Angeldust - Sabrina Mann - E-Book

Angeldust E-Book

Sabrina Mann

0,0

Beschreibung

Angeldust erzählt die besondere Geschichte von Fenja, einem ganz gewöhnlichen Mädchen - wie sie annimmt - und Erzengel Michael, dem eine besondere Aufgabe zugewiesen wurde. Er soll sie vor Samael beschützen, der sich einst Luzifer Morgenstern anschloss. Doch auch Engel können nicht alles vorhersehen und so beginnt für Michael nicht nur die Jagd auf einen abtrünnigen Engel, sondern auch ein Kampf mit sich selbst. Fenjas Welt gerät schließlich völlig aus den Fugen, als sie nicht nur Michaels Geheimnis lüftet.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 219

Veröffentlichungsjahr: 2023

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Sabrina Mannwurde 1983 in Rheinland-Pfalz geboren und schrieb bereits als Kind Kurzgeschichten und Gedichte.

Die Leidenschaft für das geschriebene Wort fesselte sie schließlich solange, bis sie beschloss, ihre Gedanken und Phantasien nieder zu schreiben.

Nach der Debut-Reihe Undómièl folgt mit Angeldust der nächste Fantasy-Roman der schwäbischpfälzischen Autorin.

„Wie bist du vom Himmel gefallen, du Glanzstern, Sohn der Morgenröte! Wie bist du zu Boden geschmettert, Überwältiger der Nationen!“

(Jesaja 14, 12)

Inhaltsverzeichnis

1407 v. Chr.

Heute

Fenja

Kapitel 2

Mailo

Fenja

Mailo

Fenja

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Mailo

Fenja

Mailo

Kapitel 6

Fenja

Mailo

Fenja

Kapitel 7

Mailo

Fenja

Kapitel 8

Michael

Fenja

Mailo

Fenja

Kapitel 9

Michael

Fenja

Kapitel 10

Michael

Fenja

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Michael

Fenja

Kapitel 14

Michael

Fenja

Kapitel 15

Michael

Fenja

Kapitel 16

Michael

Fenja

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Michael

Fenja

1407 v. Chr.

Es war an der Zeit, dass die Engel Moses Seele ins Licht führen sollten und nur einer von ihnen erklärte sich dazu bereit.

Es war Samael, der einst Mose half, das rote Meer zu teilen. Er war der einfühlsamste und sensibelste unter den Erzengeln.

Als er hinabstieg und neben Moses Sterbebett kniete, erkannte er, dass Mose noch nicht bereit war, seine sterbliche Hülle abzustreifen.

Mose griff seinen Stab und schlug auf den Engel ein.

Samael, der seine Gefährten Michael und Gabriel um Hilfe rief, ertrug Moses Hiebe und wehrte sich nicht.

Gewalt war ihm zuwider.

Seinen Mitstreitern gelang es schließlich, Mose zu besänftigen und seine Seele gemeinsam zu Gott zu führen.

Doch für Samaels Augenlicht kam jede Rettung zu spät. Die anderen Engel verspotteten ihn, denn ohne Sehkraft würde er nicht mehr zu guten Taten befähigt sein.

Samael zog sich immer weiter zurück; war kurz davor an seiner Blindheit zugrunde zu gehen. Er flehte Gott an, ihm sein Augenlicht zurückzugeben, doch der Herrscher wollte dieser Bitte nicht nachkommen.

Luzifer Morgenstern war es, der Samaels Leid erkannte und ihm einen Platz an seiner Seite versprach.

Luzifer war der Mächtigste aller Engel und der Liebling vom Chef. Seine Schönheit und Intelligenz waren jedoch sein Untergang. Durch seine Eitelkeit und seinen Neid auf Gott wurde er schließlich auf die Erde verbannt.

Ihm kam es gerade Recht, einen weiteren Mitstreiter für seine Sache gewonnen zu haben.

Luzifer gab Samael die Sehkraft zurück und fortan war dieser einst so selbstlose Engel der Anführer der Rebellen und Luzifers rechte Hand.

Erzengel Michael, der völlig enttäuscht über das Verhalten seines Kameraden war, bekam schließlich den Auftrag, ihn und die anderen Aufständischen in Ketten zu legen.

Heute

Fenja

„Tut es sehr weh?“ fragte ich Asha, die mich mit ihren großen, haselnussbraunen Augen dabei beobachtete, wie ich hochkonzentriert ihre Pfote untersuchte.

Ich entdeckte den Übeltäter in Form eines langen dicken Dornes und zog ihn blitzschnell mit der Pinzette heraus.

Asha zuckte nicht einmal, aber das hatte ich auch nicht anders von ihr erwartet.

Wenn ich sie mit wenigen Worten beschreiben müsste, würden Diese wohl sanft, treu, intelligent und wunderschön lauten.

Ich hatte sie als Welpe von einer Frau übernommen, deren Hündin unabsichtlich vom Nachbarshund gedeckt wurde. Eigentlich wollte ich zu diesem Zeitpunkt gar keinen Hund haben.

Ich las durch Zufall im Wochenblatt von Windhund-Mix-Welpen und war erstmal nur neugierig.

Ich rief die Verkäuferin der Welpen an und unterhielt mich nett mit ihr. Als sie mir mitteilte, um welche Rassenzusammenstellung es sich genau handelte, musste ich einfach hinfahren und mir den Wurf anschauen.

Die Mutter der Welpen war eine Kreuzung aus Schäferhund und Afghane, der Vater ein Rottweiler-Labrador-Schäferhund-Mischling.

Als ich nach Feierabend bei der Dame ankam, bot sich mir allerdings zuerst ein Bild, dass mich traurig machte.

Eine völlig ausgemergelte mittelgroße Hündin, mit blutigem Gesäuge stand neben ihrer Besitzerin.

Die Frau gab mir die Hand und stellte sich mir als Nadine vor. Anschließend folgte ich ihr in den Keller des ziemlich heruntergekommenen Hauses.

Wir stiegen die Stufen hinab und standen nun vor einer schweren Kellertüre, die sie zuerst aufschloss und sogleich das Licht im Raum einschaltete.

Ein übler Geruch nach Extremitäten stieg mir in die Nase.

Ich war geschockt!

Ich blickte mich um und entdeckte sieben kleine Hundewelpen, die sofort den Kopf hoben und auf uns zu stürmten. Überall konnte ich Ausscheidungen entdecken, aber nur eine alte, zerrissene Decke.

Es gab weder Körbchen noch sonstige Möglichkeiten für die Welpen, um warm und geschützt zu liegen.

Ich ging in die Hocke und begrüßte die kleine Rasselbande.

Vier von ihnen waren sandfarben mit einem zarten, mittelbraunen Strich am Rücken, der von ihrem Genick bis zum Schwanzansatz reichte. So einen würde ich gerne mitnehmen, schoss es mir durch den Kopf.

Einer der Welpen saß inzwischen unter einem Fahrrad und sah aus wie ein kleiner Rottweiler. Er wirkte eher schüchtern und betrachtete aus der Entfernung, wie seine Geschwister an mir hochsprangen und auf meinen Schnürsenkeln kauten.

Zwei der Welpen waren eher unauffällig gefärbt und glichen in ihrem Erscheinungsbild am ehesten einem Schäferhund. Man konnte jedoch deutlich die schmale Hüfte und den großen Brustkorb eines Windhundes erkennen.

Ich hatte mich bereits in einen der hellen Rüden verguckt, der allerdings nicht viel von mir wissen wollte, als eine der unauffälligeren Hündinnen permanent an mir hochsprang.

Als ich mich schließlich im Schneidersitz hinsetzte, tollte sie auf meinem Schoß herum und blickte mich mit treuen Augen an, so als hätte sie ihre Entscheidung bereits getroffen.

Ich musste nicht mehr überlegen. Sie hatte mich ausgesucht und ich beschloss, sie mitzunehmen und fortan für sie da zu sein.

Ihre ehemalige Besitzerin meldete ich meiner Vorgesetzten, die sich darum bemühte, dass die anderen Hunde artgerecht untergebracht und anschließend gut vermittelt wurden.

Asha, wie ich meine Kleine taufte, lernte sehr schnell.

Bereits nach einer Woche konnte sie Sitz und Platz, war stubenrein und lief auch ohne Leine nie weiter als ein paar Meter von mir weg.

Sie war ein Traum von Hund.

Zu meiner Arbeitsstelle im Tierheim durfte ich sie mitnehmen und so verbrachten wir fünfundneunzig Prozent des Tages miteinander.

Inzwischen war sie vier Jahre alt und die beste Freundin, die man sich nur wünschen konnte.

Ich lebte mit ihr zusammen in einer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung in Dettingen an der Erms.

Asha wich nie von meiner Seite; wenn ich traurig war tröstete sie mich und wenn ich Jemanden zum Reden brauchte, hörte sie mir zu.

Manchmal gab sie auch Antworten in Form eines Seufzers oder Piensens.

Ich hatte nicht viele Freunde außer ihr und ehrlicherweise war sie oft der Grund, warum ich an meinen freien Tagen das Haus verließ und nicht Trübsal blies.

Seit dem Tod meiner Eltern lebte ich eher zurückgezogen und es fiel mir schwer, mich anderen Menschen zu öffnen.

Mit Asha war das anders. Sie verstand mich auch ohne Worte. Mit ihr durchquerte ich abenteuerliche Schluchten, erklomm Berge und erkundete geheimnisvolle Orte.

Wochentags arbeitete ich im Tierheim Reutlingen.

Dort war ich für die Hunde zuständig. Samstags verdiente ich mir in einer Table-Dance-Bar in Stuttgart noch etwas extra Geld.

Meine Freundin Steffi hatte mich vor drei Jahren mit zur Moonshine-Bar genommen, nachdem ich ihr erzählte, dass mein Gehalt nicht ausreichte, um die monatlichen Belastungen zu decken.

Sie arbeitete dort selbst bereits ein paar Monate und trotz meiner anfänglichen Hemmungen gefiel mir die Arbeit ganz gut.

Es war ein krasser Kontrast zu meinem sonst eher zurückgezogenen Leben. Mir gefiel es, in eine andere Rolle zu schlüpfen, mich zum Rhythmus der Musik lasziv an der Stange zu räkeln und die Blicke der Männer auf mich zu ziehen.

Es war keine heruntergekommene Location, sondern eher ein Etablissement für reichere Herren.

In der Regel benahmen sich die Männer auch recht anständig.

Nur zweimal wurde ich bisher betatscht, woraufhin die Sittenstrolche sofort von der Security entfernt wurden.

Anfassen war dort nämlich nicht gestattet.

Mit Steffi verband mich viel mehr als nur eine gewöhnliche Freundschaft.

Sie war meine Zimmergenossin im Kinderheim, in das ich kam, als meine Eltern starben.

Ich war erst neun Jahre alt und erfuhr von dem tragischen Verkehrsunfall während der Mathestunde.

Eine Polizistin platzte in den Unterricht, brachte mich in den Ruheraum der Schule und erzählte mir dort, dass ein Laster auf der Autobahn A8 zwischen Stuttgart und Karlsruhe ins Schleudern geriet und das Auto meiner Eltern in die Leitplanke rammte.

Der Laster presste das Fahrzeug mit solcher Wucht gegen das Eisen, dass meine Eltern innerhalb von Sekunden tot waren.

Da ich keine anderen Verwandten hatte, blieb mir nichts anderes übrig, als mich nach anfänglicher Weigerung in mein neues Zuhause bringen zu lassen.

Steffi war damals erst wenige Wochen dort untergebracht, aufgrund eines langen Gefängnisaufenthaltes ihrer Mutter. Ihren Vater hatte sie nie kennengelernt.

Sie war in diesen schweren Jahren für mich da, wie es eine große Schwester gewesen wäre, obwohl sie nur ein Jahr älter war als ich.

Steffi half mir mit der Schule, tröstete mich, wenn ich mich in den Schlaf weinte und verteidigte mich, wenn ich gehänselt wurde.

Mit sechzehn, nach bestandener Mittlerer Reife, machte ich eine Ausbildung zur Tierpflegerin und zog nach meiner Abschlussprüfung in meine kleine Wohnung.

Steffi wohnte nur wenige Häuser entfernt und war auch jetzt immer noch für mich da.

Sie beschaffte mir die Arbeit in der Bar aber sicherlich nicht nur des Geldes wegen.

Ich hatte bisher nie einen Freund gehabt, auch heute nicht mit meinen zweiundzwanzig Jahren.

Wenn mich jemand nach meinem Liebesleben fragte, antwortete ich immer, dass ich ein rundum zufriedener Single wäre, aber das war gelogen.

Steffi wusste das. Sie kannte mich einfach zu lange und zu gut.

Sie hoffte, dass ich meine Angst vor einer Bindung durch das Kennenlernen von Männern verlieren würde. Doch je länger ich dort arbeitete, desto weniger wollte ich eine Beziehung eingehen.

Viele der Männer, die dort verkehrten, hatten Frauen Zuhause und flirteten trotzdem mit mir oder meinen Kolleginnen.

Manchmal luden sie mich auch ein, mit ihnen auszugehen oder machten mir andere unmoralische Angebote.

Einfach widerlich und gemein.

Ich drückte Asha einen Kuss auf ihre feuchte Hundenase und ging ins Badezimmer, um mich zu richten.

Heute war so ein Tag, an dem ich null Lust auf die Arbeit in der Bar hatte.

Im Tierheim war die letzte Woche viel zu tun gewesen. Ein Transporter mit illegal eingeführten Welpen aus Polen wurde in Bad Urach gestoppt. Von den siebenundsechzig Tieren wurden vierunddreißig zu uns nach Reutlingen verbracht. Die Welpen waren allesamt in schlechtem Zustand. Sie waren ausgemergelt, durstig, teilweise viel zu jung um von ihrer Mutter getrennt zu werden und einige waren richtig krank.

Asha half mir zwar, die Kleinen zu bändigen, aber es waren doch ziemlich lange und anstrengende Arbeitstage.

Dass Steffi an diesem Abend auch Dienst hatte tröstete mich ein wenig.

In letzter Zeit sahen wir uns nämlich nicht sehr oft.

Sie war seit ein paar Wochen mit Manuel zusammen.

Er hatte sie beim Einkaufen ausversehen angerempelt und irgendwie sind die Beiden dann ins Gespräch gekommen.

Ich lernte ihn kurz darauf bei ihr daheim, während einem gemeinsamen Frühstück kennen, doch ich wurde einfach nicht warm mit ihm.

Irgendetwas störte mich an ihm. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass er etwas verbarg. Außerdem guckte er mich immer so komisch an. Er schielte ein wenig, doch das war nicht der Grund, warum es mich in seiner Gegenwart fröstelte.

Sie schien dieses Gefühl nicht zu haben und reagierte sehr gekränkt als ich sie darauf ansprach.

Fortan mied ich dieses Thema und hoffte, dass mein Gefühl mich täuschte.

Ich zog meine Gassi-Klamotten aus, legte sie über den weißen Rattan Wäschekorb und schlüpfte in eine weinrote Kunstlederhose.

Als Oberteil wählte ich ein schwarzes enganliegendes Top mit tiefem V-Ausschnitt.

Anschließend trug ich Lidschatten und Wimperntusche auf, bevor ich mein langes dunkelbraunes Haar hochsteckte.

Ich betrachtete das Ergebnis kritisch im Spiegel und zupfte noch ein paar Haarsträhnen heraus, die nun lose mein Gesicht umsäumten. Der dunkle Lidschatten brachte meine smaragdgrünen Augen perfekt zur Geltung, doch irgendetwas fehlte noch.

Ich hatte den Lippenstift vergessen.

Schnell trug ich die kräftig rote Farbe auf und zog meine Turnschuhe an.

„Heute darfst du leider nicht mit“, erklärte ich Asha, die schon an der Wohnungstüre auf mich wartete.

Sie legte den Kopf schief und hob ihre verletzte Pfote in die Luft.

Ich musste lachen.

„Genau deshalb wirst du heute Zuhause auf mich warten. Ich bin ja bald wieder da.“

Mit einem schlechten Gewissen verließ ich die Wohnung und fuhr zur Arbeit.

Mein alter roter Golf III war zwar nicht mehr der Schönste, aber er fuhr mich zuverlässig von A nach B.

Ich drehte die Musik auf und grölte mit, als 4 non Blondes den Refrain zu What‘s up? anstimmte.

2

Es war fast zweiundzwanzig Uhr, als ich die Bar betrat.

Auf dem Weg zur Umkleidekabine erkannte ich ein paar Stammgäste, die ich freundlich grüßte.

Am Tresen war der alte Mike gerade dabei, ein Bier zu zapfen und meine Kollegin Lara verabschiedete sich mit Luftküssen von den Gästen, bevor sie ebenfalls die Umkleidekabine ansteuerte.

„Hallo Lara.“

„Hi Du. Alles klar bei dir?“

„Ja, natürlich. Und wie lief es hier heute?“

„Eigentlich wie immer. Notgeile Männer, gutes Trinkgeld und so weiter. Aber hast du schon den Neuen gesehen?“

„Wen meinst du?“

„Na der neue Security-Typ. Kurze schwarze Haare, groß und schlank. Total sexy Blick und einfach zum Anbeißen süß.“

„Nö, aber falls ich ihn sehe, kann ich ihn ja fragen, ob er mit dir ausgeht.“

„Sehr witzig, Fenja. Du weißt doch, dass ich vergeben bin. Aber der wäre bestimmt was für dich.“

„Genau, träum weiter.“

Jetzt versuchte Lara also auch schon, mich zu verkuppeln.

Ich hörte ihr einfach nicht mehr zu und zog mein Tanzkostüm an.

Eigentlich bestand Dieses nur aus einem extrem kurzen Top und einer viel zu kurzen Shorts. So würde ich niemals draußen herumlaufen. Es war eben mein Tanzoutfit.

Ich zog meine High-Heels dazu an und marschierte zur Bühne.

Die Gäste applaudierten als sie mich sahen und sobald die Musik erklang, legte ich los.

Zu Latinoklängen konnte man sich wunderbar an der Stange bewegen, was den Herren, die direkt an der Bühne saßen, sehr zu gefallen schien.

Sie pfiffen und jubelten mir zu, während sie meine rhythmischen Bewegungen verfolgten.

Einer der Gäste schien schon reichlich angetrunken zu sein und warf mir verbale Anzüglichkeiten entgegen, die ich glücklicherweise nicht alle verstand.

Doch ich sah die Gier in seinen Augen und erschauderte.

Nach fünfundzwanzig Minuten wurde ich von Vanessa abgelöst, die nun zu Techno eine heiße Show ablieferte.

Ich nutzte die kurze Pause, um auf mein Handy zu schauen, denn Steffi hätte schon längst hier sein müssen.

Und tatsächlich hatte ich eine Nachricht von ihr erhalten.

„Hallo meine Kleine, sei mir bitte nicht böse aber ich werde heute nicht zur Arbeit kommen Ich hab schreckliche Kopfschmerzen Wir sehen uns dann aber Morgen wie besprochen zur Wanderung, ok? Dir nen schönen Abend “

So kannte ich Steffi gar nicht.

Wieso schrieb sie so kurz vor der Arbeit erst, dass es ihr schlecht ging? Außer natürlich … sie hatte gar keine Kopfschmerzen und suchte nur eine Ausrede.

Ich beschloss, nicht weiter darüber zu spekulieren, ob sie nun die Wahrheit schrieb oder nicht.

Ich schickte ihr schnell eine Nachricht mit Besserungswünschen zurück, trank einen Schluck Wasser und ging wieder zur Bühne.

Ben, unser Haus-DJ, hatte mich sofort im Blick und wechselte zu Lambada, woraufhin ich nun gemeinsam mit Vanessa tanzte.

Unsere Körper bewegten sich, miteinander verwoben, zu den Klängen des anzüglichen Tanzes und die Herren tobten.

Beinahe wäre ich völlig aus dem Rhythmus gekommen, als ich ihn erblickte.

Hinter den sabbernden Männern stand ein großer, schlanker Typ, mit dunklen Haaren.

Völlig regungslos musterte er die Menge, nur mit seinen dunklen Augen, bis sich unsere Blicke trafen.

Es war nur ein klitzekleiner Moment, doch die Wucht, mit der mich seine Augen trafen, war atemberaubend.

Ich versuchte, ihn nicht mehr anzusehen und mich auf die Musik zu konzentrieren, was beinahe unmöglich schien.

Lara hatte Recht, was den neuen Security-Typ anging.

Er war heißer als heiß und ich wollte mir nicht die Finger an ihm verbrennen. Wenngleich es äußert schwierig war, ihn nicht zu beobachten.

Aus den Augenwinkeln schielte ich immer wieder zu ihm hinüber und ertappte mich dabei, wie kleine Schmetterlinge in meinem Bauch anfingen, sanft aber drängend, zu flattern.

Ich war noch nie verliebt gewesen, geschweige denn, dass ich jemals einen Mann hätte küssen wollen.

Doch bei ihm war es anders.

Inzwischen spielte Ben ein neues Lied, doch ich nahm nicht mal war, welches. Ich fand weder die Melodie, noch den Rhythmus, stolperte und fiel letztlich von der Bühne. So etwas Peinliches musste ausgerechnet jetzt passieren.

Nie zuvor war ich so unbeherrscht und unkonzentriert gewesen.

Mein Fußknöchel schmerzte höllisch, doch ich musste schnell aufstehen, um nicht vor Scham im Erdboden zu versinken.

Vanessa war bereits von der Bühne gehüpft, elegant wie eine Gazelle, und streckte mir eine Hand entgegen.

„Komm, ich helfe dir“, sagte sie, während sich ein breites Grinsen über ihrem Gesicht ausbreitete.

„Sehr witzig, wirklich“, motzte ich und griff nach ihrer Hand, um mich von ihr hochziehen zu lassen.

Ich versuchte gar nicht erst aufzutreten und wollte gerade in die Umkleide humpeln, als jemand einen Arm um meine Taille legte.

Für einen kurzen Moment setzte meine Atmung aus.

Vanessa zwinkerte mir zu und hüpfte abermals wie eine Gazelle zurück auf die Bühne, während mich die Schmetterlinge in meinem Bauch völlig durcheinanderbrachten. Er sprach kein einziges Wort, er blickte mich nicht an und dennoch war er mir näher als jeder andere Mann es bisher war.

Nur langsam kamen wir voran, doch geduldig brachte er mich bis in die Garderobe und half mir dabei, mich auf einen Stuhl zu setzen. Dann lief er zum Waschbecken, um ein Tuch mit Wasser zu tränken.

Die Art und Weise wie er das tat war irgendwie anders. Anmutig und völlig ruhig war jede einzelne seiner Bewegungen.

Ich war so gefesselt, dass ich vergaß, meinen Schuh auszuziehen und bemerkte es erst, als er vor mir niederkniete, um die Schnalle des Lederriemchens zu lösen.

Ganz sanft und ohne mich zu berühren, zog er den Schuh von meinem Fuß und wickelte das nasse Tuch herum, bevor er einen Hocker heranzog, um meinen verletzten Knöchel darauf zu betten.

Ohne mich noch einmal anzusehen, verließ er auch schon wieder das Zimmer und ich blieb völlig perplex zurück.

Wer war dieser mysteriöse, umwerfend gutaussehende Kerl? Ich musste dringend mehr über ihn herausfinden. Ich wartete auf Vanessa, die ich nun über den Neuen ausfragte.

Leider wusste sie auch nicht mehr als ich.

Der Chef hatte Vanessa angewiesen, dafür zu sorgen, dass ich gesund Zuhause ankam. Doch da sie nun die einzige Tänzerin war, musste ich wohl ein Taxi anrufen.

Wenigstens half sie mir noch dabei, mich umzuziehen und stützte mich auf dem Weg vor die Tür, wo ich auf das Taxi wartete.

Ich lehnte an der Hausmauer und blickte erwartungsvoll zum Eingang, als ich die Tür hörte.

Leider war es nicht der gutaussehende junge Mann, sondern der betrunkene Widerling, der mir vor meinem Sturz schon gruselige Avancen gemacht hatte.

Mit gierigem Blick torkelte er auf mich zu, während ich mir meine Chancen ausrechnete, ihm zu entwischen.

Angesichts meiner Fußverletzung war Flucht definitiv nicht die beste Wahl.

Ich wühlte in meiner Handtasche nach dem Pfefferspray, doch ich war nicht schnell genug.

Der Typ stand bereits vor mir und packte mich nun an beiden Armen, um mich gegen die Wand zu pressen.

Eine Alkoholfahne des Grauens, gemischt mit dem Geruch nach Aschenbecher schlug mir entgegen.

Ich versuchte mich zur Wehr zu setzen, schrie ihn an, er soll mich loslassen, doch er lachte nur hämisch.

„Lass sie los!“, befahl plötzlich eine männliche Stimme.

Mein Angreifer wurde zur Seite gezogen und mit einem Kinnhaken zu Boden gebracht.

„Verschwinde und lass dich hier nicht mehr blicken! Das nächste mal werde ich dich nicht einfach laufen lassen.“

Mein Angreifer rappelte sich auf und torkelte motzend davon.

„Alles in Ordnung?“, fragte mich nun mein Retter und kam langsam auf mich zu.

Ich zitterte wie Espenlaub und gleichzeitig wirbelten die Schmetterlinge nun auch mein Gehirn durcheinander. Der Klang seiner Stimme war so sanft und klar. Sie passte irgendwie so gar nicht zu seinem maskulinen, leicht verruchten auftreten.

Ich nickte stumm.

Seine Augen musterten mich, als er nun vor mir stand.

„Wann kommt das Taxi?“

„Ich … ehm … ich weiß es nicht“, stotterte ich.

„Mmh“, machte er.

Dann zog er seine Jacke aus und hielt sie mir entgegen.

„Hier, nimm schon. Dir ist kalt. Kann ich dich kurz alleine lassen?“

„Klar.“

Ich griff nach der Jacke und zog sie auch gleich an.

Ein süßer Duft nach Sandelholz, Lavendel und Wald schlug mir entgegen, den ich einsog und nie wieder vergessen würde.

Das laute Stottern eines Motors ließ mich aufblicken.

Mein Retter saß auf einer dunkelblauen Maschine und lächelte mich an.

„Darf ich dich nach Hause bringen?“

„Damit?“

„Keine Sorge, ich bin ein guter Fahrer.“

Mir war ein wenig mulmig zumute. Nie zuvor saß ich auf einem Motorrad und schon gar nicht mit einem Mann zusammen.

„Ok. Ich bin übrigens Fenja.“

„Ich weiß“, antwortete er, stieg vom Bike und half mir, mich darauf zu setzen.

„Ich bin Mailo“, sagte er, während er vor mir Platz nahm.

„Halte dich gut fest!“ Schon fuhren wir los.

Ich klammerte mich an seinen Oberkörper, schloss die Augen und genoss die Nähe zu meinem Retter.

Der kühle Nachtwind wehte mir seinen himmlischen Duft entgegen, während das monotone Motorengeräusch beruhigend auf mich wirkte.

Ich fühlte mich geborgen, wie schon ewig nicht mehr.

Nach etwa zwanzig Minuten brachte er das Bike zum Stehen und ich öffnete meine Augen.

„Sind wir hier richtig?“, fragte er mich.

Tatsächlich befanden wir uns direkt vor dem Mietshaus, in dem ich wohnte.

„Ja, aber woher wusstest du wo ich wohne?“

„Deine Kollegin hat mir vorhin die Adresse zugesteckt.“

Mmh.

Ich kletterte schwerfällig von der Maschine und wollte gerade loshumpeln, als Mailo bereits den Arm um meine Hüfte legte.

Ich konnte nicht leugnen, dass es mir gefiel, doch gleichzeitig machte mich die körperliche Nähe immer nervöser.

„Das schaffe ich voll alleine“, erklärte ich ihm, als wir an der Hauseingangstüre ankamen.

Er lies mich los und beobachtete mich dabei, wie ich meinen Schlüssel aus der Handtasche kramte.

Mit zittrigen Händen versuchte ich, die Türe aufzuschließen und ließ den Schlüssel fallen.

Im Affekt bückte ich mich danach und vergaß dabei meinen verletzten Fuß.

Ein stechender Schmerz fuhr mir in den Knöchel und trieb mir Tränen in die Augen.

„Du schaffst das also alleine, soso“, bemerkte Mailo, nahm mir den Schlüssel ab und schloss die Türe auf.

„Lass mich dir helfen, ja?“

Ich nickte gequält und ließ mich von ihm hochziehen.

„Welcher Stock?“, fragte er.

„Hier im Erdgeschoss. Linke Türe“, antwortete ich ihm.

Asha bellte inzwischen, doch Mailo schien in keinster Weise Notiz davon zu nehmen. Er schloss die Türe auf und Asha stürmte hinaus.

Schwanzwedelnd rannte sie auf mich zu, um mir die Hände abzuschlecken.

Anschließend ging sie zu Mailo. Ganz vorsichtig streckte sie ihm den Kopf entgegen und ließ sich von ihm kraulen.

Dieses Verhalten kannte ich so gar nicht von ihr.

Normalerweise bellte sie fremde Männer immer erst an und mit Mailo machte sie nun einen auf gute Freunde.

Mailo stützte mich wieder, bis ich auf dem Sofa saß und schloss danach die Wohnungstüre.

Zum Glück hatte ich gestern erst saubergemacht, dennoch war es ein seltsames Gefühl, nun mit ihm hier zu sein.

„Danke dir,“, sagte ich, „jetzt komm ich aber wirklich voll alleine zurecht.“

„Das hat man vorhin gesehen“, erwiderte er.

„Ich bleibe lieber noch ein bisschen. Hast du irgendwo einen Verbandskasten?“

„Ja, da drüben steht einer.“

Ich zeigte auf die Arbeitsplatte in der Küche.

Mailo nahm den Verbandskasten und holte eine dicke Binde raus. Anschließend wickelte er meinen Fuß darin ein. Wieder tat er das mit einer außergewöhnlichen Sorgfalt und so perfekt, wie es ein Arzt wohl nicht besser hätte tun können.

Nun ging er in die Küche zurück, um Eiswürfel zu holen, die er in ein Küchentuch wickelte und auf meinem Fuß positionierte.

„Hast du Schmerzmittel da?“

„Schau mal im Badezimmer. In der linken Türe vom Spiegelschrank.“

Mit einer Schachtel Ibuprofen kam er zurück.

„Hast du schon was gegessen? Ich denke, es ist besser, die nicht auf nüchternen Magen zu nehmen.“

Ich überlegte.

„Ja, heute Morgen“, antwortete ich.

„Dich kann man ja wunderbar alleine lassen.“

Der sarkastische Unterton passte so gar nicht zu seiner klaren Stimme und war nicht zu überhören.

„Ich mach dir was, ok?“

„Nur wenn du auch etwas isst.“

Schon war er in der Küche, durchforstete die Schränke und schlug letztlich ein paar Eier in die Pfanne.

Mit zwei Portionen Rühreier mit Speck kam er zurück und setzte sich mir gegenüber auf das kleinere Sofa.

Asha hatte inzwischen neben mir Platz genommen und schnupperte vorsichtig an meinem verbundenen Fuß.

„Wo kommst du her?“, fragte ich Mailo mit vollem Mund.

„Du würdest die Stadt nicht kennen. Aber ich hatte einen langen Weg.“

Das war ja mal eine tolle Antwort.

„Bist du schon lange in der Security-Branche tätig?“

„Schon immer.“

„Hast du eine Freundin?“

Im nächsten Moment biss ich mir auf die Zunge. So direkt wollte ich eigentlich gar nicht fragen.

„Du bist gar nicht neugierig, was? Aber ich werde dir deine Frage gerne beantworten. Ich habe keine Freundin und werde auch in nächster Zeit keine haben.“

Ich fühlte, wie die Schamesröte meine Wangen erhitzte.

Aber wieso wollte er keine Beziehung? War er ein Typ für unkomplizierte kurze Affären oder vielleicht schwul?

Das würde ja wieder passen. Endlich ein toller Typ und der würde nur auf Männer stehen.

„Hast du denn einen Freund?“, riss er mich aus meinen Gedanken.

„Nö“, antwortete ich grinsend.

Mailo nahm mir den leeren Teller ab und brachte mir ein Glas Wasser.

„Nimm jetzt mal was gegen die Schmerzen. Ich werde den Hund kurz rausbringen.“

Ich nahm die Tabletten mit einem großen Schluck Wasser ein, bevor ich mich äußerte.

„Der Hund heißt Asha und geht normalerweise nicht mit jedem einfach mit.“

„Mit mir wird sie gehen. Stimmt’s Asha?“

Asha stürmte in den Korridor, um ihre Leine zu holen und warf sie Mailo vor die Füße.

Völlig perplex sah ich den Beiden zu, wie sie gemeinsam die Wohnung verließen.

Wer war dieser Typ nur, dass Asha so auf ihn stand?

Und wieso ließ ich ihn so nah an mich ran?