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Im Jahr 1832 leiden Menschen in Paris an der Cholera, verursacht durch ein Bakterium, heute kämpfen wir gegen ein Corona-Virus, das eine ernsthafte Lungenkrankheit verursachen kann. Heinrich Heine, in Paris lebend, veröffentlicht Zeitungsartikel, in denen er als "ordnender Geist" und unmittelbarer Zeuge beschreibt, wie er die Cholera-Epidemie in Paris 1832 erlebt. Geistreich, ironisch, sich virtuos der deutschen Sprache bedienend, schildert Heine die Zustände in Paris. Heines Berichte, unter dem Titel "Französische Zustände" in der "Allgemeinen Zeitung" und später als Buch veröffentlicht, bilden das Gerüst dieses Buches. Heines Darstellungen über die Entwicklungen vor 190 Jahren stellt der Autor die heutige Lage gegenüber, unser Verhalten angesichts der Heimsuchung durch das Corona-Virus.
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Seitenzahl: 163
Veröffentlichungsjahr: 2021
Titelbild: Harmonia Armanda
Photographie retravaillée d´une des Chimères
Cathédrale Notre-Dame de Paris
Wikimedia Commons Licence art libre
Rückseite: Séraphin-Médéric Mieusement
Cathédrale Notre-Dame - Galerie de la façade ouest,
Chimère, 1892
Public domain
Umschlaggestaltung: Simona Jekabsons
Heinrich Heine im Jahr 1829
„Bibliothek des allgemeinen und praktischen Wissens.
Bd 5“ (1905)
Deutsche Literaturgeschichte , Seite 115
HOLGER SCHULZ
ANGEKRÄNKELTES LAND
UN PAYS MALADIVE
SKIZZEN ZWEIER ÜBEL
ESQUISSES DE DEUX MAUX
© 2021 Holger Schulz
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44,
22359 Hamburg
ISBN:
978-3-347-31008-7 (Paperback)
978-3-347-31009-4 (Hardcover)
978-3-347-31010-0 (E-Book)
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ÜBER DIESES BUCH
CHOLERA IN PARIS, CORONA IN DEUTSCHLAND
„FRANZÖSISCHE ZUSTÄNDE“, DEUTSCHE ZUSTÄNDE
SORGLOSIGKEIT
UNRUHE IN FRANKREICH, RUHE IN DEUTSCHLAND
UNSICHERHEIT UND BESSERWISSEREI
MASSNAHMEN GEGEN DIE EPIDEMIEN
ANGST
STRATEGIEN
DIE FOLGEN DER EPIDEMIEN
APATHIE UND NEUE UNRUHEN
POLITISCHE FOLGEN
ÖKONOMISCHE FOLGEN
WAS WIRD SEIN?
ÜBER DIESES BUCH
Chimèren machen Angst, sie sind Ungeheuer.
Sie blicken, steingeworden, von der Kathedrale Notre Dame in Paris auf die Stadt. Sie können aber auch unsichtbar sein, als Viren und Bakterien.
Vor 190 Jahren bedroht ein Bakterium die Menschen in Paris, jetzt geht weltweit ein Virus um.
Während langer Monate seit Beginn des Jahres 2020 vergeht kein Tag, an dem die Menschen nicht mit besorgniserregenden Meldungen in den Medien über eine Pandemie beunruhigt werden: Es grassiert ein Virus und infiziert weltweit Tausende. Das Virus gehört zur Familie der Coronaviren und erhält die Bezeichnung SARS-CoV-2 (Severe acute respiratory syndrome coronavirus). Menschen, die mit diesem Virus infiziert werden, erleiden bisweilen eine Atemwegserkrankung, die als Covid-19 bezeichnet wird (Corona virus desease 2019). Bei schwerem Krankheitsverlauf kann Covid-19 tödlich sein.
Dieses Buch soll die Reihe der nahezu unübersehbaren Zahl der Veröffentlichungen zu SARS-CoV-2 und Covid-19 nicht fortsetzen, sondern ich möchte mit einem Blick in die Literatur der Zeitzeugen einer vergangenen Epidemie verdeutlichen, wie eine frühere Generation mit einer Heimsuchung umgegangen ist.
Im Gegensatz zu den weitgehend düsteren Prophezeiungen vieler heutiger Autoren über die Entwicklung und Folgen der SARS-CoV-2-Pandemie haben die Menschen der Vergangenheit nach meinem Eindruck grassierende Seuchen wesentlich gelassener ertragen. Krankheiten, Seuchen und der Tod gehörten fraglos zum Leben. Heute wird die Vergänglichkeit des Lebens oftmals als Verhängnis gewertet, das um jeden Preis zu vermeiden ist.
Die Gegenüberstellung in diesem Buch, wie die Menschen vor rund 190 Jahren, im Jahr 1832, gegen die Cholera in Paris angehen, mit unserem Verhalten, wie wir heute die Corona-Epidemie versuchen zu meistern, fällt nicht zu unseren Gunsten aus.
Die Medien erzeugen heute oftmals Panik. Allerdings behaupten sie dabei, mit ihrer Berichterstattung vor einer Panik warnen zu wollen. Tagaus, tagein verbreiten sie in alarmistischer Weise Zahlen über Infektionen im In- und Ausland.1
Es dürfte jedoch Gelassenheit angebracht sein.
Über die Cholera-Epidemie in Paris vermittelt Heinrich Heine in seinen Berichten über „Französische Zustände“ einen anschaulichen Eindruck in der „Allgemeinen Zeitung“ und später in Büchern darüber, wie er als Zeitzeuge, Journalist und Literat die Ausnahmesituation im Paris des Jahres 1832 erlebt. Heines Darstellungen bilden das Gerüst dieses Buches.
Allerdings ist Heine nicht Zeitzeuge in dem Sinne, dass er immer als unmittelbarer Zeuge der von ihm geschilderten Zustände gelten kann. Heine wertet die französischen Zeitungen, beispielsweise den „Constitutionel“, die auflagenstärkste Zeitung, den „Figaro“ oder den „National“ aus, und er „verdichtet“ die Meldungen und Meinungen der Gazetten in den „Französischen Zuständen“. Er fügt Fragmente aus den Journalen zusammen, die er spannungsreich, nicht immer faktenorientiert, dramatisiert, ja, sogar manipuliert und somit neu gestaltet. Als „Journalist und Schriftsteller“ bezeichnet Heine sich selber, der als „ordnender Geist“ ein Werk liefert. In den „Französischen Zuständen“ bestätigt er beide Rollen.
Es bereitet mir immer wieder großes Vergnügen, Heines Texte zu lesen; bei jeder Wiederholung der Lektüre entdecke ich neue Aspekte, die mir beim vorangegangenen Lesen nicht aufgefallen waren. Heines „Französische Zustände“ sind ein Meisterwerk, jedoch wird diese Wertung nicht von allen geteilt, namentlich nicht von Ludwig Börne, der zur selben Zeit wie Heine in Paris lebt, seinen Landsmann jedoch nicht ausstehen kann.
Börnes Anmerkungen zur Cholera werde ich später behandeln. An dieser Stelle sei lediglich auf eine Notiz in einem am 25. Februar 1833 geschriebenen Brief Börnes verwiesen, der Börnes Urteil über Heines „Französische Zustände“ wiedergibt: „Soll ich über Heine´s Französische Zustände ein vernünftig Wort versuchen? Ich wage es nicht.“ „Das fliegenartige Misbehagen“, das Börne „um den Kopf summte“, hindert ihn nicht, in diesem Brief seitenlang der Geringschätzung Heines Ausdruck zu verleihen.
Zwei Anmerkungen sind an dieser Stelle noch angebracht.
Zum einen: Heine ist gefährlich. Ein Facebook-Nutzer hat Heine im April 2021 bei Facebook zitiert und ist daraufhin von dem Internetriesen gesperrt worden, weil er mit Heines Wort Hassrede und Herabwürdigung verbreite. Das Zitat lautet: „Der Deutsche gleicht dem Sklaven, der seinem Herrn gehorcht ohne Fessel, ohne Peitsche…“2
Heine kennt es, verfemt zu sein. Zuletzt ist sein Werk im Nationalsozialismus unterdrückt und dann auch verboten worden (1940).
Zum zweiten: Heine schreibe „mit gesundem Menschenverstand“, befindet Franz Grillparzer, der Heine im April 1836 in Paris besucht,3 und er, Heine, so empfinde ich es, beschreibt mit gesundem Menschenverstand, leidenschaftlich, geistreich, ironisch, polemisch die Zustände in Paris, und er versteht es, sich der deutschen Sprache so virtuos zu bedienen, als schriebe er in seiner Prosa klangvolle Lyrik. Heines Sprache ist reich, voller Melodien.
Marcel Reich-Ranicki, Literaturkritiker und Heine-Verehrer, erklärt im Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (2006), zu Beginn der 1970er Jahre hätten in einer Umfrage die weitaus meisten der neunzig deutschen Autoren bekannt, niemals etwas von Heine gehört zu haben, oder aber er sei ihnen gleichgültig.4 Das ist ein deprimierendes Ergebnis. Es dürfte heute nicht besser sein. Vielleicht trägt dieser Text dazu bei, dass Heine einige neue Leser gewinnt?5
Wer Heine mag, mag auch die deutsche Sprache.
CHOLERA IN PARIS, CORONA IN DEUTSCHLAND
„FRANZÖSISCHE ZUSTÄNDE“, DEUTSCHE ZUSTÄNDE
Heinrich Heine hat Deutschland verlassen und lebt seit 1831 in Paris. Die Julirevolution in Frankreich im Jahr 1830 mit der Beendigung der Bourbonen-Herrschaft verspricht ihm, so sieht er es, in Frankreich ein freieres Leben als in Deutschland, dem Land des „Schlafmützentums“. Heines Problem, ein geregeltes Leben in eingeengten beruflichen Bahnen zu führen - er bezeichnet die Stadt Hamburg, in der er mit dem von seinem Onkel Salomon Heine für ihn eingerichteten Tuchgeschäft pleite geht, als „Schacherstadt“ und „verludertes Kaufmannsnest“ - dieser Enge meint er in Paris entkommen zu können und sein „unerquickliches Leben“ in Hamburg hinter sich zu lassen. Salomon Heine zeigt sich sein Leben lang großzügig und unterstützt seinen Neffen auch im fernen Paris.6
Heines erste Adresse in Paris ist das Hôtel de Luxembourg in der Rue Vaugirard 54, direkt am Jardin de Luxembourg, also eine sehr noble Unterkunft. Schon im Februar 1832 wechselt er allerdings auf die andere Seite der Seine, die Rive droite, in eine Wohnung in der Rue de l´Échiquier 38, die in einem stillen Hinterhof liegt. August Lewald schreibt dazu in seinen Gesammelten Schriften über seinen Freund Heine: „In Paris wählt er lange, bis er eine Wohnung findet. (…) Die einsamsten, entlegensten Straßen sind ihm die liebsten; und nun wählt er wieder einen einsamen, stillen Hof, oft den zweiten, dritten, wenn es sein kann, weit weg vom Geräusche und Treiben des Lebens; kein Stall, kein Waschhaus, kein Handwerker darf in der Nähe sein.“ Heines Wohnung „lag im zweiten Hofe eines geräumigen Hôtels, in welchem Gras wuchs und eine Todtenstille lagerte.“7
Heine glaubt sich, schreibt August Lewald weiter, „von Spionen aller Nationen umgeben, denn auch wegen seiner kühnen Aeußerungen über Louis Philipp hielt er sich nicht für sicher. Es war merkwürdig, ihn zu beobachten, mit welcher Verachtung der Gefahr er seine Meinung ins Publicum sandte.“8
In Paris schreibt Heine in dieser Wohnung neben Essays, Gedichten und Prosa auch politische Artikel für Zeitungen, für das deutsche Publikum in der Augsburger „Allgemeinen Zeitung“, die im Verlag der Cotta´schen Buchhandlung des Verlegers Johann Friedrich Cotta erscheint. Einige in dieser Zeitung veröffentlichten Beiträge gibt Heines Hamburger Verleger Julius Campe später, im Jahr 1833, nach längerem Streit zwischen Heine und Campe („Leben Sie wohl und hole Sie der Teufel“, Heine am 28. Dezember 1832 an Julius Campe) unter dem Titel „Französische Zustände“ als Buch heraus.
„Ich rede von der Cholera, die seitdem hier herrscht, und zwar unumschränkt, und die, ohne Rücksicht auf Stand und Gesinnung, tausendweise ihre Opfer niederwirft.“
Am 29. April 1832 veröffentlicht die „Allgemeine Zeitung“ als „Außerordentliche Beilage“ ohne Nennung des Namens des Verfassers den ersten Teil eines Berichtes mit dem Titel „Französische Zustände“, die Schilderung Heinrich Heines über die Cholera in Paris. Der Text erscheint bereits zehn Tage nach seiner Niederschrift in der Zeitung. An den folgenden Tagen können die Leser bis zum 2. Mai die weiteren Fortsetzungen der Beschreibungen Heines über die Cholera verfolgen. Am Schluss der letzten Folge sind die Initialen des Verfassers der Berichte aufgeführt: H. H., mehr nicht.
Unter den Datum des 19. April 1832 schreibt Heine, er wolle in einem späteren Artikel über die Revolution in Frankreich schreiben, aber „die Gegenwart ist in diesem Augenblicke das Wichtigere, und das Thema, das sie mir zur Besprechung darbietet, ist von der Art, daß überhaupt jedes Weiterschreiben davon abhängt.“9 „Ich rede von der Cholera“, erklärt Heine, die jetzt in Paris herrsche „und zwar unumschränkt, und die, ohne Rücksicht auf Stand und Gesinnung, tausendweise ihre Opfer niederwirft.“
„Bei dem großen Elende, das hier herrscht, bei der kolossalen Unsauberkeit, die nicht blos bei den ärmeren Klassen zu finden ist, bei der Reizbarkeit des Volkes überhaupt, bei seinem grenzenlosen Leichtsinne, bei dem gänzlichen Mangel an Vorkehrungen und Vorsichtsmaaßregeln, mußte die Cholera hier rascher und furchtbarer als anderswo um sich greifen.“
Mit dem „großen Elende“ beschreibt Heine die Lebenssituation der „ärmeren Klassen“, die nach seiner Darstellung darunter leiden müssen, dass die politisch Verantwortlichen keine ausreichenden Vorsichtsmaßnahmen veranlasst hätten, wie sie, Heine erwähnt es an anderer Stelle, in London getroffen worden sind.
Die „Deutsche Welle“ meldet am 31. Dezember 2019 unter der Überschrift „Mysteriöse Krankheit in China entdeckt“, eine bislang unbekannte Lungenkrankheit sei in derzentralchinesischen Metropole Wuhan ausgebrochen und fragt „Droht eine neue Pandemie?“10
Es würden Erinnerungen an die SARS-Pandemie aus dem Jahr 2002 wach, die zu den gefährlichsten Infektionswellen der jüngeren Zeit zähle. Jeder zehnte Patient sei damals an der Virus-Infektion gestorben. Das chinesische Parteiorgan, die „Volkszeitung“, dementiere jedoch diese Darstellung.
Seit Anfang Dezember 2019 erkranken mehrere Patienten in Wuhan an einer Lungenentzündung. Die Polizei in Wuhan ermittelt gegen Personen, die Gerüchte verbreiten, es handele sich um einen neuen Ausbruch von Infektionskrankheiten.11 Der Augenarzt Li Wenliang warnt vor der neuen Krankheit, unterschreibt jedoch anschließend auf Druck des örtlichen Büros für Sicherheit eine Erklärung, er habe „falsche Kommentare“ abgegeben und sei bereit, die Krankheit nicht weiter zu diskutieren. (3. Januar 2020). Li Wenliang stirbt am 6. Februar 2020 an der neuen Lungenkrankheit.
Eine ähnlich nüchterne Darstellung der Auswirkungen der Cholera in Paris im Jahr 1832, wie die obige Wiedergabe der aktuellen Entwicklung der Corona-Infektionen in Wuhan, ist nicht zu erwarten, wenn Heinrich Heine als Autor berichtet.
Ein Blick auf die literarische Arbeit Heines zeigt, dass er in den „Französischen Zuständen“ keineswegs objektiv als neutraler Berichterstatter agiert.
Heine beschreibt Stimmungen, auch seine eigenen, und schildert häufig weniger die Realität, sondern erzählt eher von emotional geprägten Eindrücken. Schon bei der Einleitung zu seiner Darstellung über die Cholera vermerkt Heine: „Ich wurde in dieser Arbeit viel gestört, zumeist durch das grauenhafte Schreien meines Nachbars, welcher an der Cholera starb.“ Er sei sich „zwar nicht bewußt, die mindeste Unruhe empfunden zu haben, aber es ist doch sehr störsam, wenn einem beständig das Sichelwetzen des Todes allzuvernehmbar ans Ohr klingt.“ Die Einführung zielt auf Emotionen der Leser, die die grauenhafte Situation nachvollziehen sollen. Das „Sichelwetzen des Todes“ ist ein sprachliches Meisterstück, das eine gewisse Schockwirkung in der Vorstellung der Leser hervorrufen dürfte, wenn sie sich ausmalen, wie der Tod mit abscheulichem Geräusch sein Werkzeug schärft.
Trotz der emotionalen Passagen seiner Berichte nimmt Heine für sich in Anspruch, eine objektive Darstellung der Cholera-Epidemie zu übermitteln. „Die folgende Mittheilung“, schreibt er, „hat vielleicht das Verdienst, daß sie gleichsam ein Bülletin ist, welches auf dem Schlachtfelde selbst, und zwar während der Schlacht, geschrieben worden, und daher unverfälscht die Farbe des Augenblicks trägt.“
Heine selbst bescheinigt sich die nötige „Gemüthsruhe“, um über die „Geschichte der Zeit“, die Cholera, zu berichten. Vom „Schlachtfelde selbst“ berichtet Heine nicht, sondern er lässt sich drei Wochen Zeit, bevor er mit Datum vom 19. April 1832 die Ereignisse der ersten Wochen der Epidemie zu Papier bringt.
„Ihre Ankunft war den 29. März offiziell bekannt gemacht worden, und da dies der Tag des Demi Carême12 und das Wetter sonnig und lieblich war, so tummelten sich die Pariser um so lustiger auf den Boulevards, wo man sogar Masken erblickte, die, in karrikierter Mißfarbigkeit und Ungestalt, die Furcht vor der Cholera und die Krankheit selbst verspotteten.“
„Le Moniteur universel“ informiert die Leser am 29. März 1832, dass einige Vorfälle am 27. und 28. März Anlass dazu geben anzunehmen, die krampfartige Cholera habe sich in Paris ausgebreitet. Die Zeitung beruhigt die Bevölkerung aber sofort mit der Information, es seien Schritte unternommen worden, die Fakten festzustellen. Im Übrigen gelten Sauberkeit, gesunde Ernährung, der Verzicht auf starke alkoholische Getränke und jegliche Exzesse als beste Vorsorge.
Das Corona-Virus breitet sich aus, weltweit, es kann zu einer Pandemie kommen, aber für uns in Deutschland ist das Risiko gering.
Das Robert Koch-Institut (RKI), die zentrale Forschungseinrichtung der Bundesrepublik Deutschland zur Beobachtung von Krankheiten und Gesundheitsgefahren, meldet am 13. Februar 2020, sechzehn Tage zuvor, am 28. Januar 2020, sei in Deutschland ein erster Fall einer Infektion mit dem „neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 laborbestätigt“ worden. Inzwischen seien 16 Fälle einer Infektion bekannt, schreibt das RKI in seinem „Epidemiologischen Bulletin“ 7/2020.13
Kenntnisse über die Eigenschaften des Virus, beispielsweise die Ansteckungsfähigkeit (Infektiosität), die Zeitdauer, bis nach einer Ansteckung bei Infizierten Symptome erkennbar sind (Inkubationszeit) oder wie lange Erkrankte Viren ausscheiden seien nicht vorhanden. Allerdings sei das „Risiko für die Bevölkerung in Deutschland aktuell noch als gering“ einzuschätzen. Wie das RKI zudieser Beurteilung kommt, ist nicht nachvollziehbar, da das „Epidemiologische Bulletin“ auch berichtet, das Coronavirus breite sich in China, dem Land, in dem das Virus SARS-CoV-2 zuerst festgestellt worden ist, weiter aus, und die globale Entwicklung lege es nahe, „dass es zu einer weltweiten Ausbreitung des Virus im Sinne einer Pandemie kommen kann.“
Die „Tagesschau“ eröffnet die Sendung am 22. Januar 2020 um 20 Uhr mit der Meldung „In China werden immer mehr Fälle von Erkrankungen durch das neue Coronavirus bekannt. (…) Die Weltgesundheitsorganisation in Genf berät in einer Krisensitzung über die Lage.“ Im darauf folgenden Filmbericht heißt es: „Die Lage ist ernst.“ Filme und Grafiken verdeutlichen die internationale Ausbreitung des Virus, das zum ersten Mal, laut „Tagesschau“, auf einem Fischmarkt in der chinesischen Millionenstadt Wuhan in der Provinz Hubei aufgetreten sei. Der Beitrag über das Coronavirus ist mit 3: 50 Minuten relativ ausführlich; er endet mit der Einschätzung des RKI, das Risiko sei gering.
Das Publikum wird diesen Beitrag achselzuckend zur Kenntnis genommen haben.
Heinrich Heine notiert, die öffentlichen Hinweise und Mahnungen zur Vermeidung der Krankheit würden nicht ernst genommen.
„Desselben Abends waren die Redouten besuchter als jemals; übermüthiges Gelächter überjauchzte fast die lauteste Musik, man erhitzte sich beim Chahût14, einem nicht sehr zweideutigen Tanze, man schluckte dabei allerlei Eis und sonstiges kaltes Getrinke: als plötzlich der lustigste der Arlequine eine allzu große Kühle in den Beinen verspürte, und die Maske abnahm, und zu aller Welt Verwunderung ein veilchenblaues Gesicht zum Vorschein kam. Man merkte bald, daß solches kein Spaß sei, und das Gelächter verstummte, und mehrere Wagen voll Menschen fuhr man von der Redoute gleich nach dem Hotel-Dieu, dem Centralhospitale, wo sie, in ihren abenteuerlichen Maskenkleidern anlangend, gleich verschieden.“
In Düsseldorf erfreuen sich die vielen Tausend feiernden Karnevalisten am 24. Februar 2020 beim Rosenmontagszug an den Themenwagen, die an den Feiernden vorbeifahren. Ein blau-buntes lachendes „Carnevals-Virus“ aus Pappmachée auf einem der Themenwagen macht einem gelb-grünen, grimmig blickenden „Corona-Virus“, ebenfalls aus Pappmachée, eine lange Nase. Dem närrischen Frohsinn sind keine Grenzen gesetzt, jubelnd, trotz Regens, begrüßen die munteren Karnevalisten diesen geistesblitzenden Einfall rheinischen Humors in Zeiten der Pandemie.
Wichtig ist:„Die Karnevalisten bezogen klar Position gegen rechts“, vermittelt der Westdeutsche Rundfunk auf seiner Webseite. „Kamelle gegen Rechts: Rosenmontag in Düsseldorf und Köln“ lautet der Titel des WDR-Berichts, der auch die Zahl der Feiernden nennt: Eineinhalb Millionen Jecken in Köln und Düsseldorf. Das Bild des Karnevalwagens mit den Pappmachée-Viren kommentiert der WDR mit einem speziellen Sinn für Humor so:„Jeck ist härter“. Die Belustigungen der Einfaltspinsel im Karneval finden angemessene Resonanz im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.
„Direkt aus dem dpa-newskanal“, also - wie so häufig - unter Verzicht auf den Versuch eigener journalistischer Arbeit, berichtet die „Süddeutsche Zeitung“ am 28. Februar 2020, vier Tage nach dem Rosenmontag, es befänden sich schätzungsweise 1000 Menschen im Kreis Heinsberg, dem westlichsten Kreis in Deutschland im Regierungsbezirk Köln, in häuslicher Quarantäne. Ein 100-köpfiger Krisenstab kämpfe gegen die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus. Auf einer Karnevalsveranstaltung am 15. Februar 2020, einer „Kappensitzung“, könnten sich etwa 400 Personen infiziert haben.15
„Lustig, wie sie gelebt haben, liegen sie auch lustig im Grabe.“
„Da man in der ersten Bestürzung an Ansteckung glaubte, und die älteren Gäste des Hotel-Dieu ein gräßliches Angstgeschrei erhoben, so sind jene Todten, wie man sagt, so schnell beerdigt worden, daß man ihnen nicht einmal die buntscheckigen Narrenkleider auszog, und lustig, wie sie gelebt haben, liegen sie auch lustig im Grabe.“
Die „Allgemeine Zeitung“ meldet am 5. April 1832: „Der erste nach dem Hotel Dieu am 27. März gebrachte Kranke hieß Fouquetti. Nach ihm wurden 10 andere Kranke gebracht; sie boten dieselben Symptome dar. Um halb 4 Uhr Morgens am 29. waren von den elf aufgenommenen Kranken drei unterlegen, ein vierter war am Tode.“
Das „Centralhospital“ Hôtel-Dieu in Paris, etwa 1867, 10 Jahre vor dem Abriss. Foto von Charles Marville (1813-1879), Wikimedia Commons, Public Domain.
Von der Balustrade der Kathedrale Notre Dame sehen die Chimèren auf das Hospital herab.
Als bekannt wird, dass die Cholera im Herbst 1831 in Polen, Preußen und Wien ausgebrochen ist, sind die Pariser beunruhigt, stellt Franz Ritter von Heintl, österreichischer Nationalökonom, fest. Er schreibt im Oktober 1831 in Paris: „Die vielen Schriften, welche über die Cholera gedruckt und ausgetheilt worden sind, (…) haben eine erstaunliche Angst unter den Menschen verbreitet. Sie ist mehr als die Pest gefürchtet.“16 Als die Cholera noch weit entfernt gewesen ist, hätten die Pariser sie nicht für ansteckend und gefährlich gehalten, „jetzt, nachdem die Cholera vor der Thüre ist, fängt eine große Angst an bemerkbar zu werden.“
Es sieht für Paris nicht gut aus, befürchtet von Heintl: „Von Seite der Regierung und der Stadt Paris sehe ich noch gar keine Vorbereitung (…). Der hiesige Pöbel ist so unwissend, wie anderwärts, nur noch dazu an Unfolgsamkeit gegen die Aufträge der Vorgesetzten, an Aufstand und Tumult gewohnt.“ Der Regierung fehle die Kraft, Volksaufstände und Ausschweifungen zu hindern.
Von Heintl, der zahlreiche Bücher im Eigenverlag über die Landwirtschaft geschrieben hat, ahnt: „Kommt die Cholera nach Paris, wie nun fast nicht mehr zu zweifeln ist; so werden hier große Unordnungen statt finden, welche die persönliche Sicherheit gefährden, und es ist besonders den Fremden rathsam machen bei Zeiten sich zu entfernen.“
Von Heintl entfernt sich „bei Zeiten“ und kehrt vor Ausbruch der Cholera nach Wien zurück.
Von Heintls Behauptung, die Regierung und die Stadt Paris hätten keine Vorbereitungen zur Bekämpfung der Cholera getroffen, entspricht keineswegs den Tatsachen.
