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"Andymonaden" präsentiert eine neue Generation deutschsprachiger Autor:innen, die mit Kurzgeschichten auf den beliebtesten Science-Fiction-Roman der DDR antworten. Erschienen 1982, ist "Andymon" eine positive Utopie aus einer anderen Moderne, Social Fiction ebenso weit entfernt von der Helden- und Technikverehrung klassischer SF wie vom Jargon der DDR. Im Fokus steht vielmehr der Neubeginn der Menschheit im All und eine Gesellschaft von Geschwistern. "Andymonaden" versammelt zwölf neue, eigenständige Erzählungen von Autor:innen, die sich durch "Andymon" bewegen lassen, den Roman gegen den Strich lesen, und seine Welt neu erzählen: unterhaltsam, poetisch, divers, queer, kritisch, engagiert und immer wieder auch utopisch. Mit Erstveröffentlichungen von: Patricia Eckermann, Aiki Mira, Dietmar Dath, Lena Richter, Zeinab Hodeib, Luise Meier, Zara Zerbe, Jol Rosenberg, Anna Zabini, Mert Akbal, Nelo Locke und Michael Wehren.
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Seitenzahl: 213
Veröffentlichungsjahr: 2025
12 SF-Geschichten
Herausgegeben von Michael Wehren
MEMORANDA
Impressum
Andymonaden
12 SF-Geschichten
Herausgegeben von Michael Wehren
Originalausgabe
© 2025 der Erzählungen bei den einzelnen Autor*innen
© 2025 Michael Wehren (Vorwort)
© dieser Ausgabe 2025 by Memoranda Verlag Hardy Kettlitz
Alle Rechte vorbehalten
Memoranda Verlag
Hardy Kettlitz
Ilsenhof 12
12053 Berlin
www.memoranda.eu
www.facebook.com/MemorandaVerlag
Umschlaggestaltung: www.benswerk.com
Korrektur: Steffi Herrmann
E-Book-Erstellung: Hardy Kettlitz
Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung:
Die Nutzung unserer Werke für Text- und Data-Mining im Sinne von §44b UrhG behalten wir uns ausdrücklich vor.
ISBN: 978-3-911391-12-2 (Buchausgabe)
ISBN: 978-3-911391-13-9 (E-Book)
Inhalt
Impressum
Inhalt
Michael Wehren
Vorwort
Patricia Eckermann
Sabotage
Aiki Mira
Ausreißende Sterne
Dietmar Dath
In unserer so großen Zahl
Lena Richter
Alles und nichts
Zeinab Hodeib
Ich werde dir von allem erzählen
Luise Meier
Siedlerinnen in der Schwerelosigkeit
Zara Zerbe
Moosflecken
Jol Rosenberg
Wovon ich Teil sein will
Anna Zabini
Imago
Mert Akbal
Auf die Sterne fallen
Nelo Locke
Neue Träume
Michael Wehren
Nach Andymon
Die Autor*innen
Michael Wehren
Vorwort
Unterwegs nach Andymon
»That’s why I like novels: instead of heroes they have people in them.«
Ursula K. Le Guin
Was die Gegenwart gewesen sein wird, oder: Sozialistischer Solarpunk?
Andymonaden präsentiert zwölf phantastische SF-Kurzgeschichten einer neuen Generation deutschsprachiger Autor*innen: poetisch, engagiert, divers, queer, kritisch und immer wieder utopisch. Sie laden dazu ein, mit ihnen zu reisen – zum Planeten Andymon und darüber hinaus, in bislang unbekannte Zukünfte und die Zukunft der Vergangenheit. Das SF im Untertitel kann dabei für eine Vielzahl von Bedeutungen stehen, meint nicht allein Science Fiction, sondern auch Social Fiction oder Speculative Fiction. Anders formuliert: Die Erzählungen in dieser Anthologie folgen nicht der Technik- und Heldenverehrung klassischer Science Fiction. Sie sind vielmehr jener Form der SF verwandt, welche die US-Autorin Ursula K. Le Guin versuchsweise als »seltsamen Realismus« bezeichnet hat. Damit aber befinden sie sich ganz nahe am Puls der Gegenwart – Texte aus der Zukunft, die uns schon heute zeigen, was diese Welt im Übergang morgen gewesen sein wird.
Gleichzeitig antworten alle hier versammelten Texte auf eine gemeinsame Vorlage, den Roman Andymon – Eine Weltraum-Utopie von Angela und Karlheinz Steinmüller. 1982 erstmals in der Deutschen Demokratischen Republik erschienen, erzählt Andymon vom Neubeginn der Menschheit im All, von Kindern, die ohne Eltern auf einem Raumschiff aufwachsen, dem Terraforming des gleichnamigen Planeten und einer Gesellschaft von solidarischen Geschwistern. Ebenso weit entfernt von Technik- und Heldenglauben wie von sozialistischem Staats- oder kapitalistischem Zukunftsjargon, berichten die Steinmüllers von der unsicheren Reise zwischen Welten und Zeiten und zeigen zugleich eine praktische Utopie des kooperativen Miteinanders sowie unterschiedlicher Lebensweisen. Bis heute gilt Andymon denn auch in der SF-Szene als einer der wichtigsten deutschsprachigen Science-Fiction-Romane – bei denen, die ihn kennen und die oftmals eine jahrzehntelange Geschichte mit ihm verbinden.
Als ich nach Berlin zog, hatte ich, geboren 1979 und SF-westsozialisiert, trotz vieler Jahre in Leipzig noch nie von Andymon gehört. Und ich denke, dass ich mit letzterem nicht ganz allein bin. Denn die SF-Szene befindet sich mitten in einem Generationenwechsel, und was Kanon ist oder überhaupt gekannt wird, bleibt nicht, was es war. Erst über Umwege, genauer über Hardy Kettlitz, erfuhr ich von diesem Roman der Steinmüllers, bestellte mir antiquarisch eine alte Basar-Taschenbuchausgabe und war dann, trotz großer anfänglicher Skepsis (ich bin weder ein DDR- noch ein großer DDR-SF-Fan), ebenso berührt wie begeistert und befremdet. Denn Andymon kommt auch heute noch aus der Zukunft, ist und war zu utopisch, zu vernünftig, zu klug und zu humanistisch für jede Gegenwart – ein Traum von sozialistischem Solarpunk aus einer anderen Moderne. Gleichzeitig ist der Roman von heute aus gelesen, nicht nur, aber eben auch, ein Kind seiner Zeit mit deren Erbe von Geschlechterordnungen, Eurozentrismus, real existierendem Sozialismus und Kolonialismus. Daraus entsteht eine konzentrierte Spannung, die durch das Szenario eines Neubeginns der Menschheit im All selbst auch Thema des Romans wird – mit allen dazugehörigen Hoffnungen, Ambivalenzen, Möglichkeiten und Unmöglichkeiten.
Es sind nicht zuletzt auch diese Spannungen im Material, die es heute produktiv machen, gerade auch für eine Auseinandersetzung mit aktuellen wie vergangenen Utopien und der Zukunft des Genres SF. Denn Utopien, Antidystopien (Isabella Hermann) und der gesamte »seltsame Realismus« der SF sind angesichts der Welt wie sie ist, wieder an der Zeit, vielleicht mehr als je zuvor.
Die Anthologie – Geschichte/n in Bewegung
Grund genug also zeitgenössische Autor*innen einzuladen, heute diesem Klassiker neu oder wieder zu begegnen und in einen Dialog zwischen den unterschiedlichen Generationen der SF einzutreten. Einige von ihnen haben den Roman im Rahmen der Arbeit an dieser Anthologie zum ersten Mal gelesen, andere kannten den Roman und haben ihn jetzt nach vielen Jahren noch einmal gelesen. So oder so: Die Beitragenden dieser Anthologie haben auf diese Einladung reagiert, indem sie sich und ihr Schreiben von der Weltraumutopie der Steinmüllers bewegen und verändern lassen. Gleichzeitig öffnen sie Andymon für Veränderung, erfinden Handlung und Figuren mit anderen Sensitivitäten und Fragen neu, lesen diese Welt solidarisch-kritisch gegen den Strich und öffnen den Roman für das, was in ihm fehlt.
Das Ergebnis sind Geschichten in Bewegung – zwischen den Zeiten, den Generationen und Erfahrungen, zwischen Ost und West, neuer und alter SF, Realismus und Utopie. Sie schreiben Andymon auf jeweils eigene Art um oder fort, erfinden die Figuren neu oder gleich andere Figuren, spielen in möglichen und unmöglichen Zukünften, Gegenwarten, Vergangenheiten, Echos und Varianten der Romanwelt. Um bei dem Titel dieser Anthologie zu bleiben: Jede dieser Kurzgeschichten ist eine Monade, eine kleine Kapsel, wie das Raumschiff in Andymon, das die gesamte Welt um sich herum enthält. Dabei setzt keine dieser Erzählungen die Lektüre des Romans voraus, sie alle können auch für sich gelesen werden.
Dank der Großzügigkeit und Offenheit der Autor*innen gegenüber dem Versuch der Anthologie und Andymon sind ihre Erzählungen so auch selbst zu Einladungen geworden. Sie laden alle Lesenden ein, egal ob sie den Roman schon kennen oder nicht, sich auf den Weg nach Andymon zu machen und diesem Klassiker erstmals oder wie zum ersten Mal im Licht neuer, unbekannter Sonnen zu begegnen.
Ein Planet ist viele Planeten
All that being said – worum geht es eigentlich genau in Andymon? Und was macht den Roman stilistisch auch heute noch besonders? Ganz verkürzt, lässt sich die Handlung wie folgt beschreiben: Andymon erzählt von der Zukunft der Menschheit, einer Reise durchs All und von dem Terraforming des gleichnamigen Planeten. Zwanzig Jahre bevor ein Raumschiff seinen Zielort, den Planeten Andymon, erreicht, beginnen in sogenannten Inkubatoren Kinder heranzuwachsen, die nach ihrer Geburt durch Ramma und Guro genannte Roboter aufgezogen werden. Wobei erstere eine Art Ammen-Funktion erfüllen und zweitere an Hauslehrer erinnern.
Zuerst lebt die Gruppe der Kinder auf einer geradezu paradiesartigen Insel und beginnt schließlich ihre Umwelt genauer zu erkunden. Nach und nach lernen die Kinder dann das gesamte restliche Raumschiff kennen, beginnen sich selbst zu bilden und erproben als Jugendliche Beziehungen miteinander, die, anfangs relativ frei, schließlich zu einer Reihe fester Partnerschaften führen. Erzählt wird all dies aus der Perspektive der Hauptfigur Beth, Partner der Wissenschaftlerin Gamma, weniger ein Anti- als ein praktisch orientierter Nichtheld, der zugleich von kosmischer Sehnsucht getrieben wird.
Die Schiffsgeborenen übernehmen die Steuerung des Schiffs, und als sich herausstellt, dass das Ziel des Raumschiffs die Voraussetzungen für eine Besiedelung durch Menschen erfüllen würde, beschließt die Gruppe, sich auf das Terraforming Andymons vorzubereiten. Gleichzeitig wachsen bereits die nächsten Generationen von Geschwistern heran und das Leben an Bord wird langsam komplexer.
Während der gesamten Reise und des gesamten Romans bleibt dabei unklar, wer das Schiff gebaut, den Kurs festgelegt und die Inkubatoren programmiert hat. Zwar können die Geschwister mittels sogenannter Totaloskope – einer Art immersiver Virtual-Reality-Maschine – die gesamte Geschichte der Erde erleben, doch nur mit zwei Beschränkungen: 1. Nichts kann wiederholt werden. 2. Alle Daten zur Erde enden mit dem Jahr 1999. Kein Wunder also, dass die Erde und Spekulationen über den »Sinn« ihrer Reise, die Geschwister immer wieder beschäftigen. Insbesondere Hauptfigur Beth tendiert zur Spekulation und Kontemplation, was den geradlinigen Handlungsverlauf immer wieder durch die Vorstellungen und die Zeit des Subjekts ausbremst.
Das Schiff erreicht schließlich Andymon und der Prozess des Terraformings beginnt. In der zweiten Hälfte des Buches stehen dementsprechend die damit verbundenen sozialen, technischen sowie existenziellen Herausforderungen im Fokus. Insbesondere die unterschiedlichen Versuche mit Lebensweisen der verschiedenen Generationen von Geschwistern bilden einen Schwerpunkt. So findet sich auf einem der Monde von Andymon eine Gruppe, die versucht, mittels der Totaloskope zu einem Kollektivwesen zu verschmelzen, und erstmals werden Kinder nicht allein durch Inkubatoren auf die Welt gebracht. Gegen Ende muss dann noch der Versuch einer historisch ersten, überwachungsbasierten und manipulativen Machtpolitik verhindert werden, gegen die sich die Verbindlichkeiten der geschwisterlichen Beziehungen und die öffentliche Vernunft (noch?) durchsetzen können. Gleichzeitig stellt sich gerade die Hauptfigur Beth die Frage, ob es ein weiteres Raumschiff geben, ob Andymon für die Menschheit nicht die letzte Heimat gewesen sein wird.
Utopie ist eine Praxis
Andymon ist gleichzeitig individueller und kollektiver Bildungsroman wie pädagogisches und soziales Experiment. Ruhig und mitunter nachdenklich im Tonfall erzählen die Steinmüllers in kurzen Kapiteln episodenhaft nicht von Heldentaten und großen/schönen Konflikten, sondern von einem ebenso vorstaatlichen wie nicht-institutionalisierten Gemeinwesen. Dieses verzichtet auf einen ideologischen Überbau und wird vor allem von den direkten Beziehungen der Subjekte getragen. Überhaupt die Subjekte – ohne Notwendigkeit von entfremdeter Arbeit forschen, lernen und arbeiten die Figuren so fokussiert, sind die Charaktere so ruhig im Privaten, dass sie eher wie Marsmenschen auf uns heutige Leser*innen wirken müssen. Darin schreiben sich auch deutlich Haltungen und Menschenbilder der sozialistischen SF fort, doch entkleidet von allem ideologischen Popanz.
Die Abwesenheit einer Elterngeneration sowie das Fehlen von Informationen über das Jahr 1999 hinaus bringen in diesem Rahmen den Roman und die Figuren genauso immer wieder in Bewegung wie das Ziel der Reise, der Planet Andymon selbst, und später – zumindest für Beth – der Wunsch eines neuen Schiffbaus. Dabei nährt gerade das Nichtwissen über die eigenen Ursprünge individuelle wie kollektive Suchbewegungen und auch das klassisch-moderne Phantasma eines radikalen Neuanfangs, hier in der Form eines Neubeginns der Menschheit im All. Der Bruch mit der Abfolge der genealogischen Kette und sein Versprechen, unbeeindruckt von den Fehlern der Vorfahr*innen auf einer Terra incognita namens Andymon die Welt neu beginnen zu können, bleibt als Utopie jedoch immer ambivalent. Nicht zuletzt, weil wir Lesende augenblicklich beginnen, danach zu suchen, was in dieser Welt eben nicht neu, sondern gleich ist, wo und wie sich in Andymon Bekanntes reproduziert.
Die vielleicht nachhaltigsten Innovationen und Herausforderungen des Romans liegen vielmehr in den Handlungsweisen der Figuren und ihrer Kollektive. In Andymon ist Utopisches nicht Phrase, sondern das, was aus der Praxis der Menschen entsteht, aus ihr gemeinsam hervorgeht – ohne Ausblendung von Momenten des Scheiterns, der Differenz, des Endens und des Abreißens. Und dann: Des Wieder-Weitermachen und unvorhergesehene Wiedereinsetzen, fragend danach, wie wir leben wollen und wer das eigentlich ist – wir? Indem die menschliche Praxis selbst als utopisches Moment erscheint, löst sich auch der Mystizismus der Utopie, die endlich fasslich wird: Wie Menschen miteinander umgehen, wie sie ihre Beziehungen leben, wie sie Sachen machen, das kann, entgegen aller Skepsis und Erwartungen, gelingen. Dazu gehört gerade auch der Umgang mit Differenzen in den Lebensweisen. Diejenigen, die keine Eltern haben, üben keinen Druck auf ihre nachgeborenen Geschwister aus, die andere Lebensweisen erproben wollen. So wird Andymon nicht zuletzt zu einer Utopie des Zulassens von Veränderungen und, über Risse und Differenzen hinweg, zum Dialog über die Generationen hinaus, der jedem »Mr. Socialism« (Antonio Negri) unheimlich erscheinen muss.
Ausblick: Verfremden und Verändern
Wie gehen wir heute, unter dem Druck neuer notwendiger Lösungen und Geschichten, mit dem Gestern der Zukunft um, mit Träumen, die über die Gegenwart und ihre Selbstverständlichkeit hinausgingen? Kann ein über vierzig Jahre alter Text unsere Gegenwarten und ihre Zukünfte verfremden? Und was geschieht, wenn wir die utopischen Geschichten der Vergangenheit heute neu und anders erzählen, die Vergangenheit in der Gegenwart als eine andere wiederholen? Können und wollen wir hör- und lesbar machen, was nur als Abwesenheit sich in der Überlieferung zeigt? Und was passiert, wenn wir es zulassen, dass unsere eigene Gegenwart und Vergangenheit, die Zukünfte, die wir zu kennen glaubten, herausfordert und verändert werden?
Andymonaden ist eine mögliche Antwort auf diese Fragen, die von den Geschichten in ihr und einer Welt im Wandel nicht getrennt werden kann. Denn solche Antworten stehen nicht einfach fest, sie müssen immer wieder erzählt, gelesen und wieder neu und anders erzählt werden. Auch deshalb lädt diese Anthologie alle Lesenden ein, sich mit ihren zwölf Erzählungen auf den Weg nach Andymon und zugleich in die eigene Gegenwart zu begeben. Sie alle zeigen auf je eigene Weise: In der gegenseitigen Verfremdung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft kann das Leben zwischen den Räumen und Zeiten neu und anders erfahrbar werden – dank dem »seltsamen Realismus« der SF, denn, so der letzte Satz in Andymon: »Es ist alles nur ein Anfang.«
P/Re-enter: The future. Vivat Andymon!
Danke!
Bücher entstehen nicht in einem Vakuum und niemand schreibt allein. Danken möchte ich deshalb allen, die an diesem Projekt teilgenommen, die es möglich gemacht, unterstützt und oft von Beginn an engagiert begleitet haben:
Allen voran den Autor*innen für ihre phantastischen Geschichten, ihr Interesse, ihre Arbeit und ihr Sich-Einlassen auf dieses Projekt. Hardy Kettlitz für die erste Einladung zum Club Andymon, being the best und für das verlegerische Vertrauen in diese Anthologie. benSwerk für das phantastische Cover. Nelo Locke, Aiki Mira, Alex Stoll und Sylvia Wehren für das Diskutieren des Konzepts, vieler Texte, Erfahrungen und Herausforderungen. Der Berliner Buchhandlung Otherland und dem Club Andymon für ihre Arbeit und ihr Engagement, denn SF braucht Räume und Zeiten in der Gegenwart, damit Projekte wie dieses Realität werden können. Udo Klotz und der !Time Machine sowie den Redaktionskolleg*innen von Das Science Fiction Jahr für das Interesse an den Werkstattberichten zu Andymonaden und Interviews mit den Beteiligten. Allen Lesenden für das Lesen dieser Geschichten.
Und last but not least: Angela und Karlheinz Steinmüller für ihre Offenheit gegenüber diesen neuen Reisen nach Andymon und einen Roman, ohne den es auch dieses Buch nicht geben würde.
Patricia Eckermann
Sabotage
»Was habe ich schon verloren?« Ich sitze auf einem kratzigen, dunkelgrünen Teppich, der den grauen Plastik-Boden meiner Zelle bedeckt. In den Knästen auf der Erde ist Metall das vorherrschende Baumaterial. Gefängnis-Pods im Weltall bestehen innen fast komplett aus stinkendem Plastik. Auch nach Jahren fällt es mir schwer, diesen kotzreizverursachenden Geruch auszublenden. Ich starre durch das viel zu kleine Fenster auf die Erde. Den Mond, der irgendwo unter mir ist, kann ich nicht sehen. Nur diesen blauen, von Zigtausenden Satelliten und gefährlichem Weltraumschrott umgebenen Gesteinsbrocken, dessen menschliche Bevölkerung es in wenigen hundert Jahren vollbracht hat, den Großteil pflanzlichen und tierischen Lebens auszurotten und die Atmosphäre nachhaltig zu vergiften. Auch wenn dieser Planet wie das Paradies aussieht: Dort unten herrscht die Hölle – zumindest für alle, die nicht zu den Siegreichen im Kapitalismus gehören.
Mir gegenüber, vor dem Schreibtisch, steht die holografische Verhörinstanz. Sie entspricht dem binären Stereotyp eines privilegierten Mannes, mittelalt, von durchschnittlichem Körperbau, brünette, lockige Haare, graue Augen, weiße Haut. Zum grauen Anzug mit grauem Hemd und brauner Krawatte trägt er schwarze Schuhe, eine klobige Uhr, deren Zeiger sich nie bewegen, und dreieckige Manschettenknöpfe. Ich nenne ihn »den Baron«.
Wenn ich nicht wüsste, dass der Baron eine KI ist, ich würde glauben wollen, dass es ihn tatsächlich gibt. Dass mich ein mitfühlender Mensch verhört, der in einem der Sicherheitstrakte der World Space Agency sitzt und dessen Reaktionen auf meine Antworten in Echtzeit zu mir ins All gespiegelt werden. Das würde bedeuten, dass ich nicht völlig allein bin. Die Zeit in diesem Ein-Personen-Gefängnis, gelenkt von der Sicherheitsbehörde der World Space Agency, weitab von Family & Friends, hat mich mürbe gemacht.
»Ist euch Menschen die Freiheit nicht das Wichtigste?« Der Baron legt die Hände aneinander, platziert sein Kinn auf den manikürten Fingerspitzen und sieht auf mich herab. Wie so oft, wenn er das tut, frage ich mich, wo er diese alberne NLP–Geste her hat. Vielleicht aus einem der alten Filme, vom Anfang des Jahrtausends, in denen noch echte Menschen geschauspielert haben.
»Was für eine Freiheit?«, entgegne ich. »Die Freiheit, wählen zu dürfen, wer mich ausbeutet?« Ich sehe das Hologramm herausfordernd an. »Die drei reichsten Männer der Erde haben die gesamte Welt im Griff. Milliarden angeblich ›freier‹ Menschen leben am Rande des Existenzminimums. Wer nicht reich ist, wird zum Arbeiten gezwungen, die freie Berufswahl existiert de facto nicht. Das ist nicht meine Definition von Freiheit!«
»Hast du deshalb versucht, den Launch der Weltall-Arche zu sabotieren?«
Ich weiß, die KI analysiert mich bis in die kleinsten Mikrobewegungen meiner Augen- und Mundwinkel. Sie registriert treffsicher jede Lüge, bemerkt jede Sprechverzögerung, verzeichnet jeden Pulsanstieg. In der Vorbereitung auf die Aktion haben wir diese Verhöre immer und immer wieder durchexerziert. Ich weiß im Schlaf, welche Antworten ich geben muss. Solange ich mich an mein Geständnis vom Tag meiner Festnahme halte, läuft alles weiter nach Plan.
Dass der Baron seine täglichen Fragen an mich kaum variiert, kann nur bedeuten, dass die World Space Agency außer mir niemanden erwischt hat. Dass Kalle und die anderen safe sind. Oder tot. Aber daran will ich nicht denken. Lieber daran, dass sie in Sicherheit sind. Wobei man von Sicherheit eigentlich nicht sprechen kann. Denn Hunger, Wassermangel, Pandemien und Klimakatastrophen sind für uns, die keine Power Performer sind, lebensgefährlich. Trotzdem. Sollten die anderen tatsächlich entkommen sein, haben sie einander, der Zusammenhalt ist so stark wie nie. Was wieder einmal beweist, dass die schlimmsten Krisen das Beste aus den Menschen hervorholen.
»Beginnen wir mit den Fragen«, leitet der Baron zum täglichen Verhör über. »Wie heißt du, wie alt bist du und was war deine Aufgabe in der World Space Agency?«
»Angel Stone«, rattere ich meine Daten herunter, »heute 42 Jahre, ich hab in der Relais-Fertigung gearbeitet.«
»Wie viele Menschen waren an der Sabotage beteiligt?«
Ich lege die Hände auf die Knie und schaue aus dem Fenster. Der Gefängnis–Pod hat sich so weit gedreht, dass ich jetzt den Mond sehen kann. Die staubigen Krater auf seiner Oberfläche erscheinen so nahe, dass ich darin unnatürlich geometrische Formationen zu entdecken glaube und sogar einige bewegliche Punkte. Space Trucks mit Häftlingen? Die werden in den letzten Jahren verstärkt als Moon Worker angeheuert. Doch bei genauerer Betrachtung kann ich von hier oben nicht mal die Außenzentrale der World Space Agency ausmachen, von der aus der Bau der Weltall-Arche koordiniert wurde.
Ich erinnere mich noch gut, wie der Plan der Oligarchen die Weltöffentlichkeit elektrisierte. Die Medien überschlugen sich förmlich:
TO BOLDLY GO … LAUNCH DES TEUERSTEN RAUMSCHIFFS DER GESCHICHTE FÜR 2065 GEPLANT!
Mr. Mint, Mr. Bronze und Mr. Zyan, die drei reichsten Männer der Welt, bauen eine All-Arche! An Bord, außerhalb unseres Sonnensystems, sollen die Samen der Oligarchen mit den Eizellen akribisch ausgesuchter Spenderinnen verschmelzen – für eine bessere Menschheit. Die Pflege und Erziehung der Kinder im All verantworten KI-Roboter, deren Erziehungskonzepte auf den traditionellen christlich-konservativen Werten basieren, frei von woken Ideologien. Die Dimensionen des Raumschiffs sind zu groß, um es von der Erde zu starten, entsprechend wird es direkt in der Schwerelosigkeit gebaut und anschließend mit Pflanzen, Tieren und dem weltweit fortschrittlichsten KI-Quanten-Computer bestückt. Um gegen alle Gefahren geschützt zu sein, agiert das Raumschiff, sobald es eine bestimmte Entfernung zur Erde hat, vollkommen autark und lässt keine Eingriffe von außen zu. Aliens sollten sich also hüten, ihm zu nahe zu kommen! Um den Bau zum avisierten Termin fertigstellen zu können, wurden auch Gefangene verpflichtet, denen man im Gegenzug eine Kürzung der Haftstrafe in Aussicht stellte.
***
Ein leises Brummen erfasst den Pod und der Mond bewegt sich langsam aus meinem Sichtfeld. Doch mein Bauch spürt, dass ich es bin, die rotiert. Als ich zum Baron sehe, steht der plötzlich hinter dem klobigen Schreibtisch, den ich auch als Esstisch benutze. Das hässliche Ding wurde zusammen mit der Küchenzeile, dem Regal, der Nasszelle sowie Wänden und Boden aus einem Guss gefertigt. Nirgends gibt es spitze Ecken oder scharfe Kanten, sogar das Kommunikations-Pad an der Wand, an die sich der Baron gerade lehnt, ist abgerundet. Ein grüner blinkender Punkt unten in der Ecke des dunklen Screens verrät, dass das Verhör aufgezeichnet wird.
»Angel? Wie war das, als deine Sabotage entdeckt wurde?«
Wie immer bei dieser Frage wähle ich meine Worte mit Bedacht. Denn nicht alles, was damals passiert ist, darf ich erzählen …
***
Ich stehe in der gigantischen Roboterhalle der Weltall-Arche. Sie ist so groß, dass locker acht Space Trucks nebeneinander parken könnten. An den Wänden, bis oben zur Decke, sind Regale aus poliertem Stahl befestigt. Auf dem Boden glänzt ein neuartiges, kratzfestes Material, das mich an Porzellan erinnert. Eine der Regalwände, hoch wie ein Haus, ist komplett mit inaktiven Rammas und Guros bestückt, die künstlichen Ammen und Lehrer der neuen, besseren Menschheit. Es ärgert, aber überrascht mich nicht, dass Ammen weibliche und Guros männliche Körperformen haben. Wir hatten darüber diskutiert, auch das zu sabotieren, es dann aber aus taktischen Gründen geskippt. Mein Walkie-Talkie knackt. Einmal, zweimal, dreimal, viermal. Das Zeichen; die Zeit wird knapp. Ich laufe zur Wand mit den Lehrern, klappe die Zeigefingerkuppe des Guros mit der Bezeichnung 1.A.a.01 nach hinten, schiebe den Datenträger hinein und klappe die Kuppe zurück. Dann ziehe ich eilig die Sprengladungen aus meinem Rucksack. Vier Pakete befestige ich an den Metallfüßen des riesigen Tischs in der Raummitte, eins am Greifarm des chromglänzenden Montageroboters und ein weiteres am 3-D-Drucker. Der Alarm heult los und bohrt sich in mein Trommelfell. Fast im selben Augenblick höre ich Schritte. Sie sind schneller als geplant. Ich schaffe es gerade noch, die Sprengladungen scharf zu stellen, da öffnet sich die Stahltür und ein Bataillon aufgepeitschter Security Trooper stürmt auf mich zu.
»Hinlegen! Gesicht auf den Boden! Runter!!«
Jemand reißt mich zu Boden, ich bekomme Schläge auf den Kopf, auf die Brust, in die Nieren. Ich versuche, den Schmerz wegzuatmen. Denke daran, dass es fast geschafft ist.
»Wir haben sie. Eine Person. Mit Sprengstoff und Zünder. Das Bomb Squad macht sich direkt ans Entschärfen. Over.«
Ich bleibe ruhig und lasse mir den Zünder aus der Hand reißen. Versuche, mich von den Schlägen und Tritten nicht provozieren zu lassen. Dieser Moment entscheidet über alles.
»Korrekt!«, bellt eine Stimme direkt über mir. »Die SecBuild durchsucht die Halle. Aber sie scheint allein zu sein. Verwirrte Einzeltäterin. Hat tatsächlich geglaubt, dass sie mit ein paar läppischen Sprengladungen den Launch aufhalten kann! … Roger. Wir bringen sie raus. Over. Out.«
***
Ich sehe auf meine Beine, die wie so oft im Schneidersitz verknotet sind. Bewege meine Zehen, warte darauf, dass der Baron die nächste Frage stellt. Über die Jahre, die ich durch das All treibe, habe ich mich an dieses holografische Wesen mit dem freundlichen Gesicht gewöhnt. Auch wenn ich weiß, dass es keine Gefühle hat, nehme ich so etwas wie Sympathie mir gegenüber wahr. Oder ist das eine Auswirkung meiner Isolation?
»Aus welchem Grund wolltet ihr die Mission sabotieren?«
»Ich wollte verhindern, dass die drei Oligarchen ihre rassistischen, misogynen, menschenfeindlichen Spermien ins All schießen, um irgendwo in der Galaxis eine zweite, weiße Menschheit zu zeugen«, sage ich mit Nachdruck.
Der Baron schweigt. Er kennt diese Antwort, in all den Jahren habe ich ihm keine andere gegeben. Was ich ihm verheimliche, ist, dass die Sprengstoffaktion ein reines MacGuffin-Manöver war. Es sollte von unserem eigentlichen Plan ablenken: dem Austausch der genetisch optimierten Samen und Eizellen der Oligarchen schon Wochen vor dem Launch. Mithilfe unserer Verbindungspersonen im Genlabor der World Space Agency ersetzten wir das gedopte Bio-Material durch Spenden aus ganz profanen Befruchtungszentren. Die neue Menschheit, die in einigen tausend Jahren irgendwo in diesem Universum entstehen könnte, wird also definitiv divers sein, ein Spiegel der Welt, wie sie wirklich ist – und nicht so, wie es sich die superreichen Krypto-Faschisten ausmalen.
In diesem Moment kribbelt meine Kniescheibe. Eine Ameise? Ich darf keine Nachrichten lesen und auch viele Streams nicht sehen. Aber ich habe beschränkten Zugriff auf die Wissenschaftsdatenbanken. In einem Artikel habe ich gelesen, dass Ameisen sich inzwischen in unzähligen Pods und Raumfähren breitgemacht haben. Würde mich nicht wundern, wenn sie schon längst auf dem Weg zum Mars sind.
»Was hast du gegen die Oligarchie und den nicht reglementierten Kapitalismus?«
»Alles.«
»War dir bewusst, dass du das Raumschiff mit dem Sprengsatz nicht irreparabel schädigen konntest?«
»Ja.«
»Wolltest du gefangen genommen werden?«
»Nein.«
»Wolltest du einen bestimmten Teil des Raumschiffes beschädigen?«
»Nein.«
»War es dir egal, welcher Teil beschädigt würde?«
»Ja.«
Immer wieder dieselben Fragen. Sie unterschätzen mich. Und unsere Bewegung. Es ist, als würden sie inzwischen selbst an ihre Lüge von der Einzeltäterin glauben.
***
World Space Agency, New Florida, Mond, 11-5-2065
Kurz vor dem Launch der Weltall-Arche verhinderte die Security der WSA einen von langer Hand geplanten Sprengstoffanschlag. Die Täterin, Angel S., hatte sich als Arbeiterin eingeschleust und den terroristischen Anschlag über Monate geplant. Warum sie den Sprengsatz in einer Fertigungshalle zünden wollte und nicht in einem essenziell wichtigen Bereich des Raumschiffes, ist Gegenstand der Ermittlungen. Erste psychologische Befragungen deuten darauf hin, dass die Frau geistig verwirrt und Anhängerin menschenfeindlicher, kapitalismuskritischer Ideologien ist. In einer ersten Stellungnahme lobten die drei Oligarchen die herausragende Arbeit der Security. Da die Täterin allein handelte und mehrmalige Datenbankanalysen keine unautorisierten Zugriffe auf die Software des Schiffes aufgezeichnet haben, steht dem geplanten Launch nichts entgegen. Die Täterin verbleibt bis auf Weiteres in der Obhut der World Space Agency. Sie wird den Ermittlungsbehörden der Erde überstellt, sobald mit Sicherheit feststeht, dass an oder in der Weltall-Arche kein Schaden entstanden ist.
***
»Hast du das Schiff in irgendeiner Weise manipuliert?«
»Warum habt ihr es nicht von einer Reparatur-Crew durchleuchten lassen?«, antworte ich mit einer Gegenfrage.
»Der von dir intendierte Datenbankzugriff wurde verhindert. Der Sprengstoff entschärft. Es waren keine Reparaturroboter nötig.«
»Und warum verhörst du mich dann noch? Warum habt ihr mich nicht längst den Behörden auf der Erde überstellt?«
Wir sehen uns schweigend an.
