Philipps Entscheidung - Frank Springer - E-Book

Philipps Entscheidung E-Book

Frank Springer

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Beschreibung

Der dreizehnjährige Philipp ist maßlos enttäuscht. In den vergangenen Jahren ist er in den großen Ferien immer mit seinen Eltern und Schwestern ins Ausland geflogen, um eine abwechselungsreiche Zeit in einem komfortablen Urlaubsparadies zu verbringen. Jedoch in diesem Jahr geht die Reise nur an die Ostsee in ein kleines Dorf nicht weit entfernt von seiner Heimatstadt Hamburg. Statt der befürchteten Langeweile stößt Philipp dort auf ein für ihn völlig neues Problem, nämlich Mädchen. Einerseits interessiert sich die zarte Josephine auffällig für ihn, andererseits zieht ihn die unternehmungslustige Wibke in ihren Bann. Dabei will Philipp noch gar nichts mit Mädchen zu tun haben, sondern lieber spannende Abenteuer erleben. Obendrein wird Philipp ständig von seinen beiden jüngeren Schwestern Isabelle und Mimmi geärgert. Kaum beginnt Philipp, sich in Josephine zu verlieben, da geschieht etwas Furchtbares. Ausgerechnet als er auf seine beiden Schwestern aufpassen soll, verschwindet Isabelle spurlos. Zusammen mit Wibke macht sich Philipp auf, nach ihr zu suchen. Schnell wird ihm bewusst, dass Isabelle in höchster Gefahr schwebt. Es geht um Leben und Tod. Kann Philipp seine Schwester noch rechtzeitig finden? Eine riskante Suche beginnt, die auch Wibke und Philipp in äußerste Lebensgefahr bringt.

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Veröffentlichungsjahr: 2013

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Frank Springer

Philipps Entscheidung

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Widmung

1. Eine große Enttäuschung

2. Noch mehr Enttäuschungen

3. Der Sturm

4. Die Seefahrt

5. Das Lagerfeuer

6. Frau über Bord

7. Die Nachtwanderung

8. Wo ist Isabelle?

9. Die Suche beginnt

10. Tommi

11. Verspätung

12. Ein unnötiger Streit

13. Bauer Hinrichs

14. Die Baracke

15. Der Kampf

16. Der Sturz

17. Der Zugriff

18. Der Abend

19. Die Entscheidung

20. Das Fest

Impressum neobooks

Widmung

Ein Ferienabenteuer

für Daniel und Julian

Umschlagbild: Dorothea Bürger

1. Eine große Enttäuschung

„Was?“, schrie Philipp voller Entrüstung. „Dort sollen wir hin? Was wollen wir denn da?“ Philipps Vater antwortete ruhig: „Ich bin froh, dass wir in diesem Jahr überhaupt noch in Urlaub fahren können. Vergiss nicht, dass wir das Dach vom Haus neu decken lassen mussten und uns ein neues Auto kaufen mussten, weil das alte kaputt gegangen ist. Nun haben wir fast gar kein Geld mehr, um verreisen zu können. Zum Glück ist immerhin doch noch etwas Geld übrig geblieben. Ich war gestern im Reisebüro, um eine Reise für Kurzentschlossene zu buchen. Sie hatten aber keine Angebote im Ausland, wo sie uns fünf auf einmal unterbringen konnten. So kurz vor den Ferien hätten sie höchstens zwei Personen für ein Reiseziel buchen können. Das Einzige war die Pension in dem kleinen Ort an der Ostsee, die uns alle aufnehmen kann.“

Der dreizehnjährige Philipp war verwöhnt. In den vergangenen Jahren war er mit seinen Eltern und Schwestern ans Mittelmeer, in die Karibik oder den fernen Osten geflogen, um in komfortablen Ferienanlagen den gemeinsamen Urlaub zu genießen. Der Vorschlag seines Vaters hörte sich hingegen nach tödlicher Langeweile an. Daher sagte Philipp wütend: „Warum denn ausgerechnet an die Ostsee? Das ist hier von Hamburg aus doch gleich um die Ecke. Dorthin können wir ja mit unserem Auto hinfahren.“ „Eben“, entgegnete sein Vater, „dadurch sparen wir noch mehr.“ Philipps elfjährige Schwester Isabelle sagte: „Da soll es sehr schön sein. Meine beste Freundin Lotta war im letzten Jahr in der Gegend. Sie hat nur davon geschwärmt.“ Philipp konnte sich nicht beruhigen: „Dort ist doch gar nicht los. Was sollen wir da machen? Das wird mit Sicherheit mein langweiligster Urlaub überhaupt.“ Seine Mutter versuchte ihn zu beschwichtigen: „An der See kann man immer etwas unternehmen. Dort wird es nie langweilig.“

Philipp argumentierte weiter: „Im Ausland ist das Wetter immer schön, aber hierzulande können wir die ganzen drei Wochen Regenwetter haben. Gerade jetzt um diese Jahreszeit ist es immer so unbeständig. Dann bleib ich lieber gleich zu Hause.“ Philipps Mutter sagte vorwurfsvoll: „Philipp, du warst inzwischen so oft im Ausland, aber in deiner unmittelbaren Umgebung kennst du dich gar nicht aus.“ Philipps Vater beendete die Diskussion: „Schluss jetzt! Wir fahren an die Ostsee und ihr kommt alle mit.“ Mimmi freute sich: „Au ja, an der See ist es schön.“ Sie war mit ihren acht Jahren das jüngste Familienmitglied der Familie Schneider.

Alle hatten sich gegen ihn verschworen. Das war zu viel für Philipp. Wenn es sonst Streit in der Familie gab, dann konnte er meistens zumindest einen Verbündeten finden. Diesmal stand er aber ganz allein mit seiner Meinung da. Voller Zorn sprang er auf, lief in sein Zimmer und warf die Tür mit einem lauten Knall hinter sich zu.

Bis zu den Sommerferien waren es nur noch zwei Wochen. Während dieser Zeit sprach Philipp das Thema Reise nicht mehr an. Wenn er in der Schule gefragt wurde, wohin es diesmal in den Urlaub gehen sollte, dann antwortete er ausweichend. Es war ihm zu peinlich, zugeben zu müssen, dass er nur an Ostsee fuhr. Seine Mitschüler schwärmten Philipp vor, dass sie in den Ferien nach Kalifornien oder sogar nach Australien reisen wollten. Dagegen konnte Philipp mit der geplanten Fahrt an die nahegelegene Küste nicht mithalten. Daher sprach er erst gar nicht davon.

Erst an dem Tag vor der Abfahrt holte ihn die Realität wieder ein, als es ans Kofferpacken ging. Lustlos stopfte er seine Sachen in eine große Reisetasche. Er nahm sich mehrere Bücher mit, um wenigstens die lange Zeit in der Abgeschiedenheit mit Lesen überwinden zu können. Außerdem steckte er seinen Musikplayer ein, auf den er zuvor noch die neusten Musikstücke speicherte, damit er sich ablenken konnte.

Da sie keine weite Fahrt vor sich hatten, fuhren sie erst am späten Vormittag aus Hamburg ab. Dazu nahm Philipp im Auto vorne bei seinem Vater platz, während seine Mutter hinten bei den beiden Mädchen auf der Rückbank saß. So hatte Philipp Ruhe vor seinen Schwestern und brauchte sich während der Fahrt nicht mit ihnen zu streiten. Unterwegs musste er die ganze Zeit daran denken, was ihn erwarten würde. Philipp befürchtete, dass er die nächsten drei Wochen nur mit seinen Eltern und Schwestern verbringen musste. In den großen Ferienanlagen, in denen sie sonst immer Urlaub gemacht hatten, gab es viele Jungen in seinem Alter, mit denen er etwas unternehmen konnte. Dort hatte er immer schnell Freunde gefunden. Vor zwei Jahren hatte er sogar einen Jungen aus Amerika kennen gelernt, mit dem er sich noch jetzt regelmäßig E-Mails schrieb. Philipp konnte nur hoffen, dass er in dem kleinen Gästehaus, in dem sie ihren Urlaub verbringen wollten, einen Jungen in seinem Alter fand, mit dem er die Gegend unsicher machen konnte. Die Aussichten dafür standen aber denkbar schlecht, da das kleine Haus nur wenigen Familien Platz bot.

Nach einigen Stunden erreichten sie ihr Ziel. Dabei dauerte die Fahrt nicht wegen der Entfernung so lange, sondern weil sie den letzten Teil des Weges auf kleinen, schmalen Straßen fahren mussten. Die Pension lag noch etwas außerhalb eines kleinen Örtchens fast direkt an der Ostsee. Schon von Weitem sahen sie den roten Backsteinbau. Auf einem Schild über der Eingangstür stand „Haus Petersen“. Das Haus war nicht viel größer als das Einfamilienhaus, in dem Philipp mit seinen Eltern und Schwestern am Stadtrand von Hamburg wohnte.

Philipps Vater hielt mit dem Auto vor dem Haus. Sie waren kaum ausgestiegen, da ging die Haustür auf und ein Mann kam heraus auf sie zu. Offenbar hatte er die Neuankömmlinge bereits bemerkt. Es war ein großer, kräftiger Mann mit einem Vollbart. Er trug ein rotes Halstuch und ein blaues Hemd mit weißen Streifen, wie es Fischer tragen. Der Mann begrüßte seine neuen Gäste herzlich mit einer rauen, dunklen Stimme: „Schönen guten Tag und herzlich willkommen hier in meinem Haus. Ich bin Petersen.“ Philipp hörte sofort, dass hier das Norddeutsch ganz anders klang als zu Hause in Hamburg. Herr Petersen schaute auf das Nummernschild des Autos und fuhr fort: „Sie müssen die Schneiders aus Hamburg sein, die Kurzentschlossenen.“ „Ganz recht“, antwortete Philipps Vater, „genau die sind wir. Seien sie ebenfalls herzlich gegrüßt.“ Herr Petersen fuhr fort: „Ich erwarte noch zwei weitere Familien als Feriengäste. Die werden aber erst später kommen, da sie einen viel weiteren Weg haben.“ Dann gab Herr Petersen allen höflich die Hand und sagte: „Na, dann kommen Sie bitte herein. Ich zeige Ihnen, wo Sie die nächsten drei Wochen wohnen werden.“ Philipps Vater schlug vor: „Wir nehmen gleich das Gepäck mit, dann müssen wir nicht zweimal laufen.“

Mit diesen Worten ging Philipps Vater ums Auto herum und öffnete den Kofferraum. Als Herr Petersen das viele Gepäck sah, pfiff er kurz auf zwei Fingern seiner rechten Hand. Einen kurzen Augenblick später kam ein nahezu weißblonder Junge hinter dem Haus hervor. Er begrüßte die Anwesenden freundlich aber kurz mit: „Moin!“ Der Junge war etwa so alt wie Philipp. Er war nur etwas größer und kräftig gebaut. Dabei war er keinesfalls dick, sondern eher sportlich. Der Junge sah Herrn Petersen sehr ähnlich, so dass Philipp sofort vermutete, dass er sein Sohn sein musste. Seine kurzen, struppigen Haare wirkten so, als hätten sämtliche Stürme aller Weltmeere sie zerzaust. Er trug eine blaue Latzhose und einen weiten Sommerpullover. Philipp war sehr erfreut, einen Jungen in seinem Alter hier anzutreffen. Zumal der Junge so aussah, als wenn man allerlei Aufregendes mit ihm anstellen könnte. Es war für Philipp der erste Lichtblick in dem bislang unerfreulichen Urlaub.

Ohne zu fragen ging der Junge zu Philipps Vater an den Kofferraum und griff sich zwei große Koffer. Damit schritt er auf den Hauseingang zu. Herr Petersen rief dem Jungen zu: „Die Schneiders kommen in Zimmer drei und vier.“ „Geht klar“, antwortete der Junge und verschwand mit den Koffern im Haus. Philipp bekam ein schlechtes Gewissen, weil der Junge so viel tragen musste. Daher ging er zum Auto und nahm seine große Reisetasche selbst heraus. Er lief damit dem Jungen hinterher ins Haus. Die übrigen Familienmitglieder und Herr Petersen folgten mit dem restlichen Gepäck. Der blonde Junge stieg eine Holztreppe hinauf. Im ersten Stock öffnete er eine Zimmertür und stellte die Koffer hinein. Mit einem „Bitte sehr“ verschwand er wieder nach draußen, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Herr Petersen blieb mit der Familie Schneider oben und zeigte ihnen die Räume. Philipps jüngste Schwester Mimmi sollte mit ihren Eltern in dem einen der beiden Zimmer schlafen. Herr Petersen hatte dort ein zusätzliches Bett für sie aufgestellt. Dann kam aber der nächste Schock für Philipp. Er sollte sich gemeinsam mit seiner Schwester Isabelle das andere Zimmer teilen. Einzelzimmer gab es in der kleinen Pension nicht. Philipp war empört. Zuhause hatten alle drei Kinder ihr eigenes Zimmer. Nun sollte er hier auf seine Privatsphäre verzichten. Wütend sagte Philipp: „Das kommt gar nicht in Frage. Ich schlaf doch nicht mit meiner Schwester in einem Zimmer.“ Isabelle erwiderte ihm frech: „Du kannst ja mit Mimmi tauschen und bei den Eltern schlafen, wenn dir das lieber ist.“ Das wollte Philipp erst recht nicht. Damit war aber noch nicht genug. Von den komfortablen Hotels war Philipp es gewohnt, ein eigenes Bad in seinem Zimmer zu haben. Hier zeigte ihnen Herr Petersen jedoch ein Badezimmer am Ende des Ganges, das alle Gäste gemeinsam benutzen mussten. Danach wünschte Herr Petersen noch einen angenehmen Aufenthalt und ließ die Schneiders allein in ihren Zimmern. Philipp war außer sich: „Hier bleibe ich keine zwei Minuten.“ Isabelle sagte dreist zu ihm: „Sei froh, dass es hier kein Plumpsklo quer über den Hof gibt.“ „Das fehlte noch“, schnaubte Philipp vor Zorn.

Sie packten ihre Sachen aus. Isabelle sortierte den Inhalt ihres Koffers sorgfältig in den Kleiderschrank ein. Philipp hingegen stopfte nur seine Reisetasche unausgepackt unten in den Schrank. Nachdem das Gepäck verstaut war, erforschten die Schneiders etwas das Haus. Nirgendwo gab es ein Fernsehgerät oder einen Anschluss für einen Computer. Selbst ihre Handys hatten hier keinen Empfang. Philipps Wut darüber steigerte sich immer mehr: „Wie soll ich hier nur die nächsten Tage überstehen, wenn es noch nicht einmal das Allernotwendigste gibt. Wir sind hier völlig von der Außenwelt abgeschnitten.“ Philipps Mutter entgegnete: „Freu dich doch, dann können wir unseren Urlaub ungestört in Ruhe genießen.“

Anschließend machte die gesamte Familie Schneider einen kleinen Spaziergang, um die Umgebung zu erkunden. Von dem Haus war es nicht weit bis zur See. Dort gab es einen schönen Strand, der abseits der öffentlichen Badestrände lag. Der Sand war weiß und fein. Anschließend gingen die fünf in den kleinen Ort, der nur aus einer Straße bestand. In dem einzigen Geschäft, das es dort gab, kaufte Philipps Mutter einen Stapel Ansichtskarten und ein Mitbringsel als Dank für die Nachbarn, die in der Zwischenzeit auf ihr Haus in Hamburg aufpassten.

Als die Schneiders wieder in die Pension zurückkehrten, kamen sie gerade rechtzeitig zum Abendessen. Im Erdgeschoss befand sich ein großer Raum, der den Gästen als Aufenthaltsraum und als Speiseraum diente. Es gab zum Abendessen ein leckeres Bauernfrühstück, das Herr Petersen selbst zubereitet hatte. Philipps Stimmung besserte sich dadurch etwas, da er gerne Bauernfrühstück aß. Trotzdem war er mit dem bisherigen Verlauf seines Urlaubs alles andere als zufrieden. Nach dem Essen saßen die Schneiders im Aufenthaltsraum zusammen. Frau Schneider schrieb ihre ersten Ansichtskarten, Herr Schneider las in einer Zeitung, die auf einem kleinen Tischchen für die Gäste bereit lag, und die beiden Mädchen spielten ein Brettspiel, das sie sich aus einem Schränkchen genommen hatten. Nur Philipp saß da und blies Trübsal. Er dachte an den Jungen, der ihnen mit dem Gepäck geholfen hatte. Philipp fragte sich, ob er ihn wiedersehen würde und ob sie dann zusammen etwas Spannendes erleben könnten.

Es wurde spät und die anderen Gäste waren immer noch nicht eingetroffen, obwohl es schon lange dunkel war. Schließlich gingen die Schneiders hinauf in ihre Zimmer. Philipp zog sich im Zimmer um, während sich seine Schwester Isabelle im Badezimmer für die Nacht zurechtmachte. Immerhin gab es im Zimmer ein Waschbecken, an dem Philipp sich waschen und die Zähne putzen konnte. Philipp musste sich mit seiner Schwester nicht nur das Zimmer, sondern auch das Ehebett darin teilen. Er konnte nicht einschlafen, da er es nicht gewohnt war, mit jemandem anderen in einem Zimmer zu schlafen. Es störte ihn, dass seine Schwester neben ihm lag und im Schlaf herumwühlte.

Dann hörte Philipp Schritte und Stimmen auf dem Gang. Offenbar waren nun die anderen Gäste gekommen. Philipp war neugierig, ob sich ein Junge darunter befand, mit dem er etwas unternehmen konnte. Am liebsten wäre er sofort noch im Schlafanzug auf den Gang gelaufen, um nachzusehen. Das fand er aber zu aufdringlich und er wollte nicht gleich zu Beginn unangenehm auffallen. Daher blieb er im Bett liegen und horchte auf die Stimmen, die nach kurzer Zeit wieder verstummten. Philipp konnte nicht einschlafen, da er ganz unruhig war. Er konnte es kaum ertragen, bis zum nächsten Morgen abwarten zu müssen. Philipp wollte unbedingt wissen, ob es noch einen gleichaltrigen Jungen in der Pension gab. Spontan fiel ihm der Junge mit den struppigen Haaren ein, der ihnen das Gepäck getragen hatte. Wenn dieser Junge der Sohn von Herrn Petersen war, dann müsste er hier im Haus wohnen. Ob er ihm wieder begegnen würde? Ob er mit ihm zusammen etwas Interessantes anstellen könnte? Diese Fragen quälten Philipp bis spät in die Nacht hinein. Irgendwann schlief Philipp doch noch ein.

2. Noch mehr Enttäuschungen

Als die Schneiders am nächsten Morgen den Speiseraum betraten, saß dort bereits eine Familie an einem der Tische und frühstückte. Schneiders grüßten freundlich und nahmen am Nachbartisch Platz. Ihr Tisch war bereits gedeckt. Speisen und Getränken holten sie sich von einem kleinen Buffet, das auf einer Anrichte liebevoll zurechtgemacht war. Herr Petersen kam kurz herein und wünschte seinen Gästen einen guten Morgen und guten Appetit.

Von seinem Platz aus musterte Philipp die neu hinzugekommene Familie kritisch. Das war die erste große Enttäuschung an diesem Tag, denn ein Junge in etwa seinem Alter war nicht dabei. Neben den beiden Eltern gab es ein Mädchen, das etwas jünger war als er selbst, und einen kleinen Jungen in Mimmis Alter. An ihrem Dialekt konnte Philipp hören, dass die Familie irgendwo aus Süddeutschland stammen musste. Das Mädchen hatte lange, dunkle Locken, die ihr schmales Gesicht umrahmten. Ihre dunklen Augen leuchteten zwischen ihren Haaren hervor. Philipp fragte sich, wie es möglich sein konnte, dass so dunkle Augen so kräftig leuchten können. Das Mädchen trug ein kurzes Strandkleid mit einem fröhlichen Muster darauf und bunte Flipflops. Als sie sah, dass Philipp sie betrachtete, lächelte sie ihn freundlich an. Es war jedoch Philipp unangenehm, dass sie bemerkt hatte, wie er sie ansah. Daher lächelte er nur kurz zurück und wand schnell seinen Blick ab.

Das war keinen Moment zu früh, denn nun betrat eine weitere Familie den Frühstücksraum und setzte sich an einen freien Tisch. Die Familie bestand nur aus drei Personen: Vater, Mutter und einem Sohn. Philipp konnte sein Glück kaum fassen, denn tatsächlich war dieser Junge in seinem Alter. Sofort fing Philipp an, sich auszumalen, was er alles mit diesem Jungen unternehmen wollte. Aber schon bald bemerkte Philipp, dass er sich zu früh gefreut hatte. Der Junge trug eine dicke Brille. Sein Haar war mit einem Scheitel sorgfältig zur Seite gekämmt. Er hatte lange Hose mit Bügelfalte und ein weißes Hemd mit Kragen an. Als Hausschuhe trug er ein Paar Filzpantoffeln. Philipp selbst hingegen hatte seine Shorts und Badelatschen angezogen. Unter der Shorts trug er schon seine Badehose, damit er gleich nach dem Frühstück an den Strand hinaus konnte.

Dieser Junge aber benahm sich recht unbeholfen. Seine Mutter redete während des gesamten Frühstücks nahezu ununterbrochen mit spitzer Stimme auf ihn ein: „Iss langsam, Hans-Georg Schatzi, sonst verschluckst du dich. Puste deinen Tee, Hans-Georg, damit du dir den Mund nicht verbrennst. Hans-Georg, sitz bitte gerade. Nimm nicht so viel Butter, Schatzi.“ Der Junge quittierte die Äußerungen seiner Mutter nur kurz mit: „Ja, Mama. Wie du meinst, Mama. Ist recht, Mama.“ Sein Vater hingegen sprach in der ganzen Zeit kein einziges Wort. Philipp konnte zunächst den Dialekt von Mutter und Sohn nicht ganz einordnen, dann war er sich jedoch sicher, dass sie aus dem Rheinland kamen.

Philipp war enttäuscht. Auf so ein Muttersöhnchen wie Hans-Georg konnte er verzichten. Mit dem konnte er sicherlich keine spannenden Abenteuer erleben. Inzwischen war Mimmi aufgesprungen und spielte mit dem kleinen Bruder von dem dunkelhaarigen Mädchen Fangen um die Tische herum. Vorher hatte Philipp schon gehört, dass der kleine Junge von seiner Schwester und seinen Eltern Lenni gerufen wurde. Philipp beneidete seine kleine Schwester darum, wie schnell sie Anschluss gefunden hatte.

Nach dem Frühstück ging Familie Schneider an den Strand. Es war herrliches Badewetter. Philipp setzte sich etwas abseits auf sein Handtuch und begann damit, ein Buch zu lesen. Es war ein Abenteuerroman. Wenn er selbst schon keine Abenteuer erleben konnte, so wollte er doch zumindest davon lesen. Die Familie aus Süddeutschland hatte sich bereits am Strand niedergelassen. Sofort fing Mimmi zusammen mit Lenni an, eine Sandburg mit ihren Schaufelchen und Eimerchen zu bauen. Isabelle ging zu dem dunkelhaarigen Mädchen und sprach es an. Kurz darauf spielten die beiden miteinander Federball.

Philipp ärgerte sich. Jeder hatte jemanden gefunden, mit dem er spielen konnte, nur er selbst ging leer aus. In den Ferienparadiesen, in denen sie sonst ihren Urlaub verbrachten, sorgten professionelle Animateure ständig dafür, dass es den Kindern und auch den Erwachsenen nie langweilig wurde. Dabei gab es abwechslungsreiche Angebote mit vielen spannenden Aktivitäten. Im letzten Jahr hatte Philipp sogar bei einem Tauchkurs mitgemacht. Aber hier an der Ostsee weitab der Zivilisation gab es nichts, nur Langeweile. Der große, öffentliche Badestrand war über einen Kilometer weit weg. Philipp sah dort viele Menschen. Es war ihm aber zu weit, um dorthin zu laufen in der Hoffnung, dort auf jemanden Interessantes zu treffen.

Die Familie mit Hans-Georg kam an den Strand. Der Junge zog sich umständlich um. Unverzüglich begann seine Mutter damit, ihn dick mit Sonnencreme einzuschmieren. Wenn Philipp nicht länger alleine sein wollte, sondern zusammen mit einem anderen etwas unternehmen wollte, dann blieb ihm keine andere Wahl. Philipp legte sein Buch zur Seite, stand auf und ging auf Hans-Georg zu. Philipp fragte ihn: „Hallo, hast du Lust, mit mir schwimmen zu kommen?“ Der Junge war sehr überrascht. Offenbar hatte er nicht erwartet, dass ihn jemand ansprach. Unsicher drehte er sich um und fragte: „Mama, darf ich?“ Seine Mutter sagte: „Ja, Hans-Georg, aber pass auf, dass dein Haar nicht nass wird, sonst erkältest du dich. Und schwimm nicht so weit raus. Pass auf, dass du nicht so lange in der Prallsonne bist, Schatzi.“ Hans-Georg antwortete: „Ja, Mama. Danke, Mama.“ Dann stand er auf und trottete mit Philipp zum Wasser.

Philipp lief sofort ins Meer. Als ihm das Wasser schon fast bis zur Hüfte reichte, drehte er sich um. Er sah, dass Hans-Georg ganz langsam und vorsichtig auf das Wasser zu ging. Er berührte gerade eben das Wasser mit seinen Zehenspitzen, als er schrie: „Au, ich bin auf einen Stein getreten.“ Dann ging er zaghaft weiter und zeterte dabei: „Igitt, hier ist ja alles voller Seetang.“ Als Hans-Georg bis zu den Knöcheln im Wasser stand, rief er hysterisch: „Hilfe, mich hat eine Qualle gebissen.“ Ungeduldig rief ihm Philipp zu: „Nun komm doch! Ich denke, wir wollen schwimmen.“ Hans-Georg entgegnete: „Nein, auf keinen Fall gehe ich in dieses Wasser. Hier wimmelt es nur so von gefährlichen Tieren.“ Philipp verlor seine Geduld und bespritzte Hans-Georg mit Wasser. Das war zu viel für den ängstlichen Jungen. Er schrie: „Meine Brille ist nass geworden. Ich kann nichts mehr sehen.“ Dann lief Hans-Georg zu seiner Mutter und klagte ihr sein Leid. Seine Mutter beruhigte ihn und sagte: „Aber das hat der Junge sicherlich nicht mit Absicht gemacht, Schatzi. Er wollte doch nur mit dir spielen.“

Es reichte Philipp. Wieder stand er ganz alleine da und hatte niemanden, mit dem er sich beschäftigen konnte. Wütend schwamm er mit kraftvollen Zügen weit aufs Meer hinaus. Philipp war ein sehr guter Schwimmer. Früher hatte er sogar im Schwimmverein trainiert. Wegen der Schule blieb ihm aber keine Zeit mehr dafür. Nachdem er seine Wut abreagiert hatte, kehrte er um und schwamm ans Land zurück. Erschöpft ließ sich Philipp auf sein Handtuch fallen und von der Sonne trocknen.

Er hatte schon eine Zeit lang vor sich hingedöst, als ihn plötzlich jemand ansprach: „Hallo du, darf ich dich mal was fragen?“ Philipp brauchte seine Augen gar nicht zu öffnen, denn bereits an der Stimme erkannte er, dass es das Mädchen aus Süddeutschland war. Trotzdem blinzelte er und schaute sie an. Mit ihren langen und dünnen Armen und Beinen wirkte sie fast zerbrechlich. Sie trug einen zweiteiligen Badeanzug, der nur aus vier kleinen dreieckigen Stoffstückchen bestand, die mit dünnen Schnüren verbunden waren. Er sagte knapp: „Was denn?“ Sie fuhr fort: „Magst du mit mir Federball spielen?“ Philipp hatte dazu keinerlei Lust, aber ihm fiel so schnell keine geeignete Ausrede ein. Daher antwortete er unfreundlich: „Meinetwegen.“ Er stand auf und das Mädchen reichte ihm einen Schläger. Sie sagte: „Ich heiße Josephine. Wenn du magst, kannst du Josi sagen. Wer bist du?“ Philipp entgegnete kurz: „Philipp.“ Lustlos begann er mit dem Spiel. Sie spielten den Ball einige Male hin und her. Philipp strengte sich dabei jedoch kaum an, so dass der Ball öfters zu Boden fiel. Josephine kicherte dann jedes Mal albern.

Isabelle half nun Mimmi und Lenni bei dem Bau ihrer Sandburg. Inzwischen hatte sie schon größere Erdmassen aufgetürmt. Philipp spielte weiter mit Josephine Federball. Als er genug davon hatte, gab er ihr den Schläger zurück und setzte sich wieder auf sein Handtuch. Damit hatte er aber längst noch keine Ruhe vor dem Mädchen. Josephine fragte ihn: „Darf ich mich zu dir setzen?“ Philipp antwortete barsch: „Wenn es sein muss.“ Sie setzte sich direkt neben ihn auf sein Handtuch. Philipp war diese unmittelbare Nähe unangenehm, zumal er das Mädchen kaum kannte. Sie sagte: „Du kannst sehr gut Federball spielen.“ Philipp war verwundert, da es ihr kaum verborgen geblieben sein dürfte, dass er sich dabei keinerlei Mühe gegeben hatte. Er erwiderte: „Meinst Du?“ Ja“, sagte Josephine, „es hat richtig viel Spaß mit dir gemacht.“ Philipp entgegnete genervt: „Ach, wirklich?“ Josephine fragte: „Ich bin im Frühjahr zwölf geworden. Wie alt bist du?“ Philipp antwortete: „Dreizehn.“ „Das ist schön“, sagte das Mädchen.

Philipp fragte sich gerade, was daran schön sein sollte, als er spürte, dass Josephine seine Hand berührte. Instinktiv zog Philipp seine Hand ruckartig weg. Das Mädchen erschreckte sich sehr darüber und rückte ein wenig von dem Jungen ab. Philipp tat es zwar irgendwie etwas leid, dass er Josephine so einen großen Schrecken versetzt hatte, aber er fühlte sich dadurch wohler, dass sie nicht mehr so sehr dicht bei ihm saß. Um die Situation zu überspielen, zeigte Josephine auf das Buch und fragte: „Was liest du denn da?“ Philipp antwortete: „Das ist ein Abenteuerroman.“ Sie fragte weiter: „Ist das Buch auch romantisch?“ Er antwortete: „Nein, nur spannend.“ Sie sagte bedauernd: „Schade, ich mag romantische Geschichten.“ Er entgegnete: „Ich nicht.“

Das Gespräch war Philipp äußerst unangenehm. Er wusste nicht, was das Mädchen von ihm wollte und was er ihr sagen sollte. Ihre ständige Fragerei nervte ihn. Am liebsten wäre er jetzt einfach aufgestanden und weggegangen. Das wäre aber unhöflich von ihm gewesen und er wollte nicht unhöflich sein. Ihm fiel auch keine Ausrede ein, mit der er hätte die Unterhaltung beenden können. Wie eine Erlösung kam für ihn daher der Ruf seiner Mutter: „Philipp, kommst du bitte. Gleich gibt es Mittagessen.“ Sonst mochte Philipp nie, wenn seine Eltern ihn riefen, aber jetzt war es ihm sehr recht. Endlich hatte er einen Vorwand, um das für ihn anstrengenden Gespräch mit dem Mädchen zu beenden. Er nahm seine Sachen und stand auf. Josephine sagte: „Bis gleich. Wir sehen uns beim Essen.“ Ohne ihr zu antworten, ging Philipp mit seinen Eltern zum Haus. Er grübelte darüber nach, weshalb das Mädchen ihn so hartnäckig bedrängt hatte, obwohl er sich ihr gegenüber recht abweisend verhalten hatte. Ihm fiel keine Antwort ein.

Kurz bevor sie die Pension erreichten, sah Philipp etwas, das ihn sehr erfreute und auf andere Gedanken brachte. Der weißblonde Junge von gestern war dabei, schwere Kisten und Kästen aus einem Kombiwagen zu entladen und durch die Hintertür ins Haus zu bringen. Er hatte wieder seine blaue Latzhose und den weiten Sommerpullover an. Bevor Philipp mit seinen Eltern und Schwestern das Haus betrat, sagte er zu ihnen: „Geht schon vor. Ich komme gleich nach.“ Philipp ging zu dem Jungen mit den struppigen Haaren, der gerade einige Kisten aus dem Auto hob, und sagte: „Hallo, kann ich dir helfen?“ Der Junge lachte und antwortete: „Hallo! Nein, du bist hier Gast. Du sollst nicht arbeiten.“ Um sich bekannt zu machen und so vielleicht eine Freundschaft zu beginnen, fragte Philipp ihn: „Ich bin Philipp. Wie heißt du?“ Der Junge erwiderte: „Ich heiße Wibke.“

Es traf Philipp wie ein Schlag. Das hatte er nun überhaupt nicht erwartet. Der Junge war in Wirklichkeit ein Mädchen. Philipps einzige Hoffnung auf wenigstens etwas Abwechselung in diesem eintönigen Urlaub war auf ein Mal zunichte. Sein gesamter Traum von gemeinsamen, spannenden Abenteuern mit diesem Jungen zerplatzte wie eine Seifenblase. Philipp konnte seine Überraschung nicht verbergen und sagte: „Du bist ein Mädchen?“ Wibke lachte: „Ja klar, bin ich das. Was dachtest du denn? Ist das ein Problem für dich?“ Philipp beeilte sich zu sagen: „Nein, nein, überhaupt nicht.“ Er musste immer noch sehr verwundert ausgesehen haben, denn Wibke lächelte freundlich: „Mach dir nichts draus. Es ist nicht das erste Mal, dass mich jemand für einen Jungen gehalten hat. Das ist mir schon öfters passiert.“ Philipp war die Situation äußerst peinlich. Am liebsten wäre er jetzt sofort im Boden versunken. Zum Glück hatte niemand außer Wibke seinen Irrtum bemerkt. Sie selbst schien es gelassen zu nehmen und war höchstens leicht amüsiert darüber.

Wibke trug vor sich einen Stapel Kisten und kam direkt auf Philipp zu. Sie sagte: „Wenn du mir wirklich helfen möchtest, dann geh bitte einen Schritt zur Seite, damit ich an dir vorbei komme. Du stehst mir nämlich mitten im Weg.“ Philipp konnte nun sehen, dass in der obersten Kiste, die Wibke trug, sorgfältig aufgereiht mehrere Fische lagen. Die Fische sahen ihn mit ihren starren, toten Augen an und verströmten dabei eine unverkennbare Duftwolke. Philipp konnte sich nicht beherrschen und rief: „Igitt, was ist den das?“ Wibke antwortete ruhig: „Das ist dein Abendessen. Heute gibt es frischen Fisch. Du kennst wohl nur Fischstäbchen aus dem Tiefkühlfach.“ Dabei aß Philipp sehr gerne Fisch. Selbstverständlich kannte er aus der Fischabteilung im Kaufhaus die verschiedenen Fischarten, die appetitlich aussehend in der Auslage auf Eis präsentiert wurden. Er liebte auch den Anblick, wenn der Fisch vor wohlschmeckend zubereitet vor ihm auf seinem Teller lag. Aber so unmittelbar und unvorbereitet damit im Rohzustand konfrontiert zu werden, erschreckte ihn im ersten Moment doch etwas. Wibke bot ihm an: „Wenn es dich interessiert, dann kannst du mir dabei zusehen, wenn ich die Fische ausnehme.“ Philipp entgegnete: „Nein danke, darauf verzichte ich gerne. Ich konzentriere mich nachher lieber auf das Essen. Aber jetzt gibt es erst Mittagessen. Ich gehe dann mal.“ Wibke sagte: „Mach das und guten Appetit dabei.“

Wibke verschwand mit den Kisten im Hintereingang, während Philipp zum Vordereingang des Hauses lief. Er war wütend und enttäuscht. Weit und breit gab es nun niemanden mehr, mit dem er in diesen Ferien etwas erleben konnte. Dazu kam noch die unangenehme Blamage, dass er Wibke für einen Jungen gehalten hatte.

3. Der Sturm

Als Philipp den Speiseraum betrat, saßen seine Eltern und Schwestern bereits am Tisch. Er setzte sich schnell zu ihnen. Es gab einen leichten Imbiss, der nach dem Strandaufenthalt genau das Richtige war. Nur Philipp aß mit wenig Appetit. Er musste zuerst die vorangegangene Enttäuschung verdauen. Nach dem Essen gingen alle Gäste wieder hinaus an den Strand. Schon eine halbe Stunde später mussten sie aber zum Haus zurückkehren, da sich dicke Wolken vor die Sonne geschoben hatten und es zu kühl für den Strand wurde. Philipp fühlte sich bestätigt: „Ich habe es ja gleich gewusst. Hier ist das Wetter viel zu unbeständig. Wir hätten doch ins Ausland fahren sollen.“ Herr Petersen schaute auf den Himmel und sagte: „Da braut sich ganz schön was zusammen. Es kommt heute noch mächtig was auf uns zu. Das geht schnell hier an der See. Dafür bleibt das Wetter nie lange schlecht. Morgen scheint die Sonne wieder.“ „Na, hoffentlich“, brummte Philipp. „Kannst ’nem alten Seebär ruhig glauben“, entgegnete Herr Petersen freundlich.

Die Feriengäste beschäftigten sich bis zum Abend im Aufenthaltsraum. Philipp las sein Buch weiter und nahm von den anderen keinerlei Notiz. Draußen fing es heftig zu stürmen an. Der Wind heulte nur so ums Haus und der Regen prasselte an die Fensterscheiben. Zum Abendessen wurde tatsächlich der Fisch serviert, der nun schmackhaft zubereitet war. Philipp aß ihn mit großem Appetit. Immerhin war das Essen hier gut. Das war für Philipp aber auch das einzige Erfreuliche bei dieser Urlaubsreise.

Nach dem Abendessen veranstaltete Herr Petersen mit seinen Gästen einen bunten Willkommensabend. Für die Erwachsenen gab es steifen Grog zu trinken und die Kinder bekamen Kinderpunsch. Frau Petersen kam auch dazu. Sie arbeitete tagsüber bei einer Reederei und kam abends meist erst spät nach Hause.

Um seine Gäste zu unterhalten, stellte sich Herr Petersen in die Mitte des Raumes und begann mit seiner rauen, dunklen Stimme zu erzählen. Früher war er selbst als Fischer zur See gefahren, aber die harte körperliche Arbeit bei Wind und Wetter schadete seiner Gesundheit und er konnte nicht länger diesen anstrengenden Beruf ausüben. Daher verkaufte er seinen Anteil an dem Fischkutter und übernahm davon die Pension, die er nun bewirtschaftete. Nach diesen einleitenden Worten fing Herr Petersen an, richtiges Seemannsgarn zu spinnen. Er erzählte die unglaublichsten Geschichten vom Klabautermann und von Seeungeheuern. Wenn es besonders gruselig wurde, flüchteten sich Mimmi und Lenni auf den Schoß ihrer Eltern. Die beiden Kleinen waren es aber auch, die am lautesten lachten, wenn die Geschichten doch ein lustiges Ende nahmen.

Philipp hatte zunächst gar nicht bemerkt, dass Wibke inzwischen den Raum betreten hatte. Sie holte ein Schifferklavier hervor und spielte darauf. Philipp bewunderte Wibke, wie geschickt ihre kräftigen Finger dabei über die Tasten und Knöpfe glitten. Er selbst konnte kein Instrument spielen und war immer fasziniert, wenn andere Kinder darin so geübt waren. Ihr Vater sang dazu Seemannslieder. Alle waren in ausgelassener Stimmung und vergaßen dabei, dass draußen der Sturm tobte. Auch Philipp war nicht mehr ganz so trübsinnig. Immerhin erinnerte ihn dies hier an die bunten Abende, wie sie in den großen Ferienparadiesen veranstaltet wurden.

Es wurde spät. Mimmi war bereits in den Armen ihres Vaters eingeschlafen und Lenni schlief auch schon auf dem Schoß seiner Mutter. Philipp ging in sein Zimmer und fiel ins Bett. Er ließ sich weder von seiner Schwester noch von dem brausenden Sturm beim Schlafen stören.

Tatsächlich hatte sich der schwere Sturm über Nacht gelegt und am nächsten Morgen schien die Sonne wieder. Trotzdem wehte noch ein leichter Wind und die Luft war zu kühl, um am Strand baden zu gehen. Als alle Gäste im Speiseraum beim Frühstück versammelt waren, kam Wibke herein und stellte sich mitten in den Raum. Mit lauter Stimme verkündete sie: „Heute Nacht hatten wir einen kräftigen Sturm. Bei so einem Sturm wird besonders viel Treibgut angespült. Wer von den Kindern mag nach dem Frühstück mit mir zum Strand kommen und sich dort umsehen?“