Schluss mit der Fremdbestimmung - Roswitha Schulz - E-Book

Schluss mit der Fremdbestimmung E-Book

Roswitha Schulz

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Beschreibung

Die sehr persönlichen Erzählungen der Autorin fügen sich zu einem Familienporträt voller frischer Naivität, beginnendem Verstehen und Lebensmut zusammen. Sie berichtet von Ihrer Kindheit in der Mark Brandenburg, dem Leben in einer Pfarrei, dem Entstehen der DDR und davon, wie sich Freude, Hoffnung und Enttäuschung in der DDR anfühlen. Freiheitsdrang und Ausbruchversuche aus der starren Ostideologie führen sie nach einer lebensgefährlichen Flucht durch die Donau nach München. Aber auch hier findet sie in den 70er-Jahren nicht nur die große weite Welt, sondern auch Kleingeistigkeit und Nazimief. Dank ihres Berufs, der Liebe zu ihren Söhnen, Sport und einer erfüllenden Ehe liebt sie ihr Leben. Da bricht ein grausames Schicksal in Form einer Schlammlawine bei einem Jahrhundertunwetter über sie herein …

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 183

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Roswitha Schulz

Schluss mit der Fremdbestimmung

Flucht vor dem Unrechtsstaat

Copyright: © 2017: Roswitha Schulz

Lektorat: Erik Kinting – www.buchlektorat.net

Umschlag & Satz: Erik Kinting

Coverbild: © rh2010 (fotolia.com)

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar

Inhalt

Willst du mit mir gehen …

Abgehauen

Kriegskinder

Vater, mein Vater …

Pfarrerstöchter …

Berlin-Berlin

Ein fester Freund

Sie sagten, wir wären das Land der Zukunft …

Amour fou

Küchenwarmes Absurdistan

Im goldenen Westen

Zugereiste

Bella Italia

Was ich an Dir mag

Florian David

Die Katastrophe

Die Stille danach

Nachbetrachtungen

Anhang Mein Heimatort Prenden

Willst du mit mir gehen …

»Du und dein neuerFreund, kommt doch mit nach Rügen!«, schlug meine Schwester vor. »Wir zelten in diesem Sommer wieder!« Wir fuhren früher oft gemeinsam auf den Zeltplatz nach Baabe.

Sie wirkt immer noch wie eine schöne junge Frau, in die sich noch viele Männer verlieben, dachte ich, als ich ihr ins Gesicht schaute.

Zelten war in der DDR für junge Leute die einzige Art, unkontrolliert vom Staat Urlaub zu machen. FDGB- und Reisebüro-Reisen waren etwas für alte Leute.

Was sage ich ihr? Dass wir eine Flucht in den Westen vorbereiten? Nein, ich belaste sie nicht. Keiner darf etwas davon erfahren, noch nicht einmal meine Schwester, das wäre lebensgefährlich für uns alle. Mir fällt die Entscheidung zu flüchten schon schwer genug.»Ach«, wich ich aus, »wir fahren wohl nach Mamaia, ans Schwarze Meer.« Rumänien stimmte, aber mehr auch nicht.

»Na, so viel Geld gebenwirnicht aus«, sagte meine Schwester und zwei steile Falten zogen sich vom Mund zur Nase.

Am nächsten Wochenende wanderten Rolf und ich mit Rucksäcken durch den Wald und übten lautloses Gehen. Ab Mai wollten wir über den Liepnitzsee schwimmen – meine Kondition trainieren, für die Flucht über die Donau. Rolf plante die Vorbereitungen wie ein Leistungssportler.

Warum lasse ich mich eigentlich auf diese wahnwitzige Idee ein?, dachte ich schwitzend beim stundenlangen Laufen durch die Schorfheide, den Wäldern meiner brandenburgischen Heimat.Bin ich von Sinnen? Ich riskiere mein Leben! Ich will gar nicht weg von Ostberlin.Diese Erkenntnis überrollte mich plötzlich. Ich würde Rolf klipp und klar erklären, dass ich nicht mitgehen wollte! Er hatte die politischen Schwierigkeiten, nicht ich. Ich arbeitete als Literaturassistentin des Rektors der Hochschule für Ökonomie. Warum blieb Rolf, wenn er mich so mochte, nicht hier bei mir? Sein scharfer Verstand musste ihm doch sagen, dass ich die Flucht nicht bewältigen würde. Aber er konnte sich eben nicht mit den Bedingungen in der DDR abfinden.

Ich sah ihn an, ohne ein Lächeln.

Ich setzte gerade zum Protest an, da legt er den Arm um mich: »Ich binsofroh, dass ich dich gefunden habe und dass du mitkommst in den Westen. Wir schaffen das, du und ich, wir heiraten vorher, zusammen gestaltet sich alles einfacher.«

Er redete wie immer liebe- aber nicht unbedingt rücksichtsvoll. Wie passte das zusammen? Es wohnten zwei Seelen in seiner Brust, ich bekam die eine nicht ohne die andere.

Mein Gott!, dachte ich,das ist ein Heiratsantrag! Ich benehme mich immer so furchtsam! Nie riskiere ich etwas, immer schön mitmachen, was Partei und Regierung von mir erwarten. Alles möchte ich absichern, so ist doch nicht das wirkliche Leben und wie fühlt sich dieses überhaupt an? Ich bin bereits geschieden, wahrscheinlich weil ich meine erste Ehe so gewöhnlich und angepasst gelebt habe.

Wir liefen und liefen, das Unterholz zerkratzte meine nackten Waden, trotzdem fühlte ich mich wieder mutiger. Nach vier Stunden Wandern kein Muskelkater und kein Schlappmachen, ich war stärker, als ich dachte.

Ich betrachtete Rolf von der Seite: ein durchtrainierter, zuverlässiger Typ. Er würde sich immer als ein Individuum durchsetzen und als einer, auf den ich einigermaßen stolz sein konnte. Manchmal belehrend, aber stark und lebendig! Ich wollte ihn um jeden Preis. Ich hatte mir diesen Mann ausgeguckt und würde mit ihm eine Familie gründen. Sich für ihn zu entscheiden hieß, mit ihm zu gehen. Wir würden Kinder bekommen, die ohne Grenzmauern und sozialistische Parolen aufwachsen konnten.

Am Abend stellte ich ihn meiner Mutter vor.

»Sie werden meine Tochter glücklich machen«, flötet meine Mutter in ihrer altmodischen Art.

Ich verdrehe die Augen. Wenn sie wüsste, dass wir weggehen, würde sie anders reden. Sie hing unglaublich an uns beiden Jüngeren, nachdem unsere ältere Schwester vor acht Jahren, kurz nach dem Mauerbau, nach Westberlin geflüchtet war. Ein einziges Mal trafen wir sie in all den Jahren in Prag. Konnte ich meiner Mutter das antun? Sie war Ende fünfzig. Wir würden uns lange Jahre nicht sehen.

Aber noch war ich ja nicht im Westen. Vielleicht überredete ich Rolf doch noch, hier zu bleiben. Er verstand mich, hatte mich bisher immer verstanden – oder machte ich mir das nur vor? Er ließ sich jedenfalls nicht von etwas abbringen, das er für richtig befand, das wusste ich inzwischen.

Am Abend darauf legen Rolf und ich dann doch die Fluchtroute fest: Wir würden mit dem Zug nach Bukarest fahren und versuchen, an die Donau, die gleichzeitig Grenze zwischen Rumänien und Jugoslawien war, zu gelangen und bei Nacht hinüberzuschwimmen. Tito lavierte zwischen Ost und West und in Belgrad gab es eine westdeutsche Botschaft, die uns mit Papieren weiterhelfen würde.Ich schaffe das!

Ich war aufgeregt, wie vor einer Schulprüfung. Ich trank ein Glas Wein nach dem anderen und sah ein erfolgreiches, strahlendes Paar in München vor mir …

In der nächsten Woche vereinbarte ich einen Termin in der Gynäkologie unseres Ärztehauses. Ich fühlte so ein mulmiges Unbehagen. Meine langjährige Ärztin verkündete mir nach der Untersuchung, ich sei schwanger, das würde ich mir doch schon seit Langem wünschen, sagte sie mir mit einem kleinen wissenden Lächeln.

Ich stürzte aus der Praxis. Nun war der Traum von der Flucht in den Westen also ausgeträumt. Bis zum Fluchtzeitpunkt im August wäre ich im sechsten Monat, dann würde ich nicht mehr über die Donau schwimmen und mit meinem Baby die zu erwartenden Strapazen durchstehen können. Selbstmitleid breitete sich in mir aus. Wie würde Rolf wohl auf diesenUmstandreagieren? So richtig gut kannte ich ihn nicht, das bemerkte ich jetzt. Ich machte mich innerlich schon leise irgendwie davon.

Am Abend kam ich nach einer obligatorischen Betriebsfeier später in unsere gemeinsame ›schwer vermietbare Wohnung‹, so heißen die Buden in Berlin, im Hinterhaus, mit dem Klo auf halber Treppe und Kaltwasserhahn in der Küche. Keine gute Ausgangssituation für ein schwieriges Gespräch. Rolf reagierte genervt, ich hatte versprochen, früher zu kommen.

Am nächsten Morgen. Er warf die Tür zu und ging ohne ein Wort zur Arbeit, mir war speiübel. Ich meldete mich in der Hochschule krank und wälzte mich den ganzen Tag im Bett von einer Seite auf die andere. Unsere Beziehung erschien mir aussichtslos, noch nicht belastbar. Ich weinte. Wenn Rolf nur wegen dem Kind hier bliebe, hörte ich vermutlich ein Leben lang Vorwürfe von ihm.

Ich hing gerade über dem Ausguss in der Küche und übergab meinen gesamten Mageninhalt, da kam Rolf nach Hause.

Mit einem Blick erfasste er die Situation. Er wischte mir den kalten Schweiß von der Stirn und den Mund ab, nahm mich in den Arm: »Wir werden schon Ende Mai und nicht erst im Sommer losfahren! Die Donau ist dann schon warm genug zum Schwimmen, für euch beide! Da fühlst du dich doch noch fit, oder?« Er schleppte mich zum Sofa, ließ mich fallen und lachte: »Wir tragen das Kleine im Rucksack die Alpen hinauf. Mit drei Jahren bekommt es Schier und einen kleinen Tennisschläger und zu unserer Hochzeitsreise fahren wir nach Venedig.« Er stupste mich aufmunternd in die Seite.

»Ja«, murmelte ich und meine Melancholie begann zu verfliegen, »so machen wir das!«

Meine Entscheidung, mit ihm zu gehen, stand nun doch fest. Ich hatte immer getan, was man von mir erwartete, doch jetzt wusste ich selbst, was zu tun war. Zusammen würden wir alle Probleme bewältigen. Plötzlich erschien es mir selbstverständlich und machbar. Warum hatte ich nur gezweifelt?

»Es wird ein Christkind«, lächelte ich matt, »und ein Münchner Kindl noch dazu!«

»Das feiern wir!«, rief Rolf und holte den Rotkäppchen-Sekt aus der Speisekammer.

Abgehauen

Wenn ich von unserer Flucht 1969 erzählte, und ich tat das in den ersten Jahren oft, bekam ich rote Flecken im Gesicht und geriet in Aufregung. Ich fühlte den Zwang, alles genau erzählen zu müssen. Dann verhedderte ich mich wie beim Aufräufeln eines Wollknäuels. Ich spürte den Druck der Ereignisse in einer Zeit, die für mich nicht in Vergessenheit geraten durfte.

Das Baby wuchs in meinem Bauch, die Zeit drängte, wir gingen es an. Wir informierten uns, soweit das unverdächtig und möglich war, über Rumänien als Fluchtland. Rolf besuchte einen Volkshochschulkursus in Rumänisch. In zwanglosen Gesprächen mit der rumänischen Kursleiterin erhielt er scheinbar beiläufig die Information, dass in Rumänien die Grenzen nach Jugoslawien unvermint seien. Einen Schießbefehl gab es wohl nicht, aber zuverlässige Informationen darüber existierten keine. Informatives fanden wir nicht in den Hochglanzbroschüren über Rumänien, aber die ADAC-Package-Touren und Hotels, in denen die Westdeutschen abstiegen, warben hier. DasInterhotel Turnu Severinresidierte am Wasserkraftwerk desEisernen Torsan der Donau, das wollten wir aufsuchen.

In Belgrad war die bundesdeutsche Botschaft, bei der wir Hilfe bekommen würden. Bloß wie nach Belgrad kommen? Über die Donau von Turnu Severin in Rumänien nach Jugoslawien schwimmen und dann per Anhalter, so war unser Plan.

Am 14. Mai 1969 hörte man laute Musik und Singen aus dem Laubenpieper-Garten von meiner Mutter in der Schönholzer Heide. Unsere Freunde und Arbeitskollegen, die nichts von unseren Fluchtplänen wissen durften, polterten mit viel Geschirr. Am nächsten Tag heirateten wir auf dem Standesamt in Berlin-Pankow. Das berühmteLindencorsorichtete für uns, meine Mutter und meine Schwester Linda mit Schwager Klaus, ein gutes Essen aus. Die Eltern von Rolf kämpften noch mit der Tatsache, dass Rolf sich trotz seines kleinen Sohnes Thomas scheiden ließ und blieben in Wittenberge.

Auf unserer Wochenend-Hochzeitsreise insWaldschlösschenin meine alte Heimat, an den Obersee nach Lanke, trainierten wir zum letzten Mal das Schwimmen mit Gepäck. Wir schworen uns: »Unsere richtige Hochzeitsreise machen wir nach Venedig!«

Wir beantragten bei der Polizei eine Urlaubsreise in das sozialistische Bruderland Rumänien.

»Haben Sie eine rumänische Einladung?«

Schnell besorgten wir eine von Dorin und Gina Hingulesteanu, jungen rumänischen Freunden von Klaus.

Mit dem Balkanexpress reisten wir nach Bukarest.

Der rundliche Dorin arbeitete als Ingenieur und die attraktive Gina als Französisch-Übersetzerin. Sie sprachen etwas Deutsch und zeigten uns ihre schöne Stadt, aber wir durften ihnen nicht unsere Pläne mitteilen.

Sie sagten zweideutig zum Abschied: »Vielleicht sehen wir uns in ein paar Jahren alle in der Bundesrepublik?« Sicher hatten sie etwas bemerkt, schon unser nächstes Reiseziel kam ihnen seltsam vor.

Wir fuhren mit dem Zug von Bukarest ansEiserne Tor. Die Donau floss hier bei dem Wasserkraftwerk in Turnu Severin als Grenzfluss zwischen Rumänien und Jugoslawien.

Endlich fanden wir das vornehmeInterhotel. »Deutsche? Ost oder West?«, fragte der Mann in dem abgewetzten schwarzen Anzug an der Rezeption. Man war stolz, dass viele Westdeutsche auf der Durchreise zum Schwarzen Meer hier abstiegen. Die ADAC-Package-Touristen zahlten mit harter Währung. Bei der Antwort »Ostdeutsche« geriet ein leicht abwertender Zug in die Beflissenheit.

Rolf erklärte ihm, dass wir auf Hochzeitsreise seien, und zeigte ihm das Hochzeitsdatum im Ausweis. Ein verstehendes Lächeln huschte über sein Gesicht und er gab uns ein schönes Zimmer mit Ausblick über die Donau.

Gleich am nächsten Tag versuchten wir, zu Fuß so weit wie möglich an die Donau heranzukommen.

Schon fast am Fluss angelangt, stand plötzlich ein Grenzsoldat mit einer Kalaschnikow vor uns: »Stoj!« Wir versuchten, uns herauszureden, als der herbeigeholte Offizier uns examinierte. Da stehe doch kein Schild, dass man nicht an die Donau dürfe, stotterten wir in holprigem Russisch, außerdem seien wir auf Hochzeitsreise.

Der Offizier belehrte uns über das Grenzgebiet, das keiner betreten durfte, und schickte uns zurück auf die Straße. Das war noch einmal gut gegangen! Wir würden es weiter probieren.

»Heute bist du dran mit Fragen«, sagte Rolf am nächsten Tag beim Frühstück.

Ich würgte mit dem Brot meine Scham hinunter und steuerte auf den übernächsten Tisch zu. Ich erkannte mit geübtem Blick bundesdeutsche Frauen schon am Make-up. Ich setzte mich an den Tisch eines jungen Ehepaares mit einem kleinen Mädchen. Nach ein paar unverbindlichen Worten fragte ich: »Können wir ein Stück mit Ihnen Richtung Donau mitfahren?«

Die jungen Leute aus Frankfurt und ihre kleine Tochter freuten sich über Abwechslung auf dieser langen Reise ans Schwarze Meer nach Mamaia und wir winkten Rolf an den Tisch.

»Diese ADAC Package Touren sind so preiswert«, erzählte die junge Frau zufrieden.

Gemeinsam starteten wir mit dem bundesdeutschen Mercedes mit Frankfurter Kennzeichen.

Nachdem wir unter Smalltalk etwa 30 Kilometer durch menschenleere Gegend gefahren waren, beschlossen wir, unseren Fluchtplan zu offenbaren. UnsereFluchthelferdiskutierten daraufhin erregt mit uns. Das wollte er doch mal sehen, wieweit ein bundesdeutscher Mercedes fahren dürfe, sagte der Frankfurter unternehmungslustig. Sie bogen mit ihrem großen schwarzen Wagen für uns von ihrer streng vorgegebenen ADAC-Route ab. Wir schleuderten waghalsig auf engen unbefestigten Wegen immer dichter an die Donau heran, um die Lage erneut zu testen.

Plötzlich: »Halt! Aussteigen!« Drohende Gebärden rumänischer Grenzsoldaten. »Papiere!«

Bei unseren DDR-Pässen entstand Misstrauen. Sie bedeuteten uns auf Russisch, dass wir warten sollten.

Die anderen Grenzer näherten sich uns. »Beckenbauer gutt!«, radebrechte einer und kickte andeutungsweise. Alle lachten.

Wir versuchten, die lockere Stimmung aufrechtzuerhalten. Rolf nannte die Fußballer vom FC-Bayern, die kannten sie alle.

Endlich kam der Offizier mit den Pässen.

»Wir sind DDR-Touristen, mit westdeutschen Freunden unterwegs«, sagten wir auf Russisch, »wir haben uns wohl verfahren!«

Der bundesdeutsche Mercedes mit dem Frankfurter Kennzeichen überzeugte den Grenzer. Mit einem Wortschwall von Ermahnungen eskortierten sie uns zur nächsten Hauptstraße. Wir konnten aber noch erkennen, dass in einigen Abständen Wachtürme standen und geharkte Streifen vor der Donau angelegt waren. Aber wir entdeckten keine Zäune und soweit man sehen konnte, gab es kein vermintes Umfeld.

»So ein tolles Abenteuer«, begeisterte sich der junge Mann, ein Angestellter vomRoten Radler. Seine Frau nickte unsicher.

Wir holperten über Kopfsteinpflaster durch eine kahle abweisende Landschaft. Verloren kauerte ich in dem großen Auto. Sie hatten uns registriert, mussten wir aufgeben? Misstrauische Gesichter auf den Straßen. Ein Westwagen verirrte sich nie hierher.

Wir benötigten unbedingt Proviant. Eine hagere Verkäuferin in einem kleinen Laden mit Kohlköpfen, Roter Bete und Sauerkraut schüttelte abweisend den Kopf. »Nix haben«, sagte sie und bedeutete uns, dass sie uns auch nichts verkaufen durfte. Für Fremde griff sie nicht unter den Ladentisch nach rationierten Lebensmitteln.

Wir gaben es auf, etwas zu kaufen. Unsere Frankfurterin kramte etwas Schokolade und eine Flasche Wasser aus der Kühltasche. Als wir beschlossen auszusteigen, da sich der Tag neigte, rief uns der Frankfurter fröhlich »Gutes Gelingen!« nach, wir sollten ihn von München aus anrufen, wie alles gelaufen war und so. München …

war das auf einem anderen Stern? Es schien noch so weit entfernt und ein unsicheres Gefühl, das ich später nicht mehr benennen konnte, bemächtigte sich meiner.

Ich tastete nach unseren Papieren. Die Koffer standen mit allen Wertsachen im Hotel. Na immerhin war dann unsere Hotelrechnung bezahlt und sie suchten uns nicht wegen Zechprellerei, hoffte ich. Mit bleiernen Füßen tasteten wir uns durch den Wald, hinter dem wir die Donau vermuteten. Er nahm kein Ende und ich wusste nicht mehr, wie lange wir schon unterwegs waren. Nur das leise Geräusch unserer Schritte auf dem Waldboden war zu hören.

Dämmrige Wärme umfing uns. Eine alte Frau mit schwarzem Kopftuch tauchte plötzlich auf. Sie schnitt Pilze in ihren Beutel.

»Sie muss uns melden, hier ist Grenzgebiet«, flüsterte ich. Ich wusste das von Berliner Sperrgebieten.

Wir legten uns schnell auf den Waldboden und taten, als ob wir ein Liebespaar wären. Nur nicht nachdenken, was alles passieren konnte. Ich erinnerte mich kaum noch, warum ich überhaupt hier war. Unsicher schaute die Frau zu uns herüber, dann humpelte sie schnell weiter. Wir standen auf und tasteten uns vorwärts, starrten mit weitgeöffneten Augen in die Dämmerung, alle Sinne angespannt. Nichts zu erkennen, kein Schimmer von Licht.

Ich wagte nicht, an mein Baby zu denken. Gefängnis und Zwangsadoption – Tod!Unsinnig, jetzt in Panik zu verfallen, machte ich mir klar.

Alles rückte bedrohlich nahe. Meine Sinne pochten vor Anspannung. Abend und die Nacht schienen unendlich lang und gleichzeitig zeitlos.

Hundegebell klang aus der Ferne, andere Hunde antworteten. Geschulte Wachhunde? Oder friedliche Hunde von Bauernhöfen? Kalte Schauer liefen mir über den Rücken. Vor uns lag ein Waldrand, 30 bis 40 Meter entfernt oder war es nur eine Baumgruppe?

Plötzlich ahnten wir, dass wir uns verirrt hatten. Dampfertuten auf der Donau lockte uns wie die Sirenen des Odysseus in wechselnde Richtungen. Dann, nach einer weiteren Ewigkeit, ein geflüstertes Kommando von Rolf: »Los komm, da vorn sehe ich ein Stück von der Donau.« Seine Stimme klang gepresst, als ob auch ihn die Angst erfasst hätte.

Weit nach Mitternacht entdeckten wir endlich die geharkten Sandstreifen zwischen zwei Wachtürmen vor der Donau, angelegt, um Grenzübertritte zu kontrollieren. Grenzer besaßen immer Leuchtpistolen und starke Stablampen, sie durften uns nicht hören und schon gar nicht unsere Schattenrisse erkennen. Jeden Moment konnte uns ein Lichtstrahl erfassen. Es war Samstagnacht, Wochenende, hoffentlich gab es da weniger Wachpersonal. Rolf hörte in der Ferne Singen und Grölen.

Wir schlüpften aus den Kleidern. Rolf steckte diese und die Sandalen in eine vorbereitete Plastiktüte an seinem Gürtel.

»Los! Rein ins Wasser!«, flüsterte er mit dünner Stimme.

Stille, kein Laut, kein Astknacken. Mein Zittern ließ sich schwer unterdrücken, schüttelte mich. Meine Zähne schlugen aufeinander. Mein Gott, das konnte man doch kilometerweit hören, fürchtete ich, dann robbten wir auf dem Bauch in den Fluss.

Das Wasser floß weich und dunkel wie ein Mutterleib und mein Zittern hörte so plötzlich wie es gekommen war wieder auf. Ich schwamm wie in Trance in der juniwarmen Donau. Der Vollmond drängte durch die Wolken und beleuchtete die Szene silbrig. Ich spürte wie Nadelstiche imaginäre Nachtferngläser der Grenzer auf meinem Rücken. Wo schwamm Rolf? Ich rief leise nach ihm, aber die Laute zerplatzten wie Seifenblasen über dem Wasser. Sollte ich ohne ihn weiterschwimmen? Er trug die vollgesogene Kleidung von uns beiden an seinem Gürtel, war er durch die Strömung abgetrieben worden? Aber er jobbte als Rettungsschwimmer, ich musste mir also keine Sorgen machen.

Ich schwamm zügig weiter und versuchte, die Richtung aufs andere Ufer zu halten. Schiffe kündigten sich lange vorher an, hatte Rolf gesagt, der an der Elbe aufwuchs.

Die Zeit verlor ihre Dimension. Ich spürte kaum ein Gefühl für die Wirklichkeit. Ich funktionierte nur noch: Schwimmen, schwimmen! War das wirklich ich, die sich freiwillig in diese Lebensgefahr begeben hatte? Nicht nachdenken! Schwimmen, schwimmen!

In meiner Badekappe, die wie ein Helm aus dem Wasser ragte, steckten unsere Papiere, gelebte Existenz, die für eine neue, bessere verwendet werden sollte.

Irgendwann, ich wusste nicht, wieviel Zeit vergangen sein mochte, tauchte das andere Ufer im grauen Morgenlicht auf, schwarz bis in den Himmel. Ein lauer Wind strich durch das Flusskraut in Ufernähe. Ich watete in plötzlicher Erschöpfung auf dem seichten Sandboden aus dem Wasser.

Ich lauschte angestrengt in alle Richtungen. Nichts rührte sich. Wo war Rolf? Existierte hier keine Grenzbewachung? Befand ich mich in Jugoslawien? Bilder von Kriegsfilmen mit gewaltsamen Trennungen auf der Flucht, geisterten mir durch den Kopf. Hatten wir uns verloren? Ich trug nur Unterwäsche. Erschien der Wald hier heller als auf der anderen Seite oder war schon früher Tag? Ich wartete, wartete eine Ewigkeit in der Stille. Plötzlich hörte ich durch das Gestrüpp leise Schritte, die auf mich zukamen. Mir war kalt und ich begann wieder zu zittern. Ein verdächtiges Knacken. Da – Rolf! Er sagte, er sei abgetrieben und wieder hochgelaufen. Keine Zeit für Umarmungen. Schnell in die nassen Sachen, eine Sandale von mir fehlte. Egal, nur schnell weiter!

Stille, nur die Amseln begannen zu zwitschern, es war wahrscheinlich gegen fünf Uhr! Wir liefen in die aufgehende Morgensonne. Die Hitze kroch langsam in den Tag. Immer noch keine Menschenseele zu sehen.

Wo ging es nach Belgrad? Nach längeren menschenleeren Kilometern sahen wir ein altes Holzschild:Negotin. Das lag an der jugoslawisch-bulgarischen Grenze, erinnerte sich Rolf. Zurück, die Bulgaren waren neben der DDR die schärfsten Grenzbewacher, im sozialistischen Lager!

Rolf sank übermüdet im Straßengraben ins feuchte Gras und begann einzunicken. Ich zog ihn mit plötzlich erstarkender Lebensenergie hoch. Ich war hellwach: »Bitte nicht ausruhen, vielleicht fahnden die Rumänen nach uns, sie haben den beschädigten Grenzstreifen sicher schon bemerkt und senden vermutlich gerade einen Auslieferungsbefehl an die jugoslawischen Grenzer!«

Rolf schüttelte sich und machte ein paar Kniebeugen. »Hast ja recht, es hat mich einfach übermannt. Aber trinken müsste ich bald mal irgendetwas!«

Nach stundenlangem Zurücklaufen in der warmen Sonne auf der Landstraße, kaum ein Auto, nur ein klappriger LKW, der nicht anhielt, kam ein offener Pritschenwagen mit vielen jungen Burschen vorbei. Sie hielten an, lachten und zogen uns schnell hoch auf die Ladefläche. Sie erzählten uns, dass sie zum Fußballspielen in die Kreisstadt fuhren, leider nicht unsere Strecke nach Belgrad. Sie schenkten uns eine Flasche mit Leitungswasser. Wir sprangen nach etwa 30 Kilometern wieder ab und liefen weiter.

Dann fuhr ein russischerWolga, im Ostblock ein Auto für Parteifunktionäre, an uns vorbei. Er hielt auf mein Winken an. Der einsame, gut aussehende Fahrer mittleren Alters war ein Deutsch sprechender Serbe. Wir versuchten ein wenig Konversation. Wir seien Studenten aus Westdeutschland, Hamburger Uni, Touristen! »Ein wunderschönes Land, dieses Jugoslawien«, sagten wir. Der Fahrer tat, als wenn er sich nichts dabei dachte und uns glaubte. Er sei Beamter in einem Ministerium, teilte er uns nur mit. Er reichte uns eine Flasche Mineralwasser und ein paar Kekse. Im nächsten größeren Ort kauften wir, während der Serbe tankte, ein paar Badeschlappen für mich und erstanden Äpfel und ein Brot. Wir hatten 100 Westmark in der Tasche, der Notgroschen von meiner Mutter. In Jugoslawien bekam man für die begehrte DM überall etwas.