Fluchtziel Erde - Frank Springer - E-Book

Fluchtziel Erde E-Book

Frank Springer

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Beschreibung

Jan hält die bedrückende Enge in der entlegenen Mondstation nicht länger aus. Er sehnt sich zurück zur Erde und sucht nach einem Weg, zu ihr zu gelangen. Da bricht unerwartet eine schreckliche Katastrophe über den Mond herein, die alles Leben auszulöschen droht. Im allerletzten Moment gelingt es Jan, zusammen mit einer Handvoll seiner Mitschüler zu fliehen. In einem viel zu kleinen Raumschiff starten sie gemeinsam zu einer ungewissen und gefährlichen Flucht mit der letzten Hoffnung, in den Tiefen des Weltalls Rettung zu finden. Ihre Lage wird immer aussichtsloser. Zu groß sind die Gefahren und die Hindernisse, die den jungen Raumfahrern ein Entkommen unmöglich machen. Alles scheint verloren, als sich die Kinder untereinander zerstreiten. Ein verzweifelter Kampf ums Überleben beginnt. Kann Jan sich und die anderen retten? Wird er die Erde jemals wiedersehen?

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Seitenzahl: 389

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Frank Springer

Fluchtziel Erde

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Widmung

1. Sternenlicht und Schulstress

2. Verbotene Spiele

3. Ein Ausflug mit Folgen

4. Ernste Probleme

5. Ein Bild der Zerstörung

6. Der Frachter

7. Die Explosion

8. Der Planet

9. Die Rettung

10. Die Belagerung

11. Ein gefährlicher Start

12. Die lange Reise

13. Ein riskantes Manöver

14. Freundinnen

15. Der Ionensturm

16. Ein Racheakt

17. Endlich gerettet!

18. Willkommen an Bord

19. Das neue Quartier

20. Hunger

21. Es wird eng

22. Der Kapitän

23. Die Schleuse

24. Auf der Brücke

25. Die Erde

26. Der Sternenhimmel

Weitere Bücher des Autors:

Impressum neobooks

Widmung

Ein Weltraumabenteuer

für Daniel, Julian, Mika und Jerrik

Titelgestaltung: Dorothea Schmalkoke

1. Sternenlicht und Schulstress

Hier draußen im Weltall, wo keine Atmosphäre ihr Licht trübte, leuchteten die Sterne besonders klar und deutlich. Jan hatte die Rückenlehne des Liegesessels weit nach hinten gekippt und blickte durch die dicken Fensterscheiben, die ihn vor der Luftleere des Weltraums schützten, zu den unzähligen fernen Sonnen hinauf, die ihre Strahlen durch das All zu ihm schickten. Es war sein Lieblingsplatz, den er, so oft es möglich war, aufsuchte. An diesem Ort mochte er stundenlang liegen und in das unendlich tiefe Schwarz des Kosmos starren. Hier konnte er für einige Zeit die bedrückende Enge in der Mondstation vergessen.

„Mondstation“, was für ein Name? War es doch nicht der irdische Mond, der damit gemeint war und der mit seinem vertrauten Antlitz sanftes Licht auf die Erde warf, sondern irgendein Mond in einer fernen Galaxie, der um einen namenlosen Planeten kreiste. Ebenso wie die Station, die auf seiner Oberfläche errichtet worden war, besaß er keinen Namen, sondern lediglich eine Kennung aus Buchstaben und Ziffern, die sich Jan nicht merken wollte. Auch das Zentralgestirn dieses fremden Sonnensystems, das alle in der Station nur kurz „die Sonne“ nannten, erinnerte mit seinem unwirklich blassblauen Licht in keiner Weise an die gute alte Sonne, die Jan von der Erde her kannte.

Wenn er so dalag und teilnahmslos in den Himmel schaute, musste Jan an seine Heimat denken, die er vor vier Jahren verlassen hatte, und daran, wie er damals als Kind über weite Wiesen lief, auf denen er mit seinen Freunden herumtollte. Dann glaubte er, den sommerlichen Duft der vielen Tausend bunten Blüten riechen zu können, obwohl er hier in der Mondstation nur die sterile Luft aus der Wiederaufbereitungsanlage atmete. Schmerzlich vermisste Jan die Erde und die Freiheit, die er auf ihr genoss. Bei diesen Gedanken wurde ihm schwer ums Herz und ein drückendes Gefühl breitete sich in seiner Magengegend aus.

Er erinnerte sich an das, was ihm früher sein Großvater erzählt hatte. Das war zu der Zeit, als Jan noch bei seinen Eltern lebte und sie jeden Sonntag Großvater zum Kaffeetrinken besuchten. Er war schon sehr alt, fast hundert Jahre, aber trotzdem rüstig. Nach der Kaffeetafel nahm er den Jungen auf seine Knie und beschrieb ihm mit einprägsamen Worten die Erlebnisse seiner eigenen Kindheit. Wie gebannt lauschte Jan seinen beeindruckenden Ausführungen. Er konnte kaum glauben, was er von dem gütigen, alten Mann über die Vergangenheit erfuhr.

Früher lebten unglaublich viele Menschen auf der Erde, viel mehr, als sich Jan vorstellen konnte. Nach und nach verbrauchten sie die Rohstoffe und Bodenschätze, die ihnen der Planet bot. Die Ressourcen wurden immer knapper, bis abzusehen war, dass die Menschheit so nicht überleben konnte. Verheerende Kriege um die letzten Reserven brachen aus. Aber schnell wurde allen Beteiligten klar, dass ihre Feldzüge mehr Material verschlangen, als sie an Gewinn versprachen.

Weniger aus Einsicht, als aus der schlichten Not heraus beendeten die verfeindeten Länder ihr Kriegstreiben und schlossen sich zusammen. Die Nationalstaaten wurden aufgelöst und gingen in einer großen Gemeinschaft auf. Zuerst vereinigten sich die Weltmächte, danach folgten die kleineren Staaten innerhalb kurzer Zeit. Die einzige Möglichkeit, an die dringend benötigten Rohstoffe zu gelangen, war, diese nicht länger auf der Erde zu suchen. Wissenschaftler hatten inzwischen entdeckt, dass es diese für die Menschheit so kostbaren Schätze auf den unzähligen Himmelskörpern zu finden gab, die in den Weiten des Weltalls verstreut lagen.

Um ihrem unausweichlichen Ende zu entkommen, fügten sich alle Menschen zu einer einzigen, allumfassenden Nation von Raumfahrern zusammen, die in einem riesigen Kraftakt mit den letzten verfügbaren Reserven eine Raumflotte erschufen, die die Bodenschätze auf fernen Planeten ausbeuten sollte. Die Raumschiffe starteten und flogen zu den unterschiedlichsten Zielen. Tatsächlich fanden die Menschen dort reichlich von dem, wonach sie auf ihrem Heimatplaneten verzweifelt gesucht hatten und was ihr Weiterleben ermöglichen sollte. Aber anstatt ihren neu gewonnenen Reichtum zurück zu ihrer Herkunft zu bringen, gründeten sie überall an den Fundstätten Kolonien.

Immer mehr Menschen verließen die Erde und folgten in den Weltraum. Während die Kolonien zunehmend aufblühten und ihr Wohlstand auf bisher ungeahnte Maße wuchs, verarmte ihr Heimatplanet zusehends. Zurück blieben diejenigen, die nicht zu den neuen Siedlungen reisen wollten oder konnten. So auch Jans Großvater mit seiner Familie. Da nur noch wenige Menschen auf der Erde lebten, reichten die vorhandenen Rohstoffe nun aus, um ihnen ein bescheidenes Dasein zu erlauben.

Nach einigen Jahrzehnten hatte sich die ausgebeutete Natur von dem Raubbau, der an ihr betrieben worden war, erholt und die ehemaligen menschlichen Wirkungsstätten zurückerobert. Die Luft war wieder sauber und der Himmel strahlend blau. Das Wasser in den Flüssen, Seen und Meeren wurde allmählich klar und rein. Tiere und Pflanzen bevölkerten die Erde und breiteten sich auf ihr aus. Nur die verbrauchten Bodenschätze blieben für immer verloren. Die verbliebenen Bewohner verließen die großen Städte und zogen aufs Land, um von dessen Erträgen leben zu können. Die großen Industrieanlagen verfielen und die Ballungszentren verwaisten zusehends. Ihre Überreste wirkten wie riesenhafte Mahnmale gegen die Verschwendungssucht der Menschheit.

Auch die Regierung der großen Raumfahrtnation gab ihren Sitz auf der Erde auf und siedelte in eine der neuen, großen Kolonien um. Von dort aus lenkte sie die Geschicke des sich ausbreitenden Weltraumreiches. Die Raumschiffe wurden bald so groß, dass sie nicht mehr von der Oberfläche der Erde aus starten oder auf ihr landen konnten. Daher wurde in ihrem Orbit eine riesige Raumstation als Umschlagplatz für Waren und Güter sowie zum Umsteigen für Weltraumreisende gebaut. Mit dem zunehmenden Verkehr wuchs die Orbitalstation, bis sie gigantische Ausmaße erreicht hatte und mehr Menschen auf ihr lebten, als auf dem Planeten zurückgeblieben waren.

Die meisten von denen, die irgendwo im Kosmos auf einer Raumstation oder in einer Kolonie geboren worden waren, kannten die Erde nur aus Erzählungen. Voller Verachtung blickten sie auf diesen ausgebeuteten und ausgeplünderten Himmelskörper herab, der in ihren Augen nichts weiter als ein Armenhaus im Universum war. Diejenigen, die von der Erde abgewandert waren, wünschten sich nie mehr dorthin zurück, auch wenn sie im Weltraum nur untergeordnete Stellungen bekleideten. Selbst die Bewohner der Erdorbitalstation wären niemals bereit gewesen, die Erdoberfläche freiwillig zu besuchen, obwohl sie sich direkt vor ihren Augen in unmittelbarer Nähe befand. Für sie bot dieser heruntergewirtschaftete Planet nichts, was einen Besuch wert gewesen wäre.

Jan hatte unter den Entbehrungen und den Einschränkungen gelitten, die er damals in seiner Heimat ertragen musste. Wenn jemand diesen primitiven Verhältnissen entgehen wollte, dann musste er in den Weltraum auswandern und in einer der vielen Kolonien sein Glück versuchen, denn nur dort konnte er eine gute Ausbildung und die Aussicht auf einen Arbeitsplatz mit angemessener Entlohnung erhalten. Jeder, der irgendwie konnte, nutzte die seltene Gelegenheit, die Erde zu verlassen, während die Zurückgebliebenen mit niederen Tätigkeiten mehr schlecht als recht ihren Lebensunterhalt verdienten.

Nachdem Jans Bruder mit fünfzehn Jahren die Schule beendet hatte, gab es für ihn keine Möglichkeit, in den Weltraum auszuwandern. Er musste die Familie verlassen, um in einer weit entfernten Stadt eine gering bezahlte Arbeit anzunehmen. Trotzdem war er froh, dass er überhaupt eine Anstellung gefunden hatte. Jan, der bis dahin stolz zu seinem älteren Bruder aufgesehen hatte, wusste, dass ihm ein ähnliches Schicksal bevorstand, wenn nicht ein Wunder geschah.

Daher war Jan überglücklich, als er wenig später zu seiner Tante und seinem Onkel auf die Mondstation durfte. Aufgeregt und voller Neugier ging er an Bord des riesigen Raumschiffes, das ihn in ein neues, vielversprechendes Leben bringen sollte. Nach einer sechswöchigen Reise mit Überlichtgeschwindigkeit erreichte Jan sein Ziel. Zunächst war alles für ihn ungewöhnlich und beeindruckend. Damals als zehnjähriger Junge war er überwältigt von dem Wohlstand gewesen, den er nun genießen durfte. Jedoch schon innerhalb kurzer Zeit spürte er, welch hohen Preis er dafür gezahlt hatte und wünschte sich zurück auf die Erde.

Hier in der Station zählten nur Fleiß und Leistungswille. Von den Kindern wurde erwartet, dass sie ihre Ausbildung auf dem schnellsten Weg vorantrieben, um eine der vielen Aufgaben übernehmen zu können. Zeit zum Spielen blieb Jan nicht. Seine Freiheit, die er in seiner Heimat so geschätzt hatte, galt hier nichts. Während die anderen Kinder miteinander wetteiferten, wer der Tüchtigste von ihnen sei, sträubte sich Jan gegen diesen Leistungsdruck und verweigerte sich immer mehr.

Mit Tränen in den Augen beobachtete Jan das Himmelszelt und trauerte seiner glücklichen Kindheit nach, die er zu Hause bei seinen Eltern verbracht hatte. Selbst das Licht der Sterne empfand er hier oben im All als unterkühlt und leblos. Er vermisste die Sanftheit ihres Funkelns, das ihm von der Erde her vertraut war. Sein Wunsch, dorthin zurückzukehren, wuchs in ihm und wurde stärker und stärker. Mit den Augen suchte er das Firmament ab und hoffte, irgendwo in dem undurchdringlich tiefen Schwarz die irdische Sonne zu entdecken. Dabei wusste er, dass das unmöglich war, da sie viel zu weit entfernt war. Dennoch suchte er dort draußen mit seinen Blicken die Freiheit, die er hier drinnen nicht fand.

Insofern hatte Jan großes Glück, denn das Appartement von Tante Martha und Onkel Wilhelm war eines der wenigen in der Mondstation, das einen Raum mit Fenstern zum Weltraum besaß. Nur weil seine Tante eine einflussreiche Position als Leiterin der wissenschaftlichen Abteilung innehatte, stand ihnen dieses Privileg zu. Für die beengten Verhältnisse in dieser Station war die Wohnung sogar geräumig. Immerhin hatte Jan sein eigenes Zimmer, wenn es auch winzig war. Die Angestellten und Arbeiter mussten sich mit ihren Familien deutlich engere Behausungen teilen. Ihre Wohnstätten hatten keine Fenster, durch die er hätte die Sterne betrachten können.

Gerade hatte Jan ein unerfreuliches Gespräch mit Tante Martha über sich ergehen lassen müssen. Wie meistens ging es um seine schulischen Leistungen. Wenn sich eines in den vergangenen Jahrzehnten nicht verändert hatte, dann war das die Schule. Zwar hatte man versucht, die Kinder mit Computern und neunen Medien zu unterrichten, aber es stellte sich heraus, dass der Unterricht im Klassenverband mit persönlicher Anwesenheit der Mitschüler und des Lehrers am effektivsten war.

Jan ging nicht gerne in die Schule der Mondstation, sondern hasste sie aus voller Überzeugung. Er lehnte dieses gesamte System ab, das seine Persönlichkeit und Freiheit unterdrückte und einzig darauf ausgerichtet war, effektive Arbeitskräfte heranzubilden. In seiner alten Schule auf der Erde war er einer der besten Schüler in seiner Klasse gewesen, aber hier war er mit Abstand der Schlechteste. Er hatte keinerlei Interesse, dem Unterricht zu folgen, der ihn zu einem kleinen Rädchen im großen Getriebe machen sollte.

Zweimal musste Jan eine Klassenstufe zurücktreten, weil er das Unterrichtsziel nicht erreicht hatte. Wenn er ein weiteres Mal das Klassenziel verfehlte, würde er aus der Schule ausgeschlossen und müsste als ungelernte Hilfskraft für einen Hungerlohn arbeiten oder zur Erde zurückkehren. Zwar wünschte sich Jan nichts sehnlicher als die Heimkehr, aber er wollte seine Eltern nicht enttäuschen. Sie waren unendlich stolz auf ihn und freuten sich, dass er es einmal besser haben sollte als sie. Alles gaben sie für ihn, damit er bei seinen Verwandten in der Mondstation eine gute Ausbildung bekommen konnte. Sogar den teuren Flug in diesen entlegenen Winkel des Weltraums hatte sie von ihrem mühsam Ersparten bezahlt. Nein! Er durfte seinen Eltern nicht diese maßlose Enttäuschung bereiten. Jan war ratlos.

Seine Tante hatte nicht das geringste Verständnis für Jans Probleme. Sie war äußerst zielstrebig und erfolgreich. Sie kannte nichts anderes als ihre Arbeit und verlangte von sich selbst und anderen stets Höchstleistung und volle Einsatzbereitschaft. Nur so hatte sie es zur Leiterin der wissenschaftlichen Abteilung schaffen können. Begriffe wie Freizeit oder Erholung waren ihr fremd. Zu ihrer Zerstreuung trieb sie Sport, wobei sie ebenfalls zu höchsten Leistungen strebte. Tante Martha besaß nichts Herzliches und strahlte keinerlei menschliche Wärme aus. Sie verströmte nur die Kälte einer perfekt funktionierenden Maschine.

Jan hörte, wie sich leise hinter ihm der Zugang öffnete. Dieser Raum mit den Fenstern zum Weltraum wurde „die Veranda“ genannt, obwohl kaum etwas an ihm an eine Veranda erinnerte, die Jan von der Erde kannte. Zur Sicherheit war diese Kammer durch eine stabile Tür, die bei einer Beschädigung der Glasscheiben oder bei Wartungsarbeiten an den Fenstern luftdicht verschlossen werden konnte, vom restlichen Wohnbereich abgetrennt. Durch diese Sicherheitstür trat Onkel Wilhelm ein und setzte sich neben Jan auf einen der Liegesessel.

Er war der jüngere Bruder von Jans Vater und ein gutmütiger, verständnisvoller Mensch. Darin unterschied er sich grundsätzlich von seiner Tante. Jan fragte sich, weshalb diese beiden, die verschiedener kaum sein konnten, zusammengekommen waren. Er vermutete, dass dies für seinen Onkel der einzige Weg gewesen war, um die Erde verlassen und in den Weltraum auswandern zu können, während Tante Martha nur einen Vater für ihren Nachwuchs suchte, der ihr möglichst wenig widersprach. Onkel Wilhelm arbeitete in der Verwaltung der Mondstation auf einem unbedeutenden Posten, der keine großen Herausforderungen an ihn stellte. Er hatte sich mit seinem Schicksal abgefunden und dachte nicht daran, etwas an seinem uninteressanten Leben ändern zu wollen, sondern genoss die Vorteile, die es ihm bot.

„Du musst deine Tante verstehen. Sie macht sich große Sorgen um dich“, begann Onkel Wilhelm in einem einfühlsamen Ton, nachdem er tief geseufzt hatte. Jan antwortete nicht, sondern hatte seine Augen weiterhin auf die Sterne gerichtet. „Du weißt, dass es eine einmalige Gelegenheit für dich ist, hier auf der Station sein zu dürfen“, fuhr der Onkel fort. „Du kannst Kariere machen, zu Wohlstand und hohem Ansehen gelangen. Bitte, tu etwas für die Schule und wirf diese großartige Chance nicht einfach weg!“ Oft, viel zu oft hatte Jan diese Worte bereits gehört. Er hörte sie wieder und immer wieder, aber sie erreichten ihn nicht, sondern prallten an ihm ab. Ohne eine Antwort von Jan abzuwarten, sprach Onkel Wilhelm weiter: „Alles, alles kannst du hier bei uns werden, was du willst. Deine Eltern werden stolz auf dich sein. Denk auch an die beiden! Sie haben große Hoffnungen in dich gesetzt. Bitte, enttäusche sie nicht!“

‚Alles, was du willst’, wiederholte Jan still in seinen Gedanken. Aber was wollte er? So werden wie seine Tante oder sein Onkel mit Sicherheit nicht. Seine Eltern enttäuschen wollte er erst recht nicht. Er wusste nur, dass er wieder zurück auf die Erde wollte, suchte aber nach einem Weg, bei dem er seinen Eltern die große Enttäuschung ersparen konnte.

„Ich weiß nicht, was ich mit dir machen soll“, setzte der Onkel seinen Monolog fort. „Ich begreife dich nicht. Jeder andere wäre froh, wenn er diese Möglichkeiten hätte, die dir hier geboten werden, aber du lässt sie einfach nur ungenutzt verstreichen.“ Jan spürte, dass seine Stimme nun erregter und ungeduldiger klang. Er konnte verstehen, dass sich Onkel Wilhelm Sorgen machte. Der jedoch verstand Jans tatsächliche Sehnsüchte und Bedürfnisse nicht. Traurig blickte er seinen Onkel an und antwortete emotionslos: „Du hast ja recht, Onkel Wilhelm, aber ich bin eben so. Ich kann nicht anders.“

Der Onkel seufzte erneut, klopfte Jan auf die Schulter, erhob sich und ging. Jan wendete sich wieder den Sternen zu. Statt auf der Erde zwar arm, aber dafür glücklich zu sein, befand er sich weit weg von ihr auf einem tristen Mond ohne Namen. Nur weil es hier ein besonderes Erz im Überfluss gab, das sonst überall im Universum selten war und dringend benötigt wurde, hatte man diesen Außenposten der Menschheit auf dem unwirtlichen und kargen Himmelskörper in lebensfeindlicher Umgebung errichtet.

Die Mondstation war eine der am weitesten von der Erde entfernten Niederlassungen der Menschen. Es gab nur wenige Kolonien, die noch weiter außerhalb lagen. Hier war mit Abstand der einsamste Ort, den Jan sich vorstellen konnte, denn nicht nur bis zur Erde war die Entfernung unvorstellbar groß, sondern auch zu den anderen menschlichen Ansiedlungen, die im Weltall weit verteilt waren.

Alle sechs Wochen holten unbemannte Frachter das abgebaute Erz ab und brachten es an die verschiedenen Orte, an denen es gebraucht wurde. Zweimal im Jahr kam ein bemanntes Versorgungsraumschiff von einer der größeren Kolonien in diese Abgeschiedenheit, um neue Vorräte, frische Arbeitskräfte, Ersatzteile und Dinge des täglichen Bedarfs, die nicht auf der Mondstation hergestellt werden konnten, mitzubringen. Auf seinem Rückflug nahm es die Menschen mit, deren Arbeitsverträge beendet waren und die in einer anderen Kolonie ihr Glück versuchen wollten.

Wenn eines der Versorgungsschiffe die Mondstation erreichte, herrschte große Aufregung. Es brachte nicht nur seine Fracht und neue Leute mit, sondern auch interessante Neuigkeiten aus den Kolonien. Meist blieben die Schiffe ein bis zwei Wochen, bevor sie ihre Rückreise antraten. In dieser Zeit versuchten die Bewohner der Station, der Besatzung des Raumfahrzeugs möglichst viele Informationen darüber zu entlocken, was draußen in Welt vor sich ging.

Zwar gab es auch Hyperraumfunk für die Kommunikation zwischen den Kolonien und der Mondstation, aber der benötigte fast ebenso lange wie die Raumschiffe, die mit Überlichtgeschwindigkeit durch den Hyperraum flogen. Einmal im Monat durfte Jan seinen Eltern eine kurze Nachricht damit schicken, auf die er drei Monate später eine Antwort erhielt. Seit über einem Jahr war in einer Nachbargalaxie ein Quasar ungewöhnlich aktiv. Dabei sendete dieser Himmelskörper so starke Radiowellen aus, dass dadurch der Hyperraumfunk gestört wurde und selbst diese spärliche Informationsquelle ausfiel. Umso wichtiger waren daher die Nachrichten, die die Versorgungsschiffe mitbrachten.

Diese Raumfahrzeuge waren so riesig, dass sie nicht landen konnten, sondern im Orbit um den Mond kreisen mussten. Kleinere Schiffe starteten von der Mondstation, um Ladung und Passagiere auszutauschen. Erst vor zwei Wochen war ein Versorgungsschiff eingetroffen. Jan versuchte, von der Mannschaft etwas über die Erde zu erfahren, aber keiner wusste etwas zu berichten. Kaum jemand außer Jan interessierte sich für so einen armseligen Planeten. Vor einigen Tagen war das Schiff wieder aufgebrochen, nachdem es seine Ladung gelöscht und einige Passagiere an Bord genommen hatte. Gerne wäre Jan mit ihnen geflogen.

Jan war verzweifelt. Er sehnte sich zurück auf die Erde. Selbst wenn er hier in der Schule gut vorankäme, würde er noch drei Jahre bis zum Abschluss benötigen. Danach müsste er eine Ausbildung absolvieren, die mindestens drei weitere Jahre oder länger dauern würde. Frühestens in sechs Jahren könnte er also in seine heiß ersehnte, vertraute Umgebung zurückkehren. Dann wäre er zwanzig Jahre alt und bereits ein junger Mann. Wobei äußerst fraglich war, ob er das alles in der dafür vorgesehenen Zeitspanne schaffen würde. Jan mochte nicht daran denken. Diese unerträglich lange Zeit könnte er niemals überstehen.

Auch wenn der Mond, auf dem Jan festsaß, nach seinem Rhythmus um seinen Planeten kreiste, der wiederum in seinem eigenen Tempo seine Bahn um das Zentralgestirn zog, so hatte man die Zeitrechnung in Jahren, Monaten, Wochen und Tagen beibehalten, wie sie auf der Erde galt. Hier in der Mondstation gab es ohnehin keinen Unterschied zwischen Tag und Nacht und keine Jahreszeiten.

2. Verbotene Spiele

Jan hatte einige Zeit betrübt zu den Sternen aufgesehen, als er hörte, wie sich erneut die Tür öffnete. „Na, was macht mein fauler Cousin? Liegt er wieder rum und tut nichts?“, plärrte Mechthild los, als sie die Veranda betrat. Jan entgegnete nichts. Er hasste seine Cousine. Mit ihren kurzen, blonden Haaren und ihrem schlanken, sehnigen Körper sah sie wie ihre Mutter aus. Auch sonst glich sie Tante Martha in jeder Beziehung. Sie war auf übermenschliche Weise fleißig und strebsam. Obwohl Mechthild mit ihren dreizehn Jahren ein Jahr jünger war als Jan, ging sie in seine ehemalige Klasse, da sie aufgrund ihrer herausragenden Leistungen eine Klassenstufe übersprungen hatte. Sofort hatte sie es dort zur Klassenbesten geschafft.

Jan konnte nicht verstehen, dass Lernen ihr so viel Spaß machte. Selbst in ihrer Freizeit lernte sie freiwillig und genoss das Vergnügen, das sie dabei empfand. Wenn Mechthild einmal nicht etwas für die Schule tat, dann trieb sie Sport wie ihre Mutter. An ihrem Verhalten war nichts von dem eines Kindes oder einer Heranwachsenden. Sie war nichts anderes als eine originalgetreue Kopie ihrer Mutter. Nach Jans Meinung war sie sogar schlimmer als das.

Mechthild versuchte nicht zu verbergen, dass sie sich für etwas Besseres hielt. Sie behandelte Jan arrogant von oben herab und sah in ihm einen arbeitsscheuen Nichtsnutz. Deutlich zeigte sie Jan, dass sie ihn verachtete, weil er nicht annähernd so fleißig und pflichtbewusst war wie sie. Jan litt darunter und verabscheute sie deswegen. Seit zwei Wochen machte Mechthild ein Praktikum bei ihrer Mutter in der Wissenschaftsabteilung. Dadurch war sie noch eingebildeter als ohnehin schon. Stolz zeigte sie allen die blauen Schulterstücke an ihrem Anzug, durch die sie als Angehörige des Wissenschaftspersonals zu erkennen war.

Alle Bewohner in der Mondstation mussten graue Anzüge tragen, die optimal für das Leben in dieser künstlichen Welt angepasst waren. Die farbigen Schulterstücke gaben zu erkennen, welche Tätigkeit der Träger ausübte und zu welcher Abteilung er gehörte. Nur Schüler, jüngere Kinder und die wenigen Personen, die aus anderen Gründen nicht arbeiteten, trugen graue Schulterstücke in der Farbe des Anzugsstoffes. Mechthild meinte, dass selbst dies zu viel Ehre für ihren Cousin sei und er noch nicht einmal diese einfachen Abzeichen verdient hätte.

Jan hasste es, diese Uniform tragen zu müssen, in der alle Menschen gleich aussahen. Dadurch verstärkte sich sein Gefühl, nur ein unbedeutender Teil einer großen anonymen Masse zu sein. Auf der Erde kleidete sich jedes Kind und jeder Mensch so, wie es ihm gefiel. Jan hatte Kleidung in den unterschiedlichsten Farben besessen und jeden Tag etwas anderes davon angezogen. Damals war ihm nicht bewusst gewesen, welche Freiheit das für ihn bedeutet hatte, die ihm nun genommen war.

Ohne auf Jan Rücksicht zu nehmen, setzte sich Mechthild auf einen der Sessel und begann sofort, auf ihrem Handcomputer Aufgaben für die Schule zu lösen. Jans Ruhe war durch ihren Arbeitseifer gestört. So konnte er nicht den Anblick der Sterne genießen und träumen. Er sprang auf und lief in den Wohnbereich.

Zielstrebig ging er auf die Wohnungstür zu und rief im Vorbeigehen Tante Martha und Onkel Wilhelm zu: „Ich gehe noch etwas spazieren. Ich komme bald wieder.“ „Geh nicht wieder zu diesem Piet! Wir haben dir verboten, ihn zu besuchen. Er ist kein guter Umgang für dich“, kommandierte Tante Martha mit strenger Stimme. „Nein, ich laufe nur herum, sagte ich doch“, entgegnete Jan und verschwand durch die Tür, bevor Tante Martha etwas sagen konnte.

Draußen auf dem Gang waren nur wenige Menschen unterwegs, sodass Jan kaum jemandem begegnete. In diesem Bereich der Station, in dem das Appartement von Tante Martha und Onkel Wilhelm lag, befanden sich die größeren Wohnungen der leitenden Mitarbeiter. Nur wer hier wohnte oder etwas zu tun hatte, kam hierher.

Jan folgte dem Gang und bog um mehrere Ecken, bis er eine kleine Einkaufsstraße mit einigen Geschäften erreichte. Es herrschte reges Treiben. Vor einem der Läden drängten sich die Kunden. Jan ließ sich nicht davon beirren und durchschritt die Ladenstraße zügig. An deren anderem Ende fing der Teil der Station an, in dem die einfacheren Mitarbeiter wohnten. Der Junge kämpfte sich durch das unübersichtliche Wirrwarr von Gängen, Abzweigungen, Treppen und Aufzügen. Obwohl überall Wegweiser angebracht waren und die Mondstation nach einem strengen Schema aufgebaut war, musste Jan sich konzentrieren, um sich nicht zu verirren. Wenn er den Weg nicht schon öfter gegangen wäre, hätte er sich mit Sicherheit verlaufen.

Schließlich erreichte er den Bezirk, in dem die ungelernten Arbeiter und Hilfskräfte lebten. Die Luft war stickig und voller unangenehmer Gerüche. Die Gänge wurden schmaler und stellenweise lag Unrat auf dem Boden. Hier war die drangvolle Enge, die auf der Mondstation herrschte, um ein Vielfaches deutlicher zu spüren.

Jan kam an einer Bar vorbei, die verrufen aussah und es vermutlich auch war. Gerade als er an der Tür vorbeiging, torkelte ein stämmiger Mann heraus und lallte etwas Unverständliches. Jan verstand den Betrunkenen nicht und wollte weitergehen, aber der Mann stellte sich ihm in den Weg. Ihm wurde übel, als er den alkoholisierten Atem des Muskelprotzes roch. Der Junge versuchte, sich vorbeizudrängen, was ihm jedoch nicht gelang, da der Mann ihn packte und festhielt. Mit aller Kraft bemühte sich Jan freizukommen. Es hatte keinen Zweck. Der Kerl hatte seinen Arm fest umklammert. Obwohl er sich selbst kaum auf seinen eigenen Beinen halten konnte, war er ungeheuer stark.

Dabei war Jan keineswegs schwächlich. Er war auf der Erde geboren und hatte dort seine Kindheit verbracht. Daher hatte er sich an die höhere Schwerkraft, die dort auf ihn einwirkte, gewöhnt und war entsprechend kräftig. Zwar war dieser Mond größer und schwerer als der Erdenmond, aber die Anziehungskraft auf ihm war spürbar geringer als die, die der Junge von seiner Heimat her kannte. Auch nach den vier Jahren auf der Mondstation hatte Jan kaum etwas von seiner Kraft eingebüßt. Trotzdem hatte er gegen diesen Koloss, der harte, körperliche Arbeit gewohnt war, nicht die geringste Chance.

Panik stieg in ihm auf. Jan hatte nicht die leiseste Ahnung, was der Volltrunkene von ihm wollte. Als er sah, dass ein weiterer Mann aus der Bar stürzte und auf ihn zugerannt kam, wäre er fast vor Angst gestorben. Aber der Saufkumpan legte seine Hand auf den Oberarm des Betrunkenen und sprach beruhigend mit ihm: „Lass den Knirps doch los! Du bist ja bis zum Rand abgefüllt. Komm, ich bring dich nach Hause.“ Offenbar zeigte das Wirkung. Der Alkoholisierte ließ von Jan ab und taumelte mit dem anderen Mann fort. Jan atmete erleichtert auf und lief schnell weiter. Diese unerfreuliche Begegnung hatte den Jungen in Furcht und Schrecken versetzt. Sein Herz klopfte und sein Anzug war durchgeschwitzt. Jan mochte nicht daran denken, was alles mit ihm hätte geschehen können.

Er begegnete einigen weiteren Gestalten, die einen finsteren Eindruck erweckten, und wich ihnen aus, so gut es ging. Aber Jan machte das alles nichts aus, denn er kannte sein Ziel. Selbstverständlich ging er zu Piet, obwohl Tante Martha es ihm ausdrücklich verboten hatte. Jan hatte in der Mondstation keinerlei Freunde und kannte keine Gleichaltrigen, mit denen er etwas unternehmen konnte. Piet war der einzige Mensch, mit dem er zusammen seine Zeit verbringen mochte.

Vor zwei Jahren hatte Jan ihn zufällig kennengelernt, als Piet auf der Flucht vor mehreren Sicherheitsmitarbeitern war, die ihn verfolgten, und Jan sie in die falsche Richtung geschickt hatte. Zum Dank wollte ihm Piet etwas schenken und kam mit ihm ins Gespräch. Schnell stellte sich heraus, dass sich beide gut miteinander verstanden.

Piet arbeitete als Hilfskraft auf den Raumschiffdocks. Neben allerlei anderen Tätigkeiten half er beim Be- und Entladen der Versorgungsschiffe. Dadurch kam er in guten Kontakt zu deren Besatzungen. Um ihren Lohn aufzubessern, schmuggelten einige von den Mannschaften gelegentlich Dinge, die Piet aufkaufte und zu Geld machte.

Jan wollte nicht wissen, womit Piet alles handelte. Nur eine Sache interessierte ihn, die Spiele in künstlicher Realität. Dieses waren kleine Geräte, die man sich auf den Kopf setzte und die einen in eine Fantasiewelt eintauchen ließen. Die Eindrücke wurden dabei direkt ins Gehirn übertragen. Um damit zu spielen, musste man nicht auf Bildschirme schauen, den Ton aus Lautsprechern hören oder gar Knöpfe und Hebel bedienen. Die reine Vorstellung reichte aus, damit man sich in diesen erdachten Welten bewegen und handeln konnte.

Diese Spiele waren auf der Mondstation verboten, da sie süchtig machten und die Spieler so sehr von ihrer Arbeit ablenkten, dass ihre Leistungsfähigkeit und Einsatzbereitschaft darunter litten. So etwas durfte es hier, wo nur Höchstleitung und maximaler Profit zählten, nicht geben. Wer mit so einem Spielzeug entdeckt wurde oder sogar damit Geschäfte machte, musste mit empfindlichen Strafen rechnen. Trotzdem war es unter den Arbeitern verbreitet und Leute wie Piet beschaffte es ihnen auf dunklen Wegen. Mit seinem Handel hatte Piet einen bescheidenen Reichtum erwirtschaftet. Er ließ sich dies jedoch nicht anmerken und behielt seine enge Arbeiterwohnung, um kein Aufsehen zu erregen.

Jan bog in einen schmalen Korridor ab. Links und rechts an den Wänden befanden sich in einer Reihe viele kleine Türen. Vor einer davon blieb er stehen und schaute sich um, ob kein anderer in der Nähe war. Damit er nicht auffiel, benutzte er nicht den Klingelknopf. Stattdessen klopfte leise das vereinbarte Zeichen. „Wer ist da?“, fragte von drinnen eine Stimme. „Ich bin’s“, antwortete Jan gedämpft. Piet machte die Tür einen Spalt breit auf und schaute hinaus. Als er Jan erkannte, öffnete er ganz und zog ihn am Arm herein. Freundlich begrüßte er Jan, der sich freute, ihn wiederzusehen.

Er legte Jan zur Begrüßung seinen Arm auf die Schulter. Zumindest ihm gegenüber gab Piet sich stets sehr freundschaftlich. Er war älter als Jan. Sein genaues Alter kannte der Junge nicht, aber er schätzte ihn auf Anfang zwanzig. Piet hatte eine rundliche Figur, obwohl er nicht dick war. Ständig hing eine Strähne seines dunkel gefärbten Haares quer über sein Gesicht. Seine Wohnung war eng und stickig. Es passten gerade ein Bett, ein Tisch und ein Stuhl hinein. In dem Raum herrschte ein heilloses Durcheinander. Überall lagen Sachen verstreut herum. Jan wusste, dass dies Absicht war, damit man nicht so schnell erkennen konnte, welche Schätze Piet hier gehortet hatte.

Piet schob einige Dinge beiseite und bot Jan einen Platz auf der Bettkante an. Zwischen allerlei Krempel holte er etwas hervor und setzte sich selbst auf den Stuhl gegenüber. „Schau mal, was ich hier habe“, sagte Piet stolz und schwenkte vor Jans Augen einen Gegenstand herum, der aussah, wie ein breites Stirnband, an dem ein kleines Kästchen angebracht war. Jan lächelte voll freudiger Erwartung, denn er erkannte sofort, dass es eines von diesen Geräten zum Spielen in der künstlichen Realität war. „Das ist ganz neu. Ich habe es erst letzte Woche von den Leuten vom Versorgungsschiff bekommen. Es ist viel besser als die alten. Du wirst staunen. So etwas gab es noch nie“, pries Piet das Spielgerät an und gab es Jan. Der setze es sich sofort auf den Kopf und berührte zum Einschalten das kleine Kästchen an dem Stirnband.

Jan war glücklich. Durch das Spiel konnte er nicht nur der unerträglichen Enge der Mondstation, sondern der ganzen Welt mit all seinen unerfüllten Sehnsüchten entkommen. In der Scheinwelt, in die er nun eintauchte, gab es weder Schule noch Tante Martha und Mechthild. Hier fühlte er sich frei von allen Zwängen und Verpflichtungen, die ihm das strenge Leben auferlegte. Sogar das quälende Verlangen, so schnell wie möglich auf die Erde zurückzukehren, vergaß er. Solange er spielte, hatte er seine Freiheit wieder, die er so schmerzlich vermisste. Auch wenn diese Freiheit nur künstlich war, genoss er sie, denn sie war die einzige, die er auf der Station erlangen konnte.

Genüsslich schloss Jan seine Augen. Dichter, undurchdringlicher Nebel umgab ihn. Er wusste nicht, wohin er gehen sollte. Unsicher tastete er sich voran. Der Duft von Tannennadeln stieg ihm in die Nase. Der Nebel lichtete sich und Jan erkannte, dass er mitten in einem Tannenwald stand. Er bahnte sich einen Weg, durch die Zweige, die ihn mit ihren Nadeln im Gesicht streiften. Alles wirkte real, als ob er es tatsächlich erlebte. Er sah nicht nur den Wald, er spürte und roch ihn auch.

Nach einigen Schritten erreichte Jan den Waldrand und blickte über eine bunte Wiese, die sich bis zum Horizont erstreckte. Er trat aus dem Wäldchen heraus und lief mit ausgebreiteten Armen durch das hohe Gras. Es war genau so eine Wiese, wie er sie von der Erde her kannte. Vor Glück machte er Freudensprünge und schlug Purzelbäume. Ausgelassen tollte er herum und fühlte sich so wohl wie lange nicht mehr.

Nachdem sich Jan ausgetobt hatte, sah er sich um. Weit entfernt erblickte er eine Burg. Es war ein großes, prachtvolles Bauwerk, in der ein mächtiger Herrscher regierte. Der Junge machte sich auf den Weg und ging darauf zu. Er kam viel schneller näher, als es die große Entfernung vermuten ließ. Nach kurzer Zeit hatte er die Festung erreicht. Die Zugbrücke war herabgelassen und zwei Wachen mit Hellebarden standen davor. Als er auf die beiden zuging, hatte Jan große Angst, dass sie ihn sofort ergreifen würden. Jedoch die Wachposten wichen zurück und verneigten sich unterwürfig vor ihm. Jan verstand zunächst nicht, weshalb sie das taten, aber als er an sich herunterschaute, stellte er fest, dass er eine prunkvolle Rüstung trug und ein stattliches Schwert an seiner Seite führte.

Ein Mann in höfischer Kleidung begleitete ihn in einen prächtigen Thronsaal. Von der Tür führte ein langer, roter Teppich bis vor den goldenen Thron, auf dem der König saß. Er hatte eine reich verzierte Krone auf dem Kopf und hielt als Zeichen seiner Macht ein edelsteinbesetztes Zepter in den Händen. Sein purpurroter Mantel besaß einen Kragen mit Hermelinfell. Jan trat vor den König und verneigte sich. Der nahm seine Ehrerbietung wohlwollend entgegen.

Nachdem Jan sich vorgestellt hatte, sprach der König in würdevollem Ton: „Dank dir, oh du kühner Ritter, dass du mir in der Zeit meiner größten Not Beistand leistest. Meine einzige und liebste Tochter ist von einem grausigen Ungeheuer entführt worden und wird von ihm in einer dunklen Höhle gefangen gehalten. Viele mutige Männer sind ausgezogen, um sie zu befreien, aber nicht einer von ihnen ist zurückgekehrt. Du bist meine allerletzte Hoffnung, mein Kind vor dieser fürchterlichen Bestie zu retten. Sollte dir Erfolg beschieden sein, gebe ich dir meine Tochter zur Frau und das halbe Königreich dazu.“

Jan nahm dir Herausforderung an, verneigte sich abermals vor dem König und verabschiedete sich. Draußen im Burghof erwartete ihn ein edles Ross mit schneeweißem Fell. Der Junge stieg auf und galoppierte durch das Burgtor hinaus. Er trieb das Pferd an und hatte bald die Festung weit hinter sich gelassen. Sein Weg führte ihn über saftige Wiesen und fruchtbare Felder. Gegen Abend kam er in ein enges Tal, in dem kein Gras und keine Bäume wuchsen. Die Berge rundherum waren pechschwarz und düstere Wolken bedeckten den Himmel. Jan fröstelte und er bekam Angst, schreckliche Angst. Schritt für Schritt ritt er umsichtig in das Tal hinein. Kein Laut war zu hören. Es herrschte unheimliche Stille. Kurz vor dem Ende der Schlucht stieg er ab und ließ sein treues Pferd zurück. Mühsam kletterte Jan über Felsen und Vorsprünge, bis er die Höhle des furchtbaren Scheusals erreichte.

Der Eingang klaffte vor ihm im Berghang wie der Schlund eines riesigen und grässlichen Untieres. Jan zitterten die Knie, als er sich mitten vor diese unheilbringende Öffnung stellte. Darin war nichts außer tiefes, unergründliches Schwarz zu erkennen. Er fasste all seinen Mut zusammen und rief in das Loch hinein: „Komm heraus, du Ungetüm! Ich werde dich zerschmettern, du widerlicher Wurm.“ Der Junge zuckte vor Schreck zusammen, als er das Echo seiner eigenen Stimme aus den Tiefen des Höhlenschlundes vernahm. Aus dem Bau des abscheulichen Wesens drang dumpfes Grollen und furchteinflößendes Fauchen. Jan wäre am liebsten vor Angst fortgelaufen, aber er blieb und erwartete das Unausweichliche.

Der Gestank von Schwefel schlug ihm entgegen. Er konnte die Nähe des Monsters spüren, bevor er es erblickte. Im Höhleneingang erschien eine grässliche Kreatur, scheußlicher als er sie sich je hätte vorstellen können. Sie war riesengroß und besaß sieben Köpfe mit messerscharfen Zähnen in den weit aufgerissenen Mäulern. Der gesamte Körper war mit unzähligen Warzen bedeckt, aus denen eine ätzende Flüssigkeit quoll. An den Klauen befanden sich dolchartige Krallen und der Schwanz war mit spitzen Stacheln besetzt. Jan wurde bei dem Anblick übel und er wollte sich übergeben, aber dazu bleib ihm keine Zeit.

Schon sauste der erste Kopf direkt auf ihn zu und schnappte nach ihm. Der Junge konnte gerade noch zur Seite springen. Er hob sein Schwert und schlug dem Ungeheuer den ersten Kopf mit einem Hieb ab. Die übrigen Köpfte stimmten daraufhin ein vielstimmiges Wehgeschrei an. Aber Jan konnte sich nicht ausruhen, denn der nächste Kopf schnellte zum Kampf hervor. Jan stieß sein Schwert tief in den Schädel, bis dieser mit lautem Krachen zerbarst. Die restlichen Häupter gaben im Chor ohrenbetäubende Schmerzensschreie von sich.

Nun griffen Kopf Nummer drei und vier von beiden Seiten an. Jan duckte sich schnell, bevor er zwischen den beiden Schädeln zermalmt wurde. Stattdessen prallten die zwei Köpfe mit voller Wucht aufeinander, so dass sie benommen zu Boden sanken. Hastig durchtrennte Jan die beiden Hälse, die schlaff herabhingen, sodass der Bestie nur noch drei von ihren sieben Häuptern blieben.

Die Kreatur wurde vorsichtiger und attackierte Jan nicht mehr direkt. Sie streckte den einen Kopf vor und zuckte immer wieder ein Stück zurück, wenn Jan ihm zu nahe kam. Der Junge bemerkte, dass das Ungeheuer ihn damit nur täuschen wollte, während sich ihm in seinem Rücken ein weiterer Kopf näherte. Jan durchschaute die List und wandte sich ruckartig um. Mit einem gewaltigen Schwerthieb spaltete er den Schädel, der ihn von hinten angriff, in zwei Teile. Blitzschnell drehte sich Jan zurück und bohrte sein Schwert in die Stirn des Kopfes, der ihn zuvor abgelenkt hatte.

Das grauenhafte Geschöpf besaß jetzt nur noch einen einzigen Kopf und änderte seine Taktik. Es holte mit seinem stachelbewehrten Schwanz aus und schlug damit so kräftig wie möglich nach Jan, der völlig überrascht war, da er diese Art von Angriff nicht erwartet hatte. Der vernichtende Schlag traf ihn mit voller Kraft. Der Junge wurde in hohem Bogen durch die Luft geschleudert und prallte hart auf den felsigen Boden auf. Alle Knochen taten ihm weh und Blut sickerte aus mehreren tiefen Wunden. Benommen richtete er sich unter Schmerzen auf. Er hatte sein Schwert verloren und stand nun wehrlos dem furchteinflößenden Monster gegenüber, für das er jetzt zu einer leichten Beute geworden war.

Der letzte noch verbliebene Kopf schnellte hervor, um dem Jungen den Todesstoß zu versetzen. Jan sah sich seinem eigenen Tode gegenüber, denn nichts mehr konnte ihn retten. Er hatte keine Waffe, mit der er diesen verheerenden Angriff hätte abwehren können. Ohne Aussicht auf Rettung schaute er sich ratlos um. Das furchterregende Antlitz des grauenhaften Ungeheuers befand sich bereits unmittelbar vor ihm. Es war zu spät. Im nächsten Augenblick würden sich die langen und spitzen Zähne in seinen Körper bohren.

In diesem Moment entdeckte Jan neben sich einen großen Stein. Mit einer allerletzten Anstrengung nahm er den Felsbrocken auf, der so schwer war, dass er ihn kaum heben konnte. Der Junge spürte schon den nach Verderben riechenden Atem der todbringenden Kreatur in seinem Gesicht. Da stemmte er den Stein so hoch es ging und zertrümmerte mit aller Kraft den letzten Schädel des hässlichen Monstrums, das leblos auf den Boden sackte.

Jan atmete erleichtert durch. Das Ungeheuer war tot. Mit seinen eigenen Händen hatte er es getötet. Es war endgültig besiegt. Der Junge hatte damit etwas geschafft, was er bis zuletzt für unmöglich gehalten hatte. Jedoch fühlte er sich so schwach, dass er seinen großartigen Triumph nicht auskosten konnte. Seine blutenden Wunden schmerzten. Wankend schleppte er sich mit kraftlosen Schritten zum Höhleneingang.

Mit unsicherer Stimme rief er hinein: „Holde Maid, kommt heraus! Habt keine Angst. Euer Peiniger ist vernichtet.“ Zunächst geschah nichts. Dann hörte Jan aus den Tiefen des Schlundes zaghaft rufen: „Ist das wahr? Besteht keine Gefahr mehr?“ „Aber ja, wenn ich es so sage“, entgegnete Jan entschlossen.

Nach einiger Zeit tauchte aus der Dunkelheit der Höhle ein wunderhübsches Mädchen auf. Sie war in ein kostbares Gewand gekleidet und sah bezaubernd aus. Ihr goldblondes Haar fiel ihr wogend über die Schultern. So ein liebliches und wunderschönes Geschöpf hatte Jan bisher noch nie gesehen. Sie mochte etwa so alt sein wie er. Mit leichten Schritten lief sie auf ihn zu und schloss ihn in ihre Arme. „Dank dir, mein tapferer Retter“, hauchte sie zart. Dann neigte sie ihren Kopf zu ihm und legte behutsam ihre Lippen auf seinen Mund, um ihn zu küssen.

Das Bild verschwamm und die gesamte Wahrnehmung verschwand. Jan bekam einen Schrecken, denn vor seinen Augen tauchte Piet auf, der ihm das Spielgerät vom Kopf genommen hatte und in seiner Hand hielt. Jan wusste nicht, was dies zu bedeuten hatte. Es musste etwas Unerwartetes geschehen sein, sonst hätte Piet das Spiel nicht unterbrochen.

Erst allmählich fand Jan zurück in die Realität. Er saß immer noch auf der Kante von Piets Bett. Obwohl er in der Fantasiewelt weite Strecken zurückgelegt hatte, war er in der realen Welt an seinem Platz geblieben. Jan war von den Eindrücken des Spiels überwältigt, sodass er nicht reagieren konnte. Es war so real, als ob er es tatsächlich erlebt hätte. Selbst der Schmerz, den er empfunden hatte, war echt, wenn auch nicht unerträglich gewesen. Am meisten hatte er das Erlebnis mit der Königstochter genossen, das ihn nachhaltig beeindruckte. Zu gerne hätte er ihren Kuss erwidert und sie dabei zärtlich liebkost.

Da Jan außer Piet keine Freunde auf der Mondstation hatte, war er auch mit keinem Mädchen befreundet. Seine einzigen Beziehungen zu ihnen gestalteten sich in ähnlicher Weise wie die zu seiner verhassten Cousine Mechthild. Daher sehnte sich Jan nach dieser Art von menschlicher Wärme und Zuneigung, wie er sie beinahe im Spiel erfahren hatte.

Piet legte seinen Finger auf die Lippen und gab Jan damit zu verstehen, dass er leise sein sollte. Der Junge hörte sofort den Grund dafür. An der Tür wurde heftig geklopft und das schrille Signal der Türklingel drang in seine Ohren. „Los, aufmachen, sofort!“, forderte eine energische Stimme im Befehlston. „Hier ist der Sicherheitsdienst. Aufmachen, sonst entriegeln wir die Tür gewaltsam.“

Es war aus. Piet war entdeckt worden. Jan bekam panische Angst. Mit den Sicherheitskräften wollte er sich nicht anlegen. Piet stopfte das Spielgerät unter einigen Kram, der herumlag, und schlich leise zum Eingang. „Du stellst dich hinter die Tür, so dass dich niemand sehen kann“, flüsterte er Jan zu. „Ich mache auf und lasse die Störenfriede herein. Während ich sie ablenke, passt du einen günstigen Augenblick ab und fliehst.“ „Und was wir aus dir?“, fragte Jan zweifelnd. „Mach dir um mich keine Sorgen“, beruhigte Piet ihn. „Ich kann auf mich aufpassen. Mir wird schon nichts passieren.“

Genauso machten sie es. Jan stand hinter der Tür und Piet öffnete sie mit einem Ruck. Zwei Sicherheitsleute purzelten ihm fast entgegen, da sie nicht erwartet hatte, dass der Eingang so plötzlich aufgerissen wurde. Sie stürzten sich augenblicklich auf Piet und hielten ihn fest. „Lasst mich los! Ich habe nichts getan. Was wollt ihr von mir?“, schrie Piet aus Leibeskräften und wehrte sich vergeblich.

Die beiden vom Sicherheitsdienst waren so sehr mit Piet beschäftigt, dass sie nicht auf Jan achteten. ‚Jetzt ist eine gute Gelegenheit zur Flucht’, dachte sich der Junge und stürmte aus der Tür. Draußen auf dem Gang prallte er direkt gegen einen weiteren Sicherheitsmitarbeiter, der ihn sofort packte. Jan versuchte sich zu befreien, aber es gelang ihm nicht. Der Mann war stark und darin geübt, Flüchtende einzufangen.

Neben ihnen stand eine Frau, die offensichtlich die Vorgesetzte dieses Sicherheitstrupps war. Sie beugte sich zu Jan hinüber und fragte ihn in verächtlichem Tonfall: „Wen haben wir denn hier?“ Als Jan nicht antwortete, nahm sie ein kleines Gerät von ihrem Gürtel und hielt es vor den Identifikator, den Jan um seinen Hals trug. In dieser kleinen Kapsel waren sämtliche wichtigen Informationen über ihn gespeichert. Alle in der Station mussten so ein Halsband tragen. Es diente als Ausweis und als Schlüssel.

Die Frau las die Daten von dem Gerät ab. In ihrem Gesicht erkannte Jan ein gewisses Erstaunen. „Was treibst du dich in dieser verrufenen Gegend herum? Du gehörst nicht hierher“, sagte die Sicherheitsmitarbeiterin barsch. Sie gab ihrem Kollegen, der Jan festhielt, die Adresse, die auf ihrem Lesegerät angezeigt wurde, und wies ihn an: „Bringen Sie den Jungen sofort dahin und sorgen Sie dafür, dass er dort in Empfang genommen wird!“ Dann deutete sie auf Piet und rief den beiden Sicherheitsleuten in seiner Wohnung zu: „Nehmt den da fest und durchsucht hier alles!“

Tante Martha war außer sich vor Wut, als Jan so spät nach Hause kam und dazu noch von einem Sicherheitsmitarbeiter begleitet wurde, der ihr berichtete, wo und unter welchen Umständen Jan aufgegriffen worden war. Geduldig ließ Jan das Geschimpfe seiner Tante über sich ergehen. Anschließend schickte sie ihn in sein Zimmer. Das machte ihm jedoch nichts aus, im Gegenteil, denn dorthin wollte er sowieso schnellstmöglich, um seine Ruhe zu haben. Er legte sich in sein Bett und versuchte zu schlafen, aber er musste ununterbrochen an Piet denken.

Jan wusste, dass Piet großen Ärger bekommen würde und eine strenge Bestrafung zu erwarten hatte. Er war traurig, dass er ihn voraussichtlich für eine längere Zeit nicht mehr sehen würde. Dabei war Piet für ihn der einzige Mensch auf dieser trostlosen Mondstation, von dem er sich verstanden fühlte. Fast noch schlimmer war, dass er durch Piets Verhaftung keinen Zugang zu dem Spielgerät mehr hatte. Dadurch war ihm die einzige Möglichkeit genommen, seinem Elend zu entfliehen. Jan hatte ein unbändiges Verlangen nach diesem Spiel. Am eigenen Leib spürte er, weshalb davor gewarnt wurde, dass das Spielen damit süchtig machte, wenn er es auch nicht zugeben mochte. Jan fühlte sich einsam und verzweifelt.

3. Ein Ausflug mit Folgen

Das unangenehm aufdringliche Wecksignal beendete Jans viel zu kurzen Schlaf. Er quälte sich mühevoll aus dem Bett und taumelte schlaftrunken zur Schule, nachdem er bereitwillig auf ein Frühstück verzichtet hatte. Als er in die Nähe des Schulbereichs kam, dämmerte ihm, dass an diesem Tag etwas Besonderes stattfinden sollte. Heute fiel der Unterricht aus, weil für seine Klasse ein Berufsinformationstag geplant war. Dazu wurden die Schüler in Grüppchen aufgeteilt, die jeweils von einem Lehrer in die verschiedenen Abteilungen der Station geführt werden sollten, damit die Kinder erleben konnten, wie dort gearbeitet wurde, um ihre spätere Berufswahl zu erleichtern.

Jan hatte sich für keines der zur Wahl stehenden Ausflugziele eingetragen, weil er keinerlei Interesse an dieser Veranstaltung hatte. Daher wurde er derjenigen Gruppe zugeteilt, für die sich die wenigsten Teilnehmer gemeldet hatten. Obwohl Jan ihr zugewiesen wurde, blieb es ein kleines Grüppchen, denn außer ihm nahmen nur vier weitere Schüler teil. Jan hasste seine Mitschüler. Voller Arbeitseifer hatten sie ihren Blick nur auf eine erfolgreiche Karriere gerichtet. Anderer Ziele wie Spaß und Freude am Leben kannten sie nicht. Sie blickten auf Jan herab, weil sie ihn für einen faulen Taugenichts hielten.

Da niemand von seinen Mitschülern jemals auf der Erde gewesen war, konnte keiner von ihnen nachvollziehen, was Jan für seine Heimat empfand. Wenn sie von ihr sprachen, dann nur abfällig als heruntergekommenen Planeten. Sie konnten nicht verstehen, dass Jan sich nicht freute, die Erde verlassen zu haben, und dass er sich zu ihr zurücksehnte. Insofern waren sie nicht besser als seine Cousine Mechthild. Das waren für den Jungen mehr als genügend Gründe, um seine Mitschüler zu verachten. Es ärgerte ihn, dass er mit seinen vierzehn Jahren zusammen mit den Zwölfjährigen unterrichtet wurde, nachdem er zwei Klassen zurückgestuft worden war. In seinen Augen waren sie nur kleine Kinder, mit denen er zu allem Überfluss jetzt auch den Ausflug machen musste.

Jan war der Letzte, der zur Gruppe stieß, weil er wieder einmal unpünktlich war. Die anderen Schüler stöhnten missmutig, da sie auf ihn warten mussten. „Na, kommst du auch schon?“, fragte Dimitri herausfordernd.