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Angst ist eine affektive Reaktion, die in unterschiedlichster Ausprägung nicht nur vollkommen normal, sondern biologisch ausdrücklich erwünscht und lebensrettend sein kann. Auf der anderen Seite können Ängste und Angstreaktionen im Kontext inadäquat sein und sich als psychische Störung präsentieren. Kulturgeschichtlich unterliegen Ängste von Beginn an wechselnden Zuordnungen und Bedeutungen. Und nicht zuletzt sind Angstreaktionen und Ängste intraindividuell sehr unterschiedlich zu bewerten. Angsterkrankungen gehören heute allen epidemiologischen Studien zufolge zu den häufigsten psychischen Störungen. Die Entstehungsbedingungen sind komplex. Nach heutigem Kenntnisstand spielen dabei gleichermaßen psychologische Faktoren, soziale Umstände, aber auch neurobiologische Mechanismen eine wichtige Rolle. Wegen der vielfach im Vordergrund stehenden körperlichen Symptome der Angst finden sich Patienten mit Angsterkrankungen in nahezu allen Fachgebieten der Medizin. Allerdings ist eine rasche und korrekte Diagnosestellung nicht immer einfach, da Patienten aus Scham oder Unsicherheit nicht über ihre Beschwerden sprechen und die im Vordergrund stehende somatische Symptomatik oftmals die zugrunde liegenden seelischen Beschwerden maskiert. Auch erschwert das zumeist unscharfe Kontinuum zwischen gesunder Angst und pathologischer Angstreaktion den diagnostischen Prozess. Führende Experten vermitteln ihr praxisorientiertes Wissen in Bezug auf Entstehungsmechanismen, diagnostisches Vorgehen und Behandlungsoptionen bei Angsterkrankungen. Ausführlich wird auf die spezifischen psychotherapeutischen und medikamentösen Behandlungsoptionen, Therapiestrategien sowie auf Basismaßnahmen zur adäquaten Selbsthilfe eingegangen. Darüber hinaus finden sich klinische Hinweise zur Prävention.
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Seitenzahl: 547
Veröffentlichungsjahr: 2020
Peter Zwanzger (Hrsg.)
Medizin. Psychologie. Gesellschaft.
mit Beiträgen von
D. Beckmann | J. Beckmann | K. Beesdo-Baum | M.E. Beutel | C. BoddenH. Bude | C. Croos-Müller | S. Deppermann | J. Diemer | K. DomschkeT. Ehring | A.J. Fallgatter | K. Feldker | I. Fernholz | I. Fischer | M.G. GottschalkI. Grimm-Stadelmann | G.E. Freiherr von und zu Guttenberg | N. Heinermann-MüllerI. Heinig | J. Hoyer | J. Käppner | J.B. Köhne | K.-P. Lesch | U. Lüken | M. MaragkosA. Mühlberger | J. Mumm | B. Muschalla | H.C.M. Niermann | S. NotzonA. Pittig | J. Plag | M. Romanos | N. Sachser | M.A. Schiele | A. SchmidtM. Schouler-Ocak | S. Simen | A. Ströhle | C. Subic-Wrana | A. TretnerT.D. Vloet | J. Wiltink | B. Wolfarth | P. Zwanzger
Der Herausgeber
Prof. Dr. med. Peter Zwanzgerkbo-Inn-Salzach-KlinikumGabersee 7
83512 Wasserburg am Inn
und
Akademisches Lehrkrankenhaus derLudwig-Maximilians-Universität MünchenKlinik für Psychiatrie und PsychotherapieNußbaumstraße 780336 München
MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
Unterbaumstraße 4
10117 Berlin
www.mwv-berlin.de
ISBN 978-3-95466-550-1 (eBook: ePub)
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Vor fast 150 Jahren machte Charles Darwin in „The expression of the emotions in man and animals“ (1872, John Murray, London) auf ein Verhalten aufmerksam, das er in vielen Spezies beobachtete hatte, und das er demzufolge als ein (stammesgeschichtlich) „altes“ Merkmal klassifizierte: das Verhalten von Furcht und Angst („horror and agony“). Die phylogenetisch alte Anlage und die positive Selektion dieses Verhaltens im Verlauf der Evolution sind leicht nachvollziehbar: Individuen, die in einer gefährlichen Umwelt furchtsam reagieren, überleben besser. Angst schärft die Sinne und beflügelt den Geist – eine allgemeine Erkenntnis. Allerdings können extreme Variationen oder Störungen dieser Verhaltensmechanismen zu exzessiven oder situativ unangemessenen, manchmal gar unkontrollierbaren Reaktionen führen, die als Angsterkrankungen pathologisch entgleisen können.
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist „Angst“ ein Begriff mit weitestgehender Verbreitung und vielfältiger Kombinatorik, in der Gesellschaft und in der medialen Berichterstattung. Zugleich zählen Angsterkrankungen zu den häufigsten psychiatrischen Erkrankungen mit frühestem Krankheitsbeginn. Dabei ist der Grat zwischen „gesunder“ Ängstlichkeit und krankhaftem Angsterleben häufig schmal. Die Krankheit führt zu erheblichen Beeinträchtigungen von Lebensqualität, Arbeits- und Berufstätigkeit. Epidemiologische Studien dokumentieren die enorme ökonomische Relevanz der Angsterkrankungen und verweisen auf die aus den Erkrankungen resultierenden Herausforderungen für die Systeme der Gesundheitsfürsorge. Aber der Beginn des 21. Jahrhunderts markiert auch einen Zeitraum, in dem wichtige Fortschritte in unserem Grundlagenverständnis der Emotion Furcht erzielt wurden; auch beginnt sich das Wechselspiel aus genetischen Grundlagen, Hirnfunktion und Lebensereignissen langsam zu erschließen, das das Gefühl der Ängstlichkeit vermittelt oder zu einem krankhaften Angsterleben beiträgt. Allerdings sind Lücken in unserem Verständnis der Ätiologie und Pathogenese der Angsterkrankungen nicht zu leugnen, die Probleme in der diagnostischen Einordnung mit sich bringen und häufige Kontroversen über die „richtige“ Therapie auslösen. Auch sind Aspekte von Angst und Gesellschaft aus der Perspektive von Patient und Therapeut allenfalls punktuell erfasst worden.
Es ist also an der Zeit für eine umfassende Darstellung des Themas Angst, in der neben den biologisch-klinischen Faktoren auch die historisch-gesellschaftlichen Aspekte behandelt werden. Genau diesem Weg folgt das vorliegende Buch. Es zeigt zunächst die Entwicklung des Begriffs „Angst“ unter historischen und kulturellen Gesichtspunkten auf, und leitet daraus Bezüge zur (all-)gegenwärtigen Instrumentalisierung und Medialisierung ab. Darauf aufbauend widmen sich die nachfolgenden Kapitel den Formen der Angst und ihren Entstehungsbedingungen. Sie zeigen die vielschichtigen Perspektiven in der Therapie sowie der Prävention von Angst, und schließen mit der Besprechung von besonderen Behandlungssituationen den Kreis zu gesellschaftlichen oder (inter-)kulturellen Kontexten. Damit behandelt dieses Werk den Themenkreis „Angst“ in einer Ganzheitlichkeit, die hochaktuell und in dieser Form einzigartig ist. Ich bin sicher, Charles Darwin wäre ein begeisterter Leser, und ich wünsche Ihnen, verehrte Leserin, verehrter Leser, dass Sie dieses Buch mit ebenso großer Begeisterung lesen werden.
Prof. Dr. Hans-Christian Pape, Präsident der Alexander von Humboldt-StiftungMünster im Oktober 2018
Von allen seelischen Erkrankungen sind die Angsterkrankungen am häufigsten vertreten. Man schätzt, dass etwa fünfzehn Prozent aller Menschen einmal in ihrem Leben an einer Angsterkrankung leiden. Sie leiden unter manchmal unrealistischen und übersteigerten Ängsten und reagieren häufig mit heftigen körperlichen Symptomen. Mit den heutigen Behandlungsmethoden haben die Patienten eine realistische Chance, ein beschwerdefreies Leben zu genießen. Aber nicht alle Behandlungsmethoden, die für Angsterkrankungen angeboten werden, sind ausreichend wirksam. Daher gibt es Leitlinien, die alle zur Verfügung stehenden Therapiemaßnahmen auf den Prüfstand stellen. Aber auch neue, zum Teil experimentelle Therapien kommen nicht zu kurz: virtuelle Realität, Neurostimulation, Sporttherapie und andere Therapieoptionen werden in dem vorliegenden Buch, herausgegeben von Professor Peter Zwanzger, besprochen. Ebenso werden Selbsthilfe und Prävention von Angsterkrankungen thematisiert.
Angst ist aber auch ein gesellschaftliches Phänomen. Es vergeht kein Tag, an dem die Medien nicht über ein Angstszenario berichten: Terror, Naturkatastrophen, Krieg, politische Umstrukturierungen. In der Politik spielt Furcht eine große Rolle. Von jeher haben die Mächtigen dieser Welt mit Angst gearbeitet, um ihre Macht auszubauen. Es sind wohl nicht die Journalisten, die uns einreden wollen, dass wir mehr Ängste haben müssen als früher – eher liegt es in der Natur der Menschen, sich in jedem Zeitalter Gedanken über Angst zu machen.
Auch Furcht und Glaube hängen eng zusammen: Kann ein starker Glaube angstfrei machen? Oder kann er gar unnötige Ängste auslösen?
Aber Angst hat auch etwas Positives: Ohne Angst kann kein Lebewesen überleben. Angst begleitet uns jeden Tag elegant durch das Leben, ohne dass wir darüber nachdenken müssen. Wenn wir an einer roten Ampel anhalten, wenn wir auf einem steilen Bergpfad wandern – immer läuft ein automatisches Angstprogramm in unserem Gehirn ab. So ist die Grenze zwischen natürlicher und pathologischer Angst manchmal schwer zu definieren.
Auch soziale Angst ist nicht immer krankhaft. Menschen, die befürchten, von anderen Menschen kritisch beurteilt zu werden, tragen zum friedlichen Miteinander auf der Welt bei. Auch wenn es nicht immer so aussieht: Der Mensch ist ein soziales Wesen. In einer überbevölkerten Welt müssen Menschen miteinander auskommen, und das geht nur, wenn sie voreinander Respekt haben und vermeiden, mit anderen Menschen in Konflikt zu geraten.
Angst kann aber auch motivieren. Menschen, die unter der Furcht leiden, keine ausreichende Leistung zu erbringen, sind für viele Errungenschaften in der Kunst, Wissenschaft, Technik und anderen Bereichen menschlichen Schaffens unerlässlich. Kein Schauspieler, kein Musiker ist wirklich gut, wenn er nicht ein gewisses Lampenfieber hat – ist das dann pathologische Angst?
Ängste sind zum Teil angeboren. So werden Phobien vor gefährlichen Tieren wie Spinnen oder Schlangen bereits vor der Geburt in unser Gehirn eingebaut. Gäbe es solche natürlichen, angeborenen Ängste nicht, und müssten Ängste vor zahlreichen Gefahren erst durch schlechte Erfahrungen erlernt werden, hätte es in der Evolution zu viele Totalausfälle geben. Würde man die Lernerfahrung machen, dass ein Klapperschlangenbiss tödlich ist, hätte man keine Chance mehr, aus dieser Lernerfahrung Nutzen zu ziehen. So kommt jeder Mensch mit einem Satz angeborener Phobien auf die Welt, von denen manche sinnvoll sind, wie zum Beispiel die natürliche Höhenangst, andere vielleicht überholt – wenn man zum Beispiel an die Arachnophobie in Deutschland denkt, die mehr oder weniger überflüssig ist.
So gehen krankhafte Ängste immer auch auf eine natürliche, angeborene Angst zurück – allerdings entwickeln sie sich dann in einem bestimmten Lebensalter in übersteigerter Form. Für alle Angsterkrankungen konnte gezeigt werden, dass sie zum Teil genetischen Ursprungs sind. Um eine vollausgebildete Angsterkrankung zu bekommen, können allerdings noch andere Faktoren hinzukommen: belastende Lebensereignisse in der Kindheit oder im Erwachsenenalter, Milieufaktoren, Lernerfahrungen, medizinische Erkrankungen und zahlreiche andere Einflüsse.
Das vorliegende Werk ist ein modernes Buch über Angst, das nicht nur für Menschen geeignet ist, die Betroffene mit Angsterkrankungen behandeln. Da Angst eine große gesellschaftliche Bedeutung hat, richtet sich dieses Buch auch an Nicht-Fachleute, die sich für dieses unglaublich vielfältige und spannende Thema interessieren.
Prof. Dr. Borwin Bandelow, Präsident der Gesellschaft für AngstforschungGöttingen im Oktober 2018
Einführung
Peter Zwanzger
I Angst und Gesellschaft
1Angst in der antiken Mythologie
Isabel Grimm-Stadelmann
2Ängste der deutschen Gesellschaft
Heinz Bude
3Angst und die Rolle der Medien
Joachim Käppner
4Angst und Glaube
Irmtraud Fischer
5Angst und Musik
Alexander Schmidt, Isabel Fernholz, Jennifer Mumm, Andreas Ströhle und Jens Plag
Exkurs: Lampenfieber
Georg Enoch Freiherr von und zu Guttenberg
6Angst und Macht
Markos Maragkos
7Angst im Film
Julia Barbara Köhne
8Angst und Arbeit
Beate Muschalla
9Angst und Angstbewältigung im Leistungssport
Jürgen Beckmann und Denise Beckmann
10Angst vor Sterben und Tod
Andrea Tretner
II Angst und Angsterkrankungen
1Epidemiologie
Katja Beesdo-Baum und Hannah C.M. Niermann
2Klinische Erscheinungsformen
Swantje Notzon
III Entstehungsbedingungen der Angst
1Genetische Aspekte in der Ätiologie und Therapie von Angsterkrankungen
Michael G. Gottschalk und Katharina Domschke
2Das Zusammenspiel von Genotyp und Umwelt bei der Entwicklung von Furcht und Angst
Norbert Sachser, Carina Bodden und Klaus-Peter Lesch
3Neurobiologie der Furcht – Wie uns unser Gehirn (und die Evolution) das Fürchten lehrt
Ulrike Lüken
4Psychodynamische Aspekte
Jörg Wiltink, Manfred E. Beutel und Claudia Subic-Wrana
5Lerntheoretische Aspekte
Katharina Feldker und Julia Diemer
IV Therapie der Angst nach Leitlinien
1Kognitive Verhaltenstherapie
Ingmar Heinig, Andre Pittig und Jürgen Hoyer
2Psychodynamische Therapie
Jörg Wiltink, Claudia Subic-Wrana und Manfred E. Beutel
3Pharmakotherapie
Peter Zwanzger
V Perspektiven und Entwicklungen in Therapie und Prävention
1Expositionstherapie in virtueller Realität
Julia Diemer und Andreas Mühlberger
2Verfahren der Neurostimulation in der Therapie von Angst
Saskia Deppermann und Andreas J. Fallgatter
3Körperliche Aktivität und Sport in der Therapie von Angst
Andreas Ströhle und Bernd Wolfarth
4Möglichkeiten der Selbsthilfe
Claudia Croos-Müller
5Prävention von Angsterkrankungen
Miriam A. Schiele und Katharina Domschke
VI Besondere Behandlungssituationen
1Angststörung bei Menschen mit Migrationshintergrund
Meryam Schouler-Ocak
2Angst in der Schwangerschaft und Postpartalzeit
Susanne Simen und Natalie Heinermann-Müller
3Angst nach Trauma: Die Posttraumatische Belastungsstörung
Thomas Ehring
4Angststörungen im Kindes- und Jugendalter
Marcel Romanos und Timo D. Vloet
Peter Zwanzger
Angst gehört zu den Grundemotionen des Menschen. Sie bestimmt unser Handeln in vielerlei Hinsicht, dient als Warnsignal und schützt uns vor Gefahr. Angst ist lebensnotwendig – Angst ist somit eine conditio sine qua non: Wir müssen Angst haben können!
Historisch betrachtet findet sich Angst, die damit verbundene Symptomatik und die Beschäftigung mit derselben bereits in 4.000 Jahre alten Überlieferungen. Etymologisch bedeutet Angst so viel wie „Enge“ und meint damit das Druckgefühl in der Brust, welches viele Menschen im Rahmen von Angst- und Panikzuständen verspüren.
Die Grenze zwischen normaler, gesunder Angst und krankhaftem Angsterleben ist nicht immer leicht zu ziehen. Oftmals vermischen sich im Kontinuum zwischen den beiden Polen gesund und krank Elemente beider Facetten. Im Wesentlichen hat Angst eine Schutzfunktion, die in unterschiedlicher Art und Weise auf unser Verhalten einwirkt. So kann sie inhibierenden Charakter haben, wenn sie beispielsweise verhindert, dass wir unvorsichtig die Straße überqueren oder die heiße Herdplatte anfassen. Ebenso kann sie mit Gefahr verknüpftes Verhalten aber auch zulassen und dabei nur kalibrierend eingreifen, wenn sie beispielsweise dem Bergsteiger oder Börsenspekulanten zu übermütige Manöver verbietet. Schlussendlich kann Angst auch motivierenden Charakter haben. Beispiele sind Schüler, Musiker oder Sportler, die sich alle aus Angst vor unzureichender Leistung und damit verbundener Blamage zu verstärktem Training im Vorfeld treiben lassen. Krankhaft wird Angst dann, wenn sie zu stark, zu intensiv, zu häufig auftritt. Pathologische Angst wird insbesondere dann augenfällig, wenn keine reale Gefahr existiert. Besteht dieser Zustand über längere Zeit und beeinträchtigt das Leben des Betroffenen erheblich, spricht man von krankhafter Angst – das mögliche Vorliegen einer Angsterkrankung ist dann zu prüfen.
Die Frage nach den Ursachen der Angst beschäftigt die Menschen von jeher. Zahlreiche Forschungsinitiativen haben in den letzten Jahren erheblich dazu beigetragen, dass wir heute die Entstehungsbedingungen von Angst und Angsterkrankungen viel besser verstehen. Dies gilt für psychologische wie biologische Mechanismen gleichermaßen. Im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Transregio-Sonderforschungsbereichs SFB TRR58 „Furcht, Angst, Angsterkrankungen“ konnten wichtige und spannende Erkenntnisse aus den Bereichen Neurophysiologie, Verhaltensbiologie, Molekularbiologie und klinischer Medizin gewonnen werden. Wie so oft lassen neue Erkenntnisse noch mehr neue Fragen entstehen, eines ist dennoch gewiss – Angst und Angsterkrankungen sind das Resultat eines multifaktoriellen Geschehens aus biologischen und psychologisch-psychosozialen Einflussfaktoren. Dabei spielen genetische Variablen und Hirnfunktion ebenso eine Rolle wie Lebensereignisse oder Persönlichkeitsaspekte. Die Diagnostik von Angsterkrankungen basiert im Wesentlichen auf einer sorgfältigen psychopathologischen Untersuchung durch einen erfahrenen Arzt oder Psychologen. Dabei spielt die genaue Evaluation der unterschiedlichen, zum Komplex Angst gehörenden psychopathologischen Einzelsymptome eine zentrale Rolle. Angst ist dabei nicht gleich Angst. Eine umfassende und genaue somatische Diagnostik ist dabei ebenso relevant, da Angstsymptome auch durch eine Vielzahl körperlicher Erkrankungen verursacht werden können.
Die meisten Kontroversen gibt es mitunter über die „richtige“ Therapie. Dabei spielen zum Teil historisch gewachsene, sich voneinander unterscheidende wissenschaftliche Konzepte, Standespolitik der involvierten Berufsgruppen, Streit der Psychotherapieschulen sowie mangelndes Verständnis und Kenntnis bezüglich der komplexen Entstehungsbedingungen von Angst gleichermaßen eine wichtige Rolle. Und dies, obwohl wissenschaftlich erwiesen ist, dass angesichts unterschiedlicher ätiologischer Faktoren der Einsatz unterschiedlicher therapeutischer Ansätze, die in ihrer Wirksamkeit gleichermaßen belegt sind, sinnvoll ist. Die Förderung eines umfassendes Verständnisses der Entstehung, Diagnostik und Behandlung von Angsterkrankungen unter Einbeziehung ärztlicher wie psychologischer Kompetenz wird für die Zukunft von zentraler Bedeutung sein und über Güte und Qualität der Versorgung von Patienten mit Angsterkrankungen entscheiden.
Da Angst und Angsterkrankungen nicht nur für Ärzte, Therapeuten und Patienten von Interesse sind, sondern jeden betreffen, beleuchtet dieses Buch neben fachlichen Aspekten auch die gesellschaftlichen Facetten der Angst und möge so das Verständnis für Angst bei allen Menschen fördern.
Prof. Dr. med. Peter Zwanzger
Professor Dr. med. Peter Zwanzger hat Medizin in München studiert und beschäftigt sich seit 20 Jahren mit Angst, deren Entstehung und Behandlung. Er war an den Universitätskliniken für Psychiatrie und Psychotherapie in München und Münster sowie während eines Forschungsaufenthaltes am Institute of Mental Health Research in Ottawa/Canada tätig. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte liegen in den neurobiologischen Entstehungsbedingungen von Angsterkrankungen sowie der Entwicklung neuer Behandlungsverfahren. Professor Zwanzger ist Psychiater, Psychotherapeut und Autor von über 180 wissenschaftlichen Publikationen und Buchbeiträgen. Er ist Mitglied in zahlreichen medizinischen Fachgesellschaften, unter anderem als Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Angstforschung (GAF). Seit 2013 ist Professor Zwanzger Ärztlicher Direktor am kbo-Inn-Salzach-Klinikum in Wasserburg am Inn und leitet dort als Chefarzt den Fachbereich Psychosomatische Medizin mit den Therapieschwerpunkten Angsterkrankungen und Depression.
Isabel Grimm-Stadelmann
„Mein Herz schlug heftig, meine Arme fielen herab, ein Zittern überkam alle meine Glieder [...] (Hornung 1979, 24)
Mit oben stehenden Worten beschrieb der Ägypter Sinuhe im zweiten vorchristlichen Jahrtausend (um 1900 v. Chr.) die gewaltige Angst, die ihn angesichts der Nachricht vom Tode Pharao Amenemhets I. (reg. ca. 1994–1975 v. Chr.) überfallen hatte und die seine überstürzte Flucht ins Ausland nach sich zog: „Ich entfernte mich in großen Sprüngen, um mir ein Versteck zu suchen“ (Hornung 1979, 24). Aus der Erzählung erfahren wir nur den Angstauslöser, nämlich die Todesnachricht sowie, damit verbunden, die Mitteilung über die unmittelbar bevorstehende Ankunft des Thronfolgers, Sesostris I. (reg. ca. 1956–1910 v. Chr.), nicht jedoch die konkrete Ursache von Sinuhes Angst und ob diese überhaupt begründet war (war er als Palastbeamter etwa in eine Verschwörung verstrickt gewesen?). Sinuhes impulsive und zunächst völlig unkontrollierte Flucht führte ihn schließlich nach Palästina, wo er zu hohen Ehren gelangte. Von Heimweh geplagt, konnte er gegen Ende seines Lebens eine Begnadigung durch Sesostris I. erwirken, verbunden mit der Erlaubnis zur Rückkehr in die Heimat, wo er, zu den näheren Umständen seiner Flucht befragt, diese als unkontrollierte und völlig grundlose Panikreaktion erklärte:
„Diese Flucht, die meine Wenigkeit unternommen hat – sie war nicht überlegt, sie entsprang nicht meinem Willen, ich hatte nie daran gedacht und merkte nicht, daß ich mich vom Ort getrennt hatte. Es war wie eine Traumerscheinung [...]. Ich war nicht in Furcht geraten, niemand lief hinter mir her, ich vernahm keine Schmährede, meinen Namen hörte man nicht im Mund des (öffentlichen) Ausrufers. Vielmehr: mein Körper schauderte, meine Beine liefen davon, mein Herz lenkte mich, der Gott, der diese Flucht bestimmte, zog mich fort.“ (Hornung 1979, 34)
Die Geschichte von Sinuhe zeigt demnach die charakteristische Interaktion von gravierender Angstsymptomatik und impulsiver Panikreaktion, welche sich in einem unreflektierten Fluchtreflex manifestiert, wobei dem primären Angstgefühl die Funktion eines biologischen Gefahren-Frühwarnsystems zukommt, das als elementar-animalische Funktion irrational und vom betroffenen Individuum unreflektiert abläuft (vgl. Böhme 2008, 169).
Das Phänomen der Angst in seinen unterschiedlichen Erscheinungsformen (Furcht, Schrecken, Panik, Terror) sowie als Auslöser vielfältiger physischer und psychischer Reaktionen war als elementarer Bestandteil der menschlichen Existenz bereits in den frühesten Kulturen omnipräsent und wurde literarisch thematisiert. Komplexe mythologische Systeme überliefern bereits die altorientalischen Quellen, lange vor der Entstehung der klassisch-antiken Mythologie, doch zeigen die weitgehend übereinstimmenden Grundmotive, dass es hier um essenzielle Fragestellungen einer transkulturellen Menschheit schlechthin ging, nämlich um den Umgang mit impliziten und tief verwurzelten (Existenz-)Ängsten.
In seiner ausführlichen tiefenpsychologischen Analyse der altorientalischen Mythenkreise führt Franz Renggli den Ursprung sämtlicher Ängste auf tief verwurzelte Geburts- und frühkindliche Trennungstraumata zurück, die allen Hochkulturen immanent seien und letztendlich ihre Visualisierung in einer schreckenserregenden und von Gewalt regierten Mythologie fänden: „Wenn wir uns auf einer tiefen Ebene auf diese Mythen einlassen, finden wir in ihnen einen Schlüssel zum Verständnis der eigenen Ängste und Hoffnungen, der eigenen Verletzungen und Traumata [...]“ (Renggli 2001, 19). Auf dieser Ebene finden die mythologischen Erzählungen ihre Entsprechung in der Märchenwelt.
Am Beginn jeglicher Mythologie stehen komplexe Schöpfungsmythen, welche die Entstehung der Welt aus ihren unterschiedlichen Elementen (Erde, Luft, Wasser und Feuer) erklären, aber auch die Existenz der Naturgewalten, denen der Mensch zeit seines Lebens ausgeliefert ist, als Aktionen ebendieser, als Urgottheiten personifizierter Elementarkräfte, deuten. Die vielleicht älteste Quelle abendländischer Mythologie, die um 700 v. Chr. entstandene Theogonie des griechischen Dichters Hesiod, zentriert die Entstehung des Kosmos und der darin befindlichen Wesenheiten um insgesamt sechs Urgottheiten: Chaos (die Unordnung), Gaia (die Erde), Tartaros (die Unterwelt), Eros (die sinnliche Liebe und Fruchtbarkeit), Erebos (die Finsternis) und Nyx (die Nacht), aus welchen wiederum sämtliche andere Gottheiten hervorgehen. Bemerkenswert ist bereits in Hesiods Urgötterkreis eine Dominanz der Personifikationen von Nacht, Finsternis, Chaos und Totenreich – den archetypischen Angstfaktoren, welchen durch ihre Personifikation als Gottheiten und die damit verbundene (transzendente) Körperlichkeit eine Art von materieller Manifestation verliehen wurden, die den Menschen wiederum den Umgang, aber auch eine konstruktive Auseinandersetzung mit ihnen ermöglichen sollte.
Die Überzeugung, dass es sich bei sämtlichen angsteinflößenden Naturphänomenen, wie beispielsweise Erdbeben, Gewitter und Sturm, Tsunamis, Flut- (,Sintflut‘) und Brandkatastrophen (Vulkanausbrüche, ,Weltenbrand‘ und letztendlich ,Götterdämmerung‘), um göttliche oder dämonische Manifestationen handele, führte zu einer sukzessive differenzierter werdenden Personifikationsebene existenzgefährdender Angstauslöser und damit zur Konstitution eines umfassenden und hierarchisch gegliederten Pantheons als zweiter entscheidender Entwicklungsstufe der Mythologie. Protagonisten sind nun nicht mehr allein die personifizierten Naturgewalten, sondern sämtliche als negativ und bedrohlich empfundene „Widerfahrnisse“ (Georg Picht), auch diejenigen, die sich aus dem menschlichen Zusammenleben und den dadurch entstehenden Aggressionen ergeben, so z.B. Krieg und Gewalt, Hass und Streit, Krankheit, Verlust und Tod.
Im Rahmen einer derart fortschreitenden und auf Angstbewältigung hin ausgerichteten kulturellen Entwicklung fungierte die Mythologie als Medium der Angstverlagerung auf eine transzendente Ebene, mit der man sich durch Religion, Ritus und diverse Kultformen (Begräbnis-, Toten- und Ahnenkulte) zu verständigen vermochte, was wiederum zur Konsolidierung gesellschaftsinterner Sozialstrukturen und Moralvorstellungen bis hin zu einem als verbindlich betrachteten Werte- und Rechtssystem führte. Die genaue Zuweisung von strikt definierten Zuständigkeitsbereichen an einzelne Gottheiten (Kriegsgott, Wettergott, Liebesgöttin, Krankheitsdämonen etc.) verhalf den Menschen wiederum, ihren jeweiligen Ängsten einen konkreten Ansprechpartner zuzuordnen, mit dem sie in einen Dialog (Opferhandlung, Gebet) treten und somit zielgerichtet agieren konnten.
Die dritte Stufe der mythologisch visualisierten Angstbewältigung konzentrierte sich nun nicht mehr auf das Kollektiv der Menschheit in Auseinandersetzung mit der Götterwelt, sondern auf das Individuum als Katalysator von Angsterfahrung und -überwindung mit implizitem Vorbildcharakter, den Helden oder Heros. Dieser vollbringt außergewöhnliche Taten, indem er die Personifikationen der Angst, zumeist in Gestalt von grauenvollen Erscheinungen (z.B. Dämonen und dämonische Mischwesen, chthonische Monster wie Drachen oder Schlangen, Meeresungeheuer wie Skylla und Charybdis bei Homer), unter Aufbietung übermenschlicher Kräfte und Tapferkeit überwinden, besiegen und in letzter Instanz vernichten, d.h. aus der Welt schaffen – oder aber, wie im Perseusmythos, einer positiveren Bestimmung zuführen kann.
Perseus nämlich, einem Heros der griechischen Mythologie, gelang es mithilfe der Göttin Athene, die Gorgo Medusa als idealtypische Verkörperung des Schreckbildes, bei dessen Anblick jeder versteinern musste, zu erschlagen. Nach vollbrachter Tat überreichte er das abgeschlagene Gorgonenhaupt der Athene, die es seither als mächtiges Apotropaikon auf ihrer Aigis trug (Gorgoneion) und unheilabwendend einsetzte. Der Perseusmythos zeigt sehr deutlich, dass der Heros der griechischen Mythologie ausschließlich in engster Zusammenarbeit mit seiner persönlichen Schutzgottheit zu solch außergewöhnlichen Taten imstande ist, also nicht unbedingt aus eigener Kraft, sondern aufgrund besonderer Qualifikationen, sei es aufgrund von (göttlicher) Abstammung oder besonderer Frömmigkeit, welche ihn für die göttliche Protektion prädestinieren.
Heldenmythen, in deren Zentrum die Überwindung der Angst vor Naturkatastrophen stehen, besetzen in sämtlichen antiken Kulturen einen besonderen Stellenwert, wobei analoge Grundmuster deutlich zu erkennen sind: so erinnert der altorientalische, um den Heros Gilgamesch zentrierte Sintflut-Mythos in vielen Einzelheiten an die alttestamentliche Episode um Noah, gleichermaßen aber auch an den antik-griechischen Deukalionmythos.
Auch der Mythenkreis um den ,Weltenbrand‘, der in der nordisch-germanischen Sagenwelt in letzter Instanz zu der von Richard Wagner vertonten ,Götterdämmerung‘ führt, besitzt eine Parallele in dem (ebenfalls mehrfach in Musik gesetzten, so beispielsweise von Jean-Baptiste Lully im 17. Jh.) Mythos um Phaeton, den Sohn des Sonnengottes, der sich in prahlerischer Absicht anmaßt, den Sonnenwagen seines göttlichen Vaters steuern zu können und damit fast den Weltenbrand verursacht – die drohende Gefahr kann nur durch das Eingreifen des Sonnengottes selbst abgewendet werden, Phaeton selbst muss seine Hybris, seine Überhebung über das ihm zustehende Maß hinaus, allerdings mit dem Leben bezahlen. Heldenmythen erfüllen demnach nicht ausschließlich die Funktion einer individuellen Angstbewältigung, sondern implizieren zudem auch einen moralischen Auftrag, nämlich die an das Individuum gerichtete Warnung, trotz der Möglichkeit einer (punktuellen) Angstüberwindung durch persönliches Heldentum den Rahmen der menschlichen Existenz zu respektieren und nicht in Überhebung (Hybris) zu verfallen.
Parallel zur Vielfalt der Personifikationen der unterschiedlichen Spielarten und Intensitäten von Angst entwickelte sich auch in sprachlicher Hinsicht ein breit gefächertes Spektrum, die Angstsymptomatik in Worte zu fassen. Bemerkenswert hierbei ist die Konzentration der Terminologie auf eine Illustration ausschließlich körperlicher Symptome, die sich bis in die aktuelle Gegenwart nahezu unverändert erhalten hat, wenn wir auch heute noch davon sprechen, dass sich aufgrund von Angst die Haare sträuben, die Augen weit aufgerissen und die Pupillen geweitet sind, die Ohren sausen, der Atem stockt (häufig auch das Bild der zugeschnürten Kehle), die Stimme versagt, das Herz entweder unregelmäßig schlägt oder gänzlich aussetzt, der Puls rast, die Knie weich werden oder der gesamte Körper von Angstschweiß und Tremor bis hin zu Lähmungserscheinungen, Krämpfen und kompletter Starre regiert wird.
Die Semantik des Wortes ,Angst‘ (griech. ἄγχω, ἄγξω; lat. ango: wörtl. Bed. ,zuschnüren‘, ,zusammenpressen‘, ,den Atem entziehen“, ,erdrosseln‘, ,erwürgen‘, ,henken‘, Medium: ,sich erhängen“, ,sich ängstigen“; verwandt mit dem deutschen Wort ,Enge‘; Subst. lat. angor, anxietas: ,Beklemmung‘, ,Angst‘) steht nicht nur mit dem Bild von der ,zugeschnürten Kehle“ in Zusammenhang, sondern auch mit dem Krankheitsbild der Angina (griech. συναγχή, κυναγχή, worunter zumeist nicht Angina pectoris, sondern Diphtherie verstanden wurde). Dessen beängstigende Symptomatik, verbunden mit Schluck- und Atembeschwerden bis hin zu Erstickungsanfällen, wurde ausführlich von den antiken und mittelalterlichen Ärzten beschrieben, wobei aufgrund der akuten Bedrohung, die mit dieser Symptomatik verbunden wurde, gelegentlich sogar versucht wurde, die herkömmliche Therapie mit iatromagischen Methoden zu ergänzen. Die römische Mythologie (vgl. Schwenck 1845, 298) wiederum kennt eine Göttin namens Angerona oder Angeronia, der ein eigenes Fest, die Angeronalien, gewidmet war (darüber berichtet Varro). Das Bildnis dieser Angeronia befand sich auf dem Alter der Volupia bundenem und versiegeltem Mund. Zur Interpretation dieser Darstellung überliefern die römischen Quellen unterschiedliche Varianten: so z.B. die heroische, die besagt, dass derjenige, der seine Angst schweigend und geduldig erträgt und somit schließlich überwindet, mit der höchsten Lusterfahrung belohnt werde (Masurius), oder die medizinische, die in der Darstellung ein Votiv anlässlich der Befreiung Roms von der grassierenden Angina sieht (Julius Modestus).
Im Gefolge des Kriegsgottes Ares (röm. Mars) befanden sich, der Mythologie zufolge, Phobos und Deimos (röm. Pavor und Pallor), die Verkörperungen von Furcht und Schrecken, welche insbesondere im Rahmen von akuten kriegerischen Auseinandersetzungen zusammen mit Eris, der Personifikation des Zwistes, auftreten. Zur Beschreibung der Auswirkung einer solchen Konstellation griff Homers Ilias wiederum auf die Grundlagen der Mythologie, den Vergleich mit angsteinflößenden Naturgewalten zurück, wenn die sich gegenüberstehenden Schlachtreihen der Griechen und Trojaner mit dem stürmischen Meer und bedrohlich hohem Wellengang verglichen werden:
„[…] da hätte auch den Standhaften Schrecken ergriffen,/wie sich die Meeresflut am widerhallenden Strande/Woge für Woge erhebt, getrieben vom Wehen des Westwinds;/draußen auf offener See behelmt sie zuerst sich, doch später/braust sie laut, sich am Festland brechend, und um die Klippen/bäumt sie gebogen sich hoch und speit von sich den Salzschaum.“ (Ilias 4, 421–426, übers. v. R. Hampe 2004; zitiert nach Böhme 2008, 158f.)
Nachdem Eris zunächst den Streit angefacht hatte, treten Phobos und Deimos als Kombination aus aktiver Drohung und passivem Schrecken in Aktion, wobei insbesondere ersterer als transpersonale Macht, nicht als interne Gefühlsregung einzelner Krieger, verstanden wurde. Phobos, für den sogar eigene Kulte und Opferzeremonien nachgewiesen sind (z.B. in Sparta, oder auch in Plutarchs Vita Alexanders des Großen), verkörpert hier das dynamische Element, indem er sich zwischen den beiden Heeren aufbaut und sich gleichzeitig als aktiv furchteinflößender Angstfaktor wie auch als Verursacher einer kollektiv raumfüllenden Furcht erweist, analog zu der transitiven und intransitiven Verwendung des griechischen Verbs phobeo (φοβέω). Dies ist auch der Ansatzpunkt für die griechischen Tragiker (Aischylos, Sophokles und Euripides), wenn sie die Auswirkungen des Phobos als raumfüllende und insgesamt besitzergreifende Angst charakterisieren: „Phobos schließt mein Gemüt ein“ (Aischylos, zitiert nach Böhme 2008, 162), mehr noch, als eine Art atmosphärischer Macht, in deren Zentrum das Tremendum steht (so dann bei den Historikern Herodot und Thukydides).
Eng verbunden mit Phobos ist sein Bruder Deimos, dem bei Homer weniger Individualität als dem Phobos beigemessen wird, der aber umso mehr mit dem Wortfeld deima/ deos (griech. δεῖμα/δέος) in Zusammenhang gebracht werden kann, als Manifestation des durch göttliche Willkür verursachten Schreckens, dem der Mensch ausschließlich mit Respekt und Ehrfurcht begegnen kann. Deimos/Deima tritt genau dann in Aktion, wenn das leibhaftige Erscheinen der Götter in den Menschen zunächst maßloses Erschrecken, in der Folge dann eine konstante Angst erzeugt, zu deren Bewältigung dann Deos, die Gottesfurcht, ihren Ausdruck in kultischen Handlungen findet. Deimos kann sich in seiner unerwarteten Abruptheit sogar als tödlich für den Menschen erweisen, so für Semele, die Geliebte des Zeus – der nicht zu Unrecht den Beinamen Deimatios, ,der in Schrecken versetzt‘, trägt – deren Wunsch, ihren Geliebten in seiner göttlichen Gestalt zu erschauen, sich für sie als unerträglich erweist: sie verglüht beim Anblick des Zeus zu Asche.
Das Einwirken von Phobos und Deimos kann entweder zu Erstarren und kompletter Handlungsunfähigkeit, oder aber – wie im Falle des Ägypters Sinuhe – zu unkontrollierter reflexartiger Flucht führen, zumeist als ,Panikreaktion‘ bezeichnet. Auch hinter dieser Terminologie verbirgt sich eine Gottheit, nämlich der Hirtengott Pan, der als Naturgottheit sowohl heilende Kräfte (Pausanias berichtet von Pestheilungen durch Pan im attischen Gebiet) besaß, wie auch eine erschreckende Unberechenbarkeit. Erstmalig begegnet der Begriff der Panik als einer von Pan hervorgerufenen kopflosen Furcht im 4. Jh. v. Chr.; die Begriffe dafür variieren im Griechischen vielfältig, so z.B. πανικὸς φόβος, πανικὸς θόρυβος, πανικὸν δεῖμα, πανικὸς οἶστρος, πανικὴταραχή, πανικόν, bedeuten aber sämtlich nahezu dasselbe, nämlich Panik, panische Furcht, panischer Schrecken oder panisches Entsetzen. Später dann (um 180 n. Chr.) berichtet Pausanias von Pans göttlichem Beistand während der Schlacht von Marathon, indem er das persische Heer in der Nähe seines Heiligtums bei Marathon in Panik versetzt habe: „Auch ein zur Hauptsache sumpfiger See ist in Marathon. In diesen gerieten die Barbaren auf ihrer Flucht aus Unkenntnis der Wege, und die Hauptverluste sollen sie hier gehabt haben.“ (Paus. 1, 32, 7, zit. nach Pausanias 1979, 91; eine weitere Stelle bezieht sich auf die Panik der Galater bei ihrem Angriff auf Delphi: Paus. 10, 23, 7, zit. nach Holzhausen 2006).
Die bekannteste Version der Sage über die Entstehung des ,panischen Schreckens“ (panikon deima, griech. πανικόν δεῖμα), die insbesondere während der römischen Kaiserzeit große Verbreitung fand (Plutarch, Artemidor, Polyainios und Appian), geht auf den bukolischen Dichter Theokrit (3. Jh. v. Chr.) zurück, der in einem Schäferidyll davor warnt, um die Mittagszeit Geräusche oder Musik zu machen, weil zu dieser Zeit Pan, ermüdet von der Jagd, Siesta halte und, aus dem Schlaf aufgeschreckt, durch seinen Zornesschrei die Herden in sinnlose Massenflucht jage (eine vergleichbare Aktion berichtet auch die tschechische Sage von dem Mittagsdämon Poledniček). Der griechische Text beschreibt recht plastisch das heftige Temperament des Gottes, das sich, wenn gereizt, in ,galligem‘ Wutschnauben äußert (Theokr. Idyll. 1, 15; zitiert nach Hopkinson 2015, 20f.). Der panische Schrecken befällt jedoch nicht nur Menschen- oder Tieransammlungen, sondern kann als ,Panolepsie‘ auch Einzelpersonen treffen (in der griechischen Tragödie v.a. bei Euripides beschrieben) – so wie den Ägypter Sinuhe, dessen Reaktion wohl als eine solche ,Panolepsie‘ zu erklären wäre.
Göttliche Willkür und Unberechenbarkeit ist ein nicht zu unterschätzender, transkultureller und deshalb in sämtlichen Mythenkreisen immer wieder und in vielfältigen Facetten thematisierter Angstfaktor, so bereits im Alten Orient, wenn die Göttin Innana ihren Geliebten Dumuzi ihrer eigenen Machtgier opfert und den Vertretern des Totenreiches überantwortet, in der altägyptischen Literatur, wenn der auf einer Insel gestrandete Schiffbrüchige‘ sich unversehens mit einer göttlichen Schlange konfrontiert sieht, vor der er in Schrecken erstarrt, zum einen aufgrund ihres furchteinflößenden Auftretens, zum anderen aber auch, weil er nicht einschätzen kann, was der anonyme Schlangengott mit ihm vorhat.
Auch in der griechischen Mythologie findet sich diese Thematik des Öfteren, insbesondere gekoppelt mit zwei weiteren Motiven: dem menschlichen Fehlverhalten (Frevel, Hybris), das Strafe erfordert, doch ebenso auch dem göttlichen Fehlverhalten, getragen von dem Neid der Götter auf menschliches Glück. Letzteres erweist sich für die betroffenen Menschen als äußerst fatal, da sie schuldlos vernichtet werden, und beinhaltet damit einen gravierenden Angstfaktor, der sich am ehesten als Determination durch ein ,blindes Schicksal‘ beschreiben lässt (die Ödipus-Sage ist das wohl eindrücklichste Beispiel hierfür).
Dieser Faktor konstituiert ein zentrales Thema der griechischen Tragödie, wobei dem gottgesandten Schrecken (Phobos) das menschliche Mitleid (Eleos) als eine Form zwischenmenschlicher Solidarität gegenübergestellt wird, mit dem Ziel, eine Reinigung (Katharsis) herbeizuführen, die wiederum, in letzter Instanz, die menschliche Größe als Befreiung von der Angst vor schicksalhaftem Determinismus demonstriert. Die Gottesfurcht (in dieser Nuance nicht mehr Deimos/Deima, sondern ausschließlich Deos) als Furcht vor den Göttern wird von diesen, wie die zahlreichen mythologischen Erzählungen verdeutlichen, zumeist brutal und gewaltsam durchgesetzt (so z.B. die verheerende Seuche, die das Lager der Griechen überfällt, als Rache des Apollon für die Kränkung seines Priesters in der Ilias, 1, 33ff.), sodass Kulterfüllung und Frömmigkeit in erster Linie Handlungen umfassen, die, geboten von permanent vorhandener latenter Angst, primär der Angstverlagerung bzw. Angstvermeidung dienen: die Reaktion auf göttliches Handeln steht als Schauder, Furcht, Schrecken, oder Scheu demnach ganz im Einflussbereich der Angst, sodass die durch die mythologische ,Erschaffung‘ der Götter bezweckte Angstbewältigung vielmehr zu einer Angststeigerung aufgrund der permanent vorhandenen latenten Bedrohung durch ebendiese Götter transformiert ist.
Auch innerhalb des Monotheismus wird dieser Angstcharakter beibehalten, sogar durch die Konzentration auf einen einzigen Gott noch verstärkt, wenn im Alten Testament Jahwe als der Gott, der Furcht und Schrecken (wiederum ein Aktionsfeld für Phobos und Deimos?) verbreitet, charakterisiert wird (z.B. Genesis, Propheten) und der Anblick von Jahwes Antlitz, analog zu dem des griechischen Zeus, als furchterregend und tödlich (Deimatios?) beschrieben wird (Jesaja). Die Erscheinung Jahwes lässt den Menschen seiner Sünde bewusst werden und erfüllt ihn mit Schrecken (fürchte dich nicht ist eine stereotype Formel in der Bibel; die Gottesfürchtigen werden als phoboumenoi [griech. φοβούμενοι] bezeichnet) – ähnlich der Konfrontation des altägyptischen Schiffbrüchigen“ mit dem Schlangengott.
Während sich die verschiedenen Ausprägungen der aus der Mythologie erwachsenen Religionen immer stärker in Richtung einer Angststeigerung statt Angstbewältigung entwickelten, versuchte die griechische Philosophie, parallel zur Affekttransformation in der Tragödie, durch Rationalität (Stoa, Epikur) und sittliche Autarkie (Platon, Aristoteles) neue Wege der Angstbewältigung zu beschreiten, unter Verzicht auf die als Götter personifizierten Angstfaktoren der Mythologie. Hierzu war zunächst eine Neudefinition der zugrundeliegenden Körper- und Gefühlskonzepte notwendig: während in der Mythologie Gefühle stets als körperliche Symptome mit Sitz im Herzen (thymos, als dem ,mutvollen‘ Organ) oder Zwerchfell (phren, das ,Bauchgefühl‘) beschrieben werden, konzentrierte sich die antike Philosophie auf die innere Reflexion von Emotionen und deren Regulierung durch Vernunft, Einsicht und (wissenschaftliche) Erkenntnis, um solcherart letztendlich eine Form der Angstbewältigung durch rationale Transformation des Phobos zu erreichen.
Eine Art von Synchronisierung mythologischer Personifikationsstrukturen und individuellen Gefühlskonzepten begegnet bereits in der antiken Tragödie, wenn das körperinterne Ausbreiten emotionaler Regungen als eine Form des Besitzergreifens, vielleicht sogar der Besessenheit geschildert wird. Den Gefühlen kommt hierbei die aktive Rolle zu, während die Menschen die Besitzergreifung als passive Opfer erdulden müssen – und dies erinnert sehr deutlich an altägyptische Dämonenkonzepte, insbesondere Krankheitsdämonen, die sich über die sieben Öffnungen des Kopfes Zugang zum menschlichen Körper verschaffen, um dort, von innen heraus, quasi als Incubi, von ihm Besitz zu ergreifen, um ihn schließlich zu zerstören. In ähnlicher Weise verlieh der Historiker Thukydides im 5. vorchristlichen Jahrhundert, im Zuge seiner Schilderung der ,attischen Seuche“, dem Phänomen der Ansteckung Ausdruck, indem er es als ,Anfüllen mit dem Krankheitsstoff‘ bezeichnete.
Der enge Zusammenhang zwischen kombinierten Dämonenvorstellungen und Angstkonzepten wird ferner durch die Vielzahl von (Universal-)Amuletten, die ausdrücklich gegen sämtliche Dämonen und Phoboi (πρὸς δαίμονας καὶ φόβους) gerichtet sind, untermauert, wie auch durch die transformierte Rolle des Phobos in den hermetischen und gnostischen Überlieferungen, wo er nicht mehr im Gefolge des Kriegsgottes Ares auftritt, sondern als bösartiges Nachtgespenst in einem Atemzug mit den seuchenbringenden ,Mittagsdämonen‘ genannt wird, die insbesondere für diverse Fiebersymptomatiken, Malaria und Anfallsleiden verantwortlich gemacht wurden. In diesen Kontext gehören weiterhin die furchteinflößenden ursprünglich altorientalischen Dämonen, wie beispielsweise Lamaschtu, die personifizierte Angst (vgl. Renggli 2001, 30f.), die in der jüdischen Überlieferung als Lilith und in griechischen Quellen als Gyllou oder Abyzou ihr Unwesen treibt: als Manifestation des Bösen schlechthin, versehen mit einem Löwenkopf, Eselsohren, Hundezähnen, Klauen statt Händen und Füßen sowie mit blutgesudelten Brüsten, zeichnet sie verantwortlich für die Vernichtung jeglicher Vegetation und Fruchtbarkeit, für Früh- und Fehlgeburten, plötzlichen Kindstod, Kinderkrankheiten, sämtliche Fieber, Schüttelfrost – kurz, für sämtliche fürchterlichen Schicksalsschläge, mit denen sich die Menschen immer wieder und plötzlich konfrontiert fanden. Nachtgespenster treten oftmals auch als halluzinogene Dämonen, die Alpträume und Schlaflosigkeit auslösen, in Erscheinung, wie beispielsweise der in byzantinischer Zeit von dem Universalgelehrten Michael Psellos (11. Jh. n. Chr.) eingehend analysierte Babutzikarios, der von Psellos allerdings als von überreizter Phantasie herrührendes Augensymptom wegrationalisiert wird.
Die Angst vor dem Verlust der Gesundheit, vor schmerzhaften, langwierigen und häufig letal endenden Leiden oder furchteinflößenden Begleiterscheinungen komplexer Krankheitsbilder (wie beispielsweise im Falle von Anfallsleiden wie Epilepsie oder dergl.) ist eine Grundangst, die der Menschheit seit Urzeiten implizit ist. Der Umgang mit solchen Ängsten fand entweder auf mythologischer Ebene statt, indem man die Verantwortlichkeit für das Vorhandensein von Krankheit und Leid Göttern, mehr aber noch negativen und auf Krankheit spezialisierten Dämonen zuwies, oder im Bereich der rational-naturwissenschaftlichen Heilkunde, die sich, basierend auf einer traditionellen Quellenbasis (das Corpus Hippocraticum und die Schriften Galens), an rationalen Erfahrungswerten, Fallbeispielen und gelegentlich auch individuellen Experimenten orientierte.
Die aus Antike und Mittelalter überlieferten Quellen verbinden diverse Ängste stets mit konkreten Krankheitssituationen: entweder als Begleiterscheinungen komplexer physischer oder psychischer Leiden, wie beispielsweise als Symptom von Gehirnentzündung, Atemwegserkrankungen, Anfallsleiden oder Infektionskrankheiten wie Tollwut und Malaria, häufig gekoppelt mit Fiebersymptomatik, oder aber als konkrete Reaktion einzelner Patienten auf (Fehl-)Medikationen (Vergiftungserscheinungen, Überdosierung) und therapeutischen Maßnahmen (Angst vor Operationen). Die Quellen schildern solche Angstsymptomatiken zumeist sehr detailliert und zeigen deutlich, dass der antike und insbesondere der byzantinische Arzt stets bemüht war, im individuellen Patientengespräch das Irrationale der Angstempfindung durch die rational-logische Interpretation der jeweiligen Symptomatik, häufig sogar durch eine entsprechende Prognostik des mutmaßlichen Krankheitsverlaufes abzumildern: Angstbewältigung also durch rationale Erklärung der Angstfaktoren. Doch auch im Bereich der professionellen Heilkunde sind die Grenzen fließend und die reichhaltige Quellendiversität von der Antike bis in die Neuzeit zeigt ganz unterschiedliche Fokussierungen, die sich in einer Vielfalt an Kombinationen zwischen den erklärten Antipoden einer kompromisslos rationalen Medizinauffassung und einer iatromagisch orientierten Volksheilkunde bewegen.
Die Erlösungsbotschaft des Christentums schließlich stellt die Synthese aus sämtlichen altorientalischen und antiken mythologischen und philosophischen Konzepten der Angstbewältigung dar, indem es die Überwindung der klassischen Heroenmythologie impliziert: Christus agiert zunächst wie der mythologische Heros, indem er aufgrund seiner göttlichen Abstammung für die Überwindung der Angst prädestiniert ist und diese mithilfe seines göttlichen Vaters auch in die Tat umsetzt. Hinzu kommt das aus der orientalischen Mythologie entlehnte Motiv des Opfertodes des Heros (Vorbild ist hier das Opfer Dumuzis), das im Christentum mit dem Motiv der Auferstehung eine neue Komponente erhält. Christus erhebt sich damit über die Stufe des Heroentums hinaus und verspricht nachhaltige Angstbewältigung, da er den Tod selbst, als den größten Angstfaktor der Menschheitsgeschichte, zu besiegen vermochte.
Auch im Christentum spielen jedoch Phobos und Deimos, die Protagonisten der Angst, eine entscheidende Rolle: Christus selbst ist nicht frei von Furcht und findet sich immer wieder in Angstsituationen – allein jedoch, dass er seine Angst thematisieren und über sie reden kann, macht den Unterschied und relativiert ihren Schrecken. Furcht und Schrecken sind im Christentum jedoch nicht mehr nur ausschließlich als negative Mächte, denen der Mensch hilflos ausgeliefert ist, charakterisiert, sondern haben als Manifestation des Staunens (thaumazein) über ein Wunder bzw. eine himmlische Erscheinung oftmals sogar Katalysatorfunktion.
Obgleich das Christentum wohl als die nachhaltigste und weitreichendste Form der Angstbewältigung durch ein religiöses System gelten darf, bedient es sich gleichzeitig selbst wiederum ausgesprochen starker Angstmechanismen, um die Frömmigkeit der Gläubigen stets von Neuem zu aktivieren: apokalyptische Angstvisionen stellen den Glauben diverser Heiliger stets von Neuem auf die Probe und insbesondere die beiden Extreme Himmel und Hölle fungieren als Antipoden der Angst (Böhme 2008, 169). Die hierbei literarisch und bildlich heraufbeschworenen Höllenszenarien greifen antike Unterweltsvorstellungen (hier liegt der primäre Angstfaktor weniger in prospektierten Höllenqualen, sondern vielmehr in der Aussicht auf eine sinnentleerte Existenz als Schatten) auf, kombinieren diese mit spätantiken Dämonologien und transformieren sie entsprechend. Entscheidender Faktor der Angstbewältigung und absolutes Novum im Christentum ist das Prinzip der Hoffnung, das weder die Mythologie noch die antike Philosophie impliziert.
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PD Dr. habil. Dr. phil. Isabel Grimm-Stadelmann, M.A.
Studium der Byzantinistik, Ägyptologie und Philologie des christlichen Orients in München; zahlreiche Forschungsaufenthalte im In- und Ausland. 2017 Habilitation im Fach Medizingeschichte; wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und Dozentin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Forschungsschwerpunkte: medizinische Überlieferungen des byzantinischen und postbyzantinischen Zeitalters sowie deren transkulturelle Aspekte.
Heinz Bude
Angst ist in modernen Gesellschaften ein Thema, über das man sich über alle sozialen Grenzen hinweg relativ schnell und problemlos verständigen kann. Über Angst kann die gläubige Muslima mit der kämpferischen Säkularistin, der verzweifelte Menschenrechtler mit dem liberalen Zyniker reden. Sie ist das Prinzip, das absolut gilt, wenn alle Prinzipien relativ geworden sind (Luhmann 2008, 158).
Angststörungen, so wie sie in spezifischen und diffusen Varianten in psychiatrischen Erhebungen festgestellt werden, zählen zu den häufigsten psychischen Störungen mit einem nicht selten chronischen Verlauf (Bandelow et al. 2014). Sie haben entgegen der allgemeinen Ansicht in den letzten Jahrzehnten aber nicht zugenommen. Wobei dieser Befund nicht so klar ist, weil sie in der Regel in Verbindung mit Depressionen, Suchterkrankungen und psychiatrisch nicht auffälligen Verstimmungen auftreten. Die einschlägige Forschung nimmt an, dass sich solche Angstzustände aus dem Zusammenspiel von psychosozialen, genetischen und neurobiologischen Faktoren klären lassen.
Wenn im Folgenden über Ängste in der deutschen Gesellschaft die Rede ist, dann sind nicht Angststörungen gemeint, die einen Krankheitszustand definieren, sondern Ängste, über die man sich im Blick über die Veränderungen der deutschen Gesellschaft verständigen kann. Also nicht Panikattacken, die als körperliche und psychische Alarmreaktionen vor Prüfungen oder beim Betreten eines voll besetzten Aufzugs auftreten, sondern emotionale Bewertungen von Nachrichten über den Umfang unkontrollierter Einwanderung, über zunehmende Gewaltdelikte in Diskotheken mit jugendlichem Publikum, über die sich vertiefende Kluft zwischen Arm und Reich oder über die wachsende Bedrohung durch cyberkriminelle Banden. In diesem Sinn kann man sagen, dass sich die Gesellschaftsmitglieder in Begriffen der Angst über den Zustand ihres Zusammenlebens verständigen: wer weiterkommt und wer zurückbleibt; wo es zu sozialen Verwerfungen kommt und wo sich soziale Löcher auftun; was unweigerlich vergeht und was von grundlegendem Bestand ist. In Begriffen der Angst fühlt sich die Gesellschaft selbst den Puls (Bude 2014, 12).
Angstkommunikation ist allerdings in der Regel nicht von der wechselseitigen Akzeptanz der Ängste der anderen bestimmt, sondern intensiviert sich über bestimmten Reizthemen, welche die gemeinsame Vergewisserung über den Zustand des Gemeinwesens kontrovers werden lassen (Zur Stimmung der Gereiztheit Bude 2016). Drei Reizthemen springen einen heute sofort an. Das ist zum einen das Thema der Zuwanderung und deren Folgen für die Befindlichkeit der Einwanderungsgesellschaft. Dann das Thema der sozialen Ungleichheit und die Wahrnehmung einer sich vertiefenden sozialen Spaltung unserer Gesellschaft. Und schließlich das Thema der Krisenhaftigkeit des Kapitalismus, dem offenbar durch die gewohnten Methoden makroökomischen Krisenvermeidungs- oder Krisenbewältigungsstrategien nicht mehr so einfach beizukommen ist.
Zuwanderung ist in der gesamten OECD-Welt ein Reizthema für die gesellschaftlichen Öffentlichkeiten. Die Angst betrifft hier das Verhältnis von Eigenem und Fremdem (Bielefeld 1998) im Blick auf soziale Wohlfahrt, politische Mitsprache und kulturelle Eigenheiten. Den Zuwandernden unterstellt man unangemessene Beanspruchung sozialer Rechte, verborgene politische Illoyalität und die unverblümte kulturelle Landnahme. Am Ende, so das vielfach bekräftigte Angstbild, kann man sich in seinem eigenen Land nicht mehr zu Hause fühlen.
In einer Erhebung von 2017 wurden fünf etwa gleich große Gruppen mit spezifischen Haltungen zum Reizthema Zuwanderung identifiziert: liberale Kosmopoliten, die für offene Grenzen und niedrige Hürden für die Einwandernden plädieren, humanitäre Skeptiker, die sich für offene Grenzen aussprechen, aber die Folgen unkontrollierter Einwanderung mit Sorge betrachten, ökonomische Pragmatisten, die Einwanderung befürworten, solange sie nützt, moderate Gegner von Einwanderung, die für die sofortige Rückführung von Straftätern und Trittbettfahrern unter den Einwandernden eintreten, und absolute Gegner, die jeder Form von Einwanderung widersprechen (The Economist 2018, 5). Zwanzig Prozent sind klar dafür und zwanzig strikt dagegen, dass mehr Menschen nach Deutschland einwandern – und die Mehrheit von sechzig Prozent ringt mit sich über ein moderates Dafür oder ein moderates Dagegen.
Bei dieser Mehrheit betrifft das Angstproblem die Unterscheidung zwischen Emigranten und Siedlern (Collier 2014, 99ff.). Man begrüßt unter Umständen Emigranten, die ihr persönliches Glück in der Ankunftsgesellschaft suchen und dafür viel auf sich nehmen und sich am Ende zu guten Nachbarn entwickeln und ihre Herkunft aus einem anderen Land als Teil ihrer persönliche Zuwanderungsgeschichte begreifen. Man reagiert aber mit Ablehnung auf Einwanderer, die ihre Lebensart in der Einwanderergemeinde pflegen und den Eindruck erwecken, als kämen sie als Siedler ins Land, die sich als Außenseiter, mit Norbert Elias gesprochen (Elias u. Scotson 1993), gegen die Etablierten stellen. Je zahlenmäßig größer eine Einwanderergruppe ist, um so langsamer verläuft die Absorption durch die Ankunftsgesellschaft, weil die Einwandernden dann mehr mit Ihresgleichen als mit den Einheimischen zu tun haben. Aber die Angst der Etablierten, im eigenen Land nicht mehr zu Hause zu sein, wächst, je mehr sie den Eindruck gewinnen, dass bei den Einwandernden das Emigrationsverständnis vom Siedlerverständnis überlagert wird.
Die proklamierte Angst ist hier die Folge einer vermuteten Verschiebung in der Machtbalance zwischen Etablierten und Außenseitern, die die Einheimischen dazu veranlasst, die normale Absorption von Einwandernden im Lauf der Zeit infrage zu stellen. Man meint, sich verteidigen zu müssen, obwohl man zweifellos in der Mehrheit ist, und besorgt sich in Kategorien der Kultur ums Eigene gegen das Fremde.
Die emotionale Energie dieser in der Öffentlichkeit ausgetragenen Auseinandersetzungen erschließt sich aber nur dann, wenn man sie im Zusammenhang eines zweiten Angstthemas versteht, das für ein verbreitetes Unbehagen im Ganzen trotz zunehmender Zufriedenheit mit der persönlichen Situation sorgt (Schupp et al. 2013, 34–43): Das ist die Angst, nicht mithalten zu können und etwas Wichtiges zu verpassen. Man kann dieses Unbehagen so auf den Punkt bringen, dass wir heute einen Wechsel im gesellschaftlichen Integrationsmodus vom Aufstiegsversprechen zur Exklusionsdrohung erleben. Für die Generationen der Nachkriegszeit, die heute zwischen sechzig und achtzig und teilweise neunzig Jahre alt sind, hatte die Botschaft „Aufstieg durch Bildung“ einen motivierenden Klang. Wer sich anstrengte und trotz erlebter Niederlagen und Zurücksetzungen Durchhaltevermögen an den Tag legte, konnte es zu etwas bringen. Der Umstand, dass bei den meisten der Zufall eine viel wichtigere Rolle spielte als die Ziele und Absichten, war deshalb hinnehmbar, weil man trotz allem auf einer Position landete, die man im Nachhinein als erworben und verdient ansehen konnte.
Dieser Glaube existiert nicht mehr. Der Lebenslauf wird durch eine Folge von Gabelungspunkten erlebt, an denen sich jeweils entscheidet, wer weiter kommt und wer zurückbleibt. Das beginnt bei der frühkindlichen Förderung im Kindergarten, verläuft über die Wahl der weiterführenden Schule, betrifft die Netzwerke, die einem weiterhelfen, und den Ort, an dem man hängengeblieben ist, und findet bei der Partnerwahl eine entscheidende Festlegung. Natürlich kann man vieles revidieren und nichts ist für immer verloren. Aber es kommt auf einen selbst an, was man aus den Ressourcen der eigenen Herkunft und aus den Gelegenheiten, die sich einem bieten, macht. Das war natürlich schon immer so, aber heute stellen sich viele die Frage, ob der Wille reicht, die Geschicklichkeit passt und das Auftreten überzeugt. Die Sicherheit durch das Vertrauen in den Zufall ist der Angst gewichen, sich richtig entschieden oder etwas verpasst zu haben oder sich bei dem ganzen Bemühen der Optionswahrung und des Entscheidungsvorbehalts gar selbst zu verfehlen. So ist die Angst tatsächlich, wie es bei Kierkegaard heißt, „die Wirklichkeit der Freiheit als Möglichkeit vor der Möglichkeit“ geworden.
Das geschieht vor dem Hintergrund von zwei fühl- und sichtbaren sozialstrukturellen Veränderungen. In den letzten zwanzig Jahren ist auch in Deutschaland wie überall in der OECD-Welt ein neues Proletariat entstanden, das nicht mehr ein Proletariat der Industrie, sondern eins der Dienstleistung ist (dazu Bahl 2014; Staab 2014). „Einfache Dienstleistungen“ in den Bereichen der Zustellung, in der Transportbranche, in der Gebäudereinigung, im Einzelhandel, in der Gastronomie und in der Pflege machen 12 bis 15 Prozent der Beschäftigten aus. Das sind „Dead-end jobs“ ohne Aufstiegsperspektiven, in denen man für körperlich belastende und mental fordernde Tätigkeit ohne staatliche Aufstockung bei einer vollzeitigen und unbefristeten Beschäftigung nicht genug verdient, um in Städten wie Reutlingen, Bielefeld oder Regensburg über die Runden zu kommen. Wir haben hier eine kollektive Lebenslage vor Augen, die deshalb Klassencharakter hat, weil der Bus, in dem die Beschäftigen der „einfachen Dienstleistung“ sitzen, wegen offener Grenzen immer voll ist.
Aber auch in der Mitte der Gesellschaft führen die Mikroturbulenzen in den Lebensläufen dazu, dass sich eine Spaltungslinie zwischen einem oberen und einem unteren Teil der gesellschaftlichen Mitte durchsetzt. Es stellt sich für die einzelnen oft erst mit Mitte vierzig heraus, dass sie trotz eines höheren Bildungsabschlusses und trotz eines starken beruflichen Engagements insofern auf das falsche Pferd gesetzt haben, als sie es mit Freunden und Bekannten zu tun haben, die sich mit zwei guten Einkommen in „lovely jobs“ für ihre Kinder ganz andere Bildungsinvestitionen und für eine eigene Immobilie höhere Belastungen leisten können. So ergibt sich das Bild einer nach Maßgabe von Risiken und Ressourcen der Haushalte gespaltenen gesellschaftlichen Mitte. Die einen fühlen sich obenauf, die anderen sind von der „Angst vor Minderschätzung“, wie Theodor Geiger das in einem legendären Aufsatz aus dem Jahre 1930 genannt hat (Geiger 1930), geschlagen.
Das dritte Reizthema findet hier Anklang. Das ist die Angst, die aus dem Verfall der „diffusen Legitimität“ der kapitalistischen Grundverfassung unserer Gesellschaft resultiert. Ein „heimatloser Antikapitalismus“ verwirrt in der gesellschaftlichen Mitte offenbar die politischen Geister, was sich überall in den Ländern der OECD-Welt in einer Dekonstruktion des politischen Feldes, so wie man mit der Parteienlandschaft der Nachkriegszeit kannte, niedergeschlagen hat. Es entstehen prokapitalistische Parteien mit antikapitalistischer Systemkritik, es vermischen sich Fremdenfeindlichkeit, Systemopposition und Fundamentalrestauration und es ergeben sich bisweilen unheimliche „Querallianzen“.
Im Hintergrund rieselt die Angst, dass die Zukunft nichts Gutes verheißt und niemand sich auf nichts verlassen kann.
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Bandelow B, Wiltink J, Alpers GW, Benecke C, Deckert J, Eckhardt-Henn A, Ehrig C, Engel E, Falkai P, Geiser F, Gerlach AL, Harfst T, Hau S, Joraschky P, Kellner M, Köllner V, Kopp I, Langs G, Lichte T, Liebeck H, Matzat J, Reitt M, Rüddel HP, Rudolf S, Schick G, Schweiger U, Simon R, Springer A, Staats H, Ströhle A, Ströhm W, Waldherr B, Watzke B, Wedekind D, Zottl C, Zwanzger P, Beutel ME (2014) S3-Leitlinie Behandlung von Angststörungen
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Foto: © Dawin Meckel
Prof. Dr. phil. Heinz Bude
Nach dem Studium der Soziologie in Tübingen und an der Freien Universität Berlin mit dem Abschluss des Diplom-Soziologen von 1978 bis 1983 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Psychologischen Institut der Freien Universität. Im Jahre 1986 Promotion zum Dr. phil. und 1994 Habilitation für Soziologie an der Freien Universität Berlin. Von 1992 bis 2014 erst Wissenschaftlicher Mitarbeiter und seit 1997 Leiter des Bereichs „Die Gesellschaft der Bundesrepublik“ am Hamburger Institut für Sozialforschung. Seit 2000 Universitätsprofessor für Makrosoziologie an der Universität Kassel. 2016 Verleihung des „Preises für Herausragende Leistungen auf dem Gebiet der öffentlichen Wirksamkeit der Soziologie“ durch die Deutsche Gesellschaft für Soziologie.
Joachim Käppner
Aller Widerstand ist vergeblich. Eine Batterie schwerer Artillerie beschädigt zwar eine der riesenhaften dreibeinigen Maschinen, die sich Tod und Verderben bringend New York City nähern. Doch die Invasoren vernichten mit Hitzestrahlen und giftigem schwarzem Rauch mit Leichtigkeit das Aufgebot, das ihnen die US Army und die Nationalgarde entgegenwerfen. Fünf der Maschinen durchqueren einfach den Hudson River, wie ein Radioreporter live von der Spitze eines Wolkenkratzers aus berichtet, „wie Männer, die durch einen Bach waten“. Der tödliche Rauch wabert durch die Straßenschluchten Manhattans. Der Reporter sieht Panik, Menschen, die sich „wie Ratten“ vor Angst in den East River stürzen. Dann hustet er, und die Verbindung reißt ab. Später hört man im Radio einen Funker, der vergeblich New York City ruft: „2X2L an CQ, New York. Ist da niemand, der mich hörte? Ist da niemand, der mich hört? Ist da denn ... niemand?“
Die Marsmenschen waren gekommen – in der Hörspielfassung von H.G. Wells' dystopischem Roman vom „Krieg der Welten“, ausgestrahlt am 30. Oktober 1938 vom Radiosender CBN. Was dann geschah, ging in die Geschichte ein. Schon am folgenden Tag titelte die New York Times: „Radiohörer in Panik! Sie halten Hörspiel-Drama für Wirklichkeit. Viele flüchten aus ihren Häusern aus Angst vor, Gasangriff der Marsianer“. Polizei mit Notrufen überschwemmt.“ Die höchst authentisch gemachte Sendung hatte gewirkt wie ein Live-Report vom Untergang Amerikas.
Das Radio war damals, was heute Fernsehen und Facebook sind – ein Medium der Massenkommunikation, dem viele Nutzer wie selbstverständlich vertrauten. Der bekannte Moderator Jack Paar versuchte dieses Vertrauen ins Gute zu wenden und die Leute, die besorgt im Sender anriefen, direkt nach dem Hörspiel live auf Sender zu beschwichtigen: „Nein, die Welt geht nicht unter. Vertrauen Sie mir! Wann hätte ich Sie je belogen?“
Bis heute gilt die Invasions-Sendung von 1938 als Chiffre für mediengemachte Angst. Manches an der Schreckensszenerie der kaum verwundbaren Marsmaschinen mutet im Abstand der Jahrzehnte naiv und ulkig an, aber der Glaube früherer Generationen an furchterregende Fake News ist wohl leider nichts, was wir heute belächeln dürfen. Im Gegenteil, die Furcht ist präsenter denn je. Vor allem die Furcht vor dem Fremden.
Im Frühsommer 2018 treibt Bundesinnenminister Horst Seehofer die große Koalition, ja die Union aus CDU und CSU selbst an den Rand des Auseinanderbrechens. Seehofer erhebt ein lösbares Detailproblem – wann und wie bereits abgelehnte Asylbewerber abgeschoben werden sollen – zur Schicksalsfrage der Nation. Er tut dies erkennbar aus Angst vor der rechten AfD und dem Verlust der absoluten CSU-Mehrheit bei den bayerischen Landtagswahlen im Herbst desselben Jahres. Medien wie die „Bild“-Zeitung treiben die Kampagne mit wilden Aufmachergeschichten mit voran.
Selbst seriöse konservative Medien schreiben über die Folgen der Aufnahme von fast einer Million Flüchtlingen seit 2015 von „Staatsversagen“, als sei das Land eine Bananenrepublik. Die CSU macht die Angst vor Flüchtlingen zum Debattenthema, und das, obwohl viel weniger Flüchtlinge kommen.
Die verheerenden Folgen solch kurzsichtiger Politik hat die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller am Beispiel Osteuropas für die Bosch-Stiftung beschrieben: „Die Angst gedeiht wie unter einer Glocke.“ Etliche Länder mit autoritärer Vergangenheit durchlitten „eine Art Rückfall“. Dafür stünden zum Beispiel der ungarische Rechtspopulist Viktor Orbán, dessen polnischer Kollege Jaroslaw Kaczynski oder der türkische Autokrat Recep Tayyip Erdogan. Feindschaft werde gezielt geschaffen, denn, so Herta Müller: „Das Autoritäre erfindet sich Feinde.“
Zu diesen erfundenen Gegnern zählen vor allem die Flüchtlinge. Die Wahrnehmungspsychologie erklärt, warum Menschen viele Risiken und Gefahren für wesentlich größer halten, als sie es faktisch sind. Die Angst steigt, so der Risikoforscher und Professor für Sozialpsychologie Ortwin Renn am Beispiel der Vogelgrippe, „je weniger sie persönlich Einfluss auf die Gefahr haben; zweitens: je eher sie der Meinung sind, dass die Gefahr sie zufällig treffen könnte und drittens: je weniger sie die Gefahr sinnlich wahrnehmen können“. Ähnlich verhält es sich mit Bedrohung durch islamistischen Terror, mit der Sorge vor negativen Folgen der Migration, vor Seuchen und Verbrechen und natürlich den Fremden. Natürlich existieren Bedrohungen – jedoch werden sie in der Wahrnehmung um ein Vielfaches vergrößert und spielen sich vor allem in den Köpfen ab.
Und die Medien tun sich in der aufgeheizten Atmosphäre und angesichts der ungezählten Fake News im Internet schwerer denn je, Glauben zu finden. Im Gegenteil, die Erfinder der Falschinformationen wenden den Vorwurf, absichtsvoll die Unwahrheit zu verbreiten, gegen die Medien: Dort würden die Fake News produziert. Auf den deutschen Bestsellerlisten stand monatelang das Werk eines Verschwörungstheoretikers, der seinen Lesern mitteilte, welche angeblichen Wahrheiten nicht in den Zeitungen standen. Meisterlich beherrscht der populistische US-Präsident Donald Trump diese Kunst. Der Sender CNN oder die New York Times haben seinen Aussagen Dutzende Male Fehler, Erfindungen und glatte Lügen nachgewiesen, aber schon auf seiner ersten White-House-Pressekonferenz fuhr Trump einen CNN-Korrespondenten an: „You’re fake news!“
Wurden die Medien also früher und keineswegs immer zu Unrecht bezichtigt, im Interesse von Quote oder Auflage die Angst durch Übertreibungen und Furcht-Kampagnen zu schüren, ist dieser Vorwurf im Zeitalter des Populismus ihre geringere Sorge geworden. Zunehmend begreifen sie es wieder als ihre vornehmste Aufgabe, eine seriöse Berichterstattung zu verteidigen gegen die übertriebene, übersteigerte Angst, und stattdessen zu informieren und zu argumentieren. Nicht zufällig richtet sich der Furor regierender Rechtspopulisten wie in Österreich sofort gegen öffentlich-rechtliche Medien, in denen sie zielsicher einen gefährlichen Gegner erkennen. In manchen Staaten Osteuropas, innerhalb der EU vor allem in Ungarn, hat dies zu ernsthaften Einschränkungen der Pressefreiheit geführt. In Österreich, wo die rechte FPÖ mitregiert, drohten prominente Politiker der Partei, dem öffentlichen Sender ORF ein Drittel der Korrespondentenstellen zu streichen, „wenn diese sich nicht korrekt verhalten“. Eine unverhüllte Drohung, weil der Sender aus Sicht der FPÖ zu kritisch über den nationalistischen Kurs ihrer Gesinnungsgenossen in der ungarischen Regierung berichtet hatte (https://www.welt.de/politik/ausland/article175463222/Oesterreich-FPOE-Politiker-droht-ORF-Journalisten-mit-Entlassung.html).
Besonders spürbar ist die Angst vor Kriminalität. In vielen Umfragen ist die Sorge der Bürger, Opfer einer Straftat zu werden, bestürzend hoch – viel höher als die Wahrscheinlichkeit, dass dies tatsächlich geschieht. Die Kriminalitätsräte in Deutschland ist 2017 laut der offiziellen Polizeilichen Kriminalitätsstatistik sogar gesunken (https://www.bka.de/DE/AktuelleInformationen/StatistikenLagebilder/Polizeiliche-Kriminalstatistik/pks_node.html). Die Statistik mag unbestreitbare Schwächen haben, so erfasst sie logischerweise nur registrierte Straftaten und vollzieht nicht nach, was vor Gericht daraus geworden ist. Aber sie ist zumindest der zuverlässigste Indikator dafür, dass die Deutschen in einem der sichersten Länder der Welt leben.
Selbst klare, belegbare Fakten und umfassende Informationen darüber kommen nicht an gegen die gefühlte Gefahr. Sexualmorde an Kindern verunsichern die Bevölkerung verständlicherweise außerordentlich, und die Omnipräsenz der Berichterstattung trägt jeden neuen Fall direkt ins Fernsehzimmer oder auf den Bildschirm des iPhone. Die Mediennutzer haben den Eindruck: Heutzutage kann ich mein Kind ja nicht ohne Aufsicht mehr auf die Straße lassen. Tatsächlich aber ist die Zahl der Sexualmorde an Kindern seit den Siebzigerjahren auf ein Drittel gesunken. Waren es damals, immer im Durchschnitt, etwa neun Fälle im Jahr, sank die Zahl bis heute auf drei. Damals war das Thema noch stark tabuisiert und die Prävention einschließlich der Behandlung und Früherkennung potenzieller Täter noch schwach entwickelt – dafür aber berichten die Medien allein durch ihre schiere Masse und Geschwindigkeit heute viel stärker und intensiver über jeden einzelnen Fall.
Erschwerend hinzu kommen Trolle und Fake-News-Erfinder, die solche absichtsvoll anderen in die Schuhe schieben. So geschehen im sogenannten Fall Lisa. 2016 verschwand die 13-jährige Lisa aus Berlin-Marzahn, als sie nach Tagen wieder auftauchte, gab sie bei der Polizei an, von Ausländern verschleppt und missbraucht worden zu sein. Hunderte Russlanddeutsche demonstrierten vor dem Bundeskanzleramt, Redner gaben Angela Merkel die Schuld an Lisas vermeintlichem Schicksal, weil die Kanzlerin „eine Million Halsabschneider“ – gemeint wären die 2015 aufgenommenen Flüchtlinge – ins Land gelassen habe. Als russische Staatsmedien weitere frei erfundene, obszöne Geschichten dieser Art präsentierten (das Mädchen sei von Ausländern aus dem Nahen Osten „wieder und wieder vergewaltigt worden“), wuchs sich der Fall zu einer diplomatischen Krise zwischen Berlin und Moskau aus.
