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Beschreibung

Ein gleichberechtigtes Miteinander ist auch im Deutschland des Jahres 2023 keineswegs eine Selbstverständlichkeit, sondern muss immer wieder hart erkämpft werden. Die Frage, wer wir in Deutschland sind, was mit diesem "Wir" eigentlich gemeint ist und wie gesellschaftliche Teilhabe funktionieren kann, steht im Zentrum vieler kluger Analysen und heiß geführter Debatten. Dieses Buch setzt neu an, findet eine andere, eine entschleunigte Form der Auseinandersetzung: In 21 Briefen gehen die Beitragenden mit ihrem Gegenüber intensive Zwiegespräche über ihr Dasein in der deutschen Gesellschaft ein – mal tastend, mal vehement, sich erinnernd, immer suchend. Warum ich dieses Buch so liebe? Ein Blick in die Liste der tollen Autor*innen wäre Argument genug, doch dann schreiben diese Autor*innen hier keine Essays, sondern Briefe – und gehen dabei auf ihre Adressat*innen genauso zu wie auf die eigene Fehlbarkeit. anders bleiben ist radikal aber dabei immer zugewandt: eine Einladung zur Kommunikation! – Mithu Sanyal Ein großes Wir schließt aus und vereinnahmt. Hier sind viele kleine Wir. Sie helfen zu verstehen. – Miriam Zeh

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Selma Wels (Hg.)

anders bleiben

Briefe der Hoffnung in verhärteten Zeiten

 

 

Über dieses Buch

Wer sind wir heute? Wer wollen wir morgen sein?

Ein gleichberechtigtes Miteinander ist auch im Deutschland des Jahres 2023 keineswegs eine Selbstverständlichkeit, sondern muss immer wieder hart erkämpft werden. Wer wir in Deutschland sind, was mit diesem «Wir» eigentlich gemeint ist und wie gesellschaftliche Teilhabe funktionieren kann, steht im Zentrum vieler kluger Analysen und heiß geführter Debatten. Dieses Buch setzt neu an, findet eine andere, eine entschleunigte Form der Auseinandersetzung: In 21 Briefen gehen die Beitragenden mit ihrem Gegenüber intensive Zwiegespräche über ihr Dasein in der deutschen Gesellschaft ein – mal tastend, mal vehement, sich erinnernd, immer suchend.

 

«Warum ich dieses Buch so liebe? Ein Blick in die Liste der tollen Autor*innen wäre Argument genug, doch dann schreiben diese Autor*innen hier keine Essays, sondern Briefe – und gehen dabei auf ihre Adressat*innen genauso zu wie auf die eigene Fehlbarkeit. anders bleiben ist radikal, aber dabei immer zugewandt: eine Einladung zur Kommunikation!»

Mithu Sanyal

 

«Ein großes Wir schließt aus und vereinnahmt. Hier sind viele kleine Wir. Sie helfen zu verstehen.»

Miriam Zeh

Vita

Selma Wels kam 1979 als Tochter türkischstämmiger Eltern in Pforzheim zur Welt. Von 2011 bis 2020 gründete und leitete sie den binooki Verlag. 2017 wurde sie europaweit als erste Verlegerin für «ihren unternehmerischen Mut, ihren Pioniergeist und ihre kulturelle Vermittlungsarbeit» mit dem renommierten europäischen Kulturpreis KAIROS ausgezeichnet. Sie war Co-Initiatorin und Kuratorin des viel beachteten Literaturfestivals «WIR SIND HIER – Festival für kulturelle Diversität». 2022 wurde sie in die Jury des Deutschen Buchpreises berufen.

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Februar 2023

Copyright © 2023 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.

Covergestaltung zero-media.net, München

Coverabbildung FinePic®, München

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

ISBN 978-3-644-01524-1

www.rowohlt.de

 

Alle angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Printausgabe.

Inhaltsübersicht

Vorwort

Shida Bazyar

Saba-Nur Cheema & Meron Mendel

Sibel Schick

Elisa Diallo

Maryam Aras

Karen Krüger

Nava Ebrahimi

Najem Wali

Christiane Frohmann

Hannes Bajohr

Dilek Güngör

Sharon Dodua Otoo

Leila Essa

Asal Dardan

Hasnain Kazim

Hadija Haruna-Oelker

Ozan Zakariya Keskinkılıç

Selma Wels

Gerrit Wustmann

Marija Latković

Achim Stanislawski

Vitae

Quellen

Vorwort

«Wir sind nicht ‹anders›. Wir sind Möglichkeiten.»

Toni Morrison

Es waren gerade mal sechs Tage nach dem rassistischen Anschlag von Hanau im Februar 2020 vergangen, und ich fand mich auf einer Bank in der Turnhalle der Kita meines Sohnes wieder. Um mich herum eine Horde von Elsas, Dinos, Captain Americas, die in ihren Kostümen fröhlich jemand anderes sein durften. Die große Welt da draußen, die darauf brannte, ihnen zu sagen, wer sie waren, und versuchen würde, sie in dieser Identität einzusperren, interessierte diese Kinder jetzt noch nicht. Sie waren heute einfach das, was sie sein wollten – Prinzess*innen, Superheld*innen oder eben die größten Landraubtiere aller Zeiten. Außerhalb dieser Turnhalle tobte eine Diskussion darüber, ob es angebracht sei, Karneval zu feiern, und in mir wirbelte ein Sturm aus Wut, Trauer und Sprachlosigkeit. Wenn mein kleiner Dino vorbeitrampelte, warf ich ihm ein schiefes Lächeln zu und hoffte, die Hilflosigkeit, die von mir Besitz ergriffen hatte, dahinter zu verbergen. Ich war gerade von Berlin nach Frankfurt gezogen, als ein paar Kilometer weiter Menschen ermordet wurden, weil sie anders hießen, anders aussahen, weil man sie schlicht an diesem Ort vermutete. Seit sechs Tagen traute ich mich nicht mehr, draußen auf der Straße nach meinem Kind zu rufen, aus Angst, seinen Namen zu nennen. Wann hatte ich mich zuletzt so gefühlt? Es musste im August 2018 gewesen sein, als es zu Ausschreitungen in Chemnitz gekommen war. Rechte und Neonazis machten auf offener Straße Jagd auf Menschen, die sie für Migrant*innen hielten, und griffen sie an. Allein das war grauenvoll. Noch grauenvoller war, dass viele Menschen dabei zusahen und keinen Versuch unternahmen, die Menschenjagd aufzuhalten. Ich saß damals in der U-Bahn, noch in Berlin, und aktualisierte den Schrecken von Chemnitz im Minutentakt auf meinem Smartphone. Mir schoss durch den Kopf: «Zum Glück sieht man meinem Kind nicht an, dass zwei seiner Großeltern aus der Türkei kommen.» Auf die Erleichterung folgte die Erschütterung über die Erleichterung, darüber, dass White Passing für meine Familie funktionierte, aber eben nur bedingt. Wenn wir unsere Namen nannten, würden wir auffliegen. Wieso waren wir immer noch nicht weiter? Wieso waren nicht alle Menschen, die in diesem Land lebten, sicher? Wieso konnte sich ein Teil der Gesellschaft selbst von jenen nicht geschützt fühlen, die für die Sicherheit aller sorgen sollten? Und was war mit den anderen Müttern, die Angst um ihre Kinder hatten, um ihre Unversehrtheit in einem Land, in dem es immer aggressiver zuging und die Menschen zugleich weniger Anteilnahme zeigten? Genau in jenem Moment öffnete sich die Tür der U-Bahn, und eine Frau, die einen Hijab trug, stieg ein. Sie telefonierte und schob ihr Kind im Kinderwagen in die Bahn. Wie fühlte sich diese Frau, diese Mutter, jetzt, oder vielleicht nicht erst jetzt, vielleicht sogar schon immer hier in Deutschland? Unsere Blicke trafen sich. Sie war eine viel offensichtlichere Zielscheibe als ich. Mit vielem, was marginalisierten Menschen im Laufe eines Lebens in Deutschland widerfahren kann, lernt man, sich zu arrangieren. Je öfter es passiert, desto «normaler» wird es, dass Menschen in der Schule, im Beruf, bei der Wohnungssuche, auf irgendwelchen Ämtern Vorurteilen und Diskriminierung ausgesetzt sind. Ich habe gelernt, mit diesen Nadelstichen umzugehen. Aber das? Das war etwas anderes. Der Anschlag von Hanau ist als Zäsur in die deutsche Geschichte eingegangen. Und vor Hanau? Es gibt noch so viel, das aufgearbeitet werden muss: NSU, NSU 2.0, die Neunzigerjahre. In meinem Leben, sehr lange noch bevor ich Mutter wurde, erlebte ich die erste Zäsur dieser Art im Alter von 14 Jahren. Das war der Brandanschlag von Solingen. Ich weiß nicht, warum erst Solingen. Mölln hätte es ja auch sein können. Vielleicht wollte unsere Elterngeneration sich selbst und ihre Nachkommen in Sicherheit wiegen und beruhigen, indem sie Mölln zu etwas «einmalig» Schrecklichem erklärte. Nicht, dass meine Eltern das getan hätten. Ich weiß es nicht, ich habe keine Erinnerung mehr daran. Aber nach Solingen war eines für mich ganz klar: Das ist keine Ausnahme mehr, das ist jetzt so. Eine Nachbarin sagte damals zu meiner Mutter: «Sie zünden uns an und sehen zu, wie wir verbrennen. Einfach so.» Ich kann diesen Satz nicht vergessen.

Mitten im bunten Kinderfaschingsgeschehen setzte sich jemand neben mich, Achim Stanislawski. Wir hatten uns kurz zuvor an der Garderobe der Kinder kennengelernt – der Garderobenhaken seiner Tochter und der meines Sohnes liegen in direkter Nachbarschaft zueinander. Wir hatten beide schon eine lange Zeit im deutschen Literaturbetrieb verbracht, er als Lektor in einem großen Publikumsverlag, ich im kleinen binooki Verlag, den ich selbst gegründet hatte – es gab eine Schnittmenge der Welten, in denen wir uns aufhielten. Achim erzählte mir, dass er an ein Buch denken musste, als er von dem Anschlag in Hanau gehört hatte: Deutsche Menschen. Eine Folge von Briefen von Walter Benjamin. Ob ich den Band kannte? Ich kannte ihn nicht, aber auch für mich sollte er zu einer Art Rettungsanker werden. An jenem Nachmittag im Februar erzählte mir Achim, dass der Band, eher ein schmales Bändchen, 1936 in einem Schweizer Verlag erschienen war. Hinter dem Herausgeberpseudonym Detlev Holz verbarg sich ein deutscher Jude, Walter Benjamin, der, wie so viele andere Menschen, vor dem Naziregime hatte fliehen müssen. Und der Titel Deutsche Menschen – ein Tarntitel! Er war Walter Benjamins Versuch, das Buch an der nationalsozialistischen Zensur vorbei auf den deutschen Markt zu schleusen. Die gesammelten und von ihm zusammengestellten Briefe ausgewählter Persönlichkeiten wie Johann Wolfgang von Goethe, Immanuel Kant, Annette von Droste-Hülshoff, geschrieben zwischen 1783 und 1883, bildeten in ihrer Gesamtheit einen Gegenentwurf zum sogenannten Dritten Reich, zu Hass, Kälte, Vernichtungswut. Alles darin fragte: Was zeichnet einen «deutschen» Menschen aus? Was ist das überhaupt, diese Zuschreibung «deutsch»? Auf welche Werte kam es an, die in jener Gesellschaft doch einmal gelebt worden waren? Was ich denn davon hielte, einen Band mit Essays herauszubringen, fragte mich Achim. Ihm bedeutete dieser Band sehr viel, das war dort, auf der Bank in der Turnhalle, deutlich zu spüren, und warum das so ist, schreibt er in diesem Buch in seinen eigenen Worten, die er an Walter Benjamin richtet.

Die Zeit verging, und ich dachte nach. Über Benjamin, über Essays, darüber, dass, auch wenn gerade mal etwas über 80 Jahre vergangen waren, seit Benjamins Band erschien, er leider nichts von seiner Aktualität verloren hatte. Natürlich kann man die Situation von damals nicht mit der von heute vergleichen. Damals hatte das Töten System, heute scheint es zumindest zufällig. Aber dennoch müssen wir uns bewusst werden, dass wir nach 86 Jahren wieder an einem Punkt in der Geschichte stehen, an dem Menschen in Deutschland um ihr Leben fürchten müssen, weil sie anderen nicht «deutsch» genug erscheinen. Uns als Gesellschaft muss auch bewusst sein, dass im Bundestag wieder Nazis sitzen, die demokratische Grundwerte unterlaufen, und das geschieht auch nicht zum ersten Mal seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Es muss klar sein, dass Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus die größte Bedrohung für unsere Demokratie darstellen. Zwar werden jene Stimmen lauter, die darauf aufmerksam machen, und werden deshalb auch öfter gehört, aber weiterhin haben Menschen, die den Finger in die Wunde legen, einen schweren Stand, denn noch immer gibt es eine Tradition des Wegschauens, wenn es um rechtsextreme und rassistische Strukturen geht, noch immer geistern Begriffe wie «Einzelfälle» durch die Flure von Behörden und Ämtern. Die Mitte-Studie hat gezeigt, dass Rassismus kein Randphänomen ist, sondern bis weit in die gesellschaftliche Mitte hineinwirkt. Teilhabe und menschenrechtliches Fühlen und Denken ist im Deutschland des Jahres 2023 keineswegs eine Selbstverständlichkeit, sondern muss immer wieder hart erkämpft werden.

Kurze Zeit nach dem Zusammentreffen mit Achim nahm ich das Bändchen von Walter Benjamin also zur Hand. Wie dieser allein durch die Auswahl und Zusammenstellung der Briefe eine subtile Kritik äußerte, die den Lesenden den Raum gewährt, das Verbindende, das Zwischenmenschliche wiederzuentdecken, das berührte mich. Ich stimmte mit allem, was Achim gesagt hatte, überein. Nur mit dem Vorschlag, einen Essay-Band herauszugeben, konnte ich nicht mitgehen. Denn den braucht es nicht mehr, den gibt es längst: Eure Heimat ist unser Albtraum, herausgegeben von Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah, das gelesen in jedem Bücherregal in Deutschland stehen sollte. Aber ich hatte eine andere Idee: Briefe könnte man schreiben, Texte von Mensch zu Mensch, und wenn die Beitragenden sich aussuchen könnten, an wen sie schrieben, was würde dabei herauskommen? Dieser Frage nachgehend, stellte ich das Exposé für Deutsche Menschen II. Eine neue Folge von Briefen zusammen. Es ist unschwer zu übersehen, dass dieser Band nun nicht Deutsche Menschen II. Eine neue Folge von Briefen heißt, sondern anders bleiben – Briefe der Hoffnung in verhärteten Zeiten, und es hat eine Weile gedauert, bis ich mich getraut habe, mit dieser Idee rauszugehen und die Autor*innen anzufragen, die ich in diesem Band versammelt sehen wollte. Man könnte meinen, dass es jemandem, der schon einigen Büchern ans Licht verholfen hat, nicht so schwerfallen sollte, ein Buchprojekt anzugehen. Aber dieses Projekt war von Anfang an etwas anderes für mich – ein Anliegen, eine Notwendigkeit, ein Versuch, die empfundene Hilflosigkeit zu durchbrechen und etwas zu tun mit den Mitteln, die ich habe. Und dennoch oder gerade deshalb schwangen bei jeder Anfrage, die ich schrieb, auch Aufregung und die Angst vor Zurückweisung mit.

Ich bin zum ersten Mal Herausgeberin, und ich habe zum ersten Mal einen Text geschrieben, der in einem Buch veröffentlicht wird, und ich weiß nicht, welche Aufgabe herausfordernder war, aber gewachsen bin ich an beiden. Wir haben miteinander gerungen, um Worte und die Ausrichtung dieses Projekts, darum, in unserer Vielheit zusammenzufinden. Und natürlich gab es Kritik. Ich musste mich ihr stellen. Ich wollte mich ihr stellen. Anfangs gab es Kritik am Titel Deutsche Menschen II. Einige Autor*innen hatten Schwierigkeiten mit der Zuschreibung «deutsch». Okay, nachvollziehbar. Ich habe auch Schwierigkeiten mit nationalen Zuschreibungen, egal welchen, also kein spezifisch deutsches Phänomen, für mich persönlich zum Beispiel auch ein türkisches, eine Zuschreibung, die wie ein Etikett schon immer an mir klebt. Aber es gab auch Bedenken, die mir von anderer Stelle zugetragen wurden. Auf Benjamins Deutsche Menschen I ein Deutsche Menschen IIfolgen zu lassen, passte das wirklich? Die Bände unterscheiden sich in ihrer Konzeption grundlegend. Benjamin hat Briefe aus einer Spanne von 100 Jahren kuratiert und kommentiert. Briefe, die ihrem Ursprung nach nicht für eine Veröffentlichung gedacht waren. Die Beitragenden dieses Bandes schreiben neue Briefe, schreiben an reale, fiktive, bereits aus dem Leben geschiedene Personen, oder sogar an sich selbst wie Hasnain Kazim, der seine Worte an sein jüngeres Ich richtet. Und doch: Trotz der konzeptuellen Unterschiede vereint diese beiden Bände eine Notwendigkeit, und es schwingt in beiden Büchern der Wunsch nach dem Erkennen, dem Definieren von Werten mit, die wir brauchen, um ein gleichberechtigtes, würdevolles Leben in diesem Land zu führen. Auch wenn es nie irgendjemand wirklich ausgesprochen hat, kam mir im Laufe des Entstehungsprozesses doch der Gedanke, dass der Name Benjamin unantastbar ist und alle erst einmal vor Ehrfurcht erstarren lässt. Als ich den Brief von Christiane Frohmann an Ruth Klüger las, die meine Herangehensweise anerkennend als sehr «selbstbewusst» beschrieb, verfing der Gedanke erst recht, dass ein Folgeband, auch wenn er nicht vergleichbar ist, vielleicht als anmaßend interpretiert werden könnte. Und konnte es denn sein, dass anders bleiben heute wie Deutsche Menschen damals, ob bewusst oder unbewusst, ein Tarntitel war?

Es gefällt mir, dass sich die Mitwirkenden dieses anders zu eigen gemacht haben, jede*r auf seine*ihre Weise. Leila Essa bezieht es auf ein anderes Deutschland, Sibel Schick geht als Kind und Heranwachsende durch einen Prozess der gesellschaftlich legitimierten Andersmachung, einige der hier Versammelten wie etwa Shida Bazyar schreiben dieses Adjektiv Menschen zu, die sich ihnen gegenüber positiv anders verhalten und ihr Leben nachhaltig geprägt haben. Sharon Dodua Otoo rieb sich an diesem anders. So sehr, dass sie darüber nachdachte, ihren Beitrag zurückzuziehen. Als ich Sharons Mails las, wurde mir bewusst, wie wenig mir bewusst war, was dieses Adjektiv mit vielen Schwarzen Menschen macht, was es für sie bedeutet, als anders wahrgenommen zu werden, und dass sie eben genau das nicht mehr wollen. Wir haben uns lange darüber ausgetauscht, und dann kam lange Zeit erst mal nichts, bis mich eines Morgens eine Mail und im Anhang ihr Brief erreichte. Als ich das Dokument öffnete, ja, was soll ich sagen? Sharon hatte ihre Worte nicht wie geplant an Nana Yaa Asantewaa gerichtet. Mein Nervenkostüm zwackte an allen Ecken und Enden, als ich in der Anrede die Worte «Liebe Selma» las. Die Unsicherheit, das Gefühl der Unzulänglichkeit oder schlichtweg die Angst, die ich während unseres Austauschs verspürt hatte, schnürte mir jetzt die Luft ab, und im ersten Moment wusste ich nicht, ob ich weiterlesen wollte oder nicht.

Ich möchte gerne noch ein bisschen bei dieser Angst verweilen, weil Menschen, auch ich, eher dazu neigen, schnell über Angst hinwegzugehen, statt sie sich anzusehen. Dabei ist Angst die wohl mächtigste Handelsware der Welt. Das rückte mir wieder stärker ins Bewusstsein, als ich die Dankesrede des türkischen Schriftstellers Hakan Günday hörte, als er den Internationalen Hermann-Hesse-Preis im Sommer 2022 entgegennahm. Ich kann ihn nicht mehr wörtlich zitieren, aber sinngemäß sagte er: Wer einmal Angst gekauft hat, dem kann man anschließend alles verkaufen: Vorurteile, Diskriminierung, Rassismus, Kriege – einfach alles. Und er hat wohl recht, wenn man die Ursache dessen beleuchten würde, was Menschen zu solchen Handlungen bewegt, steht im Zentrum wahrscheinlich sehr oft Angst. Angst darf aber niemals Täter*innen die Legitimation geben, sich zum Opfer ihrer Ängste zu erklären und so ihre Taten zu rechtfertigen. Die Frage ist eher, was würde geschehen oder eben nicht geschehen, wenn wir uns unseren Ängsten stellen und sie hinterfragen, statt uns blind von ihnen leiten zu lassen?

An jenem Morgen, als ich Sharons Brief öffnete, hatte ich keine andere Wahl, und ich wollte auch keinen anderen Weg gehen, als den, mich meiner Angst zu stellen. Eine Sache habe während der Arbeit an diesem Buch wirklich verinnerlicht: Es geht nicht darum, alles richtig zu machen oder allen gerecht zu werden. Es geht darum, sichtbar zu werden, und das unter allen Umständen. Wer nicht sichtbar wird, wer im Hintergrund bleibt, sich auf seinen Standpunkt zurückzieht, verpasst die Chance, etwas zu verändern, und um uns sichtbar zu machen, müssen wir sprechen, einander zuhören und auch wenn es mal weh tut oder unbequem wird, lernen, es auszuhalten.

Mit diesem Buch, das weiß ich jetzt, wollte ich anderen den Raum geben, für sich zu sprechen. Genau dafür ist dieses Buch da. Das ist das, was ich tun kann: Raum schaffen, damit Stimmen wahrgenommen und gehört werden. Das können wir übrigens alle – im Großen wie im Kleinen: Offen sein, zuhören, es aushalten. Wenn etwas passiert, womit wir nicht gerechnet haben, was wir vielleicht nicht beabsichtigt haben, die Realität der eigenen Fehlbarkeit akzeptieren und es beim nächsten Mal besser machen. In uns gehen, uns stellen, miteinander sprechen, im Dialog eine Lösung finden, den Mut haben, den unbequemen Weg zu gehen. Ich danke allen in diesem Band versammelten Autor*innen, dass sie gemeinsam mit mir zu dieser Reise aufgebrochen sind, dass sie auch unbequeme Pfade beschritten haben, dass wir gemeinsam immer einen besseren und für alle gangbaren Weg gefunden haben. Während der Arbeit an anders bleiben habe ich erlebt, was dieses Buch imstande ist zu bewirken. Und ich hoffe, dass die Perspektiven darin die Leser*innen auf eine ähnliche Weise bewegen, den Blick zu weiten, sich selbst zu hinterfragen und hinzuschauen, an welchem Punkt sie sich, aus welchen Gründen auch immer, der Vielheit der Möglichkeiten verschließen. Es wäre schön, wenn das Leben immer so einfach wäre wie Kinderfasching, doch in der Realität lässt sich die Grundausstattung unserer Garderobe, die wir in unserer Wiege vorgefunden haben – Hautfarbe, zugewiesenes Geschlecht, Identität, Religionszugehörigkeit, soziale Klasse oder einfach nur der Name –, nicht so einfach ab- und neu anlegen. Dieses Buch ist eine Einladung zur Begegnung im Niemandsland, dort, wo es kein Dein und Mein gibt, wohl ein Ich und ein Du, wo die Chance existiert, in alle Richtungen weiterzugehen, wo ein Raum für Möglichkeiten ist.

Zum Abschluss dieses Projekts, also wirklich am Vortag der finalen Manuskriptabgabe, saß ich in der Frankfurter Paulskirche und ließ mich wie alle anderen in diesem Saal von der bewegenden Laudatio Sasha Marianna Salzmanns für den diesjährigen Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, Serhij Zhadan, mitreißen. An einer Stelle zitierte Sasha Toni Morrison, die in Selbstachtung Folgendes schreibt: «Wir sind nicht ‹anders›. Wir sind Möglichkeiten. Und wenn man Romanliteratur von uns und über uns liest, eröffnet sich die Möglichkeit, Zentren des Ichs zu betrachten.» Wir haben in anders bleiben keine Romanliteratur geschrieben, aber sehr wohl von uns und über uns. Und nach all dem, was ich im Laufe dieses Projekts dazugelernt hatte, war dieser Moment in der Paulskirche der Moment, der genau den richtigen Punkt an die richtige Stelle setzte.

 

Selma Wels,

Frankfurt am Main, im Oktober 2022

Shida Bazyar

Lieber H.,

 

mein Gehirn macht so eine merkwürdige Sache. Immer dann, wenn es Personen nicht so richtig kennt, sie aber trotzdem visualisiert werden sollen, besetzt es sie mit, nennen wir es mal, Avataren. Als wären sie Schauspielende, auf die mein Gehirn zurückgreifen darf. Brauchst du ein Beispiel, um mir folgen zu können, ja? Nehmen wir zum Beispiel dich. Ich weiß nicht, wie du aussiehst. Es gibt online keine Fotos von dir, und das letzte Mal, dass ich dich gesehen habe, muss in den frühen Neunzigern gewesen sein. Da war ich ungefähr fünf. Meine Eltern haben dich offensichtlich nie fotografiert, was verwunderlich ist, es waren doch die Neunziger, da hat man ja sogar riesige VHS-Camcorder auf seine Freunde gerichtet, stundenlang. Dass sie das bei deinen Besuchen unterließen, deutet vielleicht darauf hin, dass ihr euch gar nicht so wahnsinnig gut kanntet. Fotos hätten alles direkt sehr persönlich gemacht, ob euer Verhältnis persönlich oder einfach nur schön war, weiß ich nicht. Auf jeden Fall gibt es von dir kein Foto, kein Bild für mein Gehirn, und deswegen habe ich dich mit einem Reinhard-Mey-Avatar besetzt. Lies bitte weiter, H., ernsthaft, und nein: Ich bin nicht völlig durch, bei mir stimmt so weit alles. Ich will es nur erklären. Dass ich dir schreibe, obwohl ich eigentlich nicht weiß, wer du bist. Und dass ich dich aus Bruchstücken zusammengebaut habe, seit meiner Kindheit. Weil du wichtig für mich warst und bist. Dabei kenne ich dich nicht. Und du mich auch nicht.

Ich stelle dich mir vor. Und ich stelle mich nun ungefragter Weise dir vor, obwohl du viel mehr über mich weißt als ich. Denn immerhin weißt du, wie meine Kindheit aus Sicht eines Erwachsenen aussah, das hast du mir voraus, und außerdem kennst du eine Version meiner Eltern, um die ich dich beneide; die, in der sie nicht meine Eltern sind, sondern die starken Menschen, von denen ich auch weiß.

Ich will mich dir vorstellen. Vielleicht so: Neulich hatte ich eine Lesung in Augsburg und ging am nächsten Tag in das Museum der Augsburger Puppenkiste. Schon in der Tram dorthin, schon an der Tür, schon als ich mit dem Pulk Familien und Nostalgiker auf die Öffnung wartete, wusste ich, dass man mich für eine ausländische Touristin, eine Erasmus-Studentin, eine ganz, ganz toll interessierte, exotische Fremde halten wird. Drinnen, vor den Puppen, hörte ich, wie wenig Ahnung die weißen deutschen Eltern um mich herum von den ausgestellten Geschichten hatten. Die dachten ernsthaft, Nepomuk, der unweit von Jim und Lukas aufgestellt war, sei das Urmel. Das Urmel! Kannst du dir das vorstellen, H.? Ich stand vor Michael Endes Brief an Walter Oehmichen und weinte, das Museum ist klein, kein Mensch nahm den Brief auch nur wahr, niemand interessierte sich für dieses historische Dokument: ein Autor, der zaghaft dem Vorschlag zustimmt, sein Buch als Puppentheater aufzuführen. Hinterher wusste ich nicht, wem ich meine tausend Fotos aus dem Museum zeigen sollte. Ich habe keine Freund*innen, die so unglaublich deutsch sind, dass sie damit etwas hätten anfangen können. Nicht, weil sie eingewandert wären oder so, sondern weil ehrlich gesagt eigentlich niemand so deutsch ist wie ich. Ich schäme mich für dieses Deutschsein, ich habe zwar jahrelang darauf gepocht, aber nur, um mir die Freiheit erlauben zu können, es anschließend zu verachten. Es war eine Trotzreaktion auf das ständige Mir-etwas-absprechen-Wollen, es war aber vielleicht auch einfach eine ehrliche Selbsterkenntnis, denn was soll ich machen, ich kann hundert Reinhard-Mey-Lieder, alle Pepe-Paukerschreck-Filme und zu viele Neue-Deutsche-Welle-Songs auswendig und verheimliche das vor so ziemlich jedem. Deutsch ist mein ungeliebter zweiter Vorname.

Kannst du dir mich jetzt vorstellen? Vermutlich nicht. Dabei müsste die Puppenkisten-Anekdote reichen, um zu erahnen, wer ich bin und was du damit zu tun hast. Aber dazu später.

Ich stelle mich dir vor, noch einmal: Ich bin Shida, ich bin Autorin, ich hatte eine Kindheit, die voller Traurigkeit hätte sein müssen und es nicht war. Es war eine beschützte, behütete, mit Liebe umsorgte Kindheit, und das war im Hinblick auf meine familiäre Situation nicht selbstverständlich. Nichts deutete darauf hin, dass ich eines Tages genug Geld haben würde, um mich mit allem zu versorgen, was ich brauche, geschweige denn, dass ich das Geld aus einem Beruf ziehen würde, der meiner Leidenschaft und nicht einer Notwendigkeit entspringt. Auch dass man meinen Namen im Radio nennt und auf Zeitungen druckt, dass ich so was wie öffentliche Wertschätzung erfahre – alles in meiner Kindheit sprach radikal dagegen. Ich war das ungeplante, ungewollte Kind, das unmittelbar nach der Flucht den dürftigen Lebensverhältnissen die Krone aufsetzte. Das hätte auch schwierig werden können, mit mir und der Welt. Stattdessen hatte ich von Sekunde eins zwei Eltern und zwei Schwestern, die rund um die Uhr an meinem Kinderbett standen, um mich zu beschützen. Während sie nicht heizten, weil das kostete und die Fenster die Wärme ohnehin verprasst hätten. Während sie Klamotten trugen, geschenkte, geerbte, ansonsten irgendwie falsche. Denk dir den ach so traurigen Rest. Nein, denk ihn dir nicht. Du kennst ja die Wahrheit, du warst ja dabei. Und das ist es, warum ich dir schreibe und hoffe, dass du mir niemals, wirklich niemals antworten wirst. Denn der Reinhard-Mey-Avatar, den mein Gehirn für dich erschaffen hat, der hat zwar damals von außen auf all das geschaut, aber dieser Blick war nicht der eines weißen deutschen Mannes, der sich wohlwollend mit Flüchtlingen abgab. So warst du nicht. Du hast nicht auf Flüchtlinge geschaut, sondern auf Freunde, Verbündete, Genossen. Das sind die Worte, von denen ich denke, dass du sie ohne Ironie nutzt (und das soll nicht etwa bedeuten, dass ich Ironie dort angebracht finde).

Ich stelle mir vor, dass du der Kommunist warst, den der Kommunismus sich ausgedacht und viel zu selten geboren hat. Du hast Geschwister gesehen, keine Flüchtlinge. Ihr wart alle so jung, weißt du das? Meine Eltern waren jung, ungefähr so jung wie ich jetzt, und du warst sogar noch jünger. Meine Eltern hatten verschiedenen Dreck erlebt, von dem man annehmen könnte, dass er nicht in zwei Menschenleben hineinpasst, und dabei war meine Mutter noch keine 30. Ich stelle mir vor, dass du ihnen nicht geholfen hast, weil du helfen wolltest. Ich stelle mir vor, dass du es nicht Hilfe genannt hast. Ich stelle mir vor, dass du manchmal Menschen geholfen hast, so, wie jeder Mensch manchmal Menschen hilft, aber dass das nicht die Kategorie war, die auf die Beziehung zu meinen Eltern zutraf. Ich stelle mir vor, wie du zu Besuch bei der älteren Dame warst (Wer war sie eigentlich? Eine Nachbarin? Eine Kommunistin? Wenn ja: Wo war sie fünfzig Jahre vorher?), wie sie dir von meinen Eltern erzählte, dass ihr ins Gespräch kamt (Warum? Worüber?), dass es um das Deutschlernen ging. Dass du irgendwie dachtest: Na ja, also, Deutsch, das kann ich ja. Dass du neugierig warst. Dass du nicht so neugierig warst wie die Menschen, die diese immer gleichen, schicksalsbegierigen Fragen hinter mitfühlenden Einladungen verstecken. Dass du stattdessen gesund neugierig warst, denn es gibt keine langweiligen Menschen, wirklich nicht. Gesunde Neugier ist permanente Neugier. Ich stelle mir vor, dass du permanente Neugier hattest, und dann waren da N. und F. und die Kinder. Magst du Kinder? Man könnte davon ausgehen, denn warum sonst hättest du dich um uns gekümmert? Ich stelle mir dein Kindermögen so vor wie deine Neugier: unabhängig von deinem Gegenüber. Ich glaube, dass du Kinder nicht mochtest, weil du Kinder mochtest, sondern weil du Menschen mochtest. Wir waren eben auch da. Wir waren eben die kleinen Genossinnen.

H., ich habe dir schon mal geschrieben, erinnerst du dich? Das ist mir heute etwas peinlich. Ich war um die 18 Jahre alt. Ich hatte einige Texte veröffentlicht. Ich habe dir die Anthologien geschickt und einen Brief. Ich habe dir gedankt. Ich habe versucht, dir zu erklären, was deine Geschenke bedeutet haben und welchen Einfluss sie auf mich hatten. Es war mir wichtig, dir das zu schreiben. Dass ich mich heute dafür schäme, liegt vermutlich daran, dass ich den Brief mit der Gewissheit schrieb, alles über deine Geschenke und ihren Einfluss auf mich verstanden zu haben. Dabei war ich doch noch so klein. Was wusste ich denn schon. Du hast geantwortet. Ich weiß noch, dass du dich gefreut hast. Es sei schön, von dem kleinen Mädchen zu hören, das früher mit seinen Plastikponys spielte und meistens gar nicht so glücklich darüber war, dass der fremde Besuch kam und die Aufmerksamkeit der Eltern beanspruchte. Und du hast mich gefragt, ob ich das mit dem Schreiben später beruflich machen wollte. Ich habe dir nie darauf geantwortet. Wahrscheinlich konnte ich mich zu der Stunde nicht entscheiden, ob ich später einmal Autorin oder nicht doch lieber Hollywood-Regisseurin werden wollte. Mein Ziel war es doch, als erste Frau den Regie-Oscar zu bekommen. Die Aussichten waren bescheiden. Die auf den Oscar genauso wie die auf das Berufsleben als Autorin. Aber weißt du was? Ich wusste das nicht. Ich wusste das auch deswegen nicht, weil Leute wie du mir solche Fragen stellten. So unbefangen, am Ende eines Briefes eines wieder aufgebauten Kontaktes zwischen atheistischem Kind und, so nehme ich an, atheistischem Patenonkel (der diesen Titel nie trug und sich trotzdem wie einer verhielt). Weißt du, wie mächtig das ist? Was für eine unglaublich große Macht man Menschen gibt, wenn man ihnen Fragen stellt?

Mir ist das erst jetzt klar. Und deswegen wohl auch die Scham, dir mit 18 geschrieben zu haben, es war ja auch beinahe so, als hätte ich dir etwas Abschließendes geschickt. Ein Abschlusszeugnis. Das konnte es ja gar nicht sein. Dieser Brief hier kann es auch nicht sein, denn mir wird das Ausmaß deines Einflusses ja erst allmählich klar.

Ich will gar nicht wissen, wieso du das gemacht hast. Du hast es gemacht, weil du es wolltest und weil es uns glücklich gemacht hat. Aber mich beeindruckt, dass du das geschafft hast. Jedes Jahr. Jedes verdammte Jahr pünktlich zu Weihnachten ein Päckchen abzuschicken an unsere Adresse. In dem Päckchen dann drei in Geschenkpapier eingepackte Schätze, auf denen jeweils einer unserer Namen stand. Du hast die Bücher versendet an diese drei Mädchen, und ich habe nie daran gezweifelt, dass du dabei die Mädchen vor dir gesehen hast, die wir auch waren. Erst jetzt frage ich mich, was du dachtest, wer wir sind. Ob du gewusst hast, was diese Bücher, diese Geschichten mit mir machen würden. Weißt du, dass meine Schwester anno 1992 nach der Bescherung auf dem Wohnzimmersofa lag und die Lieder des Sams’ rezitierte? Wir lachten uns tot. Wir kannten das Sams noch nicht, wir waren noch nicht vertraut mit Herrn Taschenbiers Ängsten und seiner absurden Woche. Meine Schwester hatte nur kurz hinein geblättert und die Lieder gefunden, sie las sie laut und wir lachten. Wir liebten das Sams, bevor wir es kannten, bevor meine älteste Schwester es uns vor dem Schlafengehen vorlas. Wir hatten keine Ahnung, ob das Sams Teil des Kanons der bürgerlichen Kinder am anderen Ende des Ortes war. Es war uns auch völlig egal. Wir fanden die Reime gut, wie sollte es Menschen mit Gehirnen auch anders gehen. Hast du das gewusst? Dass wir ganz einfach, wie alle Menschen mit Gehirn, von großer Literatur überwältigt werden würden? Verzaubert auf ewig? Neulich hielt ich das «Schnurpsenbuch» von Michael Ende in der Hand. Ehrlich gesagt weiß ich nicht mehr, welcher von uns du es geschenkt hast. Meine Schwestern haben sich auf jeden Fall nie dafür interessiert. Ich hatte vergessen, dass es eines der wichtigsten Bücher meines Lebens ist. Ich hatte vergessen, wie ich als Leseanfängerin stundenlang in die Reime vertieft dasaß und nicht fassen konnte, was für ein Rhythmus sich auf den Seiten vor mir ausbreitet. Wie ich einzelne Verse wieder und wieder und wieder las und es einfach nicht fassen konnte. Wie ich das Gefühl hatte, dass das ganze Buch sang, sobald ich die Buchstaben aneinanderreihte. Das war meine erste Sucht: das Schnurpsenbuch. Wusstest du das, H.?

Ich hatte dir damals in diesem naiven Integrations-Tonfall so etwas geschrieben à la «Du hast uns Bücher geschenkt, die meine Eltern trotz aller Bemühungen nicht hätten kennen können» oder so. Das stimmt vermutlich auch. Mir ist das aber ehrlich gesagt zu einfach. Meine Eltern waren nicht ungebildet, wenn sie auch nie einem Bildungsbürgertum angehörten. Sie waren nicht «bildungsfern». Sie schenkten uns an Geburtstagen Bücher, begleiteten uns zur Bücherei; mein Vater hat das gelesen, was uns begeistert hat, und er hat uns Bücher empfohlen, die er mochte. Es wäre zu einfach, zu behaupten, du hättest uns in eine Welt eingeführt, die uns sonst verborgen geblieben wäre. Aber du hast uns Weihnachten um Weihnachten Welten geschenkt. Du warst kein «Bildungs-Gatekeeper». Du warst der Weihnachtsmann. Du hast uns Autoren geschenkt – überfälliges Feedback: Bücher von Frauen waren nicht darunter, aber okay –, und du hast uns Empfehlungen geschenkt. Jedes Buch eine Einladung.

Die vielen Bücher haben mich trotzdem nicht davon abgehalten, die Schule inbrünstig zu hassen. Ein Ort, der für mich vor allen Dingen aus unbegründeter Macht und überflüssigen Hierarchien bestand und der einen hässlichen Rahmen baute, in dem ich mich nicht bewegen konnte. Ich hatte keine besonders guten Noten, es sei denn, etwas interessierte mich.

Das für mich größte Mysterium war der Geschichtsunterricht. Das Leben meiner Eltern und somit auch meines war abhängig von zeithistorischen Ereignissen, es verstand sich von selbst, dass ich mich mit meiner Gegenwart und ihren Ursprüngen beschäftigte. Ich wusste für mein Alter vieles, und das meiste wusste ich ehrlich gesagt aus Fernsehdokus, aber vieles eben auch aus Büchern. Nichts davon hatte etwas mit dem Geschichtsunterricht zu tun, in dem ich schweigend vor Bildern von Päpsten und Fürsten saß und mich fragte, wann wir wohl endlich im 20. Jahrhundert ankämen. Und als wir dort ankamen, verstand ich noch immer nicht, wovon geredet wurde. Ich blieb bei meiner vier, und ich kann nur erahnen, wie schwer ich den Lehrer*innen das Leben mit meiner blanken, stummen Wut machte. Ich hasste es, dass sie Dinge, die so wichtig waren, so endlos langweilig verpackten. Ich hasste es, dass die Leute um mich herum zwar tadellose Leistungen erbrachten, dafür aber null politisches Bewusstsein zeigten. Ich las die «Trilogie der Wendepunkte» von Klaus Kordon wieder und wieder. Die Diskussionen, die erst Helle und dann Hans innerhalb der fiktiven Familie Gebhardt führten, kamen mir so echt vor, als hätte ich sie selbst mit meinen Eltern geführt. Wenn ich in Berlin war, suchte ich die Orte ab und sah sie vor mir, die so geliebten Figuren. Kordon schreibt zu Beginn von «Die roten Matrosen», dem ersten Teil seiner Trilogie: «In der Ackerstraße 37 leben die Helden dieser Geschichte. Sie sind frei erfunden – und haben doch gelebt». Wie wunderschön ist das bitte? Ich habe das zitiert, bei einer Preisverleihung, bei der mein erster Roman ausgezeichnet wurde. Ich sprach in der Dankesrede von den iranischen Oppositionellen, wie meine Eltern und eben auch meine Romanfiguren es waren, und zitierte in diesem Kontext Kordon, denn in seinen wenigen Worten steckt ja auch alles, was man über Literarisierungen wissen muss (außerdem hoffte ich, dass man meine Eltern, die wie immer bei solchen Anlässen im Publikum saßen, dadurch vielleicht etwas weniger mit meinen Figuren gleichsetzen würde – funktioniert hat es nicht, fürchte ich). Vielleicht lüge ich, wenn ich sage, ich weiß noch, wie ich als 11-Jährige Kordons einführende Zeilen gelesen habe und wie sie mich trafen. Ich bin mir aber fast sicher, dass ich nicht lüge.

Denn was für Geschichten, was für ein Buch hätte ich geschrieben, wenn ich als Kind nicht die Bücher von Klaus Kordon gelesen hätte, die du uns schicktest? Hätte ich überhaupt geschrieben, wenn ich durch diese Texte nicht verstanden hätte, wie eng Literatur und Zeitgeschichte verwoben werden können? Wenn ich nicht als Kind schon verstanden hätte, dass Bücher von Relevanz sind und dass diese Relevanz auch mir und meiner Familiengeschichte zusteht? Diese Bücher hätten mich nicht angesprochen, wenn sie in der Bücherei gelegen hätten. Man musste sie mir schenken, und ich wiederum musste das Vertrauen haben, dass es Geschenke an mich waren, Geschenke, die mir zustanden, weil sie an mich adressiert waren. Denn auch so können Barrieren funktionieren: Sie haben mit mangelndem Vertrauen zu tun, und dir vertraute ich, obwohl wir uns kaum kannten. Vielleicht war mein Name, den du jedes Jahr auf mein Päckchen geschrieben hast, das viel größere Geschenk als sein Inhalt.

Manchmal reizt mich der Gedanke, eine Liste all deiner Geschenke anzulegen, aber es gibt keinen richtigen Grund, das zu tun. Sie fallen mir nur immer wieder zufällig ein, und ich analysiere dann, warum sie für mich wichtig wurden, spekuliere, warum du dich für diese Geschenke entschieden hast. Dass du mir einmal die gesammelten Fortsetzungsgeschichten aus der Diddl-Zeitschrift «Käseblatt» schenktest, das war doch zum Beispiel ein eindeutig pädagogisches Geschenk? Weil du wusstest, dass ich schreibe? Hast du uns die «Circus Lila»-Kassette geschenkt, weil du verstanden hattest, dass die drei Mamphies eine glaubhaftere Sprache für die Lebenswelt von Kindern finden als die anderen Kinderliedersänger? Ich hatte bei anderen immer das Gefühl, sie singen an mir vorbei oder sie singen für die Kinder in der ersten Reihe, während ich weiter hinten zuhören darf (ich litt nicht darunter, aber das schmälerte die Wahrnehmung nicht). Die drei Mamphies machten Musik, von der ich überzeugt war, dass sie mich direkt anspricht. Wie kamst du darauf?

Und wie passt die Kassette mit den Weihnachtsliedern in diese Liste? Wir hörten sie jedes Jahr an unserem atheistischen, absurd traditionellen Heiligabend. Wieso eigentlich schenktest du uns ausgerechnet zu Weihnachten etwas?

Das erste Weihnachten feierten meine Eltern 1989, sie waren ein Jahr zuvor geflohen und wohnten in einem kleinen Hunsrücker Dorf, in dem sie sich mit einem deutschen Ehepaar anfreundeten. Meine Eltern hatten keinen Plan, was Weihnachten ist, warum auch, sie entschieden aber, dass sie es mit uns feiern würden. Meine Eltern würden sagen: damit die Kinder keine Außenseiterinnen sind. Ich würde sagen: damit die Kinder lernen, dass es nichts gibt, was den anderen zusteht und ihnen nicht. Mein Vater fragte den Freund, wie man Weihnachten feierte, was man dafür besorgen musste, wo man das herkriegt, der Freund sagte: Ich kümmere mich darum. Er brachte uns den Tannenbaum und den Schmuck und dazu einen Holzschlitten, den meine Eltern noch immer jedes Jahr unter den Baum stellen, um die Geschenke darauf zu drapieren. Wusstest du das? Oder wann kamst du ins Spiel? Je mehr ich darüber nachdenke, umso mehr wundert es mich, dass ihr, die ihr von einer sozialistischen Weltordnung träumtet, euch ausgerechnet zu Weihnachten etwas geschenkt habt. Ging es um das Projekt? Das Projekt «Diesen Kindern gehört gefälligst alles!»? Hast du uns deswegen deine Päckchen geschickt?

Ich fände das ja sehr schlüssig. Und weil ich mich dir ja immer noch vorstelle, während ich mir dich vorstelle, kommen wir da auch auf eine ganz einleuchtende, gemeinsame Ebene. Wo mein Beharren auf ein Deutschsein nie auf einem Interesse an einem Deutschsein beruhte, sondern auf dem Prinzip von Selbstbestimmung und dem Drang, dieses Deutschsein anschließend aus den tiefsten Tiefen meiner Lunge verurteilen zu dürfen, reiht sich meine Vorstellung von deinem Weihnachtsbegriff da ganz hervorragend ein. Möglich ist natürlich, dass es die Geburt des Heilands war, die dich zu Barmherzigkeit und Nächstenliebe bewog, dieses Szenario soll nicht unerwähnt bleiben. Vielmehr aber glaube ich, es war deine Form von Rebellion: Wenn es schon diese Fusion aus Christentum und Kapitalismus gab, in der die Mehrheitsgesellschaft sich vergewisserte, die Hoheit über Feiertage beizubehalten, dann sollten diese drei kleinen Menschen gefälligst etwas davon haben. Du hast Weihnachten subversiv unterwandert. Mit Büchern. Und tadaa, hier bin ich: das Ergebnis.

Wir hatten was davon, H. Mehr, als so ein Text, so eine schlichte Auflistung vereinzelter literarischer Einflüsse fassen kann. Wir hatten die Gewissheit, dass es da draußen durchaus Leute gab, die zu uns hielten, auch wenn wir ihre Gesichter nicht kannten.

Drei Hochzeitsreden hielt mein Vater bislang in seinem Leben, und ich hörte ihn dabei jedes Mal folgende Zeilen zitieren, die genau diese Art von Gewissheit zu beschreiben scheinen: «Ich habe Freunde / Freunde, die ich noch nie gesehen habe / auch nicht ein einziges Mal / aber wir sind bereit, füreinander zu sterben».

Diese Gewissheit muss man haben, was hat all das schlaue Reden und Schreiben und Aufrütteln sonst für einen Zweck? Ich schaue mir dieses gegenwärtige Deutschland an und möchte wieder wegschauen. Ich muss dir nicht aufzählen, was es so hässlich macht, ich muss dich nicht auf die extremen, inzwischen parlamentarischen Kräfte hinweisen, und ich muss dir auch nicht die anderen, die bürgerlichen, ähnlich gefährlichen Tendenzen erklären, das weißt du alles selbst. Und wenn ich jemandem sage, dass ich ihn mit einem Reinhard-Mey-Avatar besetzt habe, dann kommt mir im selben Moment der Gedanke, jemanden wie Reinhard Mey nach Corona und spätestens nach dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine lieber nicht googlen zu wollen, aus Angst, in Abgründe eines Linksseins blicken zu müssen, die sich einreihen in die Liste der gegenwärtigen Gefahren. Genau, wie man im Augsburger Puppenkiste Museum auf die Nepomuk-Puppe schaut und den Blick auf die Jim-Knopf-Puppe vermeidet, weil ihr Anblick schmerzt. Alles ist kompliziert und gefährlich, die Gegenwart brennt noch immer und mal wieder, das bringt dieses Deutschsein wohl so mit sich.

Das kann man nur aushalten, wenn man sich die Hoffnung auf die vielen unbekannten Freund*innen erhält. Auf Freund*innen wie dich.

 

Auf ewig für all das dankend,

Shida

Saba-Nur Cheema & Meron Mendel

Lieber Mikal,

 

es wird wohl mehrere Jahre dauern, bis du diesen Brief lesen kannst. Vor einem Jahr hast du das Licht dieser Welt erblickt und jetzt interessierst du dich hauptsächlich für Bälle und Schaukeln. Stück für Stück entdeckst du die Welt, lächelst bekannte und unbekannte Gesichter an und testest aus, wo die Grenzen sind: Wie weit kannst du dich auf der Treppenstufe vorwagen, ohne abzustürzen? Taugt der Ventilator als Klettergerüst?