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Diesmal drohen die Sommerferien für Andi langweilig zu werden, da er nicht verreist. Dagegen hilft auch nicht, dass sein Cousin Ferdi ihn besucht. Richtig spannend wird es erst, als die beiden auf das Mädchen Otto und den Jungen Karl treffen. Gemeinsam beschließen die vier, den einzigen interessanten Ort in der ganzen Gegend aufzusuchen, einen Schrottplatz. Leider ist das Betreten strengstens verboten, doch die Kinder kennen einen Weg, der sie hineinführt. Auf dem Schrottplatz finden sie ein merkwürdiges Ding, von dem nicht einmal der sonst so schlaue Ferdi weiß, was es ist. Als die vier es erforschen wollen, nimmt es sie mit auf eine abenteuerliche Reise in eine fremde und geheimnisvolle Welt. Dort stoßen sie nicht nur auf unheimliche und furchteinflößende Monster, sondern finden auch einen guten Freund. Ihr neuer Freund ist in großer Sorge. Er vermisst mehrere seiner Artgenossen, die vor einiger Zeit verschollen sind. Sofort sind die vier Kinder bereit zu helfen. Sie müssen jedoch feststellen, dass die Suche viel schwieriger wird, als sie es sich vorgestellt haben. All ihr Spürsinn und ihre Kombinationsgabe sind gefragt, um die Spur der Außerirdischen aufnehmen zu können. Dann schockiert eine schreckliche Neuigkeit die Kinder. Sind die Außerirdischen noch zu retten? Sie müssen schnell handeln und hoffen, dass es nicht zu spät ist. Ein dramatischer Wettlauf gegen die Zeit beginnt, der den Kindern alles abverlangt.
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Seitenzahl: 263
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Frank Springer
Andi und die Außerirdischen
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Widmung
1. Vier finden sich
2. Das erste Abenteuer
3. Beim Arzt
4. Der Besuch
5. Das Sonntagsfrühstück
6. Eine Woche voller Spaß
7. Ein Plan wird geschmiedet
8. Das Abenteuer beginnt
9. Die Reise ins Ungewisse
10. Die Monster kommen
11. Das Versprechen
12. Der Rückflug
13. Das Maisfeld
14. Der Schrottplatz
15. Die Entdeckung
16. Ein trauriger Verlust
17. Das Steingrab
18. Der große Schrecken
19. In der Universität
20. Das Versteck
21. Der Professor
22. Es wird ernst
23. Der Abschied
Weitere Bücher des Autors:
Impressum neobooks
Ein Weltraumabenteuer
für Daniel und Julian
Umschlaggestaltung: Dorothea Bürger
Eigentlich hieß Andi nicht Andi, sondern Amandus, aber keiner sagte das zu ihm. Nicht einmal seine Eltern nannten ihn so, obwohl sie sich diesen komischen Namen für ihn ausgesucht hatten. Auch seine Lehrer in der Schule riefen ihn nur Andi. Seit fünf Jahren wohnte er in einer Neubausiedlung außerhalb der Stadt. Jeden Morgen fuhr er mit dem Schulbus zur Schule und nachmittags wieder zurück. Weil in der Siedlung viele Kinder wohnten, war der Bus immer voll. Vor zwei Tage hatte es Zeugnisse gegeben und Andi war in die achte Klasse versetzt worden. Jetzt hatten die Sommerferien begonnen und Andi musste nicht in die Stadt fahren. In den Ferien fuhr der Schulbus ohnehin nicht.
Während der Schulzeit war in der Siedlung viel los. Andi hatte hier Freunde gefunden, mit denen er spielen oder etwas unternehmen konnte. Aber in den großen Ferien war die Neubausiedlung wie ausgestorben. Alle seine Spielkameraden, mit denen er sich sonst getroffen hatte, waren verreist. Diejenigen, die nicht mit ihren Eltern weggefahren waren, besuchten ihre Großeltern oder sonstige Verwandte oder waren im Ferienlager. In diesem Sommer verreiste Andi nicht. Seine Eltern hatten mit ihm eine Reise in den Herbstferien gebucht. Damit es Andi nicht langweilig wurde, hatten sie sich etwas einfallen lassen. Sie hatten Andis Cousin Ferdinand eingeladen, die Ferien bei ihnen zu verbringen.
Ferdinand, den alle nur kurz Ferdi nannten, kam aus einer anderen Stadt. Dort lebte er allein mit seiner Mutter. Sein Vater war vor einigen Jahren gestorben. Ferdis Mutter musste viel arbeiten und konnte keine großen Reisen mit ihrem Sohn machen. Daher freute sich Ferdi über die Einladung. Er war ein Jahr älter als Andi, aber er war nicht größer, sondern nur deutlich dicker. Ferdi interessierte sich für alles, was mit Wissenschaft und Technik zu tun hatte. Er las viel und verbrachte die meiste Zeit vor seinem Computer. Dort spielte er jedoch nicht, sondern suchte nach neuen wissenschaftlichen Themen. Ferdi aß gerne und reichlich und war absolut unsportlich. Dafür wusste er viel. Man brauchte nur ein Thema anzuschneiden und schon hielt er einen Vortrag darüber. Ihm war dabei gleichgültig, ob man den hören wollte oder nicht. Andi verstand sich trotzdem gut mit ihm oder gerade, weil Ferdi anders war als er selbst. Ferdi hatte ein freundliches Gemüt und wirkte trotz seiner hohen Intelligenz manchmal sogar naiv. Daher bemerkte man oft nicht, dass er ein Jahr älter war als Andi.
Gestern am ersten Ferientag war Ferdi mit dem Zug gekommen. Andi hatte ihn mit seinem Vater im Auto vom Bahnhof in der Stadt abgeholt. Heute hatte Andi beschlossen, mit Ferdi eine Radtour durch die Siedlung zu machen, damit er ihm die Umgebung zeigen konnte. Andi hatte dazu Ferdi sein neues Fahrrad überlassen, das er zu seinem letzten Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Er selbst wollte das Herrenrad seines Vaters nehmen. Dazu musste er jedoch zuerst den Sattel etwas tiefer stellen. Außerdem benötigte der Vorderreifen von Andis Rad mehr Luft.
Es war ein sonniger und warmer Morgen, wie geschaffen für eine kleine Radtour. Die beiden Jungen waren in der Garageneinfahrt gerade dabei, ihre Räder für die Ausfahrt vorzubereiten, da kam auf der Straße ein Mädchen angeradelt. Als sie die Jungen sah, bremste sie so stark, dass das Hinterrad blockierte und sich ihr Fahrrad quer stellte. So driftete sie auf die Garageneinfahrt zu und blieb kurz davor stehen. Sie hatte ihre dichten und langen Haare nach hinten zu einem einzigen dicken Zopf geflochten. Ihre Augen blickten aufmerksam und ihre weißen Zähne blitzten in der Morgensonne.
„Ach, ihr seid auch noch da“, sagte sie frech. „Ich fahre schon den ganzen Morgen durch die Siedlung, um zu sehen, wer in den Ferien zu Hause geblieben ist. Die Einzigen, die ich bisher gefunden habe, seid ihr. Sonst ist das ganze Dorf wie leergefegt.“ Das hörte sich fast herablassend an, als wären Andi und Ferdi der traurige Rest, der es nicht rechtzeitig geschafft hatte wegzufahren. Andi blickte von seinem Fahrrad auf und entgegnete scharf: „Ach, und warum bist du noch hier, wenn ich fragen darf?“ „Wir waren zum Wintersport verreist“, antwortete das Mädchen selbstsicher. „Diesmal bleiben wir über Sommer hier.“ Nach einer kleinen Pause fügte sie hinzu: „Bist du nicht der Andi aus der siebten?“ „Fast richtig“, sagte Andi. „Ich heiße zwar Andi, aber ich komme jetzt in die achte Klasse.“
Das Mädchen war Andi flüchtig aus der Schule bekannt. Hier in der Siedlung kannte jeder jeden zumindest vom Sehen. Es war wie auf einem Dorf. Von vielen wusste Andi den Namen und wo sie wohnten. Nur zu den Familien, die keinen Nachwuchs hatten oder deren Kinder entweder ganz klein oder schon aus dem Haus waren, hatte er kaum Kontakt. Das Mädchen hatte er regelmäßig im Schulbus gesehen. Andi wusste von ihr, dass sie eine Klasse unter ihm ging. Jedoch hatte er noch nie mit ihr zu tun gehabt, sodass er ihren Namen nicht kannte.
„Und wie heißt du?“, fragte er. „Ich heiße Otto“, sagte sie knapp. „Otto?“, entgegnete Andi verwundert. „Das ist doch ein Jungenname. Du siehst aber wie ein Mädchen aus.“ „Ich bin auch ein Mädchen“, antwortete sie empört. „Eigentlich heiße ich Ottilie nach meiner Großmutter“, fügte sie verlegen hinzu. „Aber wer mich so nennt, den verprügele ich höchstpersönlich“, fuhr sie kämpferisch fort. „Also sagt gefälligst Otto zu mir!“
‚Die und mich verprügeln’, dachte sich Andi. ‚Ganz schön frech und überheblich ist die. Ich lass mich doch nicht von einem Mädchen verhauen. Aber immerhin gibt es jetzt noch jemandem mit so einem komischen Namen wie mich, der sich deshalb nur bei seinem Spitznamen rufen lässt.’ Das verschaffte Andi eine gewisse Zufriedenheit. Aber er sagte nichts davon, da er nicht auf seinen richtigen Namen zu sprechen kommen wollte. Das wäre ihm zu peinlich gewesen. Er war froh, dass das Mädchen ihn als Andi kannte.
„Wer bist du denn?“, fragte Otto und zeigte in Ferdis Richtung. „Dich habe ich hier noch nie gesehen.“ Ferdi schreckte hoch, als sei er bei etwas Verbotenem auf frischer Tat ertappt worden. Als müsste er sich dafür entschuldigen, dass Otto ihn nicht kannte, antwortete er: „Ich bin nicht von hier. Ich bin nur zu Besuch.“ „Das ist mein Cousin Ferdi. Er verbringt hier bei mir die Ferien“, stellte Andi ihn vor. Wieder zu Andi gewandt fragte Otto sehr direkt: „Was habt ihr jetzt vor?“ „Wir wollen eine kleine Radtour machen. Ich möchte Ferdi die Siedlung zeigen“, antwortete Andi. „Darf ich mitkommen? Ich habe gerade nichts Besseres zu tun“, fragte Otto unverschämt.
Ursprünglich hatte Andi sich vorgenommen, Ferdi die Siedlung alleine zu zeigen und ihn dabei mit seiner Ortskenntnis zu beeindrucken. Daher hätte er jetzt nein sagen müssen. Aber als Andi vor fünf Jahren mit seinen Eltern hierher in die Siedlung gezogen war, hatte er die Grundregel gelernt: Völlig gleich, was man macht, es macht jedem einzelnen umso mehr Spaß, je mehr von den anderen Kindern dabei sind. Also sagte Andi mit gespielter Gleichgültigkeit: „Na gut, meinetwegen.“
Ihre Räder waren fertig und sie machten sich zu dritt auf den Weg. Andi radelte voraus, da er seine Führungsrolle nicht aufgeben wollte. Die beiden anderen folgten ihm leicht versetzt. Zu dieser Zeit war kaum Verkehr in der Siedlung. So konnten sie mitten auf der Straße fahren, ohne ständig Autos ausweichen zu müssen. Andi freute sich, dass er jemanden gefunden hatte, der in den Ferien hier geblieben war. Es war zwar schön, dass Ferdi ihn besuchte, aber die gesamte Zeit ausschließlich mit ihm zu verbringen, wäre auf Dauer zu eintönig geworden. Außerdem konnten sie mehr unternehmen, wenn sie mehrere waren. Andi ärgerte sich nur, dass es ausgerechnet ein Mädchen sein musste, das sich zu ihnen gesellt hatte.
Die drei waren zwei Straßenecken weitergekommen, da schoss Andi ein Wasserstrahl mitten ins Gesicht. Kurz darauf wurden die beiden anderen ebenfalls vom Wasser getroffen. Überrascht hielt Andi an. Im Vorgarten des Hauses, an dem sie gerade vorbeifuhren, stand ein kleiner Junge mit einem Gartenschlauch. Der Knirps richtete den Strahl auf Andi und lachte dabei laut. Wütend rannte Andi durch die Gartenpforte auf den Burschen zu und schrie: „Was fällt dir ein, mich nass zu spritzen. Dir werde ich es zeigen, du kleiner Wicht, du halbe Portion.“ Andi wollte den Jungen greifen, um ihn durchzuschütteln, als er selbst unsanft auf dem Rasen im Vorgarten landete. Er lag wie ein Maikäfer auf dem Rücken und strampelte mit Armen und Beinen. Der Kleine lachte noch immer.
„Du solltest wissen, der Junge ist nicht klein“, sagte Otto kühl. „Er geht in meine Parallelklasse und ist so alt wie ich. Er ist nur schmächtiger als wir. Übrigens macht er Kampfsport.“ „Hättest du mich nicht eher warnen können?“, fauchte Andi das Mädchen zornig an. „Ich kann doch nicht ahnen, dass du ohne nachzudenken gleich in dein Verderben rennst. Außerdem hast du es ja selbst herausgefunden“, entgegnete Otto überheblich.
Andi rappelte sich auf und ging auf sicheren Abstand zu dem Jungen. Der Junge war sehr schlank, fast dürr und über einen Kopf kleiner als er. „Okay, ich gebe mich geschlagen“, sagte Andi genervt. „Aber damit ich weiß, wer mich bezwungen hat, hast du einen Namen?“ „Ja, ich heiße Karl“, antwortete der Junge und lachte weiter. „Einfach nur Karl oder hast du auch einen Spitznamen wie Kalle oder Karli oder Karlchen?“, fragte Andi nach. „Nein, ich habe keine Spitznamen und ich mag auch keine. Nennt mich einfach nur Karl“, erwiderte der Junge ruhig, aber bestimmt.
‚Das gibt es also auch’, dachte Andi, ‚jemanden, der nur seinen richtigen Namen hat und der ausschließlich damit gerufen werden möchte.’ Andi musste an Karl den Großen denken und kam auf Karl den Kleinen als Spitznamen. Davon sagte er aber nichts, denn er wollte nicht riskieren, nochmals zu Boden geschickt zu werden.
Andis Wut hatte sich schnell gelegt. Der Wasserstrahl, mit dem Karl die drei bespritzt hatte, war eine willkommene Erfrischung bei dem warmen Wetter gewesen. Es war mehr der Schreck, unvorbereitet davon getroffen zu werden, der Andi wütend gemacht hatte. Andi hatte sich beruhigt und fragte Karl sachlich: „Warum hast du uns nass gespritzt?“ „Ich wollte, dass ihr anhaltet“, antwortete Karl. „Ich war mir nicht sicher, ob ihr stehen bleibt, wenn ich bloß winke. Alle meine Freunde sind verreist. Nur ich bin alleine hier geblieben. Ich suche daher jemanden, mit dem ich etwas unternehmen kann.“ „Willkommen im Club“, sagte Andi und stellte Ferdi und sich kurz vor. Otto und Karl kannten sich bereits aus der Schule.
„Hast du ein Fahrrad, Karl?“, fragte Andi. „Möchtest du mit uns kommen?“ Das ließ sich Karl nicht zweimal sagen. Er holte sein Rad und folgte den dreien. Andi war zufrieden. Immerhin war die kleine Gruppe auf vier Kinder angewachsen. Er nahm Karl noch etwas übel, dass er ihn ungefragt nass gespritzt hatte. Außerdem gefiel ihm nicht, dass Karl ihn ohne Mühe zu Fall bringen konnte, obwohl er kleiner war als er selbst. Dennoch war Andi froh, dass es ein Junge war, der sich der Gruppe angeschlossen hatte.
Die vier fuhren mit ihren Fahrrädern durch die Straßen. Nach einer halben Stunde hatte Andi Ferdi alles gezeigt, was es dort zu sehen gab. Die Kinder hielten bei einem kleinen Supermarkt, dem einzigen Geschäft in der Siedlung. Dort gab Ferdi von seinem Taschengeld für alle ein Eis aus. Er selbst kaufte sich die größte Portion. Sie setzten sich in einer nahegelegenen Grünanlage im Kreis um einen großen Stein herum und genossen die erfrischende Speise.
Nachdem die vier aufgegessen hatten, fragte Ferdi: „Was machen wir jetzt?“ „Der Spielplatz ist langweilig. Der ist nur für die Kleinen“, sagte Karl. Sie beschlossen, sich umzusehen und kamen an dem Bolzplatz vorbei. Dort hielten sie an und stiegen von den Rädern, um ihn sich genauer anzuschauen. Der Platz war leer. Sonst herrschte hier immer großes Gedränge, aber nun waren alle verreist.
„Lasst uns Fußball spielen“, schlug Otto vor. „Mit einem Mädchen spiele ich kein Fußball“, entgegnete Andi. Zack! In diesem Moment hatte Otto mit ihrer Faust Andi einen kräftigen Hieb auf den Oberarm versetzt. Genau auf den Muskel, wo es am meisten weh tut. Andi zuckte vor Schmerz zusammen. Er wusste, dass er dort einen großen blauen Fleck bekommen würde. Wenn Otto ein Junge gewesen wäre, dann hätte er sie jetzt verprügelt. Aber ein Mädchen durfte man nicht schlagen. Das wusste er. Ungerecht empfand er nur, dass das Mädchen ihn ungestraft schlagen durfte. Er fasste daher den Fausthieb als Herausforderung auf, mit ihr Fußball zu spielen. „Okay. Wie du willst“, sagte er. „Wir brauchen einen Ball. Wer holt einen?“ „Ich, ich wohne am nächsten“, antwortete Karl und flitzte mit seinem Fahrrad davon. Fünf Minuten später tauchte er mit einem schönen Lederfußball auf.
Inzwischen hatten sich die drei anderen vorbereitet. Andi sollte mit Ferdi gegen Otto und Karl spielen. Ferdi protestierte, da er nicht Fußball spielen konnte. Der Bolzplatz war klein und entsprechend klein waren die Tore. Andi stellte Ferdi in eines von den beiden. Da Ferdi so dick war, füllte er das gesamte Tor aus. Das Spiel begann. Andi hatte sich in Otto getäuscht. Sie konnte zwar nicht so hart schießen wie er, aber dafür gut dribbeln. Ohne Anstrengung trickste sie ihn mehrfach aus. Karl war wieselflink und umspielte Andi problemlos. Von Ferdi konnte Andi keine Hilfe erwarten. Er stand während des gesamten Spieles im Tor. Dort verhinderte er immerhin durch seine bloße Anwesenheit mehrere Treffer.
Otto und Karl gelang es oftmals, Ferdi den Ball zwischen den Beinen hindurchzuspielen oder den Ball ins Eck zu platzieren, bevor Ferdi die geringste Bewegung machen konnte. Das andere Tor war hingegen unbewacht, da Otto und Karl gleichzeitig angriffen. Andi konnte zwar mit kraftvollen Schüssen aus der Distanz einige Male das gegnerische Tor treffen, jedoch damit vermochte er die drohende Niederlage nicht abzuwenden. Andi war zornig, schluckte aber seine Wut hinunter und ließ sich nichts anmerken. Er gratulierte seinen Gegnern zum Sieg. Ferdi störte es nicht, dass sie haushoch verloren hatten. Im Gegenteil war er froh, dass das Spiel dadurch schnell ein Ende fand.
Es war Mittagszeit geworden und Ferdi verspürte großen Hunger. Die vier verabredeten, sich nach dem Mittagessen wieder am Bolzplatz zu treffen, diesmal ohne Ball.
Als Andi und Ferdi an den kleinen Fußballplatz zurückkehrten, waren Otto und Karl noch nicht da. Die beiden Jungen setzten sich ins Gras und schwiegen. Andi war wütend und enttäuscht. Heute sollte sein besonderer Tag werden. Er wollte Ferdi stolz die Siedlung zeigen und ihm damit imponieren. Stattdessen wurde er zuerst von einer halben Portion zu Boden geworfen und anschließend von einem Mädchen im Fußball besiegt. Immerhin war Andi froh, dass er zumindest zwei weitere Kinder gefunden hatte, die ebenfalls nicht verreist waren. Er freute sich darauf, dass er mit den beiden etwas unternehmen konnte, auch wenn das eine davon nur ein Mädchen war. Ferdi war ebenso enttäuscht. Innerhalb eines halben Tages hatte er alles gesehen, was seine neue Ferienumgebung zu bieten hatte und das war kaum interessant für ihn. Ihm bot sich die Aussicht auf langweilige Sommerferien.
Zehn Minuten später kamen Otto und Karl fast gleichzeitig. „Was guckt ihr so traurig? Trauert ihr dem verlorenen Fußballspiel nach?“, platzte Otto heraus. „Nein, das ist es nicht“, meldete sich Ferdi zu Wort. „Ich habe heute Vormittag die ganze Siedlung gesehen. Hier ist nichts los. Hier kann man nichts machen, außer sich im Fußballtor zusammenschießen lassen. So habe ich mir meine Sommerferien nicht vorgestellt. Hier ist es noch langweiliger als bei mir zu Hause.“ „Das stimmt nicht. Du solltest mal erleben, was hier los ist, wenn keiner verreist ist“, erwiderte Karl. „Das mag ja sein, aber ich bin in den Ferien hier. Ich möchte jetzt etwas erleben“, antwortete Ferdi genervt.
Otto machte ein geheimnisvolles Gesicht und sprach mit gedämpfter Stimme: „Eine Sache gibt es noch, die du nicht kennst. Dort ist es wirklich sehr spannend.“ Andi wusste sofort, was Otto meinte und unterbrach sie empört: „Hör auf, sei still! Das kommt nicht in Frage. Dort gehen wir auf keinen Fall hin. Du weißt doch, dass das verboten ist.“
Jetzt war Ferdi hellwach. Bisher hatte er sich zurückhaltend und passiv verhalten, aber nun war seine Neugier geweckt. Wenn Ferdi eines hasste, dann war es, dass anderen etwas wussten, was er selbst nicht kannte. Er bohrte nach und fragte, was Otto gemeint hatte. Andi war überzeugt, dass der geheime Ort Ferdi mehr als interessieren würde und dass er ihn damit schwer beeindrucken könnte. Ebenso kannte er das strikte Verbot und hatte Angst vor der Strafe, falls sie dort erwischt werden. Daher sagte er zunächst nichts. Er unterschätzte jedoch Ferdis Hartnäckigkeit. Ferdi brauchte zwar eine gewisse Zeit, um in Gang zu kommen, aber wenn er in Schwung war, dann konnte ihn nichts bremsen. Als Ferdi ihn immer stärker bedrängte, gab er nach und sprach: „Also gut, aber du musst versprechen, dass du niemandem davon erzählst.“ „Klar, selbstverständlich. Ich sage kein Sterbenswörtchen“, bestätigte Ferdi.
Andi schwieg zunächst und wartete, bis alle gespannt zuhörten. Dann begann er leise: „Hier in der Nähe befindet sich einen Schrottplatz, auf dem alte Autos ausgeschlachtet und anschließend gepresst werden. Dort gibt es viele ungewöhnliche und spannende Dinge. Es ist jedoch bei Strafe verboten, den Platz zu betreten. Außerdem ist es dort gefährlich. Daher werden wir nicht dorthin gehen.“
Das war ein Volltreffer. Ferdi war augenblicklich davon begeistert und wollte unbedingt an den Ort, an dem es so viele technische und interessante Sachen zu sehen gab. Voller Erwartung hüpfte er wie ein Gummiball von einem Bein auf das andere. „Heute ist Samstag. Da wird dort nicht gearbeitet. Keiner ist da, der uns entdecken könnte“, bemerkte Karl.
Nun gab es kein Halten mehr. Ferdi bekniete Andi so lange, bis er endlich einlenkte. Andi fragte Otto und Karl, ob sie mitkommen wollten. Die beiden waren sofort einverstanden. Andi ermahnte eindringlich die drei: „Aber damit es von vorneherein allen klar ist, kein Wort zu niemandem, sonst bekommen wir echten Ärger. Als ich das letzte Mal dort erwischt worden bin, wurde ich von der Polizei nach Hause gebracht. Meine Eltern mussten Strafe an den Besitzer vom Schrottplatz zahlen und ich bekam drei Wochen Hausarrest mit Fernsehverbot.“ Die vier schworen sich gegenseitig, nichts zu sagen.
Alle Kinder aus der Siedlung kannten den Schrottplatz und sie waren mindestens einmal dort gewesen, obwohl sie wussten, dass es verboten war, ihn zu betreten. Trotzdem zog es sie immer wieder dorthin. Ihren Eltern war bewusst, welche magische Anziehungskraft dieser Ort auf ihre Sprösslinge ausübte. Daher achteten sie besonders streng auf die Einhaltung des Verbotes. Der Besitzer verstand keinerlei Spaß und zeigte jeden bei der Polizei an, den er ertappte. Das bedeutete zusätzlichen Ärger. Aus diesem Grunde war besondere Vorsicht geboten, wenn sie sich über das Verbot hinwegsetzen wollten.
Die vier Kinder fuhren los. Ihr Weg führte sie aus der Siedlung heraus. Sie mussten kräftig in die Pedale treten, da die Straße zum Schrottplatz leicht anstieg. Zusätzlich brachte die Nachmittagshitze die vier ins Schwitzen. Ferdi schnaufte wie eine alte Lokomotive, als er sich mit dem Fahrrad die Steigung hinaufkämpfte. Die Aussicht auf den interessanten Ort beflügelte ihn jedoch und ließ ihn seine Anstrengungen nicht spüren. Nach einer Viertelstunde erreichten sie den Schrottplatz. Er war von einem hohen Bretterzaun umgeben. Zur Straße hatte er eine Einfahrt mit einem großen Gittertor davor. An dem Tor hing ein Schild mit der Aufschrift: „Unbefugten Betreten verboten. Eltern haften für ihre Kinder.“ Ein einsamer, angeketteter Hund bewachte die Zufahrt. Sonst war niemand zu sehen.
„Hier geht es für uns nicht rein, wegen des Wachhundes“, stellte Andi fest. Er fuhr mit den anderen zu einem Feldweg, der seitlich am Schrottplatz von der Straße abzweigte. Der Weg führte entlang des Bretterzaunes. Am hinteren Ende des Geländes hielten sie an und versteckten ihre Fahrräder im Gebüsch. Dann führte Andi sie zu einer Stelle, die er kannte. Hier war zwischen Zaun und Erdboden ein größerer Spalt, durch den sie sich hindurch zwängen konnten. Ferdi benötigte dabei die Hilfe der drei anderen, da die Lücke zu eng für ihn war und er darin stecken blieb. Mit vereinten Kräften gelangte auch er auf die andere Seite. Durch den hohen Bretterzaun waren sie vor Blicken geschützt, sodass sie keiner von außerhalb des Geländes sehen konnte. Daher konnten sie sich auf dem Schrottplatz unbeobachtet bewegen.
Andi führte Ferdi herum und zeigte ihm den Platz. Im vorderen Teil bei der Einfahrt befand sich eine Hütte für die Arbeiter. Hier war auch der Hund in sicherer Entfernung von ihnen angekettet. Daneben gab es eine Werkstatt, in der die Autos ausgeschlachtet wurden, und einen Lagerschuppen. Außerdem stand dort ein Radlader mit einer Gabel, wie sie Gabelstapler haben, zum Bewegen der Schrottautos. Das Beeindruckendste war die riesige Presse, mit der die Autowracks zu Metallwürfeln zusammengedrückt wurden. Hinter der Autopresse lag ein großer Haufen dieser Metallklumpen. Im hinteren Bereich des Schrottplatzes standen in mehreren Reihen hintereinander und nebeneinander dicht an dicht alte Autos aufgestapelt. Jeweils drei Autowracks waren übereinander aufgeschichtet. Ferdi kannte von den meisten der Kraftwagen die genauen Herstellerangaben und den Typ.
Mitten auf dem Gelände war eine freie Fläche. Hier stand ein großer, alter Straßenkreuzer. Vermutlich war er erst kürzlich angeliefert und noch nicht ausgeschlachtet worden. Er sah heruntergekommen aus. Der Lack war stumpf und die Sitze verschlissen. Außerdem hatte die Karosserie überall Roststellen und Beulen. Trotzdem regte dieses Fahrzeug die Fantasie der vier Kinder an und reizte sie zum Spielen. Der Wagen war nicht verschlossen, sodass sie sich hineinsetzen konnten. Zuerst spielten sie, dass Otto eine reiche und berühmte Dame war. Ferdi war ihr Chauffeur und Andi und Karl ihre Leibwächter. Die vier wurden von bösen Banditen angegriffen und mussten gegen sie kämpfen.
Danach waren sie ein Sondereinsatzkommando von der Polizei, das mit ihrem Spezialfahrzeug gefährliche Verbrecher verfolgte. Zum Schluss war der Wagen ihr Raumschiff mit dem sie fremde Galaxien erkundeten und allerlei spannende Abenteuer zu bestehen hatten. Hierbei blühte besonders Ferdi auf. Er verwendete dabei Begriffe wie Photonenantrieb, Subraumsprünge und Astronavigation, von denen die anderen drei nie etwas gehört hatten. Es machte allen mächtigen Spaß und sie bekamen immer neue fantasievolle Einfälle. Es herrschte eine ausgelassene Stimmung und alle vier Kinder spielten miteinander, als würden sie sich bereits eine Ewigkeit gut kennen.
Nach einigen Stunden hatte das alte Auto seinen Zweck erfüllt und die Kinder suchten nach neuen Möglichkeiten auf dem Schrottplatz. Andi schlug vor, sie sollten ausschwärmen und jeder von ihnen sollte besonders interessante Teile im Schrott finden. Anschließend wollten sie sich zusammensetzen und ihre Funde miteinander vergleichen. Die vier zogen in verschiedene Richtungen los. Nach einigem Suchen entdeckte Karl eine Reihe bunter Lampen. Ferdi hatte einen Scheibenwischermotor abgebaut, den er zum Basteln verwenden wollte. Andi fand ein bizarr geformtes Metallstück, von dem er nicht wusste, was es war oder wozu es einstmals gedient haben mag. Es sah ungewöhnlich und interessant aus. Daher steckte er es ein und nahm es mit. Er war überzeugt, dass Ferdi ihm sofort sagen konnte, was es war.
Die drei Jungen wollten gerade zu ihrem Treffpunkt zurückkehren, als sie Otto rufen hörten. Sie stand ganz oben auf den Reihen von aufgeschichteten alten Autos auf einem der Autodächer und winkte aufgeregt. „Kommt her! Schaut euch das an! Ich habe hier etwas gefunden“, rief sie. „Bring es doch mit!“, rief Andi zurück. „Geht nicht. Es ist zu groß“, antwortete Otto.
Die Jungen gingen in Richtung der gestapelten Schrottautos auf Otto zu. Plötzlich war sie verschwunden. Die drei hielten inne, aber Otto war nirgends zu entdecken. Zuerst dachten sie, das Mädchen würde ihnen einen Streich spielen und sich verbergen. Nachdem sie längere Zeit nichts von ihr gehört oder gesehen hatten, wurde ihnen unheimlich. Die Jungen legten ihre Funde beiseite und kletterten auf die gestapelten Autowracks. Das war nicht einfach. Besonders Ferdi hatte damit Schwierigkeiten, aber Andi und Karl halfen ihm hinauf. Zu dritt standen sie oben auf einem Autodach. Dort war es wackelig und rutschig. Die Jungen stiegen von einem Auto zum nächsten zu der Stelle, an der sie Otto zuletzt gesehen hatten. Mehrere Male riefen sie zusammen ihren Namen. Es kam keine Reaktion. „Wahrscheinlich hat sich Otto hier versteckt und amüsiert sich über uns“, vermutete Andi. Die drei Jungen riefen erneut, ohne eine Antwort zu erhalten.
Als sie einen Moment lang still wurden, um zu überlegen, was sie tun sollten, hörten sie leise Ottos Stimme: „Hier unten bin ich. Direkt unter euch. Ich bin eingeklemmt. Ich kann nicht mehr heraus.“ Dann fanden die Jungen Otto nicht weit von dort, wo sie standen. Sie war von dem glatten Autodach abgerutscht und in eine Spalte zwischen den aufgestapelten Autos gefallen. Dort steckte sie tief unten fest. Aus eigener Kraft konnte Otto sich nicht befreien. Andi streckte seinen Arm hinunter, aber das Mädchen war außerhalb seiner Reichweite. Der Zwischenraum war zu schmal, als dass er mit seinem Oberkörper weiter hineinkommen konnte.
„Die kriegen wir da nie raus“, meinte Ferdi. „Wir müssen die Feuerwehr holen.“ „Die Feuerwehr? Spinnst du? Dann bekommen wir alle großen Ärger“, entgegnete Andi. „Außerdem hat keiner von uns ein Handy dabei. Es müsste also einer zur Siedlung zurück fahren, um Hilfe zu holen.“ „Aber wir können Otto nicht da unten lassen. Dann müssen wir lieber den Ärger in Kauf nehmen“, sagte Karl. Nach kurzem Überlegen schlug Andi vor: „Wir versuchen zuerst selbst, sie dort rauszuholen. Wenn uns das nicht gelingt, können wir immer noch die Feuerwehr holen.“ „Macht aber bitte schnell. Ich halte es hier nicht mehr lange aus“, meldete sich Otto von unten.
Es war dunkel dort unten, wo Otto zwischen den alten Fahrzeugen eingeklemmt war. Damit Andi besser sehen konnte, nahm Ferdi eine kleine Taschenlampe, die er an einem Haken an seinem Gürtel trug, und reichte sie ihm. Dabei beugte er sich vor in Richtung des Spaltes, in dem Otto steckte. Die Autowracks fingen an zu schwanken und die Lücke wurde schmaler. „Hilfe! Was macht ihr da?“, schrie Otto. „Ich werde hier erdrückt.“ Andi stieß Ferdi sofort zurück. Zuerst wollte er auf Ferdi böse sein, weil er beinahe mit seinem unvorsichtigem Verhalten Otto zerquetscht hätte, doch dann hatte er eine Idee. „Ferdi“, sagte er, „geh auf die andere Seite vom Autodach und mach dich so schwer du kannst!“ Ferdi gehorchte, ohne zu wissen, wozu er das machen sollte. Tatsächlich wankte der Autostapel ein Stück zurück und der Spalt wurde sogar ein kleines Stück breiter als zuvor. Otto hatte nun mehr Platz zum Atmen. So war Ferdis Übergewicht zu etwas nütze.
Leider wurde der Zwischenraum dadurch nicht breit genug, damit Andi selbst dort hineinklettern konnte, um Otto herauszuhelfen. Sein Blick fiel auf Karl und er hatte einen weiteren Einfall. Der schmächtige Junge passte bequem in die Spalte, jedoch er war zu klein und seine Arme zu kurz, um das Mädchen zu erreichen, wenn er sich hinunterbeugte. Daher probierte Andi folgendes aus. Er hielt Karl an den Füssen fest und ließ ihn kopfüber in den Spalt hinab. Auf diese Weise konnte Karl Otto immerhin greifen, musste aber feststellen, dass er nicht genügend Kraft hatte, um das Mädchen herauszuziehen.
Andi hob Karl aus der engen Lücke und grübelte fieberhaft nach. „Ein Seil. Wir brauchen ein Seil. Sucht ein Seil! Es muss hier doch irgendwo ein Seil geben“, rief er hektisch. Wieselflink flitzte Karl kreuz und quer über die Autos und den Schrottplatz. Eine kurze Zeit später tauchte er wieder auf und schwenkte in seiner Hand wie eine Trophäe etwas, das wie ein Seil aussah. Genau genommen war es kein echtes Seil, sondern ein Schlauch oder Kabel, aber es war einen Versuch wert.
Andi ließ Karl erneut kopfüber zu Otto hinunter. Es gelang dem schmalen Jungen, das Seil unter den Armen des Mädchens hindurchzufädeln. Anschließend zog Andi ihn wieder hoch aufs Autodach. Andi und Karl nahmen das Seil und zerrten kräftig daran, aber es ging nicht. Otto rührte sich kein Stück. Daraufhin warf Andi das eine Seilende zu Ferdi hinüber, der auf der anderen Seite des Autodaches saß. Auf ein Zeichen von Andi hing sich Ferdi mit seinem vollen Gewicht an das Seil. An dem anderen Ende zogen gleichzeitig Andi und Karl. Endlich bewegte sich Otto. Sie rutschte in dem Spalt nach oben.
„Ah, aua! Halt, nicht mehr weiter! Ich hänge fest. Ich bin verletzt.“ schrie Otto vor Schmerzen laut auf. Sofort hörten die drei Jungen auf zu ziehen. Andi leuchtete mit der Taschenlampe zu dem Mädchen hinunter. Sie war mit einem Bein an einer scharfen Kante von einem der Autowracks hängengeblieben. Wenn die Jungen jetzt an dem Seil zogen, würde Otto immer weiter auf diese Kante gedrückt werden. Andis gute Idee war gescheitert. Die drei konnten das Seil nicht mehr verwenden, um Otto zu befreien. Andi war verzweifelt. Er wusste nicht, wie er Otto helfen konnte. Viel Zeit zum überlegen hatte er nicht. Wenn er Otto retten wollte, dann musste es schnell gehen, bevor das Mädchen zwischen den Schrottautos zerdrückt wurde.
Immerhin war Otto durch den Versuch mit dem Seil ein weites Stück höher gekommen. Andi beugte sich, so tief er konnte, hinunter zu ihr und Otto streckte ihm ihre Hände entgegen. Es reichte gerade eben aus, dass er sie fassen konnte. Andi packte zu und hob Otto zunächst zur Seite von der scharfen Kante weg. Dann versuchte er sie hochzuziehen. Das war aber viel zu schwer. Er zerrte so stark, wie er konnte. Von dem Kraftaufwand wurde ihm schwarz vor seinen Augen. Die Stelle an seinem Oberarm, wohin das Mädchen ihn am Vormittag geschlagen hatte, schmerzte durch die Anspannung unerträglich. Doch Andi bemerkte es nicht vor lauter Anstrengung.
So sehr er sich auch mühte, er schaffte es nicht. Die Jungen waren so weit gekommen und mussten nun kurz vor dem Ziel aufgeben. Das wollte Andi nicht hinnehmen und mobilisierte seine Kräfte. Er zog so sehr, dass er dachte, seine Arme würden ihm abreißen. Doch plötzlich wie durch ein Wunder bewegte sich Otto langsam nach oben. Stück für Stück rückte das Mädchen höher. Zuletzt kam Otto so nah, dass Karl mit zupacken konnte. Zu zweit war es einfacher. Mit einem letzten Kraftakt gelang es den beiden, Otto aus dem Spalt auf das Dach des Autos zu ziehen.
Erschöpft lag das Mädchen auf dem Autodach. Andi und Karl setzten sich entkräftet neben sie. Otto sah schlimm aus. Sie war von Kopf bis Fuß voller Dreck, Staub und Öl. Am ganzen Körper hatte sie kleinere Schürfwunden, blaue Flecke und Beulen. Das Schlimmste war eine blutende Wunde an ihrem rechten Oberschenkel. Ein blutiger Riss ging von ihrem Knie hinauf bis fast zu ihren knappen Shorts. Als Ferdi, der immer noch als Gegengewicht auf der gegenüberliegenden Seite des Autodaches saß, zu den dreien hinüberkletterte, wankte der Autostapel ein letztes Mal. Die Spalte, aus dem die Jungen gerade eben Otto befreit hatten, verschloss sich mit lautem Getöse.
Alle vier waren wie benommen von den Anstrengungen, den Schmerzen und der Angst, die sie ausgestanden hatte. Nach einer kurzen Verschnaufpause halfen die drei Jungen Otto, von den aufeinandergeschichteten Autos herunterzuklettern. Unten angekommen setzten sie das Mädchen auf einen Reifenstapel. Sie schauten sich die Wunde an Ottos Bein an. „Das sieht gefährlich aus. Ich kann kein Blut sehen. Mir wird schlecht“, würgte Ferdi.
