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Hanno ist ein einsamer und zurückhaltender Junge, der keine Freunde hat. Wie in jedem Jahr verbringt er die Sommerferien bei seinem Vater, der von seiner Mutter getrennt auf dem Land lebt. Hanno freut sich, dass er dort Ruhe vor seinen fiesen Mitschülern hat, die ihn ständig schikanieren und quälen. Jedoch diesmal ist etwas anders. Ins Nachbarhaus ist Charline, ein Mädchen in seinem Alter, mit ihren Eltern und ihrem jüngeren Bruder Timmi eingezogen. Hanno verliebt sich sofort in das wunderhübsche Mädchen. Als sein unbeholfener Annäherungsversuch scheitert, beginnt Charline damit, Hanno ununterbrochen zu ärgern. So hat sich Hanno seine Ferien nicht vorgestellt. Dann geschehen beunruhigende Dinge. Die drei Kinder beobachten unbemerkt, wie Charlines Eltern entführt werden. Als sie am nächsten Tag wieder auftauchen, scheint alles in Ordnung zu sein. Aber etwas stimmt nicht. Die Kinder finden heraus, dass die Erwachsenen von bösartigen Außerirdischen manipuliert werden, die ihnen ihren Willen aufzwingen, um die Erde zu erobern. Nur mit knapper Not können die drei diesen unheimlichen Kreaturen entfliehen. Zunächst halten sich die Kinder versteckt und versuchen den bedrohlichen Wesen zu entkommen. Dabei müssen sie miterleben, wie immer mehr Menschen von den furchteinflößenden Monstern zu willigen Untertanen gemacht werden. Durch Zufall entdecken sie eine Wunderwaffe, mit der sie die außerirdischen Eindringlinge bezwingen können. Inzwischen werden die drei aber auch von der Polizei gesucht und müssen es mit einer Bande von kriminellen Jugendlichen aufnehmen, die ihnen darüber hinaus das Leben unnötig schwer machen. Schließlich brechen die Kinder zu einem letzten Gefecht gegen die übermächtigen Gegner in dem Wissen auf, dass sie fast keinerlei Möglichkeit haben, diesen ungleichen Kampf zu gewinnen. Ihre einzige Chance besteht darin, das Geheimnis dieser Monster zu lüften und so deren schwache Stelle treffen zu können, um sich selbst und die Menschheit zu retten.
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Seitenzahl: 237
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Frank Springer
Hanno rettet die Welt
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Widmung
1. Endlich Ferien
2. Die Begegnung
3. Der Überfall
4. Die Flucht
5. Charlines Cousine
6. Der Erleuchter
7. Wieder auf der Flucht
8. Was wird aus Timmi?
9. Der Einkauf
10. Der Kampf
11. Campingurlaub
12. Die Verfolgung
13. Letzte Vorbereitungen
14. Ein verzweifelter Kampf
15. Das runde Becken
16. Der Sonnenuntergang
17. Der erste Schultag
Weitere Bücher des Autors:
Impressum neobooks
Ein Zukunftsabenteuer
für Daniel und Julian
Titelgestaltung: Dorothea Schmalkoke
Hanno saß allein im Zugabteil. Er beobachtete, wie draußen vor dem Fenster die Landschaft gemächlich an ihm vorbeizog. Die Gegend, durch die er kam, war kaum bewohnt. Nur selten tauchte ein Haus oder eine Ortschaft auf. Dazwischen lagen ausgedehnte Wiese, Felder und Wälder. Es ging langsam voran. Vor zwei Stationen war er vom Schnellzug in die kleine Nebenstreckenbahn umgestiegen, die ihn an sein Reiseziel bringen sollte. Hanno kannte die Strecke. Im vorletzten Sommer war er sie zum ersten Mal allein mit dem Zug gefahren. Damals war Hanno zwölf Jahre alt gewesen.
Er freute sich, denn gestern hatten die großen Ferien begonnen und die schönste Zeit des Jahres sollte für ihn beginnen. Er fuhr zu seinem Vater. Der Junge konnte es kaum erwarten, ihn wiederzusehen. Während der Schulzeit lebte Hanno bei seiner Mutter und ihrem neuen Lebensgefährten in der Großstadt. Die Sommerferien verbrachte er hingegen bei seinem Vater auf dem Land. Es war fast ein Jahr her, dass er ihn gesehen hatte.
Seine Eltern hatten sich getrennt, als Hanno klein war. Dabei war für alle von vorneherein abzusehen, dass ihre Beziehung nicht lange halten würde. Auch die beiden selbst wussten es, mochten es sich aber nicht eingestehen. Die temperamentvolle, zielstrebige Karrierefrau aus der Großstadt und der ruhige, menschenscheue Künstler vom Lande passten nicht zusammen.
Hanno war froh, dass er allein im Abteil war und die Vorfreude auf seinen Vater genießen konnte. Er mochte nicht mit anderen Menschen zusammen sein. Ab und zu spielte er zwar mit anderen Kindern, aber richtige Freunde hatte er nicht. Hanno sprach nicht viel. Freiwillig sagte er nie etwas. Nur auf Fragen antwortete er und dann kurz. Er war immer ruhig und tobte nie herum. In der Schule zog er sich zurück und war ein Außenseiter. Seine Mitschüler ärgerten ihn deshalb oft.
Dabei konnten sie sehr gemein sein. Am schlimmsten waren in seiner Klasse der fiese Berti und seine Bande. Sie ließen keine Gelegenheit aus, um Hanno zu quälen. Wenn sie seine Sachen wegnahmen und versteckten, sein Pausenbrot in den Müll warfen oder ihm Schimpfnamen nachriefen, war das harmlos und es machte Hanno nichts aus. Daran hatte er sich gewöhnt. Wenn sie ihn aber in den Wandschrank einsperrten, seinen Kopf ins Klobecken tauchten oder ihm gebrauchte Kaugummis in die Haare klebten, dann hielt es Hanno nicht mehr aus.
Dennoch wehrte er sich nicht, sondern ertrug still sein Leid. Erstens wusste er nicht, wie er sich gegen die Übermacht verteidigen sollte und zweitens hoffte er, dass seine Peiniger schneller von ihm abließen, wenn er nichts dagegen tat. Manchmal standen ihm die Lehrer bei und halfen ihm. Aber es wurde ihnen schnell leid, sich fast ständig um Hanno kümmern zu müssen. Daher sahen sie oft genug über die Angriffe gegen ihn hinweg und gingen zur Tagesordnung über. Nun hatte Hanno sechs Wochen Ruhe vor seinen Mitschülern und Bertis Bande. Er freute sich darüber, dass sie ihm während dieser Zeit nichts antun konnten.
Hannos Mutter machte sich große Sorgen um ihn, da er keine Freunde hatte. Andauernd versuchte sie, ihn zu ermuntern, mit anderen Kindern etwas zu unternehmen. Dabei lernte er aber höchstens welche wie Berti kennen und auf die konnte er verzichten. Seine Mutter war ratlos, da er mehr und mehr vereinsamte. Sie bedrängte ihn, dass er eine Therapie machen sollte. Hanno wollte das nicht. Er war glücklich mit seinem Leben. Er brauchte keine anderen Kinder, um sich zu beschäftigen. Hanno las viel. Fast jede freie Minute verbrachte er mit einem Buch.
Oft dachte sich Hanno kleine Geschichten aus, in denen er der Held war, den alle anderen bewunderten. Er konnte stundenlang dasitzen und vor sich hinträumen. Immer häufiger flüchtete er sich in seine Traumwelten und schränkte den Kontakt zu seinen Mitmenschen weiter ein.
Der Zug hielt in einem kleinen Dorf, dessen Bahnhof nur zwei Gleise besaß. Wenige Fahrgäste stiegen aus. Die Ortschaft hatte einen lustigen Namen, den man für einen Scherz gehalten hätte, wenn man nicht wusste, dass es diesen Ort tatsächlich gab. Obwohl Hanno ihn aus den vergangenen Jahren kannte, musste er schmunzeln, als der Namen über Lautsprecher ausgerufen wurde. Nach kurzem Halt ging es weiter. Nun dauerte es nur noch eine halbe Stunde bis zu seinem Ziel.
Der einzige Mensch, mit dem Hanno zusammen sein mochte, war sein Vater. Er war wie Hanno und mied anderen Menschen. Vor allem fragte er seinen Sohn nicht ständig aus oder gab ihm Ratschläge, wie seine Mutter es tat. Daher genoss Hanno die Zeit, die er mit ihm verbringen durfte. Er konnte sich stundenlang mit seinem Vater anschweigen. Die beiden verstanden sich bestens, ohne dass einer von ihnen ein einziges Wort sagen musste.
Hannos Vater lebte in einer einsamen Gegend, in der es kaum Menschen gab. Dort konnte der Junge den gesamten Tag spazieren gehen, ohne dass er jemandem begegnete. Für ihn war diese Abgeschiedenheit wie ein Paradies. Dort war Hanno weit weg von seinen Mitschülern und anderen Kindern, die ihn ununterbrochen schikanierten. Die ganze Zeit lang konnte er ungestört lesen oder träumen. Es gab für ihn nichts Schöneres als diese sechs Wochen im Jahr, die er bei seinem Vater in vollkommener Ruhe und Frieden verbrachte.
Selbstverständlich liebte Hanno auch seine Mutter. Sie war immer fürsorglich und liebevoll zu ihm. Wenn sie ihn in den Arm nahm, nichts sagte und für ihn da war, dann war sie die beste Mutter der Welt. Es strengte ihn aber an, unentwegt von ihr bemuttert zu werden. Vor allem nervte ihn ihre andauernde Fragerei, wie es ihm ginge und was er mache. Ihre häufigen Versuche, ihn mit anderen Kindern zusammenzubringen, fand er lästig. Sie war das Gegenteil von seinem Vater. Es muss ein seltener Zufall gewesen sein, dass sich die beiden kennengelernt hatten.
Der neue Lebensgefährte seiner Mutter war sehr nett. Hanno freute sich, dass sie einen Menschen gefunden hatte, der so gut zu ihr passte. Er war auch immerzu bemüht um Hanno. Das war zwar gut gemeint von ihm, aber es wäre Hanno lieber gewesen, wenn er ihn in Ruhe gelassen hätte. Daher war er froh, dass seine Mutter allein mit ihrem Partner verreiste und er währenddessen die Zeit mit seinem Vater verbringen konnte.
Hannos Zeugnis war wie immer ganz ordentlich geworden. Er war ein guter Schüler und musste nie lernen oder üben. Es fiel ihm alles zu. In den schriftlichen Arbeiten hatte er meistens eine Eins oder höchstens eine Zwei. Trotzdem waren seine Zensuren nicht so, wie sie hätten sein können. Im Unterricht meldete sich Hanno niemals. Wenn die Lehrer ihn dennoch drannahmen, wusste er stets die richtige Antwort. Von sich aus beteiligte er sich jedoch nie. Seine Mutter redete endlos auf ihn ein, wie gut er in der Schule sein könnte, wenn er sich öfters freiwillig einbringen würde. Der Junge wollte aber nicht.
Das einzige Fach, in dem Hanno keine guten Noten hatte, war Sport. Dabei war er nicht dick, sondern wirkte eher schlaksig. Er fand es abstoßend, in einer Horde grölender Kinder hinter einem Ball hertoben zu müssen. Davon zog er sich zurück. Hingegen mochte er Leichtathletik, obwohl er darin nicht besser war.
Endlich wurde der Zug langsamer und bremste ganz ab. Er war in der kleinen Kreisstadt, in deren Nähe sein Vater lebte, angekommen. Schon von weitem sah Hanno ihn auf dem Bahnsteig stehen. So schnell er konnte, stieg der Junge aus, lief auf seinen Vater zu und fiel ihm in die Arme. Die Begrüßung war herzlich, aber nahezu wortlos.
Sein Vater nahm Hannos Koffer. „Der ist schwer. Hast du dir etwas zum Lesen mitgebracht?“, fragte er. „Ja“, antwortete Hanno. „Schön“, sagte sein Vater, „ich habe dir auch einige neue Bücher besorgt. Sie liegen in deinem Zimmer.“Der Junge sagte dazu nichts und folgte seinem Vater zum Auto. Sie stiegen in die alte, klapprige Ente und fuhren los.
Hannos Vater war Kunstmaler. Er war zwar nicht bekannt, aber seine Bilder ließen sich gut verkaufen. Dabei machte sich Hannos Vater nichts aus Geld. Es reichte ihm aus, wenn er bescheiden davon leben konnte. Viel wichtiger war ihm, dass seine Gemälde dem Publikum gefielen. Wenn er keinen so guten Galeristen gehabt hätte, dann hätte er seine Werke vermutlich verschenkt oder zumindest weit unter Preis verkauft. Aber sein Galerist wusste den Wert seiner Arbeiten zu schätzen und sorgte dafür, dass er anständig bezahlt wurde. Somit hatte Hannos Vater zumindest keine Geldsorgen. Trotzdem legte er keinen Wert auf äußerlichen Reichtum.
Die alte Ente fuhr er seit seiner Studentenzeit. Er wollte kein neues Auto haben, obwohl er es sich hätte leisten können. Lärmend und qualmend zuckelte das betagte Automobil über die Landstraße. Nach einer halben Stunde bogen sie in einen Feldweg ein. Mutig kämpfte sich die Ente den unebenen Weg entlang. Hanno und sein Vater wurden kräftig durchgeschüttelt. Das antike Fahrzeug meisterte aber auch dieses Gelände und der Bauernhof, auf dem Hannos Vater wohnte, kam in Sichtweite.
Als Hannos Großeltern starben, erbte sein Vater ihren Hof. Nachdem er sich von Hannos Mutter getrennt hatte, zog er dort ein. Er wohnte aber nicht im Bauernhaus, sondern im sogenannten Altenteil. Das war ein kleines Häuschen, das etwas abseits stand. Hier lebten üblicherweise die Eltern, sobald der älteste Sohn den Hof von ihnen übernommen hatte. Hannos Vater benötigte nicht viel Platz für sich selbst. Daher reichte dieses kleine Haus für ihn aus. Da er keine Landwirtschaft betreiben wollte, verpachtete er die zugehörigen Ländereien an die anderen Bauern in der Nähe. Für sich behielt er etwas Land übrig, auf dem er für seinen eigenen Bedarf anbauen konnte.
In dieser Einsamkeit konnte Hannos Vater am besten malen. Hier war er ungestört. Er konnte sich voll und ganz auf seine Kunstwerke konzentrieren. Die Ruhe und Stille brauchte er für seine Inspiration. In der Zeit, als er bei Hannos Mutter in der Großstadt lebte, hatte er kein einziges seiner Gemälde vollenden können.
Hannos Vater hatte das Häuschen, in dem er wohnte, vor einigen Jahren hübsch herrichten lassen. Das Bauernhaus hingegen hatte lange Zeit leer gestanden. Erst kürzlich hatte er aus dem Verkauf seiner Bilder genügend Geld zusammengespart, dass er auch das große Gebäude renovieren lassen konnte. Hanno erinnerte sich, dass es im letzten Sommer eine Baustelle gewesen war und er oft dort den Handwerkern und Bauarbeitern aus sicherer Entfernung zugesehen hatte.
Als die beiden vom Feldweg auf den Hof einbogen, sprang Hanno aus dem Wagen, um das Gattertor zu öffnen. Nachdem sein Vater mit der alten Ente hindurch gefahren war, schloss er das Tor und stieg wieder ins Auto. Der Junge erkannte sofort, dass an dem großen Bauernhaus etwas anders war als bei seinem letzten Besuch. In den Fenstern hingen Gardinen und auf den Fensterbänken standen Blumentöpfe. Ein großer, roter Kombiwagen parkte vor dem Haus. Offensichtlich war es bewohnt.
Erstaunt fragte Hanno seinen Vater. „Ja, ich habe das Haus an eine nette Familie vermietet“, antwortete der. „Sie kommen aus der Großstadt. Er macht Überlebenstraining für Manager. Dazu bringt er ihnen in abgelegen Gegenden bei, wie man sich in der Wildnis zurechtfinden kann. Komisch, nicht wahr? Sie arbeitet in der Kreisstadt. Außerdem haben die beiden eine Tochter etwa in deinem Alter und einen jüngeren Sohn. Wundere dich also nicht, falls du ihnen hier begegnest.“
Hanno sagte dazu nichts. Das waren ungewöhnliche Neuigkeiten für ihn, die er verdauen musste. Bisher war er davon ausgegangen, dass er hier allein mit seinem Vater in der Abgeschiedenheit leben würde. Er bekam Angst, auf die fremden Menschen zu treffen. Das Häuschen von Hannos Vater lag etwa hundert Meter entfernt, sodass man von dort nicht viel davon mitbekam, was im Bauernhaus vor sich ging. Der Junge hoffte, dass diese Distanz ausreichte, damit er nicht unnötig oft mit der neuen Familie konfrontiert wurde.
Nachdem sie mit der altersschwachen Ente das kleine Häuschen erreicht hatten, hielten sie davor und stiegen aus. Hannos Vater brachte den Koffer hinein. Der Junge liebte das Haus seines Vaters. Hier war er gerne und fühlte sich wohl. Es war urgemütlich. Drinnen war es längst nicht so klein, wie es von außen aussah. Im Erdgeschoss gab es eine geräumige Wohnküche, in der sie am liebsten beieinander saßen, und ein großes Zimmer, die ehemalige Wohnstube, in dem Hannos Vater sein Atelier eingerichtet hatte. Ein Wohnzimmer benötigte er nicht, da er außer von Hanno und vielleicht zweimal im Jahr von seinem Galeristen nie Besuch bekam. Dann konnten sie sich in die Küche setzen, wo es ohnehin viel schöner war.
Hannos Vater hatte im oberen Stockwerk sein Schlafzimmer und ein kleines Büro. Hier befand sich auch das Badezimmer. Das Wichtigste in dieser Etage war jedoch Hannos Zimmer. Es war nur eine kleine Kammer, aber er hatte es sich gemütlich zurechtgemacht. Dort roch es wunderbar nach Holz. In den Regalen standen merkwürdige Gegenstände, die der Junge bei seinen Streifzügen gefunden hatte. Auf einem kleinen Tischchen lagen die Bücher, von denen sein Vater erzählt hatte. Hanno schaute sie sich an. Es waren einige für ihn interessante Exemplare dabei. Während er seinen Koffer auspackte, brutzelte sein Vater in der Küche ein leckeres Abendbrot. Er konnte gut kochen. Das hatte er in der Einsamkeit gelernt.
Nach dem Abendessen saßen die beiden eine Weile zusammen. Hanno erzählte in knappen Worten von der Schule, von dem Leben in der Großstadt und von seiner Mutter. Sein Vater fragte ihn dabei aber nicht aus, sondern wartete geduldig, bis der Junge von selbst anfing zu reden. In dieser Beziehung war sein Vater anders als seine Mutter, die ihn ständig mit ihren Fragen löcherte. Hannos Vater berichtete von den Neuigkeiten hier auf dem Land. Sehr viel Neues gab es allerdings nicht, außer dass die Familie aus der Großstadt in das hergerichtete Bauernhaus eingezogen war.
Danach ging Hanno ins Bett. Er fing an, ein Buch von dem Stapel zu lesen, das ihn besonders interessierte. Es war ein Zukunftsroman. Hanno hatte eine Vorliebe für Science-Fiction. Ihm gefiel daran, dass die Handlung weit über die enge Begrenztheit unserer irdischen Welt hinaus ging. Hanno wurde müde. Bevor er einschlief, öffnete er das Fenster, damit er die frische Landluft genießen konnte.
Als Hanno die Treppe hinunter stieg, duftete es nach frischem Kaffee. Es war ein schöner Sommertag und es war schon früh am Morgen angenehm warm. Sein Vater war gerade dabei, den Frühstückstisch zu decken. Hanno hatte die Idee, im nächsten Dorf vom Bäcker frische Brötchen zu holen. Da es zu weit zum Laufen war, holte der Junge aus einem Unterstand hinter dem Häuschen das Fahrrad seines Vaters hervor.
Es war ein uraltes Rad. Es besaß eine gebogene Lenkstange und eine Bremse, bei der ein Gummiklotz direkt von oben auf den Vorderreifen drückte. Das Schutzblech klapperte, die Kette knirschte und das Tretlager quietschte. Überall war das abgenutzte Zweirad verrostet und besaß eine undefinierbare Farbe. Die Lampe hing wie eine verwelkte Blüte herab.
Hanno stieg auf und fuhr zu dem Gattertor, das den Hof von dem Feldweg trennte. Kurz bevor er es erreichte, glaubte er, seinen Augen nicht zu trauen. Aus Richtung des Bauernhauses kam ein Mädchen mit einem Fahrrad gefahren. Es war ein modernes Mountainbike, wie er es sich schon lange wünschte.
Das Mädchen war etwa so alt und groß wie er. Sie war wunderhübsch. Ihr offenes, blondes Haar reichte bis fast zu ihrem Hinterteil hinab. Das Gesicht glich dem eines Engels. Die Lippen waren sanft geschwungen und ihre Augen leuchteten himmelblau. Ihr Pony hing ihr frech in die Stirn. Obwohl sie schlank war, besaß sie einen muskulösen und durchtrainierten Körper. In ihrem kurzen Minirock und dem bauchfreien Top sah sie verführerisch aus. Hanno erkannte in ihren offenen Sandalen, dass sie an ihrem linken Mittelzeh einen silbernen Ring trug. Sonst hatte sie keinen Schmuck oder Schminke angelegt. Das brauchte sie nicht, denn sie war das schönste Mädchen, das Hanno je gesehen hatte. Die beiden hielten vor dem Gattertor an, da es geschlossen war, und stiegen von ihren Rädern ab.
In Hannos Klasse hatten die meisten Jungen eine Freundin. Nur er hatte noch nie eine gehabt. Er versuchte sich oft vorzustellen, wie es war, mit einem Mädchen zusammen zu sein. Auch wenn er Abstand von anderen Menschen hielt, wünschte er sich, eine Freundin zu haben. Manchmal war er deshalb neidisch auf seine Mitschüler. Er wagte aber nicht zu hoffen, dass sich die Mädchen für ihn als den geschmähten Sonderling ernsthaft interessieren würden. Aus Angst vor Ablehnung und sich lächerlich zu machen, traute er sich nicht, von sich aus eines anzusprechen. Daher zog sich Hanno von ihnen zurück und litt darunter, dass er seinen Gefühlen nicht nachgeben konnte.
Die besonders hübschen Mädchen hatten meist ältere, erfahrene Freunde. Wenn sie mit einem Jungen Schluss machten, dann war stets eine lange Reihe anderer da, aus denen sie auswählen konnten. Hanno malte sich keine realistischen Chancen bei den Mädchen aus.
Hier war es anders. In der Abgeschiedenheit weit weg von anderen Menschen gab es nur sie und ihn. Hanno hatte keine Konkurrenz zu fürchten. Außerdem kannte sie ihn nicht und wusste nicht, dass er ein Außenseiter war. Er konnte sein Glück nicht fassen, ausgerechnet in dieser einsamen Gegend diesem schönen Mädchen zu begegnen. Je länger er sie betrachtete, desto sicherer wurde sich Hanno, wenn es auf dieser Welt eine Traumfrau für ihn gab, dass sie genauso aussehen musste wie sie und nicht anders.
Hanno hätte das Mädchen stundenlang ansehen können, so hübsch war sie. Es fiel ihr auf, wie er sie anschaute, und sie sagte: „Was glotzt du mich so an? Ich bin nicht vom Mars. Hast Du noch nie ein Mädchen gesehen?“ ,Ja, schon oft, aber noch nie so ein schönes wie dieses hier’, dachte Hanno und starrte sie weiterhin an, ohne etwas zu sagen.Nachdem der Junge nicht reagierte, fügte sie hinzu: „Mach wenigsten den Mund zu, sonst sieht dein ohnehin nicht besonders intelligenter Gesichtsausdruck noch bescheuerter aus.“ Hanno wusste, dass Mädchen frech sein konnten. Daher hielt er ihr Verhalten für normal.
Ihm war bewusst, dass er jetzt handeln musste, wenn er bei ihr etwas erreichen wollte. Er musste sich schnell etwas einfallen lassen, sonst war diese Gelegenheit vorbei. Sein Verstand arbeitete fieberhaft. ‚Nur keinen Fehler machen’, sagte er sich.
Hanno war es nicht geübt, mit Menschen zu reden. Damit hatte er große Schwierigkeiten, selbst wenn es dabei um viel weniger ging. Ein so gut aussehendes Mädchen anzusprechen, war für ihn die allergrößte Herausforderung. Lieber hätte er zuerst in einigen einfacheren Situationen geübt, bevor er sich daran wagte, aber dazu hatte er keine Zeit. Er musste etwas sagen, in diesem Augenblick, nicht später.
„Hallo, willst du auch Brötchen holen?“, hörte sich der Junge sprechen. Das war zwar nicht besonders einfallsreich, aber immerhin besser als nichts. Das Mädchen beantwortete seine Frage nicht, sondern kommandierte: „Mach endlich das Tor auf, damit ich durchfahren kann oder mach zumindest Platz, damit ich es öffnen kann.“ Hanno hantierte ungeschickt am Gatter herum, bekam aber den Riegel vor Aufregung nicht auf. „Lass mich mal!“, sagte das Mädchen, schob Hanno beiseite und öffnete die Pforte mit einem Griff. Sie gingen beide mit ihren Fahrrädern hindurch. Danach schloss das Mädchen die Gattertür und stieg auf. Hanno sprang schnell auf sein Rad und fuhr neben ihr her.
„Wer bist du eigentlich?“, fragte sie, ohne ihn anzusehen. „Ich bin der Sohn von eurem Vermieter“, antwortete der Junge. „Dann musst du Hanno sein“, vermutete das Mädchen. „Dein Vater hat uns von dir erzählt. Ich heiße übrigens Charline.“ „Das ist ein schöner Name“, sagte Hanno.
Er wollte sich gerade selbst dafür loben, dass ihm dieser Satz eingefallen war, als das Mädchen ihm frech erwiderte: „Du Schmeichler, das würdest du auch sagen, wenn ich Tusnelda oder Ottfriede hieße.“ „Wieso? Das sind doch hübsche Namen“, entgegnete Hanno, ohne nachzudenken. Er hätte sich ohrfeigen können für diese einfallslose Antwort und biss sich auf die Lippen. „Genau das meine ich“, sagte sie kühl.
Sie radelten weiter nebeneinander auf dem Feldweg. „Wo hast du denn das Museumsstück ausgegraben?“, fragte Charline ihn und deutete auf sein Fahrrad. Hanno schämte sich, dass er ein altes und verschlissenes Rad fuhr, das längst auf den Sperrmüll gehörte. „Das ist nicht meins. Es gehört meinem Vater“, antwortete er. „Das passt zu ihm“, behauptete Charline. Nun schämte sich der Junge für seinen Vater, der keinerlei Wert auf sein äußeres Erscheinungsbild legte. Bei Mädchen aber zählen Äußerlichkeiten, glaubte Hanno.
„Ich bin vor zwei Monaten vierzehn Jahre alt geworden. Wie alt bist du?“, wollte Hanno wissen. „Pfui!“, rief sie und tat entrüstet. „So etwas fragt man eine Dame nicht.“ Der Junge bekam einen Schrecken, dass er etwas falsch gemacht hatte, jedoch Charline lachte und sagte: „Ich bin dreizehn, genauer gesagt dreizehn drei Viertel.“ Hanno war beruhigt, dass sie ihm die Frage nicht übelnahm.
Dennoch war die Unterhaltung für ihn anstrengend. Er war hochkonzentriert, damit er keinen Fehler machte. Zuviel stand für ihn auf dem Spiel. Auch wenn das Gespräch mit Charline nicht reibungslos verlief, so ging es voran und das nicht nur von ihm aus. Hanno war stolz auf sich. Nie in seinem bisherigen Leben hatte er mit einem Menschen, den er zuvor nicht kannte, so viel gesprochen, schon gar nicht mit einem Mädchen, für das er sich interessierte. Der Junge war über sich selbst erstaunt.
Durch seinen Erfolg wurde Hanno übermütig. Er wollte wissen, ob Charline einen Freund hatte. Dabei versuchte er zu vermeiden, sie direkt danach zu fragen, und tastete sich vorsichtig auf Umwegen an das Thema heran. „Gibt es im Dorf viele Kinder in unserem Alter?“, erkundigte er sich. „Es gibt dort einige“, antwortete sie. „Das sind aber alles Deppen. Mit denen möchte ich nichts zu tun haben.“
Hanno war darüber erleichtert und fragte weiter: „Wie kommst du zur Schule? Nimmst du den Schulbus?“„Wo denkst du hin?“, entgegnete Charline. „Hier draußen in dieser Einöde kommt kein Bus. Meine Mutter nimmt mich in die Kreisstadt mit, wenn sie mit dem Auto zur Arbeit fährt. Einmal als sie krank und mein Vater unterwegs war, hat mich dein Vater gebracht, obwohl er nichts in der Stadt zu tun hatte. Ich fand das lieb von ihm. Es war lustig in seinem alten Auto zu fahren. Meine Mitschüler haben sich amüsiert, als wir mit seiner Ente vor der Schule gehalten haben.“
Hanno spürte, dass er damit bei ihr Punkte gesammelt hatte, auch wenn es wegen seines Vaters war. Er hoffte, dass dadurch zumindest der schlechte Eindruck ausgeglichen war, den sein altes Fahrrad bei ihr hinterlassen hatte. „Das ist aber blöd für dich, dass du so weit draußen wohnst, wenn du dich mit Freunden treffen willst“, forschte der Junge weiter. „Ja, das ist es“, bekräftigte Charline. Plötzlich stutzte sie und sagte: „Weshalb fragst du mich das? Wozu willst du das alles von mir wissen? Hanno fühlte sich ertappt. Er geriet in Panik und wusste nicht, was er antworten sollte. Sein scharfer Verstand ließ ihn im Stich. Ihm fiel nichts ein. Er rang nach Worten und stammelte. Außerdem war er noch immer neugierig, ob Charline einen Freund hatte.
Er hielt es nicht länger aus und fragte sie direkt: „Ich wollte wissen, ob so ein schönes Mädchen wie du einen Freund hat.“ Augenblicklich verfinsterte sich Charlines Miene. „Ach, darauf willst du hinaus“, schrie sie verärgert. „Glaubst du, wenn ich jetzt nein sage, dass du dann mein Freund sein könntest? Auf so einen Spinner wie dich habe ich gerade gewartet.“
Voller Wut trat sie mit ihrem Fuß so heftig gegen Hannos Vorderrad, dass er den Halt verlor und vom Feldweg abkam. Charline schaltete ihr Mountainbike in einen anderen Gang und stieg kräftig in die Pedale. Schnell war sie außer Sichtweite. Hanno fuhr ins Feld hinein und fiel auf dem unebenen Untergrund vom Rad. Er tat sich nicht weh, da er im weichen Gras landete. Viel mehr schmerzte ihn, dass er alles verdorben hatte. Nachdem das Gespräch mit dem Mädchen anfangs gut verlaufen war, hatte er im entscheidenden Augenblick versagt.
Betroffen stand Hanno auf und nahm sein Rad, mit dem er seinen Weg zum Dorf fortsetzte. Als er die Bäckerei erreichte, kam ihm Charline auf ihrem Fahrrad entgegen und hielt in der Hand eine gefüllte Brötchentüte. Das Mädchen schaute ihn böse an und brauste an ihm vorbei, ohne ein Wort zu sagen. Hanno kaufte Brötchen für sich und seinen Vater und machte sich auf den Rückweg. Er hatte keine Eile, nach Hause zu kommen. Er war traurig und enttäuscht über sich selbst.
Hannos Vater war verwundert, dass sein Sohn so lange zum Brötchenholen gebraucht hatte. Er spürte sofort, dass Hanno etwas bedrückte. Er fragte ihn aber nicht danach, wie seine Mutter es getan hätte, sondern wartete geduldig, bis der Junge es ihm von sich aus erzählen würde. Lustlos aß Hanno seine Brötchen. Nach dem Frühstück ging er in sein Zimmer, legte sich auf sein Bett und grübelte den gesamten Vormittag über seinen Misserfolg bei Charline nach. Es war genau das eingetreten, was Hanno immer befürchtet hatte, wenn er versuchen würde, ein Mädchen anzusprechen. Er hatte sich blamiert. Je länger er darüber nachdachte, desto mehr wurde ihm bewusst, wie überflüssig die Frage nach ihrem Freund gewesen war. Selbst wenn Charline einen gehabt hätte, so hätte er sie trotzdem für sich gewinnen können. Darüber ärgerte er sich am meisten.
Eines machte ihn aber zufrieden, obwohl er sein Ziel bei Charline nicht erreicht hatte. Sein zu Beginn vielversprechendes Gespräch mit ihr hatte ihm gezeigt, dass er in der Lage war, sich mit anderen Menschen zu unterhalten. Er war überrascht über seine neu entdeckte Fähigkeit. Ihm war zwar bewusst, dass er sie bei Weitem nicht perfekt beherrschte, aber für den Anfang fand er sich nicht schlecht.
Gegen Mittag beschloss Hanno, einen kleinen Spaziergang zu machen, um auf andere Gedanken zu kommen. Hunger hatte er ohnehin nicht. Sein Vater saß in seinem Atelier und malte. Wenn Hanno ihn hier draußen besuchte, war sein Vater tagsüber die meiste Zeit mit seiner Malerei beschäftigt, während der Junge auf eigene Faust in der Umgebung umherstreifte und die Gegend erkundete. Oft sahen sie sich nur beim Frühstück und dann erst am Abend wieder.
Hannos Vater gab seinem Sohn ausreichend Gelegenheit, seine Einsamkeit zu genießen. Der Junge war ihm dankbar dafür. Umgekehrt ließ er seinem Vater genügend Freiraum, seine Bilder zu gestalten. Trotzdem konnte er immer zu ihm kommen, sobald er ihn brauchte. Seine Mutter hingegen wollte ununterbrochen etwas mit Hanno unternehmen, wenn er zu Hause bei ihr war. Zusammen mit ihr hatte er keine Zeit, um Ruhe zu finden.
Als Hanno vor das Haus trat und um die nächste Ecke bog, kam ihm Charline entgegen. Sie wurde von einem Jungen begleitet, der fast genauso aussah wie sie, nur dass er kleiner war. Er war etwa zehn Jahre alt. Sein Haar war kürzer geschnitten und stand in alle Richtungen lustig von seinem Kopf ab. Hanno vermutete, dass dies Charlines Bruder sein musste.
„Hallo Hanno, bist du wieder auf Brautschau?“, begrüßte Charline ihn. Zu dem Jungen gewandt sprach sie: „Das ist der Spinner, der mir vorhin einen Antrag gemacht hat.“ Wieder an Hanno gerichtet fuhr das Mädchen fort: „Ach übrigens, darf ich vorstellen, das hier ist nicht etwa mein Freund, sondern nur mein Bruder Timmi.“Timmi winkte Hanno zu und sagte gedehnt: „Halloho, Hanno!“Der brummte dem Jungen, der nichts für seine schlechte Laune konnte, ein unfreundliches „Hallo!“ zu und ging zügig weiter in Richtung Wald, ohne sich umzudrehen.
Sein Fehlschlag bei Charline und das peinliche Gespräch mit ihr waren schlimm genug für Hanno, aber dass sie ihn erneut daran erinnerte und es anderen weitererzählte, gaben ihm den Rest. Er wünschte sich das Mädchen sonstwohin. Nachdem er einige Zeit durch die Felder gegangen war, kam er an einen Wald. Dort streifte er bis zum Abend planlos umher. Erst zum Abendbrot kehrte er zurück zu seinem Vater. Hanno hatte immer noch keinen Appetit.
„Ich habe heute das Mädchen von der Familie getroffen. Das ist eine ziemlich eingebildete Zicke“, erzählte er seinem Vater kurz. „Schade“, entgegnete dieser, „ich dachte, ihr würdet euch besser verstehen. Du kannst ihr ja aus dem Wege gehen. Hier ist Platz genug.“
