wenn die Unterlagen nicht Ihre wären, müssen Sie von einem Mitglied der Opposition stammen, mit dem Sie vertraut sind.«
Ein Ziehen breitete sich in Aoifes Bauch aus. Wie sie diese Aussage hasste! Wie sie es hasste, dass ihre Familie, Freunde und andere Kontaktpersonen ihretwegen beobachtet wurden. Sie alle liefen Gefahr, im Gefängnis zu landen – einzig und allein, weil sie sie kannten.
Sie wehrte sich dagegen, trotzdem huschten ihre Augen zu Lazarus. Wenn ihr jemand in den letzten Jahren nahegestanden hatte, dann er. Ob sie ihn in Bedrängnis brachte? Präsidentin Pacis war skrupellos. Ihn zu ersetzen hätte ihr ähnlichgesehen.
Nach Sekundenbruchteilen wandte sich Aoife wieder ab. Ihre Aufmerksamkeit sollte dem Richter gelten.
»Ich pflege nicht wissentlich Kontakt zu Mitgliedern der Opposition«, teilte sie diesem mit.
»Wissentlich?«
Sie nickte und riss sich aus der Starre, in der sie sich befunden hatte. Sie entdeckte ihre Körpersprache für sich neu. Neutral und in Begleitung ruhiger Gesten führte sie aus: »Angehörige der Opposition verstecken sich bekannterweise gut. Ich schließe nicht aus, dass sich in meinem beruflichen Umfeld jemand befindet, der oder die dazugehört. Insofern kann durchaus der Kontakt mit Oppositionsmitgliedern Grund dafür sein, dass diese Unterlagen in meinen Spind gelangt sind. Allerdings macht mich nichts davon eines Gesetzesverstoßes schuldig.«
»Danke, Frau Aubert.« Der Richter ließ seine Stimme schleifen, als er das sagte. Ihre Worte interessierten ihn nicht im Geringsten. Daher ahnte Aoife, was folgen würde.
»Hören wir uns die Position der Anklagenden dazu an.«
Mechanisch, wie eingerostet, ließ sich Aoife auf ihrem Stuhl nieder; auf der Kante, weil sie versäumte, ihn heranzuziehen. Ihre Gliedmaßen pochten vor Aufregung. Oder Angst?
Aoife fühlte sich so lächerlich. In den vergangenen Tagen hatte sie dafür gebetet, Lazarus würde erscheinen. Sie hatte danach gelechzt, seine Reaktion zu erfahren, nachdem er ihre Verhaftung mit undurchsichtiger Miene beobachtet hatte. Jetzt war er hier und sie fürchtete sich. Sie fürchtete seine Worte.
Mit Glück würde Präsidentin Pacis sprechen, oder einer der anderen Politiker. Was ihr vorgeworfen wurde, betraf auch die Ministerien für Sicherheit und Gesundheit.
Es versetzte ihr einen Stich im Herzen, als es kam wie erwartet und sich Lazarus erhob. Elegant – selbstbewusst – strich er die Falten aus seiner Anzugjacke. Seine Haltung war wie immer, seine Mimik gewohnt kühl. Trotzdem wirkte er auf sie verändert. Etwas lag in seiner Ausstrahlung, das sie nicht von ihm kannte. Er schien sich so verraten zu fühlen!
Lazarus war von Aoifes Schuld überzeugt und sie konnte nichts dagegen tun. Selbst wenn sie die Möglichkeit gehabt hätte, mit ihm zu reden: Seine Rationalität siegte. Sie war eine potenzielle Gefahr für ihn und sein Lebenswerk, also musste sie beseitigt werden.
Ohne Aoife anzusehen, begann er zu sprechen. Seine Stimme war kräftig, füllte den Saal und brachte dabei die schrecklichsten Worte bis in die letzte Ecke. »Wir sind nach wie vor von Frau Auberts Schuld in sämtlichen Anklagepunkten überzeugt. Wir halten sie für schuldig des Besitzes verschwörerischen Materials, des Kontakts zur Opposition, der Mitgliedschaft bei der Opposition und somit des Hochverrats.«
Da war es wieder: Was im Gesetzbuch stand, interessierte die Regierung nicht. Nicht einmal ihn. Aoife hatte nichts anderes erwartet und doch traf es sie wie ein herabstürzender Fels.
Sie wollte weg. Sie wollte Lazarus nicht zuhören. Sie wollte, dass dieser Prozess ein Ende hatte. Was das betraf, konnte sie allerdings durchatmen: Die Regierung war nicht zufällig heute erschienen. Bald sollte eine Entscheidung gefällt werden. Falsch, sie sollte verkündet werden. Gefallen war sie in dem Moment, in dem man die Unterlagen in ihrem Spind gefunden hatte. Aoife hatte in diesem Prozess nicht den Hauch einer Chance. Deshalb waren keine Journalisten im Gerichtssaal zugelassen, geschweige denn Zuschauer. Umso mehr Regierungsmitarbeiter, die aussagen sollten, und Sicherheitsangestellte waren anwesend.
Aoife konnte sich nicht vor dem Rest der Verhandlung drücken, wie Lazarus es bei den bisherigen Terminen getan hatte. Deswegen musste sie seiner Rede zuhören – und er hatte zweifelsohne vor, sie damit zu zerstören.
»Das Argument mit dem Personal als einzige Personen, die sich Zugang zum Spind verschafft haben, ist nett, jedoch irreführend«, erklärte er. »Die Unschuld des Personals ist bewiesen. Es wurde spontan und nach Zufallsprinzip für die Kontrolle ausgewählt, sodass die einzelnen Beteiligten einander überwachten, und hat sämtliche Vorgänge gefilmt.«
Nett. Wie abwertend das klang. Aoife hatte den Angestellten zu keinem Zeitpunkt die Schuld gegeben, sie hatte lediglich Sachverhalte aufgezeigt. Sie hätte sich denken können, dass diese gegen sie verwendet werden würden; sie hatte es sich gedacht! Doch von Lazarus schmerzte es sie besonders.
Alles in ihr verlangte danach, ihn darauf hinzuweisen, dass die Unschuld des Personals nicht ihre Schuld bedeutete. Aber er wusste das. Ihm und dem Rest der Regierung ging es nicht um Gerechtigkeit. Sie wollten eine mögliche Gefahr ausschalten, das durchschaute auch Aoife.
Am Ende seiner Sprechpause ruckte Lazarus den Kopf zu Aoife. »Deswegen verlange ich im Namen der Regierung das in solchen Fällen übliche Strafausmaß von lebenslänglicher Haft.«
Aoifes Herz blieb für einen Moment stehen. Er hatte mit ihr abgerechnet – und sie hatte alles verloren.
Kapitel 1
13 Tage seit der Verurteilung
Martha wedelte vor Aoifes Augen mit dem Stoffstück herum, ehe sie es auf den Tisch knallte. »Noch mal!«, befahl sie Aoife. Entgegen ihrer Erwartung drehte sich die ältere Frau nicht weg, sondern verharrte an Ort und Stelle. »Los, mach!«
Jene unterdrückte ein Schnauben und griff nach dem zusammengeknüllten T-Shirt. Sie klemmte die Schulternähte zwischen ihre Fingerspitzen und peitschte das Kleidungsstück in der Luft aus, dann legte sie es vor sich hin wie Martha es ihr eingetrichtert hatte: den Kragen zu ihrer Linken und auf der Bauchseite aufliegend. Die Ärmel faltete sie zur Mitte und den Unterrand zum Kragen. In dem Glauben, es dieses Mal geschafft zu haben, drehte sie das gefaltete T-Shirt nach oben – doch anstelle eines Quadrats war es erneut ein gequältes Trapez.
»Unfassbar!«, zischte Martha und schubste Aoife zur Seite. »Mir geht die Geduld mit dir aus.«
Aoifes Augen blitzten zornig auf. »Ich bin erst zwei Wochen hier«, verteidigte sie sich. Die Gefängniswäscherei war riesig und jeden Tag lernte sie etwas Neues. Sie konnte unmöglich sofort alles richtig machen.
»Ich habe diesen Laden innerhalb von zwei Wochen übernommen«, entkräftete Martha ihr Argument und legte das T-Shirt selbst zusammen. Das war Aoife recht.
Aufmerksam beobachtete sie Martha, die sich mit ihrem Können schmückte wie ein Pfau mit seinen Federn. »Sagtest du nicht, du hättest bereits vor deiner Inhaftierung in einer Textilreinigung gearbeitet?«
»Ja«, bestätigte die Wäschereileiterin. »Du hattest aber auch einen Job, bei dem ich mehr Geschick vorausgesetzt hätte. Du stellst dich an wie der erste Mensch.«
Aoife bereute es, Martha von ihrem früheren Beruf erzählt zu haben. Manchmal glaubte sie, sie trampelte nur deshalb auf ihr herum. Die Frau saß im Gefängnis, weil sie als radikale Oppositionelle verurteilt worden war. Bloße Mitgliedschaft bei der Opposition genügte für diese Einstufung nicht.
»Zephyr war als Vorgesetzter deutlich angenehmer als du«, giftete Aoife, wohlwissend, dass sie das zur Weißglut brachte. In acht Minuten war ohnehin Schluss für heute, anschließend könnte sie Martha bis zum nächsten Morgen aus dem Weg gehen.
Mitten in der Bewegung hielt sie inne und sah Aoife strafend an. Dann lächelte sie gekünstelt. »Wie schön. Schreib ihm doch später einen Brief und heul dich aus.«
Miststück, dachte Aoife, hielt sich aber zurück. Mit einem Schlag fehlte ihr die Energie zum Zanken. Hinter ihren geschwollenen Augenlidern drückte die Erschöpfung, die sich seit ihrer ersten Nacht im Gefängnis anstaute. Daran war der unendlich ermüdende Gedanke an Lazarus schuld.
Martha gab Aoife das fertiggefaltete T-Shirt in die Hand. »Aber jetzt sortierst du das erst mal ein – richtig, ausnahmsweise. Im Anschluss legst du die Geschirrtücher zusammen. Das schaffst sogar du, oder?«
»Ja«, bestätigte Aoife, weil sie wirklich der Überzeugung war. Erst danach bemerkte sie, dass die Größe des Kleidungsstücks vom Etikett abgewaschen war. Zum Glück hatte Martha ihr den Rücken zugekehrt und machte sich auf den Weg, dem nächsten Sorgenkind zu helfen – einem älteren Herrn, der für den Besitz illegaler Zeitschriften eingebuchtet worden war. Ihm gegenüber war sie geduldiger.
Aoife ging zu dem Metallgestell, in dem sich die Stapel häuften. Überall, wo sie hinsah, war nichts anderes als Grau: graue Oberteile, graue Hosen, graue Jacken. Das T-Shirt warf sie zu seinen Artgenossen der Größe L. Es hatte groß ausgesehen, als sie es gefaltet hatte.
Für die letzten fünf Minuten stellte sie sich zu dem Haufen gewaschener und getrockneter Küchentücher. Aoife schnappte sich ein gelbes, das mal weiß gewesen war, und breitete es vor sich aus. Sie faltete es ein Mal, dann ein zweites Mal – und erstarrte. Schweiß trat auf ihre Stirn. Stimmte das so? Sie wusste, dass Martha diese Fetzen auf besondere Art zusammengefaltet haben wollte. Aber sie erinnerte sich beim besten Willen nicht, wie. Anders, als sie es zu Hause gemacht hatte. Das war das Problem, das sie hatte: Sie konnte mit Wäsche umgehen, nur nicht so, wie Martha es verlangte.
Genervt knüllte sie das Tuch in einer Faust zusammen. Seit sie hier war, funktionierte ihr Gehirn nicht mehr. Aoife vergaß die einfachsten Sachen. Allein die Dinge, die sie innerlich auffraßen, hatten sich in ihr Gedächtnis gebrannt – allem voran Lazarus’ verdammende Worte.
Ein Läuten wie von einer Schulglocke verkündete, dass es endlich sechzehn Uhr war. Achtlos warf Aoife das Geschirrtuch zurück auf den Haufen. Im Augenwinkel nahm sie dabei Marthas hochrotes Gesicht wahr. Morgen, wenn sie mehr Energie hatte, würde Aoife sie um ihre Hilfe bitten. Dann würde Martha wieder Geduld haben. Schließlich war beiden bewusst, dass sich die jeweils andere in Wahrheit bemühte. Sie konnten es nicht besser.
Aoife war eine der Letzten, die die Wäscherei verließen. Das Wachpersonal musterte sie bereits skeptisch, als sie um drei Minuten nach vier zum Ausgang kam. Dort legte sie das Armband mit dem Chip auf den Sensor. Die Tür wurde entriegelt und sie ging auf den Gang hinaus.
Menschen in grauer Kleidung passierten sie, ein Gesicht leerer als das andere. Die meisten von ihnen waren auf dem Weg zur Kantine. Bis siebzehn Uhr wurde dort zwar keine Nahrung ausgegeben, aber man konnte beisammensitzen und plaudern. Ein paar vertrieben sich die Zeit lieber im Trainingsbereich.
Aoife war eine der wenigen, die zu den Zellen abbogen. Einige Schritte später war sie allein, von den Aufsehern abgesehen. Sobald sie in ihre Nähe kam, spannten sich ihre Muskeln an und die Hände rutschten zu ihren Knüppeln. Aoife wurde behandelt wie Staatsfeindin Nummer eins. War das die Angst davor, dass sie etwas mit den Mutanten zu tun haben könnte? Sie fand das lächerlich.
Woran es auch lag, die Aufmerksamkeit des Personals war beklemmend. Jedes wachsame Augenpaar war wie ein Stein an ihren Gliedmaßen, der ihr die Fortbewegung erschwerte. Sie vermutete, dass sämtliche ihrer Regungen hier beobachtet, aufgezeichnet und interpretiert wurden – alles andere als gutgesinnt.
Deshalb fiel eine Last von ihr, als sie die Tür zu ihrer Zelle erst entriegelte und dann hinter sich schloss. Heute war ihr danach, sich zu verkriechen. An anderen Tagen hielt sie es in diesem Zimmer nicht aus. Die wenige Ausstattung, die es hatte – Bett, Schrank, Mülleimer, Waschbecken, Toilettenraum – drängte sich dicht an dicht. Bis auf das Porzellan der Sanitäranlagen war alles Grau. Der Sicherheitsminister hatte eine Vorliebe für diese Farbe. Er hatte eine Vorliebe für den Psychoterror.
Meistens war Aoife die Zelle zu eng, zu voll, zu laut, zu warm. Dabei hatte sie nur ein Minimum an persönlichen Gegenständen mitgenommen, machte keinen Mucks und nutzte die Heizung kaum. Manchmal war es gerade deshalb umgekehrt: zu leer, zu still, zu kalt. Gepasst hatte es bisher nie. Außer heute.
Erschöpft trottete sie zu ihrem Bett am hinteren Ende der Zelle und ließ sich auf die Matratze sinken. Obwohl die Metallfedern in ihren Rücken stachen, wollte Aoife nicht wieder aufstehen. Sie erwog, die Zelle bis zum Abendessen nicht mehr zu verlassen. Eigentlich hatte sie heute Sport geplant, aber der beißende Geruch ihres Schweißes war schon jetzt nicht auszuhalten. Sie hatte gestern einen ihrer drei wöchentlichen Eintritte in die Duschräume verbraucht, war allerdings aufgrund der Warteschlange ungeduscht in ihre Zelle zurückgeschickt worden. Mit diesem System musste sie erst umgehen lernen.
Doch sie war sich der Gefahr bewusst, so lange mit ihren Gedanken allein zu sein. Sie sollte sich ihr Grafiktablet schnappen und in den Innenhof gehen. Das Wetter war okay – bewölkt, aber trocken, wie sie zwischen den Gitterstäben des Fensters erkannte. Sie würde es bereuen, diese Gelegenheit ungenutzt zu lassen. Jedoch würde sie es genauso bereuen, wenn sie sich zu Produktivität quälte, obwohl sie hätte nichts tun können.
Worin lag der Unterschied, ob sie herumlag oder sich eine Beschäftigung suchte? Weder das eine noch das andere hatte einen Sinn. Nicht für sie. Für den Staat vielleicht – der an ihr ein Exempel statuiert hatte, sie zum Teil der Unterdrückungsmaschinerie machte und zusätzlich als Arbeitskraft ausbeutete. Für Aoife als Menschen blieb nichts. Nur Arbeit, Sport, das Zeichnen und das Herumliegen. Diese vier Dinge bis in ihren Tod.
Wenn das mein Leben ist, dachte sie, hoffentlich sterbe ich früh.
○●
Der Tag endete. Wenn die Glocke einundzwanzig Uhr schlug, blieb die Zellentür bis zum Morgen verschlossen und Aoife hatte keine Wahl mehr: Sie musste sich dem stellen, was sie tagsüber zu vergessen versuchte.
Die Nacht verlief wie jede davor. Ein letztes Mal rollte sich Aoife im Bett hin und her, dann gab sie auf. Sie würde nicht mehr einschlafen, also konnte sie die Zeit bis zur Morgenglocke genauso gut nutzen. Deshalb warf sie die feuchte Decke zur Seite und richtete sich auf. Das Ächzen des Metallgestells unter ihr fuhr ihr durch Mark und Bein und vertrieb die letzte Schläfrigkeit. Aoife zupfte an ihrem Shirt. Schweißgetränkt klebte es an ihrem Körper und ließ Kälte unter ihre Haut kriechen. Über Nacht hatte es stark abgekühlt, deswegen griff Aoife zum Heizkörper und schaltete ihn an. Eine Erkältung konnte sie nicht brauchen. Gefängnisinsassen hatten keine Krankenversicherung.
Müde schob sie sich von der Matratze und setzte ihre Brille auf. In ihren Armen und Beinen brannte der Muskelkater von vorgestern – ein angenehmes Gefühl, das sich über ihre Taubheit hinwegsetzte. So wusste sie, dass sie noch lebte, ohne das volle Leid zu erleben. Unglücklicherweise würde dieser Zustand nicht ewig anhalten.
Im Dunkeln stapfte sie zu ihrem Schreibtisch und nahm auf dem dazugehörigen Stuhl Platz. Alles Licht, das sie zur Orientierung brauchte, fiel durch das Fenster herein. Dahinter lag die Hauptstadt. Sie war durchzogen von hellen, bunten Flecken; manche still, manche bewegt. Bedrohlich ragte das Gefängnis auf einem Hügel über ihnen auf und stellte eine Warnung für alle außerhalb dar. Es war ein gigantischer Gebäudekomplex, der laufend erweitert wurde und mit vielen anderen seiner Art das Stadtbild prägte. Nichts wuchs so rasant wie die Menge der Gefängnisse im Land, weil die Leute schneller Straftaten begingen, als sie starben. Doch es war ein Ende in Sicht. Mit jedem Jahr seit der Einführung des Neuen Regimes nahm die Anzahl politisch motivierter Verbrechen ab.
Aoife beachtete die Stadt nicht, sondern zog ihr Grafiktablet heran. Sie steckte das Ladegerät aus, drehte die Helligkeit runter und öffnete die Zeichnung, die sie gestern angefertigt hatte. Ihr Ziel war gewesen, ihre ehemalige Wohnungstür darzustellen – etwas, das sie jeden Tag mehrmals gesehen hatte. Aber irgendetwas passte nicht. Ein Detail fehlte und ruinierte das Gesamtbild.
Aoife griff nach dem Zeichenstift, setzte ihn am Display an und … stoppte. Sie fand nicht, was sie störte. Es war nicht die Maserung des Holzes oder die genaue Form des Schlüssellochs, das konnte sie sagen. Sicherlich hatte sie diese nicht perfekt getroffen, aber solche Kleinigkeiten waren egal. Etwas Banales raubte ihr den Verstand, eine Proportion oder ein Umriss. Womöglich eine Kante, die zu scharf oder zu weich war. Vielleicht ein Griff, der zu groß oder zu klein war. Eventuell auch die Schattierung des Schuhständers.
Ihre Hand begann zu zittern, wodurch die Stiftspitze immer und immer wieder auf das Tablet traf und einen tippenden Laut verursachte. In ihrer Brust machte sich ein Druckgefühl breit – als würde sie in einem Metallkorsett stecken, das mit Drähten zugeschnürt wurde. Wenn sich ihre Erinnerungen auflösten, was blieb dann von ihr?
Eine Weile saß sie so da und verlor sich in diesem Gedanken, bis das Licht anging. Die Morgenglocke ertönte. Es war sechs Uhr.
Erschöpft ließ Aoife den Stift fallen und lehnte sich zurück. Sie war nicht bereit für die Morgenroutine; war nicht bereit für diesen neuen Tag. Es war irrwitzig: Aoife konnte nicht schlafen, aber sie kam auch nicht hoch. Bis zum Schreibtisch, ja. Doch aufzustehen und sich fertig zu machen, war eine Bürde für sie.
Wenn sie das Frühstück ausließ, sinnierte sie, konnte sie sich die nötige Vorbereitungszeit nehmen. Schnell kam sie zu Verstand und schüttelte den Kopf. Nein, das ging nicht. Der letzte Versuch der Nahrungsverweigerung hätte beinahe mit Einzelhaft geendet.
Deswegen zwang sie sich, in die Gänge zu kommen. Oder der Staat zwang sie. Sie zwang sich, weil der Staat sie zwang. Also lag es am System und nicht an ihrer freien Entscheidung. Von diesem Gedanken breitete sich ein bitterer Geschmack auf ihrer Zunge aus. Sie hatte den Wert ihrer Freiheit unterschätzt, bis sie sie verloren hatte.
Zum Glück war die erste Etappe ihres Morgenprogramms anspruchslos. Aoife musste nicht weit gehen und nicht viel tun. Auf einem Brett über dem Waschbecken warteten die Zahnbürste und Zahnpaste, Seife, ein Becher, ein Deodorant und eine Haarbürste. Mit brennenden Augen trottete sie hinüber und stützte sich neben dem Wasserhahn ab.
Ohne aufzusehen, griff sie nach dem Becher und ließ dreihundert Milliliter Wasser vom Hahn runter – eine der zwanzig Rationen, die ihr pro Tag zustanden. Ihr Armband regelte alles: Wie oft sie Zugang zu den Duschräumen hatte. Wann sie einen Raum betreten und verlassen konnte. Welche Menge an Nährstoffen die Nahrungsergänzungspille enthielt, die sie zusätzlich zur winzigen Essensportion von einem Automaten holen musste, um keinen Mangel zu erleiden. Das und noch viel mehr.
Seufzend trank Aoife die erste Wasserration, bevor sie den Becher erneut füllte, um sich damit die Zähne zu putzen. Mit Seife und einigen Tropfen der dritten Fuhre Wasser, die sie sich einschenkte, rieb sie die mit Kugelschreiber aufgetragenen Zahlen von ihrem Handgelenk.
Aoife ertappte sich dabei, wie sie extra lange über die Stelle wischte, obwohl längst nichts mehr zu sehen war. Sie versuchte, den unangenehmsten Teil des Morgens hinauszuzögern: den Blick in den Spiegel.
Jedes Mal kostete er sie Überwindung. Früher hatte sie jung und vital ausgesehen, ihren vierunddreißig Lebensjahren entsprechend. Seit Beginn ihrer Untersuchungshaft vor einem guten Monat schien sie um Jahre gealtert zu sein. Nach der Verurteilung war es noch schlimmer geworden. Sie war ein verkümmertes Häufchen Elend.
Ein Knoten band sich in ihren Magen, doch Aoife schaute auf und stellte sich ihrem Ekel vor sich selbst. Ihr bronzefarbener Teint war unregelmäßig – geprägt von Hautunreinheiten, dem Schwarz ihrer Augenringe und den Schatten durch ihre Falten. Aber es waren nicht nur die Veränderungen ihrer Haut, die ihr jeden Morgen ein Messer in die Brust rammten. Früher hatte sie Piercings getragen, eins davon mittig über ihrer Oberlippe. Man hatte sie ihr weggenommen.
Noch schlimmer war das, was die Zustände im Gefängnis ihren geliebten Locken antaten. Sie waren stumpf, glanzlos, und einige Zentimeter vom Ansatz entfernt ging die haselnussbraune Farbe in ihren natürlichen Kastanienton über.
Aber war es das, was Aoife am meisten quälte? Nein. Es war, dass sie sich manchmal selbst die Schuld daran gab. Sie hätte es wissen müssen: Die Nähe zur Regierung war gefährlich. Alle hatten ihr das gesagt, schon während des Studiums. Doch Aoife hatte sich eingeredet, dass es sie nicht treffen würde, wenn sie vorsichtig war. Das Unglück widerfuhr nur anderen. Spätestens am Beginn ihrer Freundschaft mit Lazarus hätte sie zur Vernunft kommen müssen. Obwohl ihr nicht die zum Verhängnis geworden war. Oder? Sie war sich nicht sicher und hatte keine Hoffnung, es jemals herauszufinden. Aoife befürchtete, sie würde nie erfahren, wer ihr das angetan hatte.
Sie wollte gerade mit dem Restwasser der dritten Ration ihr Gesicht reinigen, da ließ sie ein vertrautes Geräusch innehalten. Schritte. Der Morgendienst würde gleich hier sein. Flink trocknete sie sich die Hände in dem Handtuch und schlüpfte aus ihrer Kleidung. Shirt, Hose, Unterhose, Socken. Die dünne Jacke schnappte Aoife von der Stuhllehne. Im Anschluss holte sie den leeren Korb aus ihrem Schrank und stopfte alles bis auf den Wintermantel hinein. Diesen musste sie vier Wochen lang behalten, sofern die Mindesttemperatur am Nachmittag unter fünfzehn Grad lag.
Kaum war sie fertig, klopfte es an ihrer Tür und die Klappe an der Unterseite wurde geöffnet. Mit dem Fuß schob Aoife den Korb hinaus. Im Gegenzug erhielt sie einen neuen – mit frischer Kleidung und einer Packung Binden, weil Monatsbeginn war. Letztere verstaute sie bei den Taschentüchern und Klopapierrollen, dann schlüpfte sie in die Klamotten. Sie strich ihr Shirt glatt und fuhr dabei über den Schriftzug auf der seitlich angenähten Tasche. ›Eigentum der JVA 3E‹ stand dort, als würde es sich auf den Menschen beziehen, nicht auf das Oberteil. Sie versuchte, die hochsteigende Übelkeit zu unterdrücken. Trotz der anfänglichen Schwierigkeiten lief dieser Morgen gut und so sollte es bleiben.
Aoife hatte noch genug Zeit, bis um halb sieben die Türen geöffnet wurden und sie frühstücken gehen konnte. Die verbrachte sie damit, sich mit der dürftigen Haarbürste zu frisieren und einen Zopf zu binden. Haargummis wurden nicht bereitgestellt, aber sie hatte sie mitnehmen dürfen. Dasselbe galt für eine Pinzette, sofern sie sie nicht in die Steckdose stecken und sich einen Stromschlag verpassen konnte. Das Ladekabel ihres Grafiktablets hatte sie aus demselben Grund gegen ein beschädigungssicheres tauschen müssen. Spiegel befanden sich lediglich deshalb in den Zellen, weil sie bruchsicher waren. Die Regierung verbot so gut wie alles, womit man sich umbringen könnte – sogar zu viel Wasser.
Deshalb war ihr die kleine Sammlung an persönlichen Gegenständen, die ihr erhalten geblieben war, unfassbar wichtig. Am meisten bedeuteten ihr der weißgoldene Ring, der sicher in ihrer Schublade verstaut war, und die beiden eingerahmten Fotos auf dem Schreibtisch.
… und ihr Kugelschreiber, der sie jeden Morgen davor bewahrte, den Verstand zu verlieren. Sie nutzte ihn, um sich auf ihrem Handgelenk das Datum zu notieren. Heute war es der erste Februar. Und das zeichnete sie auf ihre Haut; in einer geraden, schlichten Schriftart, die das Gegenteil zu den Schnörkeln von gestern war.
Ein plötzliches Vibrieren ließ ihren Stift verrutschen. Aoife senkte ihre Schreibhand und starrte baff auf den missratenen Schriftzug. Hatte sie … eine Nachricht bekommen?
Eilig vollendete sie das Datum, dann legte sie den Stift zur Seite. Ein Blick auf das winzige Display des Armbands bestätigte ihre Vermutung. In einem grauen Feld poppte auf: ›Finden Sie sich um 7 Uhr im Vorzimmer des Verwaltungsbereichs ein.‹
Ihr Puls beschleunigte sich. Dem zufolge, was sie bisher gehört hatte, waren Nachrichten außerhalb der Besuchszeiten ein schlechtes Zeichen. Wenn einem die Gefängnisverwaltung etwas mitzuteilen hatte, steckte man tief in der Scheiße.
Aoife biss sich in die Wange, bis sie den metallischen Geschmack von Blut wahrnahm. Wie konnte das sein? Sie hatte nichts getan!
Es sei denn, Martha hatte sich über sie beschwert. Andererseits interessierte das die Verwaltung nicht. Und was konnte Martha schon sagen? Aoife hat mich als schlimmer als Minister Zephyr beschimpft. Keinesfalls. Damit hätte sie sich selbst ins Knie geschossen und Aoife hätte das als Kompliment für Lazarus präsentiert. Sie vermutete, er würde es mit Humor auffassen, wenn er davon erführe. Früher zumindest hätte er das.
Für die Dauer eines Wimpernschlags schlich sich Hoffnung in Aoifes gequältes Herz. Hoffnung, dass Lazarus hinter dieser Aufforderung steckte. Sie hatte keinen Bestand. Aoife wusste, wie lächerlich dieser Gedanke war. Lazarus hatte mit ihr gebrochen und das überdeutlich klargestellt.
Sie hatte also keinerlei Anhaltspunkte, was sie erwartete.
○●
Aoife saß allein in dem schmalen Raum mit zwei Türen und fünf Stühlen. Sie konnte nicht raus, nicht einmal zur Toilette, und das trieb sie in die Verzweiflung. Sie hatte die Finger ineinander verschränkt und knetete ihre Hände, während sie gleichzeitig mit beiden Beinen wackelte. Nichts davon half. Nicht angesichts dessen, was in ihrem Kopf vorging.
Aoife hatte alle Möglichkeiten erwogen, was man von ihr wollen könnte, doch es gab nur wenige und jede von ihnen jagte ihr Angst ein.
Im Idealfall nahm die Regierung ihr Urteil zurück, schließlich konnte Aoife nichts nachgewiesen werden. Aber wem machte sie etwas vor? Das war nie zuvor geschehen und sie musste endlich die Hoffnung aufgeben, dass sich Lazarus für sie einsetzen würde. Lazarus, der sie persönlich vor Gericht verdammt hatte. Sie kannte ihn gut genug, um zu verstehen, dass nichts ferner gewesen wäre als ein Positionswechsel – falls Lazarus überhaupt noch im Amt war.
Hier wurde Aoife Zugang zu den Medien verwehrt. Sie war vollkommen abgeschottet von der Außenwelt und hatte keinerlei Ahnung, was nach ihrer Verurteilung über sie berichtet worden war. Ebenso wenig wusste sie, ob es Folgen für Lazarus gegeben hatte.
Ein bisschen fand sie ihre Sorge um ihn lächerlich. In ihrer Situation wäre es angemessener gewesen, wütend auf ihn zu sein – ihm Schlechtes im Gegenzug für das zu wünschen, was er ihr angetan hatte. Tat sie nicht. Lazarus konnte nichts für das, was geschehen war. Er sollte nicht die Konsequenzen ausbaden müssen.
Sie redete sich ein, dass er sie nicht aus Überzeugung verurteilte. Dass Lazarus gezwungen worden war, sich gegen sie zu stellen. Alles andere hätte sie gequält. Aber gerade deshalb hatte sie in schwachen Momenten Hoffnung, er würde doch noch auf sie zukommen. Und Hoffnung war das Schlimmste, was ihr unter diesen Umständen widerfahren könnte.
Falsch, stellte sie dann fest. Es gab etwas Schlimmeres.
Ihre Finger zitterten, sobald sie daran dachte. Durch die Ermittlungen – die im Hintergrund noch immer anhielten, dessen war sie sich sicher – lief sie stets Gefahr, dass ihr größtes Geheimnis entdeckt wurde. Und das würde viel mehr Leid bedeuten als jenes, das sie mit ihrem jetzigen Schicksal ertragen musste.
Lief es darauf hinaus? Würde man sie zu einer Befragung bitten und mit dem konfrontieren, was sie jahrelang mit allem in ihrer Macht Stehenden geschützt hatte?
Schweiß durchtränkte Aoifes frische Kleidung. In ihrer Nase stach der Geruch ihrer eigenen Angst. Die letzten Wochen hatten sie zu viel gekostet. Sie bezweifelte, dass sie weiteren Vernehmungen überhaupt standhalten würde. Gern hätte sie von sich behauptet, sie wäre stark, hätte einen unbeugsamen Willen – doch dem war nicht so.
Ein Klicken ließ Aoife erstarren. Mit einem Mal waren ihre Gedanken leer.
Die Tür zum Verwaltungsbereich ging auf und eine warm lächelnde Dame erschien. »Frau Aubert?«
Ihr Puls beschleunigte sich. »Ja.«
»Wunderbar!«
Die Frau winkte einen Sicherheitsangestellten an sich vorbei, der Aoife einen Sensor entgegenstreckte. Nachdem sie mit dem Armband ihre Identität bestätigt hatte, bedeutete er ihr, aufzustehen, und zückte Handschellen. Aoifes Augen weiteten sich in Schrecken.
»Vorsichtsmaßnahmen«, erklärte die Dame in hellem Tonfall. »Drehen Sie sich um.«
Aoife hörte die Worte, war jedoch zu erstarrt, um ihnen Folge zu leisten. Es dauerte einige Sekunden, bis sie sie dem Mann den Rücken zukehrte und sich die Hände fesseln ließ. Widerstand hätte alles verschlimmert.
Als sie sich der Gefängnisbeamtin zuwandte, grinste diese breit. »Sehr schön. Kommen Sie«, sagte sie und legte Aoife eine Hand an den Oberarm, um sie zu führen. Jene zuckte aus Reflex zurück. Sie verabscheute Berührungen von den falschen Personen.
Die Dame ließ sich nicht beirren. Gezielt schlang sie die Finger um Aoifes Oberarm und tauschte dabei einen bedeutsamen Blick mit dem Sicherheitsangestellten. Er sollte besonders vorsichtig sein.
Aoife ließ sich mitzerren, offensichtlich unwillig, aber kooperativ. Es gab kein Entkommen. Es gab nur die weiche und die harte Tour.
Der Griff der Frau brannte auf ihrer Haut, während Aoife durch den Verwaltungsbereich geleitet wurde. Er war deutlich heller und freundlicher als der Rest des Gefängnisses, sogar mit Wandbildern und Topfpflanzen ausgestattet. Die Sicherheitsstufe dieses Bereichs war weiterhin hoch, dennoch wurden Insassen selten hierhergebracht. Aoife erkannte es daran, wie die Angestellten sie anstarrten: Als wäre sie etwas Außerirdisches oder Gefährliches – oder als wüssten sie, was mit ihr passieren würde.
Die Dame machte sich auf den Weg nach oben. Aoife warf einen Blick zu ihr, die Augenbrauen zusammengezogen und die Lippen aufeinandergepresst. Als Antwort erhielt sie ein offenes Lächeln. Beruhigend war das nicht.
Sie wurde in das oberste Stockwerk gebracht, zu einem harmlos anmutenden Gesprächsraum. Er glich jenen, in denen sie befragt und informiert worden war. In der Mitte stand ein Tisch mit zwei Stühlen, an der Wand waren Schränke, vor dem Fenster hing ein hübscher Vorhang und in der Luft lag ein künstlicher Raumduft, von dem Aoife übel wurde.
Sie hatte keinen anderen Ort erwartet. Worauf auch immer das Personal hinauswollte, es wurde hier geklärt. Dennoch konnte Aoife nur an das Schlechteste denken.
Was, wenn sie es wissen?
Kaum hatte der Mann die Tür hinter ihr abgeschlossen und sich davor positioniert, ließ die Dame sie los. Sie deutete auf den Gästestuhl. »Bitte, setzen Sie sich.«
Mit mechanischen Bewegungen nahm Aoife Platz und suchte eine erträgliche Position für ihre gefesselten Hände, die an der harten Sitzfläche anstießen. Hoffentlich würde sie schnell wieder hier rauskommen.
Die Frau ließ sich ihr gegenüber nieder, mit derselben wohlgesonnenen Maske wie die ganze Zeit schon. »Frau Aubert …«, begann sie trällernd und ein Funkeln trat in ihre Augen. »Ausgehend von dem, was ich bisher von Ihnen gesehen hatte, hätte ich Sie anders eingeschätzt. Selbstbewusster. Weniger verschreckt.«
Aoife zog die Augenbrauen zusammen. »Äh … danke?«, entgegnete sie, unsicher, ob das ein Kompliment oder eine Beleidigung gewesen war. Sie vermisste ihren Stolz, aber er hatte hier weder Platz noch eine Chance.
Die Gefängnisbeamtin neigte den Kopf zur Seite. »An sich wollte ich Sie immer kennenlernen. Das auf Basis Ihrer Forschung entwickelte Antibiotikum hat meinem Sohn das Leben gerettet. Wenn ich mir denke, dass Sie andererseits wahrscheinlich den Tod zahlreicher Menschen verursacht haben, vergeht mir das.«
»Habe ich nicht!«, verteidigte sie sich lautstark, ballte die Fäuste und beugte sich vor. Allein der Vorwurf brachte ihr Blut zum Kochen. »Ich habe mit den Mutanten nichts zu tun.«
Sie hatte nicht mitbekommen, was hinter ihr beim Wachmann geschehen war, doch die Dame machte eine beschwichtigende Geste in seine Richtung.
Shit, dachte sie. Sie musste sich zusammenreißen.
»Ich bezweifle, dass sich die Opposition die Gelegenheit entgehen lassen würde, Sie für ihre Forschungen zu nutzen«, argumentierte die Frau. »Wer sollte die Mutanten entwickeln, wenn nicht eine Gentechnikerin?«
Es war unsicher, ob die Opposition schuld an den Mutanten war. Dasselbe galt für Aoifes Mitgliedschaft bei dieser Organisation. Langsam glaubte sie zu verstehen, weshalb sie hier war: Das war eine weitere Vernehmung, jedoch dieselbe alte Leier. Sie begriff nur nicht, wozu, wenn man nichts Neues über sie herausgefunden hatte. War die Regierung doch so dringend auf ein Geständnis aus? Womöglich hatte sie ja Angst, den Verräter in ihrer Mitte nicht gefunden zu haben. Auf gewisse Weise erfüllte diese Vorstellung Aoife mit Schadenfreude.
»Ganz sicher war eine Gentechnikerin oder ein Gentechniker beteiligt. Aber nicht ich«, antwortete sie provokativ.
Die Frau schnaubte. Sie hatte etwas anderes hören wollen. »Na ja«, schloss sie dann, »immerhin haben Sie gezeigt, dass Sie auch Gutes tun können. Dieser Teil Ihrer Arbeit wird wohl wertgeschätzt.«
Sollte er besser, dachte Aoife und verkniff sich ein Schmunzeln. Ein bisschen Stolz hatte sie doch übrig.
Das mit ihrer Hilfe entwickelte Antibiotikum wurde in die gesamte Welt exportiert. Es war eine der wissenschaftlichen Errungenschaften, die ihrem Land das Ansehen des Rests der Erde eingebracht hatte. Das Neue Regime zu festigen war zwar nicht, worauf sie mit ihrer Forschung hinausgewollt hatte, aber das war der Präsidentin am wichtigsten daran.
Die Gefängnisbeamtin öffnete eine Schublade, zog ein Tablet heraus und legte es vor sich auf. Darauf zum Vorschein kam ein Dokument mit kleiner Schrift und einem Layout, das ihr allzu vertraut war. Es war ein Regierungserlass. Die Logos in der rechten oberen Ecke verrieten ihr, welche Ministerien involviert waren: das für Sicherheit sowie jenes für Wissenschaft und Forschung.
Lazarus, dachte Aoife sofort. Für einige Sekunden war er das Einzige in ihrem Kopf.
Falls das Dokument vor der Frau aktuell war und seine Unterschrift enthielt, wusste sie, dass er noch im Amt war. Dann konnten ihre wirbelnden Gedanken rund um Lazarus zur Ruhe kommen. Aber wie sollte sie da rankommen?
Oder, die wichtigere Frage: Was war das überhaupt? Aoife fand es unvernünftig, sich erst um ihn zu kümmern und dann um sich selbst.
»Ich fasse mich kurz«, fuhr die Frau fort und setzte wieder die falsche Freundlichkeit von zuvor auf. »Wir haben Arbeit für Sie gefunden. Sie bekommen ein Labor.«
Aoife klappte die Kinnlade runter. »Was?«
»Man hat eine Möglichkeit ausgearbeitet, Ihnen das Forschen zu ermöglichen. Sie machen dort weiter, wo Sie aufgehört haben«, erläuterte die Dame. »Und Sie fangen heute an.«
Sie konnte es nicht fassen. Immer hatte es geheißen, das wäre unmöglich. Doch Aoife hatte richtig gehört: Nie wieder Wäsche. Nie wieder Martha.
Forschung. Sinn. Etwas, für das es sich zu leben lohnte.
Ein Stechen in ihrer Nasenspitze kündigte Tränen an. Unkontrolliert schossen sie ihr in die Augen, fluteten ihre Lider und benetzten ihre Wangen. Wie peinlich ihr das war!
Die Frau ihr gegenüber kräuselte die Stirn. »Freuen Sie sich nicht?«
Doch, wollte Aoife sagen, brachte aber kein Wort an dem Kloß in ihrem Hals vorbei. Sie schluckte schwer, schluckte ihn hinunter. »Freudentränen«, würgte sie hervor. Aus Gewohnheit wollte sie sie wegwischen, doch die Handschellen hinderten sie daran.
»Ach. Wie nett.« Ratlos blickte die Gefängnisbeamtin auf das Tablet und die Reihe fremder Worte, die dort aufleuchteten. Gelistet war eine ausführliche Beschreibung dessen, woran Aoife arbeiten dürfte, was der aktuelle Stand der Untersuchungen war, welche Mittel ihr zur Verfügung gestellt wurden. Die Dame verstand weniger als zwanzig Prozent von dem Geschriebenen, musste es Aoife aber erklären.
Jene sah die Gelegenheit und ergriff sie. Mit dem Kinn deutete sie auf das Tablet. »Darf … Dürfte ich das bitte lesen? Um sicherzugehen, dass ich alles richtig mache. Meine Arbeit, vor allem die, mit der ich mich zuletzt beschäftigt hatte, ist sehr komplex.«
Für einen Moment zeichneten sich Falten auf der Stirn der Frau ab, doch sie ließ sich überzeugen. »Das ist wahrscheinlich das Beste«, erkannte sie ebenfalls und schob das Tablet zu Aoife. Dabei drückte sie den Knopf, der die Steuerung durch Augenbewegung aktivierte.
Aoife rutschte an den Rand ihres Stuhls und beugte sich über das Tablet. Dreizehn Seiten mit Schriftgröße zehn erwarteten sie. Sie flog nahezu durch die Absätze. Nicht nur war sie eine extrem schnelle Leserin, es war auch wenig Überraschendes enthalten. Ihr wurde ein Labor in einem der sogenannten unspezifischen Arbeitsräume eingerichtet. Der Raum war klein, videoüberwacht und dürftig ausgestattet, doch er erfüllte die Anforderungen für ein Laboratorium der Schutzstufe eins. Für die Bakterien, mit denen sie hantierte, reichte das.
Alles potenziell Gesundheitsgefährdende musste sie anfragen. Ethanol bekam sie in so kleinen Mengen, dass sie sich damit nicht umbringen konnte. War ein Fläschchen aufgebraucht, erhielt sie das nächste. Zumindest den Bunsenbrenner konnten sie ihr nicht verwehren.
Die Auflagen schränkten ihre Arbeit gravierend ein – und zwar so weit, dass sie an die Regierung übergeben musste, sobald es spannend wurde. Aber immerhin konnte sie etwas voranbringen; etwas Gutes tun. Aus diesem Grund war sie Wissenschaftlerin geworden.
Nach einigen Minuten gelangte sie am Ende des Dokuments an, beim Datum, den Stempeln und den Zeilen für die Unterschriften.
Aoife biss sich zufrieden auf die Lippen. Da war es: ›Lazarus Zephyr‹. Groß und windschief und gestaucht. Die Signatur war wenige Tage alt – stammte vom letzten Samstag, wie Aoife auffiel. Das sah Lazarus ähnlich.
Trotzdem überraschte sie etwas. Auf der zweiten Linie stand nicht der Name des Sicherheitsministers. Es war der von Präsidentin Quinn Pacis, eingetragen am selben Datum.
Shit, dachte Aoife. Das war bestimmt nicht für ihre Augen gedacht.
Lazarus hatte den Sicherheitsminister umgangen! Ein brisantes Detail. Was hatte ihn dazu veranlasst? Und wieso unterstützte ihn die Präsidentin, die sonst zwischen ihren Ministerien vermittelte?
Egal, woran es lag: Aoife überkam Erleichterung. Lazarus war noch im Amt und hatte die einzige Person auf seiner Seite, die wichtig war.
Sein Leben ging weiter. Ihres nicht.
Kapitel 2
22 Jahre zuvor
Tränen stiegen in Aoifes Augen. »Ich kann das nicht«, wimmerte sie und streckte ihm den Arm entgegen – wollte ihm das Ding zurückgeben. Doch er wich ihrer Bewegung aus.
»Du kannst es«, wiederholte er ermutigend und umschloss mit seinen Händen sowohl die Pistole als auch Aoifes Finger, die sich an sie klammerten. »Atme tief durch, beruhige dich. Du wirst es ganz schnell lernen.«
Aoife versuchte, den wässrigen Film wegzublinzeln, der sein Gesicht verzerrte. Sie wollte sehen, dass es dieselben vertrauten Züge wie früher trug. Dass er noch der war, bei dem sie sich immer sicher fühlte. Denn in dem Moment hatte sie Angst vor ihm.
Ihre Sicht klärte sich, doch die Furcht blieb. In seiner Miene lag etwas Fremdes. Seinen Augen fehlte das Leuchten und erste Falten hatten sich in seine dunkle Haut gegraben. Seine Grübchen hingegen waren verschwunden. Man sah sie nur noch, wenn er lächelte, aber er lächelte nie. Er hatte sich verändert.
»Was, wenn ich dir wehtue?«, hielt Aoife dagegen und trat einen Schritt zurück. Dabei ließ sie die Pistole los und befreite sich aus seinem Griff. Zweige knackten unter ihren Füßen. Es war ein unscheinbares Geräusch, dennoch hatte Aoife das Gefühl, es wäre im gesamten Wald zu hören. Wie würde das dann erst mit Schüssen sein?
Sie wollte ihn stolz machen, ihm die Sorge nehmen, doch sie war nicht dazu in der Lage. Aoife fühlte sich hilflos wie ein Kleinkind. Nicht wie zwölf und stark und selbstbewusst. Sie erkannte sich selbst nicht wieder.
Zuversichtlich schüttelte er den Kopf, so gut es die Ohrenschützer um seinen Hals zuließen. Er wirkte so ruhig! Dabei war sie sicher, dass seine Nerven zum Zerreißen gespannt waren. »Das wirst du nicht. Wenn du dich genau an alles hältst, was ich sage, kann nichts passieren.«
»Und wenn ich dich falsch verstehe?«
»Aoife«, entgegnete er und stieß ein kehliges Lachen aus, ehe er fortfuhr, »du kannst meine Gedanken lesen. Schon vergessen?«
Ihre Unterlippe zitterte. Wie sehr sie sich wünschte, das wäre wahr. Bevor er sie verlassen hatte müssen, hatte sie ihn ohne Worte verstanden. Jetzt war das anders. In Wahrheit war er froh darüber, dass sie nicht in seinen Kopf sehen konnte. Er hatte zu viel mitgemacht, was niemand erleben sollte.
Er steckte die Pistole weg und legte beschützend seine Hände an ihre Oberarme. Dann ging er ein Stück in die Knie, um mit ihr auf Augenhöhe zu kommen. »Ich verstehe dich. Ich wollte es damals auch nicht lernen. Aber bitte, tu es für mich.«
Aoife konnte sich nicht überwinden, ihn anzusehen. Stattdessen richtete sie ihren Blick stur hinunter zu den orangen Nadeln, die von den Lärchen gefallen waren und nun den Boden bedeckten. Die Polster der Ohrenschützer, die den Schusslärm abfangen sollten, drückten in ihre Wangen. Sie waren warm und weich, absolut unpassend für diese Situation. Am liebsten hätte Aoife sie sich vom Hals gerissen und sie in den Wald geschleudert.
»Aoife«, sprach er sie flehentlich an. Es zerriss ihr Herz. »Wir leben in einer fürchterlichen und grausamen Welt. Ich werde dich nicht immer beschützen können. Deshalb wünsche ich mir, dass du selbst dazu fähig bist.«
Kopfschüttelnd schaute sie auf. »Reicht es nicht, wenn ich die Welt besser mache?«
Er hielt den Atem an. Wie sollte man einem Kind sagen, dass das nicht genug war?
»Ich bin sicher, das wirst du. Wenn du so alt wie ich bist, wenn du erwachsen bist«, entgegnete er und schenkte ihr ein von Herzen kommendes Lächeln. Da entdeckte sie sie: seine Grübchen. Doch sie hatten etwas Trauriges an sich. »Bis dahin möchte ich dich aber in Sicherheit wissen. Abgemacht?«
Eine eiserne Hand legte sich um Aoifes Brustkorb und schnitt ihr den Atem ab. Alles in ihr wehrte sich dagegen, erneut die Schusswaffe zu nehmen. Aber sie konnte ihm keinen Wunsch abschlagen. Erst recht nicht diesen.
Deswegen überwand sie sich und nickte. »Okay«, würgte sie hervor.
»Danke«, sagte er aufrichtig, dann richtete er sich auf und trat einen Schritt zurück. Sofort zog er die Pistole aus dem Holster. Sie hatten viel zu wenig Zeit.
Er legte die Waffe flach in seine offene Hand. »Wiederholen wir noch mal: Wo kommt das Magazin rein?«
Mit zitternden Fingern deutete Aoife auf die Unterseite des Griffes, in der jetzt nichts steckte. Die Pistole war nicht geladen. Noch nicht.
Zufrieden nickte er. »Genau. Was ist der Schlitten?«
»Das da.« Sie tippte auf das große, bewegliche Teil oben an der Waffe. »Den zieht man zurück, um eine Kugel in die Ladekammer zu bringen, sodass die Waffe geladen ist.«
»Patrone«, verbesserte er sie in sanftem Ton. »Aber genau. Damit bringt man die Patrone in die Ladekammer.«
Aoife verdrehte die Augen. »Wortklauberei. Es ist das Ding, von dem man nicht getroffen werden will.«
Ein schiefes Grinsen formte sich auf seinen Lippen. »Ja … Das trifft es gut.«
Gemeinsam kicherten sie über diesen billigen Wortwitz, wie sie es in alten Zeiten immer getan hatten. Es war lange her, dass sie ihn aufrichtig lachen gesehen hatte. Das heilte ein paar der feinen Wunden in ihrer Seele.
Als sie wieder ernst wurden, atmete er tief durch. »Gut, zeig mir noch, womit man zielt, dann können wir loslegen.«
Sie deutete erst auf das sogenannte Korn vorne über der Mündung, danach auf die Kimme ganz hinten. »Damit.«
Ein so stolzer Ausdruck nahm sein Gesicht ein, dass sich Wärme in Aoife ausbreitete. »Du bist unfassbar klug«, stellte er wieder einmal fest. »Und ich bin sicher, du wirst die Welt zu einem besseren Ort machen.«
Bevor sie darauf reagieren konnte, zog er ein Magazin hervor. »Bereit?«
Nein, sie war nicht bereit. Dennoch nickte sie.
»Ja.«
Kapitel 3
2 Monate und 5 Tage seit der Verurteilung
Hallo, Lazarus«, sagte Greyson breit grinsend.
Lazarus hätte am liebsten auf dem Absatz kehrtgemacht und die Tür hinter sich zugeknallt. Den Arsch konnte er jetzt gebrauchen, noch dazu in dieser Kombination. Neben Greyson saßen Adamaris und Tadita am Tisch der Präsidentin – der Sicherheitsminister, die Justizministerin und die Gesundheitsministerin. Das konnte nur eines bedeuten.
Umzudrehen stand allerdings nicht zur Debatte. Er zwang sich zu einem Schritt in das opulente Büro der Präsidentin, gefolgt von einem weiteren. Sie hallten an den steinernen Wänden und deckenhohen Fenstern wider. Gemeinsam mit seinem Spiegelbild im polierten Marmorboden verfolgen sie ihn, bis er am freien Stuhl neben seinen Kollegen Platz nahm.
Gemäß ihrer Etikette begrüßte er erst Quinn, dann die Ministerinnen. Greyson wandte er sich als letztem zu. »Wieso so gut gelaunt? Stecke ich in Schwierigkeiten?«, fragte Lazarus halb scherzend, halb provokativ.
»Ich bin unzufrieden«, klinkte sich Quinn ein.
Er legte die Stirn in Falten. Unter anderen Umständen hätte er Sorgen gehabt, er könnte Ärger bekommen, aber er wusste, das war unmöglich. Nur gefielen ihm die alternativen Gründe für ihre Laune genauso wenig.
»Dann werde ich das ändern«, entgegnete er bereitwillig und suchte mit seinem Blick ihre Augen. Er wollte den Ausdruck in ihnen deuten; in diesen dunklen, geheimnisvollen Iriden, die allen Leuten Rätsel aufwarfen. Außer ihm. Nach so vielen Jahren las er sie mit Leichtigkeit – und fand Bedauern darin.
»Natürlich wirst du das«, bestätigte Quinn in warmem Ton. Aus ihm ging aber auch hervor, dass etwas schiefgegangen war. Etwas Gewaltiges, das nicht allein ihn betraf, sondern Greyson, Tadita und Adamaris ebenso.
Doch Lazarus spielte eine besondere Rolle, das erkannte er auf den ersten Blick. Er merkte, dass sich die anderen zuvor ohne ihn unterhalten hatten. Wie immer war er deutlich vor dem vereinbarten Zeitpunkt erschienen und hätte der Erste sein müssen.
In ihm kam das Gefühl hoch, hintergangen worden zu sein. Es war ein bitteres Brennen, das seine Speiseröhre hochkroch und sich über seine Zunge legte. Am liebsten hätte er eine Miene verzogen, aber er riss er sich zusammen und bemühte sich um einen ernsten, offenen Gesichtsausdruck.
»Was stört dich?«, wandte er sich an Quinn. Die übrigen Minister ignorierte er.
Zu seinem Leidwesen antwortete Adamaris an Quinns Stelle. Ihre Stimme war ruhig, doch die Röte auf ihren sonst hellen Wangen zeigte, dass sie sich gerade aufgeregt hatte. »Im Prinzip sind wir alle unglücklich.«
Seine Brauen zuckten hoch und er ruckte den Kopf zu seinen Kollegen. »Was stört euch?«, korrigierte er trocken.
»Aoife Aubert«, meinte Greyson, wobei die Falten in seinem Gesicht tiefer wurden.
Lazarus’ Magen zog sich zusammen. Das hatte er befürchtet. Allerdings verstand er nicht, was sie von ihm wollten – vor allem jetzt. Seit Aoifes Verurteilung waren zwei Monate vergangen.
»Sie sitzt im Gefängnis.«
»Sie hat noch immer nicht gestanden«, begründete Adamaris ihre Sorge.
Lazarus schüttelte den Kopf, wobei sich eine weitere kurze, dunkelblonde Strähne aus seiner Frisur löste und zur Seite stach. Das hatte er davon, beim Haarekämmen in Gedanken versunken zu sein.
»Wird sie nicht«, sagte er und alle verstanden, wie er das meinte. Es war keine Verteidigung, sollte sie nicht als unschuldig darstellen. Seine einzige Intention war, ihre Sturheit zu beschreiben.
»Wir brauchen Antworten«, drängte Greyson. Er strich sich durch den grauen, schütteren Dreitagebart, zwischen dem seine goldene Haut hervorblitzte. »Entweder einen Beweis, dass sie die Verräterin ist, oder einen Beweis, dass es jemand anderes war. Wir können nicht in Unsicherheit verharren. Das ist ein enormes Risiko.«
»Aber die Ermittlungen waren erfolglos«, fuhr Adamaris fort.
»Und auch der Geheimdienst hat nichts gefunden. Nicht einmal in Auberts weitestem Umfeld«, beendete Greyson die Argumentation. Dass es erfolglos endete, rund um Aoife zu suchen, hätte Lazarus ihm davor sagen können. Sie hatte mit kaum jemandem Kontakt gehabt, am wenigsten mit ihrer Familie.
»Und was genau braucht ihr von mir?«, erkundigte er sich unbeeindruckt. »Sie fällt nicht mehr in meinen Aufgabenbereich.«
Greyson breitete offenbarend die Arme aus. »Ich wüsste eine Methode, mit der wir Antworten bekommen würden. Wir können sie foltern.«
»Dann mach«, sagte Lazarus und zuckte mit den Schultern – gleichgültig. Scheinbar gleichgültig, womöglich. Das konnte genauso gut gespielt sein.
»Nein!«, intervenierte Quinn sofort. Da ging Lazarus ein Licht auf und er ahnte, wozu er gerufen worden war. »Das wird er nicht tun. Ich will das nicht. Frau Auberts Schuld ist nicht bewiesen, in solchen Fällen foltern wir nicht. Diese Methode geht mir zu weit, wenn wir nicht einmal wissen, ob es Infos zu holen gibt.«
»Also brauchen wir einen Alternativplan. Darum haben wir dich hergebeten«, fuhr Greyson fort.
Ein mulmiges Gefühl braute sich in Lazarus zusammen, aber er ließ sich nichts davon anmerken. »Ich wiederhole: nicht mein Aufgabenbereich.« Bevor jemand auf ihn einreden konnte, wandte er sich Adamaris und Tadita zu. »Wieso seid ihr eigentlich hier? Euch geht es auch nichts an.«
»Der Fall betrifft uns alle«, sagte Tadita, die als Gesundheitsministerin mit Abstand am wenigsten betroffen war. Trotzdem war ihr bronzefarbenes Gesicht hochrot angelaufen, als wäre sie zum Umfallen nervös.
»Mich nicht«, weigerte sich Lazarus.
Die Falten auf Adamaris’ Stirn wurden tiefer; nicht skeptisch, sondern besorgt. »Doch, Lazarus. Wenn sie an den Mutanten gearbeitet hat, auch dich.«
»Nein, nicht einmal dann«, grummelte er genervt. »Sie hat nicht unsere Mittel genutzt. Davon hätte ich erfahren.«
Greyson winkte ab, als wäre das Unsinn. »Sie könnte sich eure Forschungsergebnisse zum Vorteil gemacht haben.«
»Nein. Davon hat sie nichts mitbekommen. Sie war nicht in der Forschungsgruppe 1.«
»Du hast ihr nichts erzählt?«
Lazarus verengte die Augen zu Schlitzen. Es kostete ihn Mühe, ruhig zu bleiben. »Nein. Hätte ich Grund gehabt, Frau Aubert einzuweihen, hätte ich sie der Forschungsgruppe 1 zugeteilt. Aber sie war bestens aufgehoben, wo sie war.« Ein Kribbeln breitete sich in ihm aus, gefolgt von Hitze. Er konnte sich doch nicht zurückhalten. »Ich fasse es nicht, dass du mir das unterstellst!«
Hinter Greyson hob Tadita beschwichtigend die Hände. »Fühl dich nicht angegriffen. Ihr habt euch nahegestanden und sie war eine Wissenschaftlerin vom Fach. Es wäre nachvollziehbar gewesen.«
Das erweichte Lazarus ein bisschen. Tadita bemühte sich zumindest. »Ihr kennt mich lange und gut genug. Ihr müsstet wissen, dass das nicht zu mir passen würde«, erklärte er ruhig, fuhr dann aber kooperativer als vorhin fort: »Wie dem auch sei. Womit kann ich euch helfen?«
Die drei anderen Minister tauschten erleichterte Blicke, während Quinn sie beobachtete. In letzter Zeit gestaltete sich der Umgang mit Lazarus schwierig. Sie alle hatten darum gebangt, zu ihm durchdringen zu können.
Adamaris lächelte hoffungsvoll. »Du könntest mit Frau Aubert reden.«
Schon war der Moment der Zusammenarbeit vorbei. »Könnte ich. Werde ich nicht. Das ist lächerlich.«
»Wenn du es systematisch angehst, vertraut sie sich dir vielleicht an«, widersprach Adamaris.
»Falsch.« Lazarus erwog, seine Meinung zu erklären, entschied sich aber dagegen. Er hatte keine Lust, sich mit den dreien herumzuschlagen. »Ich diskutiere das nicht mit euch.«
