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Angst ist eine unserer wichtigsten Emotionen – und so alt wie die Menschheit selbst. Angst übt eine ungeheure Kraft aus, sowohl auf unser eigenes Leben als auch auf das Leben in unserer Gesellschaft. Angst kann uns antreiben, Angst kann behindern. Die Angst erscheint in allen Lebensbereichen, in Politik und Wirtschaft, in der Arbeitswelt, in Sport und Kultur. Angst beschäftigt uns unser gesamtes Leben hindurch, von der Geburt bis zum Tod. Angst und Gesellschaft beleuchtet die vielgestaltigen Phänomene, Schattenseiten und Potenziale der Angst. Mediziner, Therapeuten, Medien- und Kunstschaffende, Theologen, Soziologen und Historiker eröffnen ihre spezifische Perspektive auf die Facetten der Angst in Gesellschaft, Geschichte und Kultur. Ein aktueller Fokusbeitrag reflektiert die Angst und Ängste im Kontext der COVID-19-Pandemie. Herausgeber Peter Zwanzger ist einer der renommiertesten Angstforscher. Seit über 20 Jahren befasst er sich mit Angst, deren Entstehung und Behandlung.
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Seitenzahl: 180
Veröffentlichungsjahr: 2021
Peter Zwanzger (Hrsg.)
D. Beckmann | J. Beckmann | H. Bude | I. Fernholz | I. Fischer I. Grimm-Stadelmann | G.E. Freiherr von und zu Guttenberg J. Käppner | J.B. Köhne | M. Maragkos | J. Mumm | B. Muschalla J. Plag | A. Schmidt | A. Ströhle | A. Tretner | P. Zwanzger
Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft
Der Herausgeber
Prof. Dr. med. Peter Zwanzger
Ärztlicher Direktor und Chefarzt
Fachbereich Psychosomatische Medizin
Therapieschwerpunkt Angst und Depression
kbo-Inn-Salzach-Klinikum Wasserburg am Inn
Gabersee 7
83512 Wasserburg am Inn
MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
Unterbaumstraße 4
10117 Berlin
www.mwv-berlin.de
ISBN 978-3-95466-613-3 (eBook: PDF)
ISBN 978-3-95466-612-6 (ePub)
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© MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Berlin, 2021
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Etymologisch abgeleitet von Anxietas, lateinisch Enge bzw. Engegefühl, beschreibt das Wort Angst zunächst die mit dieser Emotion einhergehenden, vor allem körperlichen Veränderungen und Empfindungen. Wenn wir Angst haben, spüren wir häufig ein Druck- oder Engegefühl im Brustraum, manchmal Atemnot, Herzklopfen oder Beklemmungsgefühle. Diese und ähnliche Symptome sind Ausdruck einer im Zusammenhang mit emotionalem Angsterleben beobachteten körperlichen Anspannung.
Wir alle kennen solche Zustände. Und obwohl Angst und die damit verbundene körperliche Symptomatik von uns in der Regel als ausgesprochen unangenehm, z.T. als pathologisch erlebt wird, handelt es sich in der Regel um eine normale, physiologische Reaktion. Diese ermöglicht es uns, in Gefahrensituationen adäquat zu reagieren, uns auf Bedrohung einzustellen und gegebenenfalls eine entsprechende Reaktion zu veranlassen. Entwicklungsgeschichtlich betrachtet können wir uns an dieser Stelle für Kampf oder Flucht entscheiden, je nachdem ob wir eine Bedrohung als beherrschbar oder eben nicht beherrschbar einordnen. Angst ist somit ein wichtiges biosoziales Signal, welches uns seit Jahrtausenden das Überleben sichert.
Tritt Angst zu oft, zu stark oder zu intensiv auf oder entsteht Angst in Situationen, in denen eigentlich keine reale Gefahr existiert, sprechen wir von der krankhaften Angst, gegebenenfalls von einer Angsterkrankung. Allerdings sind die Grenzen zwischen Angst und Angsterkrankung oftmals fließend. Im Übergang von gesunder zu krankhafter Angst gibt es viele Zwischenstufen, die nicht immer eindeutig einem der beiden Pole zuzuordnen sind. Insofern stellt die Diagnostik krankhafter Angst hohe Anforderungen an den Arzt oder Psychotherapeuten.
Das vorliegende Buch beschäftigt sich im Wesentlichen mit den gesellschaftlichen Aspekten von Angst. Die unterschiedlichen Facetten dieser Grundemotion sind allen Menschen bekannt und spielen demzufolge sowohl im Leben des Einzelnen als auch in der Gesellschaft eine große Rolle.
Da wundert es nicht, dass sich das Phänomen der Angst in Musik, Kunst, Politik, Religion und anderen gesellschaftlichen Bereichen wiederfindet. Zeigt sich in der Betrachtung des Phänomens Angst in Musik und Malerei vor allem der Versuch, der Angst ein Gesicht zu geben, so zeigt sich in Politik und Religion der Versuch, die Emotion Angst zu instrumentalisieren, sei es in dem Versuch Angst zu nehmen, sei es in dem Ansinnen, Angst zu erzeugen. Diese und andere gesellschaftliche Aspekte der Angst werden in diesem Buch von namhaften Autorinnen und Autoren beleuchtet und diskutiert, positive Aspekte der Angst werden genauso illustriert wie die möglichen negativen Folgen im Umgang mit derselben.
Die historische Erfahrung zeigt, dass Angst insbesondere in Krisensituationen eine wichtige Rolle spielt – sowohl im Leben des Einzelnen wie auch in der Gesellschaft. Dies wird auch in der aktuellen Corona-Situation deutlich, die beispielhaft illustriert, dass schwere Krisen Angst machen können, die Angst aber auch zu großen Leistungen befähigt. Wir sehen, dass Angst die Massen bewegen kann. Wir sehen, dass Angst politisch instrumentalisiert werden kann. Wir sehen auch, dass wir Halt brauchen, wenn wir Angst haben. Und es ist zu beobachten, dass dieser Halt an unterschiedlichen Stellen gesucht wird, sei es in der Politik, in der Medizin, in der Wissenschaft, bei Autoritäten ebenso wie bei Minoritäten. Aus diesem Grund ist dem Thema Angst und Corona in diesem Buch ein eigenes Kapitel gewidmet, das gleichermaßen versucht, die gesellschaftlichen Aspekte der Corona-Krise zu beleuchten wie die medizinischen Auswirkungen der Pandemie im Hinblick auf Angst und andere psychische Störungen zu untersuchen.
Wenngleich Angsterkrankungen zu den häufigsten psychischen Störungen gehören und somit in medizinischer Hinsicht große Bedeutung haben, so ist doch der gesellschaftliche Aspekt des Phänomens Angst für weitaus mehr Menschen von Bedeutung. Wir hoffen, dass die vorliegende Zusammenstellung der Kapitel zum Themenkomplex Angst Interesse weckt und unsere Sensibilität schärft im Hinblick auf diese wichtige und besondere Grundemotion.
Prof. Dr. med. Peter Zwanzger
Wasserburg am Inn, Mai 2021
Cover
Titel
Impressum
1Angst in der antiken MythologieIsabel Grimm-Stadelmann
2Ängste der deutschen GesellschaftHeinz Bude
Fokusbeitrag: Angst und Pandemie
Peter Zwanzger
3Angst und die Rolle der MedienJoachim Käppner
4Angst und GlaubeIrmtraud Fischer
5Angst und MusikAlexander Schmidt, Isabel Fernholz, Jennifer Mumm, Andreas Ströhle und Jens Plag
Exkurs: Lampenfieber
Georg Enoch Freiherr von und zu Guttenberg
6Angst und MachtMarkos Maragkos
7Angst im FilmJulia Barbara Köhne
8Angst und ArbeitBeate Muschalla
9Angst und Angstbewältigung im LeistungssportJürgen Beckmann und Denise Beckmann
10Angst vor Sterben und TodAndrea Tretner
Isabel Grimm-Stadelmann
„Mein Herz schlug heftig, meine Arme fielen herab, ein Zittern überkam alle meine Glieder […].“ (Hornung 1979, 24)
Mit oben stehenden Worten beschrieb der Ägypter Sinuhe im zweiten vorchristlichen Jahrtausend (um 1900 v. Chr.) die gewaltige Angst, die ihn angesichts der Nachricht vom Tode Pharao Amenemhets I. (reg. ca. 1994–1975 v. Chr.) überfallen hatte und die seine überstürzte Flucht ins Ausland nach sich zog: „Ich entfernte mich in großen Sprüngen, um mir ein Versteck zu suchen“ (Hornung 1979, 24). Aus der Erzählung erfahren wir nur den Angstauslöser, nämlich die Todesnachricht sowie, damit verbunden, die Mitteilung über die unmittelbar bevorstehende Ankunft des Thronfolgers, Sesostris I. (reg. ca. 1956–1910 v. Chr.), nicht jedoch die konkrete Ursache von Sinuhes Angst und ob diese überhaupt begründet war (war er als Palastbeamter etwa in eine Verschwörung verstrickt gewesen?). Sinuhes impulsive und zunächst völlig unkontrollierte Flucht führte ihn schließlich nach Palästina, wo er zu hohen Ehren gelangte. Von Heimweh geplagt, konnte er gegen Ende seines Lebens eine Begnadigung durch Sesostris I. erwirken, verbunden mit der Erlaubnis zur Rückkehr in die Heimat, wo er, zu den näheren Umständen seiner Flucht befragt, diese als unkontrollierte und völlig grundlose Panikreaktion erklärte:
„Diese Flucht, die meine Wenigkeit unternommen hat – sie war nicht überlegt, sie entsprang nicht meinem Willen, ich hatte nie daran gedacht und merkte nicht, daß ich mich vom Ort getrennt hatte. Es war wie eine Traumerscheinung […]. Ich war nicht in Furcht geraten, niemand lief hinter mir her, ich vernahm keine Schmährede, meinen Namen hörte man nicht im Mund des (öffentlichen) Ausrufers. Vielmehr: mein Körper schauderte, meine Beine liefen davon, mein Herz lenkte mich, der Gott, der diese Flucht bestimmte, zog mich fort.“ (Hornung 1979, 34)
Die Geschichte von Sinuhe zeigt demnach die charakteristische Interaktion von gravierender Angstsymptomatik und impulsiver Panikreaktion, welche sich in einem unreflektierten Fluchtreflex manifestiert, wobei dem primären Angstgefühl die Funktion eines biologischen Gefahren-Frühwarnsystems zukommt, das als elementar-animalische Funktion irrational und vom betroffenen Individuum unreflektiert abläuft (vgl. Böhme 2008, 169).
Das Phänomen der Angst in seinen unterschiedlichen Erscheinungsformen (Furcht, Schrecken, Panik, Terror) sowie als Auslöser vielfältiger physischer und psychischer Reaktionen war als elementarer Bestandteil der menschlichen Existenz bereits in den frühesten Kulturen omnipräsent und wurde literarisch thematisiert. Komplexe mythologische Systeme überliefern bereits die altorientalischen Quellen, lange vor der Entstehung der klassisch-antiken Mythologie, doch zeigen die weitgehend übereinstimmenden Grundmotive, dass es hier um essenzielle Fragestellungen einer transkulturellen Menschheit schlechthin ging, nämlich um den Umgang mit impliziten und tief verwurzelten (Existenz-)Ängsten.
In seiner ausführlichen tiefenpsychologischen Analyse der altorientalischen Mythenkreise führt Franz Renggli den Ursprung sämtlicher Ängste auf tief verwurzelte Geburts- und frühkindliche Trennungstraumata zurück, die allen Hochkulturen immanent seien und letztendlich ihre Visualisierung in einer schreckenserregenden und von Gewalt regierten Mythologie fänden: „Wenn wir uns auf einer tiefen Ebene auf diese Mythen einlassen, finden wir in ihnen einen Schlüssel zum Verständnis der eigenen Ängste und Hoffnungen, der eigenen Verletzungen und Traumata […]“ (Renggli 2001, 19). Auf dieser Ebene finden die mythologischen Erzählungen ihre Entsprechung in der Märchenwelt.
Am Beginn jeglicher Mythologie stehen komplexe Schöpfungsmythen, welche die Entstehung der Welt aus ihren unterschiedlichen Elementen (Erde, Luft, Wasser und Feuer) erklären, aber auch die Existenz der Naturgewalten, denen der Mensch zeit seines Lebens ausgeliefert ist, als Aktionen ebendieser, als Urgottheiten personifizierter Elementarkräfte, deuten. Die vielleicht älteste Quelle abendländischer Mythologie, die um 700 v. Chr. entstandene Theogonie des griechischen Dichters Hesiod, zentriert die Entstehung des Kosmos und der darin befindlichen Wesenheiten um insgesamt sechs Urgottheiten: Chaos (die Unordnung), Gaia (die Erde), Tartaros (die Unterwelt), Eros (die sinnliche Liebe und Fruchtbarkeit), Erebos (die Finsternis) und Nyx (die Nacht), aus welchen wiederum sämtliche andere Gottheiten hervorgehen. Bemerkenswert ist bereits in Hesiods Urgötterkreis eine Dominanz der Personifikationen von Nacht, Finsternis, Chaos und Totenreich – den archetypischen Angstfaktoren, welchen durch ihre Personifikation als Gottheiten und die damit verbundene (transzendente) Körperlichkeit eine Art von materieller Manifestation verliehen wurden, die den Menschen wiederum den Umgang, aber auch eine konstruktive Auseinandersetzung mit ihnen ermöglichen sollte.
Die Überzeugung, dass es sich bei sämtlichen angsteinflößenden Naturphänomenen, wie beispielsweise Erdbeben, Gewitter und Sturm, Tsunamis, Flut- (‚Sintflut‘) und Brandkatastrophen (Vulkanausbrüche, ‚Weltenbrand‘ und letztendlich ‚Götterdämmerung‘), um göttliche oder dämonische Manifestationen handele, führte zu einer sukzessive differenzierter werdenden Personifikationsebene existenzgefährdender Angstauslöser und damit zur Konstitution eines umfassenden und hierarchisch gegliederten Pantheons als zweiter entscheidender Entwicklungsstufe der Mythologie. Protagonisten sind nun nicht mehr allein die personifizierten Naturgewalten, sondern sämtliche als negativ und bedrohlich empfundene „Widerfahrnisse“ (Georg Picht), auch diejenigen, die sich aus dem menschlichen Zusammenleben und den dadurch entstehenden Aggressionen ergeben, so z.B. Krieg und Gewalt, Hass und Streit, Krankheit, Verlust und Tod.
Im Rahmen einer derart fortschreitenden und auf Angstbewältigung hin ausgerichteten kulturellen Entwicklung fungierte die Mythologie als Medium der Angstverlagerung auf eine transzendente Ebene, mit der man sich durch Religion, Ritus und diverse Kultformen (Begräbnis-, Toten- und Ahnenkulte) zu verständigen vermochte, was wiederum zur Konsolidierung gesellschaftsinterner Sozialstrukturen und Moralvorstellungen bis hin zu einem als verbindlich betrachteten Werte- und Rechtssystem führte. Die genaue Zuweisung von strikt definierten Zuständigkeitsbereichen an einzelne Gottheiten (Kriegsgott, Wettergott, Liebesgöttin, Krankheitsdämonen etc.) verhalf den Menschen wiederum, ihren jeweiligen Ängsten einen konkreten Ansprechpartner zuzuordnen, mit dem sie in einen Dialog (Opferhandlung, Gebet) treten und somit zielgerichtet agieren konnten.
Die dritte Stufe der mythologisch visualisierten Angstbewältigung konzentrierte sich nun nicht mehr auf das Kollektiv der Menschheit in Auseinandersetzung mit der Götterwelt, sondern auf das Individuum als Katalysator von Angsterfahrung und -überwindung mit implizitem Vorbildcharakter, den Helden oder Heros. Dieser vollbringt außergewöhnliche Taten, indem er die Personifikationen der Angst, zumeist in Gestalt von grauenvollen Erscheinungen (z.B. Dämonen und dämonische Mischwesen, chthonische Monster wie Drachen oder Schlangen, Meeresungeheuer wie Skylla und Charybdis bei Homer), unter Aufbietung übermenschlicher Kräfte und Tapferkeit überwinden, besiegen und in letzter Instanz vernichten, d.h. aus der Welt schaffen – oder aber, wie im Perseusmythos, einer positiveren Bestimmung zuführen kann.
Perseus nämlich, einem Heros der griechischen Mythologie, gelang es mithilfe der Göttin Athene, die Gorgo Medusa als idealtypische Verkörperung des Schreckbildes, bei dessen Anblick jeder versteinern musste, zu erschlagen. Nach vollbrachter Tat überreichte er das abgeschlagene Gorgonenhaupt der Athene, die es seither als mächtiges Apotropaikon auf ihrer Aigis trug (Gorgoneion) und unheilabwendend einsetzte. Der Perseusmythos zeigt sehr deutlich, dass der Heros der griechischen Mythologie ausschließlich in engster Zusammenarbeit mit seiner persönlichen Schutzgottheit zu solch außergewöhnlichen Taten imstande ist, also nicht unbedingt aus eigener Kraft, sondern aufgrund besonderer Qualifikationen, sei es aufgrund von (göttlicher) Abstammung oder besonderer Frömmigkeit, welche ihn für die göttliche Protektion prädestinieren.
Heldenmythen, in deren Zentrum die Überwindung der Angst vor Naturkatastrophen stehen, besetzen in sämtlichen antiken Kulturen einen besonderen Stellenwert, wobei analoge Grundmuster deutlich zu erkennen sind: so erinnert der altorientalische, um den Heros Gilgamesch zentrierte Sintflut-Mythos in vielen Einzelheiten an die alttestamentliche Episode um Noah, gleichermaßen aber auch an den antik-griechischen Deukalionmythos.
Auch der Mythenkreis um den ‚Weltenbrand‘, der in der nordisch-germanischen Sagenwelt in letzter Instanz zu der von Richard Wagner vertonten ‚Götterdämmerung‘ führt, besitzt eine Parallele in dem (ebenfalls mehrfach in Musik gesetzten, so beispielsweise von Jean-Baptiste Lully im 17. Jh.) Mythos um Phaeton, den Sohn des Sonnengottes, der sich in prahlerischer Absicht anmaßt, den Sonnenwagen seines göttlichen Vaters steuern zu können und damit fast den Weltenbrand verursacht – die drohende Gefahr kann nur durch das Eingreifen des Sonnengottes selbst abgewendet werden, Phaeton selbst muss seine Hybris, seine Überhebung über das ihm zustehende Maß hinaus, allerdings mit dem Leben bezahlen. Heldenmythen erfüllen demnach nicht ausschließlich die Funktion einer individuellen Angstbewältigung, sondern implizieren zudem auch einen moralischen Auftrag, nämlich die an das Individuum gerichtete Warnung, trotz der Möglichkeit einer (punktuellen) Angstüberwindung durch persönliches Heldentum den Rahmen der menschlichen Existenz zu respektieren und nicht in Überhebung (Hybris) zu verfallen.
Parallel zur Vielfalt der Personifikationen der unterschiedlichen Spielarten und Intensitäten von Angst entwickelte sich auch in sprachlicher Hinsicht ein breit gefächertes Spektrum, die Angstsymptomatik in Worte zu fassen. Bemerkenswert hierbei ist die Konzentration der Terminologie auf eine Illustration ausschließlich körperlicher Symptome, die sich bis in die aktuelle Gegenwart nahezu unverändert erhalten hat, wenn wir auch heute noch davon sprechen, dass sich aufgrund von Angst die Haare sträuben, die Augen weit aufgerissen und die Pupillen geweitet sind, die Ohren sausen, der Atem stockt (häufig auch das Bild der zugeschnürten Kehle), die Stimme versagt, das Herz entweder unregelmäßig schlägt oder gänzlich aussetzt, der Puls rast, die Knie weich werden oder der gesamte Körper von Angstschweiß und Tremor bis hin zu Lähmungserscheinungen, Krämpfen und kompletter Starre regiert wird.
Die Semantik des Wortes ‚Angst‘ (griech. ἄγχω, ἄγξω; lat. ango: wörtl. Bed. ‚zuschnüren‘, ‚zusammenpressen‘, ‚den Atem entziehen‘, ‚erdrosseln‘, ‚erwürgen‘, ‚henken‘, Medium: ‚sich erhängen‘, ‚sich ängstigen‘; verwandt mit dem deutschen Wort ‚Enge‘; Subst. lat. angor, anxietas: ‚Beklemmung‘, ‚Angst‘) steht nicht nur mit dem Bild von der ‚zugeschnürten Kehle‘ in Zusammenhang, sondern auch mit dem Krankheitsbild der Angina (griech. συναγχή, κυναγχή, worunter zumeist nicht Angina pectoris, sondern Diphtherie verstanden wurde). Dessen beängstigende Symptomatik, verbunden mit Schluck- und Atembeschwerden bis hin zu Erstickungsanfällen, wurde ausführlich von den antiken und mittelalterlichen Ärzten beschrieben, wobei aufgrund der akuten Bedrohung, die mit dieser Symptomatik verbunden wurde, gelegentlich sogar versucht wurde, die herkömmliche Therapie mit iatromagischen Methoden zu ergänzen. Die römische Mythologie (vgl. Schwenck 1845, 298) wiederum kennt eine Göttin namens Angerona oder Angeronia, der ein eigenes Fest, die Angeronalien, gewidmet war (darüber berichtet Varro). Das Bildnis dieser Angeronia befand sich auf dem Alter der Volupia (Göttin der Lust) und zeigte eine Frauengestalt mit verbundenem und versiegeltem Mund. Zur Interpretation dieser Darstellung überliefern die römischen Quellen unterschiedliche Varianten: so z.B. die heroische, die besagt, dass derjenige, der seine Angst schweigend und geduldig erträgt und somit schließlich überwindet, mit der höchsten Lusterfahrung belohnt werde (Masurius), oder die medizinische, die in der Darstellung ein Votiv anlässlich der Befreiung Roms von der grassierenden Angina sieht (Julius Modestus).
Im Gefolge des Kriegsgottes Ares (röm. Mars) befanden sich, der Mythologie zufolge, Phobos und Deimos (röm. Pavor und Pallor), die Verkörperungen von Furcht und Schrecken, welche insbesondere im Rahmen von akuten kriegerischen Auseinandersetzungen zusammen mit Eris, der Personifikation des Zwistes, auftreten. Zur Beschreibung der Auswirkung einer solchen Konstellation griff Homers Ilias wiederum auf die Grundlagen der Mythologie, den Vergleich mit angsteinflößenden Naturgewalten zurück, wenn die sich gegenüberstehenden Schlachtreihen der Griechen und Trojaner mit dem stürmischen Meer und bedrohlich hohem Wellengang verglichen werden:
„[…] da hätte auch den Standhaften Schrecken ergriffen,/wie sich die Meeresflut am widerhallenden Strande/Woge für Woge erhebt, getrieben vom Wehen des Westwinds;/ draußen auf offener See behelmt sie zuerst sich, doch später/braust sie laut, sich am Festland brechend, und um die Klippen/bäumt sie gebogen sich hoch und speit von sich den Salzschaum.“ (Ilias 4, 421–426, übers. v. R. Hampe 2004; zitiert nach Böhme 2008, 158f.)
Nachdem Eris zunächst den Streit angefacht hatte, treten Phobos und Deimos als Kombination aus aktiver Drohung und passivem Schrecken in Aktion, wobei insbesondere ersterer als transpersonale Macht, nicht als interne Gefühlsregung einzelner Krieger, verstanden wurde. Phobos, für den sogar eigene Kulte und Opferzeremonien nachgewiesen sind (z.B. in Sparta, oder auch in Plutarchs Vita Alexanders des Großen), verkörpert hier das dynamische Element, indem er sich zwischen den beiden Heeren aufbaut und sich gleichzeitig als aktiv furchteinflößender Angstfaktor wie auch als Verursacher einer kollektiv raumfüllenden Furcht erweist, analog zu der transitiven und intransitiven Verwendung des griechischen Verbs phobeo (φοβέω). Dies ist auch der Ansatzpunkt für die griechischen Tragiker (Aischylos, Sophokles und Euripides), wenn sie die Auswirkungen des Phobos als raumfüllende und insgesamt besitzergreifende Angst charakterisieren: „Phobos schließt mein Gemüt ein“ (Aischylos, zitiert nach Böhme 2008, 162), mehr noch, als eine Art atmosphärischer Macht, in deren Zentrum das Tremendum steht (so dann bei den Historikern Herodot und Thukydides).
Eng verbunden mit Phobos ist sein Bruder Deimos, dem bei Homer weniger Individualität als dem Phobos beigemessen wird, der aber umso mehr mit dem Wortfeld deima/deos (griech. δεῖμα/δέος) in Zusammenhang gebracht werden kann, als Manifestation des durch göttliche Willkür verursachten Schreckens, dem der Mensch ausschließlich mit Respekt und Ehrfurcht begegnen kann. Deimos/Deima tritt genau dann in Aktion, wenn das leibhaftige Erscheinen der Götter in den Menschen zunächst maßloses Erschrecken, in der Folge dann eine konstante Angst erzeugt, zu deren Bewältigung dann Deos, die Gottesfurcht, ihren Ausdruck in kultischen Handlungen findet. Deimos kann sich in seiner unerwarteten Abruptheit sogar als tödlich für den Menschen erweisen, so für Semele, die Geliebte des Zeus – der nicht zu Unrecht den Beinamen Deimatios, ‚der in Schrecken versetzt‘, trägt – deren Wunsch, ihren Geliebten in seiner göttlichen Gestalt zu erschauen, sich für sie als unerträglich erweist: sie verglüht beim Anblick des Zeus zu Asche.
Das Einwirken von Phobos und Deimos kann entweder zu Erstarren und kompletter Handlungsunfähigkeit, oder aber – wie im Falle des Ägypters Sinuhe – zu unkontrollierter reflexartiger Flucht führen, zumeist als ‚Panikreaktion‘ bezeichnet. Auch hinter dieser Terminologie verbirgt sich eine Gottheit, nämlich der Hirtengott Pan, der als Naturgottheit sowohl heilende Kräfte (Pausanias berichtet von Pestheilungen durch Pan im attischen Gebiet) besaß, wie auch eine erschreckende Unberechenbarkeit. Erstmalig begegnet der Begriff der Panik als einer von Pan hervorgerufenen kopflosen Furcht im 4. Jh. v. Chr.; die Begriffe dafür variieren im Griechischen vielfältig, so z.B. πανικὸς φόβος, πανικὸς θόρυβος, πανικὸν δεῖμα, πανικὸς οἶστρος, πανικὴ ταραχή, πανικόν, bedeuten aber sämtlich nahezu dasselbe, nämlich Panik, panische Furcht, panischer Schrecken oder panisches Entsetzen. Später dann (um 180 n. Chr.) berichtet Pausanias von Pans göttlichem Beistand während der Schlacht von Marathon, indem er das persische Heer in der Nähe seines Heiligtums bei Marathon in Panik versetzt habe: „Auch ein zur Hauptsache sumpfiger See ist in Marathon. In diesen gerieten die Barbaren auf ihrer Flucht aus Unkenntnis der Wege, und die Hauptverluste sollen sie hier gehabt haben.“ (Paus. 1, 32, 7, zit. nach Pausanias 1979, 91; eine weitere Stelle bezieht sich auf die Panik der Galater bei ihrem Angriff auf Delphi: Paus. 10, 23, 7, zit. nach Holzhausen 2006).
Die bekannteste Version der Sage über die Entstehung des ‚panischen Schreckens‘ (panikon deima, griech. πανικόν δεῖμα), die insbesondere während der römischen Kaiserzeit große Verbreitung fand (Plutarch, Artemidor, Polyainios und Appian), geht auf den bukolischen Dichter Theokrit (3. Jh. v. Chr.) zurück, der in einem Schäferidyll davor warnt, um die Mittagszeit Geräusche oder Musik zu machen, weil zu dieser Zeit Pan, ermüdet von der Jagd, Siesta halte und, aus dem Schlaf aufgeschreckt, durch seinen Zornesschrei die Herden in sinnlose Massenflucht jage (eine vergleichbare Aktion berichtet auch die tschechische Sage von dem Mittagsdämon Poledniček). Der griechische Text beschreibt recht plastisch das heftige Temperament des Gottes, das sich, wenn gereizt, in ‚galligem‘ Wutschnauben äußert (Theokr. Idyll. 1, 15; zitiert nach Hopkinson 2015, 20f.). Der panische Schrecken befällt jedoch nicht nur Menschen- oder Tieransammlungen, sondern kann als ‚Panolepsie‘ auch Einzelpersonen treffen (in der griechischen Tragödie v.a. bei Euripides beschrieben) – so wie den Ägypter Sinuhe, dessen Reaktion wohl als eine solche ‚Panolepsie‘ zu erklären wäre.
