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Die Beziehungen zwischen Menschen, deren Stärken und deren Schwächen, zeigt uns die Autorin Roswitha Schulz in diesen autobiografisch gefärbten Geschichten aus dem wirklichen Leben, die uns darüber hinaus auch ein wenig in die menschliche Seele blicken lassen.
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Seitenzahl: 149
Veröffentlichungsjahr: 2023
Roswitha Schulz
Ankommen im eigenen Leben
Kurzgeschichten
Copyright: © 2022 Roswitha Schulz
Lektorat: Erik Kinting – www.buchlektorat.net
Umschlag & Satz: Erik Kinting
Titelbild: Roswitha Schulz
Verlag und Druck:
tredition GmbH
An der Strusbek 10
22926 Ahrensburg
Softcover
978-3-347-83757-7
Hardcover
978-3-347-83758-4
E-Book
978-3-347-83763-8
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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Für Ira, Valentin und Toni
Inhalt
Beste Freundinnen
Ferien in Magdeburg
Der Super
Tante Else
Tapfere Frauen und Mütter
Mit Siebzehn
Ein Sonntag im August
Fasching mit Kaiser Wilhelm
Romeo
Joggen am See
Familie ist nicht alles
Servus, meine Schöne
In den ligurischen Bergen
Liebe Anita
Der Heimlich-Handgriff
Chevres
Beate
Entscheidung
Mit den Räubern im Schlosspark
Inchi!
Stolen bags
Ines und die Malteser
Unruhestand
Beste Freundinnen
Ich saß neben Hella in unserer kleinen Dorfschule im Brandenburgischen. Bei uns wurden vier Klassen gleichzeitig unterrichtet. Die erste lernte Buchstaben, in der zweiten wurde geschrieben, die vierte machte Sachkunde und bei uns in der dritten Klasse übten wir Lesen. Ich war beim Lesen die Beste, ich konnte es schon vor der Einschulung. Wenn der Lehrer gerade in den anderen Klassenecken herumging, musste ich vorlesen, da ich nie stotterte oder stecken blieb und die deutsche Schrift lesen konnte.
An diesem ersten Schultag nach den Osterferien stellte uns unser Lehrer eine neue Mitschülerin vor: »So Kinder, das ist Gitti Katter. Oder heißt du nicht vielleicht Brigitte, mein Kind?«
»Nein, ich heiße Gitti«, sagte sie deutlich und bestimmt.
»Gittis Vater ist der neue Förster in unserem Dorf«, sagte Lehrer Warnicke. »Vertragt euch gut miteinander.«
Dann wandte er sich an mich: »Roswitha, du wirst als Klassenbeste Gitti ein wenig beim Einleben unterstützen!«
Ich merkte, wie Gitti kurz die Stirn krauszog. Sie war blond und dünn, ohne zerbrechlich zu wirken, schlaksig, größer als wir und hatte einen richtigen Madonnenscheitel mit langen Zöpfen.
Meine bisher beste Freundin Hella war nach der Schule im Schulbus gleich ein Herz und eine Seele mit ihr. Als ich Hella fragte, ob wir nachmittags zusammen spielen wollten, beachtet sie mich gar nicht mehr. Beide waren sich wohl einig, dass sie nicht mit mir spielen wollten.
Ich war enttäuscht und mir kamen die Tränen, die ich aber schnell wegwischte.
***
Wenn ich die nächsten Tage in den Schulbus einstieg, waren Gitti und Hella schon da. Sie flüsterten und kicherten und schauten zu mir rüber. Ich müsse allein auf einer Bank im Bus sitzen, sagten sie. Ich hätte irgendetwas Falsches gesagt, behaupteten sie, aber ich wusste nicht was, weil sie es mir nicht verraten wollten. Ich sollte es selbst herausfinden, meinte Gitti auf meine Frage.
»Du musst bestraft werden, du musst dich bessern«, teilte Gitti mir mit.
Ich überlegte, was ich Falsches gesagt haben könnte. Eigentlich hatte ich gar nichts zu ihnen gesagt.
»Heute Nachmittag kannst du dich bewähren!«, sagte Gitti, »was hast du dazu zu sagen?«
Ich hatte nichts dazu zu sagen, da ich gar nicht wusste, was sie von mir erwarteten. Ich wollte nur, dass sie meine Freundinnen wären.
Unser Lehrer saß heute auch hinten im Bus: »Na Mädels«, rief er lächelnd herüber, »ihr versteht euch wohl gut.«
Gitti sagte höflich: »Oh ja, danke, Herr Warnicke.« Sie beugte sich komplizenhaft zu mir. Am Nachmittag dürfe ich mit ihnen spielen, sagte sie leise zu mir.
Bei den Hausaufgaben verrechnete ich mich andauernd. Was würden sie mit mir spielen?
Als ich in die Försterei rannte, gruben beide Mädchen gerade mit großem Eifer ein tiefes Loch im Garten. Hella war recht kräftig, ihre Eltern waren Bauersleute und sie musste ordentlich ran. Sie warf die Erde schwungvoll heraus, so wie sie es in der Landwirtschaft ihrer Familie mit dem Mist im Hühnerstall machte.
Ich stand daneben und staunte: »Was ist das denn für ein Spiel?«
Ich bekam aber keine Antwort, da Gittis Mutter aus dem Haus herauskam und mich gütig anlächelte: »Na Kinder, baut ihr euch eine gemütliche Höhle?«
»Darf ich nicht sagen«, antwortete ich, denn Gitti und Hella schwiegen.
Gittis Mutter schien das zu überhören. Sie versprach uns Kekse für später und ging zufrieden, ohne eine Antwort abzuwarten, wieder hinein.
Gittis Vater, der Herr Förster, kam auch heraus. Er zog an seiner Pfeife und sagte: »Abends müsst ihr die Grube aber wieder zuschütten, sonst kann ich unsere Ziege nicht herauslassen. Nachher fällt sie da hinein und bricht sich was.«
Gitti nickte: »Aber natürlich, Papa!«
Als der Förster wieder in sein Büro gegangen war, sagte Gitti leise zu mir: »Wir spielen heute: Die französische Königin Marie-Antoinette nach der Revolution auf der Guillotine. Du weißt schon, was Herr Warnicke uns erzählt hat.« Sie legte mir ein schwarzes Tuch um, wie man es bei Beerdigungen trug. Ich sollte mich auf die Erde legen.
Obwohl ich ahnte, dass ich das nicht tun sollte, gehorchte ich verdattert ihrem Befehl. Welche Marie Antoinette? Ich verstand gar nichts.
Auf ein geheimes Kommando hin packten mich Gitti und Hella an Armen und Beinen, hoben mich in die Grube und schoben schnell Bretter drüber. Ich hörte, wie Erde auf die Bretter fiel, eine Schaufel nach der anderen.
Schockiert bemerkte ich, dass es kalt und feucht in der Grube war. Es roch nach toten Fröschen.
Es ist doch nur ein Spiel, sagte ich mir. Aber als ich hörte, wie sich die Stimmen von Hella und Gitti entfernten, überlegte ich fieberhaft, wie ich da wieder allein rauskommen könnte.
Zaghaft versuchte ich, die Bretter mit den gestreckten Armen hochzuheben. Sand rieselte mir ins Gesicht, in die Augen und den Mund. Mir wurde speiübel. Ich spürte plötzlich Panik und ein Gefühl von Verrat.
Wenn ich mich heute daran erinnere, kann ich mir eigentlich gar nicht richtig vorstellen, was damals mit mir geschah. Ich spüre heute noch etwas Kaltes und Fremdes, das nach mir greift. Habe ich geweint, als die beiden mich einige Zeit später aus dem Loch holten? Ich weiß es nicht mehr.
»Es bleibt ein Geheimnis zwischen uns dreien«, sagten sie zu mir. »Wenn du jemandem von der Grube erzählst, wirst du für immer verachtet werden!«
Ich wollte ihnen immer noch gefallen, ich wollte immer noch Gittis und Hellas Freundin sein. Es war kein Hass in mir, da hätte ich vielleicht gewusst, was ich tun musste. Es waren die Einsamkeit eines kleinen Mädchens und die Furcht.
Mein Vater schnitt beim Abendessen das Brot auf. Man merkte, dass er in Gedanken bei seiner Predigt am Sonntag war. Meine Mutter fragte mich, als ich ganz still am Tisch saß, was wir drei Schönes zusammen gespielt hätten, weil ich doch so lange weg war.
»Nichts Besonderes«, sagte ich und schaute auf meinen Teller, »Höhlen bauen und so.«
Sie dachte wohl, ich sei glücklich mit meinen Freundinnen. Sie sagte, sie hätte sich als Kind in Ostpreußen immer gute Freundinnen gewünscht, so wie ich sie hätte.
Meine Schwestern sahen auch auf ihre Teller, hatten ihre eigenen Sorgen.
Sie sahen alle nicht meine abgebissenen Fingernägel und dass ich verweint war.
***
In der nächsten Woche, am Dienstag nach den kurzen Pfingstferien, stieg ich wie immer mit klopfendem Herzen in den Schulbus. Was würde Gitti heute wieder zu mir sagen? Was würde ich wieder Falsches gemacht haben?
Ich sah Hella ganz allein vorne auf der Bank sitzen. Sie rief aufgeregt: »Hast du es schon gehört? Nein?«
»Na was denn«, sagte ich und tat gelangweilt.
»Gitti ist mit ihren Eltern am Wochenende in den Westen abgehauen. Schade, nicht? Sie hatte immer so gute Ideen zum Spielen.«
Sie wollte sich wie früher wieder ganz hinten neben mich setzen und fragte, wann ich heute Nachmittag zu ihr nach Hause kommen könne. Sie wollte gern mit mir angeln gehen.
Jetzt wollte sie auf einmal wieder mit mir angeln gehen. Jetzt war ich wieder gut genug. Jetzt, da Gitti nicht mehr da war. Nein, ich brauchte so eine Freundin nicht mehr. Nicht so eine. Ich würde eine neue Freundin finden. Eine die mich nicht verriet. Gab es so eine? Ja, ich glaubte ja. Ich drehte mich weg und setze mich woanders hin.
Ich hatte gar nichts Falsches zu den beiden gesagt, sie mussten mich nicht bestrafen. Sie wollten es einfach nur machen.
Und ich spürte es plötzlich wie eine Befreiung: Ich hatte mich oft wie unsichtbar gefühlt, wie nicht anwesend. Jetzt war ich wieder sichtbar und frei! Ab jetzt konnte ich tun, was mir gefiel. Nichts verband mich mehr mit Gitti, die fortgegangen war, aber auch nicht mehr mit Hella, die alles gemacht hatte, was Gitti wollte.
Ich nahm mein Buch aus der Schultasche und las.
Ferien in Magdeburg
»Mit fünfzehn kann man schon allein mit der Bahn fahren, oder?«, rief meine Mutter aus der Küche. Dann kam sie ins Wohnzimmer: »Nächste Woche fährst du zu Onkel Horst. Du brauchst ein bisschen Luftveränderung für deine ewige Bronchitis. Onkel Horst und Tante Irmchen werden sich sicher freuen.«
Meine Mutter bestimmte immer über mich, das fand ich mal wieder ätzend. Ihr Cousin Horst war ein Meckerfritze, da mochte ich überhaupt nicht hin. Die Erlaubnis, allein mit der Bahn zu fahren, konnte mir die Sache nur wenig schmackhafter machen.
Ich hatte ganz andere Wünsche und Vorstellungen für meine Herbstferien. Viel lieber wäre ich nach Westberlin zu meiner Cousine Rosi gefahren. Da könnten wir zu C&A bummeln gehen. Tante Aenne, ihre Mutter, arbeitete dort als Verkäuferin in der Wäscheabteilung. Sie trug dafür ein enges schwarzes Kleid. – Alle Verkäuferinnen trugen Schwarz und sie roch so gut nach 4711, nach großer weiter Welt. Sie hatte immer einen knallroten Lippenstift und blauen Lidschatten aufgelegt, das fand ich sehr elegant. Meine Mutter benutzte so etwas nicht. »Das machen nur die, die noch einen Mann ergattern wollen«, sagte sie immer ein wenig geringschätzig.
***
Als ich am nächsten Montag abends in Magdeburg ankam, stand der Onkel schon an der Abteiltür und ich konnte mich gar nicht mehr von meinen lustigen Zugnachbarn verabschieden.
Onkel Horst kniff mir in die Wange und quetschte meine Haut zwischen Daumen und Zeigefinger. Dann zückte er seine Taschenuhr: »Vierundzwanzig Minuten Verspätung, kein Verlass auf die Deutsche Reichsbahn«, sagte er tadelnd zur Begrüßung, als wenn ich dafür die Schuld trüge.
»Das wäre ja noch schöner, wenn ich der jungen Dame alles hinterherschleppe«, meinte er, als ich ihn schüchtern darum bat, meine Reisetasche, die voll mit Schulbüchern war, zu tragen.
Wir liefen die ganze lange Bahnstraße hinunter, ich Onkel Horst immer hinterher. Die schwere Schultasche schlappte um meine Beine. Warum sollte ich nur die ganzen Ferien lernen!
Tante Irmchen saß schon am Tisch und schaufelte Kohlrouladen und Kartoffelmus auf die Teller. »Na endlich, ich dachte schon, ich muss alles noch einmal aufwärmen«, rief sie.
Sie hatte das gute Geschirr aus der Vitrine genommen, wie letztes Mal. Wehe, man zerbrach da was, dann konnte der Onkel ungemütlich werden. Die Kohlrouladen hatten eine labbrige Hülle und klebten am Gaumen.
»Wie gehts in der Schule?«, fragte der Onkel mit vollem Mund und schüttete ein Glas Bier in sich hinein.
Ich nippte an meiner Brause.
»Seid ihr von der FDJ jetzt im Oktober nicht eigentlich im Kartoffeleinsatz auf den Feldern? Wie sollen denn unsere LPGs ihr Soll erfüllen, wenn ihr alle in der Welt herumreist!«
»Mutti hat mir eine Entschuldigung geschrieben, weil ich es so mit den Bronchien habe«, erwiderte ich und mir wurde schon ganz trocken im Hals.
Der Onkel sah mich scharf von der Seite an. »Na, wenn alle solche Drückeberger wären, wo kämen wir da hin, mit der Erfüllung des Fünfjahresplanes …«, meinte er tadelnd und griff noch nach der dampfenden Blutwurst, die die Tante gerade auf den Tisch stellte. »Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen.« Onkel Horst lachte prustend über seinen Witz und lud sich eine Portion Blutwurst auf den Teller.
Auf solche Scherze sollte man aber besser nichts erwidern, die durfte nur er machen.
»Das Beste ist, du hältst dich bei Onkel Horst’ Reden aus allem raus«, hatte meine Mutter mir noch eingeschärft.
Tante Irmchen verschwand in die Küche zum Abwaschen.
»Lass mal«, sagte sie, als ich ihr helfen wollte, »die Küche ist zu klein für zwei. Geh du nur wieder zum Onkel!« Dann flüsterte sie mir noch zu: »Meine Güte ist der heute wieder stur. Morgen nehme ich mir frei und wir zwei gehen ganz allein in die neue Milchbar drüben am alten Rathaus. Und dann machen wir’s uns gemütlich und du erzählst mir, wer dein neuer Freund ist. Du hast doch schon einen, so hübsch, wie du geworden bist?« Tante Irmchen war Verkaufsstellenleiterin im Modehaus Chic am Bahnhof. Westkontingente und rare Bekleidungsartikel wie Perlonblusen legte sie oft für uns zurück.
Als ich zurückkam aus der Küche, lag Onkel Horst schon auf dem Sofa. Er schnarchte leise pfeifend vor sich hin. Sein dicker Bauch wabbelte ein wenig hin und her. Im Zimmer roch es nach Bier, Kohlrouladen und kaltem Zigarettenrauch.
Ich überlegte, wie ich an ihm vorbei zum Fenster kommen konnte, ohne ihn zu wecken, aber es war aussichtslos. Ich setzte mich daher leise auf den kunstledernen Ohrensessel, der kalt und unbequem war.
Gelangweilt nahm ich mir ein Buch vom Bord. Das kannte ich von meiner besten Freundin Anita, es hieß Weltall, Erde, Mensch und wurde allen Jugendlichen zur Jugendweihe als Geschenk von ihrem Arbeiter- und Bauernstaat überreicht.
Bei meiner Konfirmation in unserer Dorfkirche gab es für jeden eine Bibel. Auch nicht so originell, wie ich fand. Wir hatten in unserem Pfarrhaus schon drei oder vier vergilbte Bibelausgaben.
Bei Onkel Horst gab es anscheinend überhaupt keine Bibel und schon gar keine interessanten Bücher.
Ich hielt Weltall, Erde, Mensch so in der Hand, dass man nicht sehen konnte, dass ich gar nicht darin las, falls der Onkel aufwachte. Ich träumte mich weit weg von hier, nach Westberlin, zu meiner Cousine Rosi. Wir würden in den angesagten Musikfilm Wenn die Conny mit dem Peter gehen. Conny Froboess war so alt wie ich. Bald würde ich 18 Jahre alt und erwachsen sein und sowieso alles alleine entscheiden. Dann würde ich mir die Bücher besorgen, die ich gern lesen wollte: Liebesromane, Abenteuerromane und die Hochglanzzeitschriften aus dem Westen. Nie wieder würde ich nach Magdeburg zu Onkel Horst fahren!
Der Super
»Ännchen von Tharau ists, die mir gefällt«, schmetterte es durch unsere Berliner Wohnung, als meine Schwester und ich die Tür aufschlossen. Gerade hatte uns in der Oberschule eine besonders öde FDJ-Versammlung genervt und wir ahnten, dass es nicht das Letzte sein sollte, was an diesem Tag schieflaufen sollte.
»Hör dir das an, das ist doch der Super«, flüsterte meine Schwester.
»Hatte ich schon ganz vergessen, dass der heute kommt«, sagte ich ebenfalls gedämpft.
Der Super, genauer der Herr Superintendent, war der Chef unserer verwitweten Mutter. Unser Vater war kurz nach dem Krieg gestorben. Seit Kurzem arbeitete Mutter jetzt bei einer Friedhofsverwaltung in Berlin-Mitte. Der Super war klein, dick und hatte einen Topfschnitt. Sein Händedruck war feucht und labbrig. So in den Fünfzigern war er wohl schon. Meine Mutter hatte uns eingeschärft: »Ihr redet ihn bitte mit Sie und mit Herr Superintendent an, das erwartet er von euch. Er wird nicht so häufig kommen, da könnt ihr euch schon mal ein bisschen zusammenreißen. Es kann von großem Vorteil für mich und für uns alle sein, dass wir befreundet sind und so!«
Wir rätselten was sie mit und so, meinte. Dass sie ihn vielleicht mochte, sagte sie uns nicht. Wir fragten auch nicht weiter.
»Und, bitte verplappert euch nicht am Telefon! Von unserer Verbindung darf natürlich keine meiner Kolleginnen wissen! Er als Pfarrer und dann noch wegen seiner Frau und seinen Kindern. Die sind ja seit dem Sommer, seit der Mauer im Westen.«
Ich war immerhin schon 18, meine Schwester 16 Jahre alt und wir dachten uns unseren Teil.
Der Super hieß eigentlich Manfred von Heinemann und war alter ostpreußischer Adel.
Meine Mutter und er, das verband sie wohl hauptsächlich, waren gebürtige Königsberger. Seit Kriegsende hieß Königsberg zwar Kaliningrad, aber das übersahen sie beide.
Ännchen von Tharau aus dem Volkslied, war eine Pfarrerstochter, ganz in der Nähe des damaligen Königsberg. Deshalb war das auch das Lieblingslied vieler Ostpreußen und besonders meiner Mutter, die selbst auch eine Pfarrerstochter war. Der Super, der wie viele Pfarrer ein guter Sänger war, schmetterte es öfter für sie.
»Königsberg hat bis zum Kriegsende nicht kapituliert!«, hörten wir den Super anerkennend sagen. Sie sprachen Anfang der Sechzigerjahre immer noch oft über diese längst vergangenen Kriegszeiten.
Keine Kapitulation von Königsberg – das hieß also auch viel mehr Tote auf beiden Seiten, das wusste ich. Das fand der Super also bewundernswert, diese Strategie der Nazis, bis zum letzten Mann die Stellung zu halten!
»Solche Leute nennt Herr Lieboldt Revanchisten aus der kalten Heimat!«, flüsterte ich erklärend meiner Schwester zu, wobei wir uns unter Revanchisten nichts Richtiges vorstellen konnten.
Ich schwärmte zu der Zeit für Herrn Lieboldt, unseren Deutsch- und Staatsbürgerkundelehrer und fand, dass er einer der seltenen aufrechten Kommunisten in der DDR war. Herr Lieboldt hatte volles schlohweißes Haar und funkelte uns Schülerinnen, mit Brillengläsern in Flaschenbodenstärke, auffordernd an.
Gerade hatten wir Deutschland – ein Wintermärchen durchgenommen und ich sagte zu meiner Schwester: »Hör mal, was Heinrich Heine zu den Typen wie dem Super sagt. Wie findest du das: Ich kenne die Weise, ich kenne den Text – ich kenn’ auch die Herren Verfasser. Ich weiß, sie tranken heimlich Wein – und predigten öffentlich Wasser! Passt irgendwie auf den Super, hab ich recht?«
Sie nickte.
Ich redete mich richtig in Schwung: »Uns erzählt der Super, dass wir in der Schule ehrlich und gewissenhaft sein sollen, und selbst hat er eine zweite Familie in Westberlin.« Aber so etwas konnten wir natürlich zu Hause nicht diskutieren.
Wenn der Super kam, kochte unsere Mutter Königsberger Klopse, sein Leibgericht. Die labbrigen Klöße konnten wir nicht ausstehen, weil es die so oft bei uns gab.
