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Thiemo ist der Anführer der bekanntesten und berüchtigtsten Jungenbande im gesamten Stadtviertel. Alle Kinder begegnen ihm daher voller Bewunderung und Ehrfurcht. Selbst die verhasste Mädchenclique, der Thiemo mit seiner Bande ständig hinterlistige Streiche spielt, hat großen Respekt vor ihm. Das ändert sich erst, als Thiemos bester Freund fortzieht, weit weg in eine fremde Stadt und ein bezauberndes Mädchen in die Nachbarwohnung einzieht. Mit einem Male wird für Thiemo das Leben kompliziert und er begeht, verwirrt vom Durcheinander seiner Gefühle, einen folgenschweren Fehler, durch den er alles verliert, was ihm etwas bedeutet. Dann verschwindet ein wertvolles Schmuckstück. Ausgerechnet das Mädchen, das Thiemo von allen am meisten hasst, wird verdächtigt, es gestohlen zu haben. Trotzdem beschließt er, diesem Mädchen zu helfen und die wahren Täter zu ermitteln. Viel zu spät bemerkt Thiemo, dass er dabei skrupellosen Verbrechern in die Quere kommt, wodurch er das Mädchen und sich selbst in tödliche Gefahr bringt, aus der es kein Entrinnen gibt.
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Seitenzahl: 262
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Frank Springer
Thiemos Bande
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Widmung
1. Nachbarn
2. Das Treffen
3. Die Neue
4. Alles ist vorbei
5. Der Überfall
6. Der Heimweg
7. Die Begegnung
8. Der Besuch
9. Das Unwetter
10. Erste Ermittlungen
11. Die Beschattung
12. Das Verhör
13. Die Katastrophe
14. Die Suche
15. Feuer
16. Die Bauarbeiter
17. Die Verfolgungsjagd
18. Die Fabrik
19. Verirrt
20. Die Halle
21. Das Ende
22. Im Rathaus
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Impressum neobooks
Ein Kriminalabenteuer
für Daniel und Julian
Titelgestaltung: Dorothea Bürger
„Bssssssst, Bssssssst, Bst“, immer wieder flog die Fliege gegen die Fensterscheibe. Thiemo lauschte dem Geräusch. Er lag auf dem Sofa und starrte gegen die Decke seines Zimmers. Die schweren Vorhänge vor den Fenstern waren zugezogen, um die Vormittagssonne mit ihren heißen Strahlen abzuhalten. Trotzdem war es stickig und warm in dem abgedunkelten Raum. Thiemo verfolgte mit seinen Augen die Stuckornamente an der hohen Decke des Altbaus. Durch das fahle Licht, das durch die Vorhangritzen fiel, warfen sie eigenartige Schatten. Selten drang ein Geräusch und noch viel seltener ein Luftzug von draußen durch das gekippte Fenster und die dicken Vorhänge. Nur die Fliege summte ab und zu: „Bssssst.“
Thiemo war traurig und nachdenklich. Vor vier Wochen war sein allerbester Freund Ludwig weggezogen, da seine Mutter eine neue Arbeitsstelle in einer anderen Stadt gefunden hatte. Thiemo war der Abschied unendlich schwer gefallen. Bis dahin hatte er fast jede freie Minute mit Ludwig verbracht und mit einem Mal war das alles vorbei. Seitdem hatte Thiemo nichts mehr von ihm gehört oder gesehen. Er wusste nicht, was er ohne Ludwig anfangen sollte. Seit dem Frühstück lag Thiemo auf dem Sofa und grübelte darüber nach. Immerzu musste er an Ludwig denken. Inzwischen war es Mittagszeit geworden, ohne dass sich Thiemo ein einziges Mal von seinem Lager erhoben hatte. Zum Glück war es Samstag und er musste nicht zur Schule. „Bssssssst“, machte die Fliege.
In seinem Zimmer hatte Thiemo auch ein richtiges Bett, in dem er nachts schlief. Weil in dem Altbauzimmer die Decke schön hoch war, hatte sein Vater ihm ein Hochbett eingebaut. Wenn Thiemo sich jedoch tagsüber hinlegen wollte, dann nahm er lieber das Sofa, da er meist zu faul war, um zuerst die Leiter hinaufzusteigen. Außerdem war es dort hoch oben noch viel wärmer als hier unten ohnehin schon. Das Sofa hatte einen weiteren wichtigen Vorteil. Falls Thiemo Übernachtungsbesuch bekam, dann konnte der darauf schlafen. Zu diesem Zweck befand sich frisch bezogenes Bettzeug in dem Bettkasten, das nur unter dem Sofa hervorgeholt zu werden brauchte, um auch überraschenden Gästen eine Schlafstelle zu bieten. Ludwig hatte hier oft übernachtet, obwohl er unmittelbar nebenan in der Nachbarwohnung auf demselben Stockwerk gewohnt hatte. Thiemo wurde traurig, als er daran denken musste.
Dabei hätte Thiemo allen Grund gehabt, sich zu freuen und stolz zu sein. Immerhin war er der Anführer der bekanntesten und berüchtigtsten Jungenbande im gesamten Stadtviertel. Alle bewunderten ihn deswegen und begegneten ihm mit Ehrfurcht. Thiemo genoss diesen Ruhm und das Ansehen. In einer halben Stunde war das nächste Bandentreffen geplant, aber Thiemo freute sich nicht darauf, wie früher, als Ludwig noch mit dabei war. Seitdem Ludwig nicht mehr mitmachte, hatte sich viel verändert. Nun musste Thiemo sämtliche Aktionen und Vorhaben der Bande alleine planen. Er und Ludwig waren ein eingeschworenes Team gewesen, wodurch sie sich gegenseitig perfekt ergänzten. Ludwig hatte immer gute Vorschläge, konnte sie aber nicht umsetzen, da er anderen gegenüber zu zurückhaltend war und sich nicht durchsetzen konnte. Daher erzählte er seine Pläne zunächst Thiemo, der dann die Führung übernahm und sie ausführte. Die anderen Jungen in der Bande waren begeistert und jubelten Thiemo zu, während sich Ludwig leise über den Erfolg freute.
Ludwig war gut informiert, da er die Zeitung seiner Eltern las und dadurch einen guten Überblick bekam, wo was los war. So wusste er sofort, wenn es etwas umsonst gab. Als beispielsweise der Bonbonladen neu eröffnet hatte und zum Probieren einlud, war er längst im Bilde und alle aus Thiemos Bande konnten sich kostenlos mit Süßigkeiten vollstopfen, bis ihnen davon schlecht wurde. Außerdem kannte Ludwig meist die Aktivitäten der Mädchenbande im Voraus. Die Mädchen waren die erklärten Feinde von Thiemos Jungenbande. Ständig versuchten sie sich gegenseitig Streiche zu spielen. Dabei nannten sich die Mädchen nicht Bande, sondern wollten als Clique bezeichnet werden.
Ludwigs jüngere Schwester Lissi war Mitglied in der Mädchenclique. Zwar gab sie damit an, dass sie schweigen könnte wie ein Grab, aber in Wirklichkeit war sie ein Plappermaul, das nichts lange für sich behalten konnte. Und wenn Lissi nicht von sich aus erzählen wollte, dann wusste Ludwig, wie er seine Schwester provozieren konnte, damit sie ihm alles berichtete. So war es für ihn ein leichtes Spiel, von Vorneherein über die Absichten der Mädchen bestens Bescheid zu wissen. Das brauchte er nur noch Thiemo zu erzählen und der nächste Plan konnte geschmiedet werden. Einmal als die Mädchen eine Radtour gemacht hatten, sind ihnen die Jungen heimlich gefolgt. Während die Mädchen rasteten, haben sich die Jungen unbemerkt angeschlichen und ihnen die Luft aus den Reifen gelassen, sodass die Mädchen mühsam all ihre Fahrräder aufpumpen mussten, bevor sie weiterfahren konnten. Als sich die Mädchen bei nächster Gelegenheit dafür rächen wollten, waren die Jungen längst vorher gewarnt und hatten ihre Fahrräder vor dem Zugriff der Mädchen verborgen.
Diese Informationsquelle war nun versiegt. Thiemo musste sich selbst etwas einfallen lassen, womit er die Jungen aus seiner Bande beeindrucken konnte. Das fiel ihm unendlich schwer. Bislang hatte er sich auf Ludwig verlassen können. Jetzt war er auf sich allein gestellt. Die Jungen in seiner Bande erwarteten von ihm weiterhin gute Vorschläge und wollten ihren Spaß haben wie vorher, aber den konnte ihnen Thiemo nicht bieten. Dazu fehlten ihm der Überblick und das Wissen, das Ludwig besaß. Bisher konnte er sie noch hinhalten, jedoch allmählich wurden die anderen Jungen fordernder und sprachen ihn zunehmend direkter daraufhin an. Am liebsten wäre Thiemo nicht mehr zu den Bandentreffen gegangen, aber das konnte er sich als ihr Anführer keinesfalls erlauben. Wäre Ludwig doch nur hier. Thiemo war den Tränen nahe.
Vor allem fehlte Thiemo ein guter Freund, dem er sich anvertrauen konnte und mit dem er über alles reden konnte. Ludwig war für ihn da gewesen und hatte ihm zugehört, wenn er ein Problem hatte oder ihn etwas bedrückte. Meistens hatte ihm Ludwig einen guten Rat geben können, aber oft fühlte sich Thiemo bereits besser, wenn er sich ausgesprochen hatte. Zwar hörten ihm auch die anderen Jungen aus seiner Bande zu, wenn Thiemo etwas sagte, jedoch er hatte zu ihnen nicht das Vertrauen, das er zu Ludwig hatte. Im Gegenteil musste er sogar vorsichtig sein, damit er sich keine Blöße gab und ihnen gegenüber eine Schwäche zeigte.
„Bssst“, immer noch suchte die Fliege den Weg ins Freie. Doch was war das? Ein anderes Geräusch mischte sich zu dem Surren der Fliege. Es war der Motor eines großen Lastfahrzeuges. Nur selten verirrten sich größere Autos hier in diese kleine Seitenstraße, in der kaum genügend Platz vorhanden war, um mit einem Personenkraftwagen hinein zu fahren. Höchsten manchmal kamen die Postautos oder andere Lieferfahrzeuge hierher. Sonst mieden die Autofahrer diese enge Gasse.
Das Geräusch näherte sich, bis es unmittelbar unter Thiemos Fenster zum Stehen kam. Er hörte, dass noch rangiert wurde. Dann zischte die Luftdruckbremse und das Motorengeräusch erstarb. Erst jetzt erinnerte sich Thiemo, dass seit einigen Tagen vor dem Haus Parkverbotsschilder aufgestellt waren. „Wegen Umzug“ stand darauf. Mit einem Schlage wurde es Thiemo bewusst. Die Wohnung, in der Ludwig mit seiner Familie gewohnt hatte, stand bislang leer. Es war eine Frage der Zeit, bis neue Mieter dort einziehen würden. Vermutlich war das der Umzugswagen, der die Sachen der neuen Mitbewohner brachte.
Thiemo wurde neugierig. Vielleicht zog ein Junge in seinem Alter in die Nachbarswohnung, den er als neues Mitglied für seine Bande gewinnen konnte. Vielleicht hätte der ähnlich gute Ideen wie Ludwig. Das wäre zu viel des Glücks gewesen. Soviel durfte Thiemo nicht erwarten. Aber ein neues Bandenmitglied wäre nicht schlecht. Thiemo sprang auf und lief nicht mehr träge zum Fenster. Er riss die Vorhänge zur Seite und schaute hinaus. Die Fliege saß noch auf der Fensterscheibe. Thiemo öffnete das Fenster ganz und entließ das Tier in die Freiheit. Er beugte sich hinaus, um besser sehen zu können, was unten auf der Straße vor sich ging. Jedoch hier vom zweiten Obergeschoss aus konnte er nicht viel sehen, da die Straßenbäume ihm mit ihrem Laub einen Teil der Sicht nahmen.
Thiemo schaute auf seine Uhr. Bis zum Bandentreffen war noch Zeit. Aber wenn er jetzt aufbrach, dann begegnete er hoffentlich den neuen Mietern und konnte bei dieser Gelegenheit sehen, wer in die Wohnung einzog. Schnell schaute er ins Zimmer seines jüngeren Bruders. Selbstverständlich gehörte auch Thorben zu Thiemos Bande, obwohl er fast zwei Jahre jünger war. Sein Zimmer war jedoch leer. Thiemo fiel ein, dass Thorben vor zwei Stunden das Haus verlassen hatte, um vor dem Treffen einen Freund zu besuchen.
Also musste Thiemo alleine losziehen. Er schlüpfte in seine Turnschuhe und trat vor die Wohnungstür auf den Hausflur. Voller Erwartungen ging er die ersten beiden Treppenstufen hinunter, als er vom Fuße der Treppe einen riesigen Kistenstapel wankend auf sich zukommen sah. Erschreckt taumelte Thiemo zum Treppenabsatz zurück, da er an dem Stapel unmöglich hätte vorbeikommen können. Langsam kämpfte sich der Kistenberg die Treppe hinauf. Thiemo hielt inne und beobachtete ihn neugierig. Das Ungetüm kam Thiemo immer näher, bis es kurz vor ihm hielt und mit einem Schwung direkt vor seinen Füßen abgesetzt wurde. Beinahe wäre der Kistenstapel auf Thiemos Fuß gelandet, wenn er ihn nicht schnell genug weggezogen hätte.
Hinter dem riesigen Stapel kam ein schmales Mädchen zum Vorschein. Sie wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn und stöhnte laut: „Puh!“ Thiemo schaute sie verwundert an. Sie war etwa so alt wie er und fast genauso groß. Ihr langes, braunes Haar hatte sie als Pferdeschwanz nach hinten gebunden. Das T-Shirt, das sie trug, sah verwaschen und fleckig aus. Die Beine ihrer Hose waren auf halber Länge zum Knie abgetrennt und ausgefranst. Das Obermaterial ihrer Leinenschuhe besaß eine undefinierbare, schmuddelige Farbe. Kurzum, sie sah nicht aus, als hätte sie sich zum Ausgehen fein gemacht, sondern als wollte sie arbeiten.
Erstaunt fragte Thiemo sie: „Ziehst du hier ein?“ Das Mädchen blickte überrascht in seine Richtung. Offenbar hatte sie Thiemo erst jetzt bemerkt, da sie mit ihren Kisten zu beschäftigt war. Keck antwortete sie: „Ja klar. Wonach sieht es denn sonst aus? Oder glaubst du, dass ich die schweren Sachen aus Spaß schleppe?“ Dabei lächelte sie ihn freundlich an. Aber nicht nur ihr Mund, sondern auch ihre kaffeebraunen Augen und das gesamte Gesicht lächelten mit. Dann fuhr sie fort, wobei sie Thiemo weiterhin freundlich anschaute: „Wohnst du auch hier im Haus oder weshalb fragst du?“ Thiemo war von ihrem bezaubernden Lächeln ganz benommen und antwortete unsicher: „Ja, hier direkt in der Wohnung gegenüber.“ Das Mädchen streckte ihm die rechte Hand entgegen und sagte: „Na denn auf eine gute Nachbarschaft. Ich heiße übrigens Merle und mit Nachnamen Baumann.“ Noch leicht verunsichert ergriff Thiemo ihre Hand und entgegnete: „Ja, eine gute Nachbarschaft wünsche ich auch. Ich bin Thiemo, Thiemo Andresen, um genau zu sein.“
Thiemo war überrascht. Noch nie hatte ein Mädchen so freundlich und offen mit ihm gesprochen. Die Mädchen in seiner Klasse waren allesamt eingebildete Zicken. Wenn er versuchte, mit denen zu sprechen, dann rümpften sie ihre Nasen und wandten sich herablassend ab. Aber Merle verhielt sich anders. Schon in diesem kurzen Gespräch war sie ihm näher gekommen, als bislang irgendein anderes Mädchen, das er kannte. Dennoch war Thiemo etwas enttäuscht. Er hatte auf Nachwuchs für seine Bande gehofft und dafür benötigte er dringend einen Jungen. Ein Mädchen in einer Jungenbande war völlig unvorstellbar. Daher fragte Thiemo: „Hast du noch Geschwister, vielleicht einen Bruder?“ Merle verstand zwar nicht den Sinn der Frage, aber antwortete pflichtbewusst: „Ja, ich habe einen Bruder. Maxi heißt der.“ Thiemo bemerkte, wie die Freude in ihm aufsteigen wollte, jedoch das Mädchen fuhr fort: „Der ist aber erst fünf Jahre alt.“ Das enttäuschte Thiemo noch mehr. Fünf Jahre waren bei bestem Willen viel zu jung für die Bande. Thorben war immerhin sieben gewesen, als er vor drei Jahren in die Bande aufgenommen worden war. Aber diese Ausnahme war nur möglich gewesen, weil er der Bruder vom Anführer war.
Seine Enttäuschung wollte Thiemo dem Mädchen nicht zeigen und wechselte schnell das Thema: „Gehst du hier zur Schule?“ „Na klar, doch“, gab das Mädchen zurück. „Das lässt sich wohl kaum vermeiden. Meine Eltern haben mich an der Oberschule hier im Stadtteil angemeldet.“ „Dorthin gehe ich auch“, sagte Thiemo und setze nach kurzer Überlegung fort: „Du scheinst etwa so alt zu sein wie ich.“ Merle antwortete: „Ich bin zwölf und werde in zwei Monaten dreizehn.“ „Ich bin vor drei Monaten dreizehn geworden“, entgegnete Thiemo. „Ich gehe jetzt in die achte Klasse. In die müsstest du dann auch kommen.“ Das Mädchen erwiderte freundlich: „Na ja, bis vor den Sommerferien bin ich in die siebte Klasse gegangen. Da ich nicht sitzen geblieben bin, müsste ich nach den Ferien in die achte kommen.“ Thiemo belehrte sie: „Bei uns hat die Schule schon vor zwei Wochen wieder angefangen.“ Merle riss ihre kaffeebraunen Augen auf und rief wütend: „Was? Dort wo ich herkomme, haben die Schulferien gerade erst vor drei Wochen begonnen. So ein Mist! Dann habe ich in diesem Jahr kaum Ferien gehabt.“ Sie stampfte zornig mit dem Fuß auf und zu ersten Mal sah Thiemo so etwas wie Ärger in ihrem hübschen Gesicht.
Thiemo begriff, dass er als Überbringer der schlechten Nachricht ihren kleinen Wutausbruch ausgelöst hatte. Da er ihr aus diesem Grund seinen weiteren Anblick ersparen wollte, verabschiedete er sich schnell von ihr: „Ich will dich nicht länger aufhalten. Du hast sicherlich noch viel zu tun. Ich habe auch noch etwas Wichtiges vor. Man sieht sich.“ „Bis denn“, antwortete das Mädchen. Thiemo lief jeweils zwei Stufen auf einmal nehmend die Treppe hinunter. Aus dem Augenwinkel sah er, wie Merle im zaghaft nachwinkte.
Das Gespräch mit Merle hatte ihn aufgehalten und Thiemo musste sich beeilen, um pünktlich zum Bandentreffen zu kommen. Als Anführer durfte er keinesfalls zu spät erscheinen. Das würde seine ohnehin angeschlagene Autorität weiter untergraben. Daher lief er, so schnell er konnte. Unterwegs dachte er an Merle. Einem Mädchen wie ihr war er noch nie in seinem Leben begegnet. Sie war ganz anders als die Mädchen, die er kannte. So ungezwungen und natürlich hatte sich noch keines von denen mit ihm unterhalten.
Glücklicherweise war das Hauptquartier von Thiemos Bande nicht weit entfernt. Es befand sich auf einem großen unbebauten Grundstück, das mitten in der Stadt zwischen den anderen hohen Altbauhäusern lag. Das Haus, welches hier ursprünglich gestanden hatte, war im letzten Krieg zerstört worden. Die ursprünglichen Besitzer waren dabei umgekommen und die Erben lebten im Ausland. Da sich keiner um das Grundstück kümmerte, ließ die Stadtverwaltung die Trümmer entfernen und einen Zaun um das Gelände aufstellen. Dieser Zaun war in all den Jahren brüchig geworden und hatte überall Löcher bekommen. Auch die Schilder mit der Aufschrift „Betreten verboten“ waren längst verblasst. Nur noch einzelne Reste der Fundamente, die überall auf dem Grundstück zu finden waren, erinnerten daran, dass hier einstmals ein großes Wohnhaus gestanden hatte.
Auf diesem Gelände trafen sich die Kinder aus dem Viertel zum Spielen, denn es gab dort viel zu entdecken und es bot allerlei Interessantes. Die Jugendlichen kamen ebenfalls hierher und zündeten ihre Lagerfeuer an. Sogar die Erwachsenen nutzten diesen Platz, um verbotenerweise Schutt abzuladen oder für ihre Grillfeste. Es war allen Bewohnern im Stadtteil bekannt, dass niemand das Verbot kontrollierte, dieses Gelände zu betreten. So hatte auch Thiemos Bande auf diesem Grundstück ihren Unterschlupft gefunden. Gut versteckt zwischen wuchernden Büschen lag ein alter Holzschuppen, den früher die Bauarbeiter aufgestellt hatten, die hier die Trümmer beseitigt hatten. Er war verfallen und das Dach hatte viele Löcher bekommen. Aber Thiemo hatte ihn zusammen mit den Jungen seiner Bande soweit hergerichtet, dass sie dort ihre Treffen abhalten konnten.
Thiemo kannte den Weg genau. Mehr als hundertmal war er ihn gelaufen. Er schlüpfte durch das Loch im Zaun, lief den verborgenen Pfad zwischen den Büschen entlang und stand vor dem Schuppen. Als er eintrat, waren alle anderen Jungen aus seiner Bande bereits dort und warteten auf ihn. Thiemo schaute auf seine Uhr und sah, dass er fast pünktlich war. Selbst sein trödeliger Bruder hatte es rechtzeitig geschafft.
Sofort wurde Thiemo von Emilio mit den Worten begrüßt: „Na, kommt unser Anführer auch endlich? Wir warten schon auf dich.“ Emilio war der zweite Anführer der Bande und somit Thiemos Stellvertreter. Er war über ein Jahr älter als Thiemo und fast einen Kopf größer. Dafür war er nicht so kräftig, sondern recht schlank. Seine Mutter behauptete, dass sein Vater ein Italiener war, weshalb sie ihren Sohn Emilio nannte. Keiner wusste, ob das stimmte. Emilio hatte seinen richtigen Vater nie kennengelernt, da er Emilios Mutter vor seiner Geburt verlassen hatte. Seitdem lebte sie mit einem anderen Mann zusammen, den Emilio als seinen Vater akzeptierte. Immerhin gab sein dunkler, lockiger Wuschelkopf Emilio ein südländisches Aussehen.
Thiemo wusste, dass es Emilio seit einiger Zeit auf den Posten als Anführer abgesehen hatte. Daher musste er jetzt vorsichtig sein. Noch während Thiemo überlegte, was er antworten sollte, meldete sich Axel zu Wort: „Was wollen wir heute machen? Was schlägst du vor?“ Axel war der große Sportler in der Bande. Er war kräftig und besaß einen gut trainierten Körper. Seine blauen Augen schauten unter seiner blonden Strähne hindurch direkt Thiemo an. Thiemo wusste, dass diese Frage ihm galt und dass er endlich eine Antwort geben musste, die alle zufriedenstellte. Den gesamten Vormittag hatte er versucht, sich etwas einfallen zu lassen, mit dem er die Jungen in seiner Bande begeistern konnte, aber ihm war nichts in den Sinn gekommen. Wenn nur Ludwig hier wäre. Der hätte sicherlich eine gute Idee.
Weil ihm so schnell nichts Besseres einfiel, sagte Thiemo: „Wir können Klingelstreiche spielen.“ Daraufhin ertönte ein gemeinsames Stöhnen und Thiemo blickte in die gelangweilten Gesichter seiner Freunde. Mirko brachte es auf den Punkt: „Klingelstreiche sind doch langweilig. Dabei müssen wir schnell weglaufen und sehen gar nicht, wie sich die Leute ärgern. Außerdem macht es die Leute nur wütend auf uns. Wozu soll das gut sein? Hast du keine bessere Idee?“ Mirko war in allen Dingen geschickt und hatte einen wachen Verstand. Er war schmächtig, sodass er jünger wirkte. Dabei war er genauso alt wie Thiemo.
Thiemo schwieg eine Weile lang, da ihm nichts Sinnvolles mehr einfiel, was er hätte sagen können. Stattdessen erhob Emilio erneut seine Stimme: „Na gut. Ich bemerke, dass von unserem Anführer keine brauchbaren Vorschläge mehr zu erwarten sind. Mir ist schon seit einiger Zeit aufgefallen, dass von Thiemo kaum noch irgendwelche Ideen kommen.“ Emilio blickte in die Runde und vergewisserte sich, dass alle Augen auf ihn gerichtet waren. Dann fuhr er fort: „Daher fordere ich, dass wir Thiemo als unseren Anführer absetzen. Selbstverständlich bin ich bereit, dieses Amt zu übernehmen.“ Thiemo stockte der Atem. Ihm wurde heiß und schwindelig. Er hatte seit langem damit gerechnet, dass früher oder später jemand an ihm als Anführer zweifeln würde, aber er hätte nie erwartet, dass es so bald sein würde. Wut und Enttäuschung trieben zwei kleine Tränen in seine Augen, die zu seinem Glück niemand bemerkte.
Endlich stellte Emilio die entscheidende Frage: „Wer ist für mich als neuer Anführer? Arm hoch!“ Axel, Mirko und selbstverständlich auch Emilio hoben ihre Arme blitzschnell. Das verwunderte Thiemo wenig, da Axel und Mirko ohnehin besser mit Emilio befreundet waren als mit ihm. Danach stellte Emilio die Gegenfrage: „Und jetzt: Wer ist dafür, dass Thiemo weiterhin unser Anführer bleibt?“ Thiemo hob unsicher seinen Arm. Mit ihm bewegten ebenso Thorben und Jannick ihre Arme nach oben.
Thorben unterstütze seinen großen Bruder meistens in den Angelegenheiten, die die Bande betrafen. Das tat er weniger aus Überzeugung, als aus dem Bewusstsein heraus, dass einem ein großer Bruder das Leben unnötig schwer machen konnte, wenn man sich gegen ihn stellte. Jannick hatte sowieso nie eine eigene Meinung und machte immer das, was Thiemo wollte. Thiemo hatte ihn vor einigen Jahren gerettet, indem er Jannick vor fiesen Schlägern bewahrt hatte, die ihn verprügeln wollten. Seitdem war er Thiemo treu ergeben und folgte ihm bedingungslos. Jannick war etwas pummelig und nicht schnell im Denken, aber meist lustig und freundlich.
Drei zu drei Stimmen. Das war ein Unentschieden. In diesem Fall sahen die Regeln der Bande vor, dass die Meinung des Anführers zählte und den Ausschlag gab. Und der Anführer, das war noch Thiemo. Langsam sammelte sich Thiemo und erholte sich von dem Schrecken. Mit leicht zittriger Stimme verkündete er: „Seht ihr? Eure Stimmen reichen nicht aus, um mich abzusetzen. Ich bleibe also weiterhin euer Anführer.“ Ein allgemeines Gemurmel erhob sich. Thiemo wartete geschickt ab, bis sich die Unruhe gelegt hatte. Dann verkündete er: „Um dies zu feiern, lade ich euch zum Eisessen ein.“
Ein einstimmiger Jubel ertönte daraufhin, denn mit Eisessen konnte Thiemo seine Freunde immer beeindrucken, insbesondere, wenn er sie einlud. Damit waren sofort alle einverstanden. Allerdings wirkte sich dies negativ auf seine Finanzen aus. Zwar bekam Thiemo nicht wenig Taschengeld, trotzdem konnte er seine Freunde davon nicht zu oft einladen, ohne seine finanziellen Mittel überzustrapazieren. Heute jedoch war es notwendig und gerechtfertigt, um zumindest einen Teil seines Ansehens bewahren zu können. Also zogen die sechs los zur nächsten Eisdiele und bestellten sich ihre Portionen, die sie genüsslich schleckten. Bei diesem heißen Wetter war das ein genialer Einfall von Thiemo.
Dabei sprachen sie nicht viel. Thiemo war dankbar dafür, denn jedes Wort hätte das Problem, dass ihm keine guten Pläne für seine Bande mehr einfielen, deutlich werden lassen. Er war sich darüber im Klaren, dass das denkbar knappe Ergebnis der Abstimmung keinen wirklichen Sieg bedeutete, sondern ihm nur einen kleinen Aufschub gewährte bis zu ihrem nächsten Treffen. Wenn ihm bis dahin nichts Überzeugendes eingefallen war, dann wäre damit seine Zeit als Anführer der bekanntesten und berüchtigtsten Jungenbande im gesamten Stadtviertel zu Ende. Trotzdem ließ sich Thiemo das Eis schmecken und war froh, dass danach das Bandentreffen beendet war und sie auseinandergingen.
Nachdenklich schlenderte Thiemo allein nach Hause. Thorben hatte etwas anderes vor, sodass er Thiemo nicht auf dem Rückweg begleitete. Thiemo grübelte. Eine Niederlage hatte er noch gerade abwenden können, aber er musste sich endlich etwas einfallen lassen, sonst waren seine Tage als Anführer gezählt. Wenn doch Ludwig hier wäre.
Für den Rückweg benötigte Thiemo viel länger als für den Hinweg. Als er ans Haus kam, stand der Lastwagen noch dort. Viele fleißige Hände entluden das Fahrzeug und trugen die Kisten und Möbel nach oben in die Wohnung. Merle befand sich nicht unter den Helfern. Thiemo vermutete, dass sie in der Wohnung ihre Sachen auspackte.
Heute ließ Thiemo sein Mittagessen ausfallen. Einerseits hatte er gerade Eis gegessen, andererseits hatte er keinen Appetit mehr. Außerdem war es viel zu spät zum Mittagessen geworden. Seine Mutter hatte die Portionen für ihn und Thorben warmgehalten, da beide zur Mittagszeit unterwegs waren. Sie seufzte, als sie spürte, dass Thiemo nicht zum Essen und noch viel weniger zum Reden zumute war.
Missmutig ging Thiemo in sein Zimmer und schloss hinter sich die Tür. Er legte sich aufs Sofa und dachte an Ludwig und die Ereignisse bei dem Bandentreffen. Dann dachte er an Merle. Die Begegnung mit ihr war ihm lebhaft in Erinnerung geblieben, auch wenn sie nur kurz war. Irgendwie wünschte er sich, Merle wiederzusehen. Er wusste nicht, weshalb er sich das wünschte. Vielleicht war es, weil sie so angenehm anders war als die anderen Mädchen. Vielleicht war es ihr freundliches und offenes Lächeln, das ihn anzog.
Thiemo döste vor sich hin. Er hörte, dass in der Nachbarwohnung geräumt und gearbeitet wurde. Als Thorben nach Hause kam, ging Thiemo ihm aus dem Weg. Er wollte ihm nicht begegnen und erst recht nicht mit ihm sprechen. Das würde ihn zu sehr an die Abstimmung bei dem heutigen Bandentreffen erinnern. Thiemo war traurig und wütend.
In Gedanken versunken klopfte Thiemo mit seinen Handknöcheln Klopfzeichen an die Wand neben dem Sofa. Früher wohnte Ludwig in dem Zimmer, das direkt an sein Zimmer grenzte. Daher hatten sie sich oft mit diesen Klopfzeichen verständigt. Doch jetzt war dort kein Ludwig mehr, der auf diese Zeichen hätte antworten können. Trotzdem klopfte Thiemo aus Gewohnheit weiter an die Wand. Nach einer Weile hörte Thiemo, dass von der anderen Seite zurück geklopft wurde. Es waren nicht die bekannten Zeichen, sondern ein unregelmäßiges Klopfen. Thiemo presste sein Ohr an die Wand, um besser hören zu können. Ganz schwach hörte er durch die Wand ein helles, freundliches Mädchenlachen.
Den ganzen Sonntag war Thiemo mit seinen Eltern und seinem Bruder unterwegs auf einem gemeinsamen Familienausflug in einem Naherholungsgebiet, durch das sie eine ausgedehnte Wanderung machten. Ihre Verpflegung hatten sie in Rucksäcken mitgenommen, damit sie für den gesamten Tag versorgt waren. Thiemo war froh, dass er durch die Einsamkeit wandern konnte, ohne viel denken oder reden zu müssen. Abends sank er müde ins Bett und schlief sofort ein, ohne dass er weiter nachgrübeln konnte.
Am Montag früh fiel es Thiemo unendlich schwer aufzustehen. Er wollte nicht zur Schule gehen und dort auf die anderen aus seiner Bande treffen. Ausgerechnet Emilio, Axel und Mirko gingen in seine Klasse. Diese drei waren bei der Abstimmung seine Gegner gewesen. Emilio war zwar ein Jahr älter als Thiemo, aber er musste ein Schuljahr in der Grundschule wiederholen, weil er längere Zeit krank gewesen war, weshalb er jetzt in Thiemos Klasse ging. Jannick war eine Klasse unter ihm und Thorben sogar zwei, sodass Thiemo keinen Verbündeten in seiner Klasse hatte, der ihn hätte unterstützen können.
Dann musste Thiemo an Merle denken. Vielleicht würde er ihr in der Schule begegnen. Vielleicht würde sie in seine Klasse kommen. Allein diese Vorstellung heiterte ihn auf und er sprang mit Anlauf aus seinem Hochbett, ohne die Leiter zu benutzen, wobei er sich beinahe den Knöchel verstaucht hätte, da das Bett recht hoch war. Schneller als sonst duschte er und zog sich an, um nach einem kurzen Frühstück aufzubrechen. Als er in den Hausflur trat, blickte er sich um, ob er Merle entdecken konnte, aber das Mädchen war nirgends zu sehen. Er wartete auf dem Treppenabsatz, bis es fast zu spät war, um rechtzeitig zum Unterrichtsbeginn zu kommen. Nachdem Merle noch immer nicht aufgetaucht war, sprintete Thiemo los, um sich nicht zu verspäten. „So ein Mist“, murmelte Thiemo, „vermutlich ist Merle schon viel früher losgegangen.“
Gerade noch pünktlich zum Klingelton betrat Thiemo den Klassenraum. Alle anderen Schüler saßen dort bereits auf ihren Plätzen, nur von Merle war nichts zu sehen. Auch seine Klassenlehrerin, bei der er jetzt Unterricht haben sollte, war noch nicht da. Thiemo setzte sich gelassen auf seinen Platz und wartete mit den anderen. Dabei wagte er nicht, sich nach Emilio, Axel oder Mirko umzusehen, sondern verhielt sich möglichst unauffällig. Es war unruhig in der Klasse. Jungen schwatzten und Mädchen tuschelten.
Viele der Mädchen in Thiemos Klasse gehörten zu der verhassten Mädchenclique, die Thiemo mit seiner Bande bekämpfte. Unter ihnen befanden sich die beiden Anführerinnen der Clique Laetitia und Felicitas. Sie nahmen dieses Amt gemeinsam wahr, da sie Zwillingsschwestern waren und sowieso alles gemeinsam taten. Die beiden waren fürchterlich reich und wurden jeden Morgen in einer Luxuslimousine mit einem Chauffeur zur Schule gebracht und nachmittags abgeholt. Ihren Eltern gehörte in der Stadt ein großes Kaufhaus, in dem ausschließlich teure Luxusartikel verkauft wurden. Der Treffpunkt der Mädchenclique befand sich in der Villa ihrer Eltern, in der es einen riesigen Partykeller gab, in dem die Mädchen zusammenkamen. Bis dorthin hatte sich allerdings noch keiner der Jungen vorgewagt.
Äußerlich konnte die Zwillingsmädchen keiner auseinanderhalten, da sie völlig gleich aussahen. Darüber hinaus zogen sich Laetitia und Felicitas immer gleich an, was eine Unterscheidung anhand ihrer Bekleidung unmöglich machte. Dabei kleideten sie sich ausschließlich in rosa Farbtönen. Nur manchmal zogen die beiden zur Abwechslung etwas in Pink an. Es gab Behauptungen, dass sogar ihre Unterwäsche rosa war, aber die hatte noch keiner der Jungen zu Gesicht bekommen, sodass dies ein Gerücht blieb, das sich hartnäckig hielt. Meistens trugen die Zwillingsschwestern rosafarbene Kleidchen und hatten ihre langen, blonden Locken mit rosa Schleifchen gebunden oder mit rosa Haarreifen zurückgesteckt. Da sie ohnehin nicht zu unterscheiden waren, machte sich keiner von den Jungen die Mühe, sie Laetitia oder Felicitas zu nennen, sondern bezeichneten sie nur als die beiden Rosas.
Bisher fand es Thiemo schlimm, dass er gegen zwei Anführerinnen antreten musste, wenn er etwas gegen die Mädchenclique unternehmen wollte. Seitdem Ludwig nicht mehr da war, fing er an, die beiden zu beneiden. Sie konnten sich austauschen und beraten, so wie er es früher mit Ludwig gemacht hatte. Nun war Thiemo im Gegensatz zu den Zwillingsmädchen auf sich alleine gestellt. Einen Denkfehler beging Thiemo dabei, den er allerdings nicht bemerkte. Laetitia und Felicitas waren sich vom Typ her nicht nur sehr ähnlich, sondern vollkommen gleich und sie verfügten meist über das gleiche Wissen, weshalb sie sich kaum gegenseitig ergänzen konnten, so wie Ludwig ihn früher unterstützt hatte. Das aber nahm Thiemo in seiner Trauer und Wut nicht wahr.
In seiner Klasse gab es ein Mädchen, das Thiemo besonders hasste. Das war Dörte Schröter. Mit zwei Ö im Namen, so wie eines davon in blöd vorkommt, sozusagen doppelblöd. Sie kam aus eher einfachen Verhältnissen und lebte zusammen mit ihrer Mutter und ihrem kleinen Bruder in einer engen Wohnung in einem Mietblock. Ihr Vater hatte die Familie vor langer Zeit verlassen und ihre Mutter musste ihr Studium abbrechen, damit sie sich um ihre Kinder kümmern konnte. Seitdem arbeitete sie als Kassiererin in einem Supermarkt und verdiente kaum ausreichend Geld für die Familie. Aus diesem Grund konnte sich Dörte keine teure Modekleidung leisten, sondern kaufte ihre Sachen im Billigmarkt.
Trotzdem versuchte sie Laetitia und Felicitas in allem nachzueifern. Dörte kleidete sich ebenfalls ausschließlich in Rosa und tat alles, um den Zwillingsschwestern zu gefallen. Dabei passte Rosa überhaupt nicht zu ihren leuchtendroten Haaren. Die Farben bissen sich richtig. Das war ihr jedoch gleichgültig, solange sie glaubte, damit ihre beiden Vorbilder beeindrucken zu können. Dafür nutzten die Zwillingsmädchen sie kräftig aus und ließen sie allerlei niedrige Tätigkeiten erledigen. Außerdem machten sich die zwei hinter ihrem Rücken und manchmal sogar ganz offensichtlich über sie lustig. Das alles schien Dörte nichts auszumachen und sie versuchte, sich immer wieder aufs Neue bei den beiden Rosas einzuschmeicheln. Thiemo fand dieses Verhalten widerwärtig. Auch wenn er Laetitia und Felicitas nicht mochte, so empfand er immerhin eine gewisse Achtung und Respekt für sie, da sie Gegner für ihn waren, mit denen er sich messen konnte. Dörte hingegen verachtete er und behandelte sie mit Abscheu. Aber nicht nur Thiemo hasste sie. Alle anderen Jungen und die meisten Mädchen empfanden genauso.
Die anderen Mädchen in der Klasse fielen nicht übermäßig auf, außer dass sie sich mehr oder weniger in Rosa kleideten wie ihre beiden Anführerinnen. Daher beachtete Thiemo sie nicht weiter.
Als Klassenlehrerin war Frau Rührstedt meist lieb und nett. Nur wenn es Ärger gab, dann konnte sie ausgesprochen streng werden. Deswegen vermieden ihre Schüler, so gut es ging, irgendwelchen Ärger mit ihr. Sonst war sie äußerst pünktlich. Es musste also einen guten Grund geben, weshalb sie sich verspätete. Nach fünf Minuten betrat Frau Rührstedt endlich den Klassenraum und brachte den Grund für ihre Verspätung gleich mit. Einen Schritt hinter ihr kam Merle zur Tür herein. „Guten Morgen, Kinder“, sprach die Klassenlehrerin voller Schwung in der Stimme. Ein vielstimmiges „Guten Morgen, Frau Rührstedt“ schallte ihr entgegen.
