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Mutanten, Eiszeit in der Regierung und eine Entscheidung, die es in sich hat Wir leben in turbulenten Zeiten. Die Verhaftung von Gentechnikerin Aoife Aubert sollte ein großer Schritt in der Bekämpfung der Mutanten sein, nun wüten mehr dieser Bestien denn je. Um die Lage zu beruhigen, haben die Minister Lazarus Zephyr und Greyson Villin engere Zusammenarbeit angekündigt – ein Trick, der ihr zerrüttetes Verhältnis vertuschen soll. Präsidentin Pacis verfolgt parallel eigene Pläne. Sie hat gestern Abend einen Beschluss unterzeichnet, dessen Inhalt es sicher nicht in die staatlichen Medien schafft. Man munkelt, es geht um unsere weggesperrte Aoife Aubert … Auszug aus: Das Politikblatt (Zeitschrift der Opposition, anonym verfasst)
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Seitenzahl: 556
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Copyright 2024 by
Dunkelstern Verlag GbR
Lindenhof 1
76698 Ubstadt-Weiher
http://www.dunkelstern-verlag.de
E-Mail: [email protected]
ISBN:
Alle Rechte vorbehalten
Für alle, die sich durchbeißen –
egal, welche Steine das Leben ihnen in den Weg legt.
Inhalt
Inhaltshinweis
Die Regierung des Neuen Regimes
Playlist
Prolog
Kapitel 1 - 0 Tage seit der Entlassung
Kapitel 2 - 1 Tag seit der Entlassung
Kapitel 3 - 1 Tag seit der Entlassung
Kapitel 4 - 1 Tag seit der Entlassung
Kapitel 5 - 4 Jahre zuvor
Kapitel 6 - 8 Tage seit der Entlassung
Kapitel 7 - 8 Tage seit der Entlassung
Kapitel 8 - 8 Tage seit der Entlassung
Kapitel 9 - 2 Wochen und 1 Tag seit der Entlassung
Kapitel 10 - 7 Jahre zuvor
Kapitel 11 - 1 Monat und 2 Tage seit der Entlassung
Kapitel 12 - 1 Monat und 2 Tage seit der Entlassung
Kapitel 13 - 29 Jahre zuvor
Kapitel 14 - 1 Monat und 4 Tage seit der Entlassung
Kapitel 15 - 1 Monat und 4 Tage seit der Entlassung
Kapitel 16 - 25 Jahre zuvor
Kapitel 17 - 1 Monat und 4 Tage seit der Entlassung
Kapitel 18 - 23 Jahre zuvor
Kapitel 19 - 1 Monat und 5 Tage seit der Entlassung
Kapitel 20 - 1 Monat und 5 Tage seit der Entlassung
Kapitel 21 - 1 Monat und 5 Tage seit der Entlassung
Kapitel 22 - 5 Jahre zuvor
Kapitel 23 - 1 Monat und 6 Tage seit der Entlassung
Kapitel 24 - 1 Monat und 6 Tage seit der Entlassung
Kapitel 25 - 1 Monat und 6 Tage seit der Entlassung
Kapitel 26 - 20 Jahre zuvor
Kapitel 27 - 1 Monat und 6 Tage seit der Entlassung
Kapitel 28 - 1 Monat und 6 Tage seit der Entlassung
Kapitel 29 - 11 Jahre zuvor
Kapitel 30 - 1 Monat und 1 Woche seit der Entlassung
Kapitel 31 - 1 Monat und 1 Woche seit der Entlassung
Kapitel 32 - 1 Monat und 1 Woche seit der Entlassung
Kapitel 33 - 1 Monat und 1 Woche seit der Entlassung
Kapitel 34 - 1 Monat und 1 Woche seit der Entlassung
Kapitel 35 - 15 Jahre zuvor
Kapitel 36 - 1 Monat und 1 Woche seit der Entlassung
Kapitel 37 - 1 Monat und 13 Tage seit der Entlassung
Epilog
Nachwort
Danksagung
Triggerwarnung
Inhaltshinweis
Liebe*r Leser*in,
dieser Roman enthält Themen und Ereignisse, die nicht jede*r lesen will oder kann. Damit niemand unfreiwillig gespoilert wird, befindet sich hinten im Buch eine Liste mit allen Inhalten, auf die wir hinweisen möchten. Dabei wird unterschieden, ob die Themen explizit dargestellt oder angedeutet/angesprochen werden. Die Liste befindet sich hinter der Danksagung.
Weiters möchten wir darauf hinweisen, dass die »Anaphase«-Dilogie neben vielen anderen politischen Themen auch einen Krieg thematisiert, der in der Vergangenheit der Handlung stattgefunden hat. Dieser nimmt jedoch keinerlei Bezug zu realen Begebenheiten. Mit Ausnahme der COVID-19-Pandemie sind sämtliche Ereignisse, die in der Handlung vorkommen, gänzlich fiktiv. So auch das Land, in dem »Anaphase« spielt. Mehr dazu im Nachwort.
Die wissenschaftlichen Verfahren, die im Laufe der Handlung genannt werden, sind ebenfalls frei erfunden.
Wir wünschen ein schönes Leseerlebnis!
Lara Roner & der Dunkelstern Verlag
Die Regierung des Neuen Regimes
Präsidentin: Quinn Pacis
Ministerin für Außenpolitik: Ilya Pyret
Minister für Bildung: Hayward Pendelton-Hodges
Minister*in für Finanzen: Daly Chamberlain
Ministerin für Gesundheit: Tadita Hayes-Costley
Ministerin für Justiz: Adamaris Gordon
Ministerin für Medien und Kultur: Wenona Findly
Minister für Sicherheit: Greyson Villin
Minister für Soziales: Flick Verlander
Minister für Umwelt: Ripert Gabler
Ministerin für Verteidigung: Annette Flanagan-Dalton
Minister für Wirtschaft und Arbeit: Hayward Ricks Ducros-Woods
Minister für Wissenschaft und Forschung: Lazarus Zephyr
Playlist
SOMETHING WICKED – STARSET
The Mountain – Three Days Grace
Too Heavy – The Plot In You
Your Power – Billie Eilish
Outside – Hollywood Undead
SYMBIOTIC – STARSET
Careless Whisper – Seether
The Scientist – Coldplay
So Called Life – Three Days Grace
IN THREES – AS IT IS, Set It Off, JordyPurp
THE DEATH OF PEACE OF MIND – Bad Omens
Love Me Or Leave Me – Three Days Grace
I once had a heart – Nomy
Prolog
Vögel zwitschern aus dem Regierungsgebäude
Mutanten, Streit unter den Minister*innen und eine Entscheidung, die es in sich hat
Das Politikblatt – Journalismus nach dem Vorbild freier Medien
Ausgabe vom 14. August, anonyme*r Autor*in
Mutanten wüten auf den Straßen, die Eiszeit zwischen Minister Villin und Minister Zephyr hält an, und ein brisantes Dokument wurde unterzeichnet.
Insider aus Regierungskreisen berichten von einer weiteren Verschlechterung der politischen Situation. Nach dreifacher Prüfung kann die Redaktion des Politikblatts bestätigen, dass die in den staatlichen Medien präsentierte Zahl an gesichteten und gefangenen Mutanten stimmt. In den kommenden Monaten ist mit einem weiteren Anstieg der Sichtungen zu rechnen.
Im Kampf gegen die Mutantenplage haben Forschungsminister Lazarus Zephyr und Sicherheitsminister Greyson Villin verstärkte Zusammenarbeit angekündigt. Den Quellen der Opposition zufolge handelt es sich dabei um einen Versuch, ihr zerrüttetes Verhältnis zu vertuschen.
Im Rahmen dieser Maßnahme hat Präsidentin Quinn Pacis vorgestern Abend einen Beschluss unterzeichnet. Genaueres über den Inhalt ist unbekannt. In letzter Zeit soll Aoife Aubert wieder vermehrt Thema in der Hauptstadt gewesen sein. Die Gentechnikerin verbüßt seit Anfang des Jahres für ihre vermeintliche Mitgliedschaft in der Opposition und Mitarbeit an den Mutanten eine Haftstrafe im Gefängnis. Spione in Regierungskreisen halten es für naheliegend, dass Aubert in dem Dekret der Präsidentin eine Rolle spielt. Ob dem so ist, weiß nur Pacis selbst – das Dokument unterliegt einer ungewöhnlich hohen Sicherheitsstufe.
○●
Mit großen Augen starrte Aoife die Präsidentin an, die ihr gegenüber Platz genommen hatte.
Diese faltete die Hände auf dem Tisch. »Guten Morgen, Frau Aubert.«
Sie rang sich einen annähernd freundlichen Gesichtsausdruck ab. »Guten Morgen«, entgegnete sie und fragte sich, ob er wirklich gut werden würde. Quinns letzter Besuch hatte in einer Katastrophe geendet.
Bilder tauchten in Aoifes Kopf auf; vom gequälten Gesicht der Präsidentin, weil sich Aoife mit ganzer Kraft an ihren Arm klammerte. Eine zweite Erinnerung folgte: Lazarus, der die Hand nach ihr ausstreckte.
Fass mich nicht an!, wiederholte sie in Gedanken, wie um ihn erneut zu warnen, Abstand zu wahren. Obwohl Lazarus nicht anwesend war, obwohl sie seit sechs Wochen nichts von ihm gehört hatte, vereinnahmte er ihr Leben genauso wie an diesem Tag. Aoife hasste es. Unter all der Kälte brachte es ihr Blut zum Brodeln.
Quinn bedachte sie mit einem Blick, der zeigte, dass sie ihre Gefühle bestens erkannte. Sie war nicht sonderlich begabt darin, sie zu verstecken. Nicht mehr.
»Sie sehen, das hier ist kein Batteriewechsel, wie angekündigt. Ich wollte Ihnen keinen Schrecken einjagen.«
Aoife verweilte in Schweigen.
Unbehaglich rutschte Quinn auf ihrem Stuhl hin und her. Es verursachte ein Kribbeln in ihrem Magen, die einst selbstbewusste Frau so zu erleben.
»Ich bin gekommen, da ich etwas beschlossen habe«, führte sie weiter aus.
In winzigen mechanischen Bewegungen nickte Aoife. Quinn wartete auf mehr, doch das war alles, was ihr gelang.
»Sie sind mit sofortiger Wirkung aus dem Gefängnis entlassen.«
Aoife klappte die Kinnlade runter. »Was?!«
Im Geist wiederholte sie Quinns Worte auf der Suche nach der Stelle, die sie falsch verstanden haben musste. Aus dem Gefängnis entlassen. Es klang eindeutig. Aber … nein. Das glaubte Aoife nicht.
Quinn verzog den Mund über die unmanierliche Antwort. Langsamer sagte sie: »Sie werden Ihre Strafe nicht länger durch eine Inhaftierung ableisten.«
Interessant, dachte Aoife. Das war, was sie dazu empfand. Keine Freude, keine Erleichterung, keine Dankbarkeit. Ironischerweise versetzte es ihr einen Stich im Herzen, dass alle Gefühle ausblieben. War das nicht das Schönste, was die Präsidentin hätte verkünden können?
Stattdessen zerlegte Aoife die Ankündigung in ihre einzelnen Aspekte und analysierte sie. Sie wägte ab, sie kam zu Erkenntnissen und sie traf Entscheidungen. Dabei kannte sie die genauen Umstände noch nicht.
»Fußfessel?«, vermutete sie.
Quinns Brauen schnellten hoch. »Woran haben Sie es erraten?«
»Sie wählen einen Mittelweg, weil Sie etwas von mir brauchen.« Sie kniff die Augen zusammen. »Wo ist der Haken?«
Kurz verschlug es der Präsidentin die Sprache. Es war gut für sie zu wissen, dass in dieser scheinbar leeren Hülle ein derart wacher Verstand steckte.
»Ich sehe«, raunte sie zufrieden, »ich habe die richtige Entscheidung getroffen. Sie passen gut in die Forschungsgruppe 1.«
Aoife hielt den Atem an. Speichel sammelte sich in ihrem Mund, ihr Magen verkrampfte sich. Sie hatte es befürchtet, dennoch war die Bestätigung ein Schlag ins Gesicht.
Die Arbeit der Forschungsgruppe 1 fand in engster Kooperation mit Lazarus statt. Die Mitglieder sprachen persönlich mit ihm ab, womit sie sich befassten. Hinzu kamen wöchentliche Sitzungen. Aoife würde ihn jeden Tag sehen. Das wollte sie nicht. Sie wusste gar nicht, ob sie das durchstehen würde.
Doch sie hatte keine Wahl.
»Weiß …?«, setzte sie an.
Sofort schüttelte Quinn den Kopf. »Nein. Ich informiere ihn heute Nachmittag.«
Aoife kaute auf ihrer Unterlippe. In gewisser Weise reizte es sie, nachzubohren, wie sich Lazarus in den letzten Wochen verhalten hatte. Ob sich sein Zustand gebessert hatte oder er seinen Fehler bereute. Gleichzeitig redete sie sich ein, dass es ihr egal war. Es gab wichtigere Fragen.
»Was werde ich dort machen?«
Quinn zuckte die Achseln. »Das festzulegen, übersteigt meine wissenschaftlichen Kompetenzen. Lazarus wird das entscheiden. Natürlich überprüfe ich, ob es angemessen ist.«
Tiefe Falten entstanden auf Aoifes Stirn. »Verzeihen Sie bitte, aber wenn Sie die Kenntnisse nicht besitzen, wie …?« Sie stoppte und schüttelte den Kopf. »Soll ich dann einfach zu Ihnen kommen und mich beschweren, oder wie darf ich das auffassen? Das könnte ich nicht.«
Quinn rümpfte die Nase über diese Bedenken. Dabei hatte sie miterlebt, was für ein schreckliches Ende es letztes Mal genommen hatte, als Aoife etwas hinter Lazarus’ Rücken getan hatte. »Ich bemerke es, wenn Lazarus Unfug treibt.«
So lächerlich sich Aoife dabei vorkam, das akzeptierte sie. Sie ließ sich nicht davon beunruhigen, dass Quinn von ihm wie von einem trotzigen Kleinkind sprach, oder dass sie hellseherische Fähigkeiten vortäuschte. Hauptsache, sie hatte den Schutz der Präsidentin. Das war überlebenswichtig.
Aoife ballte Fäuste und grub die Fingernägel in ihre Haut. Der Schmerz distanzierte sie vom Geschehen. Er machte sie wagemutiger – und ließ sie nachhaken, wo sie hätte still sein sollen.
Sie senkte den Kopf ein Stück und versuchte, ihre Maske ihren Worten anzupassen. »Ich bin Ihnen überaus dankbar – ich kann nicht zum Ausdruck bringen, wie sehr – und will nicht respektlos klingen, aber … wie kam es zu der Entscheidung?«
Der Präsidentin huschte ein Schmunzeln über die Lippen. Darauf hatte sie gewartet. »Die Leistungen, die Sie hier erbringen, reichen nicht mehr. Sie sind verschwendetes Potenzial.«
Nett, dachte Aoife trocken. Durch diese Arbeit war sie zwei Mal in Lebensgefahr geraten: einmal durch den Angriff des Mutanten im Labor und einmal durch Lazarus.
»Aktuell wird umstrukturiert, da passen Sie besser an eine andere Stelle. In den Nachrichten werden Sie genug dazu erfahren«, fuhr Quinn fort. Flüchtig spannte sie die Sehnen an ihrem Hals an. »Darüber hinaus … Es gibt nach wie vor keinen Beweis für Ihre Schuld. Der Geheimdienst hat sich ununterbrochen fieberhaft damit beschäftigt, etwas zu finden. Ihre Akte ist lupenrein. Nach allem, was ich von Ihnen gehört und gesehen habe … Mir erscheint das Risiko sehr gering.« Geräuschvoll rutschte sie mit dem Stuhl zurück und verkündete so das Ende ihrer Unterhaltung. »Ich möchte das Beste für dieses Land und glaube, dazu tragen Sie bei.«
»Danke«, antwortete Aoife neutral. Wie auch immer mir das unter diesen Umständen gelingen soll.
Kaum stand Quinn, fiel Aoife noch etwas ein. »Ach!«, rief sie. »Eine Bitte …«
Kapitel 1
0 Tage seit der Entlassung
Der Mann hinter der Theke schüttelte irritiert den Kopf. Er war der Erste an diesem Ort, der sich um eine Entlassung kümmerte.
»Und hier ist das Blatt, das Sie angefordert haben«, sagte er und schob das Stück Papier neben die Tasche, die zwischen Aoife und ihm auf der Ablage stand.
Mit einem »Danke« zog diese es näher an sich heran. Von der Brusttasche ihrer Bluse löste sie ihren Kugelschreiber. Dann begann sie zu schreiben.
Lieber Jasper,
es tut mir leid, dass ich mich auf diesem Weg von dir verabschieden muss. Ich bin heute Morgen überraschend aus dem Gefängnis entlassen worden. Ich weiß, es klingt absurd, und ich wünschte, ich dürfte dir die Umstände erklären.
Stattdessen nutze ich diese Zeilen, um mich bei dir zu bedanken – für alles. Ohne dich hätte ich die letzten Monate nicht durchgestanden. Auf dich konnte ich immer zählen. Du warst für mich da, egal wie kratzbürstig, abweisend oder abwesend ich war. Das rechne ich dir hoch an. Du bist ein großartiger Mensch, das weißt du hoffentlich.
Es tut mir in der Seele weh, dass ich dir das nicht zurückgeben konnte und kann. Sollten du oder deine Familie jemals etwas brauchen, ruf mich an. Ich hinterlasse dir am Ende des Briefes die Handynummer meiner Mama, über die du dir in ein paar Tagen meine neue Nummer holen kannst. Und da ich unsicher bin, ob du was zum Notieren hast, lasse ich dir auch meinen Stift hier. Pass gut auf ihn auf, es ist mein Lieblingsstift ;)
Und ich meine es ernst: Bitte melde dich. Ich möchte für dich da sein, und für deine Liebsten, wenn du es nicht kannst. Immerhin verdiene ich jetzt wieder genug Geld (zwar weniger als früher, aber das erkläre ich dir ein andermal). Falls ich darf, werde ich dich besuchen kommen.
So gerne ich diesen Ort hinter mir lasse: Ich werde es vermissen, mit dir im Hof zu sitzen, deine Wärme unmittelbar neben mir zu spüren und Löcher in die Luft zu starren.
Danke, Jasper. Danke für alles.
Alles Liebe
Aoife
In schöner Schreibschrift, damit er es lesen konnte, setzte sie ihren Namen auf das Papier. Rechts unterhalb notierte sie die Nummer ihrer Mutter. Im Anschluss faltete sie das Blatt und klemmte den Kugelschreiber daran.
Nachdenklich fuhr sie ein letztes Mal über die Kanten des Zettels. Aoife sehnte sich nach den Gefühlen, der Leichtigkeit, die sie in den Zeilen vortäuschte. Sie vermutete, Jasper würde die Schönrederei erkennen, aber das war Aoife unwichtig, solange er ihre Dankbarkeit spürte.
Mit zitternden Händen reichte sie den Brief dem Mann. »Hat die Präsidentin vor ihrer Abreise Bescheid gegeben, für wen Sie den hinterlegen müssen?«
Sie konnte kaum glauben, dass Quinn dem zugestimmt hatte. Genauso wenig, dass sie das Gefängnis verließ. Es fühlte sich wie ein Fiebertraum oder ein Drogentrip an. Vermutlich lag das an den Schmerzmitteln, mit denen man sie vor dem Einsetzen der Fußfessel vollgepumpt hatte.
Der Angestellte nickte. »Ja. Er erhält ihn nach der Arbeit.«
Da lächelte Aoife sogar ein winziges bisschen. »Danke.«
Sie packte die Tasche und trat einen Schritt zurück. Es war Zeit zu gehen.
○●
Das gigantische Bauwerk warf einen Schatten auf Aoife. Sie nahm ihn nicht wahr. Sie sah nur die Stadt, die am Fuße der Hügellandschaft wie aus Spielzeughäusern gebaut wirkte. Aoife hatte nicht geglaubt, dass sie das jemals denken würde, aber die Hauptstadt erschien ihr bunt. Was sie früher für trostlos und grau gehalten hatte, zeigte nun Vielfalt. Die Gebäude hatten alle Formen sowie Größen und erstrahlten in unterschiedlichsten Farben: gelb, rosa, blau. Sie wechselten sich mit dem Grün der Pflanzen ab, die an Fassaden und auf Dächern wucherten.
Nichts hielt Aoife davon ab, all das aus der Nähe zu betrachten. Das elektronische Implantat über ihrem Knöchel schlug erst an, wenn sie die Hauptstadt verließ. Zum Glück war diese riesig. Und eine Ausrede, nicht zu ihren Eltern zu müssen, hatte Aoife damit auch. Nur Nox würde sie zurückverlangen – sobald sie eine Wohnung fand.
Ihre Eigentumswohnung war vermietet und den Mietern für Eigenbedarf zu kündigen ging nur mit einer Frist von zwei Monaten. Aoife blieb vorerst nur ein Hotel. Zum Glück hatte sie ihre Bankkarte und ihren Pass zurückerhalten.
Quinn hatte mitgedacht. Sie stellte Aoife eine große Tasche für ihre Habseligkeiten aus der Gefängniszelle und Kleidung zur Verfügung. Hässliche Kleidung. Eine weiße Bluse zu einer schwarzen Hose. Das war zwar kein Grau, aber kaum besser.
Da wusste Aoife, was sie als Erstes tun würde.
Ein wenig verloren suchte sie die nächste Busstation, fuhr in die Innenstadt, stieg in die U-Bahn um und ließ sich zur Shopping-Meile bringen.
Auf dem Weg zum Klamottenladen machte sie einen Stopp beim Kiosk und kaufte zwei Packungen Zigaretten sowie ein Feuerzeug. Danach erwarb sie eine sonnengelbe Sommerbluse mit exotischem Muster plus eine Geldbörse und Handtasche. Der nächste Halt war die Drogerie für einen Rasierer, Tampons, Deo, Duschgel, Shampoo, eine Haarbürste, Hautpflegeprodukte und Make-up.
Kondome kaufte sie auch. Obwohl sie keinen Sex in naher Zukunft plante, wollte sie vorbereitet sein. Womöglich würde sie abends was trinken gehen. Da passierten schnell … Dinge. Eine Geschlechtskrankheit konnte sie nicht gebrauchen.
Eine Stunde und drei Zigaretten später holte sie in der Apotheke Schmerztabletten und etwas gegen die Halsschmerzen vom Rauchen, dann trieb sie Kontaktlinsen und ein neues Handy auf. Bei ihrer letzten Station angekommen, fühlte sie sich beinahe wie ein vollständiger Mensch. Lediglich eines fehlte.
Sie stieß die Tür zum Tattoo- und Piercingstudio auf. Der vertraute Geruch von Desinfektionsmittel und Schweiß stieg in ihre Nase. An diesem Ort fühlte sie sich wohl.
Den ganzen Tag über hatte niemand Aoife erkannt. Für die Menschen auf der Straße war sie ein Gesicht unter vielen. An diesem Ort würde sich das ändern.
Sie stellte sich vor den Anmeldeschalter und musterte den jungen Mann mit dem tätowierten Hals dahinter. Ihn kannte sie nicht.
»Hallo. Sind Callie und Emrys da?«
Der Mann verengte die Augen zu Schlitzen, als hätte er die Frage nicht verstanden. »Äh … Die Chefin und der Chef?«
»Ja.«
»Ähm … Ja, ähm, Emrys pierct gerade und Calliope sticht ein Tattoo. Ein größeres. Keine Ahnung, wann sie Pause macht, aber Emrys kann ich zu Ihnen schicken.« Mit jeder Silbe sprach er schneller. »Wieso? Was gibt es denn? Brauchen Sie etwas Bestimmtes?«
»Danke, ich warte einfach. Ich habe Zeit.«
Bevor der Mann darauf reagieren konnte, drehte Aoife ihm den Rücken zu und setzte sich in den Wartebereich. Sie entschied für einen Stuhl anstelle der Couch und platzierte die randvolle Tasche auf einem zweiten. Auf dem Tisch vor ihr lagen einige schwarze Mappen, die Motivvorschläge enthielten. Einige hingen auch an den Wänden, darunter welche, die Aoife gezeichnet hatte.
Sie schnappte sich eine der Mappen und blätterte geduldig, um sich die Zeit zu vertreiben. Die bekannten Bilder veränderten ihre Miene. Abwechselnd lächelte sie, wurde wehmütig, runzelte die Stirn und rümpfte die Nase. So viele Geschichten, die sie mit diesen Kunstwerken verband.
Mehrmals öffnete sich hinter ihr die Tür zu den Kabinen. Jedes Mal vergrub Aoife das Gesicht tiefer zwischen den folierten Seiten, während sich das Empfangszimmer erst leerte und dann wieder füllte.
Vierzig Minuten später hatte das Warten ein Ende.
»Weiter gehts, wem darf ich jetzt eine Nadel in den Körper stechen?«, fragte Emrys scherzhaft in den Raum.
Aoife schlug die Mappe zu, legte sie auf den Tisch und blickte über die Schulter zu ihm. »Das wäre ich«, verkündete sie und stand auf. Einige Schritte vor ihrem Kumpel mit der rötlichen Haut und den blondierten Haaren stoppte sie.
Ein paar Sekunden lang reagierte Emrys nicht. Aus geweiteten Augen starrte er Aoife an, als würde eine Berühmtheit vor ihm stehen.
»Entschuldigung«, murmelte er durch den Wind, »Sie sehen aus wie eine Freundin von mir.«
Aoife schob die Hände in die Gesäßtaschen ihrer Hose. »Eine Freundin, die im Gefängnis sitzen sollte?«, bohrte sie nach und wollte amüsiert klingen, doch aus ihrer Kehle kam nur ein trockener Tonfall.
Emrys grinste schief. »Hören Sie das öfter?«
»Wie sollte das gehen?« Sie neigte den Kopf. »So viele Freundinnen und Freunde hatte ich gar nicht.«
Da machte es bei ihrem Gegenüber klick.
»Ne, bist du wirklich …« Er stoppte, um die Luft erst anzuhalten und dann scharf einzusaugen. »Was, bist du ausgebrochen? Bekomme ich Schwierigkeiten, wenn ich du dich hier aufhältst?«
»Nur, wenn du auffliegst«, scherzte sie und überwand sich, gerissen einen Mundwinkel hochzuziehen. Sie verbarg vor Emrys die Wunden, die sie von den letzten Monaten trug.
Er kannte sie zu gut und bemerkte, dass etwas nicht stimme. Dass vieles nicht stimmte. Aber er überspielte das mit einer wegwerfenden Geste.
»Wenn’s sonst nichts ist, fühl dich willkommen.« Er untermalte seine Worte, indem er durch den Türrahmen zu den Kabinen winkte. Aoife ging durch und Emrys zwinkerte den verstört dreinschauenden Kunden zu, ehe er hinter ihr die Tür schloss.
Mit einem Mal fiel die Gelassenheit von ihm ab wie eine Maske. Er trat näher.
»Jetzt im Ernst, was ist passiert?«, flüsterte er, damit ihn weder Kunden noch Handymikrofone hören konnten. »Falls du in Schwierigkeiten steckst, kann ich sicher …«
Aoife hob beschwichtigend die Hände. »Alles in Ordnung. Ich bin legal hier.«
Sie krempelte ihr rechtes Hosenbein hoch und offenbarte das fingernagelgroße, kreisrunde weiße Implantat, das über ihrem Knöchel saß.
Beim Erkennen der Fußfessel verzog Emrys das Gesicht. »Sieht schmerzhafter aus als alles, was du hier hast machen lassen.«
»Das Einsetzen war eine Horrorprozedur, jetzt spüre ich zum Glück kaum noch was. Ich hab die größtmögliche Dosis Schmerzmittel intus.« Sie ließ den Stoff los und deutete auf das winzige Loch über ihrer Oberlippe. »Das heißt, ich wär bereit, meine Piercings aufzufrischen.«
Emrys kämmte sich durch den wuscheligen Haarschopf. »Wie? Du wurdest heute entlassen?«
»Ja.«
»Und kommst direkt zu uns?«
»Ja.«
Ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. »Das nenne ich Prioritäten setzen. Klar, mache ich dir. Aaaaber …« Er warf einen Blick auf seine Smartwatch. »… wir haben einen straffen Zeitplan. Ich muss jetzt dann ein Tattoo machen. Wäre nach Ladenschluss okay? Dafür geht alles aufs Haus.«
Aoife betrachtete ihren Kumpel mit einem verlorenen Ausdruck. Was er gesagt hatte, war schön. Es freute sie. Zumindest glaubte sie das. Es musste sie freuen, beschloss sie. Doch das Hochgefühl blieb aus. Ihr wurde nicht warm ums Herz, sie spürte kein Kribbeln, hatte kein Verlangen zu lächeln. Dennoch bemühte sie sich darum. Emrys sollte sie nicht für undankbar halten, denn sie war dankbar – auf eine rationale, emotionslose Art.
»Das ist nicht nötig. Ich habe genug Geld.« Sie wollte nicht zur finanziellen Last für Emrys oder Calliope oder irgendjemanden werden. »Und warten ist natürlich kein Problem. Zeit hab ich auch.«
»Keine Widerrede. Das ist selbstverständlich.«
Aoife sträubten sich die Haare. Keine Widerrede, hallte es in ihr nach, mit Stimme und Ton der Präsidentin, wie sie auf Lazarus einredete. Ihr wurde schwindelig und übel zugleich.
Um stabileren Stand zu finden, verlagerte sie ihr Gewicht – routiniert und alltäglich. Oft genug hatte sie solche Anfälle vor den Begleitpersonen im Gefängnislabor verborgen. Tagtäglich begegneten ihr hunderte Dinge, die sie an jenen Abend bei Lazarus zurückversetzten.
Teils waren sie banal: Sogar die Erwähnung eines Waldes brachte sie aus der Fassung. Er erinnerte sie nicht länger an den Ort, an dem sie während ihrer Kindheit am liebsten gewesen war. Aoife verband ihn mit dem Geruch in Lazarus’ Eingangshalle.
Diese Momente mussten aufhören, befahl sie sich immer wieder. Dieser Vorfall durfte nicht ihr Leben bestimmen. Die Gänsehaut und die Schweißausbrüche waren das eine. In diesen Situationen fiel sie in ein Loch, gefüllt mit ihren Erinnerungen wie mit tobender Flut, in der sie ertrank. Es dauerte Stunden, bis sich Aoife ablenken und halbwegs zur Ruhe kommen konnte.
»Alles okay?«, unterbrach Emrys ihren Sturz in die Tiefe.
»Hm?«, stieß Aoife aus. Sofort schüttelte sie den Kopf über ihre verräterische Reaktion und bekam sich wieder in den Griff. »Du wolltest doch, dass ich Ruhe gebe.«
Emrys kaufte es ihr ab. »Perfekt! Setz dich so lange ins Büro. Ich gebe dir einen Zettel und Stifte, falls du uns mit ein paar Motiven unterstützen willst. Die von dir sind superbeliebt.«
Aoife lächelte – gequält, denn sie fürchtete es, mit ihren Gefühlen allein zu sein. »Wie schön.«
Emrys setzte sich in Bewegung. Zum Büro waren es genau drei Schritte. Aus den weiten Hosen fischte er einen Schlüssel, schloss auf und bedeutete Aoife, reinzugehen.
»Steile Frisur übrigens«, merkte er dabei an und zwinkerte ihr zu.
○●
Aoife warf die leere Packung Zigaretten in den Mülleimer und griff nach dem Stift. Es kam ihr gelegen, dass das schmale Büro über einen kleinen Balkon verfügte. Von knapp zwei Stunden, die sie totschlagen musste, hatte sie sich bisher fünfundvierzig Minuten mit Rauchen vertrieben und fünfundfünfzig mit Zeichnen sowie dem Wählen eines Songs, den sie hören wollte.
Nach all der Zeit ohne Musik hatte sie sich nicht entscheiden können, welches Lied würdig war, zuerst gehört zu werden. Sie hatte sich für einen spanischen Popsong entschieden, den sie aus Kindheitstagen kannte. Aoife verstand kein Wort, dafür hatte sie das auf die Idee für ihre Zeichnung gebracht.
Geduldig setzte sie sich an den Schriftzug, den sie in die blutige Rasierklinge einarbeitete: ›Si vis amari, ama‹. Es war ein Zitat des römischen Schriftstellers Seneca. Am unteren Rand des Blatts notierte sie eine Übersetzung, da Calliope und Emrys kein Latein beherrschten.
›Wenn du geliebt werden willst, liebe.‹
In dem Moment, in dem sie den Stift absetzte, ging die Tür auf. Aoife zog die Kopfhörer aus den Ohren und schaute zu der hochgewachsenen, schlanken Frau, die erschien. Ihre brünetten Haare waren gewohnt ungezähmt, und die Piercings in ihrem Gesicht glänzten im Sonnenlicht, das durch das Fenster fiel.
Bei Aoifes Anblick legte sich ein Hauch von Röte auf ihre hellen Wangen. »Das wars«, nuschelte sie. »Kein Gras mehr vor der Arbeit.«
Aoife verdrehte die Augen. Sie wusste, dass Calliope vor vier Jahren mit dem Kiffen aufgehört hatte.
»Du Nudel«, begrüßte sie ihre alte Freundin, legte den Stift weg und kam auf sie zu.
Calliope rieb sich die Augen. »Du bist echt«, stellte sie fest. »Wie kommst du hier rein? Wie kommst du aus dem Knast raus?«
Als wäre es eine alltägliche Angelegenheit, ratterte Aoife die Antworten runter. »Die Präsidentin hat mich rausgelassen und Emrys hier rein. Ich darf halt die Stadt nicht verlassen. Dazu habe ich eine Fußfessel.« Sie deutete auf ihren Fußknöchel, zeigte das Ding allerdings nicht erneut. Sie hatte es oft genug gesehen.
»Ich dachte, so was geht gar nicht, wenn man für Oppositionskontakt eingebuchtet wird.«
»Es gibt immer ein erstes Mal.«
Das Gesicht ihrer Freundin wurde weich. »Das ist großartig! Ich bin so froh, dich zu sehen!«
Sie hob die Arme, als wollte sie sie um Aoife schlingen, aber sie tat es nicht. Sie wusste, dass diese kein Fan von Körperkontakt war. Auch ohne zeigten sie einander ihre Freude über diesem Moment. Sogar Aoife lächelte aufrichtig.
»Danke. Und danke für alles, was du getan hast.« Sie stoppte und presste die Lippen aufeinander. Es gab etwas, das ihr schon lange im Magen lag. »Tut mir leid. Ich hätte anrufen und das früher sagen sollen.«
»Ach, alles gut.« Calliopes Blick fiel auf die Tasche, die Aoife neben dem Schreibtisch abgelegt hatte. »Wie geht es bei dir jetzt weiter?«
Sie ruckte den Kopf zu ihrem Gepäck und deutete darauf. »Ich begebe mich auf Wohnungssuche und bleibe in der Zwischenzeit in einem Hotel.«
»Bleib doch bei uns.«
Perplex starrte Aoife sie an. Das Angebot kam ihr zu plötzlich, sie hatte keine Ahnung, was sie erwidern sollte. Einige Sekunden suchte sie nach den richtigen Worten – ohne Erfolg.
Calliope winkte ab. »Ich weiß, was du sagen willst. Das wäre bestimmt kein Problem für uns. Mir wäre es eine Freude. Und ich rufe gleich Grace an und frage, ob es für sie und Maynard auch passt.«
Da entspannte sich Aoife. Sie hatte gar nicht gemerkt, wie steif ihre Haltung geworden war. »Danke. Das Angebot nehme ich sehr gerne an.«
»Ist selbstverständlich. Brauchst du einen Job?«
Aoife presste die Lippen aufeinander. »Nein, … nein. Ich, ähm …«, stammelte sie, während sich ein immer fester werdender Knoten in ihren Magen band. »Ich arbeite wieder für das Ministerium.«
Calliope legte die Stirn in Falten. »Was, echt? Zephyr lässt das zu?«
Er wurde nicht gefragt, dachte Aoife, aber das musste sie für sich behalten. Die Energie zum Lügen fehlte ihr, weshalb sie die Schultern zuckte. Damit war dieses Thema erledigt.
»Tja, in dem Fall ist unsere Wohnung perfekt. Gar nicht weit weg. Um welche Uhrzeit fängst du an? Vielleicht kann ich dich mitnehmen.«
Ein winziges bisschen wurde ihr warm ums Herz. Calliope verlieh ihr ein Gefühl von Geborgenheit. »Das ist lieb. Brauchst du nicht. Ich fahre mit den Öffentlichen.«
Ihre Freundin verschränkte die Arme vor der Brust. »Wann fängst du an?«, wiederholte sie stur.
»Sieben. Aber wie gesagt …«
»Nein, sicher nicht«, fuhr Calliope ihr dazwischen. »Sieben Uhr ist zu früh. Du willst doch nicht von Mutanten zerfetzt werden.«
Der Schweiß brach ihr aus. Bilder kämpften sich aus ihrem Unterbewusstsein an die Oberfläche. Bilder des Mutanten, der auf ihr gelegen und seine Zähne in ihre Schulter gebohrt hatte.
Aoife schüttelte den Kopf und schleuderte die Erinnerungen in alle Richtungen davon. Sie wollte sich zusammenreißen.
»Um sieben ist es längst hell zu dieser Jahreszeit«, argumentierte sie.
»In letzter Zeit sind dämmerungsaktive Mutanten aufgetaucht, die abends und morgens wüten.«
Sie erstarrte. »Oh …«
Das kam unerwartet. Aoife hatte nichts davon gehört. Rückblickend erschien es ihr plausibel. Jener Mutant, der sechs Wochen zuvor den Laborunfall verursacht hatte, hatte ein seltsames Verhalten gezeigt. Aoife rätselte, ob er in diese Gruppe gehört hatte.
»Jedenfalls«, fuhr Calliope in sanftem Ton fort, »ist mir sieben zu früh, wir machen erst um zehn auf. Aber Grace fährt normalerweise um die Zeit weg und bringt Maynard in den Kindergarten.«
Aoife schüttelte den Kopf. »Ich will euch wirklich nicht zur Last werden.«
»Tust du nicht.« Als sich Aoife trotzdem nicht entspannte, hob Calliope eine Braue. »Was ist?«
Reflexartig trat Aoife einen Schritt zurück und schluckte. »Ich möchte auch keine Gefahr für euch darstellen. Ich … Ich habe Angst, die Opposition könnte mich bedrängen.«
Das verstand ihre Freundin nicht. Sie hatte keine Ahnung, was von den Unterlagen in ihrem Spind abgesehen, alles geschehen war. Sie hatte keine Ahnung von dem Besuch in der Einzelhaft oder den illegalen Aktivitäten ihrer Eltern.
»Wieso sollte sie das?«
»Ich darf das nicht erklären«, meinte Aoife hastig. »Ich habe meine Gründe, glaub mir. Und wenn ich wieder ins Gefängnis gehe, ist das eine Sache, aber …«
»Stopp!« Calliope riss die Hände hoch, was Aoife zusammenfahren ließ. Daraufhin senkte sie sie und erklärte ruhig: »Nichts wird passieren.«
Sie zog die Augenbrauen zusammen. Mit diesem Satz irrte man sich oftmals – das hatte sie am eigenen Leib erfahren.
»Wir können es nicht wissen. Ich will nicht schuld sein, wenn deine Familie zerrissen wird.«
»Aoife … Selbst wenn die Opposition was von dir wollen würde, was sollte geschehen? Nur falls du Mitglied wärst, das bewiesen werden würde und naheliegend wäre, dass wir davon wissen, könnte man uns für den Kontakt zu dir einbuchten. Aber du bist kein Mitglied.«
»Und, wenn sie euch das Politikblatt in den Briefkasten schieben? Die werden kontrolliert«, sagte sie schrill.
Calliope lachte lediglich über diese Sorge. »Wenn die Opposition was von dir will, wieso sollte sie was tun, das dich wieder in den Knast befördern würde? Du machst dir grundlos Gedanken.«
Auf einmal beruhigte sich Aoife. So betrachtet erschien es ihr logisch. Die Fremde hatte schließlich auch versucht, sie rauszubringen.
»Das Einzige, was passieren kann«, sprach Calliope weiter und zupfte an einer lockeren Stelle an Aoifes Bluse, »ist, dass ich deine Zigaretten konfisziere, falls du vor den Kindern rauchst.«
Aoife hielt sich den Ärmel an ihre Nase. Gleich darauf rümpfte sie sie angeekelt. Sie stank massiv nach Tabak. Eigentlich überraschte es sie nicht. Sie hatte an einem halben Tag eine ganze Packung vernichtet.
»Werde ich nicht«, versprach sie, dann ließ sie ihren Arm sinken.
Dankbar nickte Calliope. Sogar sie war froh, diese Diskussion beenden zu können. Mit Aoife, dem Dickkopf, legte sie sich ungern an. Deswegen lenkte sie ihre Aufmerksamkeit auf das Blatt Papier am Schreibtisch – oder besser gesagt die Rasierklinge darauf.
Calliope riss die Augen weit auf und schnappte sich das Kunstwerk. »Das sieht richtig geil aus! Das kommt in den Katalog und an die Ausstellungswand, gleich neben Optimus non possess.«
»Optimum est pati quod emendare non possis«, korrigierte Aoife sie trocken.
»Jaja.« Sie bedeutete ihr, die Streberei sein zu lassen. »Ich muss es ja nicht auswendig wissen, nur lesen können.«
Aoife wollte es ihr übersetzen, nur um sie zu necken, da kam Emrys zur Tür rein.
»Ach, hier steckst du!«, sagte er an Calliope gerichtet. »Ich suche dich die ganze Zeit schon, damit du Aoife eine Nadel ins Fleisch rammen kannst.«
Diese schob die Hände in ihre Hosentaschen. »Schmeichelhaft formuliert.«
Ein Funkeln legte sich in die Iriden ihrer Freundin, und sie federte aufgeregt auf ihren Füßen auf und ab. »Echt? Willst du ein neues Piercing?«
»Nein«, sagte Aoife zu ihrer Enttäuschung. »Nur die alten wieder einsetzen.«
»Alle auf einmal? Da haut’s dich um!«
»Alle gehen sowieso nicht«, mischte sich Emrys ein. »Die an den Ohren sind viel zu dicht. Die musst du schrittweise wieder durchstechen. Aber eins pro Ohr, das Piercing zwischen den Brüsten und das über der Oberlippe können wir machen.«
Calliope wackelte mit den gepiercten Augenbrauen. »Und jederzeit ein neues. Wie wäre Zunge?«
»Nein«, sagte Aoife. Seit vier Jahren hatte Calliope dieses Studio und genauso lange versuchte sie, ihrer Freundin ein Zungenpiercing einzureden.
Sie schürzte scheinbar beleidigt die Lippen. »Na gut. Darf ich dich zumindest tätowieren?«
Aoife öffnete den Mund, um sich auch dagegen zu wehren, doch Emrys kam ihr zuvor. Er zeigte auf ihr Handgelenk, wo über verwischter alter Tinte schlichte Ziffern das Datum dieses Tages bildeten.
»Was ist das da? Bist du fremdgegangen?«
»Haha, sehr witzig. Das ist kein Tattoo, sondern Kugelschreiber. Ich hab mir im Gefängnis jeden Tag das Datum notiert, um nicht den Überblick zu verlieren.«
Oder den Verstand.
Calliope ging in die Knie, um den Schriftzug genau zu begutachten. »Das ist hübsch. Lass mich das tätowieren«, bat sie Aoife und schaute aus der Hocke zu ihr hoch. »Eine Erinnerung an diesen Tag. Immerhin hast du heute was zu feiern.«
Ein nachdenkliches Geräusch ausstoßend, musterte Aoife die Zahlen. Es wäre ein unscheinbares, aber bedeutungsvolles Tattoo. Wenn sie nur den Text ohne die Tintenflecken der vergangenen Tage nahmen, würde es anständig aussehen. Sie fasste es nicht, doch ihr gefiel der Einfall.
Deshalb nickte sie erst Calliope zu, dann Emrys. »Okay, machen wir das.«
Kapitel 2
1 Tag seit der Entlassung
Aoifes Herz hämmerte, als wollte es Nägel in eine Wand schlagen. Zum Glück war auf den Gängen des Wissenschaftsministeriums so viel los, dass niemand ihre Nervosität bemerkte – oder Aoife generell. Für die gestressten Wissenschaftler war sie ein Geist. Eine unsichtbare Gestalt inmitten der ausladenden Eingangshalle mit dem grauen Fliesenboden, den strahlend weißen Wänden und den Panoramafenstern.
Aoife ging davon aus, sie würde jeden Moment Lazarus begegnen. Sie versuchte sich einzureden, es wäre halb so schlimm. Im beruflichen Umfeld wäre er kühl und distanziert, das würde es besser machen. Erträglich.
»Frau Aubert?«
Sie zuckte zusammen. Durch das Getrampel der Wissenschaftler hatte sie die Schritte hinter sich überhört.
Aoife drehte sich um und blickte in ein kupferfarbenes Gesicht, das von glatten, schwarzen Haaren umrahmt wurde. Vor ihr stand Wanda Kenoni, eine altbekannte Arbeitskollegin um die fünfundvierzig, die jahrelang Teil der Forschungsgruppe 1 war. Sie hatte nie sonderlich ausgeglichen gewirkt, aber jetzt war ihr der Stress der letzten Monate deutlich anzusehen, besonders an den tiefdunklen Augenringen.
Falten traten auf Aoifes Stirn. Früher hatten sie einander nicht mit den Nachnamen angesprochen. »Ja?«
Wanda schnalzte mit der Zunge und beäugte sie misstrauisch. »Ich hole Sie ab und führe Sie in die Arbeit der Forschungsgruppe 1 ein. Kommen Sie mit.«
Kaum war die letzte Silbe über ihre Lippen gekommen, machte sie auf dem Absatz kehrt und lief los. Sie ließ Aoife keine Sekunde Zeit, ihre Worte zu verarbeiten. Kurz kränkte der harsche Empfang sie, gleich darauf gewann Erleichterung die Überhand. Lazarus blieb ihr erspart.
Nur wieso?, überlegte Aoife. Rücksicht sah ihm nicht ähnlich. Womöglich hatte sich die Präsidentin eingemischt. Oder Lazarus wollte Aoife nicht sehen. So oder so, sie fand es war verschwendete Zeit, sich darüber Gedanken zu machen.
Eilig kämpfte sie sich durch die Menschen und holte zu der Frau mit den langen Beinen auf. Sie drückte ihre Handtasche mit dem Oberarm an ihren Körper, damit sie nicht von der Schulter rutschte, und schenkte Wanda ein offenes Lächeln.
»Danke, Frau Kenoni. Das freut mich sehr.«
Wanda reagierte nicht. Zielstrebig starrte sie geradeaus und führte Aoife von der Eingangshalle in die Richtung ihres Büros. »Ich leite die Fraktion Genetik in der FG 1. Herr Hilbert hat den Standort gewechselt.«
Aoife riss sich zusammen, um ihre Verwunderung für sich zu behalten. Herr Hilbert, ihr Vorgänger, war bei allen beliebt gewesen, aber sie wollte nicht nachfragen. Ihre neue Vorgesetzte hätte es nicht gut aufgenommen.
Zum Glück erklärte diese es von selbst. »Er leitet jetzt einen Ableger der Forschungsgruppe 1.«
»Ableger?«
Die Gänge, die sie entlang schritten, wurden enger und enger. Während sich Aoife immer kleiner fühlte, gewann Wanda an Selbstbewusstsein, je weniger Leute sich um sie herum befanden. Aoife hatte nie Platzangst gehabt, doch hier drinnen fürchtete sie, zerquetscht zu werden.
»In den letzten Monaten wurden Gruppen zum Forschen an Mutanten an mehreren Standorten im Land gegründet«, führte Wanda aus. »Wir bleiben die Forschungsgruppe 1. Die anderen haben zusätzlich das Kürzel des Bezirks im Namen, in dessen Hauptstadt sie stationiert sind. Herr Hilberts Gruppe ist die FG 1-WZ.«
»Danke für die Erklärung. Gibt es sonst organisatorische Veränderungen, von denen ich wissen sollte?«
Skeptisch zog die Frau eine Braue hoch und würdigte Aoife dabei sogar eines Blickes. »Wurden Sie nicht informiert?«, fragte sie nach dem Offensichtlichen.
»Nein.«
Danke, Lazarus. Danke für nichts.
»Na ja!«, stieß Wanda süßlich aus. »Eigentlich ist das wenig verwunderlich. Der Minister wollte sich auch keine Zeit nehmen, Sie zu begrüßen und in die Arbeit einzuführen, wie es für ein Mitglied der FG 1 üblich wäre.«
Aoifes Mund klappte auf. Er wollte nicht? Sie fragte sich, was zur Hölle Lazarus gesagt hatte, dass Wanda es mit diesen Worten wiedergab.
Wanda lehnte sich zu ihr und flüsterte: »Der Minister hat sogar die wöchentliche Sitzung abgesagt, die für heute vierzehn Uhr anberaumt gewesen wäre. Mir scheint, er will Sie gar nicht erst zu Gesicht bekommen. Das überrascht mich.« Ihr Mundwinkel zuckte verschlagen. »Eigentlich dachte ich, Sie hätten sich mit seiner Hilfe aus dem Gefängnis freigefickt.«
Aoife japste und hielt an. Sie fasste nicht, was ihr diese Frau soeben vorgeworfen hatte. Sie musste sich verhört haben. Wanda konnte unmöglich in ihre ehemalige Freundschaft mit Lazarus eingeweiht sein – zumindest hatte Aoife keine Ahnung, wie sie an dieses Wissen hätte kommen sollen.
Wandas hämisches Grinsen sprach Bände. Es war kein Irrtum. Ihre Vorgesetzte hatte sie auf diese derbe Weise beleidigt.
Ein elektrischer Impuls schoss durch Aoifes Adern. Was bildete sich Wanda ein? Ihr Privatleben ging sie einen Dreck an. Aoife grub die Fingernägel in ihre Handflächen, spannte den Kiefer an und reckte das Kinn. Das würde sie nicht auf sich sitzen lassen.
»Das ist Slutshaming. Das ist Ihnen klar, oder?«
Es amüsierte Wanda, dass Aoife es nicht leugnete. Aoife erkannte keinen Grund dazu, obwohl Wandas Vermutung falsch war. Dass sie aus dem Gefängnis entlassen worden war, sprach für sich. Sie musste sich nicht dafür rechtfertigen – und genauso wenig dafür, mit wem sie Sex hatte.
Unbekümmert zuckte Wanda die Achseln. »Das macht den Verdacht nicht weniger gerechtfertigt.«
Hitze schoss in Aoifes Wangen. Sie riss den Mund auf, wollte ihr die Meinung geigen …
Wanda lächelte sie an. Sie lächelte Aoife an, als wäre diese ein naives, kleines Kind. Das brachte sie aus dem Konzept.
Im nächsten Moment lachte die Fraktionsleiterin laut auf. »Sie denken nicht, dass Sie hier etwas zu melden hätten, oder?«, spottete sie und setzte sich wieder in Bewegung.
Aoife ballte ihre Fäuste fester, bevor sie sie entspannte und ihren Groll runterschluckte. In dieser Situation hätte es keinen Sinn gehabt, Wanda zu provozieren. Ihr Moment würde kommen, dessen war sich Aoife sicher. Bis dahin beließ sie es dabei, die Schultern zu straffen und der Frau mit selbstbewusster Miene zu folgen.
Gemeinsam betraten sie den Aufzug, der laut Schild fünfhundert Kilogramm trug, aber keinesfalls mehr als zwei Leute mit durchschnittlichen Abstandsbedürfnissen beherbergen konnte. Aoifes Kehle schnürte sich beim Anblick der schmalen, silbernen Kammer zu. Ihr einziger Lichtblick war, dass Wanda den Knopf in den zweiten Stock drückte.
Rückwärts schob sie sich in den Fahrstuhl und ließ sich von der Duftwolke ihrer Vorgesetzten einhüllen – Orange und Sonnencreme. Die Tür vor ihnen schloss sich, und der Aufzug hob ab. Mit einem Ruckeln brachte er die beiden Frauen in die Höhe.
»Was habe ich noch verpasst?«, erkundigte sich Aoife tonlos.
»Genug.«
Na toll, dachte Aoife. Sie wollte Wanda schnellstmöglich loswerden.
»Es mangelt massiv an Fachpersonal.«
»Wunderbar«, rutschte es Aoife sarkastisch raus.
Unbeirrt setzte Wanda ihre Schilderung der Situation fort. »Durch die Umstrukturierung wird medizinisches Personal herangezogen, einige Proben zu nehmen und Untersuchungen an Mutanten durchzuführen. Die Forschungsgruppe 1 wertet nur noch aus und nutzt die Ergebnisse zum Unterstützen des Sicherheits- und Gesundheitsministeriums.«
Aoife lenkte ihren Blick zur Seite, auf die leuchtenden Knöpfe mit den Stockwerksnummern. Sie hoffte so, ihren erleichterten Gesichtsausdruck zu verstecken. Seit dem Unfall hasste sie die Arbeit mit Mutanten. Im Gefängnis hatte sie sie zitternd und bangend ertragen, weil sie unausweichlich war. Dass ihr das erspart blieb, ließ regelrecht einen Felsbrocken von ihr abfallen.
Wanda räusperte sich und holte sich auf diese Art Aoifes Aufmerksamkeit zurück. »Über die daraus resultierende Knappheit an medizinischem Personal reden wir hier nicht. Das geht uns nichts an.«
Ironisch, dachte Aoife, entschied sich allerdings dagegen, auf dem letzten Satz rumzureiten. Wie Wanda gezeigt hatte, mischte sie sich doch so gern in Dinge ein, die sie nichts angingen.
»Verstehe.«
Aoife verstand ebenfalls, was der Grund für das Schweigen war: Lazarus hatte Zoff mit der Gesundheitsministerin. Es gab einen ausführlichen Epidemie-Plan, der Strategien zur Beschaffung zusätzlichen Personals beinhaltete. Dieser konnte zumindest teilweise auf die Mutantenkrise angewandt werden. Lazarus und Ministerin Hayes-Costley mussten ziemlichen Mist ausgehandelt haben, wenn ihnen trotzdem die Leute ausgingen.
Der Fahrstuhl hielt an, und die beiden Wissenschaftlerinnen traten in einen schmalen, sterilen Gang. Weiße Fliesen, weiße Wände, weiche Beleuchtung.
»Weil die Genetik und die Infektiologie bei der Forschung an Mutanten als Erste zum Zug kommen, ist das mit der Probenentnahme bei uns ein bisschen schwieriger«, fuhr Wanda fort und winkte Aoife mit. »Wir können die Pflegerinnen, Pfleger, Ärztinnen und Ärzte nicht einfach in ein S4*-Labor stecken.«
Ach? Können Sie nicht?, lag es Aoife auf der Zunge. Im Gefängnis war unqualifiziertes Personal kein Problem.
Bevor Aoife nur erwägen konnte, Wanda ihre zynischen Gedanken an den Kopf zu werfen, stoppte diese.
»Hier wären wir auch schon. Fast direkt am Aufzug. Sie Glückliche«, meinte sie leidenschaftslos, wobei sie ihre Hand auf einer Klinke platzierte.
Erst da fiel Aoife das Schild auf, das neben der Tür aus Birkenholz hing: ›Aoife Aubert‹,das war alles, was darauf stand. Mehr brauchte es nicht. Das ganze Land kannte ihren Namen und wusste sie zuzuordnen.
Mit ihrem Fingerabdruck sperrte Wanda auf und ermöglichte Aoife einen ersten Blick auf ihren neuen Arbeitsplatz. Zum Vorschein kam ein freundlicher Raum. Er hatte eine gute Größe; war nicht einengend, erforderte aber effiziente Platznutzung. Durch ein ausladendes Fenster mit Sicht auf einen Park fiel Sonnenlicht herein. Links von der Tür stand eine Reihe Schränke, rechts ein L-förmiger Schreibtisch mit drei Monitoren darauf. Daneben lag ein niedriger Stapel verschiedenster Dokumente.
Am meisten fiel ihr der Rahmen auf, der an der Wand hing. Darin enthalten war wie üblich ein Auszug aus dem Arbeitsvertrag. Er beinhaltete die Passage, in der man sich dazu verpflichtete, der Menschheit zuliebe den bestmöglichen Beitrag zur Wissenschaft zu leisten.
›Ich versichere, meine Forschung stets mit bestem Wissen und Gewissen durchzuführen. Sämtliche meiner Handlungen dienen dem Wohl der Menschheit. Alles, woran ich arbeite, und alles, zu dem ich beitrage, achtet stets die Grundrechte eines jeden Menschen. Beobachte ich den Missbrauch von Wissenschaft, so setze ich mich aktiv dagegen ein.‹
Alles, zu dem ich beitrage, wiederholte Aoife in Gedanken. Erst jetzt fiel ihr die offenkundige Lüge in diesen Worten auf. Man konnte nicht für die Regierung arbeiten, ohne sie zu unterstützen – und die Regierung hatte nicht das beste Verhältnis zu den menschlichen Grundrechten.
Aoife glaubte gar nicht, dass Lazarus diese Falschaussage aus reiner Unverschämtheit dort platziert hatte. Eher war es ein Versuch, die Wissenschaft für sich allein zu betrachten. Sie von der Politik zu trennen, das hatte er stets versucht.
Er, dessen Partei ihren Wahlkampf auf der Bedeutung von Wissenschaft aufgebaut hatte.
Er, in dessen Hand es lag, ob sie die Mutanten überwinden konnten oder von ihrem Schöpfer zerstört würden.
Wissenschaft war nicht unpolitisch. Nichts war je unpolitisch, das verstand Aoife inzwischen.
Mit einem Klicken schloss Wanda die Tür hinter ihnen und erläuterte dort weiter, wo sie aufgehört hatte. »Im Fall unserer und der Infektiologie-Fraktion ist es so, dass es zur Probenentnahme Hilfsgruppen gibt. Diese sind offiziell Teil der Forschungsgruppe 1, aber das ist eher, damit die Mitglieder was Hübsches auf ihrer Praktikumsbescheinigung stehen haben. Die Hilfsgruppe der Hauptstadt umfasst fünfzig Studierende aus biologischen Fächern und fürs Labor Ausgebildete, die keinen wissenschaftlichen Beruf ergriffen haben. Diese arbeiten in verschiedenen Stundenausmaßen im S4*-Labor und nehmen die Proben von den Mutanten, die wir brauchen.«
Das klang für Aoife nach einer erstaunlich guten Lösung, verglichen mit dem, was sie bisher gehört hatte. Vorausgesetzt natürlich, die Umsetzung gelang entsprechend gut.
Wanda holte tief Luft und verkündete mit gespieltem Elan: »Sie sind ab jetzt die Leiterin dieser Gruppe.«
Aoife fuhr herum. »Ich?!«
»Ja.«
Sie zeigte auf sich selbst, um erneut Bestätigung einzuholen.
Wanda nickte. »Alle anderen interessiert die Arbeit mit der Hilfsgruppe nicht … Außerdem sind Sie eher jung und können vielleicht einen besseren Draht zu den Helfenden aufbauen.«
Sie hörte deutlich heraus, dass ihre Vorgesetzte das Letzte nachgeschoben hatte, damit die Begründung gut klang. War ihr egal. So schlimm konnte die Arbeit nicht sein.
»Gut. Wer hat die Gruppe bisher geleitet?«
»Niemand. Die Helfenden haben gerade eine fünfwöchige Einschulung ins Labor hinter sich gebracht, die der Minister und ich überwacht haben. Die Arbeit beginnt heute.«
Aoife nickte aufmerksam.
Nahezu anschuldigend deutete Wanda auf sie. »Sie werden die Helfenden engmaschig betreuen. Da nicht alle zur selben Zeit können, müssen Sie viel Zeit im Labor verbringen. Außerdem sind Sie dafür zuständig, die Schichten der Helfenden einzuteilen und ihnen Aufgaben zuzuweisen.«
Am liebsten hätte sie gefragt, ob das ein schlechter Witz war. Das würde ein verdammter Haufen Arbeit sein und hatte mit der Forschung, für die man eigentlich in der FG 1 war, wenig zu tun. Wenigstens konnte Aoife auf diese Weise Wanda meiden.
»Falls es Sie interessiert, ein ähnliches System ist in den Krankenhäusern bereits erfolgreich im Einsatz, um eine Überlastung zu verhindern«, sagte diese. »Der Minister erwartet denselben Erfolg bei der Hilfsgruppe.«
Toll. Baut gar keinen Druck auf.
»Ich werde den Minister nicht enttäuschen«, versprach Aoife – mehr sich selbst als allen anderen. Das Letzte, was sie wollte, war, wegen eines Fehlers in Lazarus’ Büro gebeten zu werden. »Was muss ich noch wissen? Hat man eine Erklärung, wie es zu dermaßen vielen Mutanten kommen kann?«
Sie hatte am Vorabend recherchiert und herausgefunden, dass deutlich mehr Mutanten aufgetaucht als Menschen in den letzten Jahren verschwunden waren. Das entkräftete einen Teil dessen, was man bisher über das Vorgehen ihres Schöpfers angenommen hatte.
Bisher war man davon ausgegangen, dass die Menschen entführt wurden, um sie als Mutanten „zurückkehren“ zu lassen. Zu Mutanten zu machen – oder eher es so aussehen zu lassen. In den Augen des Wissenschaftsministeriums war die Verwandlung in einen Mutanten Unfug. Die DNA der Opfer musste die Grundlage für gentechnisch veränderte Menschenklone bilden. Nur gelang es der Regierung nicht, die Menschen davon zu überzeugen.
Dennoch empfand Aoife es als Problem, dass mehr Mutanten auftauchten, als Menschen verschwanden. Zwar hatte sich gezeigt, dass die Biester auch die DNA anderer Menschen enthielten – zum Beispiel die von Soldaten, die im Krieg vermisst gemeldet worden waren. Trotzdem bestand die reale Möglichkeit, dass dem Schöpfer der Mutanten die Vorlagen ausgingen.
Das war unerwartet. Es passte nicht zu der Taktik, die Aoife vom Feind angenommen hatte. Und genau darin bestand das Problem. Dieser Umstand war ein Rückschritt, sowohl für die Forschung als auch die Suche nach dem Schuldigen.
Wanda Kenoni stieß ein tiefes, ehrliches Seufzen aus. »Es gibt keine Hoffnung, dass wir in nächster Zeit irgendwas herausfinden. Der Geheimdienst steht an, weil er im Inland niemanden findet, der sich die Produktion so vieler Mutanten leisten kann. Auch fehlen Aufzeichnungen verdächtiger Ausgaben, Bestellungen, zu hohen Stromverbrauchs oder sonst etwas. Man vermutet, die Mutantenproduktion wird immer billiger durch steigende Effizienz, und weil die benötigten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wohl ehrenamtlich tätig sind. Außerdem geht man von Sponsoren im Ausland aus. Beweisen konnte man Derartiges bisher nicht und der Nachweis wird immer schwieriger. Das ist der wirtschaftliche Aspekt.«
Aoifes Brust wurde eng. Das war miserabel!
»Der wissenschaftliche Aspekt … Viele Mutanten, die dieses Jahr aufgetreten sind, passen zu niemandem in unserer Datenbank. Anfangs haben wir vermutet, ein Mensch könnte mehrmals geklont worden sein. Das Programm zum Genvergleich entfernt Menschen, die bereits einmal im Stammbaum eines Mutanten vorgekommen sind, automatisch aus der Menge der Verdächtigen.«
»Das ergäbe keinen Sinn«, warf Aoife ein. »Bei Zwillingen unter den Mutanten würde nicht länger der Anschein erweckt, die Mutanten seien … mutierte Menschen; entführte Systemkritiker oder Soldaten, die wissenschaftlichen Kriegsexperimenten zum Opfer fielen. Und dann wären sie weniger furchteinflößend und würden ihren Zweck verfehlen.«
Ihre Vorgesetzte stemmte die Hände in die Hüften. »Danke, Frau Aubert, das ist uns natürlich nicht aufgefallen. Was haben wir für ein Glück, Sie bei uns zu wissen.«
In Aoife brannte das Verlangen, die Frau auf ihre ungehobelte Art anzusprechen, aber das hätte sie nirgends hingebracht. Deshalb lauschte sie weiter. Den brennenden Zorn auf sie würde sie später in Arbeitskraft umwandeln.
»Dementsprechend schnell hat sich herausgestellt, dass es nicht daran liegt. Die Änderung des Verdächtigenpools hat uns auf etwas anderes aufmerksam gemacht: Die auffälligen Mutanten stammen von mehreren Menschen ab. Wer auch immer die Mutanten erschafft, recycelt neuerdings die Vorlagen-Genome. Der Minister hat diese Erkenntnis in seiner letzten Pressekonferenz bereits verkündet.«
Dann war das länger so? Das verwunderte Aoife. Die Mutanten, an denen sie im Gefängnis gearbeitet hatte, waren immer identifizierbar gewesen. Andererseits hatten diese paar Exemplare unmöglich eine repräsentative Stichprobe abgegeben.
»… Auswertungen des Geheimdienstes zufolge glaubt das aber niemand so recht«, beendete Wanda die Erzählung.
Aoife kaufte ihr das nicht ganz ab. Woher sollte Wanda das wissen? Sie bezweifelte, dass die Regierung diese Ergebnisse offenlegte.
Trotzdem nickte sie. »Danke.«
Aggressiv winkte ihre Vorgesetzte ab, damit sie wegen gelogener Floskeln nicht wertvolle Zeit verloren. »Jedenfalls wird Ihre zweite Aufgabe sein, herauszufinden, ob sich in den Genomen der Misch-Mutanten bestimmte Genabschnitte oder Genkombinationen wiederholen und wie sich diese auswirken. Daraus sollen Sie auf die Intention des Schöpfers der Mutanten schließen.«
Intention? Das klang ungewohnt geisteswissenschaftlich für Aoife, aber es erschien ihr sinnvoll. Die Regierung stufte die Mutanten als Biowaffe ein. Bei Waffen musste immer bedacht werden, was jene beabsichtigten, die sie herstellten.
»Wenn Sie wissen, was ihm oder ihr an diesen Monstern wichtig ist«, fuhr Wanda fort, »können Sie Prognosen über zukünftige Generationen von Mutanten treffen. Vielleicht sind wir diesen Arschlöchern dann endlich einen Schritt voraus.«
Aoife sog scharf die Luft ein. Sie müsste sich durch ein Meer aus Informationen ackern und stapelweise Berichte schreiben. Zusätzlich zur Arbeit mit der Unterstützungsgruppe war das unmöglich zu stemmen. Beide Aufgaben waren ein Sechzig-Stunden-Job für sich.
»Schauen Sie nicht so!«, schimpfte Wanda und grinste schadenfroh. »Daran wird sich nichts mehr ändern. Der Minister hat dem zugestimmt.«
Aoife schnaubte. Danke, Lazarus.
Sie wäre wütend geworden, hätte sie es nicht für Energieverschwendung gehalten, sich über ihn und seine Ideen aufzuregen. Die Worte ihrer Vorgesetzten waren wahr: Aoife konnte nichts ändern. Nichtsdestotrotz kochte ihr Blut bei der Überlegung, ob alles über ihren Kopf hinweg entschieden werden würde. Sie war zwar nicht frei, aber wenn sie gute Arbeit leisten sollte, brauchte sie ein Mitspracherecht.
Letztendlich atmete sie tief durch und setzte ein gekünsteltes Lächeln auf. »Ich freue mich sehr über diese Aufgaben und das Vertrauen, das Sie mir entgegenbringen. Ich werde Sie nicht enttäuschen.«
»Wir werden sehen.«
Aoife presste die Zähne aufeinander. Ich werde es Ihnen zeigen.
Die Frau ignorierte ihren offensichtlichen Groll getrost. »Die Besprechungen der Forschungsgruppe 1 finden normalerweise dienstags um vierzehn Uhr im Konferenzraum eins statt. Die der Genetik-Fraktion donnerstags, selbe Uhrzeit, selber Raum«, informierte sie sie.
»In Ordnung. Danke.«
»Alle Informationen, die Sie zum Arbeiten brauchen, lasse ich Ihnen sofort zukommen. Melden Sie sich bei Fragen.«
Calliopes eindringliche Warnung vor dämmerungsaktiven Mutanten tauchte in Aoifes Kopf auf. In den Medien hatte sie wenig dazu gefunden. Aber sie wollte sich nicht bei Wanda danach erkundigen. Sie hatte diese Frau lange genug ertragen. Aoife war sicher, ihr würde eines Tages ein Verhaltensgenetiker über den Weg laufen, den sie darüber ausfragen konnte. Oder, wenn es sein musste, ein Neuroethologe. Allerdings würde sie die Fraktion der Neurobiologen meiden. Sie vermutete, Lazarus verbrachte dort besonders viel Zeit.
Erneut rang sie sich einen freundlichen Gesichtsausdruck ab. »Vielen Dank für die detaillierte Einführung.«
Das ließ ihre Vorgesetzte die Nase rümpfen. »Wiedersehen, Frau Aubert.«
Im nächsten Augenblick war sie zur Bürotür raus und schloss diese hinter sich. Das bedeutete für Aoife, die Arbeit konnte beginnen.
Kapitel 3
1 Tag seit der Entlassung
Die Sekretärin lächelte Aoife offen an. »Sie können rein.«
Diese nickte mit aufeinandergepressten Lippen. Sie wollte sich bedanken, doch es blieb in ihrer Kehle stecken. Hoffentlich würde sie vor der Präsidentin nicht auch versagen. Um eine Privataudienz zu bitten, diese am selben Tag zu bekommen und dann kein Wort rauszubringen, wäre eine solche Blamage!
Netterweise öffnete die Sekretärin die Tür für sie, sodass Aoife vorerst nichts weiter tun musste, als auf den wackligen Knien bis zum Schreibtisch der Präsidentin zu gehen. Nur rechnete sie nicht mit der Größe von Quinns Büro.
Aoife hatte den Eindruck, die Decke würde im Himmel verschwinden. Gleichzeitig stach ihr die Deckenmalerei im Stil der Neorenaissance ins Auge: eine Frau in einem schlichten Kleid, Engel, Wolken. Von ihnen baumelten filigrane Leuchten, deren Licht sich im glänzenden Marmorboden spiegelte. Die Wände des Zimmers waren gesäumt mit Regalen, in denen sich ein wertvolles Buch an das nächste reihte. Dieser opulente Raum gehörte einer einzigen Person – und sie füllte ihn zur Gänze aus.
Von ihrem Schreibtisch aus nickte Quinn Aoife zu. »Guten Tag, Frau Aubert, bitte setzen Sie sich.« Sie deutete auf den Gästestuhl, der ein Dutzend große Schritte entfernt war.
Ein Knall hinter Aoife ließ sie zusammenzucken. Die Sekretärin hatte die Tür geschlossen, jetzt war sie mit Quinn allein. In diesem Moment gelang ihr nichts anderes, als die Präsidentin anzublinzeln, als wäre sie ein fremdartiges Wesen.
Diese lehnte sich in ihrem Schreibtischstuhl zurück und faltete die Hände vor dem Bauch. »Frau Aubert, ich verstehe Ihre Nervosität, aber ich habe wie vereinbart nur zehn Minuten Zeit. Womit kann ich Ihnen helfen? Ist etwas vorgefallen?«
»Verzeihen Sie«, stammelte sie. Endlich gelang es ihr, sich aus ihrer Starre zu lösen. Sie lief nahezu auf den Stuhl zu und setzte sich. »Guten Tag und danke, dass Sie mich so kurzfristig empfangen. Nichts ist vorgefallen, alles bestens.«
Quinn runzelte die Stirn, was Aoifes Puls in die Höhe schießen ließ. Unbewusst klammerte sie sich an ihre Handtasche, die sie sich vor den Oberkörper geschoben hatte. Sie war sicher, sofort rausgeworfen zu werden, weil sie Quinns Zeit verschwendete.
Doch die Miene der Präsidentin wurde mild. »Schön zu hören. Was brauchen Sie dann?«
Ein erleichtertes Seufzen entfuhr ihr und brachte Quinn zum Schmunzeln. Es war schmeichelhaft, die sture, stolze Aoife Aubert, die sogar Lazarus angefaucht hatte, derart eingeschüchtert zu erleben. Dazu war sie zwar nicht Präsidentin geworden, aber sie empfand es als netten Nebeneffekt.
»Sie meinten, ich solle meine Adresse bekannt geben, sobald ich einen Ort habe, an dem ich länger verweile. Ich weiß, die Fußfessel überträgt sowieso meinen Standort, und ganz klar beobachtet mich der Geheimdienst. Trotzdem dachte ich mir, ich gehe dazu zu Ihnen. Nach der Sache mit der Frau in der Einzelhaft weiß ich schließlich nicht, wem Sie vertrauen. Auch zu meiner Sicherheit. Ich möchte es mir sparen, dass jemand von der Opposition bei mir aufkreuzt.« Sie schluckte schwer. »Ich hoffe, das ist in Ordnung.«
»Natürlich ist es das. Ich respektiere Ihre Sorge.« Quinn lächelte verständnisvoll. »Ich werde Ihre Adresse handschriftlich notieren und den Zettel sicher aufbewahren. Wie lautet sie?«
Aoifes verkrampfte Finger lösten sich langsam von ihrer Handtasche. Fragend blickte sie Quinn an und erwartete, Stift und Papier gereicht zu bekommen. Nichts dergleichen geschah. Fürs Erste würde sich die Präsidentin die Daten auswendig merken. Also nannte Aoife ihr Straße, Haus- und Wohnungsnummer sowie die Postleitzahl. Im Anschluss erklärte sie die Situation mit Calliope.
Quinn nickte. »Verstehe. Was ist mit Ihrer alten Wohnung? Werden Sie diese nicht beziehen?«
Diese Frage versetzte ihr einen Stich im Herzen. Quinn hatte keine Ahnung, wie sehr sich Aoife nach ihrem Zuhause sehnte!
»Sie ist vermietet und die Situation ist … kompliziert. Ich kann nicht einfach zurück.«
»Oh …« Sie hob die Brauen an. »In dem Fall wäre es sinnvoll, die eingemieteten Personen über die Gefahr durch die Opposition zu informieren, oder? Wenn die Opposition nach Ihnen sucht, dann dort.«
Aoifes Kehle trocknete aus. Sie konnte nicht glauben, dass sie für diese völlig fremde Familie eine Gefahr darstellte, ohne etwas getan zu haben.
»Ja«, krächzte sie. »Das wäre es.«
»Ich prüfe nach, wer dort wohnt, und garantiere der Familie vollständigen Schutz, sofern sie das Vorkommnis unverzüglich meldet.« Quinn packte von einem Stapel Klebenotizen die oberste, um das aufzuschreiben. Im selben Zug vermerkte sie Aoifes Adresse und versenkte den Zettel in der Tasche ihres Blazers.
Diese freundliche Geste ließ Aoifes Herz höherschlagen, obwohl sie sie nicht betraf. Es tat gut zu sehen, wie die Regierung etwas für die Menschen unternahm.
»Danke«, sagte Aoife.
Quinn machte eine wegwerfende Geste. »Nicht der Rede wert. War das alles?«
»Das war alles.«
»Wunderbar.« Zu Aoifes Überraschung stand sie auf und reichte ihr die Hand. Das hatte sie noch nie getan. »Auf Wiedersehen, Frau Aubert.«
Perplex erwiderte Aoife die Geste. »Auf Wiedersehen und vielen Dank erneut.«
Sie hängte sich die Tasche über die Schulter, drehte sich um und bewegte sich auf den Ausgang zu. Dieses Mal öffnete sie die Tür selbst –
Und erstarrte.
Keinen Meter davor stand Lazarus. Den ganzen Tag war es ihr gelungen, einer Begegnung mit ihm auszuweichen, nun befand er sich hier, im Vorzimmer des Büros, näher als sie ertragen konnte. Er versperrte Aoife den Weg, jedoch unabsichtlich. Er war selbst unfähig, sich zu rühren.
Die Kälte kroch aus ihren Knochen bis in ihre Fingerspitzen. Instinktiv fummelte sie an den Ärmeln ihrer Bluse herum und versuchte, sie sich über die Hände zu ziehen. Dabei schob sie die Handtasche wieder vor ihren Körper. Das Bild sprach für sich.
Greyson, der neben Lazarus stand, packte seinen Kollegen am Ärmel und zog ihn von der Tür weg. Aoife hielt den Atem an. Es war Zeit, sich zu bewegen, zu verschwinden. Aber es gelang nicht. Sie konnte sich nicht aus ihrer Starre befreien.
Stattdessen musterte sie den Blick, den Greyson Lazarus zuwarf. Die Fältchen um seine Augen wurden tiefer, und unter seinem schwarzgrau gefleckten Dreitagebart konnte sie seine Grübchen erahnen. Alter, reiß dich zusammen, hätte er zu Lazarus gesagt, wäre sonst niemand anwesend gewesen. Aoife wusste das. Sie konnte nahezu das Lachen hören, das er zurückhielt.
Der Sicherheitsminister war eine genauso respekteinflößende Person wie Lazarus. Zwar sah man ihm die sechzig Jahre an, und seine ungewöhnlich junggebliebene Ausdrucksweise verführte dazu, ihn als lockeren Menschen einzustufen. Doch er war breit, muskulös und sein goldenes Gesicht, obwohl es keine Narben hatte, von den Grauen des Krieges gekennzeichnet.
Blitzschnell zog Aoife die Tür hinter sich zu. Der Knall ließ Lazarus neben ihr zusammenfahren und Greyson auflachen. Sie stolperte einen Schritt vor; wollte schnellstmöglich verschwinden. Das wäre ein schwerer Fehler gewesen. Deshalb trat sie nur einen Meter zurück.
»Guten Tag«, begrüßte sie die beiden.
Ihr Blick war auf den Sicherheitsminister gerichtet. Von Lazarus erlaubte sie maximal seine Schulter in ihrem Sichtfeld. Dennoch bemerkte sie, dass er einen neuen Anzug trug. Einen, der saß und nicht deutlich zu locker war.
»Guten Tag«, antwortete Greyson glockenhell. Diese Begegnung bereitete ihm für Aoifes Empfinden viel zu viel Freude.
Lazarus hingegen hüllte sich in Schweigen und erregte damit doch ihre Aufmerksamkeit. Sie fragte sich, ob er sie ignorierte, und sah zu ihm, nur kurz. Zumindest nahm sie sich das vor.
Ihr Blick blieb an ihm hängen. All die Zeit hatte er sie betrachtet wie beim ersten Mal. Nur düsterer. Er wirkte … verloren. Als hätte er verlernt, er zu sein.
Ihre Augen trafen einander für einen flüchtigen Augenblick. Zu kurz für Aoife, um aus ihnen zu lesen.
Dann regte er sich. Er sah an ihr vorbei zur Bürotür und hob leicht die Brauen. Im Anschluss fixierte er wieder Aoife. Das war alles. Sie verstand darin, die Erlaubnis zu verschwinden.
Sie wandte sich zum Gehen, setzte den ersten Schritt – da machte ihr Greyson einen Strich durch die Rechnung.
»Wie schön, Sie zu sehen, Frau Aubert.«
Shit, fluchte sie innerlich und befahl sich, anzuhalten. Mit zitternden Knien drehte sie sich um.
»Es freut mich auch sehr«, log sie unbeholfen. Sie hatte keine Zeit gehabt, sich eine vernünftige Antwort zu überlegen.
Der Minister beugte den Oberkörper in ihre Richtung. Ein schiefes Grinsen nahm seine Lippen ein. »Na? Haben Sie sich schon an die Umstellung gewöhnt?«
Er bemühte sich nicht einmal zu verstecken, worauf er abzielte: Er wollte Aoife quälen. Und selbstverständlich wollte er Lazarus ärgern.
Aoife suchte nach etwas, das sie auf diese offensichtliche Provokation erwidern konnte, während Lazarus danebenstand und beobachtete. Er griff nicht ein. Er ging auch nicht.
Wieso?
