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Ausgezeichnet mit dem SERAPH 2022 - Bester Independent-Titel! »Was hast du nun schon wieder gemacht, Mason?« Eine uralte Prophezeiung sagt den Beginn eines glorreichen Zeitalters voraus - dies glaubt nicht nur ein Großteil von Gilaens Bevölkerung, sondern auch der egozentrische Auserwählte Mason Blackwood. Doch als der Tag gekommen ist, an dem er sich seinem Schicksal stellen soll, verläuft nichts so, wie er sich das in seinen Träumen ausgemalt hat. Statt Ruhm und Unsterblichkeit zu erlangen, entfesselt er eine uralte Macht, die Gilaen ins Verderben stürzen wird, wenn ihr niemand Einhalt gebietet. Geübt darin hinter Mason aufzuräumen, setzt seine Leibwächterin Bobbie Archer alles daran, die Welt vor dem Untergang zu bewahren. Doch dieses Mal wird es nicht reichen ein paar Hände zu schmieren oder Kneipenschlägereien für ihn auszufechten. Unerwartete Hilfe erhält sie dabei von dem mysteriösen Trickbetrüger Bishop, der ahnt, dass dies ein Kampf wird, den er mit Charme allein nicht gewinnen kann. Zum ersten Mal in seinem Leben muss er Verantwortung übernehmen. Ein blutiges Wettrennen gegen die Zeit entbrennt, bei dem sich die Verbündeten nicht nur rachsüchtigen Gottheiten, sondern auch den Schatten ihrer Vergangenheit stellen müssen.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Content Notes
Gewalt, Tod, Drogenkonsum (Alkohol, Zigaretten), explizite sexuelle Inhalte, Blut, Erbrechen, Verlust der Körperautonomie, Verstümmlung, Naturkatastrophen
Buch 1 der Crimson-TrilogieCrimson Dawn
Tanya HartgersFür Miriam
Inhaltsverzeichnis
WELTKARTE
GLOSSAR
KAPITEL 1
KAPITEL 2
KAPITEL 3
KAPITEL 4
KAPITEL 5
KAPITEL 6
KAPITEL 7
KAPITEL 8
KAPITEL 9
KAPITEL 10
KAPITEL 11
KAPITEL 12
KAPITEL 13
KAPITEL 14
KAPITEL 15
KAPITEL 16
KAPITEL 17
KAPITEL 18
KAPITEL 19
KAPITEL 20
KAPITEL 21
KAPITEL 22
KAPITEL 23
KAPITEL 24
KAPITEL 25
KAPITEL 26
KAPITEL 27
KAPITEL 28
KAPITEL 29
KAPITEL 30
KAPITEL 31
KAPITEL 32
KAPITEL 33
KAPITEL 34
KAPITEL 35
KAPITEL 36
KAPITEL 37
KAPITEL 38
KAPITEL 39
KAPITEL 40
KAPITEL 41
KAPITEL 42
KAPITEL 43
KAPITEL 44
KAPITEL 45
KAPITEL 46
KAPITEL 47
Glossar
Aestra – der Sommer, weiblich
Ancients – alternative Bezeichung für die Sieben
Ewige Fünfzehn – Führungsrat des Crimson Ordens
Galvar – Weltenfresser
Gilae – Urgöttin, Namensgeberin Gilaens. Sie starb beim Kampf gegen die Weltenfresser
Gilaen – Name der Welt
Gilaens Champions – vierzehn legendäre Heldinnen und Helden, die in den ersten zwei Jahrhunderten nach dem Rückzug der Ancients lebten. Historiker zweifeln die Existenz einzelner Helden an, deren Geschichte sich regional unterscheidet
Gilaes Garten – Reich der Toten
Leere, die – Zwischenwelt, in der Sündende nach ihrem Tod enden
Lumae – großer Mond
Magus-Kollektiv – Zusammenschluss von Magiebegabten, die Regelungen für die Community aufstellen und zusehen, dass diese eingehalten werden
Meos – kleiner Mond
Mevies – der Herbst, Mutter der Nymphen und Dryaden
n.d.R. – nach dem Rückzug; kennzeichnet die Zeitrechnung nach dem Rückzug der Ancients
Pixie-Network – Kommunikationsnetzwerk, das von Pixies betrieben wird. Die feenartigen Wesen überbringen kurze Nachrichten, Bilder und dergleichen
Schnatterbox – Kommunikationsgerät
Schwesternschaft von Ta’Mir – lebt auf der namengebenden Insel und beschützt das Orakel
Schicksalsweberinnen, die – mystische Wesen, welche die Fäden des Schicksals spinnen und bewachen
Spirea – der Frühling, Mutter der Nymphen und Dryaden
Valgar – Weltenfresser
Veturix – der Winter, männlich
Weltenfresser, die – zwei mächtige Monster, gegen welche die Ancients kämpfen
Die Sieben
Gilaens Götterpantheon. Die Ancients kämpften an der Seite von Gilae gegen die Weltenfresser. Sie formten Gilaen nach ihren Vorstellungen. Vor Siebentausenden Jahren zogen sie sich aus dem Weltgeschehen zurück.Norox – Todesgott, König der Unterwelt, Schöpfer der Nacht, Lord der Schatten, Gott des Chaos, Hüter der Dunkelheit
Viseria – Herrin der Wälder, Mutter der Jahreszeiten, Patronin der Jagd, Wächterin der Natur, Göttin der Heilung
Molios – Gott des Glücks, Schicksalsgott, Schöpfer der Schicksalsweberinnen, Reichtum, Patron der Piraten, Schurken und Glückspieler
Pallux – Kriegsgott, Schutzpatron von Soldaten, Vater der ersten Valkyrien
Aestia – Feuergöttin, Schöpferin von Drachen, Wyvern und Reptilien, Schutzpatronin der Schmiedekunst
Vexus – Gott der schönen Künste, Gott der Liebe und Leidenschaft, Meister der Verführung, Geliebter der Musen, Vater der Dryaden und Nymphen
Lexia – Wächterin der Wahrheit und Gerechtigkeit, Patronin der Priester und Richter, Göttin der Weissagungen, Schutzherrin der Ehe, Sonnengöttin
Crimson-Dawn-Orden
Mason Blackwood – der Auserwählte
Roberta „Bobbie“ Archer – Sentinel-Kommandantin
Reginald „Rex“ Hawthrone – Sentinel
Mae Bautista – Assistentin der Sentinels
Iron – Sentinel
Hazel – Sentinel
Nek – Sentinel
Roslyn Blackwood – Masons Mutter
Maxwell – Ratsmitglied der Ewigen Fünfzehn
Heathcliff Tanner – Ratsmitglied der Ewigen Fünfzehn
Sioilipe – Ratsmitglied der Ewigen Fünfzehn
Skillik – Ratsmitglied der Ewigen Fünfzehn
Crew der Storm Rider
Die Storm Rider ist ein Luftschiff, das Maverick Whitworth vor 14 Jahren dem dracalianischen Militär gestohlen hat. Über die Jahre ist die Crew gewachsen und besteht gegenwärtig aus folgenden Mitgliedern:
Maverick Whitworth – Captain
Bishop – Trickbetrüger
Brylna Kane – Heilerin
Odette Kane – Pilotin
Leif Oosterveld – Mechaniker
Aspen Whitworth – Tochter der Captains
Hinkbeewick Fizzlestrip – Schiffsgeist
Andere
Rhys Archer – Elder, verschollen
Harriet Whitworth – Elder, verstorben
Kaiserin Amara VI. – Regentin des Dracalian Empire
Tiberius Atticus – Präsident von Tougny
Königin Evelina – Regentin der Summer Isles
König Valens – Regent von Kyvelion
Prinz Alaric – Sohn von Amara
Prinz Kaleb – Sohn von Amara
Clea – Madam des Temple der Wünsche
Die ganze Karte findest du auf: www.tanya-hartgers.de/gilaenmap
Wenn Lumae und Meos sich am Siebten des Vierten vereinen, wird ein Kind mit dem Zeichen der Sieben geboren. Jahre werden vergehen, bevor es im Sanctum das Schicksal der Welt entscheidet. Am Tag, an dem die Sonne den Morgen zum Bluten bringt, beginnt ein neues Zeitalter. Die Alten kehren zurück.
das Orakel – 3.652 n.d.R.
01
Bobbie
Ich werde ihn umbringen.
Langsam.
Qualvoll.
Bobbie fielen unendlich viele Mordmöglichkeiten sowie Orte ein, an denen niemals jemand seine Leiche finden würde. Und darüber hinaus war sie in der Lage es wie einen Unfall aussehen zu lassen. Sie ballte die rechte Hand zur Faust.
Aufgeregtes Fiepen riss sie aus ihren Mordphantasien. Das Pixie, das die Nachrichten überbracht hatte, streckte auffordernd die dürren Finger aus, um für seine Dienste bezahlt zu werden. Jeder wusste, dass man die entfernten Verwandten der Feen nicht warten ließ. Das Pixie-Network vergaß nicht. Eine Horde nerviger Pixies, die einen mit Spam zumüllten, war nichts, womit Bobbie sich herumschlagen wollte.
»Sekunde«, zischte sie entnervt. Sie schob die Bettdecke zur Seite und fischte ein Leinenhemd vom Boden. Beim Überstreifen stellte sie fest, dass es Rex gehörte. Sie versank in dem Kleidungsstück, obwohl sie weit davon entfernt war klein zu sein.
Bobbie warf einen raschen Blick über die Schulter zu dem Gewirr aus Armen und Beinen, die unter der Bettdecke hervorlugten. Rex gab einen grunzenden Laut von sich. Die Decke raschelte, als er sich umdrehte. Verschlafen sah er sie an. Träge streckte er eine Hand nach ihr aus. Bobbie stand auf. Der Zauber der letzten Nacht war verflogen. Zurück blieben ein pelziger Belag auf ihrer Zunge und das schlechte Gewissen. Sie wusste nicht, wie oft sie sich schon vorgenommen hatte es nie wieder so weit kommen zu lassen. Zu oft, um es mitzuzählen. Ein Versprechen an ihren Bruder und Bobbies berufliche Stellung hielten sie davon ab, den nächsten logischen Schritt in der Nicht-Beziehung zu wagen.
Sie rieb sich die Stirn. Es war zu früh am Morgen, um sich den Kopf darüber zu zerbrechen. Bobbie nahm sich vor, wieder mehr emotionale und körperliche Distanz zwischen Rex und sich zu bringen. Vielleicht klappte es ja dieses Mal besser.
»Schlaft weiter«, raunte Bobbie. Reichte ja, dass sie wegen Mason eine kurze Nacht haben würde. Es war nicht nötig, dass der Rest ebenfalls darunter litt.
Dem grünlich-blau schimmernden Pixie dauerte alles zu lange. Unwirsch fuchtelte es mit seinen dünnen Ärmchen. Es flatterte in Bobbies Sichtfeld. Drei Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt beschimpfte es sie mit piepsiger Stimme. Die Versuchung war groß, das Wesen an die Wand zu klatschen, aber damit würde sie gegen die Geschäftsbedingungen des Pixie-Networks verstoßen und eine Sperrung für mindestens einen Monat riskieren. Was in ihrem Fall Fluch und Segen zugleich war, denn dann erfuhr sie ausschließlich über Umwege von Masons Fehltritten. Leider war es ein fester Bestandteil ihres Jobs ihn gegebenenfalls vor seiner Einfältigkeit zu retten. Ohne Zugang zum Netzwerk wäre es wesentlich schwerer, ihn aufzuspüren.
Bobbie atmete aus. Statt Gewalt anzuwenden, ging sie zu der schlichten Küchenzeile, die zu dem spartanisch eingerichteten 1-Zimmer Apartment gehörte. Sie schraubte ein Honigglas auf und hielt es dem Pixie hin. Schnatternd stürzte sich das winzige Wesen auf die Bezahlung.
Im Bett beförderte sich Rex in eine aufrechte Position, auch wenn dies gar nicht so leicht war, da sich ihr One-Night-Stand an seine Seite kuschelte. Gähnend rieb Rex sich den letzten Schlaf aus den Augen.
»Mason?«
»Ja.«
»Hat er endlich ein Wunder vollbracht oder wurde er wieder aus irgendeinem Club geworfen?«
Mit klebrigen Händen und Mund verbeugte sich das Pixie, drehte sich einmal um seine eigene Achse und löste sich in Luft auf. Zurück blieb eine rosarote Rauchwolke, die nach Zimt und Beeren roch. Bobbie stellte das Honigglas auf die Anrichte. Müde rieb sie sich durchs Gesicht. »Nek hatte ihn verloren. Er wollte wissen, was er tun soll.«
»Wenn Nek ihn verloren hat, sollte Nek ihn wieder einsammeln.«
An für sich stimmte sie Rex zu. Die Sentinels waren Masons Bodyguards. Natürlich war es eine undankbare Aufgabe, während eines seiner Saufgelage auf ihn aufzupassen und ja, sie knobelten dies gelegentlich untereinander aus, wenn solch ein Abend absehbar war. Dennoch erwartete Bobbie von jedem, der den kürzesten Strohhalm zog, dass er in der Lage war Mason im Auge zu behalten und im Notfall wieder aufzutreiben, ansonsten hatte man in ihrem Team nichts zu suchen. Es war an der Zeit die schweren Geschütze aufzufahren, denn dies war der dritte Vorfall innerhalb von sechs Wochen. Ein kurzer Zwischenstopp in Dragonwall war genau das, was Mason benötigte, um zurück auf den Boden der Tatsachen zu kommen. Der Rat der Ewigen Fünfzehn würde ihn daran erinnern, wer all die Kosten für seine ausschweifenden Eskapaden trug und auf wen sein schlechtes Verhalten zurückfiel.
»Ihr kennt Mason Blackwood?«, mischte sich ihr Übernachtungsgast mit glockenheller Stimme ein. Erst tauchte ein weißer Arm unter der Decke auf, dann folgte der Oberkörper der Waldnymphe, die Bobbie und Rex in einer schäbigen Bar am Rande der Stadt aufgerissen hatten. In solchen Absteigen waren die Chancen erkannt zu werden oder auf jemanden zu treffen, den sie kannten, geringer.
Trotz viel Sex und wenig Schlaf, sah die Nymphe weiterhin unverschämt gut aus. Das grüne Haar, dessen Farbechtheit Bobbie in Frage stellte, saß perfekt. Die rosaroten Lippen hatten einen natürlichen Glanz, den kein Lippenstift der Welt so hinbekommen würde. Bobbie wollte sie hassen, aber das wäre unfair. Ihr One-Night-Stand konnte ja nichts dafür, dass ihre rotbraunen Locken in alle Richtungen abstanden und es nahezu unmöglich war, die Haare in einen Zopf zu verbannen, ohne vorher mit der Bürste durchzugehen. Sie wollte nicht wissen, wie zerknautscht sie aussah. Auf ihrem nackten Unterarm ließen sich die zerknitterten Abdrücke des Kissens ausmachen.
»Er ist Bobbies Bruder.« Rex grinste die Waldnymphe an. Trotz fehlendem Licht und Abstand zum Bett wusste Bobbie, dass ein spitzbübisches Funkeln in den blau-grünen Augen des hochgewachsenen Mannes lag. Hochgewachsen. Ha, genau. Mit über zwei Metern und einer Riesin als Urgroßmutter war Reginald Hawthrone alles, nur nicht klein. Seitdem er nicht mehr im Dienst des Militärs stand, ließ er seine braunen Haare wachsen. Sein markantes Kinn versteckte er unter einem Vollbart, der immer ein bisschen zu lang war. Dies verlieh ihm zusammen mit den zahlreichen Tattoos, welche die bronzene Haut verzierten, eine anziehende Attraktivität, der auch Bobbie sich nicht entziehen konnte.
»Wirklich?« Neugierig betrachtete die Waldnymphe sie. Für Bobbie, die im Schatten von Masons monströsem Ego aufgewachsen war, war die Reaktion vorhersehbar.
»Er ist nicht mein Bruder«, murrte Bobbie. Sie warf Rex einen warnenden Blick zu. Für Außenstehende waren ihre nicht vorhandenen Verwandtschaftsverhältnisse nicht immer nachvollziehbar. Bobbie und Mason waren zwar beide die Adoptivkinder von Rhys Archer, aber sie teilten sich nicht die gleiche Mutter. Rhys hatte Bobbies Mutter Samira hochschwanger kennengelernt. Vom ersten Tag an, hatte er Bobbie und ihren Zwillingsbruder Amadeus geliebt als wären sie sein eigen Fleisch und Blut. Fünf Jahre nach Samiras überraschendem Tod hatte Rhys dann Roslyn Blackwood geheiratet. Offiziell war Mason ein Einzelkind. Journalisten stellten diesen Status nicht in Frage, denn die Geschichte des auserwählten Einzelkinds verkaufte sich besser. Bobbie konnte damit gut leben.
»Ihr seid zusammen aufgewachsen. Du kennst ihn nac…« Bobbie unterbrach ihn, indem sie seinen Schuh nach ihm warf. Geschickt wich er aus. Der Stiefel knallte gegen das Bettkopfteil und verschwand gleich darauf zwischen den Laken.
Ihre Gespielin quietschte. Rex lachte.
Kopfschüttelnd sammelte Bobbie ihre Kleidungsstücke ein und zog sie über. Zeit zu duschen blieb ihr nicht. Jede Minute, die Mason unbeaufsichtigt in der Stadt herumwanderte, war eine weitere Minute, in der er sich in Schwierigkeiten bringen konnte.
»Wie ist er so«, hörte sie die Waldnymphe fragen, während sie sich ihre Lederstiefel zuschnürte.
»Willst du wirklich über den Auserwählten reden, obwohl ich nackt und bereit neben dir liege?« Gespielte Empörung durchzog Rex’ Worte, die ihre Wirkung nicht verfehlten. Verzückt kicherte ihr gemeinsamer One-Night-Stand.
Bobbie bedauerte, dass sie die Spielverderberin sein musste. Nichtsdestotrotz war sie am Ende des Tages Rex’ Vorgesetzte. Und die traf Entscheidungen, die nicht alle glücklich machten. »Du hast zwei Stunden, dann will ich dich abreisebereit in der Zentrale sehen. Ich bring Mason nach Dragonwall. Soll Roslyn sich für eine Weile mit ihm herumschlagen.«
»Zwei Stunden, alles klar. Mehr als genug Zeit.« Rex rollte sich auf die Waldnymphe, deren zarte Hände über die muskulösen Oberarme strichen und die Tätowierungen nachzeichneten. Schweren Herzens wandte Bobbie sich ab. Lockende Lustlaute übertönten ihr bedauerndes Seufzen.
Sie hatte die Tür fast erreicht, als Rex sich noch mal zu Wort meldete und dabei bewies, dass er, dem Stöhnen der Nymphe nach zu urteilen, multitaskingfähig war. »Hey Bobbie.«
»Hm?«
»Du trägst mein Shirt auf links.«
Ihre Finger glitten über den Stoff, an dem Rex’ unverkennbarer Geruch haftete. Für sie roch er wie die Luft nach Regen im Sommer. »Trägt man jetzt so.« Sie sah eh aus wie frisch aus dem Bett gefallen, da machte das keinen Unterschied mehr. Bobbie steckte einen Teil des Hemds unter den Hosenbund und zog ihre Lederjacke über. »Zwei Stunden, Reginald, und gib ihr einen extra Höhepunkt von mir«, befahl sie.
»Aye, Boss«, rief er ihr nach.
Bobbie zog die Wohnungstür ins Schloss und ließ ihr überschaubares Privatleben hinter sich.
Masons Aufenthaltsort herauszufinden war nicht schwer. Er wollte gesehen werden. Um ihn in Old Town aufzuspüren, benötigte Bobbie zwei Pixie-Nachrichten und die Länge der Aufzugfahrt. Das Viertel lag am anderen Ende der Stadt. Dorthin zu gelangen würde mehr Zeit beanspruchen als die Suchanfrage. Zum Glück fuhren zu jeder Tages- und Nachtzeit Kutschen. Mit Wartezeiten rechnete sie nicht, da die Nachfrage so spät am Abend – oder früh am Morgen – nicht hoch war.
Bobbie ließ den Glass-Turm, in dem sie alle paar Wochen für einige Tage lebte, hinter sich und winkte sich eine Pferdekutsche heran. Der Fahrer, ein Gnom, war noch übellauniger als sie. Er öffnete ihr nicht die klemmende Tür und als er das Ziel der Reise erfuhr, hob er seine buschigen Augenbrauen und murmelte etwas davon, dass das extra kosten würde. Wählerisch sein war ein Luxus, den Bobbie sich nicht erlauben konnte.
In der Kabine roch es gleichermaßen nach Kotze und Pisse. Die Fenster ließen sich nicht runterkurbeln. Gequält seufzte sie. Nach dem Trip würde sie sich eine ausgiebige Dusche gönnen.
Nova Ara rühmte sich damit, die schönste und fortschrittlichste Stadt des Dracalian Empires zu sein. Bekanntlich war so etwas Geschmackssache, da halfen noch so viele gewonnene Awards nichts. Zumal es nicht der vollen Wahrheit entsprach. Sobald man den Stadtkern mit seinen Neubauten aus Metall und Glas hinter sich ließ, zeigte die Stadt ein völlig anderes, nicht mehr so glänzendes Gesicht. Den Stadtplanern war es nie gelungen, Alt und Neu miteinander zu verbinden. Der harte Bruch in der Gesellschaft war an den Bauwerken erkennbar. In den Randbezirken reihten sich dicht an dicht uralte Steingebäude. Putz bröckelte von Wänden, die mit Obszönitäten vollgeschmiert waren. Bettler streckten ihre dreckigen Finger nach einem aus, während Junkies in dunklen Seitengassen mit Blue Dust, Norox’ Sight oder anderen Drogen der Realität entflohen. An manchen Stellen standen nur noch Ruinen. Überbleibsel von Zivilisationen, die seit Jahrtausenden nicht mehr existierten. Nova Ara war nur fortschrittlich, wenn man das entsprechende Geld besaß. Der Rest musste sehen, wo er blieb.
Müde sah Bobbies Spiegelbild ihr aus der dreckigen Fensterscheibe entgegen. Wie erwartet stand ihr Haar in alle Richtungen ab. Die Augenringe zusammen mit dem missgelaunten Gesichtsausdruck taten ihr Übriges. Der erste freie Abend in Wochen und dann sowas. Als hätte Mason es drauf angelegt ihr die Nacht zu versauen. Bobbie ahnte, dass er viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt war, um auf solche Ideen zu kommen.
Perspektivlosigkeit hatte sie dazu getrieben den Job anzunehmen, als Roslyn ihr im Auftrag der Ewigen Fünfzehn das Angebot vor drei Jahren unterbreitet hatte. Als Ex-Soldatin, die mit zwei Ehrenauszeichnungen aus dem Dienst entlassen worden war, hatte sie nicht viele Optionen besessen. Söldnerin wäre eine Alternative gewesen, die bei weitem nicht so gut bezahlt wurde und sie höchstwahrscheinlich zurück an die Front zwischen dem Dracalian Empire und den Eldritch Wildlands gebracht hätte. Das war ein Ort, an den sie nie wieder zurückkehren wollte. Zu viele grauenhafte Erinnerungen, denen sie eh kaum entkam. Jedes Mal, wenn sie in den Spiegel schaute und die Narbe erblickte, die sich von ihrer hellbraunen Haut abhob, dachte sie an all die Toten, die sie mit zu verantworten hatte. Bobbie rieb sich mit dem Zeigefinger über den Makel, der sich quer über ihre Nase, einen Teil ihrer rechten Wange und ihr Auge bis hin zum Haaransatz zog. Schlecht verheilt und kaum verblasst.
Drei Jahre.
Niemand hatte daran geglaubt, dass Bobbie es so lange aushalten würde. Sie hatte ebenfalls dran gezweifelt. Niemand blieb lange Sentinel. Entweder hatte man genug von Masons rücksichtlosen Verhalten, oder man starb aufgrund seines kopflosen Handelns.
Nicht nur Aussichtslosigkeit hatte sie dazu getrieben Ja zu sagen, sondern auch eine nicht zu verachtende Portion Selbsthass. In alptraumreichen Nächten schreckte sie schweißgebadet aus dem Schlaf und bildete sich ein, in einer Lache aus ihrem Blut zu liegen. Das Blut ihres Zwillingsbruders klebte ihr dabei an den Händen. Hände, die sie bei dem Gedanken daran zu Fäusten ballte, bis sich ihre kurzen Fingernägel schmerzhaft in ihre Handballen bohrten. Für einen Moment vergaß sie den beißenden Geruch in der Kutschkabine und holte tief Luft. Sofort bereute sie das. Trocken würgend beugte sie sich vor.
»Wer kotzt, zahlt extra«, warnte der Gnom sie.
»Ancients«, stöhnte sie genervt. Alle Sieben schienen sich gegen sie verschworen zu haben.
02
Mason
Nova Ara.
Er liebte die Hauptstadt des Empires. Sie bot ihm unendlich viele Möglichkeiten, sich in den Mittelpunkt zu rücken. Mason wusste, dass der Orden gegen seine Alleingänge war. Als Auserwählter sollte er ein Vorbild sein. Blahblah. Was war bitte vorbildhafter als sein Leben in vollen Zügen zu genießen und alle Vorteile, die das Auserwählt sein mit sich brachten, auszunutzen? Natürlich verstanden die alten Knacker in Dragonwall dies nicht, dabei würde es den Crimson-Orden nicht geben, wenn das Orakel von Ta’Mir seine Geburt nicht vorhergesagt hätte. Etwas mehr Dankbarkeit wäre angebracht. »Mason, du hörst ja gar nicht zu«, beschwerte sich seine Begleitung, die nach Erdbeeren schmeckte und nach Rosen roch. Neben seiner aufgefrischten Sommerbräune, an der er hart am Strand von Doranos gearbeitet hatte, sah sie mit ihrer weißen Haut zwar blass aus, aber dafür besaß sie andere bestechende Attribute. Die Elfe mit den silbergrauen Haaren bewegte sich wie eine Tänzerin und kicherte entzückt, wenn er eine Hand auf ihren Arsch legte und zudrückte. Mason hatte genaue Vorstellungen davon, was er mit dem straffen Körperteil noch alles anstellen wollte. Sie würde nicht Nein sagen. Frauen sagten so gut wie nie Nein zu ihm, schließlich war er Mason Blackwood und ihm lag die Welt zu Füßen. Und weil er eine präzise Vorstellung hatte, wie der Abend für ihn enden würde, war er ihr in die schäbige Kaschemme in einem der heruntergekommensten Bezirke der Stadt gefolgt.
Nek hatte ihm gesagt, dass in Old Town zu viele Gefahren lauerten. Von wegen. Eine Traube an Personen hatte sich um ihn herum gebildet und hörte ihm gebannt zu. Er besaß ein Talent dafür, seine Abenteuer besonders fantastisch zu erzählen. Keiner zweifelte an der Echtheit der Worte. Die Zuhörer hingen an seinen Lippen und sogen die Geschichten in sich auf. Mason badete in den Ahs und Ohs, die in den eingelegten Kunstpausen fielen.
Gut, dass er nicht auf Nek gehört hatte, sondern den Sentinel in der letzten Bar abgehängt hatte. Mason vermisste seine alte Leibgarde. Die waren seinen Anweisungen gefolgt. Seitdem Roberta vor drei Jahren das ganze Team umgestellt hatte, erfüllten die neuen Sentinels ausschließlich ihren Befehlen. Ein Ärgernis, über das er sich mehrmals bei seiner Mutter beschwert hatte. Bedauerlicherweise waren ihr genau wie ihm die Hände gebunden. Der Orden hatte seiner Mutter das Mitbestimmungsrecht entzogen. Eine von Robertas dämlichen Voraussetzungen, bevor sie den Job angenommen hatte. Bis heute war es ihm ein Rätsel, warum der Rat der Ewigen Fünfzehn einer dermaßen gescheiterten Persönlichkeit das Jobangebot unterbreitet hatte und warum sie zugesagt hatte, obwohl sie eindeutig an einem anderen Ort sein wollte. Er wünschte, sie wäre an diesem anderen Ort, dann müsste er sich nicht mit ihr und ihrem Loserteam herumschlagen. Einziger Lichtblick war, dass Roberta und die aktuellen Sentinels, ebenso wie alle Leibwächter zuvor, nur temporär in seinem Leben sein würden.
»Mason«, quengelte sein Date für die Nacht. Ihre warme, weiche Hand schloss sich um sein Handgelenk, um vollends seine Aufmerksamkeit zu erlangen.
»Was denn, Täubchen?« Sich Namen zu merken war zu anstrengend. Am nächsten Tag hatte er sie eh wieder vergessen. Leichter war ein Einheitsname, von denen er unzählige im Repertoire besaß.
»Mir ist langweilig, lass uns gehen«, forderte sie. Ihre fein geschwungenen Lippen verzog sie dabei zu einer Schnute. Nur die Aussicht auf Sex ließ ihn darüber hinwegsehen, dass sie seine Erzählungen öde fand.
»Zu dir oder zu mir?«, kam er direkt zur Sache. Seine Lust, sie in die Crimson-Botschaft zu schmuggeln, hielt sich in Grenzen. Das war mit unnötigem Aufwand verbunden. Sogar wenn Molios ihm eine gute Portion Glück verlieh, mussten die richtigen Wachen für Nachtdienst eingeteilt sein, damit dies problemlos funktionierte.
»Zu mir. Ich wohne nur ein paar Straßen weiter.«
Überrascht zog Mason die perfekt gezupften Augenbrauen hoch. Sie sah nicht aus wie jemand, der in einem Randbezirk wohnte. Er hatte sich mehr Luxus erhofft, den er keinesfalls in ihrer Wohnung finden würde, wenn sie in Old Town lebte. Er seufzte. Wenn er nicht so viel Energie in sie gesteckt hätte, würde er sie augenblicklich sitzen lassen. In Zukunft brachte er vorher in Erfahrung, wo die Auserkorene für die Nacht wohnte, dann blieb ihm solche Enttäuschung erspart. Mason stand auf und führte seine Begleitung, mit der Hand auf ihrem Rücken, zur Tür.
»Hey Bürschchen, du hast deine Rechnung nicht bezahlt!«, hörte er hinter sich die harschen Worte des Schankwirts. Mason drehte sich zu dem Zentauren um. Ungewaschenes, zotteliges Haar hing dem Wirt ins Gesicht. Tattoos schlängelten sich an seinem massigen Hals entlang. In die Tinten eingearbeiteter Feenstaub sorgte dafür, dass sich die Körperverzierung bewegte.
»Du hast gesagt: Geht aufs Haus!«, schnaufte Mason empört. Verärgerung blitzte in seinen blauen Augen auf.
»Die erste Runde, ja. Alle danach nicht mehr. Zeche prellen ist nicht«, grunzte der vierbeinige Wirt grimmig.
»Weißt du eigentlich, wer ich bin?« Mason ließ von seiner Begleitung ab und stemmte die Hände in die Hüften. Trotzig schob er das Kinn vor. Seine schlaksige Statur ließ nur bedingt zu, dass er bedrohlich wirkte. Er wusste nie genau, was er mit seinen langen Gliedern anstellen sollte. Versuche, sich ein paar Muskeln anzutrainieren waren erfolglos geblieben. Wozu auch? Für die Muskelarbeit standen die Sentinels in seinem Dienst.
»Du könntest Kaiserin Amara VI. sein und ich würde trotzdem verlangen, dass du zahlst.« Ein Schnaufen begleitete die Worte aus dem Mund des Wirts. Er fletschte die paar Zähne, die er noch besaß. Unbeeindruckt gab Mason einen abfälligen Laut von sich. Die Kaiserin an Wichtigkeit höher anzuordnen als ihn war unerhört. Von ihm zu verlangen zu bezahlen, obwohl er so viel neue Kundschaft in den Laden mit dem klebrigen Fußboden gebracht hatte, war eine Frechheit. Eine schnippische Antwort lag ihm auf der Zunge, doch der Barkeeper kam ihm zuvor. »Was denkst du, wo wir hier sind? Im inneren Distrikt können die Bars es sich vielleicht erlauben, dich den ganzen Abend auf ihre Kosten saufen zu lassen, hier sind wir auf jede Kupfermünze angewiesen. Nicht alle werden mit dem goldenen Löffel im Maul geboren.« Er streckte auffordernd seine haarige Hand aus. »Macht fünfzehn Goldmünzen, aber zackig.«
Herablassend lachte Mason. »Fünfzehn Goldmünzen für die Plörre, die du hier servierst?« Unfassbar. Er würde den Preis nicht mal bezahlen, wenn er die Münzen dabei hätte. Es würde Stunden dauern, bevor er den schalen Geschmack losgeworden war.
»Jetzt, wo du es sagst: Mach zwanzig draus. Jemand wie du hat das Geld ja.«
Das war’s. So würde er sich nicht von einem verlausten Zentauren behandeln lassen. Mason drehte sich um und steuerte zielstrebig die Tür an. Auf halber Strecke versperrten ihm zwei Oger den Weg. Beide verschränkten die Arme vor ihren massigen, nackten Brustkörben. Gefühlt waren die Oberarme so umfangreich wie Masons Oberschenkel. Neben Gangtattoos verzierten unter anderem Stammestätowierungen die grün-braune Haut der Schläger. Sie rochen nach Schweiß und Alkohol.
»Ich kann euch wesentlich mehr zahlen als er«, begann Mason, doch das kalte, bedrohliche Lachen seiner neuen Verhandlungspartner ließ ihn sofort verstummen.
»Wenn du nicht zahlst, finden wir halt jemanden, der gewillt ist, eine Summe für dich zu bezahlen«, drohte der Wirt.
Hilfesuchend sah Mason sich um. Keiner der eben noch willigen Zuhörer eilte ihm zur Hilfe. Alle waren plötzlich schwer beschäftigt. Sogar seine weibliche Begleitung schien sich in Luft aufgelöst zu haben.
»Der Orden …«
»Der Orden interessiert uns nicht. Haben die Söhne des Pallux’ nicht in der Nähe ein Versteck?« Die Frage war an einen Zwerg gerichtet, der an der Theke saß. Ein knappes Nicken war alles, was der Wirt und die Handlanger benötigten. Einer der stinkenden Oger trat auf Mason zu und packte ihn am Arm.
»Hey!« Mason schlug nach der Hand, die sich grob um seinen Oberarm schloss. Seit zehn Jahren gab es gelegentliche Entführungsversuche durch die Söhne Pallux’, die ihn opfern wollten. Die Sekte erhoffte sich dadurch die Rückkehr des namengebenden Ancients. Pallux wäre mit Sicherheit alles andere als glücklich darüber, wenn der Kult den Auserwählten auf einem Altar ausbluten ließ. Der Kriegsgott war für sein aufbrausendes Temperament bekannt. Es gab unzählige Geschichten, die von seiner Rachsucht erzählten.
»Ich kann wirklich viel mehr zahlen als die Söhne.«
»Anscheinend ja nicht, sonst würdest du deine Rechnungen begleichen. Bringt ihn in den Keller.«
»Habt ihr eine Ahnung was passiert, wenn ihr mir auch nur ein Haar krümmt?«, zeterte Mason. Zu drohen sah er als den letzten Ausweg aus der Misere, in die ihn sein Date befördert hatte. Der Griff des einen Ogers lockerte sich zwar nicht, aber der andere schien seine Worte zumindest für einen Augenblick zu überdenken. Der Moment kam und ging, bevor Mason ihn ausnutzen konnte.
»Nicht viel vermutlich. Bisher kam ja nur heiße Luft aus dir raus«, maulte der Oger und zeigte dabei eine Reihe spitzer Zähne.
Die Tür zur Spelunke wurde aufgestoßen. Der kalte Windhauch, der mit der aufgehenden Tür durch den Schankraum fegte, reichte nicht aus, um die abgestandene Luft hinauszutragen, erinnerte aber daran, dass Aestra sich am Ende ihrer Kräfte befand. In zwei Wochen würde Mevies auf ihrem Hirsch durchs Land reiten und den Herbst einleiten.
Eine Frau stand in der Tür. Sie war größer als die durchschnittliche Menschenfrau und besaß für Masons Geschmack zu viele Muskeln und zu wenig weibliche Rundungen. Sie hatte die Lippen zu einem dünnen Strich zusammengepresst. Quer über ihr Gesicht zog sich eine Narbe, die ihre Bedrohlichkeit untermalte. Wut brannte in ihren silbergrauen Augen.
»Du hast dir echt viel Zeit gelassen«, beschwerte er sich bei Roberta, die ihm im Gegenzug einen vernichtenden Blick zuwarf. Sie sah aus, als wäre sie frisch aus dem Bett gefallen, direkt in Kleidung hinein, die eindeutig nicht ihr gehörte. Interessant. Sie besaß also doch ein Privatleben. Das hatte Mason ihr nicht zugetraut. Sie war immer reserviert, steif und ihr fehlte es an Humor. Es gab nicht viel, was er an Roberta schätzte. Dass sie in der Lage war, innerhalb von Sekunden die Situation einzuschätzen, rechnete er ihr nicht an, denn dafür bezahlt der Orden sie. Natürlich wäre es ihm auch ohne ihre Hilfe gelungen den Kopf aus der Schlinge zu ziehen.
»Lasst ihn los«, forderte Roberta den Oger zu seiner Rechten auf. Schmerzhaft zog Mason die Luft ein, da sich der Griff um seinen Oberarm festigte. Das würde blaue Flecken hinterlassen. Der Wirt kam um die Theke herum und baute sich bedrohlich links von ihm auf.
»Warum sollten wir das tun?«
»Weil ich es sage.«
»Und du bist?«
»Jemand, der sich nicht gerne wiederholt«, seufzte Roberta. »Was hast du nun schon wieder gemacht, Mason?«
»Die wollen fünfzehn Goldstücke für die Pisse, die sie hier verkaufen. Wollte ich nicht bezahlen und dann …«
»Schnauze«, fuhr der Wirt ihn schnaufend an.
Roberta schob ihre rechte Hand unter ihre Lederjacke. Das Klimpern von Münzen ließ darauf schließen, dass sie sich an ihrem Geldbeutel zu schaffen machte. »Ich bezahl’ seine Schulden und dann sind wir weg. Wie klingt das?«
»Sorry, Missy, aber der Preis ist stark gestiegen. Wir haben andere Pläne mit ihm.«
Der Wirt war noch viel schlechter darin, Gefahren einzuschätzen als Mason es je sein konnte. Mason verstand nämlich gut, was es bedeutete, wenn Robertas Augen zu schmalen Schlitzen wurden. »Du hättest sie wirklich nicht Missy nennen sollen«, lachte er höhnisch.
Ein Hocker flog im hohen Bogen durch den Raum und krachte gegen den Kopf des Wirts. Unter der Wucht des Aufpralls zersprang das Möbelstück. Der Zentaur geriet ins Taumeln. Überrascht ließ der Oger Mason los. In Windeseile bewegte er sich durch den Schankraum und brachte sich hinter seiner Leibwächterin in Sicherheit.
»Wir gehen jetzt«, verkündete sie eisig.
»Ganz bestimmt nicht, Miststück. Dafür wirst du bezahlen. Schnappt sie euch!«
Innerhalb eines Wimpernschlags brach Chaos aus. In einem Moment raste ein Oger direkt auf sie zu, im nächsten hatte Roberta diesen gepackt und ihn mit dem Gesicht zuerst auf einen Tisch befördert. Das altersschwache Möbelstück zerbrach unter dem Gewicht. Viele der Anwesenden flohen. Der Zentaur, der sich vom ersten Schock erholt hatte, und der zweite Oger preschten auf Mason und Roberta zu.
»Draußen steht eine Kutsche. Setz dich da rein und warte auf mich.« Die Sentinel wich dem Oger mit einem Ausfallschritt aus. Sie wirbelte an ihm vorbei und griff nach einem Stuhl, den sie als Waffe benutzte. Mason blieb nicht zurück, um zu erfahren, was sie damit vorhatte. Er nutzte die ausgebrochene Panik, um den fürchterlichen Ort zu verlassen.
Auf der Straße verschwanden die Gäste rasch in alle Himmelsrichtungen. Bis draußen hörte man den Krach, den die vier in der Spelunke veranstalteten. Ein Barhocker flog durch ein geschlossenes Fenster. Angsterfüllt sah sich Mason nach der Pferdekutsche um und fand sie auf der anderen Straßenseite. Er war versucht den Kutscher anzuweisen direkt loszufahren. Sein Leben war schließlich in Gefahr und auf Roberta zu warten barg Risiken.
»Wenn sie in fünf Minuten nicht da ist, fahr los«, wies er den Gnom an, als er in die stinkende Kabine stieg. Er ließ die Tür offen, damit er atmen konnte.
03
Bobbie
Mit dem Handrücken wischte Bobbie sich blaues Blut von der Wange. Das war ja großartig gelaufen. Sie würde nicht abstreiten, dass sie minimal überreagiert hatte, aber sie ließ sich nicht Missy nennen. Sie kletterte über einen der stöhnenden Oger und trat auf den Zentauren zu. Neben ihm ging sie in die Hocke. »Denk in Zukunft zwei Mal darüber nach, ob du eine Frau Missy oder Miststück nennst.« Aus ihrem Münzbeutel holte sie die erforderliche Menge, die Mason dem Schuppen schuldete. Sie ließ die Münzen auf den Boden fallen. Prüfend wanderte Bobbies Blick durch den Schankraum, um den Schaden, den sie angerichtet hatte, abzuwägen. Zwei weitere Goldstücke fanden den Weg auf den klebrigen Fußboden. »Fünfzehn Goldstücke für Masons Saufgelage und alle anderen Unkosten, die entstanden sind. Reicht das?« Zu seinem Glück verstand der Wirt, dass ein Nein inakzeptabel war. Knapp nickte er. Hinter ihr erhob sich stöhnend einer der Oger. Sie spürte seinen Blick im Nacken. Rasch sah sie über ihre Schulter, doch von ihm ging keine weitere Gefahr aus. Ächzend sank er auf einen Stuhl und rieb sich die Stirn.
»Sentinel?«, fragte der sitzende Oger, als Bobbie an ihm vorbeischritt. Ihre Antwort bestand aus einem zustimmenden Nicken. »Ich beneide dich nicht um deinen Job«, hörte sie ihn murmeln. Freudlos lachte sie. Ihr Kiefer zog an der Stelle, an der sie eine Faust getroffen hatte. Bei ihrem Glück würde sie den Treffer tagelang spüren. Die Hand zum Abschiedsgruß gehoben, verließ sie die Spelunke.
Auf dem Weg zur Kutsche realisierte sie, dass sie die nächsten zwanzig Minuten mit Mason auf engstem Raum verbringen würde. Trotz offener Tür schlug ihr saurer Geruch entgegen. Bobbie seufzte. Eine sehr lange Rückfahrt stand ihr bevor. »Crimson-Botschaft«, wies sie den Kutscher an und stieg ein.
Gegenüber von Mason sank sie auf die unbequeme Sitzbank und zog die Tür schwungvoll zu. Mason schreckte aus dem Schlaf auf. Anklagend, als hätte sie ihn aus seinem Schönheitsschlaf gerissen, sah er sie an. Bobbie hob die rechte Augenbraue, obwohl sie ahnte, dass sie ihm damit eine Vorlage für ein Gespräch lieferte, an dem sie kein Interesse hatte. Mit einem Ruck setzte die Kutsche sich in Bewegung.
»Ich hatte es unter Kontrolle«, maulte Mason prompt, dabei verschränkte er bockig die Arme vor seinem Brustkorb.
»Sah ganz danach aus.«
»Spar dir den Sarkasmus.«
»Wenn du aufhörst dich wie ein verzogener Bengel zu benehmen, der denkt, ihm gehöre die Welt, pack ich den Sarkasmus weg. Deal?«
»Mir gehört …«
»Nichts. Dir gehört nichts. Wenn wir zurück in der Botschaft sind, packst du deine Taschen. Wir fliegen heute noch nach Dragonwall.«
»Du kannst nicht einfach …«
»Doch, ich kann«, vereitelte sie Masons Bestreben, sich unnötig aufzuplustern. »Du wärst fast entführt worden. Meine oberste Priorität ist deine Sicherheit. Nova Ara birgt viele Risiken. Dragonwall hingegen ist einer der sichersten Orte der Welt. Perfekt also, um eine Weile unterzutauchen.« Bösartig grinste sie ihn an. Ausnahmsweise hatte sein Verhalten ihr direkt in die Hand gespielt.
»Dragonwall ist stinklangweilig.« Er fuhr sich durch die braunen Haare, die dank Stylingprodukten nicht aus der Form gerieten.
»Gut, da kannst du dann weniger Scheiße anstellen.« Darauf würde sie sich keine Sekunde verlassen. Mason besaß das seltsame Talent, Ärger wie ein Magnet anzuziehen. Schmollend und zornig zugleich sah er sie an. »Und solltest du erneut eine Kneipenschlägerei anzetteln, verspreche ich dir, mich nicht einzumischen und dich das allein klären zu lassen. Immerhin hattest du es ja unter Kontrolle«, zog sie ihn mit einer extra Portion Sarkasmus auf. Für sein versnobtes Schnaufen hatte Bobbie nur ein müdes Lächeln übrig.
Sie wand ihren Blick von ihm ab und schaute aus dem Fenster. Da ihre Taschenuhr auf ihrem Nachttisch lag – hoffentlich dachte Rex daran, sie einzupacken – konnte sie die Uhrzeit nur schätzen. Die ersten Sonnenstrahlen spiegelten sich in den Glasfassaden der Hochhäuser und tauchten alles in ein oranges Licht.
Minutenlang sah Bobbie stur durch das dreckige Fenster und beobachtete die Stadt dabei, wie sie langsam wieder zum Leben erwachte. Wenn sie keinen Blickkontakt mit Mason herstellte, konnten sie beide vorgeben, als wäre der jeweils Andere nicht da. Die Idee war gut, aber Mason schien nichts von ihrem unausgesprochenen Wunsch nach Ruhe zu halten. Unverhohlen starrte er sie an, bis sein Blick regelrecht unangenehm wurde und er sich nicht weiter ignorieren ließ.
»Was?«, herrschte sie ihn an.
Siegessicher grinste Mason. Gelassen verschränkte er die Arme hinter dem Kopf und rutschte auf der Sitzbank ein Stück tiefer, bis seine gespreizten Beine einen Großteil des beschränkten Fußraums einnahmen. Bobbie knirschte mit den Zähnen. Sie hätte ihn dem Wirt und seinen Schergen überlassen sollen.
»Du siehst aus, als wärst du frisch aus dem Bett gefallen.«
»Ich bin aus dem Bett gefallen.« Was bitte sollte sie sonst um diese Uhrzeit machen?
»Allein?«
»Das geht dich nichts an.«
»Sieh an, Roberta Archer hat also tatsächlich ein Privatleben. Wer hätte es gedacht? Wie ist ihr …« Er musterte das graue Hemd, welches sie trug. »… sein Name? Kenn ich ihn?« Das neugierige Funkeln, das in Masons hellblauen Augen lag, entgegnete Bobbie mit einem unwilligen Schnaufen. Der Bart, den er sich momentan wachsen ließ, täuschte nicht darüber hinweg, wie jugendhaft seine Gesichtszüge waren.
»Jetzt lass dir nicht alles aus der Nase ziehen. Wir sind doch eine Fami…«
»Nein, sind wir nicht«, knurrte sie. »Mein Vater und deine Mutter waren vielleicht verheiratet, aber wir sind keine Familie.« Der Muskel in ihrem Kiefer zuckte. Ihre Zähne rieben dermaßen hart übereinander, dass sie ein Ärgernis von Zahnschmerzen entfernt war.
»Sind. Rhys und meine Mutter sind verheiratet«, entgegnete Mason beharrlich. Er hatte viele Fehler, doch fehlende Liebe zu Rhys war keine. Deshalb verzichtete sie darauf, in einer Wunde herumzustochern, die bei ihnen gleichermaßen schlecht verheilte. Bobbie wusste nicht, ob man das noch verheiratet nennen konnte, wenn ein Ehepartner seit zehn Jahren als spurlos verschwunden galt. Verschwunden, nicht tot. Solange es keine Leiche gab, hielt Bobbie daran fest, dass ihr Vater lebte. Zumindest da waren Mason und sie sich einig.
Ruckartig kam die Kutsche zum Stillstand. Bobbie ließ den beengten Raum hinter sich. Während sie den Kutscher bezahlte, verschwand Mason durch die Glastür in der Botschaft.
Sie wartete einen Moment, bevor sie ihm in den modernisierten Steinbau folgte, der inmitten der hohen Glasbauten hervorstach. Das Botschaftsgebäude lag taktisch geschickt zwischen Regierungsviertel und Tempelbezirk. Nach der Citadel in Dragonwall war das Konsulat in Nova Ara der zweitwichtigste Stützpunkt des Ordens. Nicht zuletzt, weil der Crimson-Orden eng mit dem Kaiserpalast zusammenarbeitete. Da die Ordensmitglieder nicht nur Jahrzehnte, sondern Jahrtausende auf den Auserwählten gewartet hatten, hatten sie sich anderweitig nützlich gemacht und sich weitere Standbeine geschaffen. Die Citadel beherbergte eine beachtliche Bibliothek, dessen gesammeltes Wissen Gelehrten auf der ganzen Welt zur Verfügung stand. Außerdem verfügte der Orden über Experten auf unzähligen Fachgebieten und beriet bedeutende Persönlichkeiten in Gilaen. Jeder Staat besaß mindestens eine Botschaft. Sogar auf Ta’Mir lebten zwei Elder, obwohl die Schwesternschaft Fremde nicht gerne auf der Insel sah. Der Crimson-Dawn-Orden war in den 3340 Jahren seines Bestehens zu einer nicht zu unterschätzenden politischen Macht herangewachsen. Erstaunlicherweise war ihnen dies unter dem Banner der Neutralität gelungen.
Bemerkenswert war auch, dass Bobbie nach drei Jahren im Dienst immer noch kein eigenes Büro besaß, sondern sich bei jedem Aufenthalt einen freien Raum suchen musste. Keiner schien damit gerechnet zu haben, dass sie sich so lange hielt. Das durchschnittliche Durchhaltevermögen ihrer Vorgänger lag bei einem Jahr.
Eine akzentgefärbte Frauenstimme rief nach ihr. Augenblicklich entspannte sich Bobbie und sie drehte sich mit einem Lächeln um. Mae eilte den Gang entlang. In der Hand hielt sie einen dampfenden Becher. Bobbie sog den verlockenden Kaffeeduft in sich auf. Mae sah im Gegensatz zu ihr aus wie aus dem Ei gepellt. Die aschblonden Haare, die am Ansatz schwarz nachwuchsen, hatte sie mit einem aufwändigen Flechtzopf nach hinten gebunden. Die rosige Farbe der Wangen war ebenso unnatürlicher Natur wie das satte Schwarz der Wimpern, welche die braunen Augen umrandeten. Gerade noch so ließ sich blasse Sommersprossen auf der gelbbraunen Haut erkennen.
»Ich hasse dich«, stöhnte Bobbie, nachdem sie die Halbelfe ausführlich in Augenschein genommen hatte. Lachend reichte Mae ihr den Kaffeebecher.
»Ich nehme alles zurück. Ich liebe dich.« Beherzt trank sie einen Schluck von dem Gebräu, mit dem sich der Stärke nach zu urteilen Tote erwecken ließen. Genau das hatte sie gebraucht.
Sie bereute keinen Tag, Mae die Position als Assistentin unterbreitet zu haben. Halbherzig hatte ein Ordensmitglied den Papierkrieg für die Sentinels ausgefochten, bevor die Botschafterinnentochter den Job übernommen hatte. Mae hatte die bürokratischen Vorgänge optimiert. Regelmäßig gelang es ihr, dem Orden neue Gelder für effizientere Ausrüstung abzuschwatzen. Momentan bemühte sie sich darum, die Ordensverwaltung davon zu überzeugen, den Sentinels und somit Mason ein eigenes Luftschiff zu finanzieren. Neben mehr Freiheiten würde ihnen dies eine dauerhafte Operationsbasis bieten.
»Bitte mach mir keinen Antrag, wenn ich dir nun sage, dass in der Umkleide ein Beutel mit Kleidung auf dich wartet. Reginald hat ihn mitgebracht und erwähnt, dass ihr frühzeitig aus dem Schlaf gerissen worden seid.«
»Rex redet zu viel.« Eine unfaire Aussage, denn Rex bemühte sich genauso sehr wie sie, ihr Sexleben für sich zu behalten. Obwohl Mae ihre älteste und engste Freundin war, hatte Bobbie nie vorgehabt sie einzuweihen. Wäre Mae nicht vor einem halben Jahr in einen Dampf ablassenden Quickie geplatzt, würde sie weiterhin in glücklicher Ignoranz leben. Seitdem vermieden Bobbie und Rex es, die zugeteilten temporären Schreibtische für eine schnelle, stressabbauende Nummer zu nutzen. Bobbie vermutete, dass die anderen Sentinels wussten oder zumindest ahnten, was hinter verschlossenen Türen geschah. Sie besaßen genug Anstand nicht in ihrer Gegenwart darüber zu sprechen oder sie offen dafür zu verurteilen. Da sie keinen militärischen Regulierungen unterlagen, war die On-Off-Affäre in der Theorie nicht verboten. Unprofessionell blieb es dennoch.
»Wo steckt er überhaupt?«, wechselte sie das Thema.
»Informiert das Team darüber, dass wir heute nach Dragonwall zurückreisen. In zwei Stunden können wir das Luftschiff boarden.«
»Mehr als genug Zeit für eine Dusche«, sinnierte Bobbie.
»Gute Idee. Du riechst nach süßem Parfüm und Sex.« Übertrieben schnüffelte Mae.
»Damit rieche ich immer noch besser als die Absteige, in der ich Mason gefunden habe oder die Kutsche, in der wir unterwegs waren«, schlussfolgerte Bobbie. Zusammen mit einem weiteren Becher Kaffee war eine Dusche genau das, was sie brauchte, um vernünftig in den restlichen Tag zu starten. Zumal sie die nächsten 24 bis 36 Stunden auf einem Luftschiff verbringen würde, auf dem im besten Fall das Duschwasser lauwarm war. Über den schlechtesten Fall wollte sie nicht nachdenken. Man sollte ja meinen, dass mit Magie fast alles möglich war, aber sie war schon in Luftschiffen gereist, wo das Abwassersystem quasi nicht vorhanden war. Und dann war da noch Mason, der grundsätzlich immer mehr heißes Wasser benutzte als ihm zustand.
In zwei Tagen würde sie Mason erst mal in die Hände seiner Mutter übergeben. Dafür, dass der Tag beschissen angefangen hatte, war das keine so schlechte Aussicht.
04
Bishop
»Der Captain will dich sehen.« Hinkbeewicks Stimme ertönte, bevor der Geist sich im Raum materialisierte. Bishop sah von dem Buch auf, das er sich von Aspen geliehen hatte. Brennende Herzen: Der Anfang war fürchterlich kitschig, übte jedoch eine seltsame Faszination auf ihn aus. Normalerweise schlug er einen großen Bogen um Liebesromane, doch er hatte verpasst seinen Buchvorrat aufzustocken. Bishop bevorzugte historische Texte oder Abenteuerromane, die sich um Gilaens Champions drehten. Geschichtsforscher stritten bis heute über die Existenz der vierzehnköpfigen Heldentruppe. Ob fiktiv oder nicht, die Geschichten der geheimnisumwitterten Vereinigung boten spannendes Lesematerial. Er konnte sich nicht vorstellen, dass es in Gilaen irgendjemanden gab, der nicht im Laufe seiner Kindheit davon geträumt hatte Schwarzschwingen zu besiegen und mit den Ancients bei Festmahlen zu speisen. Jede Nation besaß mindestens einen Helden, der Gilaens Champions angehört hatte. Als inoffiziellen Gründer des Dracalian Empires galten Francesca und Cassian, das bedeutendste Liebespaar der Champions. Kaiserin Amara VI. rühmte sich damit, eine direkte Nachfahrin der beiden zu sein, und strebte an, ebenso unvergesslich in die Geschichtsschreibung einzugehen. Bishop hegte berechtigte Zweifel an ihrem Erfolg.
»Haben wir nicht darüber geredet, dass du aufhören sollst ohne Einladung ins Zimmer zu platzen?« Finster betrachtete Bishop den semitransparenten Gnom, mit der ausgeblassten grünen Haut. Er besaß keine feste Form mehr. So war das halt, wenn man als Geist an einen Ort gebunden war. Wo Hinkbees Leichnam lag, war kein Geheimnis. Bei dem Versuch, den Antriebskristall zu stehlen, war er mit dem Reaktor des Schiffs verschmolzen. Ihn zu entfernen barg Risiken, die der Captain nicht gewillt war einzugehen. Ein Nekromant mit einer Reinigungszeremonie zu beauftragen wäre eine Option, aber dann müssten sie sich mit unliebsamen Fragen auseinandersetzen. Also lebten sie damit, dass das Luftschiff einen launischen Geist beherbergte, für den Privatsphäre ein Fremdwort war. Wenn man so eng aufeinander wohnte, dann war das ohnehin nichts, worauf man viel Wert legen sollte. Die Innenwände waren dünn. In manchen Nächten hörte Bishop deutlich, was sich auf der anderen Seite des Schiffs abspielte.
»Als würdest du irgendwas Spannendes in deinem Zimmer treiben«, brummte Hinkbeewick. Neben seinen Mundwinkeln zuckten auch seine langen Ohren, die seitlich vom Kopf abstanden. In den Worten lag mehr Wahrheit, als Bishop lieb war. Mürrisch legte er das Buch beiseite und stand vom Bett auf. Seine Kajüte war spartanisch eingerichtet. Ein Einzelbett, ein kleiner Tisch und ein Hocker, der gleichzeitig als Nachttisch diente sowie ein Schrank, der Raum für das Nötigste bot. Ihm reichte das aus. An den Wänden und in den Kisten befand sich eine überschaubare Anzahl persönlicher Gegenstände. Sie gehörten ihm und erfüllten keinen dekorativen Zweck, der den sozialen Stand sowie Status darstellte. In seinem Reich musste er nicht vorgeben jemand zu sein, der er nicht sein wollte.
»Hat Maverick gesagt, was er will?« Bishop kratzte sich über sein neuestes Unterarmtattoo – harte Kanten und Linien, die sich von seiner dunkelbraunen Haut abhoben. Er konnte es kaum erwarten, dass das Jucken nachließ.
»Geht um einen Job, den er für dich hat.« Der Gnom zuckte mit den Schultern. Bishop kaufte ihm die Ahnungslosigkeit nicht ab. Hinkbee bekam mehr mit, als er zugab. Er schritt durch den Geist hindurch und ein eisiger Schauer erfasste ihn. Es fühlte sich an, als hätte ihm jemand eine eiskalte Hand in den Nacken gelegt.
»Unerhört. In welcher Gosse hat man dich denn auf die Welt geschissen? Keinerlei Respekt vor den Toten«, regte Hinkbee sich auf. Ohne sich umzudrehen, hob Bishop die Hand und streckte ihm den Mittelfinger entgegen. Er ließ die Schimpftirade und die Verwünschungen seiner Mutter hinter sich.
Die Brücke lag am anderen Ende des Luftschiffs. Bishop nahm den Weg über das Sonnendeck. Frische Luft half ihm dabei die Trägheit aus den Knochen zu treiben.
Seit fünf Jahre nannte er die Storm Rider sein Zuhause. Er würde sich niemals an der Aussicht sattsehen, die sich ihm bot, wenn sie in der Luft waren. Und solange er stur geradeaus und nicht nach unten sah, war alles in Ordnung. Bishop blieb an der Reling stehen und ließ das satte Grün des Waldes auf sich wirken. Die Storm Rider befand sich im Sinkflug. Allmählich wurden die Bäume unter ihm lichter und gaben schließlich den Blick auf den Wryrirdsee frei. Sonnenlicht spiegelte sich in dem glasklaren Wasser und blendete ihn. Dahinter thronten die Ausläufer des Fyregebirges, mit seinen inaktiven Vulkanen.
Bishop kniff die Augen zusammen. In der Ferne machte er die Türme der Citadel aus. Dragonwall – ihr Ziel – lag direkt daneben. Das Dorf war im Verhältnis zur Wichtigkeit des Ortes winzig. Die Citadel beherbergte den Hauptsitz des Crimson-Ordens. In einem der drei Türme hatte das Magus-Kollektiv eine Akademie untergebracht. Offiziell war die Schule eine unabhängige Institution, doch es war kein Geheimnis, dass der Orden sich dort Magierinnen und Magier heranzog. Im kleinsten Turm befand sich die umfangreichste Bibliothek des Dracalian Empires, wenn nicht sogar der Welt. Als Kind hatte Bishop einen kurzen Blick in den Hauptraum der Bücherei erhascht. Bücher und Schriftrollen füllten die Regale. Viele der Schriften waren in Sprachen, die heute keiner mehr benutzte. Einer der wachsamen Bibliothekare hatte ihn beim Stöbern erwischt und ihn an seine Mutter ausgeliefert. Die Erinnerung an das Ereignis war verblasst, schließlich lag es um die dreißig Jahre zurück. Er konnte nicht älter als fünf Jahre gewesen sein. An dem Tag hatte man ihn auf sein magisches Talent getestet. Er besaß keins, dementsprechend erfolglos waren die Tests verlaufen. Eine von unzähligen Enttäuschungen, die er seiner Mutter bereitet hatte. Er hatte dieses Leben zurückgelassen, um einen eigenen Weg zu beschreiten, unabhängig vom ungesunden Einfluss seiner grauenhaften Familien.
Bishop lächelte. Sonnenstrahlen wärmten sein Gesicht. Er genoss sie für einen Moment, der viel zu schnell ein Ende fand.
»Bishop!« Er zuckte zusammen. Die verrauchte Stimme gehörte zu Maverick, der auf der zur Brücke führenden Treppe stand und ihn mit einer Handbewegung zu sich winkte. Bishop riss sich von der Aussicht los und steuerte auf den Captain der Storm Rider zu. Er kannte den älteren Mann lange genug, um zu wissen, dass etwas nicht stimmte. In dem Narben gezeichneten Gesicht stand Sorge geschrieben. Maverick war ein in die Jahre gekommener Ex-Soldat, der an Muskeln eingebüßt hatte, aber nicht an Körpermasse. Sein schwarzes, kurzgeschorenes Haar sowie der gepflegte Vollbart waren von Grau durchzogen. Pigmentstörungen zeichneten die hellbraune Haut an vielen Stellen seiner Arme und dem Hals.
»Wie gut kennst du dich in Dragonwall aus?« Die Lage schien kritisch zu sein, denn Maverick fand nicht die Zeit für einen morgendlichen Gruß.
Bishop zuckte mit den breiten Schultern. »Geht so. Das Dorf ist übersichtlich.« Er folgte dem Captain die Stufen hinunter und betrat die Empore, von der man die Brücke überblickte.
»Nicht das Dorf, die Citadel. Gelingt es dir, ohne Aufmerksamkeit auf dich zu ziehen, hineinzukommen?« Über eine Metalltreppe ging es nach unten, vorbei an der großen Weltkugel, die über einem Podest schwebte und sich langsam um die eigene Achse drehte. Ein blauer, blinkender Punkt zeigte ihren Standpunkt auf der Karte an. Beständig bewegte er sich auf Dragonwall zu.
Odette, die im Pilotensitz saß, hob kurz die Hand zum Gruß. Konzentriert gab die Zwergin Befehle in das Brückeninterface ein und rutschte dabei mit ihrem Stuhl zwischen zwei Konsolen hin und her. Bishop fehlte das technische Verständnis, um auch nur ansatzweise nachvollziehen zu können, was die resolute Brünette tat. Der gepolsterte Pilotensitz war an einer vier Meter langen Schiene am Boden befestigte, damit Odette nicht aufstehen musste, während sie das Luftschiff steuerte. Leif hatte das System nachträglich eingebaut, um ihr die Arbeit zu erleichtern. Vor über zwei Jahrzehnten hatte Odette als Pilotin im dracalischen Militär gedient. Bei einem Manöver war ihr Luftschiff schwer beschädigt worden. Zwar war es ihr gelungen, das Schiff sicher zu landen, doch der Angriff hatte sie das Bein gekostet. Das Militär hatte sie in Frührente geschickt, obwohl sie auch mit Beinprothese fähig war, Schiffe zu fliegen. Der Verlust der Luftwaffe, war ein Gewinn für die Storm Rider. Odette, die Bishop gerade so bis zur Hüfte reichte, war nicht nur eine grandiose Pilotin, sondern auch eine ernstzunehmende Gegnerin beim Poker. Die weiße Zwergin mit den braunen Haaren und den blauen Augen besaß ein nahezu perfektes Pokerface, das er immer noch versuchte zu knacken.
Bishop zog seine Augenbrauen zusammen. Sogar er als Laie sah, dass mehr Lämpchen als sonst an den Konsolen blinkten. Besorgniserregend viele.
»Kommt drauf an, was ich in der Citadel erledigen soll. Hat es was mit den blinkenden Lichtern zu tun?« Er konnte nicht problemlos in die Citadel rein spazieren. Ohne vorherige Anmeldung und guten Grund waren Besucher unerwünscht. Wöchentlich gab es eine einzige Führung für Touristen, die durch eine Lotterie ein Ticket gewonnen hatten. Bishop kannte nur wenige Orte, die noch besser gesichert waren als die Türme des Ordens.
»Der Kristall im Reaktor gibt den Geist auf und wenn wir nicht schleunigst einen neuen besorgen, kommt es zu einer Kernschmelze. Im schlimmsten Fall fliegt die Storm in die Luft. Zumindest ist es das, was Leif prophezeit.« Unausgesprochen stand zwischen ihnen, dass Maverick dem Schiffsmechaniker nicht abkaufte, dass die Storm Rider wirklich in die Luft flog. Leif, so gut er seinen Job auch ausführte, neigte zu Übertreibungen.
»Wie viel Zeit habe ich, bevor es kritisch wird?«
»Keine. Wir landen und werden Dragonwall nicht mehr verlassen, bis wir einen neuen Kristall eingebaut haben. Odette kriegt die Storm nicht wieder in die Luft.«
Großartig. Bishop fuhr sich mit der Hand über den frisch rasierten Kopf. »Gebt mir drei bis vier Tage.« Erst musste er die Lage checken und jemanden finden, an den er sich dranhängen konnte, ohne dabei aufzufallen. Solange er um hochrangige Ordensmitglieder einen Bogen schlug und sich an junge Anwärterinnen oder Anwärter hing, die ihn nicht zuordnen konnten, sollte er auf der sicheren Seite sein. Acht Jahre waren eine lange Zeit. Aus dem Auge, aus dem Sinn hatte einen hohen Wahrheitsgehalt.
»Habe ich eine andere Wahl?«, brummte Maverick. Auch der Captain blieb nicht gerne über einen längeren Zeitraum an einem Ort. Vor allem wenn dieser Ort so winzig war, wie Dragonwall.
Schmuggel und kleinere Diebstähle waren nicht ungewöhnlich für die buntgemischte Crew der Storm Rider. Im Normalfall vermieden sie anspruchsvolle Ziele wie die Citadel. Zu auffällig. Zu gefährlich. Ohne das Schiff waren sie jedoch aufgeschmissen. Magische Kristalle zählten zwar nicht zur Mangelware, die Anschaffung war nur teuer. Je größer der Kristall, desto tiefer musste man in die Tasche greifen. Und Dragonwall hatte mit Sicherheit keinen Schwarzmarkt, auf dem sie ein Tauschgeschäft tätigen konnten. Einen zu stehlen war ihre einzige Option. »Vier Tage maximal, dann sind wir wieder in der Luft«, versprach er. Eine kribbelige Vorfreude erfasste Bishop. Der Diebstahl war genau die Art von Herausforderung, der er sich gerne stellte.
Ein Beben erschütterte das Schiff. Odette fluchte. Noch mehr Lichter blinkten. Ein schriller Warnton erklang von einer der Konsolen. Das Geräusch schmerzte in den Zähnen. Bishops Magen zog sich zusammen. Er hielt sich an einem Stuhl fest, während er mit Maverick Details abklärte und sich gedanklich einen vagen Plan zurechtlegte.
05
Bobbie
Heftige Windböen wiegten das hochmoderne Luftschiff hin und her. Sogar die Dämpfer waren machtlos gegen das Ruckeln. Alles, was nicht sicher befestigt war, landete langfristig auf dem Fußboden oder rutschte durch den Raum. Bei solch starkem Wind half kein Gold der Welt. Sturm blieb Sturm und selbst die modernsten Luftschiffe gerieten ins Schwanken. Bobbie litt zwar nicht unter den Turbulenzen, was man von einigen ihrer Begleiter nicht behaupten konnte, aber auch sie freute sich darauf, in ein paar Stunden wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.
Grübelnd schritt sie im Zimmer auf und ab. Papiere zierten den Fußboden, das Bett und den Schreibtisch. Für das Chaos war nicht der Wind verantwortlich. Um sich einen Überblick zu verschaffen, hatte Bobbie alles vor sich ausgebreitet.
Seit Wochen gab es unerklärliche Wetterphänomene, die untypisch für die Jahreszeit waren. Geschmolzene Eiskappen auf der Frozen Isle und Gewitter über dem Dschungel von Kyvelion, das von Schnee begleitet wurde, ließ Experten ratlos zurück.
Bobbie hockte sich neben eine auf dem Boden liegende Karte von Veluriath. Im Nordosten des Kontinents, inmitten von Evergreen, waren Archäologen des Crimson-Ordens auf alte Ruinen gestoßen, die sich 10.000 Jahre zurückdatieren ließen. So wie es aussah, war es dem Orden gelungen das Sanctum zu finden. Allerdings war kurz darauf der Kontakt zum Lager abgebrochen. Vor einer Woche hatte man Bobbie über den Fund in Kenntnis gesetzt. Obwohl dies nicht zu ihren Aufgaben gehörte, erwartete der Rat der Ewigen Fünfzehn, dass sie zwei Sentinels zusammen mit vier Citadel-Wächtern nach Evergreen entsandte. Drei Wochen Funkstille verhieß definitiv nichts Gutes. Bobbie drückte Daumen und Zeigefinger gegen die Nasenwurzel. Ihr behagte es nicht, ihre Leute in die Ungewissheit zu schicken, während sie zurückblieb.
Klopfend kündigte sich Mae an. Bobbie schob die Papiere zusammen. Eine heftige Böe krachte gegen die Außenwand des Luftschiffs und brachte alles zum Beben. Mae hielt sich an einer Kommode fest. Bobbie kämpfte mit ihrem Gleichgewicht. Sie zog sich am Tisch hoch. Wie die meisten Möbelstücke war er am Boden festgeschraubt, damit er bei schlechten Wetterbedingungen nicht umkippte und jemanden umbrachten. »Bitte hab’ gute Nachrichten. Bevorzugt sowas wie: Wir landen in ein bis zwei Stunden in Dragonwall.« Hoffnungsvoll sah Bobbie ihre Freundin an.
Mae zog eine leidige Grimasse, die Antwort genug war. »Voraussichtliche Landung ist heute Abend, sofern wir nicht ein weiteres Gewitter umfliegen müssen.« Trockenes Würgen begleitete die Worte. Schwankend steuerte Mae das Einzelbett an. Die darauf liegenden Papiere hielten sie nicht davon ab sich auf die Matratze fallen zu lassen. Einen Augenblick starrte sie die Decke an, dann schloss sie wimmernd die Augen. Bobbie bezweifelte, dass dies half, denn das Schiff bewegte sich trotzdem weiter. Gequält stöhnte Mae. Bobbie befürchtete, dass ihre Freundin sich jeden Moment von ihrem Frühstück verabschieden würde. Sie sah sich nach einem Gefäß um und entschied sich für den Mülleimer. Keine Sekunde zu spät stellte sie ihn neben dem Bett ab. Mae rollte sich zur Seite und übergab sich geräuschvoll.
»Was ist dein Geheimnis?«, krächzte sie. Mit glasigem Blick sah Mae zu ihr auf. Bobbie reichte ihr eine Wasserflasche und setzte sich neben sie aufs Bett.
»Gibt kein Geheimnis. Ich ignoriere es weitgehend, weil meine Gedanken um tausend Dinge gleichzeitig kreisen.«
»Willst du ein paar davon teilen?« Der Wunsch nach Ablenkung stand Mae ins leichenblasse Gesicht geschrieben. Erschöpft fuhr sie sich durch die langen Haare und richtete sich halbwegs auf. Sie entfernte Ohrklemmen von den spitzen Ohren und legte sie zur Seite. Angespannt rieb sie sich die Ohrspitzen.
Bobbie rutschte neben sie auf die Matratze und lehnte sich gegen die Wand. »Ein Forscherteam des Ordens hat in Evergreen das Sanctum gefunden.«
Hörbar atmete Mae ein. »Weiß Mason davon?«
»Nein. Und er wird davon auch erst erfahren, wenn wir sicher sind, dass es ungefährlich ist. Die Ewigen Fünfzehn wollen nicht, dass die Situation wieder so eskaliert wie in Jää Este.« Der Jää Este Zwischenfall lag nicht ganz vier Jahre zurück. Der Rat benutzte ihn noch heute als Beispiel, wie eine Mission nicht verlaufen sollte. Bobbie kannte nur die Akten und in der standen zwei unterschiedliche Aussagen. Neben Mason hatte es nur einen weiteren Überlebenden gegeben, der eine enorme Abfindung vom Orden erhalten hatte. Nur eins war klar: ein Sentinel-Team und dreizehn Zivilisten waren tot, weil Mason sich in den Kopf gesetzt hatte, dass er eine Heldentat verbringen wollte. Dies war nicht die erste kopflose Handlung des Auserwählten gewesen, aber das erste Mal, dass es viele Tote gegeben hatte. Trotzdem war Mason am Ende als Held der Stunde aus dem Vorfall hervorgegangen und dem Orden war es gelungen die unschönen Details unter den Teppich zu kehren. Wie viele Hände dafür geschmiert worden waren, wusste Bobbie nicht. Kurz darauf war der Orden mit dem Jobangebot an sie herangetreten.
Die Kristallleuchten an der Wand flackerten. Das Schiff bebte unter der Wucht des Winds. Regen schlug gegen die Fensterscheiben und in der Ferne kündigte sich donnernd das nächste Gewitter an.
»Ancients steht mir bei.« Keuchend schnappte sich Mae den Mülleimer und hielt ihren Kopf über die Öffnung. Beruhigend rieb Bobbie ihr den Rücken. Ihnen standen sehr lange Stunden bevor. Mae hatte ihr zu einer Zeit, als es ihr wirklich schlecht ging, zur Seite gestanden, dagegen war ein wenig Reiseübelkeit nichts.
Bobbie verfrachtete Mae unter die Bettdecke und besorgte ihr daraufhin aus der Küche einen Tee gegen die Übelkeit. Der konnte zwar nichts gegen das allgemeine Unwohlsein ausrichten, aber es verhinderte zumindest, dass Mae weiter erbrach. Den Rest der Reise verbrachte sie im engen Einzelbett, während Bobbie versuchte eine Lösung für das Sanctum-Problem zu finden.
06
Mason
Zielstrebig bewegte Mason sich durch die kreisrunde Eingangshalle der Citadel. Genau genommen handelte es sich dabei um den Ordensturm, doch für ihn war dies die Citadel – das Zentrum seiner Macht. Die anderen Türme waren für ihn belanglose Nebensächlichkeit, mit der sich der Orden bis zu seiner Geburt die Zeit vertrieben hatte.
Jeder Turm verfügte über einen eigenen Eingang. Durch gläserne Brücken waren die Gebäude im siebten und vierzehnten Stock miteinander verbunden.
Der Empfangsbereich war pompös. Hohe Decken, mit reichen goldenen Ausschmückungen. Kristalle täuschten natürlichen Lichteinfall vor, denn Fenster gab es keine. Zwischen zwei Treppen, die nach oben führten, lag der Zugang zum Aufzug. Erst Anfang des Jahrhunderts hatte man den Fahrstuhl nachträglich eingebaut.
Wandmalereien erzählten die Entstehungsgeschichte Gilaens. Der Kampf der Ancients gegen die Weltenfresser Valgar und Galvar, Gilaes Tod und die daraus entstehende Welt. Auf dem Fußboden ließ sich eine verblasste Weltkarte erahnen. Statuen der sieben Götter umringten die Karte.
Die Skulpturen waren nicht nur dekorative Elemente. Hinter den lebensechten Gesichtern versteckten sich Golems. Es handelte sich um eine einmalige Anfertigung Rafaela Angelini. Um die Golems anzufertigen, hatte die weltbekannte Steinhauerin eng mit einer unbekannten Magierin zusammen gearbeitet. Viele Sagen und Mythen rankten um die Skulpturen. Mason hatte sich für diese nie interessiert, fand allerdings die Statue von Viseria heiß. Seine ersten sexuellen Phantasien hatte ihr Gesicht getragen. Später war noch Aestia dazu gekommen. In den Tagträumereien hatten die Göttinnen ihn angebetet und sich dafür erkenntlich gezeigt, dass er ein neues Zeitalter eingeleitet hatte.
Mason betrat den Aufzug, obwohl dieser nur für die älteren, gebrechlichen Elder sowie hochrangige Gäste gedacht war. Der Rest benutzte die Treppe, um in eins der vierzehn Stockwerke zu gelangen. Er ignorierte die Verordnung. Wer, wenn nicht er, wäre hochrangiger?
Masons Weg führte ihn zu seiner Mutter. Ihr Büro lag im obersten Stockwerk, in unmittelbarer Nähe zum Versammlungsraum der Ewigen Fünfzehn. Roslyn gehörte zwar nicht dem Rat an und war auch keine Elder, aber durch ihr Verwandtschaftsverhältnis zu ihm besaß sie einen Sonderstatus im Orden. An den Ehrentitel war Macht gebunden, nachdem sich mancher Elder sehnte.
