ANELi - Ralf Lothar Knop - E-Book
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Ralf Lothar Knop

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Beschreibung

ANELis Familiengeschichte beginnt mit dem völkerrechtswidrigen Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Belgien im Jahre 1914. Aus Protest gegen die Besetzung seines Landes hängt ANELis Großvater Lieven eine belgische Fahne aus dem Fenster, wodurch sich einige deutsche Soldaten so provoziert fühlen, dass sie die Wohnung stürmen, Lievens Ehefrau vergewaltigen und seine zweijährige Tochter ermorden. Während der Besatzungszeit wird Lieven zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt und seine Frau wird in dieser Zeit von einem deutschen Offizier geschwängert. Nach wenigen friedlichen und glücklichen Jahren wird das neutrale Belgien im Jahre 1940 innerhalb eines Viertel Jahrhunderts zum zweiten Mal völkerrechtswidrig von der deutschen Wehrmacht überfallen. Noch im selben Jahr heiratet Clais, Lievens Sohn und ANELis Vater, die acht Jahre jüngere Vieveke. Während der Besatzung durch die Nazis bringt Vieveke nacheinander zwei Kinder zur Welt, die beide noch am Tag ihrer Geburt wieder sterben. Nach dem Krieg bekommt sie drei weitere Kinder, unter ihnen ANELi, die Protagonistin dieses Romans. Zum Entsetzen ihrer Mutter heiratet ANELi einen Deutschen, mit dem sie in Deutschland wohnt und mit dem sie vier Kinder bekommt.

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Seitenzahl: 256

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Ralf Lothar Knop

ANELi

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Impressum neobooks

Kapitel 1

Ralf Lothar Knop

ANELi

Roman

Diesen Roman widme ich allen Menschen guten Willens, die das Opfer von bösen Menschen gewor­den sind. Wenn das Böse jemals existiert hat, dann ist es vor Scham errötet und hat sich für immer in einem schwarzen Loch verkrochen, als es die Ungeheuer­lichkeiten sah, die böse Menschen anrichteten.

Erster Teil

1888 - 1918

Mitten in der Nacht wird Freyalina aus dem Schlaf gerissen, als einige Männer ihre Wohnungstür eintreten und direkt in ihr Schlafzimmer eindringen. Durch den Lärm, den diese Männer verursachen, werden auch ihr dreijähriger Sohn Clais und ihre erst zwanzig Monate alte Tochter Naaja aufgeweckt. Beide Kinder schreien und kreischen, während sie mit ansehen müs­sen, wie ihre Mutter von den Männern an den Haaren aus dem Bett und aus der Wohnung geschleift wird.

Die Männer zerren Freyalina durch das Treppenhaus auf die Straße, reißen ihr das Nachthemd vom Leib, sodass sie splitter­nackt vor ihnen steht, dann schneiden sie ihr alle Haare ab und rasieren ihren Schädel vollkommen kahl. Danach binden sie Freyalina an einen Laternenpfahl und hängen ihr ein Schild um den Hals mit der Aufschrift: „moffen huppelkutje“. Danach sind die Männer genauso schnell, wie sie gekommen sind, wie­der verschwunden und sie lassen Freyalina zitternd und frie­rend auf der Straße zurück.

Durch Freyalinas Hilferufe und das Geschrei der Kinder aufgeweckt kommen einige Männer auf die Straße und umrin­gen den Laternenpfahl, an dem Freyalina gefesselt ist, keiner von ihnen unternimmt jedoch irgendetwas, um ihr zu helfen, stattdessen verhöhnen sie Freyalina noch weiter: „Geschieht dir ganz recht, afgelikte Duitse boterham“.

Erst die Frauen, die nach einer Weile auch noch hinzu kommen, binden Freyalina von dem Laternenpfahl los, doch auch sie sind ihr nicht sehr freundlich gesinnt: „Wir machen das nicht für dich, moffen trut, wir machen das nur für deine Kinder, also hau bloß ab zu deinen Kindern, bevor unsere Männer noch einen Ständer kriegen.“

All dies geschah Mitte November 1918 in Moscou, einem Arbeiterviertel von Gent, der zweitgrößten Stadt und heutigen Hauptstadt Flanderns. Doch es ist natürlich nicht der Anfang dieser Geschichte, vielmehr nahm all das seinen Anfang im Jahre 1888 mit der Geburt von Lieven, dem späteren Ehemann von Freyalina, der Göttin der Fruchtbarkeit.

Lieven, der am 30.12.1888 geboren wurde, erhielt diesen Namen nach dem Heiligen Livinus von Gent, weil seine Eltern sehr stolz auf ihr Heimatland Flandern und insbesondere auf ihre Heimatstadt Gent waren, sodass es nicht verwunderlich ist, dass auch Lieven später sehr nationalbewusst wurde.

Also nun mal von Anfang an.

Kapitel 2

Schon Lievens Vater, Flemming, wohnte mit seiner Familie in Moscou, dem Arbeiterviertel von Gent, doch er hatte in Gent keinen Arbeitsplatz gefunden, weil es für die Menschen dort viel zu wenig Arbeitsplätze gab, da die Industrie ausschließlich aus Baumwoll- und Leinenproduktion bestand, sodass er ge­zwungen war, weiter südlich einen Arbeitsplatz in einem Koh­lebergwerk der Borinage anzunehmen, wo schon der später berühmte Maler Vincent van Gogh zwei Jahre seines Lebens verbracht hatte, was sich in vielen seiner Gemälde spiegelt.

Die Borinage war das wichtigste Steinkohlerevier Europas und es war überwiegend in den Händen französischer Banken. Flemming hatte keine andere Wahl, obwohl er wusste, dass in den Bergwerken der Borinage schreckliche Arbeitsbedingun­gen herrschten und man dort den Kumpels Hungerlöhne be­zahlte. Von Anfang an kämpfte er deshalb mit seinen Kumpels immer wieder für bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne, die sie in erbitterten Streiks durchzusetzen versuchten. Flemming gehörte auch zu den Arbeitern, die versucht hatten, das allgemeine Wahlrecht für die Kumpels der Borinage durch einen Antrag im belgischen Parlament durchzusetzen.

Nachdem das belgische Parlament den Antrag der Arbeiter abgelehnt hatte, nahm Flemming im April 1893 an dem Gene­ralstreik teil, den die belgische Regierung durch ihre Armee brutal unterdrücken ließ. Etliche Streikende wurden von den Soldaten erschossen und auch Flemming musste miterleben, wie einer seiner Kumpels getötet wurde. Als er versuchte, sei­nem Kumpel zu helfen, wurde auch er von einer Gewehrkugel getroffen und er wurde so schwer verletzt, dass er später auf­grund der durch die Schussverletzung verursachten Verkürzung seines rechten Beines gehbehindert war.

Seine klassenbewusste Einstellung konnten die Soldaten ihm jedoch nicht wegschießen, allerdings nahm er danach nicht mehr an öffentlichen Protestkundgebungen teil, sondern be­schränkte sich darauf, seine politische Einstellung an seinem Arbeitsplatz und in seiner Familie zu proklamieren. So kam es, dass seinem erst fünfjährigen Sohn Lieven gewissermaßen das Klassenbewusstsein schon in die Wiege gelegt wurde.

Lieven wurde, wie schon gesagt, in einer eiskalten Winter­nacht am 30.12.1888 in Gent geboren. Obwohl seine Eltern sehr arm waren, erlebte er eine glückliche Kindheit in ihrem Arbeiterviertel, wo er sehr schnell viele Freunde auf den Stra­ßen seines Viertels fand. Den Erzählungen seines Vaters ent­nahm er, dass es den Menschen in der Wallonie besser ging als ihnen und obwohl er nicht so recht verstand, was damit eigent­lich gemeint war, entwickelte er schon recht früh einen Hass auf die Wallonen und wenn er einen anderen Jungen so richtig beleidigen wollte, dann sagte er zu ihm: „Du Wallone!“

In der Schule entwickelte Lieven dann sehr schnell auch noch ein starkes Nationalbewusstsein, das sich folgerichtig allerdings auf seine Heimat Flandern beschränkte. Obwohl sein Vater Seite an Seite mit den wallonischen Kumpels gekämpft hatte, war Lieven der Überzeugung, dass die flämische Bevöl­kerung Belgiens ganz eindeutig die Führung im Lande bean­spruchen konnte, sodass Klassenbewusstsein und Patriotismus bei ihm in Widerstreit lagen, was ihn jedoch in keiner Weise störte.

Seine Leistungen waren eher durchschnittlich und da er auch disziplinarisch keinerlei Auffälligkeiten zeigte, konnten sich die meisten Lehrer später nicht mehr an ihn erinnern. Lievens Interesse an der Schule war auch nicht besonders aus­geprägt, denn da er der Meinung war, dass Lesen und Schrei­ben vollkommen ausreichend waren für ein zufriedenes Leben, hielt sich seine Anstrengung in der Schule in ganz engen Gren­zen. Da er trotzdem keine einzige Klasse wiederholen musste, verließ er bereits mit vierzehn Jahren die Schule und nahm eine Arbeit in einer der vielen Fabriken der Baumwollindustrie an.

Im Jahre 1908, als Lieven zwanzig Jahre alt war, lernte er Freyalina kennen, die Göttin der Fruchtbarkeit, die in derselben Fabrik arbeitete wie er und die ihm wegen ihrer unglaublichen Schönheit auffiel, jedenfalls war Lieven der Meinung, dass sie alle Männer in ihrer Umgebung verrückt machte und bei ihnen sicherlich für viele feuchte Träume sorgte.

Freya, wie ihre Kolleginnen sie nannten, war fünf Jahre älter als Lieven, aus ihrem schmalen, ovalen Gesicht strahlten zwei blaue Augen und ihr ungewöhnlich breiter Mund war geprägt von unglaublich großen Lippen, die bei den Männern nicht nur das Verlangen nach einem Kuss bewirkten. Diese Wirkung wurde von Freyas langen, gewellten roten Haaren und ihren großen Brüsten noch erheblich verstärkt. Doch was Lieven am meisten begeisterte, waren ihre kräftigen Schenkel und ihr breites Becken, ihr gebärfreudiges Becken, wie Lieven es nannte, denn er träumte schon in jungen Jahren von einer Familie mit vielen Kindern.

Lieven war der Überzeugung, dass Freya jeden Mann haben konnte, sodass er sich lange Zeit nicht traute, sie anzusprechen. Doch schließlich nahm er eines Tages, als sie nach Feierabend die Fabrik verließen, seinen ganzen Mut zusammen und sprach sie an. Da er mit einer schroffen Ablehnung gerechnet hatte, war Lieven sehr erstaunt, dass sie sich auf ein Gespräch mit ihm einließ.

„Hallo, ich bin Lieven, darf ich dich ein Stück begleiten?“

„Sehr gerne, der Weg nach Hause ist immer so langweilig, da ist es ganz nett, mal mit jemandem reden zu können. Ich habe drei jüngere Brüder, mit denen das Reden auch keinen Spaß macht, weil sie von mir immer nur wissen wollen, womit sie die Mädchen beeindrucken können.“

„Du wohnst also noch bei deinen Eltern?“

„Ja, leider. Wenn ich nach Hause komme, habe ich über­haupt keine Möglichkeit, mich erst einmal auszuruhen. Sofort verlangt meine Mutter alles Mögliche von mir, mach dies und mach jenes, Wäsche waschen, aufhängen, bügeln, putzen. Ich hasse das, als wär ich ihr Dienstmädchen. Und wenn dann mein Vater von der Arbeit kommt, fängt sie sofort an, mit ihm zu streiten. Obwohl mein Vater immer ganz ruhig bleibt, schreit meine Mutter ihn ständig an, manchmal schreit sie so laut, dass man meint, dass die Wände wackeln. Was mich am meisten stört, ist ja nicht einmal, dass sie alles kritisiert, was er macht, sondern dass sie ihn dabei mit allen möglichen Schimpfwörtern beleidigt und ihn immer nur den Kerl nennt, wenn sie von ihm spricht. Und wie ist das bei dir, lebst du auch noch zu Hause bei deinen Eltern?“

„Ja, ich wohne auch noch bei meinen Eltern. Ich habe zwei ältere Schwestern, die jedoch beide schon verheiratet sind und nicht mehr bei uns wohnen. Bei uns geht es eher ruhig zu, zu­mal mein Vater immer wieder dieselben Geschichten erzählt, die meine Mutter und ich schon zigmal gehört haben. Wenn man seinen Worten glauben soll, ist er einmal ein großer Klassenkämpfer gewesen und natürlich lassen wir ihn in dem Glauben, weil er dann zufrieden ist. Was machst du denn so am Wochenende?“

„Ich bin die meiste Zeit zu Hause, weil meine Mutter auch am Sonntag immer noch genug Arbeit für mich findet und da ich das meiste Geld zu Hause abgeben muss, kann ich es mir auch nicht leisten groß auszugehen.“

„Hast du denn keinen Freund?“

„Nein, im Moment nicht. Ich hatte schon öfter einen Freund, aber entweder waren sie einfach zu langweilig oder sie wollten nur das Eine, du weißt schon.“

Lieven errötete, trotzdem fragte er Freya, ob sie Lust hätte am nächsten Sonntag mit ihm spazieren zu gehen.

„Sehr gerne, holst du mich ab?“

Lieven konnte es nicht fassen, er hatte eine Verabredung mit der schönen Freya, ausgerechnet er, der sich selbst nicht nur für schüchtern und ängstlich hielt, sondern der auch der Meinung war, dass er ein ausgesprochen langweiliger Bursche war, also genau das, was Freya an ihren früheren Freunden abgelehnt hatte. Trotzdem war er fest entschlossen, alles zu tun, um Freya für sich zu gewinnen. Als er an diesem Abend im Bett lag, träumte er sogar schon davon, sie zu heiraten und ganz viele Kinder mit ihr zu haben. Früher hatte er oft in einsamen Stun­den ganz leise gesungen: Du hast im Himmel viel Englein bei dir, schick doch einen davon auch zu mir. Sollte sein Gebet tatsächlich erhört worden sein, war Freya die Frau, die für ihn bestimmt war?

Jedenfalls konnte er in den nächsten Tagen an nichts ande­res mehr denken, er schlief so unruhig, dass er viel früher als gewohnt aufstand und schon beim Frühstück so in seinen Träumen versunken war, dass seine Mutter ihn immer wieder ermahnte: Wach endlich auf, was ist los mit dir? Früher als gewohnt ging er zur Arbeit, in der Hoffnung, Freya zu treffen und ein paar Worte mit ihr wechseln zu können. Andererseits hatte er jedoch auch Angst vor einer Begegnung, da er be­fürchtete, sie könnte es sich anders überlegt haben und ihre Verabredung doch noch absagen. Doch es geschah weder das Eine noch das Andere, selbst nach Feierabend konnte er sie nicht entdecken, was ihn noch weiter verunsicherte, da er alle möglichen Gründe fand, warum sie vielleicht eine Begegnung absichtlich zu vermeiden suchte.

Auf diese Weise steigerte sich Lievens Anspannung in den nächsten Tagen bis ins Unerträgliche, sodass seine Träume von einer glücklichen Familie immer weiter von der Vorstellung eines schrecklichen Lebens in Einsamkeit und Verlassenheit verdrängt wurden. Wenn er nachts lange wach lag, kam es so­gar dazu, dass er darüber nachdachte, sich das Leben zu neh­men. Natürlich konnte er nicht mit seinen Eltern darüber reden, schon gar nicht mit seinem Vater, diesem Volkshelden, der ganz sicher kein Verständnis für solche romantischen Träume gehabt hätte und einen Freund hatte Lieven auch nicht, schon gar keinen, mit dem er solche persönlichen und intimen Ge­danken hätte teilen können. Auf diese Weise verliefen die Tage bis zum Wochenende für Lieven in extremer Langsamkeit.

Lange vor der vereinbarten Zeit stand Lieven vor Freyas Haus und die letzten Minuten, bis sie endlich erschien, waren quälender als alle vorherigen Tage zusammen. Jetzt wurde seine Befürchtung, sie könnte gar nicht erscheinen, noch verstärkt durch seine Angst, er könnte sich vielleicht total lächerlich gemacht haben durch seine Vorstellung, dass eine so schöne Frau auch nur das geringste Interesse an einem Burschen wie ihn haben könnte. Für den Fall, dass sie doch erscheinen sollte, dachte er sich die bevorstehende Unterhaltung mit ihr aus, indem er nicht nur seine eigenen Fragen formulierte, sondern auch Freyas Antworten, sodass er schließlich in seiner dramaturgischen Schöpfung vollkommen versank.

Als Freya endlich vor der Haustür erschien, war Lieven nicht nur unglaublich erleichtert, sondern seine Ängste hatten auch dazu geführt, dass er nun so verkrampft war, dass er überhaupt nicht mehr wusste, worüber er denn nun reden sollte. Natürlich merkte auch Freya, dass er nicht so entspannt war, wie bei ihrem ersten Gespräch vor ein paar Tagen, sodass sie lange schweigend nebeneinander her gingen, was für Lieven so quälend war, dass er später nicht mehr wusste, durch welche Straßen sie überhaupt miteinander gegangen waren. Schließlich war es Freya, die diese Spannung löste.

„Was ist denn heute los mit dir? Du bist so schweigsam. Ist etwas passiert oder hast du es schon bereut, dass du dich mit mir verabredet hast?“

„Nein, nein, auf keinen Fall. Ganz im Gegenteil, da ich dich in den letzten Tagen überhaupt nicht mehr gesehen habe, dachte ich schon, dass du unsere Verabredung vielleicht bereut hast. Wo warst du denn die ganze Zeit?“

„Ich versteh dich nicht. Wo soll ich gewesen sein? Ich war jeden Tag in der Fabrik, allerdings bin ich nach Feierabend immer gleich nach Hause gegangen, weil meine Mutter mal wieder sehr viel Arbeit für mich hatte. Ich bin wirklich froh, dass die Woche vorbei ist. Eigentlich hatte meine Mutter auch heute noch genug für mich zu tun, aber ich habe ihr gesagt, dass es jetzt endgültig reicht, sonst würde ich ausziehen und mir ein eigenes Zimmer suchen. Aber darüber hat sie nur gelacht, sie meinte, das könne ich mir von meinem geringen Lohn doch gar nicht leisten.“

„Und wenn wir uns zusammen eine kleine Wohnung nehmen?“

Lieven wusste beim besten Willen nicht, was ihn da geritten hatte, es kam ihm vor, als hätte ein Anderer diese Frage gestellt. Jedenfalls war er selbst über seine Frage so erschrocken wie Freya auch, sodass sie beide erneut lange Zeit schwiegen, bis Freya endlich sagte:

„Meinst du das ernst? Wir kennen uns doch gar nicht.“

„Entschuldigung, das war eine dumme Frage. Ich weiß auch nicht, warum ich das plötzlich gesagt habe. Vergiss es einfach wieder.“

„Nein, nein. So dumm ist die Frage gar nicht. Zusammen können wir uns eine kleine Wohnung leisten und ich käme dann endlich zu Hause raus und du wärst doch wahrscheinlich auch froh, nicht mehr bei deinen Eltern wohnen zu müssen.“

„Wie meinst du das denn jetzt? Ich habe das Gefühl, dass das Ganze für dich nur eine rein geschäftliche Angelegenheit ist. Wenn ich darüber nachdenke, hatte ich mir das alles doch etwas anders vorgestellt.“

„Was hast du dir denn vorgestellt? Soll das jetzt etwa ein Heiratsantrag sein? Wie ich schon sagte, wir kennen uns doch gar nicht.“

„Das ist ja richtig. Aber wir müssen ja auch nicht sofort heiraten, wir können uns ja erst einmal genauer kennen lernen, ich kann mir jedenfalls sehr gut vorstellen, mit dir eine Familie zu gründen mit vielen Kindern.“

„Oh Gott, du hast dir das alles offensichtlich schon sehr genau ausgedacht. Das geht mir jetzt doch etwas zu schnell. Da muss ich wirklich erst einmal drüber nachdenken. Ich muss schon sagen, das ist wohl der aufregendste Sonntagnachmittag, den ich je erlebt habe.“

Wieder gingen Freya und Lieven lange Zeit schweigend nebeneinander her. Lieven hätte sehr gerne Freyas Hand gehalten, aber das traute er sich dann doch nicht. Die Spannung, die zwischen den Beiden herrschte, hatte nun eine völlig andere Qualität, es war eine Spannung, die eine Entscheidung verlangte. Es gab nun kein Zurück mehr. Entweder war ihre Beziehung beendet, bevor sie überhaupt wirklich begonnen hatte oder es war der Punkt erreicht, an dem es darauf ankam, eine Lebensplanung zu treffen, die sich über Jahrzehnte erstrecken sollte. Die Frage nach Liebe spielte hier noch gar keine Rolle.

Ohne es geplant zu haben, waren die Beiden schließlich wieder vor Freyas Haus angekommen. Nachdem sie einen kurzen Blick, der keinerlei Antwort enthielt, ausgetauscht hatten, gab Freya Lieven ihre Hand, küsste ihn auf die Wange und verschwand im Haus, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Lieven stand noch lange vor dem Haus und starrte auf die Haustür, weil er überzeugt war, dass noch etwas passieren musste.

Während Lieven nach Hause ging, reifte in ihm aus unerfindlichen Gründen die Überzeugung, dass Freyas Kuss auf seine Wange eine Zusage war, eine Überzeugung, die schließlich so sehr zu einer Gewissheit wurde, dass er sofort, nachdem er die elterliche Wohnung betreten hatte, zu seiner Mutter sagte:

„Ich werde heiraten!“

Es dauerte jedoch noch einige Wochen und Monate, in denen Freya und Lieven sich regelmäßig trafen, in denen sie sich allmählich einander annäherten, in denen sie lange Gespräche über ihre Zukunft, über ihre Wünsche und ihre Träume führten, bis Freya schließlich damit einverstanden war, ihren Lieven zu heiraten. Nachdem sie eine gemeinsame Wohnung gefunden hatten, wurden Freyalina und Lieven im Oktober des Jahres 1911 miteinander vertraut.

Kapitel 3

NIEMAND, NIEMAND, absolut niemand unter allen Menschen auf dieser Welt hätte sich auch nur annähernd vorstellen können, welches Leid und welches Elend in den nächsten Jahren über Freyalina und Lieven hereinbrechen sollte, niemand in Belgien, niemand in Flandern, niemand in Gent und Freya und Lieven schon gar nicht, natürlich nicht nur über die Beiden, sondern über viele, viele tausend Menschen in Flandern und in ganz Belgien.

„Blut muss fließen, viel Blut.“

Alles nahm seinen Anfang am frühen Morgen des 4. August 1914, als ein deutsches Infanterieregiment völkerrechtswidrig bei Gemmenich in das neutrale Belgien einmarschierte. Wenn es bei einem Kriegsverbrechen überhaupt eine Rangfolge geben kann, dann war dieser Bruch des Völkerrechts besonders schwerwiegend, weil Deutschland seit dem Jahre 1830 zu den Garantiemächten für Belgiens Neutralität zählte, sodass der belgische Zöllner bei Gemmenich vollkommen verblüfft war und in seiner Machtlosigkeit den deutschen Soldaten nur ein ungläubiges „DAS HIER IST BELGIEN!“ hinterherrufen konnte. Es waren seine letzten Worte.

Nicht einmal der deutsche Generalstab hatte mit einem solchen Blutbad gerechnet, denn der Plan bestand darin, durch Belgien zu marschieren und blitzartig Frankreich zu erobern, das mit einem Angriff an seiner Ostgrenze rechnete. Doch der erbitterte Widerstand sowohl der belgischen Soldaten als auch der belgischen Zivilbevölkerung führte dazu, dass die Deutschen ein unglaubliches Massaker an der belgischen Zivilbevölkerung durchführten, immer wieder kam es zu Massenexekutionen, allein im Monat August wurden mehr als fünftausend Zivilisten ermordet, darunter viele Frauen, Kinder, Greise und sogar Säuglinge. Die Deutschen schreckten auch nicht davor zurück, wertvolle Kulturgüter wie die Bibliothek der Universität von Leuven zu vernichten, dass sie dafür anschließend bewaffneten belgischen Zivilisten die Schuld gaben, zeigt nur allzu deutlich, dass sie nicht einmal davor zurückschreckten, den Opfern die Schuld für die eigenen Verbrechen in die Schuhe zu schieben.

Viele Dörfer und Städte wurden dem Erdboden gleichgemacht und während sich die Front jahrelang nur wenige Kilometer hin- und herschob, verloren auf beiden Seiten tausende Soldaten ihr Leben. Die restliche Welt war über das Vorgehen der Deutschen so entsetzt, dass man Deutschland das Recht absprach, sich als Kulturnation zu bezeichnen.

Trotz des erbitterten Widerstandes war fast ganz Belgien bis zum Herbst des Jahres 1914 besetzt und da die Deutschen nun auch die belgische Wirtschaft ausbeuteten, kam es zu einer schrecklichen Hungersnot in der belgischen Bevölkerung, sodass über eine Millionen Belgier in die benachbarten Niederlande flohen. Um diese Flucht in die Niederlande zu verhindern, wurde ein elektrischer Grenzzaun errichtet, der mindestens weiteren dreitausend Menschen das Leben kostete, die lebendig aufgegriffenen Flüchtlinge wurden hingerichtet.

Zur Stärkung der deutschen Wirtschaft wurden zehntausende Belgier, insbesondere aus Flandern, zur Zwangsarbeit einberufen und in Viehwaggons nach Deutschland transportiert, wo sie in Konzentrationslagern untergebracht wurden. Diese Zwangsverschleppung heizte natürlich die Wut der Belgier noch weiter an. Auf der anderen Seite erhielten die Flamen eine Sonderstellung bei der Besatzungsmacht, was sich zum Beispiel darin zeigte, dass eine erste flämische Hochschule in Gent gegründet werden sollte. Die Deutschen hofften darauf, dass die Flamen bereit seien, mit dem Feind zusammenzuarbeiten, um ihre politischen Ziele zu erreichen und tatsächlich gab es einige flämische Kollaborateure, obwohl die Mehrheit der Flamen eindeutig dem Feind ablehnend gegenüberstand.

Doch bevor es zu all diesen Ereignissen kam, durften Freya und Lieven nach ihrer Hochzeit zumindest einige Monate in Frieden leben, bis das Unglück auch über sie hereinbrach. Das Zimmer, das sie gefunden hatten, war natürlich nicht sehr groß und da es direkt unter dem Dach lag, war es im Winter so kalt, dass sich innen an den Fensterscheiben Eis bildete und es im Sommer unerträglich heiß wurde. Es gab weder eine Toilette, noch ein Badezimmer, eine Toilette befand sich eine Etage tiefer und wurde von drei Mietparteien genutzt. In dem Zimmer gab es lediglich einen Spülstein mit fließend kaltem Wasser, dessen Abfluss direkt in die Dachrinne führte, sodass er im Winter meistens zugefroren war. Dann musste das Wasser in einer Schüssel aufgefangen werden, die volle Schüssel wurde dann in einen Eimer entleert und sobald dieser voll war, musste er eine Etage tiefer in die Toilette entleert werden.

Einmal in der Woche, am Samstagnachmittag, war Badetag. Dann wurde in zwei großen Töpfen auf dem Kohleherd Wasser heiß gemacht, sobald das Wasser kochte, wurde es in eine etwa anderthalb Meter große Zinkwanne entleert, die mitten im Zimmer stand, und dann wurde sie mit kaltem Wasser aufgefüllt, bis die Temperatur genau richtig war für ein angenehmes Badevergnügen. Besonders im Winter war dies ein herrliches Vergnügen, denn durch das heiße Wasser bildeten sich im ganzen Zimmer Dampfschwaden, die das Zimmer so sehr aufheizten, dass Frey und Lieven bereits nackt im Zimmer herumliefen, bevor sie in die Badewanne stiegen. An heißen Sommertagen war dies natürlich nicht so angenehm, sodass dieses Vergnügen dann meist schneller beendet war als im Winter.

Natürlich konnte bei dieser aufwendigen Vorbereitung des Samstagnachmittagbades das Wasser nicht gewechselt werden, deshalb durfte Freya immer als Erste baden und anschließend schöpfte Lieven die oberste Wasserschicht mit einem Schöpper ab und füllte ein wenig heißes Wasser nach, damit auch er eine angenehme Badetemperatur hatte.

Einmal hatten sie versucht, gemeinsam in dieser kleinen Wanne zu baden, aber wegen der Enge waren alle Versuche, miteinander zu verkehren, fehlgeschlagen, sodass sie sich nur gegenseitig mit der Hand befriedigen konnten. Danach badete dann jeder nur noch alleine und anschließend vergnügten sie sich auf ihrem schmalen Bett, was ihnen viel mehr Bewegungsfreiheit ließ für die akrobatischen Stellungen, die junge Menschen so gerne ausprobieren. Obwohl der Samstagnachmittagsfick ganz regelmäßig stattfand, wurde Freyalina, die Göttin der Fruchtbarkeit, lange Zeit nicht schwanger. Es dauerte ein ganzes Jahr, bis sie feststellte, dass sie keine Blutungen mehr bekam und endlich mit ihrem ersten Kind schwanger war.

„Lieven, du brauchst dich jetzt nicht mehr so anstrengen, wir haben es endlich geschafft, ich bin tatsächlich schwanger. Es ist dann wohl besser, wenn wir nicht mehr miteinander schlafen, damit unser Kind nicht gefährdet wird.“

Lieven schaute seine Freya lange vollkommen sprachlos an, dann nahm er sie in seine Arme und anschließend küsste er sie auf den Mund, die Wangen, die Stirn, die Augen, einfach überall, dann drückte er sie ganz fest an sich und er ließ seinen Tränen freien Lauf.

„Du machst mich zum glücklichsten Mann auf der Welt, ich bin ja so froh, dass wir es endlich geschafft haben, aber wir können uns ruhig weiter lieben, das kann unser Kind doch nicht gefährden. Ganz im Gegenteil, wenn die Eltern miteinander glücklich sind, dann spürt das ein Kind doch auch.“

Ganz langsam öffnete Lieven die Knöpfe an Freyas Kleid, ließ es auf den Boden fallen, schob sie zum Bett und legte sie vorsichtig auf ihren Rücken, er kniete sich neben das Bett, schob Freyas Unterrock nach oben und küsste ihren Bauch so innig wie nie zuvor:

„Hallo, mein kleiner Mann oder mein kleines Fräulein, herzlich willkommen, ich bin ja so froh, dass du da bist und ich kann es gar nicht erwarten, bis du endlich aus deiner Mama raus kommst. Ich bin dein Papa, ich liebe dich und ich werde immer für dich da sein.“

Er streifte Freyas Slip herunter und begann ganz zärtlich ihre Muschi zu küssen, er saugte ihre Schamlippen in seinen Mund und umspielte sie mit seiner Zunge, dann schob er seine Zunge zwischen ihre Schamlippen und spielte mit dem Zentrum von Freyas weiblicher Lust, danach öffnete er ihre Muschi mit seinen Fingern: „Hallo da drinnen, ich komme jetzt zu dir!“ Ganz langsam und ganz vorsichtig schob Lieven seinen Schwanz immer tiefer in Freyas Muschi hinein und blieb dann reglos auf ihr liegen. Was er noch nie zuvor zu Freya gesagt hatte, flüsterte er ihr jetzt ins Ohr: „Ich liebe dich!“ Lieven hätte nicht sagen können, wie lange er in seinem Glück regungslos in Freya gelegen hatte, bis sie ihn in diese Welt zurückholte: „Komm, wir ficken!“

Dadurch dass Freya nun endlich schwanger war, wurde Lieven von seiner Verkrampfung, die er immer während des Liebesaktes empfunden hatte, befreit. Beide standen nun nicht mehr unter dem bisherigen Erfolgsdruck und konnten sich ihren Gefühlen hemmungslos hingeben, sodass Freya sogar einmal sagte, nachdem sie es in der Hundestellung miteinander getrieben hatten: „Ich liebe es, wenn du mich so richtig durchfickst!“

Im Juni des Jahres 1913 wurde Goedele geboren und natürlich war sie das schönste kleine Mädchen auf der Welt und Freya und Lieven waren die glücklichsten Eltern auf der Welt. Aber ihr Leben sollte sich auch grundlegend verändern, denn beide mussten weiterhin arbeiten, um genügend Geld zum Leben zu haben. Sie arbeiteten nun in unterschiedlichen Schichten, sodass sie sich während der Woche kaum noch sahen, gelegentlich kümmerte sich auch eine Nachbarin um ihre kleine Goedele. Insgesamt war ihr Leben nun noch anstrengender als vor Goedeles Geburt, aber sie waren glücklich miteinander, so glücklich, dass Freyalina, die Göttin der Fruchtbarkeit, in der Mitte des darauffolgenden Jahres zum zweiten Mal schwanger wurde.

Doch gleich zu Beginn von Freyas zweiter Schwangerschaft wurde beiden klar, dass sich ihr Leben nun nicht nur wegen des zweiten Kindes verändern würde, sondern vor allem, weil am vierten August 1914 die deutsche Wehrmacht völkerrechtswidrig das neutrale Belgien überfiel und sie befürchteten, dass ihr kleines Land dem preußischen Militärstaat nicht lange würde standhalten können. Noch ahnten sie jedoch nicht, wie radikal sich ihr Leben verändern würde.

Freyas zweite Schwangerschaft verlief genauso problemlos wie ihre erste und im Februar 1915 wurde Clais, der spätere Vater von ANELi, geboren. Da auch die Geburt komplikationslos verlief, konnte Freya schon wenige Tage nach der Geburt das Krankenhaus verlassen, aber Lievens ungetrübte Freude über seinen ersten Sohn sollte nicht einmal einen Monat dauern, denn Anfang des folgenden Monats marschierte die deutsche Wehrmacht in Gent ein und er beging einen folgenschweren Fehler. Aus Protest gegen den deutschen Überfall auf sein Land hängte er eine belgische Fahne aus dem Fenster.

Als eine kleine Gruppe deutscher Soldaten durch ihre Straße marschierte, waren die Soldaten so erbost über diese Provokation, dass sie gemeinsam in das Haus stürmten, die Wohnungstür eintraten und Lieven aufforderten, die Fahne sofort zu vernichten, doch er weigerte sich mit dem Hinweis, dass es sich um die Fahne seines Landes handele. Danach überstürzten sich die Ereignisse mit einer solchen Geschwindigkeit, dass es schwerfällt, sie in der richtigen Reihenfolge zu erzählen.

Während einer der deutschen Soldaten das Fenster öffnete und die Fahne herunterriss, packte ein anderer Freyalina, presste sie mit ihrem Oberkörper auf den Esstisch, schob ihr Kleid nach oben, zerriss ihre Unterhose und rammte seinen geilen Schwanz in sie hinein, während ein dritter Soldat sein Gewehr gegen Lievens Schläfe drückte und ihn daran hinderte, seiner Frau zu Hilfe zu kommen. Durch Freyas Schreie wurde die nicht einmal zwei Jahre alte Goedele aus ihrem Mittagsschlaf geweckt und fing ebenfalls an, laut zu schreien.

Ohne lange zu zögern feuerte einer der Soldaten in die Richtung, aus der das Geschrei kam und sofort herrschte im Raum eine Totenstille. Lieven sank auf den Boden und starrte besinnungslos in die Ferne, Freya schluchzte nur noch sehr leise, während sich alle übrigen Soldaten ebenfalls über sie hermachten. Der erst wenige Tage alte Clais hatte sich Gott sei Dank ruhig verhalten, sodass die Deutschen ihn nicht bemerkten und die Wohnung schließlich grölend und johlend wieder verließen.

Freya sank nun ebenfalls auf den Boden. Unfähig; auch nur noch zu schluchzen, kroch sie über den Boden zu ihrer toten Tochter Goedele, drückte sie ganz fest gegen ihren Bauch und umschloss sie mit ihrem ganzen Körper, sodass sie regungslos in einer embryonalen Stellung auf dem Boden lag. Lieven starrte weiterhin in die Ferne, er konnte kaum noch atmen, sodass er nicht in der Lage war, sich um seine Frau und seine tote Tochter zu kümmern. Erst als Clais sich regte, stand er auf, nahm seinen Sohn auf den Arm und begann hemmungslos zu weinen. Schließlich legte Lieven sich hinter seine Frau auf den Boden, sodass Clais sich zwischen ihnen in einer schützenden Höhle befand.

Niemand hätte sagen können, wie lange Freyalina und Lieven mit ihren beiden Kindern vollkommen regungslos auf dem Boden lagen, erst als Clais gestillt werden musste, stand Freya auf und legte Goedele auf den Küchentisch, setzte sich mit Clais auf einen Stuhl und indem sie sich schützend über ihn beugte, gab sie ihm ihre Brust. Clais begann sofort kräftig zu saugen und obwohl Freya das Stillen bisher immer als etwas sehr Angenehmes empfunden hatte, durchströmte sie dieses Mal ein wahnsinniger Schmerz, sodass ihre Tränen über ihre Wangen strömten und auf den kleinen Clais fielen, ohne dass sie einen einzigen Laut von sich gab.

Lieven starrte seine geliebte Goedele lange Zeit an, dann beugte er sich über sie, küsste ihr Gesicht und sagte ganz leise:

„Mein kleiner Engel, ich liebe dich. Bitte verzeih mir, dass ich dich nicht beschützen konnte! Wie gerne wäre ich für dich gestorben, damit du leben kannst. Ich verfluche den Tag, an dem dieser Deutsche gezeugt wurde, ich verfluche den Tag an dem dieser Deutsche geboren wurde; ich hoffe, dass er für seine Schandtaten bis in alle Ewigkeit in der Hölle schmoren wird, ich verfluche seine Eltern und ich verfluche den deutschen Kaiser, der unser Land überfallen hat.“

Anschließend zog er Goedeles durchlöcherte Kleider aus, wischte das Blut von ihren unzähligen Wunden, zog ihr das schönste Sonntagskleid an, das er finden konnte, schaute ihr noch einmal in die Augen, bevor er sie ganz sanft zudrückte und ihr Lebenslicht endgültig in die Dunkelheit tauchte.