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Evelyn von Mallinckrodt erzählt ihre eigene Geschichte und die ihrer Familie. Ihre Großmutter wird 1936 von einem Gutshof gejagt, nachdem sie von dem Hausarzt des Gutsherren vergewaltigt und geschwängert wurde. Im darauffolgenden Jahr wird Evelyns Mutter geboren, die sofort nach der Geburt in eine Pflegefamilie gegeben wird. Als die Großmutter einen kriegsversehrten Soldaten geheiratet hat, holt sie ihre Tochter aus der Pflegefamilie zurück. Nachdem sie in den Westen geflohen sind, verschlechtert sich das Verhältnis zusehends, sodass sich Evelyns Mutter im Alter von 17 Jahren von ihrer eigenen Mutter, Evelyns Großmutter, trennt. Nach dem Ende der Schulzeit arbeitet Evelyns Mutter in einem Kurhotel, wo sie ein Verhältnis mit einem Gast hat und schwanger wird. Nach dem Scheitern der Ehe gibt auch sie ihre erste Tochter in eine Pflegefamilie. In der zweiten Ehe wird Evelyn geboren, doch auch diese Ehe scheitert. Evelyn erlebt schreckliche Jahre in einer Klosterschule, in dieser Zeit lernt sie ihren späteren Ehemann kennen. Nach dem Scheitern ihrer ersten Ehe lernt sie den zweiten Ehemann kennen, mit dem sie drei Töchter bekommt, doch auch diese Ehe scheitert. Nach vielen Jahren der Entbehrungen erlebt Evelyn die große Liebe, mit dem Vater ihres vierten Kindes, der sich schließlich ebenfalls als eine Enttäuschung entpuppt. Am Ende des ersten Bandes lebt Evelyn als alleinerziehende Mutter mit ihren vier Kindern zusammen. In Band II erfahren die Leserinnen und Leser dann, wie es in ihrem Leben weitergeht.
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Seitenzahl: 246
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Ralf Lothar Knop
Evelyn
Band I
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Wörlitz
Dessau
Pfaffenrod
Bad Kissingen
Berlin
Schönberg
Poppenrod
Scheidungskind
Rückkehr
Johanna
Benjamin
Fabrizio
Absturz
Lüdenscheid
Trennung
Neues Glück
Ricarda
Markus
Aschenputtel
Vorschau
Deine Kinder
Danksagung
Impressum neobooks
Ralf Lothar Knop
Evelyn
Roman
Band I
Foto Titelseite: Ralf Lothar Knop
Quelle: G. Jörg, Quell-Verlag Stuttgart
Für meinen geliebten Opa Joseph Knop
Es ist schrecklich für Kinder, wenn sie feststellen, dass ihre Eltern Menschen sind.
Ich bin Evelyn von Mallinckrodt und ich habe schwere Schuld auf mich geladen. Meine Mama und mein Papa haben mich deswegen verstoßen und sie haben mir die Liebe genommen, die ich so nötig gebraucht hätte. Für sie schreibe ich diesen Bericht, nicht in der Hoffnung, dass sie mir verzeihen, aber vielleicht können sie dann besser verstehen, was ich getan habe. Ich erwarte auch nicht, dass sie mir ihre Liebe noch einmal schenken, mein seligster Wunsch besteht ausschließlich in der Erfüllung einer einzigen Bitte, ich möchte, dass sie mich wieder als ihre Tochter anerkennen, damit ich nicht länger ohne Wurzeln durch dieses Leben taumeln muss. Obwohl ich vollkommen aus dem Rahmen gefallen bin, brauche auch ich einen Boden, auf dem ich wachsen kann oder wenigstens das Gefühl, dass ich in dieser Welt nicht vollkommen überflüssig bin, weil ich den Menschen immer nur Unglück gebracht habe.
„From the moment I could talk, I was ordered to listen”, dieses Gefühl begleitet mich schon ein Leben lang, doch ich möchte nicht länger schweigen. Inzwischen bin ich über fünfzig Jahre alt, aber ich fühle mich wie ein kleines Kind und das soll auch so sein, denn ich bin jetzt die kleine Evelyn, die zu ihrer Mama und ihrem Papa kommt, weil sie endlich auf den Schoß genommen werde möchte.
Liebe Mama, lieber Papa, bevor ich in diese Welt kam, haben sich in eurer Familie oder darf ich sagen in unserer Familie, in meiner Familie, viele Dinge ereignet, die ich von euch erfahren habe und die ich zunächst noch einmal in euer Gedächtnis rufen möchte. Bitte versteht mich nicht falsch, ich habe nicht das Recht, über diese Menschen zu urteilen oder gar sie zu verurteilen, ich möchte nur zeigen, dass ich vielleicht durchaus in diese Familie gehöre und nicht vollkommen aus dem Rahmen gefallen bin.
Ich bitte euch, hört mir zu, bis zum Ende. Ich habe so lange geschwiegen, habe meine Schuld ganz alleine getragen, doch nun habe ich große Angst, dass ich unter dieser Last zusammenbreche. Mehr als die Hälfte meines Lebens ist vorüber, ohne dass ich jemals das Gefühl gehabt hätte, dass ich diejenige bin, die darüber bestimmt, was in meinem Leben geschieht. Ganz im Gegenteil, ich habe mich immer treiben lassen, treiben lassen von anderen Menschen, andere Menschen haben mein Leben bestimmt. Ich will nun endlich versuchen, zumindest teilweise ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Ich will weder meine eigene Vergangenheit, noch die meiner Familie vergessen, denn durch sie bin ich zu dem Menschen geworden, der ich heute bin, aber ich will lernen, diese Vergangenheit zu akzeptieren als Teil meines Lebens. Anfangen möchte ich bei dem, was du, Mama, mir über deine eigene Vergangenheit erzählt hast.
Deine Mutter, Oma Erika, wohnte mit ihren Eltern in Wörlitz in der Nähe des Wörlitzer Bahnhofs, bis sie nach ihrer Schulzeit mit vierzehn Jahren auf einem Gutshof ganz in der Nähe von Wörlitz ihren Dienst als Magd und Haushaltshilfe antrat. Dort hatte sie ein winzig kleines Zimmer im Dachgeschoss des Herrenhauses, neben Unterkunft und Verpflegung bekam sie nur ein sehr geringes Taschengeld. Trotzdem fühlte sie sich dort sehr wohl, weil sie froh war, endlich ein Leben unabhängig von ihren Eltern führen zu können, auch wenn sie natürlich weiterhin in totaler Abhängigkeit lebte, lediglich die Herrschaften waren andere. Der Gutsherr und sein Sohn waren mit ihrer Arbeit sehr zufrieden, sodass sich ihre Arbeit immer mehr auf die Hilfe im Haushalt beschränkte.
Nach acht Jahren, Oma Erika war inzwischen 22 Jahre alt, wurde der erste Enkel des Gutsherren geboren. Klaus war ein süßes kleines Baby, wie wahrscheinlich die meisten Babys, und Oma Erika hat ihn vom ersten Tag an in ihr Herz geschlossen, sie entwickelte regelrechte Muttergefühle und da auch Klaus sich bei ihr wohl zu fühlen schien, wurde ihr zusätzlich zur Hausarbeit auch noch die Fürsorge des kleinen Klaus übertragen. In den nächsten Jahren konnte man immer stärker den Eindruck gewinnen, dass Erika die eigentliche Mutter war, deshalb stellte der Gutsherr eine weitere Magd ein, damit Erika sich ausschließlich um seinen Enkel Klaus kümmern konnte.
Als Klaus fünf Jahre alt war, bekam er plötzlich hohes Fieber und lauter rote Flecken im Gesicht und am ganzen Körper. Sofort wurde der Hausarzt, Dr. Bernd Rössler, gerufen, der sehr schnell Masern diagnostizierte, er verordnete absolute Bettruhe und die Verdunklung des Zimmers, in dem Klaus schlief. Außerdem sollte Erika dafür sorgen, dass Klaus sehr viel Flüssigkeit zu sich nahm. Dr. Rössler verabschiedete sich von Erika mit dem Hinweis, dass er in drei Tagen wieder vorbeischauen würde. Obwohl Klaus in den nächsten Tagen die meiste Zeit schlief, blieb Erika von morgens bis abends an seinem Bett sitzen, da sie sich sehr große Sorgen machte.
Am dritten Tag war Erika schließlich so erschöpft, dass sie sich am späten Nachmittag, als Klaus tief und fest schlief, auf ihr Zimmer zurückzog, um sich ein wenig auszuruhen. Sie legte sich auf ihr Bett und schlief sofort ein, wurde jedoch nach kurzer Zeit durch ein Klopfen an ihrer Tür wieder geweckt. Sofort sprang sie auf und öffnete die Tür.
„Dr. Rössler, um Gottes Willen, ist etwas passiert, ist mit Klaus alles in Ordnung?“
„Keine Sorge, mit Klaus ist alles in Ordnung, er befindet sich sogar auf dem Weg der Besserung, das Fieber ist schon wieder gesunken. Ich denke, in vier bis fünf Tagen wird er wieder vollkommen gesund sein. Ich bin hier, weil Masern eine hoch ansteckende Viruserkrankung ist und da Sie die ganze Zeit bei Klaus im Zimmer waren, muss ich Sie natürlich untersuchen, damit ich sicher gehen kann, dass Sie sich nicht angesteckt haben und die Krankheit weiter verbreiten. Ich muss Sie bitten, sich vollständig auszuziehen, damit ich Sie gründlich auf irgendwelche Anzeichen für die Krankheit untersuchen kann.“
Erika stand wie angewurzelt vor Dr. Rössler und wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte. Einerseits war sie zwar in großer Sorge um ihre eigene Gesundheit und die der Familie des Gutsherren, andererseits hatte sie sich noch nie vor einem Mann vollkommen entblößt, sodass ihr Schamgefühl sie daran hinderte, der Aufforderung des Arztes nachzukommen. Schließlich beruhigte sie sich mit dem Gedanken, dass Dr. Rössler mindestens zwanzig Jahre älter war als sie und sicherlich kein Interesse an einer einfachen Magd hätte.
„Nun machen Sie schon, Sie sind hier beim Arzt und ich habe nicht ewig Zeit.“
Dr. Rössler hatte seine letzten Worte mit ziemlichem Nachdruck gesprochen, sodass Erika vollkommen eingeschüchtert war und sich beeilte, ihre Kleidung abzulegen. Als sie nackt vor dem Arzt stand, schloss sie ihre Augen, weil sie meinte, die Scham dann besser ertragen zu können. Dr. Rössler nahm ein Stethoskop aus sein Arzttasche und hörte ihre Brust ab, dann drehte er sie um und horchte auch ihren Rückenraum mit dem Stethoskope ab. Schließlich legte er das Stethoskop zur Seite, griff Erika von hinten unter ihre Arme und umfasste ihre Brüste mit beiden Händen. Während er ihre Brüste massierte, sagte er, dass sich die Krankheit bei Frauen manchmal als erstes in den Brüsten entwickle.
Der Arzt schob Erika vor sich her und legte sie aufs Bett, er selbst kniete sich aufs Bett, öffnete seine Hose, ließ sie auf die Knie runter, dann drückte er mit einem Knie Erikas Beine auseinander, legte sich auf sie und drückte seinen harten Penis mit einem kräftigen Stoß tief in Erika hinein. Während Dr. Rössler sich auf Erika abarbeitete, öffnete sie ihre Augen und starrte an die Decke, sie wagte es nicht, sich zu bewegen. Außer einem kurzen unterdrückten Schrei, als er in sie hineingestochen war, blieb sie vor Entsetzen völlig stumm.
Mit einem leisen Stöhnen ließ der Arzt sich auf Erika nieder und drückte sie mit seinem ganzen Gewicht aufs Bett nieder, eine Weile blieb er reglos auf ihr liegen, dann stand er auf, zog seine Hose hoch und verschwand, ohne ein einziges Wort zu sagen. Erika lag noch lange auf ihrem Bett, ohne dass sie fähig gewesen wäre, auch nur einen einzigen klaren Gedanken zu fassen. Wie im Traum stand sie schließlich auf, ging zum Tisch, auf dem eine Waschschüssel mit Wasser stand, nahm einen Waschlappen und wischte sich den Schleim und das Blut von ihren Oberschenkeln, sie hüpfte einige Minuten im Zimmer herum, in der Hoffnung, auf diese Weise allen Samen aus ihrer Vagina entfernen zu können. Sie zog sich an und legte sich wieder auf ihr Bett, an diesem Abend konnte sie sich nicht mehr um Klaus kümmern und als jemand an ihre Tür klopfte, sagte sie, dass sie krank sei.
Natürlich war Erikas Methode zur Verhinderung einer Schwangerschaft wenig effektiv, zwar gab sie die Hoffnung noch nicht auf, als ihre Periode das erste Mal ausblieb, doch als sie dann auch im nächsten Monat ausblieb, musste sie erkennen, dass sie schwanger war. Im Haus wunderten sich alle darüber, dass Erika nicht mehr, wie gewohnt und wie es der Würde des Hauses angemessen war, die Treppe mit gemäßigten Schritten herunterkam, sondern plötzlich die Treppe heruntersprang, indem sie immer drei bis vier Stufen auf einmal nahm, doch auch diese Methode führte bei ihr nicht zu einem Abort, sodass sie sich schließlich mit der Tatsache abfand, dass sie wohl ein Kind gebären würde.
Als sich diese Erkenntnis bei ihr endgültig durchgesetzt hatte, ließ sie sich in der Praxis von Dr. Rössler einen Termin geben. Da dem Arzt der Name Erika Schultheiß vollkommen unbekannt war, machte er sich auch keinerlei Gedanken, als er am Morgen den Namen einer neuen Patientin auf seinem Terminkalender entdeckte. Erst als er seine Sprechstundenhilfe fragte, ob sie wisse, wer diese Frau sei und als Antwort erhielt, dass es das Kindermädchen vom Wörlitzer Gutshof sei, erschrak er ein wenig, weil dadurch unangenehme Erinnerungen bei ihm ausgelöst wurden, Zwar ahnte er nicht wirklich, was da auf ihn zukommen würde, doch ganz geheuer war ihm die Sache nicht und er nahm sich vor, Erika so schnell wie möglich wieder loszuwerden.
Als Erika das Behandlungszimmer betrat, beugte sich Dr. Rössler lange Zeit über seinen Schreibtisch und tat so, als würde er eine Krankenakte intensiv studieren, er hoffte, Erika durch die lange Wartezeit einschüchtern zu können. Schließlich schaute er auf, vermied jedoch einen direkten Blickkontakt mit Erika.
„Mein Kind, was kann ich für dich tun?“
„Herr Dr., ich bin schwanger.“
„Wenn du dir da schon ganz sicher bist, werde ich dich am besten an einen Frauenarzt in einem anderen Ort überweisen. Schließlich bist du nicht verheiratet und wenn der Gutsherr davon erfährt, wirst du deine Stelle wahrscheinlich verlieren. Kennst du denn den Vater deines Kindes und ist er wenigstens bereit, dich zu heiraten?“
„Herr Dr., Sie sind der Vater meines Kindes.“
„Mein Kind, du solltest wirklich vorsichtig sein mit solchen Verleumdungen, ich habe hier schließlich einen guten Ruf zu verlieren. Wenn du glaubst, mit solchen falschen Behauptungen von mir Geld erpressen zu können, dann werde ich dir zeigen, was mit solchen Huren wie du bei uns passieren kann.“
Erika fing an zu schluchzen, die Tränen rollten über ihre hochroten Wangen und mit kaum noch verständlicher Stimme sprach sie ganz leise:
„Ich habe noch nie mit einem Mann geschlafen bis Sie mich vergewaltigt haben und danach auch nicht.“
„Das ist aber nun ein sehr hässliches Wort und es stimmt ja auch gar nicht, denn ich hätte doch niemals mit dir verkehrt, wenn ich nicht ganz deutlich gespürt hätte, dass du es auch willst. Wenn du das in der Öffentlichkeit behauptest, werde ich dich ins Gefängnis stecken lassen.“
Dr. Rössler erinnerte sich, dass er, als er sich an dem Abend nach der Vergewaltigung entkleidete, Blut an seinem Penis entdeckt hatte; er wusste also sehr genau, dass er es war, der Erika entjungfert hatte, deswegen versuchte er nun einzulenken, denn er wollte diese peinliche Angelegenheit so schnell wie möglich aus der Welt schaffen.
„Nun pass mal auf, mein Kind, wer auch immer der Vater deines Kindes ist, ich bin ja bereit, dir in deiner Notlage zu helfen. Sobald das Kind geboren ist, werde ich dir jeden Monat einen gewissen Betrag geben, vorausgesetzt, du erzählst niemandem von deiner Geschichte und vor allem meine Frau darf natürlich niemals etwas davon erfahren.“
Erika hatte nicht gewusst, dass Dr. Rössler verheiratet war und in ihrer Naivität hatte sie tatsächlich geglaubt, dass der Arzt sich zu seiner Vaterschaft bekennen würde, insgeheim hatte sie sogar gehofft, dass er bereit sei, sie zu heiraten. Die letzten Worte des Arztes trafen sie deshalb wie ein gewaltiger Donnerschlag und sie rannte weinend aus der Praxis.
In der darauffolgenden Woche, sie spielte gerade mit dem kleinen Klaus, der inzwischen wieder vollkommen genesen war, wurde sie zum Gutsherrn gerufen.
„Meine liebe Erika, du weißt, dass wir in den zurückliegenden Jahren immer mit dir zufrieden waren, du hast gute Arbeit geleistet, warst stets fleißig und hast dich sehr fürsorglich um unseren kleinen Klaus gekümmert. Deswegen haben wir dich auch für ein frommes und moralisches Mädchen gehalten. Aber was wir jetzt von dir hören müssen, hat uns doch sehr erschüttert.“
Erika stand wie angewurzelt vor dem Gutsherrn, die Tränen liefen wieder über ihre Wange und sie war nicht in der Lage, auch nur ein einziges Wort zu sprechen.
„Wenn es nur darum ging, dass du ein Kind der Sünde unter deinem Herzen trägst, hätten wir vielleicht ja noch bis zu einem gewissen Grad Verständnis gezeigt, wir sind schließlich keine Unmenschen. Du hättest bis zur Geburt des Kindes bei einem befreundeten Ehepaar arbeiten und anschließend auf unseren Hof zurückkehren können.
Aber nun müssen wir erfahren, dass du den seit vielen Jahren in unserer Gemeinde wohnenden ehrenwerten Dr. Rössler beschuldigst, dich … der Vater deines Kindes zu sein. Eine solche Ungeheuerlichkeit können wir natürlich auf gar keinen Fall dulden. Herr Dr. Rössler ist nicht nur ein tadelloser Arzt, sondern ich bin auch persönlich mit ihm befreundet und deswegen weiß ich nur allzu gut, dass dieser Mann zu solch einer Schandtat, wie du sie ihm unterstellst, niemals fähig wäre. Anstatt deine Sünde zu bereuen, Gott um Vergebung zu bitten, und dich demütig in dein Schicksal zu ergeben, fügst du dieser Sünde noch eine weitere, viel größere Sünde hinzu, indem du gegen das Gebot der Nächstenliebe verstößt und Herrn Dr. Rössler auf schändliche Weise verleumdest, um daraus deinen egoistischen Vorteil zu ziehen.
Du wirst sicherlich verstehen, dass wir dir unter diesen Umständen fristlos kündigen müssen, zumal wir es nicht dulden können, dass unser Klaus weiterhin in Kontakt mit einer solch impertinenten Person steht. Aber, wie gesagt, sind wir im Gegensatz zu dir keine Unmenschen, deswegen habe ich dir ein halbwegs gutes Zeugnis geschrieben und du bekommst Geld für einen weiteren Monat, vorausgesetzt, du verlässt noch heute unseren Hof und lässt dich hier nie wieder blicken.
Solltest du dich weigern, werden wir die Polizei verständigen und dich verhaften lassen. Du kannst gehen und deine Sachen packen.“
Erika konnte kaum noch atmen, sie war nicht nur unfähig zu denken, sie nahm auch nichts mehr um sie herum wahr, weder den Gutsherren, noch den Raum, in dem sie sich befand. Sie starrte ins Leere und wie von fremder Hand gesteuert verließ sie den Raum, ging auf ihr kleines Zimmer, packte ihre wenigen Sachen und verließ das Haus und den Hof.
Natürlich konnte sie nicht zu ihren Eltern gehen, denn sie war sich sicher, dass ihre Eltern keinerlei Verständnis für ihre Situation haben würden. Ganz im Gegenteil, obwohl Erika inzwischen schon 27 Jahre alt war, hätte ihr Vater ihr wahrscheinlich eine Tracht Prügel verpasst und sie dann wieder aus dem Haus gejagt.
Vollkommen planlos irrte Erika herum, bis sie plötzlich am Ufer des Wörlitzer Sees stand. Stundenlang starrte sie auf den See, ohne irgendeinen Entschluss fassen zu können. Die Leere in ihrem Kopf wich allmählich den ersten Gedanken.
Sie erinnerte sich, dass sie direkt neben Dr. Rössler gestanden hatte, als er den kleinen Klaus untersuchte, in ihrer Sorge um das Kind wollte sie Klaus auch keinen Moment aus den Augen lassen. War sie dem Arzt vielleicht zu nahe gekommen, hatte sie ihn vielleicht in ihrer Unachtsamkeit sogar berührt, womöglich sogar mit ihren Brüsten seinen Arm gestreift? War das, was danach geschah, vielleicht doch ihre eigene Schuld? Ihre Mutter hatte sie doch immer gewarnt vor den Männern, die Männer können nicht anders, sie brauchen das wie das tägliche Brot; für uns Frauen ist es keine wirkliche Freude, deswegen müssen wir dafür sorgen, dass die Männer es erst bekommen, wenn sie auch bereit sind, für unser tägliches Brot zu sorgen.
Je länger Erika darüber nachdachte, desto klarer wurde ihr, dass es wirklich ihre eigene Schuld war und deshalb hätte sie auch niemals Dr. Rössler in diese unangenehme Situation bringen dürfen. Sie hatte dadurch Sünde auf Sünde gehäuft und nun war sie dabei, noch eine weitere Sünde zu begehen, indem sie sich und das Kind tötete. Nein, sie musste ihre Schuld tragen und sie war bereit, Buße zu tun und auch ihr Kind sollte die gerechte Strafe bekommen.
„Ich bin der HERR, ich habe Geduld, meine Güte ist grenzenlos. Ich vergebe Schuld und Auflehnung; aber ich lasse nicht alles ungestraft hingehen. Wenn sich jemand gegen mich wendet, dann bestrafe ich dafür noch seine Kinder und Enkel bis in die dritte und vierte Generation.“
Langsam kehrte der Lebenswille zurück, Erika ging zum Wörlitzer Bahnhof und löste eine Fahrkarte nach Dessau. Am Bahnhof in Dessau fragte sie einen Mann, ob er ihr eine günstige Unterkunft in Dessau nennen könnte.
„Entschuldigen Sie, wissen Sie vielleicht, ob es hier in der Nähe eine billige Unterkunft gibt?“
„Hast du schon mal in einem Wirtshaus gearbeitet?“
„Nein, aber ich habe viele Jahre als Magd und als Haushaltshilfe auf einem Gutshof gearbeitet.“
„Das ist auch gut. Ich habe ein Wirtshaus im Auenweg, wenn du willst, kannst du bei mir anfangen, zunächst mal in der Küche, da kennst du dich ja sicher schon aus und später vielleicht auch als Bedienung. Viel kann ich dir natürlich nicht bezahlen, aber du bekommst ein kleines Zimmer und Essen bekommst du natürlich auch. Also, wie ist es?“
Erika konnte ihr Glück nach dieser Katastrophe gar nicht fassen und sie sagte natürlich sofort zu.
Die Arbeit in der Küche war für Erika wie gewohnt sehr leicht, sodass der Gastwirt, Karl Berger, mit ihr sehr zufrieden war. Dass Erikas Bauch sich allmählich wölbte, führte Karl zunächst auf das gute Essen in seinem Wirtshaus zurück, doch nach einigen Monaten ließ sich die Schwangerschaft nicht länger verheimlichen.
„Na, mir scheint, dass ich da jetzt ja noch einen zweiten Balg durchfüttern muss. Das hättest du mir sagen müssen, aber jetzt ist es auch egal, Hauptsache du machst deine Arbeit weiter, damit bin ich ja sehr zufrieden. Vor allem, weil ich festgestellt habe, dass die Gäste noch mehr trinken, wenn du bedienst. Aber damit das klar ist, wenn der Balg geboren wird und solange du nicht arbeiten kannst, bekommst du natürlich auch kein Geld, aber du kannst hier wohnen bleiben und zu essen kriegst du natürlich auch.“
„Vielen Dank, Herr Berger, das ist sehr nett von Ihnen.“
Erika war froh über diese Vereinbarung und vor allem darüber, dass Karl nicht ein einziges Mal danach fragte, wer eigentlich der Vater sei. Die Gäste hörten auf, Erika auf den Hintern zu klopfen, stattdessen streichelte der eine oder andere über ihren Bauch, wenn sie das Essen servierte: „Na, da ist ja noch ein Braten im Ofen!“
Erika hatte sich längst an die derbe Art der Gäste gewöhnt und wenn es ihr wirklich mal zu viel wurde, erinnerte sie sich daran, dass sie für ihre Schuld bestraft wurde und dass dies nun wohl die Buße sei, die ihr auferlegt wurde. Alles in allem war sie mit ihrer Situation sehr zufrieden.
Schließlich, liebe Mama, wurdest du 1937 in dem kleinen Zimmer oberhalb des Wirtshauses des Karl Berger in Dessau im Auenweg geboren, ganz alleine, denn Oma Erika wollte weder eine Hebamme noch einen Arzt dabei haben. Insgeheim hatte sie wohl auch gehofft, dass das Kind die Geburt nicht überleben würde, Gottesurteil hatte sie es später genannt. Sie sollte noch des öfteren erleben, dass ihre Wünsche und der Wille Gottes weit auseinanderlagen, denn, so hatte ihre Mutter immer wieder gesagt, in diesem Leben bekommst du nicht, was du willst, sondern was du brauchst.
Obwohl du, liebe Mama, ein unerwünschtes Kind warst, konnte Oma Erika natürlich nicht umhin, dich taufen zu lassen, im Beisein von Karl Berger und dem Mesner Walter Kirchner wurdest du auf den Namen Charlotte Waltraud Schultheiß getauft. Doch deine Mutter, meine Oma Erika, war nicht bereit, sich um dich zu kümmern, jedenfalls zunächst einmal nicht, zumal sie schließlich arbeiten musste und gar keine Zeit hatte, für dich zu sorgen. Wieder einmal war es Karl Berger, der eine Familie kannte, die bereit war, dich in Pflege zu nehmen. An den Namen dieser Familie kannst du dich nicht erinnern, aber du weißt, dass du dich in deinen ersten Lebensjahren sehr wohl gefühlt hast.
Oma Erika war sehr froh, dass sie dich los war und sie teilte auch ihren Eltern nichts von ihrem Kind mit, denn sie wusste nur zu genau, dass sie sich nicht über ihr Enkelkind gefreut hätten, sondern sie wahrscheinlich als Hure beschimpft und sie aus dem Haus geworfen hätten. Sie hörte ihren Vater schon schreien: „Ich habe schon immer gewusst, dass du nur Schande über uns bringst und jetzt hat es sich auch bestätigt, wir wollen mit dir und diesem Balg der Sünde endgültig nichts mehr zu tun haben!“ Genau das war es, was Erika in ihrer jetzigen Situation nun wirklich nicht gebrauchen konnte.
In den nächsten Jahren arbeitete sie entweder unten im Gasthaus oder sie saß alleine oben in ihrem kleinen Zimmer, außer zu Karl und den Gästen hatte sie keinerlei weitere soziale Kontakte.
Wegen des Krieges, der inzwischen ausgebrochen war, hatte die Zahl der Gäste enorm abgenommen, es saßen nur noch ein paar sehr alte Männer und einige wenige Soldaten, die verwundet worden waren oder einen kurzen Heimaturlaub bekommen hatten, in der Gaststube. Meistens waren es auch Gäste, die nur ein einziges Mal in dem Wirtshaus erschienen, um eine Kleinigkeit zu essen oder etwas zu trinken, die Alten hatten nicht genug Geld und die Soldaten mussten bald wieder in den Krieg ziehen, um sich töten oder erneut verwunden zu lassen.
Eines Abends, es war mitten in der Woche und die Gaststube noch vollkommen menschenleer, öffnete sich die Tür und ein Gefreiter, wohl doch schon über vierzig Jahre alt, kam herein und setzte sich an einen Tisch in der hintersten Ecke der Gaststube. Er bestellte ein Bier und ein paar Bratkartoffeln. Erika merkte gleich, dass er nicht, wie die meisten Soldaten, nur in sein Bier starrte, sondern sie ständig beobachte, selbst beim Essen ließ er sie kaum aus den Augen.
Als er seine Bratkartoffeln aufgegessen hatte und Erika den Teller abräumte, bestellte er noch ein zweites Bier und als sie ihm dieses Bier brachte, bat er sie, an seinem Tisch Platz zu nehmen. Da immer noch keine weiteren Gäste in der Wirtstube waren, setzte sie sich zu ihm.
„Bitte entschuldige, dass ich dich die ganze Zeit so angeschaut habe, aber wenn man monatelang nur unter Männern verbringt, kommt einem jede Frau wie ein Engel vor und du bist wirklich besonders schön.“
„Jetzt übertreiben Sie aber. Was machen Sie denn hier in Dessau, anscheinend sind Sie ja gar nicht verwundet?“
„Das stimmt. Ich habe eine Woche Heimaturlaub und meine Eltern wohnen hier in Dessau. Eigentlich bin ich ja schon viel zu alt, um bei den Eltern zu wohnen, doch da ich nicht verheiratet bin, habe ich immer noch keine eigene Wohnung und wie steht es mit dir, hast du einen Mann oder einen Freund?“
Erika ignorierte diese letzte Frage, da es ihr peinlich war, über solche Dinge zu sprechen, sie wollte weder über ihre Familie reden, noch über das, was ihr in den letzten Jahren widerfahren war. Stattdessen unterhielten sich der Gefreite Alfons Gerber und Erika über Alfons Familie, die offensichtlich auch nicht vom Glück verfolgt worden war. Alfons war zwar wesentlich älter als Erika, trotzdem spürte sie eine Wärme von ihm ausgehen, die durchaus keinen väterlichen Charakter hatte. Beiden war es deutlich anzumerken, dass sie gefühlsmäßig vollkommen ausgehungert waren, sodass Erika ihre Hand nicht wegzog, als Alfons anfing, sie zu streicheln.
Gegen zehn Uhr kam Karl Berger zu der Überzeugung, dass es an diesem Tag wohl keine weiteren Gäste mehr geben würde, deshalb beschloss er, das Wirtshaus zu schließen. Nachdem Alfons bezahlt hatte, beugte sich Erika über den Tisch und flüsterte ihm zu, er solle draußen vor der Tür des Hauses warten. An diesem Abend gab es nicht sehr viel aufzuräumen, lediglich die Stühle mussten auf die Tische gestellt werden, damit am nächsten Morgen die Wirtsstube geputzt werden konnte, sodass Erika mit ihrer Arbeit sehr schnell fertig war. Sie schaltete das Licht aus, wünschte Karl eine gute Nacht und ging dann ins Treppenhaus, wo sie betont laut einige Stufen der Treppe hochging. Dann ging sie ganz leise wieder runter, öffnete die Haustür, legte den rechten Zeigefinger auf den Mund und zog Alfons, der vereinbarungsgemäß neben der Haustür gewartet hatte, am Ärmel ins Haus hinein. Er zog seine Schuhe aus und sie gingen gemeinsam die Treppe hinauf in Erikas kleines Zimmer.
Beide standen sich eine Weile schweigend gegenüber, bis Alfons sie schließlich küsste; es war ein wilder und fast schmerzhafter Kuss, der erkennen ließ, dass er vollkommen ausgehungert war. Beide zogen sich aus und warfen sich aufs Bett; hier bestätigte sich, wie ausgehungert Alfons war, denn kaum lag er auf Erika, ergoss er sich auch schon zwischen ihren Schenkeln, ohne dass es ihm gelungen war, in sie einzudringen. Er legte sich neben Erika, flüsterte ganz leise „Tut mir leid!“, und schlief sofort ein.
Erika lag noch lange wach und starrte an die Decke, wieder einmal hatte sie einen Mann über sich ergehen lassen, ohne dass sie wirklich dabei etwas empfunden hätte. Doch diese Mal war sie wenigstens nicht alleine, es lag jemand neben ihr, dessen Wärme sie spürte und so kam sie schließlich zu der Überzeugung, dass das der Preis war, den Frauen zahlen mussten, um geliebt zu werden oder wenigstens um nicht alleine sein zu müssen.
Erika schlief sehr unruhig und wurde auch schon sehr früh wach, denn sie wollte auf gar keinen Fall, dass Karl etwas von ihrem nächtlichen Besuch mitbekam. Deshalb weckte sie Alfons und bat ihn, das Haus ganz leise zu verlassen. In dieser Woche kam Alfons jeden Abend in das Wirtshaus und verbrachte jede Nacht in Erikas Zimmer. Nach der dritten Nacht sagte Karl zu Erika: „Du brauchst deinen neuen Freund nicht jeden Morgen so früh aus dem Haus schicken. Die Wände in diesem Haus sind so dünn, dass nichts lange verborgen bleibt.“ Erika errötete, denn sie hatte wirklich geglaubt, dass Karl von ihren Besuchen nichts mitbekommen hätte. Aber sie war erleichtert, dass ihr Karl keine Vorwürfe machte und darüber, dass sie nun nicht mehr so vorsichtig sein mussten.
Zwar gelang es Alfons in den folgenden Nächten in Erika einzudringen, doch war er jedes Mal nach ein bis zwei Minuten fertig und jedes Mal entschuldigte er sich. Erika war es nun egal, denn sie war jetzt so froh darüber, dass sie endlich nicht mehr ganz alleine war, deshalb fürchtete sie auch das Ende der Woche, denn sie wusste, dass ihr Glück dann schon wieder vorbei sein würde und vor allem fürchtete sie den Abschied, weil sie nicht wusste, ob es für sie ein Wiedersehen geben würde, nicht nur wegen des Krieges, an den dachte sie in diesen Tagen überhaupt nicht, sondern vor allem, weil sie keinerlei Ahnung hatte, ob Alfons nur seine Befriedigung suchte oder ob aus dieser kurzen Woche eine echte Beziehung entstehen könnte. Deswegen war sie froh, als Alfons am letzten Abend dieses Problem ansprach.
„Ich muss morgen wieder zurück zu meiner Einheit. Wirst du auf mich warten? Wirst du noch hier sein, wenn alles vorbei ist? Ich weiß, ich bin viel älter als du und wir kennen uns erst seit einer Woche…. Willst du mich heiraten, wenn ich zurückkommen?“
Damit hatte Erika natürlich auf gar keinen Fall gerechnet, sie war darauf eingestellt, Alfons nie wiederzusehen, vielleicht ein unverbindliches „Wir sehen uns, wenn ich wieder da bin.“, aber auf keinen Fall hatte sie mit einem Heiratsantrag gerechnet. Mit hochrotem Kopf schaute sie Alfons eine Weile an, dann nahm sie ihn in den Arm und flüsterte ihm ein leises „Ja!“ ins Ohr. Anschließend ließ sie Alfons über sich ergehen, während sie mit ihren Gedanken sich ihr zukünftiges Eheleben vorstellte.
Als Erika am nächsten Morgen aufwachte, war Alfons schon fort, sie legte sich noch eine Weile an die Stelle, an der Alfons geschlafen hatte, atmete seinen Geruch tief ein und träumte von ihrem zukünftigen Leben. Die Arbeit im Wirtshaus fiel ihr nun noch leichter, weil sie sich ständig mit der Frage beschäftigte, ob es in ihrem Leben doch noch so etwas wie Glück geben sollte, wodurch sie gar nicht mehr merkte, wie schnell die Zeit verging, oft konnte sie es gar nicht glauben, dass schon wieder Feierabend war.
