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»Wir müssen sie stoppen, bevor sie das Empire zu Grunde richtet.« Gilaen steht am Abgrund. Das neue Zeitalter ist hereingebrochen - doch anders, als erwartet. Rheias Jünger haben ihre neuen Machtpositionen ausgenutzt, um die Welt ins Chaos zu stürzen. Auf ihrer Suche nach einer Möglichkeit, die vergessenen Gottheiten doch noch aus dem Gefängnis zu befreien, schrecken sie vor nichts zurück. Der Krieg scheint unausweichlich. Gejagt für Verbrechen, die sie nicht begangen hat und erschüttert von Verlusten, findet sich die Crew der Storm Rider erneut im Auge des Sturms wieder. Die Suche nach Antworten und der Wunsch nach Vergeltung führen sie von den verschneiten Straßen Arcticas über eine piratenverseuchte Insel bis in den Kaiserpalast. Dabei sind ihnen ihre Gegner immer einen Schritt voraus, denn die Gefahr, die sie für gebannt hielten, lauert noch immer im Schatten - bereit für den nächsten Schlag.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Content Notes
Buch 2 der Crimson-TrilogieAncient Wrath
Tanya HartgersFür Evelyn und Fred
Ihr fehlt.
Inhaltsverzeichnis
WELTKARTE
GLOSSAR
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Interlude
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
Kapitel 68
Kapitel 69
Kapitel 70
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Glossar
Aestra – der Sommer, weiblich
Ancients – alternative Bezeichung für die Sieben
Ewige Fünfzehn – Führungsrat des Crimson Ordens
Galvar – Weltenfresser
Gilae – Urgöttin, Namensgeberin Gilaens. Sie starb beim Kampf gegen die Weltenfresser
Gilaen – Name der Welt
Gilaens Champions – vierzehn legendäre Heldinnen und Helden, die in den ersten zwei Jahrhunderten nach dem Rückzug der Ancients lebten. Historiker zweifeln die Existenz einzelner Helden an, deren Geschichte sich regional unterscheidet
Gilaes Garten – Reich der Toten
Leere, die – Zwischenwelt, in der Sündende nach ihrem Tod enden
Lumae – großer Mond
Magus-Kollektiv – Zusammenschluss von Magiebegabten, die Regelungen für die Community aufstellen und zusehen, dass diese eingehalten werden
Meos – kleiner Mond
Mevies – der Herbst, Mutter der Nymphen und Dryaden
n.d.R. – nach dem Rückzug; kenntzeichnet die Zeitrechnung nach dem Rückzug der Ancients
Pixie-Network – Kommunikationsnetzwerk, das von Pixies betrieben wird. Die feenartigen Wesen überbringen kurze Nachrichten, Bilder und dergleichen
Schattenmarkt – Kommunikationsgerät
Schnatterbox – Kommunikationsgerät
Schwesternschaft von Ta’Mir – lebt auf der namengebenden Insel und beschützt das Orakel
Schicksalsweberinnen, die – mystische Wesen, welche die Fäden des Schicksals spinnen und bewachen
Spirea – der Frühling, Mutter der Nymphen und Dryaden
Valgar – Weltenfresser
Veturix – der Winter, männlich
Weltenfresser, die – zwei mächtige Monster, gegen welche die Ancients kämpfen
Die Sieben
Gilaens Götterpantheon. Die Ancients kämpften an der Seite von Gilae gegen die Weltenfresser. Sie formten Gilaen nach ihren Vorstellungen. Vor Siebentausenden Jahren zogen sie sich aus dem Weltgeschehen zurück.Norox – Todesgott, König der Unterwelt, Schöpfer der Nacht, Lord der Schatten, Gott des Chaos, Hüter der Dunkelheit
Viseria – Herrin der Wälder, Mutter der Jahreszeiten, Patronin der Jagd, Wächterin der Natur, Göttin der Heilung
Molios – Gott des Glücks, Schicksalsgott, Schöpfer der Schicksalsweberinnen, Reichtum, Patron der Piraten, Schurken und Glückspieler
Pallux – Kriegsgott, Schutzpatron von Soldaten, Vater der ersten Valkyrien
Aestia – Feuergöttin, Schöpferin von Drachen, Wyvern und Reptilien, Schutzpatronin der Schmiedekunst
Vexus – Gott der schönen Künste, Gott der Liebe und Leidenschaft, Meister der Verführung, Geliebter der Musen, Vater der Dryaden und Nymphen
Lexia – Wächterin der Wahrheit und Gerechtigkeit, Patronin der Priester und Richter, Göttin der Weissagungen, Schutzherrin der Ehe, Sonnengöttin
Regierungsoberhäupter
Tiberius Atticus – Präsident von Tougny
Königin Evelina – Regentin der Summer Isle
König Valens – Regent von Kyvelion
Edyth Thorebourne – kaiserliche Beraterin
Dagbert Brandywood – Bürgermeister von Nova Ara
Elsje Sandström – Jarl in Arctica
Kaiserfamilie des Dracalian Empire
Kaiserin Amara VI. – im Vorjahr gestorben, eine Gestaltenwandlerin sitzt an ihrer Stelle auf dem Thron
† Prinz Otàvio – erster Ehemann von Amara
– † Prinzessin Xenia – wurde ermordet
– Prinz Alaric – im Exil
– Prinz Ruan – amtierender Kronprinz
– Prinz Kaleb
Prinz Dewa– Prinzgemahl von Amara
– Prinzessin Kimber
– Prinz Cosimo
– Prinzessin Cosima
Andere
General Jerome Bane – ehemaliger militärischer Berater der Kaiserin und Ex-Kommandant von Rex und Bobbie
Kaede Bautista– Diplomatin der Schwesternschaft von Ta`Mir; Maes Mutter
Elna Hawthorne – Rex‘ Schwester
Nox – ein Schmuggler
Was mit drei begann, muss mit drei enden.
Unbekannt – 7.000 n.d.R.
01
Aspen
Blut tropfte von den feingliedrigen Fingern auf den abgenutzten Dielenboden.
Aspen blinzelte.
Die Umgebung verschwamm vor ihren Augen. In einem mannshohen Spiegel, der auf der anderen Seite des Raums stand, grinste ihr Spiegelbild sie selbstzufrieden an. Die hochgezogenen Mundwinkel passten nicht zu ihrer Verwirrtheit und der beklemmenden Angst, die ihr die Luft abschnürte. Strähnig hingen ihr die blonden Haare ins Gesicht, die Wangen waren eingefallen. Unter ihren Augen hoben sich dunkle Ringe von der blassweißen Haut ab. Sie sah aus, als hätte sie seit Tagen nicht geschlafen. Der Gedanke war nicht weit von der Wahrheit entfernt, denn seit dem Kampf in Aestias Schmiede ging es ihr nicht gut. Nachts erwachte sie schweißgebadet oder fand sich an fremden Orten wieder, von denen sie nicht wusste, wie sie dort hingekommen war.
Ihre Umrisse flackerten und es kam ihr vor, als würde ihr Gesicht, mit dem ihrer Mutter verschmelzen. Aspen griff sich an die pochende Schläfe und stockte. An ihren Händen klebte Blut, es lief an ihren Armen hinab und hinterließ rote Spuren.
Verstört wich Aspen vor dem eigenen Spiegelbild zurück und stolperte dabei über die leblose Gestalt am Boden, die sie bisher nicht bemerkt hatte. Dass sie barfuß war, fiel ihr erst auf, als sie durch die warme Blutlache schlitterte. Ein stechender Schmerz schoss ihr Steißbein empor, als sie auf den Boden krachte.
»Bobbie?« Auf den Knien rutschte Aspen zu der auf der Seite liegenden Frau, deren Gesicht von lockigem Haar verdeckt wurde. Behutsam drehte sie Bobbie auf den Rücken. Ihre goldbraune Haut war blass und kalt. Ein Dolch steckte in ihrem Bauch. Ihr Dolch – wie Aspen mit Schrecken feststellte. Vor ihrem inneren Auge flackerten zusammenhangslose Bilder. Schreckensgeweitete graue Augen, in denen ein Sturm tobte. Verrat und Unverständnis. Bobbies unausgesprochene Frage nach dem Warum.
Warum?
Ekelerregende Schadenfreude, die sie sich nicht erklären konnte, befiel Aspen. Ein gehässiges Lachen entwich ihr. Erschrocken hielt sie sich die Hand vor den Mund.
In ihrem rechten Ohr erklang ein schriller Pfeifton. Panik schnürte ihr die Luft ab. In ihrer Verzweiflung schloss sie die Augen und versuchte, sich auf ihre Atmung zu konzentrieren. Genauso so, wie Mae es ihr beim Meditieren beigebracht hatte.
Ein.
Aus.
Das Ohrenpfeifen nahm zu.
Eine fremdartige Präsenz löste sich vom Rande ihres Bewusstseins und stürmte auf sie zu. Sie drang in sie ein und fraß sich durch ihren Geist. Stechender Schmerz explodierte hinter Aspens Stirn und blendete sie.
Grell und heiß.
Sie riss die Augen auf. Ihr Körper erzitterte. Statt auf dem Boden neben ihrer Cousine zu hocken, stand sie im Treppenhaus der Storm Rider. Taumelnd stieß sie gegen die Wand. Schweiß lief ihren Nacken hinab. Hektisch sog sie Luft in ihre Lungen.
Etwas war in ihr kaputt.
»Sei nicht albern, du bist nicht kaputt. Du bist perfekt, schließlich habe ich dich geschaffen«, erklang kristallklar Rheias Stimme. Aspen zuckte zusammen. Ihr Herzschlag setzte erst aus, nur um sich dann zu überschlagen. Angsterfüllt drehte sie sich um die eigene Achse und suchte die Umgebung nach der Ancient ab. Kampfbereit ballte sie ihre Hände zu Fäusten, obwohl sie wusste, dass sie der Göttin ohne Hilfe nicht gewachsen war.
Rheias amüsiertes Lachen hallte von den Wänden wider. Aspen benötige einen Moment, um zu realisieren, dass die Laute aus ihrem Mund kamen.
»So viel Kampfgeist«, lobte Rheia sie in ihrem Kopf. Sie klang dabei genauso, wie Aspen ihre Mutter in Erinnerung hatte. Sanft, liebevoll und nicht wie das Monster, das sie vor nicht einmal einer Woche in Aestias Schmiede bekämpft und besiegt hatten.
»Du bist tot!«
»Wie naiv ihr Sterblichen seid. Als wären Götter so leicht zu besiegen, tz. Meine Hülle wurde zerstört. Was nicht weiter schlimm ist, schließlich habe ich dich.«
»Hülle?«, hörte Aspen sich mit zittriger Stimme fragen. Hinter ihrer Stirn pochte es. Tränen sammelten sich in ihren Augenwinkeln. Sie schmeckte Salz auf der Oberlippe.
»Keine Zeit für Erklärungen. Beweg dich.«
Ohne ihr bewusstes Zutun setzte sie sich in Bewegung. Einen Schritt vor den anderen. Aspen krallte sich am Treppengeländer fest, doch ihre Beine bewegten sich weiter. Ihre Finger rutschten ab. Einige Fingernägel brachen tief ab. Ein blutiger Handabdruck blieb auf dem Holz zurück. Statt eines Hilferufs entfuhr ihr ein verschlucktes Gurgeln. Heiße Tränen liefen über ihr Gesicht. Mit jedem Schritt gewann Rheia weiter an Einfluss und Aspen besaß nicht die mentale Kraft, dagegen anzukämpfen.
02
Bobbie
Sie schwebte.
In der Ferne hörte sie Amadeus‘ ansteckendes Lachen. Sein Freudenlaut vermischte sich mit dem fröhlichen, wenn auch schiefen Summen ihrer Mutter.
Bobbie.
Die lockenden Stimmen klangen wie ein Chor aus verlorenen Familienmitgliedern und Freunden. Ihr Lied berührte sie tief. In dem Gesang lag das Versprechen nach der Ruhe, die sie verdient hatte.
Für die sie ihr Leben gegeben hatte.
Bobbie.
Rex rief nach ihr. Seine klamme Hand ruhte auf ihrem Gesicht. Etwas Feuchtes landete auf ihrer Wange. Sie hob die Hand und strich ins Leere.
Irritiert blinzelte sie.
Ihre Hand sowie ihr restlicher Körper waren transparent.
Die Umrisse unscharf.
Mal existierte sie, dann wieder nicht.
Sie war überall und nirgendwo.
Zwischen der Welt der Lebenden und der Toten.
Gilaes Garten war zum Greifen nah und gleichzeitig so fern. Es roch nach Feuer und Rauch. Schemenhafte Schatten schwebten durch die Leere. Sie streiften sie und zogen weiter, bis sie zu winzigen Lichtpunkten wurden. Um Bobbie herum erstreckte sich eine Galaxie funkelnder Seelen.
Bobbie.
Sie bewegte sich auf die Stimme zu. Am Horizont machte sie Umrisse von ihrem Haus auf der Emerald Isle aus. Der Duft von frischgebackenem Bierbrot und dem deftigen Stew ihrer Mutter stieg ihr in die Nase. Es roch nach Zuhause. Lange Zeit war dies der einzige Ort gewesen, den sie mit Wärme und Geborgenheit in Verbindung gebracht hatte. Wie oft hatte sie vergeblich versucht, dieses Gefühl in Beziehungen einzufangen? Es hatte sich nie nach einem Zuhause angefühlt.
Bobbie.
Der Geruch von Sommerregen vermischte sich mit Leder und Zedernholz. Raues Lachen, sanfte Berührungen und weiche Lippen, die sie küssten. Die Küsse schmeckten nach Whiskey und Schokokuchen. Gestohlene Momente zwischen Mitternacht und Morgengrauen. In den letzten Tagen war sie diesem Gefühl von Zuhause wieder nähergekommen.
Ihre Vergangenheit war zum Greifen nah, doch es zog sie in die Gegenwart. Sie wollte sehen, was die Zukunft für sie bereithielt. Sie war dabei sich wieder ein Leben aufzubauen. Befand sich am Anfang von etwas, das noch keine genaue Definition hatte und vorerst nicht brauchte. Sie wollte das nicht zurücklassen, nur um das Stew ihrer Mutter zu kosten und ihre Stimme wieder zu hören. Es waren die verblassten Erinnerungen eines Kindes. Erinnerungen, die nie der Realität gerecht werden würden.
Ein mystischer Klang brach durch den Chor. Die Sterne erloschen, stattdessen sah Bobbie einen toten Baum. Irgendwo plätscherte Wasser. Knochige Äste ragten in den Nachthimmel, an dem sich ein blutroter Sturm zusammenbraute.
Eine leuchtende Gestalt bewegte sich auf sie zu. Bobbie hob die Hand gegen die Helligkeit. In ihrem semitransparenten Zustand brachte dies ebenso wenig, wie die Augen zusammenzukneifen. Das Licht brannte sich auf ihrer Netzhaut ein. Bobbie wich vor der näherkommenden Erscheinung zurück. Nach zwei Schritten stieß sie gegen eine unsichtbare Barriere.
»Es tut mir leid«, erklang eine akzentstarke, feminin klingende Stimme. Blitze zuckten am Himmel. Silbrig goldene Fäden lösten sich von der Person. Klangvoll summten die Filamente.
Das Geschöpf presste lange, dünne Finger gegen Bobbies Schläfen. Bohrende Schmerzen durchzuckten sie. Das Zentrum der Qual lag in ihrem Unterleib. An ihrem Bauch ertastete sie Blut. Es fühlte sich an, als hätte ihr jemand eine heiße Klinge in den Körper gestoßen und nun brannte ihr komplettes Nervensystem.
Sie schrie.
Licht hüllte sie ein.
»Deine Zeit ist noch nicht gekommen, Roberta. Gilaen braucht dich. Sie brauchen dich!«
Sie schmeckte Asche und Blut.
»Was mit drei begann, muss mit drei enden.«
Weißgoldene Flammen hüllten sie ein, als Bobbie schreiend in die Welt der Lebenden zurückkatapultiert wurde. Die Energie der Ley-Linien pulsierte durch ihren Körper, mit dem sie sich nicht verbunden fühlte. Über ihr funkelten die Leben der Verstorbenen, während sie unter sich den vom Blut glitschigen Holzboden der Storm Rider fühlte.
Amadeus rief nach ihr.
Ihre Mutter summte ein Kinderlied.
Die Sterne verblassten.
Rex‘ Gesicht tauchte über ihr auf. Eine gleißend helle Aura umgab ihn. Seine Lippen bewegten sich, doch sie konnte die Worte nicht ausmachen. Blut lief aus seiner Nase und tropfte auf ihre Stirn. Hinter ihm machte sie schemenhaft Bishop aus, der ebenfalls strahlte. Er hielt ein Bettlaken in der Hand.
Schmerzen fraßen sich wie ein Buschfeuer durch Bobbies Körper. Ihre Finger schlossen sich um den Dolch, der noch in ihrem Unterleib steckte. Solange der Fremdkörper nicht entfernt wurde, konnte sie nicht regenerieren.
»Nicht«, mahnte Rex mit belegter Stimme. Seine Finger legten sich um ihre Handgelenke. Sie blinzelte ihn an, versuchte Worte zu formen. Ihre Zunge war schwer. Die Muskeln kribbelten. Die Magie kämpfte gegen das Gift. Tränen rollten aus ihren Augenwinkeln. Sie wimmerte. Blut sammelte sich in ihrem Mund. Es schmeckte faul.
Bishop reichte Rex einen Stofffetzen. Er drückte das Tuch gegen ihren Bauch. Schlaff schlug Bobbie nach seiner Hand. Mit gerunzelter Stirn ließ er sie sinken.
Der Dolch musste raus.
Bobbie sammelte ihre Kräfte und griff erneut nach dem Dolchheft. Stöhnend entfernte sie die Waffe. Magie zog die Wunde zusammen und drängte das Gift hinaus. Ächzend rollte sie sich auf die Seite. Sie erbrach Blut und Galle auf den Fußboden.
»Aspen«, würgte sie hervor. Das bösartige Grinsen auf den Lippen ihrer Cousine hatte sich in ihren Erinnerungen eingebrannt. Sie musste sie aufhalten. Bobbie kämpfte sich auf die Beine. Sie taumelte gegen das Bett, fiel und stemmte sich benommen wieder hoch.
»Bobbie!«
Sie fiel. Arme schlossen sich um sie. Bishops vertrauter Geruch stieg ihr in die Nase.
»Aspen«, krächzte sie. »Sie …« Sie verkrampfte sich. Schwärze kroch in ihr Sichtfeld. Sie krallte sich an Bishops Arm fest. »Findet … Aspen.«
03
Aspen
Verlassen lag die Brücke vor Aspen. Magie floss durch jede Faser ihres Körpers und sammelte sich in den Fingerspitzen. So intensiv hatte sie die Macht, die in ihr schlummerte, noch nie wahrgenommen. Ihre Faszination schlug in Horror um. Hilflos musste sie mitansehen, wie sie mit einer Handbewegung eine Stoßwelle durch das Zentrum der Storm Rider jagte. Steuerkonsolen wurden aus dem Boden gerissen. Ein Riss zog sich quer über die Fensterfront. Verbissen versuchte Aspen sich Rheias Einfluss zu entziehen. Sie würde nicht zulassen, dass die Göttin ihr Zuhause zerstörte.
»Hör auf.«
»Wenn es dir lieber ist, können wir den Haufen Nichtsnutze auch umbringen.«
»Nein!«
»Dann lass mich weitermachen, damit sie mir nicht folgen können«, erwiderte Rheia genervt.
Durch einen Tränenschleier betrachtete Aspen ihre ausgestreckten Hände. Bobbies getrocknetes Blut hatte ein fleckiges Muster auf der weißen Haut hinterlassen. Steif ballte sie ihre Finger. Sie ertrug den Gedanken nicht, weitere Personen zu verlieren, die sie liebte. Ein gebrochenes Schluchzen rollte über ihre Lippen. Aspen schloss die Augen und öffnete sich dem Einfluss der Göttin.
Rheias Bewusstsein breitete sich aus und drängte Aspens in den Hintergrund. Ihr kam es vor, als hätte die Ancient sie in einen dunklen Raum gesperrt, der ein winziges, dreckiges Fenster besaß, durch das sie zusehen konnte, was draußen geschah.
Ihr war kalt. So unglaublich kalt.
Lachend nahm die Göttin die Zerstörung der Brücke wieder auf. Funken sprühten. Odettes Pilotensessel flog durch die Frontscheibe. Warnleuchten sprangen an und der Alarm plärrte aus den Lautsprechern. Das Luftschiff bebte und senkte sich gefährlich nach links. Durch das Fenster sah Aspen, wie Hafenarbeiter flohen.
Inmitten des Chaos materialisierte sich Hinkbeewick. »Aspen, welcher Ancient hat dich denn geritten?« Verwirrung spiegelte sich in seinem faltigen Gesicht wider.
»Aus dem Weg, Abnormalität.« Ihre Stimme klang wie ein verzerrtes Echo.
Der Gnom stemmte seine Hände in die Hüfte. Empört starrte er sie an. »Abnormalität? Hör ma-« Rheia verpasste dem Geist einen Stoß. Ihre Finger glitten dabei nicht durch ihn hindurch, sondern trafen auf feste Masse. Seine Umrisse flackerten. »Asp … en?« Vor ihren Augen löste er sich in Luft auf.
»Was hast du getan?«, schluchzte Aspen.
»Ihn vorübergehend an seinen Körper gebunden«, schnaufte Rheia. Sie rieb die Hände an der Hose, als hätte sie etwas Dreckiges angefasst.
Aspen stellte sich vor, wie Hinkbeewick in seinem mit dem Reaktor verschmolzenen Körper erwachte und wieder und wieder starb. Es war ihre Schuld, weil sie nicht stark genug gewesen war, sich ihrer Mutter zu widersetzen. Weil sie nicht früher mitbekommen hatte, dass etwas nicht mit ihr stimmte, und dass sie Hilfe benötigte.
Zielstrebig steuerte Rheia auf das Büro des Captains zu. Sie stieß die Tür auf und verwüstete den dahinter liegenden Raum mit der gleichen Entschlossenheit wie zuvor die Brücke. Papiere fingen Feuer. Systematisch zerstörte sie die Kommunikationsmöglichkeiten. Sie riss den Tresor aus der Wand. Aspen wäre niemals dazu in der Lage gewesen. Ihre rein körperliche Kraft hätte nicht ausgereicht, doch was auch immer in ihr geschlummert hatte, war von Rheias göttlicher Macht aktiviert worden und glich einer unerschöpflichen Quelle. Obwohl sie von fast allem abgeschnitten war, spürte Aspen Energie, die durch ihren Körper vibrierte. Der Kern der Magie lag nicht in ihr, sondern in der Umgebung. Aspen sah blasse, goldene Fäden in der Luft flirren. Wie ein Puls, der alles am Leben hielt.
»Sweetheart?« Ihr Vater betrat das Büro. Sein Blick zuckte durch den Raum und blieb besorgt an ihr hängen. Rasierschaumreste klebten an seiner Wange. Frisches Blut trat aus einer Schnittwunde am Kinn.
Heimlich griff Rheia nach einem Brieföffner – eine schlechte Nachbildung von Harlans Mitternachtsklinge – und versteckte ihn hinter dem Rücken. Aspen hatte ihm die Klinge geschenkt. Obwohl Maverick so gut wie nie Briefe erhielt, lag der Brieföffner immer griffbereit auf dem Tisch.
»Nein, nein, nein.« Verzweifelt versuchte Aspen die Kontrolle wieder an sich zu reißen. Sie warf sich gegen die Dunkelheit. »Du hast es versprochen«, schrie sie in die Leere hinein. Ihr fiel es zunehmend schwerer, die Göttin und sich selbst auseinanderzuhalten. »Du hast es versprochen!«, flehte sie und sah hilflos dabei zu, wie die Ancient sich ihrem Vater näherte.
»Daddy, ich …«, wimmerte Rheia. »… hilf mir.« Sie stolperte ihm entgegen. Er fing sie auf – bot ihr seine Arme, die ihr so oft im Leben Geborgenheit gegeben hatten. Sie konnte seine Wärme nicht spüren.
»Bitte nicht.«
Hilflos sah sie dabei zu – spürte, wie Rheia übernatürlich schnell die Hand bewegte und Maverick die scharfe Spitze des Brieföffners zwischen die Rippen rammte. Problemlos drang die Klinge durch das Leinenhemd ins Fleisch ein. Um möglichst großen Schaden anzurichten, zog sie die Waffe wieder heraus.
Überrascht keuchte ihr Vater. Er starrte sie an.
Verwirrt.
Betrogen.
Rheia lachte. »Hallo Maverick.«
»Harriet?«
»Rheia«, verbesserte sie ihn kalt.
»Wo ist …« Blut quoll aus seinem Mund. »… Aspen?«
»Bis zum Ende der hingebungsvolle Vater.« Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und brachte ihre Lippen dicht an sein Ohr. Wie erstarrt ließ Maverick es geschehen. »Dabei ist sie nicht mal deine Tochter«, raunte sie. Er zuckte zurück. Seine Pupillen waren geweitet und Schwarz verdrängte das Aspen so vertraute Grau seiner Augen. Sie fühlte die ekelerregende Genugtuung, die Rheia bei den Worten empfand. Und die Abscheu, die sie gegen Maverick verspürte.
»Nein.« Maverick schüttelte den Kopf. Er hielt sich die verletzte Seite. »Mein Blut oder nicht – Aspen ist meine … meine Tochter. Wo … wo ist sie?« Er schwankte.
Rheia lachte. »Nur noch ein nerviges Nebengeräusch hier drin.« Sie tippte sich gegen den Kopf. »Sie ist mein Meisterwerk. Ein perfektes Gefäß.« Sie verpasste Maverick einen Stoß gegen den Brustkorb. Stöhnend taumelte er durch die Tür zurück auf die Brücke. Er knallte gegen die Wand und sank daran hinab.
Die Göttin sammelte Magie in ihrer Hand. Feuer leckte an ihren Fingern empor.
»Nein.« Aspen sammelte all ihre Kraft und stemmte sich gegen Rheias Einfluss. Sie steckte all ihre Rage und Verzweiflung in den Angriff, mit dem sie die Göttin überrumpelte.
»NEIN!«, krächzte Aspen und dieses Mal verlor sich das Wort nicht in der Dunkelheit, sondern stolperte über ihre rissigen Lippen. Das Feuer in ihrer Hand erlosch. Sie schmeckte Blut im Mund. »Daddy.« Sie eilte zu ihrem Vater und sank neben ihm auf die Knie. Warme Tränen liefen ihr über das Gesicht. Ihr blieb nicht viel Zeit. Unerbittlich kämpfte Rheia darum, die Oberhand zurückzuerlangen. Schmerzhaft presste Aspen die Zähne aufeinander. »Ich bring dich zu Brylna.« Entschlossen zerrte sie an seinem Hemd. Dunkle Punkte tanzten vor ihren Augen. Magensäure vermischte sich mit dem Blut in ihrem Mund. Ihre Arme zitterten. Sie benötigte ihre körperliche Kraft, um Rheia noch ein paar Minuten in Schach zu halten. Nur ein paar Minuten, mehr brauchte sie nicht. Ein paar Minuten mit ihrem Vater. Ein paar Minuten, um sich von allen zu verabschieden. Hektisch blinzelte sie die Tränen weg.
»Steh auf!«
»Aspen …«
»Du musst schon etwas mithelfen.«
»Aspen …«
Sie schob die Hände unter seine Achseln und versuchte, ihn hochzuhieven. Schmerzvoll stöhnte er. Aspen ächzte und ließ ihn los. Mit einem dumpfen Laut und einem weiteren Stöhnen, rutschte er zurück auf den Boden. »Ich geh Hilfe holen … ich …«
»Sweetheart.« Schwerfällig hob Maverick seine Hand und strich ihr über die Wange. Er mühte sich ein Lächeln ab. »Es ist zu spät für mich.«
»Nein!« Sie fletschte die Zähne. »Wir können …« Heftiges Zittern erfasste sie.
»Ich werde dich dabei zusehen lassen, wie ich deinen Freunden die Haut vom Leib ziehe«, drohte Rheia.
Aspens Kopf fühlte sich an, als würde ihn jemand in heiße Kohlen halten. Aus ihrer Nase lief Blut. »Ich weiß nicht, was ich tun soll«, schluchzte sie verzweifelt.
»Kämpfe!«, forderte ihr Vater sie auf.
»Ich kann nicht, sie ist so stark.«
»Du bist stärker!« Seine Augenlider flackerten. »Vergi … vergiss das nicht. Ich …« Seine Lippen bewegten sich, doch statt Worten kam ein Röcheln, das von blutigen Bläschen begleitet wurde. »… liebe di- …« Er schloss die Augen. Mit einem letzten Ausatmen entwich sein Leben.
»Daddy.« Aspen zog ihn an sich und vergrub ihr Gesicht an seinem Brustkorb. Rheias Lachen begleitete ihr verzweifeltes Schluchzen.
04
Bishop
Ein vibrierendes Dröhnen erschütterte die Storm Rider. Gleich darauf erklang der schrille Alarmton, von dem Bishop gehofft hatte, ihn so schnell nicht wieder zu hören. Immer zwei Stufen nehmend, rannte Bishop die Treppe hoch. Die Notfallbeleuchtung blinkte. Er folgte seinem Instinkt, der sagte, dass das Epizentrum des Chaos auf der Brücke lag und er dort Aspen finden würde.
»Hinkbee«, rief er zum dritten Mal. Wie zuvor blieb die Antwort aus. Bishop schwante Böses. Er drückte seine Hand gegen die empfindliche Stelle an seinem Bauch. Ein Echo von Bobbies Schmerzen. Er hatte gespürt, wie das Messer in sie eingedrungen war, obwohl er sich im Frachtraum aufgehalten hatte. Für unendlich lange Minuten hatte es sich angefühlt, als hätte man ihm einen essentiellen Teil seines Selbst herausgeschnitten, der dann mit einer Abruptheit, die ihm die Luft aus den Lungen getrieben hatte, zurückgekehrt war. Sein Herz schmerzte immer noch, doch ihm blieb keine Zeit, sich darüber zu wundern und was dies in Zukunft für sie hieß.
Auf halbem Weg senkte sich das Luftschiff nach rechts. Bishop fing sich mit den Händen am Treppengeländer ab. Er wartete gar nicht erst darauf, dass sich das Schiff beruhigte, sondern hetzte weiter. Durchs Treppenhaus, über das Sonnendeck zur Brücke. Die Metalltür, die immer geschlossen sein sollte, hing in den Angeln. Dahinter lag die verwüstete Brücke. Um sich einen Überblick zu verschaffen, blieb Bishop auf der Galerie stehen. Teile der Fensterfront schwammen im Hafen von Doranos. Rauch, der in der Nase brannte, stieg von den Konsolen auf. Das war nichts, was Leif mal eben mit Klebeband und dem Festdrehen von Schrauben reparieren konnte.
»Aspen?«
Direkt unterhalb der Galerie hörte er ein Schluchzen. Bishop eilte die Treppen hinab, bog am zerstörten Navigationssystem ab und kam abrupt zum Stehen, als er die beiden Whitworths erblickte. Mavericks Blick ging ins Leere. Seine Augen hatten den matt-milchigen Ton eines Toten. In den Mundwinkeln der blassen Lippen war das Blut noch frisch.
Aspens zierlicher Körper wurde von einem Weinkrampf durchgeschüttelt. Ein Vorhang aus blonden Haaren verdeckt ihr Gesicht. Zwischen Schluchzern brabbelte sie unverständliche Worte. Zittrig ballte sie die rechte Hand zur Faust. Erneut bebte die Storm Rider. Bishop hatte wenig Zweifel daran, dass Aspen dafür verantwortlich war. Weitaus weniger ersichtlich war, ob Mavericks Tod für die Zerstörung verantwortlich war oder ob Maverick durch die Zerstörung ums Leben gekommen war. Erstmal galt es Aspen zu beruhigen, bevor die Storm Rider wirklich zerbrach. Wenn die Gefahr gebannt war, würde er den Vorkommnissen der letzten halben Stunde immer noch auf den Grund gehen können. Vorsichtig näherte er sich ihr. »Hey.«
Sie riss den Kopf herum. Wild sah sie ihn an. Unnatürlich dunkles Blut lief ihr aus Augen und Nase. Schwarze Adern zogen sich über ihren Hals hoch bis ins Gesicht. Genau wie bei Bobbie, als Thelios sie langsam übernommen hatte. Nur schon viel weiter fortgeschritten. »Bleib weg«, krächzte Aspen. Ihre Stimme klang dabei wie die von zwei Personen.
Bishop blieb stehen. Beschwichtigend hob er die Hände. »Ich will helfen«, erwiderte er sanft, obwohl er keine Ahnung hatte, wie er das anstellen sollte.
»Du kannst … nein.« Sie schüttelte den Kopf. »Geh, bevor sie dich auch noch tötet.«
»Wer?«
»Rheia.«
Scharf sog Bishop Luft ein. Wachsam suchte er die Brücke nach der Ancient ab. Seine Gedanken überschlugen sich. Sie hatten Rheia getötet. Sie hatte sich vor ihren Augen aufgelöst. Aufgelöst. Es war keine Leiche zurückgeblieben. Anzunehmen, dass jemand gestorben war, machte die Person nicht tot.
»Sie ist … ist in mir. Ich habe … Bobbie … Dad.« Aspen betrachtete ihre blutigen Hände. Trotz ihrer Warnung wagte Bishop einen Schritt auf sie zu.
»Bleib … stehen«, zischte Aspen. Direkt vor ihm schossen Flammen aus dem Boden. Er spürte die Hitze im Gesicht und sprang zurück. Seine Finger kribbelten. In ihm reagierte etwas auf die Magie, die ihm seltsam vertraut erschien, obwohl er kein Magier war.
Als Kind war er wochenlang vom Magus-Kollektiv getestet worden. Egal, welche Aufgabe man ihm gestellt hatte, der magische Funke war nicht in ihm erwacht. Seine jüngere Schwester Kimber und er fielen aus der Reihe. Die ersten nicht-magischen Nachkommen der Vitulus-Dynastie seit über 500 Jahren. Schandflecken im Stammbaum, die sich nicht tilgen ließen, also vergaß die Familie, dass sie existierten, bis sie wagten, aus der Reihe zu tanzen.
Doch jetzt spürte Bishop die Magie. Sie kroch unter seine Haut und elektrisierte seinen Körper. Melodisch surrte sie. Er sah, wie alles miteinander verbunden war. Rhythmisch pulsierten die Ley-Linien. Er war ein Teil davon. Ein Knoten, der die Welt zusammenhielt und die Dunkelheit hemmte. Verantwortung, um die er nicht gebeten hatte. Verantwortung, die ihm Angst machte.
Bishop wich weiter zurück. Sein Herz hämmerte in der Brust. Er presste die Handballen gegen seine Augen. Die goldenen Fäden verschwanden. Er ließ die Hände sinken. Durch die Flammen sah er, dass eine dunkle Aura Aspen einhüllte und beständig dichter wurde.
Im Augenwinkel nahm Bishop eine Bewegung wahr. Statt erhoffter Unterstützung trat Rhys Archer in sein Sichtfeld. Die Haare des hochgewachsenen, schlanken, weißen Mannes standen in alle Richtungen ab.
»Rheia«, begrüßte er die Ancient. Entspannt schob er die Brille auf seiner Nase hoch und betrachtete die Göttin mit einem Interesse, das Bishop nicht gefiel.
»Haben Sie gewusst, dass sie überlebt hat?«, verlangte Bishop zu wissen.
Erst jetzt schien Rhys ihn wahrzunehmen. Er deutete eine Verbeugung an, die Bishop wie reiner Hohn erschien. »Nein, habe ich nicht.«
»Aber er hat es geahnt«, stichelte Aspen, die sich erhob und dabei einen sichtbaren Wechsel durchlief. Rheia drängte sich in den Vordergrund. Sie strahlte eine furchterregende Ruhe aus. Bishops Hoffnung, Aspen helfen zu können, fiel in sich zusammen. Schwärze breitete sich von ihren Pupillen aus und füllte die Augen. »Rhys. Schließ dich mir wieder an. Ich kann dich immer noch gebrauchen.« Die Flammen teilten sich. Einladend streckte sie ihm die Hand entgegen.
»Du hast mir zehn Jahre gestohlen. Ich schenke dir sicher nicht noch mehr«, erwiderte Archer Senior grimmig.
»Dann wirst du wie der Rest brennen.« Zorn flammte in Aspens Gesicht auf. Kurz sah Bishop die Umrisse einer anderen Person durchschimmern. Unnatürliche Ruhe legte sich über die Brücke. Bishop sah, wie Rheia sich an der Macht der Ley-Linien bediente und einzelne goldene Fäden abstarben, weil sie zu schnell zu viel nahm. Er schmeckte Fäulnis auf der Zunge.
Flammen schossen an die Decke und breiteten sich mit rasender Geschwindigkeit aus. Instinktiv stellte sich Bishop vor Rhys. Schützend hob er die Arme. Er fühlte die Hitze auf der Haut, doch sie verbrannte ihn nicht. Ein schimmernder Schutzschild bewahrte Archer und ihn vor dem vernichtenden Inferno. Die Quelle des magischen Schutzes war Bishop.
Eine Feuerlanze schoss durch die Decke. Hart presste Bishop die Zähne aufeinander. Schweiß lief ihm in die Augen. Rauch brannte in seiner Lunge. Schwärze kroch am Rande seines Blickfeldes entlang. Er bekam keine Luft. Die Magie zehrte an seiner Kraft. Seine Muskeln zitterten und die Umgebung verschwamm.
Zwei helle Punkte kamen auf sie zu und riefen seinen Namen. Der Größere der beiden erreichte ihn zuerst. »Ich hab dich«, hörte er Rex sagen. »Wir haben dich.«
»Das ist gut«, krächzte Bishop und verlor das Bewusstsein.
05
Rex
20 Wochen später
Rauch quoll aus den Fenstern des Erdgeschosses. Sie hatten es mit den Rauchbomben zu gut gemeint. Stadtwachen brachen durch die zweiflüglige Haustür ins Freie. Rex warf einen schnellen Blick zu Bishop. Für den Fall, dass etwas schief lief, hatten sie einen Notfallplan. Sein Freund nickte ihm zu und rannte los. Rex sprintete in die andere Richtung.
Schnee knirschte unter seinen Winterstiefeln, als er über den Kiesweg zur Straße hetzte. Mit jedem Atemzug kondensierte sein Atem zu Wölkchen. In der Nacht war die Temperatur trotz des nahenden Frühlings unter Null gefallen und eine dünne Eisschicht bedeckte die zahlreichen Grachten von Drachwaard. Schneeflocken tanzten durch die Luft und legten sich wie eine weiße Decke über alles.
Hinter sich hörte er die Rufe seiner Verfolger. Er zog die Kapuze des Wintermantels tiefer ins Gesicht und rannte weiter. Arctica entwickelte sich mehr und mehr zu verschwendeter Zeit.
Obwohl sie die Strecke zwischen ihrer Unterkunft und dem Haus des Ratsmitglieds mehrfach gegangen waren, verlor Rex schnell den Überblick darüber, wo er sich befand. Im Zwielicht sahen die engen Straßen und Gassen mit den bunten Häusern für ihn alle gleich aus.
»Stehen bleiben!«
Seufzend kam Rex der Aufforderung nach. Er hatte seine Verfolgenden jetzt weit genug weggelockt. Statt weiter Energie ins Weglaufen zu stecken, drehte er sich langsam um und widerstand dabei dem Drang, seine Waffe zu ziehen. Je weniger bedrohlich er wirkte, desto leichter konnte er sich vielleicht aus der Angelegenheit herausreden.
Zwei Verfolgende hatten ihn fast eingeholt, ein dritter befand sich etwa fünfzig Meter entfernt und verlangsamte schnaufend sein Tempo, als er bemerkte, dass keine Eile mehr notwendig war.
»Hände hinter den Kopf und auf die Knie«, forderte die Frau des Trios. Ungeduldig wiederholte sie die Aufforderung nach nicht mal zwei Sekunden in der Gemeinsprache. Gelassen hob Rex erst eine, dann die andere Hand und sank auf ein Knie. In der Position war er immer noch größer als die Wächterin, die sich von ihrem Kollegen Handschellen reichen ließ.
»Was wirft man mir vor?«, fragte Rex in einwandfreiem Arctican.
»Einbruch und Diebstahl.«
»Da muss eine Verwechslung vorliegen, Ma’am. Das Einzige, was ich stehle, sind Herzen.« Selbstsicher lächelte er sie an. Sein Charme stieß jedoch auf wenig Gegenliebe. Unbeeindruckt näherte sie sich ihm. Grob zerrte die Stadtwächterin an seiner Hand, um ihm die Handfesseln anzulegen. Rex sah sie an. »Tut mir leid«, entschuldigte er sich vorsorglich. Hart stieß er ihr seine Schulter in den Solar Plexus und sprang auf die Beine. Ihr Brustschutz aus Leder federte den Aufprall nicht genug ab. Trocken würgend beugte sie sich vor. Rex überließ sie den Schmerzen.
Er eilte zum nächsten Stadtwächter, packte ihn an den Schultern und stieß ihn gegen den inzwischen ebenfalls eingetroffenen Nachzügler. Die Männer krachten ineinander. Der Nachzügler stürzte und riss seinen Kameraden mit sich. Gemeinsam fielen sie von der Ufermauer auf die zugefrorene Gracht.
„Pim, beweg dich nicht!“, rief einer der Wächter. Gleich darauf hörte Rex, wie das Eis zerbrach und mindestens eine Person fluchend ins eisige Wasser fiel.
Die Stadtwächterin hatte sich vom ersten Schock erholt und dachte, sie könnte Rex’ blinde Seite ausnutzen. In den zurückliegenden Wochen war er gut darin geworden, die einseitige Blindheit auszugleichen. Er verließ sich noch mehr auf seine anderen Sinne und seinen Instinkt, bei dem er sich nicht sicher war, ob Magie nicht die Quelle war. Egal, was es war, er steckte weitaus weniger Treffer ein als in den ersten Wochen. Geschickt wich er einer Reihe schnell geführter Schwerthiebe aus, bis er eine Öffnung in der Deckung der Frau entdeckte. Seine größere Reichweite ausnutzend, verpasste er ihr einen Tritt gegen die Hüfte. Sie taumelte zurück und er setzte ihr nach. Bevor sie auf dem eisigen Untergrund ihr Gleichgewicht wiederfinden konnte, nutzte er den Moment der Ablenkung, um ihr Handgelenk zu packen. Schmerzhaft verdrehte er es, bis sie jaulend die Waffe fallen ließ. »Noch mal: Es tut mir wirklich leid«, versicherte er ihr. Ihm wäre es lieber gewesen, wenn ihm die Flucht ohne eine Auseinandersetzung gelungen wäre.
Aufgebracht knurrte sie ihn an und zielte mit einem Tritt auf sein Knie. Er ließ sie los und wich aus. Umgehend deckte sie ihn mit Schlägen ein, die er passiv abwehrte. Er kassierte einen schmerzhaften Treffer gegen das Kinn. Seine Gegnerin schnaufte angestrengt. Während ihrer nächsten Attacke packte Rex erneut ihr Handgelenk und zog sie mit einem Ruck dicht zu sich. Sofort drehte er sie im Arm. Verzweifelt zappelte sie. Ruhig drückte Rex seinen Unterarm gegen ihren Hals. Sie krallte sich an seinem Arm fest. Unkoordiniert trat sie hinter sich und erwischte neben Luft auch sein Knie. Scharf sog Rex die Luft ein. Er bewunderte ihren Kampfeswillen. Am Ende half er ihr jedoch nicht. Nachdem er gegen eine Ancient, Golems und Wyvern gekämpft hatte, lag in der Auseinandersetzung mit drei Stadtwachen keine Herausforderung mehr.
Behutsam ließ er die Bewusstlose zu Boden sinken. Er warf einen Blick auf den Kanal, um sicherzugehen, dass die Männer noch lebten und es ihnen ohne Hilfe gelang, das Wasser zu verlassen. Eine Wache lag auf dem Bauch auf der Eisfläche und hielt seinen eingebrochenen Kameraden an den Händen. Sie sahen zu ihm hoch. Rex tippte sich mit zwei Fingern gegen einen imaginären Hut.
Nach drei Straßen und zwei Richtungswechsel folgte Rex den Geräuschen eines Kampfes in einen Hinterhof. Geweckt von dem Lärm, starrte ein einzelner Gnom aus einem der Hinterhoffenster. Neugierig beobachtete er den Kampf, von dem auch Rex angezogen worden war. Der ehemalige Sentinel lehnte sich an eine Hauswand und behielt die Auseinandersetzung im Auge.
Zwischen umgefallenen Mülltonnen lag eine bewusstlose Wache. Ein anderer Stadtwächter ging stöhnend zu Boden und hielt sich die Nase. Bishop verpasste ihm einen Schlag gegen die Schläfe. Ächzend kippte die Wache zur Seite.
»Nicht schlecht für einen Prinz«, lobt Rex grinsend. Er stieß sich mit der Schulter von der Wand ab.
»Nenn mich nicht so.« Schnaufend drehte sich Bishop zu ihm um.
»Das ist nicht das, was du vorgestern Nacht gesagt hast.« Rex ahnte das Rollen der Augen mehr, als dass er es sah, denn Bishops Gesicht lag im Schatten der Kapuze seines Wintermantels. Der kurze Haarschopf, den er sich neuerdings stehen ließ, verschwand unter einer zusätzlichen Mütze. Täglich klagte Bishop darüber, dass Arctica zu kalt war und er zurück in den Süden wollte. Rex hatte aufgegeben, ihn darauf hinzuweisen, dass die Wetterverhältnisse im südlichen Teil Arcticas sich nur unwesentlich vom Winter im nördlichen Dracalian Empire unterschieden.
Bishop machte einen großen Schritt über die bewusstlose Wache und kam auf ihn zu. Die Andeutung eines Lächelns zierte seine frisch aufgeplatzte Lippe. »Du kannst mich Prinz in der Öffentlichkeit nennen, wenn ich deinen Schlafzimmernamen im Beisein unserer Freunde benutzen darf.«
»Ich habe nichts dagegen, wenn du mich in der Öffentlichkeit Gott nennst«, konterte Rex und kassierte dafür ein weiteres, dieses Mal sichtbares Augenrollen, dem ein raues Lachen folgte. Behutsam nahm Rex das Kinn seines Freunds zwischen die Finger, um einen Blick auf die Blessur zu werfen.
»Ist nichts«, versicherte Bishop ihm.
»Willst du trotzdem einen Kuss, damit es besser wird?«, bot Rex an. Ein gequältes Stöhnen erklang aus Richtung der Mülltonnen.
»Später. Lass uns erst mal von hier verschwinden.«
Auf dem Weg zu ihrer Unterkunft blieben sie ab und an stehen, um sicherzugehen, dass sie niemand verfolgte. Kaufleute, die sich auf dem Weg zu Marktständen oder Geschäften befanden, waren die einzigen Personen, die ihre Wege kreuzten. Der Duft von frischen Zimtschnecken lockte sie in eine Bäckerei. Einbrechen und vor der Wache weglaufen, machte hungrig. Bishop ließ sich von der Bäckerin zusätzlich ein Laib Brot aufschwatzen, das so backfrisch war, dass Rex die Wärme durch den Stoffbeutel spürte. Er freute sich darauf, eine warme Scheibe mit salziger Butter zu beschmieren. Seit den Ereignissen des Vorjahrs wertschätzte er die kleinen Dinge im Leben noch viel mehr. Das Leben konnte so schnell vorbei sein. Es nicht voll auszureizen, war Verschwendung.
Rex schloss die Tür zu ihrem temporären Zuhause auf. Die Zweizimmerwohnung der Textilhändler-Gilde war funktional eingerichtet. In ihrer Situation konnten sie nicht wählerisch sein. Sie hatten Glück gehabt, dass Elna, seine älteste Schwester, überhaupt gewillt gewesen war, zu helfen. Er hatte ihr nicht nur versprochen, ihr alles bei Zeiten zu erklären, sondern auch zusichern müssen, dass er in Zukunft zum Kindersitten bereitstand und bei den nächsten zehn Familienfeiern den Abwasch erledigte. Im kleinen Kreis bestand seine Familie schon aus fünfzehn Leuten. Wenn alle Hawthrones zusammenkamen, waren sie bei vierzig Personen. Es handelte sich also nicht um eine Kleinigkeit.
»Kam es dir auch vor, als hätte man uns erwartet?«, fragte Rex und zog sich den Mantel aus. Bishop nahm das Kleidungsstück entgegen und warf es zusammen mit seinem Wintermantel in das überschaubare Schlafzimmer, in dem sie ihre Reisetaschen nie ausgepackt hatten.
»Ja. Gut, dass wir Rauchbomben und Firecracker eingepackt hatten.« An ihrer Kleidung haftete der Gestank besagter Bomben. Bishop sah so erschöpft aus, wie Rex sich fühlte. Es war nicht nur die lange Nacht, die an ihnen zerrte, sondern auch, dass sie erneut keinen Erfolg verbuchen konnten.
»Schon komisch. Erst verstirbt Jarl Kloezeman überraschend und niemand in Kvia stört sich daran, dass er sofort ersetzt wird. Dann brechen wir in ein Haus ein, das leer steht, obwohl wir gesehen haben, wie Leute ein- und ausgehen.« Bishop sank auf das bequeme, rote Sofa, auf dem sie einige gemütliche Abende verbracht hatten. Abende, die sich normal angefühlt hatten. Simpel.
»Zwei Wochen für nichts und wieder nichts«, fluchte Rex. Er ballte seine Hand zur Faust.
»Lass uns ein paar Stunden schlafen, danach können wir uns umhören«, schlug Bishop ruhig vor. Er rieb sich durch das Gesicht. Seine Finger blieben dabei an seinem Vollbart hängen.
»Wir haben uns vorher umgehört. Zwei verdammte Wochen haben wir hier verbracht und haben die Gegend ausgekundschaftet.« Nach zehn Wochen in Arctica hatte Rex genug. Die erste Woche hatten sie noch mit Leif, Odette und Brylna verbracht. Leif war in Fjoll geblieben, um die Brücke der Storm Rider wiederherzustellen. Die Kanes waren in den hohen Norden des Landes gereist. Irgendwo in der eisigen Tundra befand sich die Festung der Valkyrien. Brylna erhoffte sich, in den Archiven Hinweise auf die vergessenen Ancients zu finden. Bishop und er waren losgezogen, um Rheias Gestaltenwandler zu töten. Da sie nicht wussten, welcher der Abgesandten aus Artica während der verflixten Krisensitzung im kaiserlichen Palast ausgetauscht worden war, hatten sie alle abgeklappert.
»Sich darüber aufzuregen, bringt uns auch keine Lösung. Ich bin auch frustriert …«
Rex schnaufte. Bishop wirkte auf ihn nicht frustriert, sondern wie die Ruhe selbst. Er verschränkte die Arme vor dem breiten Brustkorb. Vor dem Fenster hatte der Schneefall an Stärke gewonnen. Es sah nicht nach Frühling aus, obwohl in acht Tagen Spirea ihren eisigen Bruder Veturix ablöste. Gegenwärtig konnte Rex sich das kaum vorstellen. Eigentlich sollten sie längst die ersten Anzeichen sehen. An manchen Tagen hatte Rex das Gefühl, dass die Welt immer noch aus den Fugen geraten war und sie vor einem halben Jahr den Verfall nur verlangsamt hatten. Und egal, welche Opfer sie brachten, nichts änderte sich.
»Wir schlafen. Dann hören wir uns noch mal um«, fuhr Bishop unbeirrt fort. »Wenn wir nichts weiter herausfinden, buchen wir uns einen Schlitten nach Fjoll und hoffen, dass Leif mit der Brücke fertig ist.« Die Bodendielen knarrten. Rex sah zu Bishop, der sich ihm näherte. »Mir wäre es auch lieber, wenn wir wieder alle zusammen wären, aber es war eine gemeinschaftliche Entscheidung, sich zu trennen. Wir haben die Abgesandten fast durch. Noch vier, dann können wir zur Ash Isle reisen.«
»Ich vermisse sie«, seufzte Rex zusammenhangslos. Bishop sah zu ihm auf. Verständnis lag in den bernsteinfarbenen Augen. Sie waren sich in den letzten Wochen nähergekommen und dabei ein gutes Team geworden, das sich auch ohne große Worte verstand. Doch Bobbie fehlte. Da war eine Leere, die noch so viele Küsse, intime Gesten und Sex nicht füllen konnten. Sie schreckten beide schweißgebadet nachts auf und tasteten das Bett nach einer Person ab, die nicht da war. Seitdem sie in Arctica waren, begannen und endeten Rex‘ Albträume immer gleich. Er sah Bobbie in einer Blutlache. Sie hatte kalte Hände, die fest um das Messerheft geschlossen waren. Ihr Blick war leer …
Laut atmete Rex aus und verdrängte die Erinnerungen, die seine Nächte bestimmten.
»Ich auch«, hörte er Bishop zeitverzögert zustimmen. »Wenn sie an unserer Stelle wäre, würde sie es nicht nur halbherzig machen, um es hinter sich zu bringen.«
»Ugh.« Der Laut passte nicht zu Rex‘ angedeutetem Lächeln und dem Funkeln in seinem Auge. »Sie hat in sehr kurzer Zeit auf dich abgefärbt, hm?«
Bishop zuckte mit den Schultern. »Langsam gewöhne ich mich an die Heldenrolle.«
»Verwegener Held und Prinz. Die Geschichte schreibt sich fast von selbst«, ließ Rex es sich nicht nehmen, ihn zu necken. »Vergiss nur nicht das Fußvolk, wenn die Barden erst die Lieder über dich sin-«
»Hör auf zu reden«, forderte Bishop lachend und zog ihn für einen Kuss grob zu sich runter. Rex grinste gegen die Lippen des diebischen Helden.
Lautes Hämmern gegen die Wohnungstür trieb sie auseinander. Sie tauschten einen Blick aus, dann verschwand Bishop ins Schlafzimmer. Die Tür ließ er einen Spalt offen. Rex hoffte, dass sie auf keinen ihrer Notfallpläne zurückgreifen müssten.
Erneut schlug der ungewollte Besuch gegen die Tür, die unter der Misshandlung erzitterte. »Aufmachen!«, forderte von der anderen Seite der Tür eine bedrohlich klingende Stimme.
»Wer ist da?«, fragte Rex laut in Arctican, um mehr Zeit zu schinden. Seine Hand schloss sich um den schmucklosen Griff des noch nicht abgelegten Schwertes.
Statt eine Antwort zu erhalten, machte sich die Person am Schloss zu schaffen. Rex eilte zur Tür und riss sie auf. Vor ihm tat sich ein gepanzerter Brustkorb auf. Rex, der es gewohnt war, der Größte im Raum zu sein, wenn er nicht auf einer Familienfeier war, hob den Blick. Die Person in Rüstung stieß mit dem Kopf gegen die Decke. Dem grünlich-braunen Hautunterton nach zu urteilen, befanden sich im Stammbaum des Fremden nicht nur Riesen, sondern auch Oger. Unter einem massiven Arm klemmte ein Helm, auf dem das Stadtwappen von Drachwaard eingraviert war.
»Guten Morgen«, erklang eine melodische, feminine Stimme, deren Ursprung hinter der Stadtwache lag. Irritiert zog Rex die Augenbrauen zusammen. Er hatte nicht erwartet, dass die Stadtwache, wenn sie vor der Tür auftauchte, ihm freundlich einen guten Morgen wünschte. »Ich würde gerne eine friedliche Unterhaltung mit Ihnen und Ihrem Komplizen führen, Herr Hawthrone. Ist das möglich?«, sprach die Stimme weiter.
Rex warf einen raschen Blick zur Schlafzimmertür. Bishop stand in ihr und zuckte mit den Schultern. Eine friedliche Lösung lag in ihrem Interesse. Die Alternative wäre ein Kampf, eine übereilte Flucht und Ärger für seine Familie, weil sich die Wohnung zu seiner Schwester zurückverfolgen ließ.
Rex trat zur Seite. Grunzend tat es der Begleitschutz ihm gleich und gab den Blick auf die Stimme frei. Freundlich lächelte ihn eine Zwergin an. Auf ihrer Stupsnase trug sie eine randlose Brille. Locker waren die schwarzen Haare, die von grauen Strähnen durchzogen waren, zusammengebunden. Rund um die Augen und den Mund zeigte ihre weiße Haut Spuren eines Lebens, gefüllt mit Lachen.
Ohne Zögern betrat die Fremde die Wohnung und hob die Hand, als die Leibwache ihr folgen wollte. »Knut, warte hier«, befahl sie, ohne sich umzudrehen.
Knut widersprach nicht, warf Rex dafür jedoch einen warnenden Blick zu, der ihm eine Menge Schmerzen versprach, wenn er der Unbekannten auch nur ein Haar krümmen würde. Unbeeindruckt hielt Rex den Blick und machte sich daran, die Tür zu schließen. Die Hand des Leibwächters schnellte vor und legte sich auf das Türblatt. Auch ohne Worte verstand Rex die Aufforderung der Geste. Er zuckte mit den Schultern und drehte sich zu der souveränen Zwergin um, die ihm die Hand entgegenstreckte. Sie hatte einen festen Händedruck, der klarstellte, dass er sie nicht unterschätzen sollte. »Danke, dass Sie es so unkompliziert machen.« Sie sah an ihm vorbei zu Bishop, der das Schlafzimmer wieder verlassen hatte. »Prinz Kaleb, nehme ich an?«
»Bishop«, verbesserte er die Zwergin kühl, die dies mit einem Nicken hinnahm.
»Mein Name ist Elsje Sandström. Ich bin die amtierende Jarl von Drachwaard. Vor einigen Stunden sind Sie in das Haus meines Vorgängers eingedrungen. Darf ich erfahren, warum?«
Rex sah zu Bishop und dann zurück zu Sandström.
»Keine Ahnung, wovon Sie reden«, wich Bishop aus.
»Hmm, ich habe eine Theorie. Darf ich sie Ihnen erzählen, während wir einen Tee trinken?«
»Haben wir eine Wahl?« Finster sah Rex auf Elsje hinab. Das Lächeln auf ihren Lippen erreichte ihre braunen Augen nicht.
»Nein.«
Rex trat ans Fenster. Er schob die Gardine zur Seite. Auf Anhieb entdeckte er drei Stadtwachen auf der Straße gegenüber. Alle waren vom gleichen Schlag wie Knut. Drachwaards neuer Jarl hatte schwere Geschütze aufgefahren. Groß, massiv, gefährlicher als die üblichen Wachen, die auf dem Marktplatz Streithähne trennten. Wenn sie sich ihren Weg aus dem Gebäude kämpfen mussten, weil ihnen nicht gefiel, was die Zwergin zu sagen hatte, würden sich die Leibwachen nicht in Mülltonnen schubsen lassen oder über die eigenen Füße fallen.
»Besteht die Möglichkeit, dass Roberta Archer in der Nähe ist, damit sie auch an der Unterhaltung teilnehmen kann?«, durchbrach Elsje die unangenehme Stille.
»Roberta Archer ist tot«, antwortete Rex eisig.
»Oh. Das ist sehr bedauerlich. Mein Beileid.«
Beileid. Abfällig schnaufte Rex. Politiker wie Sandström hatten ihre Gruppe ohne Verhandlung verurteilt und ihnen nie eine Chance gegeben, sich zu verteidigen. Ein exorbitantes Kopfgeld war vor allem auf Bobbie ausgesetzt worden. Und jetzt wagte die Zwergin es, ihnen Beileid vorzugaukeln.
Egal, welche Stadt oder welches Dorf sie aufsuchten, überall hing mindestens ein Flugblatt mit schlechten Fahndungsfotos von ihnen. Gejagt für Verbrechen, die sie nicht begangen hatten. Bei ihm hatten eine Augenklappe und mehr Haare im Gesicht und auf dem Kopf gereicht, um dem ersten und zweiten neugierigen Blick standzuhalten. Bishop versteckte seine attraktiven Gesichtszüge hinter einem für ihn untypischen Vollbart. Die Vorsicht reiste mit. Rex wusste nicht mehr, wie sich ein Leben anfühlte, bei dem er nicht ständig über seine Schulter sehen musste.
Energisch knallte Bishop den Wasserkessel auf die Herdflamme. »Ich weiß, Gastfreundschaft wird in Arctica großgeschrieben, aber ehrlich gesagt habe ich keine Lust darauf zu warten, dass der Tee fertig wird. Bringen wir diese Farce hinter uns, ja?«, verlangte er, in einem Ton, der vorneherein klar machte, dass er kein Nein akzeptierte. Es war einer dieser seltenen Momente, in denen Prinz Kaleb durchschien. Bishop wirkte größer. Auch ohne Krone und mit wucherndem Bart, nahm er mit seiner Präsenz den ganzen Raum ein.
Ergeben seufzte die ungebetene Gästin. Ihr selbstbewusstes Auftreten bröckelte. Nervös schob sie sich mit dem Mittelfinger erst die Brille am Nasenrücken empor und entfernte imaginäre Fussel von ihrer Wollstrickjacke, bevor sie endlich mit der Sprache herausrückte. »Ich glaube, Sie sind eingebrochen, weil Sie meinen Vorgänger aus seinem Amt entfernen wollten. Sehr löblich, aber das haben wir schon selbst übernommen. Otto Tollason ist tot. Ebenso alle anderen Doppelgänger, die aus Nova Ara zurückgekehrt sind.«
»Das ist … ziemlich akkurat«, gab Rex verblüfft zu. Erst danach kam ihm der Gedanke, dass es nicht schlau war, einen geplanten Mord zuzugeben. In den Wochen nach dem Fast-Weltuntergang hatten sie vergebens versucht, sich Gehör zu verschaffen. Rheia hatte der Welt Schuldige am Crimson-Orden-Massaker sowie der Ermordung von Mason Blackwood geboten. Zusätzlich hatten die falsche Kaiserin Amara und der ebenso falsche Präsident Atticus in einer Schmutzkampagne die Glaubwürdigkeit des angeschlagenen Crimson-Ordens zerstört. Auf jemanden in einer Machtposition zu stoßen, der nicht nur an die Existenz der Gestaltenwandler glaubte, sondern aktiv gegen sie vorgegangen war, war eine erfrischende Abwechslung.
»Bestimmt können Sie uns helfen, ein paar Wissenslücken zu schließen, schließlich haben Sie sich im Mahlstrom der Geschehnisse aufgehalten. Versuche, mit den anderen Beteiligten zu reden, waren nur bedingt erfolgreich. König Valens war der Einzige, der zu Gesprächen bereit war, und er ist genauso besorgt wie meine Kollegen und ich.« Hoffnungsvoll sah sie erst Bishop und dann Rex an. Rex war es nicht gewohnt, dass andere von ihm die Antworten erwarteten. Bishop machte jedoch ebenso wenig Anstalten, etwas zu sagen. Misstrauen lag in seinem Blick.
»Empire und Republik verweigern eine Stellungnahme. Vor zwei Wochen haben beide Nationen die Handelsbeziehungen zu Arctica und Kyvelion beendet. Unsere Botschaften wurden geschlossen. Die Diplomaten der Länder verwiesen.« Elsje lieferte ihnen damit keine neuen Informationen. Was sie unterschlug, war, dass zwei der Botschafter tot in der Gosse von Nova Ara aufgefunden worden waren. »Kaiserin Amara und Präsident Tiberius haben sich mit den Kriegsherren der Eldritch Wildlands zusammengeschlossen. Vor drei Tagen sind die ersten Truppen in die Elder Woods vorgedrungen und brennen den Wald nieder, um die Dryaden und Nymphen herauszutreiben. Der Angriff auf Evergreen ist ein klarer Bruch des Friedensvertrags von Llane«, fuhr Elsje fort. »Wir sind auf der Suche nach Verbündeten. Wenn Sie uns helfen können, bin ich befugt Ihnen und Ihren Freunden Amnestie zu gewähren.«
»Ja, klar. Sobald wir alles erzählt haben, legt man uns in Eisen und vergisst uns in einer dunklen Kerkerzelle.« Freudlos lachte Rex. Das war zu einfach. Nichts im letzten halben Jahr war einfach für sie gewesen und wenn doch, dann hatte es sich um eine Falle gehandelt. Er vermisste die Zeiten, in denen er mehr Optimismus besessen hatte und nicht an jeder Ecke einen Verrat vermutete. »Woher sollen wir wissen, ob Sie nicht auch eine Gestaltenwandlerin sind und uns nur benutzen wollen, um Informationen zu sammeln?«
Blitzschnell zog die Besucherin ein Schnitzmesser und führte die Schneide über den Handrücken. Rotes Blut quoll aus der Wunde. »Reicht das als Antwort?«
»Sich in den Finger zu piksen hätte ausgereicht«, murmelte Rex. Er öffnete einen Schrank und holte ein sauberes Handtuch heraus, das er ihr reichte. Sie wickelte es sich um die Hand.
Der Wasserkessel pfiff.
»Wir haben einen Fehler begangen, als wir blind geglaubt haben, was in Nova Ara vorgefallen ist. Ich bin hier, um zumindest einen Teil dieses Fehlers wieder gut zu machen. Bitte helfen Sie mir, zu verstehen, was im Kaiserpalast geschehen ist und ich werde Ihnen helfen.«
»Tee allein wird nicht reichen«, entschied Bishop.
»Rum?«, schlug Rex vor und erhielt ein Nicken als Antwort. Bishop klapperte mit den Tassen. Rex öffnete einen Schrank und holte die Flasche Rum raus. Er machte eine einladende Geste zum Küchentisch.
»Es ist etwas früh für Alkohol«, meldete sich Elsje zu Wort und nahm Platz.
»Glauben Sie mir, Jarl Sandström, wenn wir mit unserer Seite der Geschichte fertig sind, wollen Sie den Schluck haben.«
06
Bishop
»Und sie haben wirklich alle Anklagepunkte fallen gelassen?« Skepsis stand in Leifs Gesicht. Sein blondes Haar war voller Holzspäne und fiel ihm strähnig in die Stirn.
Bishop nickte. Er hatte auch nicht damit gerechnet. Viel mehr hatte er die Versprechungen von Elsje Sandström bis zum Schluss für eine Falle gehalten. Als Rex und er den Ratssaal in Fjoll betreten hatten, war er fest davon ausgegangen, dass man sie in Eisen legen würde. Doch der Jarl von Drachwaard hatte Wort gehalten. Sie waren mit ihr nach Fjoll gereist, wo sie, zwei Tage nach ihrer Unterhaltung mit Elsje, dem Ältestenrat von den Ereignissen des letzten Spätsommers berichtet hatten. Einige Details hatten sie für sich behalten, denn die Welt war derzeit nicht bereit, von der Bedrohung durch die verbannten Ancients zu erfahren. Die Wahrheit barg ein zu großes Risiko, dass ihn niemand glaubte und sie doch für Täter gehalten wurden. Stattdessen hatten sie eine plausiblere Geschichte von einer Untergruppe im Crimson-Orden erzählt, die es leid gewesen war, nur in beratenden Positionen zu sein, statt selbst die Weltgefüge zu lenken. Ihr Streben nach Macht hatte zu dem Chaos im Spätsommer 6.999 n.d.R. geführt.
»Normalerweise benötigt der Rat Wochen, um Entscheidungen zu fällen.« Leif befestigte ein Holzpaneel an der Wand des ehemaligen Büros des Captains. Wie ein schwerer Schatten schien Mavericks Anwesenheit über dem Raum zu liegen. Bishop sah nicht, dass es einer von ihnen in Zukunft zum Büro machen würde. Ohne Mavericks Chaos und dem süßlichen Geruch seiner Zigarillos, hatte der Raum seine Seele verloren.
»Molios war gütig.« Ihr Glück war so dünn gestreut, dass Bishop die rasche Abhandlung als winzigen Sieg sah.
»Das hat nichts mit Molios zu tun. Den interessiert es einen Scheißdreck«, schnaufte Leif. »Die Sieben haben uns aufgegeben.« Ein wütendes Knurren zog sich durch die Aussage. Vor einem halben Jahr hätte Leif anderen Blasphemie für die gleiche Aussage vorgeworfen. Sein Glaube hatte die harte Probe, auf die er gestellt worden war, nicht überstanden. Zu viele Verluste, zu wenig Erfolg. Die abgeschiedene Einsamkeit und nur mit Hinkbeewick als Gesellschaft in einer offenen Wunde zu arbeiten, hatte ihr Übriges getan. Bishop senkte den Kopf. Er hatte nicht gesehen, wie sehr der Mechaniker litt und keinen Gedanken daran verschwendet, was es für Leif geheißen hatte, in Fjoll zurückzubleiben. Bishops Blick blieb an den Händen seines Freundes hängen. An fast allen Fingern hatte er Pflaster. Seine Fingerknöchel waren verkrustet, die Schatten von Blutergüssen ließen sich auf der blassweißen Haut erkennen.
»Lust, mit mir etwas trinken zu gehen?«, fragte Bishop vorsichtig. Er wollte Leif in eine andere Umgebung bringen, um mit ihm zu reden.
»Nein, ich habe noch viel zu tun.«
Bishop sah durch die Bürotür zur Brücke, der er nicht mehr ansah, dass Rheia sie in Schutt und Asche zerlegt hatte. Leif hatte die Zeit gut genutzt. »Gönn dir eine Pause.«
»Pause? Wir machen seit dem Herbst eine Zwangspause, statt nach Aspen zu suchen.«
Bishop bekam das Gefühl, dass die Anklage direkt ihm galt. Er verschränkte die Arme vor dem Brustkorb. »Es war eine gemeinschaftliche Entscheidung.«
»Für die Bry, Hinkbee und ich nicht gestimmt haben.«
Bishop seufzte. Sie hatten diese Unterhaltung schon auf dem Weg nach Arctica. »Wir hatten kein funktionierendes Schiff mehr. Vier Wochen haben wir versucht, Rheia zu finden. Vier Wochen sind wir von einem Ort zum nächsten gereist, alle Spuren verliefen sich im Sand. Ich bin auch nicht glücklich darüber, dass wir uns getrennt haben und uns anderer Probleme angenommen haben, aber es war die richtige Entscheidung.«
»Für wen? Aspen hat nichts davon, dass wir uns in Arctica wieder frei bewegen können.« Leif drehte ihm den Rücken zu. »Sie ist da draußen.« Er schlug einen Nagel in die Wand. »Allein.« Noch ein Nagel. »Ohne uns.« Der Hammer verfehlte den Nagel und landete stattdessen auf Leifs Finger. Er schien das nicht zu bemerken. »Was, wenn sie denkt, wir haben sie aufgegeben?«
»Haben wir nicht«, versicherte Bishop. Er näherte sich Leif und legte eine Hand auf die seines Freundes, um ihn davon abzuhalten, noch mehr Nägel in die Wand zu schlagen. »Und sie weiß das auch.« Zumindest hoffte er das, denn wenn er sich nicht an diese Hoffnung klammerte, dann würde er einen wichtigen Antrieb verlieren.
»Das kannst du nicht wissen.«
»Stimmt«, gab er mit einem zurückhaltenden Lächeln zu. »Aber Aspen ist stark. Ich vertraue auf ihren Kampfgeist.«
»Ich wünschte, ich hätte deinen Optimismus.« Leif senkte den Blick. Ein schweres Seufzen ließ seinen ganzen Körper beben.
»Daran lässt sich arbeiten. Komm, wir gehen was essen«, entschied Bishop. »Auf dem Weg zur Werft habe ich ein Bistro gesehen.«
»Ich weiß nicht. Es ist noch einiges zu tun. Odette und Bry kommen morgen an und bis dahin wollte ich hier alles soweit fertig haben, dass wir abreisebereit sind.«
»Das sind doch sicher Kleinigkeiten, die uns kaum vom Fliegen abhalten.« Wenn er nicht genau gewusst hätte, dass die Antwort Nein sein würde, hätte Bishop dem Mechaniker Hilfe angeboten. Leif vertrat die Meinung, dass es länger dauerte, Leute einzuweisen, als die Arbeit selbst zu verrichten.
»Der Systemcheck fehlt noch.«
Leif ging zum Werkzeugkasten. Ein paar Sekunden fürchtete Bishop, dass der Versuch, seinen Freund aus dem Schiff zu locken, scheiterte, doch der Mechaniker verstaute das Werkzeug in der Werkzeugbox und schloss den Deckel. »Ich gehe mir was anderes anziehen, dann können wir los.«
»In zehn Minuten vor dem Schiff?«
Leif nickte und verschwand durch die Tür.
Bishop atmete tief durch, bevor er die Brücke betrat. Ihm kam es vor, als würde der Geruch von Feuer noch in der Luft hängen. Wenn er die Augen schloss, spürte er die vernichtende Hitze auf der Haut, obwohl die Flammen ihn nie berührt hatten. Er hatte nicht versucht, noch einmal nach der Magie zu greifen, die ihm und Rhys an dem Tag das Leben gerettet hatte. Seine Furcht davor war zu groß. Sie hatte sich zu mächtig für eine einzelne Person angefühlt.
Bishop sammelte seinen Wintermantel vom Pilotensitz ein, der den Duft von neuem Leder verströmte. Er strich mit den Fingern über die glatte Oberfläche. Alles war so neu, dass es automatisch daran erinnerte, was auf der Brücke vorgefallen war. Er würde eine Weile brauchen, bevor der Raum ihn nicht mehr erdrückte. Bishop vermutete, dass es den anderen ähnlich gehen würde.
»Hink?«
Vor ihm tauchten die schemenhaften, flackernden Umrisse des Gnoms auf. Bald zwei Minuten vergingen, bevor es ihm gelang, sich zu manifestieren. Er hatte sich immer noch nicht von Rheias Misshandlung erholt. Nach der Zerstörung der Brücke hatten sie drei Tage benötigt, um zu verstehen, was mit Hinkbeewick geschehen war. Auf Rufen hatte er gar nicht reagiert, dafür war er an den seltsamsten Orten, zu den unmöglichsten Zeiten aufgetaucht, hatte geschrien und war gleich darauf wieder verschwunden. Sie hatten eine Nekromantin aufgetrieben, die ihnen dabei geholfen hatte, Hinkbee zu stabilisieren. Gleichzeitig hatte sie ihnen aber auch geraten, dass es an der Zeit war, Hinkbeewick ziehen zu lassen. Er stand an der Schwelle eine verlorene Seele zu werden, die niemals zur Ruhe käme. Sie waren nicht in der emotionalen Verfassung gewesen, loszulassen, auch wenn der Gnom nicht immer der angenehmste Zeitgenosse war und Bishop ihm vor dem Brand oft damit gedroht hatte, ihn entfernen zu lassen.
»Leif und ich gehen was essen. Falls Rex vor uns zurückkommt, kannst du ihm sagen, dass wir im Teehaus sind?« Nach der Ratsversammlung hatte Rex sich abgesetzt, um Besorgungen zu machen und seine Familie zu kontaktieren.
»Bin ich dein Bote, oder was?«
»Hast du irgendwas anderes zu tun?«
Der Gnom verschränkte die Arme vor dem Brustkorb. »Nein«, grummelte er. Er flackerte. »Bring mir die Gnom Weekly mit«, forderte er mit verzerrter Stimme.
Bishop stimmte zu, statt in Erfahrung zu bringen, wie er denn vorhatte, das Magazin zu lesen.
