Angel Falls - Und dann kamst du - Miranda Liasson - E-Book
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Angel Falls - Und dann kamst du E-Book

Miranda Liasson

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Beschreibung

Ein einziger Kuss stellt ihre Welt auf den Kopf ...

Eigentlich hatte Sara Langdon mit dem Kleinstadtleben abgeschlossen, doch als ihre Großmutter erkrankt, beschließt sie, nach Angel Falls zurückzukehren und bei ihrem Vater in der Praxis einzusteigen. Als ihr erster Patient ausgerechnet Colton Walker ist, beginnt sie ihre Entscheidung anzuzweifeln - schließlich ist er schuld daran, dass ihr Ex-Verlobter bei seinem Junggesellenabschied auf Abwege geraten ist. Und doch lässt sich die intensive Anziehungskraft zwischen ihnen nicht leugnen, und es kommt zu einem atemberaubenden Kuss, der alles ändert ...

"Dieses Buch darfst du nicht verpassen. Es wird dich zum Lachen und dein Herz zum Schmelzen bringen." MARINA ADAIR, BESTSELLER AUTORIN

Band 1 der ANGEL-FALLS-Serie von Bestseller Autorin Miranda Liasson

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Seitenzahl: 552

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt

Titel

Zu diesem Buch

Widmung

1

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Epilog

Danksagung

Die Autorin

Die Romane von Miranda Liasson bei LYX

Leseprobe

Impressum

MIRANDA LIASSON

Angel Falls

UND DANN KAMST DU

Roman

Ins Deutsche übertragen von Michaela Link

Zu diesem Buch

Eigentlich hatte Sara Langdon mit dem Kleinstadtleben abgeschlossen, doch als ihre Großmutter erkrankt, beschließt sie, nach Angel Falls zurückzukehren und bei ihrem Vater in der Praxis einzusteigen. Als ihr erster Patient ausgerechnet Colton Walker ist, beginnt sie ihre Entscheidung anzuzweifeln – schließlich ist er schuld daran, dass ihr Ex-Verlobter bei seinem Junggesellenabschied auf Abwege geraten ist. Und doch lässt sich die intensive Anziehungskraft zwischen ihnen nicht leugnen, und es kommt zu einem atemberaubenden Kuss, der alles ändert …

Für alle, die einen geliebten Menschen auf der Alzheimer-Reise begleiten müssen

Manchmal ist der letzte Mensch auf der Welt, mit dem man zusammen sein möchte, zugleich der Einzige, ohne den man nicht leben kann.

– Werbeslogan für den Film Stolz und Vorurteil, 2005

1

Dr. Serafina Langdon stand in der Notaufnahme des Gemeindekrankenhauses von Angel Falls vor der Tür zu Untersuchungsraum 3, kniff die Augen zu und bemühte sich, ein besserer Mensch zu sein. Offensichtlich versuchte eine höhere Macht ihr zu sagen, dass sie die falsche Entscheidung getroffen hatte, als sie in ihre Heimatstadt Angel Falls in Ohio zurückgekehrt war. Denn der Name auf dem Blatt Papier in ihrer Hand verriet ihr, dass der Patient in dem Raum vor ihr niemand anderes als Colton Bentley Walker war.

Nicht er. Jeder, nur nicht er. Sie hatte gehofft, sich erst einmal in aller Ruhe wieder in der Stadt einleben und eine Existenz aufbauen zu können, bevor sie sich – ganz zu ihren eigenen Bedingungen – dem Mann stellen würde, der vor einem Jahr mitgeholfen hatte, ihre Verlobung null und nichtig zu machen. Und der schon seit vielen Jahren ein beständiges Ärgernis für sie war – im Grunde seit sie vierzehn gewesen war. Sie hatte gewusst, dass dieser Tag kommen würde; sie hatte nur nicht damit gerechnet, dass es gleich während ihrer ersten Schicht in der Notaufnahme so weit sein würde.

Sara holte tief Luft. Sie rief sich noch einmal ins Gedächtnis, warum sie in diese verschlafene Kleinstadt zurückgekehrt war und nach ihrem hochkarätigen Elitestudium an der Columbia University in der Arztpraxis ihres Vaters anfangen würde. Ihrer wunderbaren, über alles geliebten Großmutter war vor Kurzem die Diagnose Alzheimer gestellt worden, und Sara wollte alles in ihrer Kraft Stehende tun, um der Frau zu helfen, die ihr ganzes Leben lang ihr Fels in der Brandung gewesen war, ihre Stütze, ihre nimmermüde Fürsprecherin. Um Nonnas willen würde sie es mit den Dämonen der Vergangenheit aufnehmen können.

Sara öffnete wieder die Augen. Schob das Blatt Papier zurück in den Metallrahmen an der Wand. Nein, sie konnte es nicht. Nicht heute und vielleicht überhaupt niemals. Sie machte auf der Stelle kehrt und ging mit schnellen Schritten zurück zur Schwesternstation.

An einem Samstag um zwei Uhr nachts war die Notaufnahme genauso gleißend hell erleuchtet wie um zwölf Uhr mittags. Und genauso überfüllt. Selbst die Verwaltungsassistentin telefonierte. Sara spähte um die Ecke, auf der Suche nach dem Arzt, mit dem sie sich die Schicht teilte. Sara war Fachärztin für Allgemeinmedizin, aber in einer so kleinen Stadt wie Angel Falls arbeiteten die Allgemeinmediziner mit den Rettungsärzten zusammen, um die Notaufnahme zu unterstützen. Ihr Schichtkollege heute war Brian Graves, ein Mann aus dem Nachbarort, den sie aus ihrer Zeit als Assistenzärztin kannte. Das Einzige, wofür er berühmt war: Er war mit mehr Frauen im Bett gewesen als jeder Achtzigerjahre-Rockstar.

Sie wandte sich nur äußerst ungern an ihn, aber was war schlimmer? Einen Gefallen von jemandem zu erbitten, der sie flachlegen wollte, oder dem Menschen, dem sie die Schuld daran gab, ihre Aussichten auf ein Leben in nimmer endendem Glück vereitelt zu haben, nicht wiedergutzumachende Schmerzen leiden zu lassen?

Unwillentlich blitzte vor ihrem geistigen Auge ein Bild von ihr selbst im Hochzeitskleid ihrer Mutter auf, wie sie sich vor dem großen Spiegel in Katie O’Haras Brautmodenladen langsam um die eigene Achse drehte, während ihre Schwestern, ihre Großmutter und ihre Stiefmutter laute Ohs und Ahs ausstießen. Der Kummer über eine Zukunft, die wie eine Seifenblase zerplatzt war, krampfte ihr den Magen zusammen, wie immer, wenn er gerade am schlimmsten war. Sie wollte nicht an all die Seelenpein erinnert werden, und sie würde Colton auf keinen Fall gegenübertreten können, ohne ihn sogleich umbringen zu wollen. Gut, gut. Die Sache war also entschieden. Dann eben Brian.

Sie sah, wie er den Flur hinunter zu einem der Untersuchungsräume schlenderte, den Blick auf den Hintern einer Krankenschwester geheftet, die gerade die übliche Zwei-Uhr-morgens-Kanne Kaffee kochte.

»Würdest du vielleicht einen Patienten mit mir tauschen?«, fragte Sara.

Er beugte sich vor und nahm ihr das Tablet aus der Hand. »Ah, Polizeichef Walker.« Er blickte von dem Tablet auf. »Bist du etwa vor den Bullen auf der Flucht oder so was?«

Er kicherte über seinen eigenen Scherz und richtete seine babyblauen Augen auf sie. Viele Frauen fanden sie hypnotisierend, aber Sara war definitiv immun gegen seinen schlüpfrigen Charme.

Brian reichte ihr das Tablet, doch als sie es ihm abnehmen wollte, hielt er es fest. »Kann ich nicht machen. Tut mir leid. Auch wenn es ein einfacher Fall ist. Keine Ahnung, warum dich die Sache so beunruhigt. Ein bisschen Nähen und eine Tetanusspritze, und die Sache ist erledigt. Es sei denn, du hast Angst, dich in den Cop zu verlieben. Da wärst du mit einem heißen Doc wie mir besser beraten. Ich persönlich mag die Gefahr übrigens auch, falls es das ist, worauf du aus bist.«

Sie verdrehte die Augen. »Ich weiß selbst, dass es ein einfacher Fall ist, und ich habe keine Schwäche für ihn. Womit hast du es denn gerade zu tun?«

»Gefahr von Herzstillstand. Oder vielleicht hat der Bursche ja auch nur heftiges Sodbrennen, weil er in dem neuen mexikanischen Restaurant an der Route 44 gegessen hat. Ich hab bereits nach ihm gesehen und entsprechende Untersuchungen angeordnet, sonst würde ich ja mit dir tauschen. Das nächste Mal komme ich dir da gern entgegen.« Er ließ den Blick über sie gleiten, als trüge sie ein ihre Brüste zur Geltung bringendes Cocktailkleid statt blauer OP-Kleidung, eines weißen Kittels und eines Stethoskops, das mit einem kleinen kuscheligen Koalabären geschmückt war. Den Koala hatte sie bei ihrer Rückkehr von ihrer besten Freundin Kaitlyn als Willkommensgeschenk erhalten, damit die von Sara untersuchten Kinder nicht so viel Angst haben würden.

»Ähm, okay. Danke.« Er begaffte sie noch immer mit diesem ekelhaften Baby-ich-will-dich-Blick.

»Apropos entgegenkommen …«

»Keine Chance, Brian.« Sie riss ihm das Tablet aus der Hand. »Aber danke schön«, rief sie noch über die Schulter, während sie sich bereits in Bewegung gesetzt hatte.

Ach, scheiß drauf. Wenn sie mit dem geilen Brian fertigwurde, würde sie auch mit »Ihm, dessen Name nicht genannt werden darf« fertigwerden. Und so klopfte sie an die Tür zu dem Untersuchungsraum und trat ein.

Und dort lag er, auf einer fahrbaren Krankentrage, und sah sich ein spätnächtliches Fußballspiel zweier spanischer Mannschaften an. Colton. Er hatte sich behaglich ausgestreckt, einen Ellbogen als Stütze hinterm Kopf verschränkt und sah zu dem an der Wand befestigten Fernseher hinauf. Der Krankenhauskittel war ihm vom Arm gerutscht und entblößte dessen sehnige, sonnengebräunte Pracht vor versammelter Welt.

All die männlichen Muskeln hatten sie vorübergehend von seinem Problem abgelenkt, doch jetzt konnte sie es deutlich erkennen. Sein linker Arm war gestreckt und ließ die schartigen Ränder einer blutigen Wunde erkennen, die sich um seinen Bizeps zog.

Um seinen sehr muskulösen Bizeps. Er war ein durchtrainierter Mann, schlank, aber muskelbepackt. Natürlich nahm sie davon nur auf professionelle ärztliche Weise Notiz, um sich ein Bild von ihrem Patienten zu machen.

Er wäre durchaus hübsch gewesen, wäre da nicht die Tatsache, dass er das größte Arschloch der Welt war. Dass er groß und stark war und breite Schultern hatte, spielte nur insofern eine Rolle, als man mit ihm an seiner Seite in einer dunklen Gasse völlig sicher wäre. Sein Haar war früher eher lang und dick gewesen, aber jetzt hatte er einen kompromisslosen Kurzhaarschnitt. Seine Augen – kühle, geradezu verheerend blaue Augen mit allzu langen Wimpern – lösten sich nun vom Fernseher und wandten sich Sara zu. Sie erwischte den Moment des beginnenden Wiedererkennens, und hey, schimmerte da etwa Angst in ihnen auf?

Sie hoffte es von Herzen. Schließlich würde sie es sein, die hier die Nadel führte. Das hier war ihr Revier. Und Sara hatte nicht vor, ihn das vergessen zu lassen, nicht eine einzige Sekunde lang.

Er musterte sie mit seiner typisch gelangweilten, distanzierten Art, als wäre sie seiner Beachtung nicht würdig. Ehe sie es hätte verhindern können, war ihre Hand an ihrer Brille, nachdem sie sich plötzlich daran erinnert hatte, sie sich für die heutige Nachtschicht aufgesetzt zu haben. Sie konnte sich gerade noch daran hindern, sie zurechtzurücken, und rief sich ins Bewusstsein, dass die Highschool Ewigkeiten her war, dass sie nicht mehr das ungeschickte schlaksige Mädchen mit dem flammend roten Kraushaar war, das er damals immer unbarmherzig Sara Jane the Brain genannt hatte. Worauf dann viele weitere Jahre gefolgt waren, in denen er sie weitestgehend ignoriert und gnädig toleriert hatte – was alles nur umso peinlicher gemacht hatte, da er der beste Freund ihres Ex-Verlobten Tagg war.

Tagg arbeitete inzwischen eine Autostunde entfernt als Neurologe an der Cleveland Clinic, während sie nun wieder daheim in Angel Falls war und mühsam versuchte, sich ein Leben aufzubauen, das nichts mehr mit demjenigen gemein hatte, das sie noch vor einem Jahr angestrebt hatte. Positiv betrachtet rief ihr das Zusammensein mit ihrer Familie ins Gedächtnis, wie sehr sie sie alle doch vermisst hatte. Obwohl es sie zugleich immer noch schmerzte, dass ihr Dad offensichtlich alles andere als begeistert darüber war, sie als Partnerin in seiner Praxis zu haben.

Sara hatte bereits den Mund geöffnet, um eine, wie sie hoffte, professionelle Begrüßung herauszubringen, als jemand hinter ihr die Tür aufdrückte. Brian streckte den Kopf in den Raum.

»He, Colt, schön, dich zu sehen, Kumpel«, grüßte er. »Ich würde dich ja liebend gern selbst wieder zusammenflicken, aber ich bin gerade mit einem Patienten im kritischen Zustand beschäftigt. Du weißt ja, wie’s ist.«

»Jaja, der Knabe braucht so schnell wie möglich ein paar Kalziumpillen gegen Sodbrennen«, warf Sara ein. »Marsch, marsch.«

Brian lachte. »Sehr auf Zack. Mir ist nichts lieber als Frauen mit Mumm in den Knochen.«

»Und mir ist nichts lieber, als meine Arbeit machen zu können.« Sie hielt ihm die Tür auf und bedeutete ihm, aus dem Raum zu verschwinden. Was er auch tat, doch leider nicht, ohne Colton noch einmal zuzuzwinkern.

»Ich hab gar nicht gewusst, dass du mit Brian zusammen bist«, bemerkte Colton. Natürlich mussten seine ersten Worte ihr gleich den Blutdruck in die Höhe treiben. Das war schließlich sein Lieblingszeitvertreib.

»Wir sind nicht zusammen«, stelle sie klar.

»Nun ja, war nur so eine Idee. Nach den verliebten Blicken zu urteilen, die ihr euch gerade gegenseitig zugeworfen habt.«

Verliebte Blicke? War der Kerl von Sinnen? »Ich gehe mal davon aus, dass man über keinerlei sonderliche Beobachtungsgabe verfügen muss, um in dieser Stadt Polizeichef zu werden.«

»Autsch«, erwiderte Colton und spielte den Gekränkten. »Na ja gut, entschuldige meine Vermutung. Du bist wahrscheinlich sowieso ein wenig zu wild für ihn, was, Rotschopf?«

Sara spürte, wie sich ihre Wangen verfärbten – der Fluch der Rothaarigen. Niemand außer ihm nannte sie bei diesem lächerlichen Spitznamen, und jetzt hatte sie ihn schon seit Jahren nicht mehr gehört. Und niemand sonst machte sich über ihre angebliche zugeknöpfte Verklemmtheit lustig, doch er tat das schon seit der Highschool mit dem größten Vergnügen.

»Werd endlich erwachsen, Chief.« Sie wusch sich im Waschbecken die Hände und holte die zum Nähen der Wunde nötigen Utensilien aus der Schublade. »Ich möchte dich nur daran erinnern, dass ich in Kürze mit einer Nadel an dir herumhantieren werde, daher halte lieber dein Mundwerk im Zaum. Falls du denn dazu imstande bist.«

Er hob seine unversehrte Hand. »Hey, dazu bin ich mehr als imstande, Frau Doktor. Mach einfach deine Arbeit, damit ich wieder an meine gehen kann, okay?«

Sie trat an die Transportliege. »Vielleicht holst du dir besser auch noch eine Pistolenkugel aus deinem Halfter und beißt darauf, solange ich dich zusammenflicke.« Er wirkte plötzlich etwas bleich. Eigentlich hätte sie jetzt Gewissensbisse haben sollen, doch stattdessen war sie einfach nur froh, ihn für eine Minute zum Schweigen gebracht zu haben. »Du hast dir also an einem rostigen Zaun den Arm aufgeschlitzt?«

»Ich bin darunter durchgekrochen, um einen Gesetzesverstoß zu ahnden.«

»Und? Hast du den Täter erwischt?« Sie zwang sich, sich ganz auf die aufgerissene blutige Wunde zu konzentrieren. Und nicht diesen Bizeps anzustarren.

»Es überrascht mich, dass eine so gebildete Frau und Ärztin wie du so sexistisch sein kann«, erwiderte er in einem tiefen Bariton, der direkt durch sie hindurch zu vibrieren schien. »Woher willst du denn wissen, dass es keine Täterin war?«

»Weil wir ihn vor einer halben Stunde zusammengenäht haben. Warum hast du eigentlich so lange gebraucht, um hier aufzutauchen?«

Er grinste, doch sein breites strahlendes Lächeln, dem dann doch eine Kleinigkeit fehlte, um Schlüpfer schmelzen zu lassen, ließ sie absolut ungerührt. »Papierkram auf dem Revier.«

»Du hast so stark geblutet und dir trotzdem die Zeit genommen, Papierkram zu erledigen?«

Er richtete seine großen blauen Augen auf sie und zuckte die Achseln. Sie interpretierte die Geste als »Selbst wenn ich blute wie ein abgestochenes Schwein, werde ich mit absolut allem fertig«. Seine Arroganz schien auch nach all den Jahren kein bisschen nachgelassen zu haben.

Sie warf einen kurzen Blick auf sein allzu gut aussehendes Gesicht, schön, als hätten ihn die Engel geküsst. Schon seit seiner Kindheit war Colton mit einer Attraktivität gesegnet, die Frauen dazu brachte, sich nach ihm umzudrehen. Er war allseits beliebt gewesen, ein hervorragender Sportler und Quarterback der Footballmannschaft, bis ihn eine Verletzung auf die Ersatzbank verbannt und dazu geführt hatte, dass er sein Collegestipendium verloren hatte. Er war der Typ, der bei Jahrgangstreffen und Abschlussbällen zum Ballkönig gewählt wurde und sich seine Frauen immer hatte aussuchen können.

Sara konzentrierte sich wieder auf das aktuell Anstehende und bereitete eine Seifenlösung vor, indem sie aus einer Flasche Desinfektionsmittel in eine Schale spritzte und damit zu ihm trat.

»Vielleicht sollte ich auf die Schwestern warten und besser sie das machen lassen«, meinte er. Er klang ein wenig nervös.

»Sie sind alle beschäftigt«, ließ ihn Sara mit honigsüßer Stimme wissen und hielt die gebogene Nähnadel hoch, damit er sie auch gut sehen konnte. »Besser, ich mache alles selbst, dann bist du schneller wieder weg von hier. Ich werde deinen Arm jetzt in Desinfektionsmittel baden.«

»Und brennt das dann?«

»Mein letzter Patient hat zehn Minuten lang geweint, aber der war erst sechs. Da du ein zäher Knochen bist, gehe ich davon aus, dass du in der Hälfte der Zeit wieder auf dem Damm bist.«

Er sah sie mit seinen dunklen Augen an und zog seine dichten Brauen zusammen. Irgendwo unter all seiner Großspurigkeit wirkte Mr Aufgeblasen durchaus ein wenig besorgt. Was sie nachgerade unverschämt froh machte. Allerdings war ihm hoch anzurechnen, dass er keinerlei Miene verzog, als sie nun seinen Arm in die Seifenschüssel tauchte. Ehrlich gesagt hatte er aber auch nicht den geringsten Anlass dazu, denn die Lösung, die sie im Krankenhaus verwendeten, brannte nicht im Geringsten.

Während sie die Wunde ausspülte und reinigte, spürte sie seinen Blick auf sich, wie er sie schweigend begutachtete. Normalerweise machte es sie nicht nervös, beobachtet zu werden, aber es gefiel ihr nicht, ihm so nah zu sein, seinen würzigen Duft nach Harz und Wald zu riechen und zu spüren, wie er mit seinem Blick förmlich Löcher in sie hineinbohrte.

Als sie ihn ansah, wandte er schnell den Blick ab. »Ähm, ich will deine professionellen Fähigkeiten ja nicht anzweifeln«, sagte er, »aber kannst du durch dieses Ding überhaupt was sehen? Ich meine, ich will wirklich nicht, dass du Mist baust. Mein Arm gehört zu meinen körperlichen Vorzügen.«

Ihre Wangen brannten, und für einen Moment war sie wieder in der neunten Klasse und spürte die gleiche brennende Qual wie damals. Hast du eigentlich schon mal darüber nachgedacht, dir Kontaktlinsen zuzulegen, Brain? Unter all dem dicken Glas könnte sich ja durchaus ein hübsches Mädchen verbergen.

Er war der Typ Mann, der seinen Charme und sein gutes Aussehen benutzte, um jederzeit mit seinem rüpelhaften Verhalten durchzukommen. Immer noch.

Unfassbar, dass sie jemals von ihm erwartet hatte, in irgendeiner Form Rücksicht auf sie zu nehmen. Im vergangenen Jahr hatte er ihren Verlobten nicht davon abgehalten, derart heftig zu »feiern«, dass er bei seinem Junggesellenabschied mit dem Gesicht voran in die Torte fiel – und in die Frau, die in der Torte steckte. Valerie Blake hatte schon seit der Highschool eine Schwäche für Tagg gehabt, eine Tatsache, die jedermann bekannt gewesen war. Insbesondere auch Colt, der sie für die Feier angeheuert hatte.

Tagg war Saras erster fester Freund gewesen, und er hatte sie geliebt, obwohl sie damals eine Phase als Hässliches Entlein durchgemacht hatte. Er hatte sie als den Menschen gesehen, der sie war, und sie um ihres Köpfchens willen geliebt, und nicht etwa trotz ihrer Intelligenz. Sie hatte sich oft genug gefragt, warum ein so gut aussehender Kerl wie Tagg mit ihr zusammen sein wollte, und manchmal hatten diese Grübeleien sie nachts wach gehalten. Aber er hatte ihr einen Antrag gemacht, und plötzlich hatte es so ausgesehen, als würde alles, was sie sich je gewünscht hatte, in Erfüllung gehen – eine tolle Arbeit, ein liebender Mann, ein eigenes Zuhause.

Bis ihm Colton mit einer halb nackten Valerie vor der Nase herumgewedelt hatte. Colton war immer sehr gut darin gewesen, Saras tiefste Ängste zu durchschauen und sie ins Visier zu nehmen. Und mit seinem Verhalten im letzten Jahr hatte er nicht nur ihre Ängste ins Visier genommen, sondern auch ihr ganzes Leben ruiniert.

Natürlich, die eigentliche Schuld lag bei Tagg. Das war ihr durchaus klar. Aber Colton war der Auslöser gewesen. Wäre er Tagg ein guter Trauzeuge gewesen und hätte sichergestellt, dass die Feier nicht aus dem Ruder lief, wäre Tagg ohne Zwischenfall über seine Torschlusspanik hinweggekommen. Sie beide wären jetzt verheiratet und würden in dem Haus leben, das sie sich damals in einem netten Vorort von Cleveland ausgesucht hatten. In dem Haus, in dem Tagg jetzt mit seiner Freundin lebte, auch bekannt als das Tortenmädchen.

Sara richtete sich auf. Sie konnte es sich nicht leisten, der Vergangenheit nachzuhängen. »Meine Brille mag nicht sonderlich attraktiv sein«, gab sie zurück, »aber mit ihr verfüge ich über eine hundertprozentige Sehkraft. Doch falls der eine oder andere Stich trotzdem danebengeht, lässt dich die Narbe einfach tougher aussehen. Schließlich bist du irgendwie eher so ein echt hübscher Junge.«

Er riss abwehrend die Hand hoch. »He, nichts für ungut, Dr. Einstein. War nur ein Witz. Ich vertraue dir.«

Er warf ihr einen seltsamen Blick zu. Einen Moment lang fragte sie sich, ob ihm der Brillenwitz womöglich leidtat. Oder vielleicht hatte er ihn auch gezielt gemacht, nur um sie aus der Fassung zu bringen. Wie auch immer, es war völlig egal.

Manche Menschen wurden nie erwachsen, änderten sich nie. Colton war offensichtlich einer von ihnen. Sie aber war erwachsen geworden. Und er konnte ihr nicht mehr wehtun. Sie würde es nicht zulassen.

Colton hätte sie nicht wegen der Brille hänseln sollen. Das sah er sofort in ihren Augen. Ehrlich gesagt hatte er die Bemerkung nur gemacht, weil er sich … unbehaglich fühlte. Weil er Sara Langdon ein wenig zu nahe war, Sara, die jetzt erwachsen war und überhaupt nicht mehr an das unscheinbare, schüchterne Mädchen erinnerte, das er aus der Highschool kannte. Aber für sie war er immer noch ein emotional zurückgebliebener Heranwachsender, der verdammt noch mal endlich erwachsen werden musste.

Ohne Frage wusste Sara, wie attraktiv sie jetzt war. All ihr dichtes kupferfarbenes Haar und diese atemberaubenden grünen Augen. Ganz zu schweigen von ihren fantastischen Kurven. Sie war Frau Dr. Umwerfend, und da war nichts mehr von der Vierzehnjährigen mit Brillengläsern so dick wie die Böden von Colaflaschen, die er vor so vielen Jahren gekannt hatte, als er noch ein großmäuliger Draufgänger gewesen war und sie ein leichtes Opfer. Damit er jetzt nicht weich wurde, rief er sich ins Gedächtnis, dass sie immer noch die stärkste Typ-A-Persönlichkeit war, der er je begegnet war – äußerst ehrgeizig und rastlos. Und Typ A war nichts für Colt.

»Leg dich hin«, wies sie ihn an und schaltete den Fernseher aus.

»He! Das Spiel läuft noch«, protestierte er, in Wirklichkeit jedoch hatte er der Übertragung kaum Beachtung geschenkt. Er wusste, dass er sich eigentlich nicht so aufführen, ihr nicht ständig Schwierigkeiten machen sollte, aber irgendwie konnte er einfach nicht anders. Es machte ihm allzu viel Spaß, sie auf die Palme zu bringen.

Warmes Seifenwasser strömte über seinen Arm und tropfte in ein Becken, das sie daruntergestellt hatte. Sie arbeitete schnell und kundig, und er spürte, dass ihm die Augen zufielen. Sein Adrenalinrausch ließ nun endlich nach, und es war schließlich sehr spät in der Nacht. Er war schon kurz davor einzuschlafen, als er den Stich einer Nadel spürte.

Er öffnete ein Auge und sah sie an. »Du könntest mich wenigstens warnen, ja?«

Sie reagierte nicht, ganz auf ihre Arbeit konzentriert. Was immer sie ihm da gespritzt hatte, es hatte ihn betäubt, und so sah er ihr nur dabei zu, wie sie die Nadel tanzen ließ, nähte und den Faden abschnitt. Und dann das Ganze noch mal. Rein und raus, nähen und abschneiden.

»Ist es schlimm?«, fragte er.

Sie richtete den Blick auf ihn. Selbst hinter den großen Brillengläsern konnte er das sanfte Moosgrün ihrer Augen sehen, genauso hübsch, wie er sie in Erinnerung hatte. »Ich nehme an, du wirst es überleben. Und ich bin zwar keine Schönheitschirurgin, aber die Narbe wird kaum zu sehen sein.«

Einige Minuten lang setzte sie ihr Tun schweigend fort. Das Ticken der alten Wanduhr war das lauteste Geräusch im Raum. Vom Flur drang eine Kakofonie aus Piep- und Alarmtönen ins Zimmer, vermischt mit dem Lärm von Gegensprechanlagen und dem verzerrten Knistern des Funkgeräts eines Notfallmediziners, der das baldige Eintreffen eines weiteren Krankenwagens ankündigte.

Als sie den Kopf senkte, konnte er ihr Haar riechen. Zitrone. Angenehm. Der Duft erinnerte ihn an eine Zeit vor vielen Jahren, als alles eine andere Richtung hätte nehmen können, als sich der jetzt zwischen ihnen so breit und tief klaffende Abgrund der Feindseligkeit zu etwas anderem hätte wandeln können. Aber dann war Tagg gleich in die Bresche gesprungen und hatte ihr Herz im Sturm zurückerobert.

Saras Leben war voller Wahlmöglichkeiten gewesen, die sich für Colt so nie eröffnet hatten. Nachdem er sich in der Highschool das Knie ruiniert hatte, war es mit seinem Sportstipendium für die Footballmannschaft der Pennsylvania State University vorbei gewesen. Die Polizisten, die mit seinem Vater zusammengearbeitet hatten – der als Polizist in Angel Falls begonnen hatte, bevor er nach Chicago gezogen und dort bei einem Einsatz ums Leben gekommen war –, hatten ihn unter ihre Fittiche genommen und ihm geholfen, aufs College zu kommen. Nachdem er das College absolviert hatte, war Colton nach Hause zurückgekehrt, um sich um seine Großmutter und seine Schwester zu kümmern, und das war’s dann gewesen. Wohingegen Sara die Stadt hinter sich gelassen hatte, um die Welt zu erobern. Sie hatte ein Stipendium für Princeton gehabt und später an der Medizinischen Fakultät der Columbia University in New York studiert.

Die Chance, dass zwischen ihnen beiden mehr passierte, war lange verstrichen, und die seither vergangenen Jahre hatten ihre Beziehung als Feindschaft zementiert. Er verstand durchaus, dass sie ihm böse war. Trotz all seiner Bemühungen, es ihm auszureden, hatte sich Tagg, dieser dumme Esel, am Abend des Junggesellenabschieds die Kante gegeben. Colton hatte den Gag mit der Torte arrangiert, aber keine blasse Ahnung gehabt, dass die Frau, die von der Firma mitgeschickt worden war, damit sie aus der Torte sprang, jemand war, auf den Tagg in der Highschool gestanden hatte. Und das war offensichtlich noch immer der Fall.

Sara machte Colton für das Geschehene verantwortlich. Schließlich war er Taggs Trauzeuge gewesen, und es war seine Aufgabe gewesen, für Ordnung zu sorgen und zu verhindern, dass die Sache aus dem Ruder lief. Was Sara nicht wusste, war, dass Tagg schon die ganze Woche vor der Hochzeit so nervös wie ein jugendlicher Ladendieb gewesen war. Colton hatte nach besten Kräften versucht, die Zweifel seines Freundes zu ersticken und ihn zu beruhigen, und er hatte Tagg in der Nacht der Junggesellenfeier sogar selbst nach Hause gefahren, um ihn vor Schwierigkeiten zu bewahren, aber Tagg hatte trotzdem einen Weg gefunden, Sara das Herz zu brechen.

Schließlich war Sara fertig, und er richtete sich auf und betrachtete ihr Werk.

»Fünfzehn Stiche«, verkündete sie, während sie zur Arbeitsfläche hinüberging.

»Danke. Bin ich jetzt fertig?« Er schickte sich an, von der Krankentrage zu springen.

»Noch nicht ganz, nein«, sagte sie, trat vor ihn hin und versperrte ihm den Weg. Sie zog eine Spritze aus der Tasche ihres weißen Kittels, zog die Kappe ab und präsentierte eine Nadel, die so groß wie ein sechs Millimeter dicker Bohrer zu sein schien. »Beug dich vor und zieh die Unterhose runter.«

»Nein.« Das kam in einem sehr nachdrücklichen Tonfall, um ihr ganz unmissverständlich klarzumachen, dass er nie und nimmer vor ihr die Hosen runterlassen würde.

Sie lupfte elegant eine Braue. »Was soll das heißen, nein?«

»Das soll heißen, dass ich das Ding nicht in meinem Hintern haben will.«

»Na ja, wenn du nicht willst, dass dir der Arm abfällt, solltest du wohl besser tun, was dein Arzt sagt.« Sie schnippte mit dem Zeigefinger gegen die Spritze. Drückte den Finger auf den Kolben.

»Ich habe noch nie eine so große Nadel für eine Spritze gesehen. Ich warte lieber bis Montag, bis mein normaler Arzt nach mir schauen kann.« Sie hatte hier doch wohl nicht überall das Sagen … oder doch?

»Wie du willst. Nur dass bis dahin der Wundstarrkrampf eingesetzt haben wird und du dann weder schlucken noch atmen kannst.« Sie musste sich sichtlich ein Lächeln verkneifen. »Ach, und habe ich das Geifern erwähnt? Dir wird der Sabber in Strömen aus dem Mund triefen.«

Sie schien sich ein wenig zu sehr an alldem zu weiden. Aber das Bild, das ihre Worte heraufbeschworen, reichte aus, um ihn an Ort und Stelle verharren zu lassen. »Du meinst das wirklich ernst, oder?«

Sie klopfte mit dem Zeigefinger gegen die Spritze und antwortete: »Todernst. Hose runter, Officer Walker.«

»Chief Walker«, murmelte er, während er aufstand, die Hose herunterzog und sich über die Krankenliege beugte.

Er roch den Desinfektionsgeruch von Alkohol und spürte, wie sie mit einem Baumwolltupfer seine Pobacke abrieb.

In dem Augenblick beschloss er, sie nicht die Oberhand gewinnen zu lassen. Im letzten Moment riss er den Kopf zu ihr herum und bedachte sie mit seinem charmantesten Grinsen. Sara schaute auf und blickte womöglich sogar ein klein wenig erschrocken.

»Du kannst dich jetzt wieder umdrehen«, sagte sie mit seelenruhiger Stimme.

»Ich würde lieber zusehen«, versetzte er. Er hatte gar nicht die Absicht, klein beizugeben.

»Wie du willst«, meinte sie, zog die Hand ein Stück zurück und rammte ihm die Nadel ins Fleisch.

Verdammte Scheiße. Mit Charme kam er bei ihr nicht weiter. Das war schon immer so gewesen.

Die Nadel durchstach seine Muskeln und brannte schrecklich. Es fühlte sich an, als würde sich ihm ein Eispickel in den Leib bohren. Er biss sich in die Innenseiten seiner Wangen, um den Schmerz ertragen zu können.

Dann ergriff sie erneut das Wort. »Die häufigste Nebenwirkung einer Tetanusspritze sind Schmerzen an der Injektionsstelle. In ein oder zwei Wochen hast du das alles ausgestanden.«

Er richtete sich auf, zog sich die Hose hoch und schnallte den Gürtel zu, ehe Sara ihm noch weiteres Ungemach zufügen konnte. Dann stieß er den Atem aus, den er angehalten hatte. »In ein oder zwei Wochen?«

»Du wirst lediglich ein Weilchen nicht bequem sitzen können. In sieben bis zehn Tagen werden dann die Fäden gezogen. Komm wieder her, wenn irgendetwas gerötet ist oder geschwollen aussieht.« Sie warf die Spritze in den roten Abfallbehälter für spitze Gegenstände auf der Arbeitsplatte, zog sich mit einem klatschenden Geräusch die Handschuhe aus und warf sie in den normalen Müll. Dann notierte sie etwas auf ein Blatt und reichte ihm ein Klemmbrett. »Unterschreib hier, dann kannst du gehen.«

Er trat einen Schritt vor. Seine Pobacke schmerzte, als hätte ihn gerade eine Wespe gestochen. Trotzdem unterschrieb er auf der gestrichelten Linie und brachte sogar ein Lächeln zustande. »Man sieht sich, Frau Doktor.«

Sie schenkte ihm ein breites, unschuldiges Lächeln. »Man sieht sich.«

2

Ein leichter Sommerregen prasselte auf Nonnas altes Schieferdach, als Sara am nächsten Morgen im früheren Zimmer ihrer Mutter unterm Dachgesims von Nonnas kleinem Häuschen im Craftsman-Stil erwachte. Das Geräusch des Regens auf den Schindeln über der Dachschräge versetzte sie zurück in ihre Kindheit, als sie sich mit ihren Schwestern kichernd unter genau derselben Patchworkdecke zusammengekuschelt hatte, von ihrer Großmutter selbst genäht, als sie eine junge, frisch verheiratete Frau gewesen war.

Vom sehnlichen Wunsch getrieben, die Mutter kennenzulernen, die sie an den Krebs verloren hatten, als Sara gerade mal dreizehn Jahre alt gewesen war, hatten ihre Schwestern und sie immer die Kindheitsbesitztümer ihrer Mutter durchstöbert – Buchklassiker wie Little Women und Vom Winde verweht,Preisbänder, die sie für ihre Leistungen in der Leichtathletik und beim Basketball gewonnen hatte, literarische Preise für kreatives Schreiben und Englisch. Poster der Bands Air Supply und Journey waren an die Schranktür gepinnt, und es gab einen grenzenlosen Fundus an Wollknäueln sowie selbst gemachten bunten Schals. Jede leere Parfümflasche, jedes mit allen möglichen Aufzeichnungen vollgekritzelte alte Notizbuch – all das waren unendlich faszinierende Hinweise darauf, wer ihre Mutter gewesen war, ein winziges bleibendes Stückchen von ihr, an dem sie und ihre Schwestern sich noch ein Weilchen länger festhalten konnten.

Aber es war einsam, in einer Art Reliquienschrein aufzuwachen. Sara dachte an Tagg, der in dem nigelnagelneuen Haus, das eigentlich er und Sara ihr Heim hatten nennen wollen, neben seiner Freundin unterm Dach wach wurde.

Von ihm zurückgewiesen worden zu sein schmerzte noch immer, aber ihre Trauer galt mehr dem Leben, das sie an seiner Seite gehabt hätte, als Tagg selbst. Verheiratet zu sein, ihr neues Zuhause einzurichten, eine Familie zu planen … das war das Leben, dem sie nachtrauerte. Schließlich war sie fast einunddreißig Jahre alt. Sie hatte sich jenes Leben gewünscht, verdammt noch mal. Ein glückliches Leben mit einem Partner, den sie liebte und mit dem sie es sich für ein gemeinsames Leben wohnlich einrichten wollte. All die Dinge tun zu können, die sie Jahr um Jahr verschoben hatte, weil sie vollends damit beschäftigt gewesen war, zu studieren, zu arbeiten und arm wie eine Kirchenmaus zu sein, während all ihre Freundinnen und Freunde bereits tolle Anstellungen hatten und in der Mitte ihres Lebens angekommen waren. Sie war es müde, immer weiter auf die hinausgeschobene Belohnung warten zu müssen. Und sie wollte einen Hund.

Zehn Jahre lang hatte sie sich kein anderes Leben vorstellen können als das an Taggs Seite. Und dann … plötzlich war alles anders gewesen. Inzwischen war sie über den Schock hinweg, ja. Aber sie fühlte sich ziellos und verloren, ohne einen Anker in ihrem Leben. Trieb ohne Kompass auf einem großen Meer.

Ihre Großmutter war immer ihr Leitstern gewesen, und jetzt verlor Sara auch sie. Ein Grund mehr, jeden Moment mit Nonna voll auszuschöpfen. Für Nonna da zu sein, so wie ihre Großmutter immer für sie da gewesen war.

Sara angelte ihre flauschigen violetten Pantoffeln unter dem Bett hervor und ging auf Zehenspitzen den Flur hinunter. Die Dielenbretter knarrten ein wenig, aber Sara hätte dieses Haus gegen nichts auf der Welt eingetauscht. Sie hatte immer davon geträumt, eines Tages ein unkonventionelles altes Haus mit viel Atmosphäre ihr Eigen zu nennen, aber Tagg hatte ein nagelneues Nullachtfünfzehn-Haus in einer Wohnsiedlung gewollt, das genauso aussah wie all die Nachbarhäuser, und sie hatte sich gefügt. In wie viele andere Dinge hatte sie wohl auf ähnliche Weise eingewilligt, obwohl sie es eigentlich gar nicht gewollt hatte?

Für eine tiefschürfende Gewissensprüfung war es definitiv noch zu früh am Tag. Nonna war noch nicht aufgestanden, was bedeutete, dass Sara Zeit hatte, mit dem üblichen Sonntagsprogramm loszulegen, dem Nonna schon seit fünfzig Jahren ohne Abweichung folgte. Als Erstes kamen der Kaffee und die selbst gebackenen Zimtbrötchen, dann machten sie sich für den Gottesdienst in St. Alfonso’s fertig, an den sich erneutes Kaffeetrinken sowie Donuts und Geselligkeit im Gemeindehaus anschlossen, gefolgt von einem Abstecher in den Lebensmittelladen und einem Nachmittag in der Küche, um das abendliche Sonntagsessen zuzubereiten.

Das sonntägliche Abendessen war eine seit Generationen aufrechterhaltene Tradition. Während ihres Medizinstudiums und der Zeit als Assistenzärztin hatte Sara alles, was damit zusammenhing, schmerzlich vermisst – die leckeren Gerichte, das unbefangene, kameradschaftliche Zusammensein, das Gezanke untereinander –, typische Familiendinge, die alles andere, was einem die Welt so in den Weg legte, erträglich machten. Falls man nicht gerade im Ausland war oder eine lebenslängliche Gefängnisstrafe absitzen musste, tauchte man zu diesen Anlässen auf, sonst drohte die Todesstrafe.

Sara liebte es, an Nonnas Seite zu kochen, Zeit mit ihr zu verbringen und die Zubereitung der italienischen Spezialgerichte zu lernen, die ihre Familie seit Generationen zusammenbrachten. Nicht zum ersten Mal seit ihrer Rückkehr wurde ihr schmerzlich bewusst, dass die mit einem anderen Menschen verbrachte Zeit niemals ein Geschenk für alle Ewigkeit war. Heute würde sie zum ersten Mal seit ihrer Rückkehr ihre ganze Familie sehen, und auch wenn ihre verrückte Verwandtschaft eine Herausforderung für sich war, liebten sie einander doch sehr, und Sara hätte es ohne sie nicht durch das vergangene Jahr geschafft.

Als sie die Treppe hinunterging, begrüßte sie das vertraute Getrappel von Nonnas Hund Rocket, der über die alten Dielenbretter auf sie zugestürmt kam. Rocket war ein Bullterrier mit braunen Ohren, einem braunen Fleck um das linke Auge und einem weiteren auf der rechten Flanke. Eine Kombination aus Pirat und Guernsey-Rind. Von der Persönlichkeit her neigte er eher zur Piratenseite; er war charmant, hinterhältig und ein echter Gauner.

»Du bist heute Morgen aber früh aufgestanden, hm?« Rocket schlief normalerweise zusammengerollt an ihrem Rücken, da Nonna ihn häufig aus ihrem Bett schubste und behauptete, sie könne mit ihm an ihrer Seite nicht gut schlafen. Aber heute hatte er Saras Zimmer bereits vor Morgengrauen verlassen. Vielleicht litt auch er an Schlaflosigkeit. Sara konnte es ihm nachfühlen. Die Ereignisse des vergangenen Jahres hatten sie schließlich so manche Nacht wach gehalten.

»Ach, du willst bestimmt etwas Frühstücksspeck, hm?«, gurrte sie, während sie ihn hinter den Ohren kraulte. »Weil heute Sonntag ist, jawohl. Willst du die Zeitung holen gehen?«

Bei dem Wort Speck spitzte der Hund die Ohren und fing an, auf und ab zu springen. Vor lauter Begeisterung hob er förmlich vom Boden ab.

»Okay, gehen wir.«

Sie konnte keinen Bademantel finden, aber als sie die Diele erreichte, entdeckte sie Nonnas fliederfarbenen Regenmantel mit den kleinen Entchen unten am Saum und zog ihn über ihre kurze Schlafanzughose und ihr T-Shirt. Rocket machte seinem Namen alle Ehre und schoss wie eine Rakete durch die Haustür hinaus in den feuchten Morgen, um sein Geschäft zu erledigen.

Der Juniregen fiel anhaltend, doch es goss nicht in Strömen. Dunkle Wolken sorgten für einen grauen Morgen, obwohl es schon fast sieben war. Der Geruch von frischer, sauberer Luft mischte sich mit dem Duft von Rosen, die entlang der Einfahrt in irrwitzig strahlender Blüte standen. Sara entdeckte die Zeitung am Straßenrand im Gras, schlüpfte aus ihren Pantoffeln und lief barfuß hinüber. In leuchtend blaues Plastik eingehüllt lag die Zeitung auf der Wiese. Gerade als sie sich bückte, um sie aufzuheben, kam Rocket herbeigerauscht und schnappte sie sich mit den Zähnen.

Der Hund war schnell, Sara jedoch noch schneller. Sie bekam ein Ende der Zeitung zu fassen und zerrte daran. Unglücklicherweise schien Rocket zu denken, sie spiele da sein Lieblingsspiel mit ihm. Sie zerrte, und er zerrte noch heftiger. Ihre Kapuze fiel herunter, woraufhin sich kaltes Regenwasser über ihren Rücken ergoss.

Mit einem letzten Zerren und Reißen machte der Hund einen Satz zur Seite und schoss auf die Eibenhecke zu, die das Grundstück ihrer Großmutter von der Straße trennte. Sara lief durch das nasse Gras dem Hund hinterher. Er foppte sie und hielt ihr die Zeitung hin, nur eine Armeslänge weit weg, aber als sie danach griff, tat er einen Sprung in die Hecke hinein.

Einige Sekunden später tauchte er wieder auf, nass und sein Fell voller Blätter … und ohne die Zeitung.

Oh Mist.

Sie entdeckte sie im Schlamm unter den Büschen, inmitten von stachligen Zweigen, die Dornröschens Dornenhecke hätten Konkurrenz machen können. Sara ging auf die Straßenseite hinüber, wo ihr nichts anderes übrig blieb, als sich auf Hände und Knie niederzulassen und die Zeitung herauszuwühlen. Igitt, und all das noch vor der ersten Tasse Kaffee. Sie streckte den Arm in das Gewirr der Zweige und versuchte, mit den Fingern an die Plastikverpackung heranzukommen, als sie hinter sich einen Wagen anhalten hörte. Sowie etwas, das verdächtig nach einem Pfiff klang.

Sara hob sofort den Kopf und drehte sich um. Ein Scheinwerfer mit einer Wattleistung, die etwa der Mittagssonne entsprach, strahlte sie an. Durch das blendend helle Licht hindurch konnte sie einen Streifenwagen ausmachen. Hinter dem Lenkrad saß Colton, den Arm aus dem Fenster gestreckt. Besagten Arm, den sie erst wenige Stunden zuvor zusammengeflickt hatte. Und der aufgrund ihrer erstklassigen Versorgung offensichtlich gut verheilte, vielen herzlichen Dank Frau Doktor.

»Du kannst das Flutlicht ausschalten«, sagte sie. »Und hast du da gerade gepfiffen? Das wäre nämlich total unprofessionell.«

»Natürlich nicht.« Aber er biss sich in die Wangen, um nicht laut loszulachen. »Ich war gerade auf dem Heimweg, um mich um meine eigenen Angelegenheiten zu kümmern, da hatte ich es plötzlich vor Augen … unübersehbar.«

»Was hattest du vor Augen?« Sara lüpfte eine Braue. Er sollte jetzt besser kein Wort über ihren Allerwertesten verlieren. Das wäre … ungebührlich. Aber, kam es ihr unwillkürlich in den Sinn, beim gegenwärtigen Stand ihrer Beziehung wäre eigentlich gar nichts anderes von ihm zu erwarten.

Er machte eine Handbewegung in ihre Richtung, um klar zu demonstrieren, was er meinte. »Eine Ablenkung am Straßenrand.«

Sie verdrehte die Augen.

»Brauchst du Hilfe?«

»Danke für das Angebot, aber ich komm schon zurecht. Ich wollte nur gerade die Zeitung aus der Hecke fischen.« Rocket hatte sich neben den Streifenwagen gesetzt und behielt alles aufmerksam im Auge. Colton griff unter seinen Sitz und warf ihm ein Hundeleckerli hin. Nach Rockets erwartungsvollem Blick und der Tatsache zu urteilen, dass sein Schwanzwedeln sämtliche Geschwindigkeitsbegrenzungen überschritt, machte er das ganz offensichtlich nicht zum ersten Mal.

Wie aufs Stichwort öffnete sich jetzt die Haustür, und Saras kleine grauhaarige Großmutter trat auf die Veranda hinaus. Sie trug eine leuchtend bunte geblümte Schürze und winkte aufgeregt. »Colton! Huhu, Colton!«

Huhu, Colton?

»Hallo, Rose!«, rief er zurück. »Ich komme gleich mal hoch.«

Sara warf ihm einen erschrockenen Blick zu. Er kommt gleich hoch?

»Beeil dich, mein Lieber!«, sagte Nonna. »Ich schieb nur noch rasch die Zimtbrötchen in den Ofen.«

Bei dem Gedanken an eine backende Nonna zuckte Sara ängstlich zusammen. Dad und Rachel, ihre Stiefmutter, hatten Nonna bereits mit aller Behutsamkeit und in mühevoller Kleinarbeit ihr Auto abgenommen … bestimmt war das Bedienen eines Ofens genauso gefährlich wie das Autofahren.

Colton bedachte Sara mit einem zufriedenen Grinsen, setzte den Streifenwagen zurück und bog in die Einfahrt ein, während Sara weiter in der Hecke wühlte und endlich die lädierte Zeitung rettete. Schweigend gingen sie zum Haus, während der Hund fröhlich hinter Sara hertrottete. Sie war sich auf unbehagliche Weise Coltons Gegenwart bewusst – so sehr, dass sich ihre Nackenhärchen aufstellten. So was konnte bei extremer Verärgerung schon mal passieren, nahm sie an. Es hatte jedenfalls nichts mit seinem strahlenden, nahezu perfekten Lächeln zu tun, das sein Gesicht aufleuchten ließ und winzige Fältchen um seine verblüffend blauen Augen zauberte, die jetzt vor Belustigung blitzten. Diese Merkmale mochten ihn wie einen warmherzigen und fürsorglichen Menschen erscheinen lassen, doch sie rief sich ins Gedächtnis, dass er alles andere war als das. »Nach dir«, sagte er und hielt ihr die Tür auf.

Es erforderte all ihre geballte Willenskraft, nicht noch einmal die Augen zu verdrehen. Sobald sie im Haus waren, zog sie Großmutters Regenmantel aus, schüttelte ihn und hängte ihn dann zum Trocknen an den Haken in der Diele. Als sie sich umdrehte, sah sie Colton schnell den Blick abwenden.

Die Erkenntnis, die ihr in dem Moment dämmerte, ließ ihr eine flammende Hitze in die Wangen schießen. Sie trug immer noch eine kurze Schlafanzughose und ein schwarzes T-Shirt mit der Abbildung eines Brustkorbs darauf sowie der Aufschrift »Ich hab eine 1 in Anatomie«. Sie schnappte sich Nonnas langen grauen Pulli von einem Kleiderbügel und schlüpfte schnell hinein, dann zog sie die violetten Pantoffeln wieder an, die sie in der Diele ausgezogen hatte.

Nonna tauchte in der Tür auf. »Kommt rein, ihr zwei. Ich habe gerade Kaffee aufgesetzt.«

Manchmal erstaunte Nonna sie, wenn sie völlig unbeeinträchtigt von der Krankheit wirkte, die sich so heimtückisch in sie hineingeschlichen hatte. Es war eine grausame Sache, die Demenz. Auch wenn Sara Ärztin war und den Verlauf der Krankheit kannte, machten ihr die Momente, in denen Nonna wieder ganz sie selbst zu sein schien, Hoffnung. Als sei die ganze Sache nur ein Albtraum, aus dem sie aufwachen würde, und dann wäre Nonna wieder … einfach Nonna. Doch im nächsten Moment wiederholte ihre Großmutter dann einen Gedanken zum zehnten Mal, und alle Hoffnung war verflogen.

»Bitte schön«, sagte Colton und hielt ihrer Großmutter eine wunderbar trockene Zeitung hin. Sara betrachtete die durchnässte blaue Plastikhülle in ihrer Hand, durchbohrt von zahlreichen Zahnabdrücken.

Schleimer, formte sie hinter Nonnas Rücken mit den Lippen.

»Oh, du bist ein Schatz«, murmelte Nonna und tätschelte Coltons Hand. »Ich wette, auch du hast die ganze Nacht lang gearbeitet.«

»Ich hatte tatsächlich die Nachtschicht, ja, Ma’am«, antwortete Colton mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Sein Charme kannte keine Grenzen und verfehlte bei Frauen aller Altersklassen niemals seine Wirkung. Und auch nicht bei Hunden, denn Rocket hatte keinerlei Skrupel, sich von Colton freundschaftlich hinter den Ohren kraulen zu lassen. Der Hund betrachtete es sichtlich als Einladung, sich eng an seine Seite zu schmiegen.

»Dann musst du schrecklichen Hunger haben.«

Das also war hier gelaufen, während Sara fort gewesen war? Colton hatte sich bei ihrer Großmutter eingeschmeichelt. Ohne Zweifel, um auf diese Weise kostenlose Mahlzeiten und andere großmütterliche Dienstleistungen zu ergattern. Wie zum Beispiel gestopfte Socken, angenähte Knöpfe, gebügelte Hemden und dergleichen mehr.

In der Küche sah Sara zu ihrer Überraschung ihren jüngeren Bruder Rafe an dem schweren Eichentisch sitzen, immer noch in seiner Feuerwehruniform. Er stand auf, schritt durch den Raum und küsste Nonna. »Ich bin einfach reingekommen«, erklärte er und deutete auf die Hintertür. »Wie ich sehe, komme ich gerade rechtzeitig zum Frühstück. He, Colton. Hallo, Schwesterchen.« Sara umarmte ihren kleinen Bruder, der etwa drei Jahre jünger war als sie, aber breite Schultern hatte und es auf muskelbepackte eins neunzig brachte, daher war klein wahrscheinlich nicht ganz der richtige Ausdruck. Colton und Rafe gaben einander auf komplizierte – ghettofaustmäßige – Weise die Hände, die klarmachte, dass sie gute Kumpels waren.

»Schlimme Nacht gehabt?«, erkundigte sich Colton, während er sich zu Rafe an den Tisch setzte. Rocket ließ sich zu seinen Füßen auf den Boden plumpsen und döste auf der Stelle ein.

»Großes Feuer im Nachbarbezirk, Alarmstufe drei. Wir haben fast die ganze Nacht gebraucht, um es zu löschen. Glücklicherweise handelte es sich nur um ein leer stehendes Lagerhaus, daher ist niemand zu Schaden gekommen.« Beim Reden gestikulierte Rafe lebhaft mit den Händen, und sein ganzes Gesicht leuchtete auf.

»Ihr Feuerwehrmänner könnt es kaum erwarten, euch in einen großen Brand zu stürzen, was?«, meinte Colton.

Rafe lachte. »Zumindest schießt niemand auf mich. Oder zwingt mich dazu, unter Stacheldrahtzäunen hindurchzukriechen, um ihn zu verfolgen. Ist dein Arm wieder okay?«

Sara half Nonna, die Brötchen in den Ofen zu schieben, dann sah sie ihrer Großmutter nach, die im Esszimmer verschwand, um ein Tablett zu holen. Sie warf einen verstohlenen Blick zu Colton, dessen Reaktion auf Rafe in einem Achselzucken und einem Lächeln bestand. Wie schon in der Notaufnahme schien er sich auch jetzt große Mühe zu geben, die Gefahren seines Berufs herunterzuspielen. Sie war sich nicht sicher, ob er einfach lässig sein wollte oder ob er mit der Zeit ein wenig bescheidener geworden war. Wahrscheinlich Ersteres. Er war schon immer Mr Cool gewesen.

Er saß da und fachsimpelte mit ihrem Bruder, während er in seiner marineblauen Uniform, seine noch ungefüllte Kaffeetasse in den Händen, aussah wie der Inbegriff der Männlichkeit. Sara konnte nicht umhin, die sehnigen Muskeln, die an seinen gebräunten Armen hervortraten, und die eleganten, langen Finger, die um seine Tasse gekrümmt waren, zur Kenntnis zu nehmen.

»Wie ich gehört habe, bist du in der Notaufnahme gewesen«, bemerkte Rafe. »Hoffentlich hat dein Arzt dich ordentlich zusammengeflickt.« Er zwinkerte Sara zu.

»Ja«, bestätigte Colton, »meine Ärztin hat ihre Sache ganz gut gemacht, allerdings hat sie mich auch ganz schön leiden lassen – besonders meinen Hintern. Ich denke aber, das geht in Ordnung, denn sie hat mir diesbezüglich sogar Komplimente gemacht.«

Sara ließ die Rührschüssel, die sie in der Hand hielt, in die Spüle fallen. »Ich habe dir keine Komplimente für deinen Hintern gemacht.« Auf keinen Fall würde sie ihm so eine Bemerkung vor ihrem Bruder durchgehen lassen.

»Du hast es vielleicht nicht laut gesagt, aber ich konnte spüren, dass es dir auf der Zunge lag.«

Was für ein Arsch. Im wahrsten Sinne des Wortes. »Das ist das Lächerlichste, was …«

Nonna kam in die Küche zurückgeschlurft. »Sara, sei ein Schatz und schenk Colt eine Tasse Kaffee ein, ja?«

»Darf ich etwas Arsen reintun?«, murmelte sie, als sie die Kaffeekanne aus der Maschine nahm.

»Das habe ich gehört«, sagte Colton leise, während sich Nonna daranmachte, die Arbeitsflächen abzuwischen. »So viel zu deinem hippokratischen Eid.«

»Der gilt nur für Patienten«, entgegnete Sara.

Colton schob ihr seine Tasse hin, als sie an den Tisch trat. »Du hast meinen Arm genäht, daher würde ich sagen, dass du meine Ärztin bist.«

»Ein einmaliger Besuch in der Notaufnahme macht mich nicht zu deiner Ärztin.«

»Da hast du auch wieder recht. Ich bin nicht der Typ Mann für eine Nacht.«

Rafe lachte. »Da hab ich aber was ganz anderes gehört.«

Colton wurde rot. Es überraschte Sara, dass er überhaupt zu einem anständigen Erröten fähig war. »Ich könnte so ein paar Geschichten über dich zum Besten geben, Rafe«, gab Colton zurück, »aber aus Respekt vor deiner Grandma werde ich mich zurückhalten. Außerdem solltest du auf bloße Gerüchte nicht zu viel geben.«

Rafe klopfte Colton auf die Schulter. »Das sind keine Gerüchte, Colt, mein Lieber, es sind Legenden.«

Sara stieß unbeabsichtigt eine Art Würgegeräusch aus.

»Sara, hast du dich verschluckt?«, wollte Nonna wissen.

»Es war nur der Gedanke an all die armen Frauen«, sagte Sara so leise, dass nur die beiden Männer sie hören konnten. »Alles gut, Nonna«, fügte sie mit lauterer Stimme hinzu.

»Du brauchst kein Mitleid mit diesen Frauen zu haben«, warf Rafe ein. »Sie waren alle sehr … glücklich.«

Colton warf Rafe einen Blick zu, der ihn dazu aufforderte, derartige Sprüche zu unterlassen. »Rafe, so wahr mir Gott helfe, wenn du jetzt nicht die Klappe hältst, werde ich allen von deinem Geburtstag erzählen, als wir zusammen ausgegangen sind und du plötzlich Lust bekommen hast, splitternackt ein kleines Bad im Fluss zu nehmen, mit dieser …«

»He, Nonna«, dröhnte Rafe überlaut, »sind die Brötchen schon fertig? Ich hab Hunger.«

Diese Kerle und ihre hanebüchenen Geschichten. Sara fand es interessant, dass Colton so viel Wert darauf zu legen schien, seinen Ruf herunterzuspielen. Rafe hatte ihr einmal erzählt, dass die Feuerwehrleute und der zweite Polizist der Stadt, Coltons Stellvertreter, ihn scherzhaft Den Revolver nannten – und das nicht seines Schießeisens wegen.

»Ach ja, ihr Jungs geht gern mal zusammen aus und amüsiert euch, nicht wahr?«, erkundigte sich Nonna, als sie die Zuckerdose auf den Tisch stellte.

»Ja, Grandma«, antwortete Rafe. »Colt und ich gehen recht häufig miteinander aus.«

Sara war froh darüber, am anderen Ende des alten Eichentisches Platz nehmen und das Geplauder der beiden ausblenden zu können. Während ihrer Abwesenheit schien Colton förmlich zu einem Teil der Familie geworden zu sein. Sie hatte nicht damit gerechnet, mit dieser Tatsache fertigwerden zu müssen, nachdem sie nun dauerhaft nach Hause zurückgekehrt war.

Ein großes Erkerfenster überblickte den Garten ihrer Großmutter. Dort stand eine riesige alte Eiche, auf die sie und ihre Geschwister als Kinder gerne geklettert waren. Zu Lebzeiten ihres Großvaters hatten sie am untersten Ast des Baumes immer eine Schaukel gehabt. Die Schaukel gab es schon lange nicht mehr. Auch das braune Fleckchen Erdboden darunter, von kleinen Füßen kahl getreten, die sich schwungholend abstemmten oder abbremsten, um die Schaukel anzuhalten, war längst wieder mit Gras zugewachsen.

Sara vermutete, dass sie sich an solche Veränderungen würde gewöhnen müssen. Schließlich war das hier nicht mehr die Welt ihrer Kindheit, nicht mal mehr die Welt, die sie zurückgelassen hatte, als sie aus Angel Falls fortgegangen war, um das College zu besuchen und Medizin zu studieren. Oder auch nur die Welt, die sie im vergangenen Jahr verlassen hatte, als ihre Verlobung in die Brüche gegangen war.

»Ich kann diesen verflixten Topflappen nicht finden«, klagte Nonna, während sie in einer Schublade wühlte.

Sara stand auf, um ihr zu helfen, fand den Topflappen auf dem Toaster und holte die Brötchen aus dem Ofen.

»Hättest du gern etwas Kaffeesahne, Colton?«, erkundigte sich Nonna.

»Nein, danke, Mrs Faranaccio, ich trinke ihn schwarz«, antwortete er.

Sara half Nonna, die Zimtbrötchen zu glasieren. Als sie zum Tisch zurückkehrte, bemerkte sie eine volle, dampfende Tasse Kaffee an ihrem Platz.

Nonna konnte den Kaffee nicht eingeschenkt haben. Rafe saß am anderen Ende des Tisches, in der Nähe der Hintertür. Damit blieb nur Colton übrig.

Sie musste leicht perplex aus der Wäsche geschaut haben. Er reichte ihr die Sahne und fuhr fort, mit Rafe über eine Art Mitbringparty zu plaudern, die Polizei und Feuerwehr gemeinsam veranstalten wollten.

Woher hatte er gewusst, dass sie ihren Kaffee mit Sahne trank?

»Colton, hättest du gern etwas Sahne, mein Lieber?«, fragte Nonna zum zweiten Mal, als sie nun mit den Brötchen zum Tisch kam und sich setzte.

»Ich habe alles, was ich brauche, danke, Mrs F«, antwortete Colton höflich.

Sara fing seinen Blick über den Tisch hinweg auf. Er hatte es vermieden, Nonna in eine peinliche Lage zu bringen, etwa indem er darauf hingewiesen hätte, dass sie ihm dieselbe Frage schon einmal gestellt hatte. Nichtsdestoweniger machte sich Sara jetzt eilig daran, ihren Kaffee umzurühren, wollte sich vor ihm ihre Besorgnis nicht anmerken lassen.

Jedes kleine Versehen, das Nonna unterlief, ließ Saras Magen vor Angst zusammenkrampfen und rief in ihr das Gefühl wach, dass dies nur die Spitze des Eisberges war. Doch Nonna war bei bester Laune und lachte und scherzte mit den beiden Männern.

Nachdem er die Hälfte der Zimtbrötchen ganz allein verputzt hatte, erklärte Rafe: »Ich muss jetzt aber wirklich los.«

»Ich begleite dich nach draußen«, erklärte Sara, folgte ihm zur Vordertür hinaus und zog sie hinter sich zu.

»Was ist da zwischen dir und Colton los?«, fragte er, sobald sie außer Hörweite waren. »Du bist nicht gerade nett zu ihm gewesen.«

»Du weißt, was los ist.«

Rafe zog die Brauen zusammen. »Er ist ein feiner Kerl.«

Sara verschränkte die Arme vor der Brust. »Legenden? Eskapaden mit Frauen? Und du treibst dich mit ihm herum und machst einen auf guter Kumpel.«

»Seine Frauengeschichten schienen dich eindeutig zu amüsieren«, protestierte Rafe. »Vielleicht bist du ja ein klein wenig eifersüchtig?«

»Eifersüchtig? Auf Mr Revolver? Du bist … du bist komplett durchgeknallt!«

»Wie auch immer. Nun ja, du weißt, wie ich zu der ganzen Sache stehe«, gab Rafe zurück. »Tagg hat nur bekommen, was er verdient hat – der Kuchen ist gegessen, wenn du mir das Wortspiel verzeihst. Er hat stets nur an sich selbst gedacht. Gut, dass du ihn los bist.«

»Gott, Rafe, ich wünschte, du hättest klarere Grundsätze«, sagte Sara lächelnd. Er war immer eine ehrliche Haut gewesen, war immer sofort für sie eingetreten, schon als sie beide noch Kinder waren. Sie musste zugeben, dass es wirklich schön war, einen erwachsenen kleinen Bruder zu haben, der sie verteidigte. Aber das bedeutete noch lange nicht, dass sie in Bezug auf Colton einer Meinung mit ihm war.

»Jedenfalls«, fuhr Rafe fort, »gib Colton eine Chance. Er könnte dich womöglich noch überraschen.«

»Ähm, als ich die Sache das letzte Mal überprüft habe, warst du mein viel jüngerer Bruder, daher verstößt es gegen die natürliche Geschwisterordnung, dass du mir gute Ratschläge gibst. Du vergisst, dass ich Colton schon länger kenne, als ich Tagg je gekannt habe. Einmal Arschloch, immer Arschloch.«

»Gott, lass ihn doch einfach mal machen und probier’s noch einmal mit ihm. Menschen können sich ändern.«

»Dad schwört Stein und Bein, dass die meisten seiner Patienten noch immer dieselbe Persönlichkeit haben, die sie schon mit dreizehn hatten.«

»Das ist fatalistisch«, versetzte Rafe.

»Genauso wie jede Woche mit einem anderen Mädchen auszugehen«, konterte Sara und warf ihm einen vielsagenden Blick zu.

»Ich habe gesagt, dass Menschen sich ändern können – wenn sie es wollen. Ich dagegen habe momentan keinen Grund dafür, da ich sexuell in der Blüte meiner Jahre stehe. Sehen wir uns heute Abend zum Sonntagsessen?«

»Ja.« Sie küsste ihren Bruder auf die Wange. »Bis dann.« Sara wusste, dass sie den Datinggewohnheiten ihres Bruders gegenüber nicht allzu kritisch sein sollte. Seine langjährige feste Freundin war bei einem Unfall ums Leben gekommen, als er gerade mal einundzwanzig gewesen war, und jahrelang war er so gut wie gar nicht mehr mit Frauen ausgegangen. Die Tatsache, dass er sich jetzt wieder mit Frauen traf und darüber Witze machte, war vermutlich eine große Verbesserung. Sie war sich nur nicht sicher, wie viel von seiner neuen Einstellung reines Vorgeben war.

Sie sah von der Veranda aus, wie Rafe in seinen schicken schwarzen Ford F-150 mit maßgefertigten Chromfelgen stieg und davonfuhr. Colton kam mit zwei Brötchen in einer Papiertüte aus dem Haus. Niemand verließ Nonnas Haus ohne eine volle Essenstüte.

»Danke, dass du mich zum Frühstück hast bleiben lassen«, sagte er.

Sie zuckte die Achseln, auch wenn sie insgeheim darüber überrascht war, dass er sich die Mühe machte, sich zu bedanken. »Nicht meine Entscheidung. Es war Nonnas Wunsch.«

Colton stand sehr dicht neben ihr. So dicht, dass sie nicht umhinkonnte, das strahlende Blau seiner Augen zu bemerken, eine Kreuzung zwischen Sommerhimmel und dem Karibischen Meer. Mann, der Kerl war in puncto Aussehen wahrhaft von den Göttern geküsst worden. Er war wirklich zum Anbeißen schön.

Nicht dass sie selbst je anbeißen würde.

»Auf Wiedersehen, Mrs Faranaccio«, rief er ihrer Großmutter zu, die im Haus geblieben war. »Man sieht sich, Rotschopf.« Sein Blick huschte über sie hinweg. »Ich neige dazu, deinem T-Shirt recht zu geben. In Anatomie bekommst du wirklich eine Eins. Aber es ist wahrlich eine Schande, denn der Rest von dir ist ganz schön bissig.« Er bedachte sie mit einem letzten langen Blick, setzte seine Mütze auf und ging hinaus in den Regen.

3

Nachmittags um Viertel vor fünf roch es in Nonnas Küche nach Spaghettisoße und frisch gebackenem Brot. Als Sara die selbst gebackenen Brötchen aus dem Ofen holte, beschloss sie im Stillen, dass Nonnas Haus nun bereit für das Sonntagsessen war.

»Nonna, wo ist Gabby?«, rief sie zu ihrer Großmutter hinüber, die im Esszimmer den Tisch deckte.

»Ach, keine Ahnung, Liebes«, erwiderte Nonna und legte neben einen der Teller gleich zwei Gabeln. Bevor Sara eingreifen konnte, ließ sich Gabbys Stimme aus der Ferne vernehmen.

»Ich bin hier oben!«

»Ich geh Gabby holen und bin dann sofort wieder da, um dir beim Tischdecken zu helfen«, versprach Sara.

»Lass dir Zeit«, antwortete Nonna und legte eine dritte Gabel neben die beiden anderen.

»Hier oben« erwies sich als der Dachboden, den man über eine herunterziehbare Leiter oben an der Treppe erreichte. Der Raum unter den Dachgauben war mit alten Querbalken und Schichten aus flauschigem rosa Dämmmaterial versehen. Eine einsame Glühbirne baumelte an einer Kette vom zentralen Dachbalken herab.

Sara kletterte die Leiter halb hinauf, bis ihr Kopf auf Bodenhöhe des Raums darüber war. Sie überlegte, ob sie ganz hinaufsteigen sollte. »He, Gabs, in fünfzehn Minuten gibt es Abendessen. Kannst du runterkommen und helfen? Nonna braucht ein wenig Hilfe beim Tischdecken.«

»Oh, na klar«, antwortete Gabby und rümpfte ihre niedliche Nase. Gabby war diejenige von Saras Schwestern, die ihr am nächsten war, sowohl altersmäßig als auch menschlich. Sie waren nur fünfzehn Monate auseinander und erzählten sich fast alles. Gabby war einer der wichtigsten Gründe, warum sich die Rückkehr nach Hause erträglich gestaltete.

»Komm hier hoch, ich fürchte mich allein«, rief Gabby und streckte überschwänglich die Arme aus. Richtig: Gabby war nicht nur die Schwester mit der meisten Fantasie, sondern auch diejenige, die am stärksten zu Pathos und Dramatik neigte. »Ich brauche meine große Schwester. Vor allem, da ich dich seit deiner Rückkehr noch fast gar nicht gesehen habe. Außerdem hat Nonna mich hier raufgeschickt, um nach diesen hübschen Kuchentellern mit dem gewellten weißen Rand zu suchen, und ich kann sie nicht finden. Erinnerst du dich an diese Teller?«

Sara stemmte sich die letzten Sprossen hoch und setzte sich neben Gabby auf ein paar übereinandergestapelte Holzkisten.

»Ich finde es hier oben immer unheimlich«, erklärte Gabby. Sie saß mitten auf dem Holzboden, umringt von offenen Kisten und Kartons. »Rafe hat mir früher ständig schreckliche Geschichten von Familien erzählt, die gezwungen waren, auf dem Dachboden zu leben – wie in diesen Romanen, die vor ein paar Jahren so in Mode waren, erinnerst du dich? Und ich habe jedes einzelne Wort geglaubt. Als Kind wollte ich nie hier raufkommen.«

»Du hattest aber auch immer die lebhafteste Fantasie von uns allen«, bemerkte Sara.

Obwohl sie Anwältin für Testamente und Treuhandfonds war, war Gabby eine Träumerin, und es hätte Sara nicht im Mindesten überrascht, wenn sie ihre Schwester hier oben dabei erwischt hätte, wie sie in Nonnas Sachen wühlte und dabei jedes Zeitgefühl verlor.

Sara sah sich in dem schwachen Licht der einsamen Glühbirne um. Für einen Dachboden war der Raum ziemlich ordentlich: Kisten waren sorgfältig gestapelt und aneinandergereiht. Stoffrollen lehnten aufgestellt und in Plastik gehüllt in einer Ecke. Ein betagter hölzerner Liegestuhl und ein Kinderkörbchen hingen an Haken herab. Plastiktaschen mit Reißverschluss enthielten abgelegte Vorhänge, und außerdem war da noch ein alter Waschzuber aus Aluminium, in dem sie früher immer ihren Hund gewaschen hatten.

»Bei der Gelegenheit kannst du vielleicht auch mein Geschenk zum dreizehnten Geburtstag ausfindig machen.«

»Das hast du immer noch nicht aufgegeben, hm? Großer Gott, danach haben wir doch überall gesucht.«

Sara zuckte die Achseln. An ihrem dreizehnten Geburtstag war ihre Mutter schon sehr krank gewesen, und nur eine Woche später war sie gestorben. »Mom konnte so was ziemlich gut. Sie hat nie einen Geburtstag vergessen. Vielleicht hat sie es so gut versteckt, dass wir es deshalb nie gefunden haben.«

»Nun ja, ich suche gern weiter danach. Und wenn wir schon mal dabei sind, kannst du mir auch helfen, Moms Tagebücher aufzuspüren.« Gabby durchwühlte eine Kiste in der Nähe und zog etwas heraus, das in gelbes Zeitungspapier eingewickelt war. »Wow, sieh dir das mal an.« Sie hielt einen Keramikflamingo hoch, der auf einem seiner rosa Füße stand. »Großartig. Den könnte ich eventuell für meine Wohnung gebrauchen.«

»Hübsch«, meinte Sara. »Mom hat Tagebuch geführt?«

»Sie hat immer irgendetwas in Spiralblocks geschrieben, erinnerst du dich nicht?«, antwortete Gabby. »Die müssen hier irgendwo sein.« Sie zog einen weiteren Karton hervor. Auch er war mit in Zeitungspapier eingewickelten Gegenständen vollgepackt.

Sara griff hinein und wickelte etwas aus. »Oh, Nonnas Tafelgeschirr von Fiesta!« Sie durchwühlte den Karton. »In allen Farben des Regenbogens. Ich kann mich noch gut an diese Sachen erinnern!« Plötzlich kam ihr ein Gedanke. »Weiß Dad vielleicht, wo Moms Tagebücher sind? Vielleicht hat er sie jetzt und nicht Nonna.«

Gabby schüttelte den Kopf. »Ich will zuerst hier nachschauen. Ich glaube, als Dad Rachel geheiratet hat, dürfte er die meisten von Moms Sachen Nonna gegeben haben. Das wäre einleuchtend, nicht? Keiner würde doch die persönliche Habe seiner verstorbenen Frau bei sich auf dem Dachboden aufbewahren, oder?«

Sara hatte keine Ahnung. Sie wusste jedoch, dass ihr Dad selbst jetzt nur sehr wenig über ihre Mutter sprach. Er redete niemals von sich aus, und wenn man fragte, gab er denkbar kurze Antworten.