Ankunft in Kythera - Sabine Achilles - E-Book

Ankunft in Kythera E-Book

Sabine Achilles

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Beschreibung

Der Roman spielt in einer nahen Zukunft. Eine Siebzigjährige muss sich durchschlagen und unbedingt Geld verdienen, wie fast alle Älteren dieser Zeit. Unwillig begibt sie sich auf Jobsuche und stolpert durch eine offenbar skurril gewordene Welt: monströse Altenghettos und Pflegeelend; junge Menschen auf der Flucht vor der Arbeitsverpflichtung; »Agenturen«, die helfen, lästig gewordene Angehörige ins Nirwana zu schicken; Detekteien, die daran nichts ändern können; Saboteure, die Chaos in die allgegenwärtige Vernetzung bringen. Und dabei ist es doch schwer genug, einfach durch den Tag zu kommen. »Ankunft in Kythera« beschreibt ironisch Desaster um Desaster - oder geht es nicht doch irgendwie gut aus?

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 304

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Es ist eine Art Überlebensgeschichte: Eine Frau in schwieriger Lage fühlt sich ausgebrannt, würde lieber nur noch Klavier spielen und die Tage verstreichen lassen, aber sie rafft sich dann doch noch einmal auf, zur Arbeitsvermittlung zu gehen – notgedrungen, mit ihren siebzig Jahren ohne jede Erwartung. Sie weiß bis zum Überdruss, nichts ist, wie es sein soll, nichts wird ihr mehr gelingen. Sie kann nur hoffen, dennoch irgendwie durchzukommen. Was wirklich nicht einfach ist in der Romanzeit, einer Zeit, in der die Hochbetagten kaserniert und die Jüngeren zur Arbeit verpflichtet werden, in der einerseits die Gesellschaft umfassend kontrolliert und reglementiert, die schöne Ordnung andererseits beständig von Datenmanipulation und Sabotage bedroht wird.

Die Frau (und Erzählerin) soll nun tatsächlich als »Detektivin« helfen, einer mörderischen Agentur auf die Schliche zu kommen, die sich mit dem hübschen Namen »Ankunft in Kythera« tarnt und Pflegebedürftige auf die Reise schickt, von der man nicht zurückkommt. Dabei gerät sie in zunehmend skurrile Situationen, ist auf geradezu komische Weise überfordert – wie eigentlich alle Personen in diesem Buch.

Sabine Achilles ist Musikwissenschaftlerin, arbeitete als Musikjournalistin und lange Jahre auch im Graphik-Design-Bereich. 2017 veröffentlichte sie den Roman MANE: Schöne Neue Zeit. Nun folgt mit Ankunft in Kythera eine weitere ironische Beschreibung der Schrecken der drohenden Alterszukunft. Die Autorin (Jahrgang 1954) ist auf stetem Wege, dem Thema näher zu kommen.

Ankunft in Kythera

Sabine Achilles

Roman

Impressum

© 2019 Sabine Achilles

Lektorat: Ingeborg Mues, Berlin

Grafik, Foto, Layout:

© Gerhild Krauß, Wiesbaden

Verlag: tredition GmbH

Halenreie 40-44

22359 Hamburg

ISBN:

978-3-7439-2344-7 (Paperback)

978-3-7439-2345-4 (Hardcover)

978-3-7439-2346-1 (e-Book)

… knowing I am not what I thought I was, a good man doing wrong, but the wrong man doing nothing much, and I wouldn’t be telling you about it if I weren’t talking to myself.

Djuna Barnes, Nightwood (Nachtgewächs)

Ich weiß, daß ich nicht das bin, was ich dachte: ein guter Mensch, der Falsches tut, sondern der falsche Mensch, der nichts Besonderes tut; und ich würde dir nichts davon sagen, spräche ich nicht zu mir selbst.

(Übersetzung: Wolfgang Hildesheimer)

Heute wäre ich lieber zu Hause geblieben. Es passte wieder einmal nichts, der Tag nicht, mein Leben nicht, die ganze lästige Welt nicht. Und das jetzt Anstehende schien deprimierend sinnlos. Ich war mir sicher: Ich habe nichts mehr zu erwarten, die Nichts-ist-unmöglich-Zukunft kommt nicht mehr. Lächerlich, noch darauf zu hoffen, jetzt ist alles zu spät, »heute« nur noch eine falsche Zeit. Ich kann nichts mehr tun – aber anrufen sollte ich doch, aus Höflichkeit, und um einen neuen Termin bitten, den ich wieder absagen kann. Oder?

Wenig später war ich auf dem Weg zur Arbeitsagentur. Nur, um mir nichts vorwerfen zu müssen. Ein trauriger Entschluss, ich tat mir nun wirklich leid (könnte es doch so schön haben als eine andere in einem anderen Leben!), ärgerte mich schon, dass nicht die Sonne schien. Verstand wieder einmal nicht, wie es die jungen Leute aushalten, jeden Morgen zur Schlafenszeit hinaus zu müssen in diesen Lärm, diese Unruhe. Diese Hektik, die irgendwie fortwährend zunimmt. Ich war wohl die einzige, die langsam ging, die Eile hatte ich längst verlernt. Am Eingang zur U-Bahn habe ich einen langen Moment überlegt, wieder umzukehren, dabei die Video-Werbung an der Rolltreppe gesehen:

Ankunft in Kythera: eine Möwe vor wolkenlosem Himmel über tief blauem Meer, langsamer Sinkflug zu einem Olivenbaum, eine luxuriöse Appartementanlage unmittelbar an der Küste, eine sonnenbeschienene Terrasse, eine Festgesellschaft an langer, üppig gedeckter Tafel, zuletzt das Bild von der lachenden, vielleicht neunzigjährigen Braut.

Da müsste ich jetzt sein, habe ich gedacht. War also nicht klug an diesem Morgen. Vorher nicht. Hinterher nicht. Bin nur früh aus dem Haus gegangen. Weiter nichts.

In der Agentur erwartete mich leider die Sachbearbeiterin, die mich bei meinem letzten Besuch eingeschüchtert hatte. Ich erinnerte mich gut, sie hatte mich nicht einmal ausreden lassen, als ich meine Situation beklagen wollte, sofort begonnen, über Jobchancen zu referieren und betont emotionslos (und doch irgendwie vorwurfsvoll) überraschend unfreundliche Vorschläge gemacht. Ich war der Situation nicht gewachsen gewesen, hatte das Gefühl, beleidigt zu werden – habe gegen das Gefühl angekämpft und mich blöderweise auf nichts mehr konzentrieren können. Dabei ist einzusehen: Sie darf sich nicht vertraulich geben, muss emotionale Tiraden der Jobsuchenden abwehren und ich es hinnehmen, so distanziert behandelt zu werden wie vermutlich alle anderen auch. Heute war sie offenbar müde, vielleicht sanfter, dennoch zurückhaltend souverän. Ich war dagegen von der kurzen Wartezeit erschlagen. Nicht einmal die aufrechte Haltung fiel mir leicht, als ich aufgerufen wurde. Ich werde wieder mein unentschlossenes Verlierergesicht gehabt haben.

Sie erinnerte sich offenbar auch, hatte vermutlich bereits meine Akte geöffnet – und für einen Moment tatsächlich wieder einen Anflug von diesem Lächeln in den Mundwinkeln, das sie damals nicht unterdrücken konnte, als ich idiotischerweise gesagt hatte, ich könne Klavier spielen. Ankämpfen hat sie müssen gegen dieses Lächeln, ihre Miene nur mit Mühe unter Kontrolle gebracht – und ich bin für alle Ewigkeit bloßgestellt: Klavierspielen! Nein, etwas Brauchbares habe ich nicht vorzuweisen, kein Dolmetscher-Diplom, keine Ausbildung im Steuerrecht, nichts Therapeutisches. Es muss mir klar sein: Für Bildschirm-Jobs werden selbstverständlich Jüngere bevorzugt, die besser mit den stündlich wechselnden Systemen klarkommen, mit meinen gut siebzig Jahren bin ich ohnehin nur bedingt ausbildungstauglich und nächtens nicht gut einsetzbar, im Erziehungssektor gibt es »Berufenere«, der ist allzu beliebt (wo sollen denn bitteschön all die Kinder für die sich anbietenden Ersatz-Großeltern herkommen?), Telefonwerbung ist neuerdings verboten, verkauft wird heutzutage online, nicht mehr taufrische Gesichter sind ohnehin nicht unbedingt umsatzsteigernd … Und für den Pflegebereich, dem angeblich einzig expandierenden Wirtschaftssektor, sei ich mir ja noch zu schade. Hatte sie wirklich noch gesagt? Ja, jetzt anzufangen, Hintern abzuwischen, bis ich selbst soweit sei, dass man mir … und so weiter – nein, so habe ich es nicht ausgedrückt, nur schlicht abgelehnt mit unglücklichem, angewidertem Gesicht.

Nun war ich bereit, noch zu schade muss ja mal aufhören. Aber heute hatte sie etwas Mitfühlendes (nicht nur Lächeln) in den Mundwinkeln, sagte tatsächlich: »Sie sind ja so zart.« Nein, ich bin nicht die, auf die sich jemand stützen könnte, der Hilfe bei einem Gang zur Toilette braucht, in die rechte Sitzposition gerückt werden möchte oder gar zum Hinfallen neigt. Ja, die schwere Arbeit können »Berufenere« besser durchstehen. Aber es bleibt mir doch nichts anderes mehr – oder ist nun auch das aus und vorbei?

Sie tat, als hätte sie mein Erschrecken nicht wahrgenommen, schaute angestrengt auf den Monitor: »Für Sie habe ich vielleicht etwas anderes.« Wieder ein Anflug von Lächeln. »Einen Moment bitte, ich habe das Angebot in einem speziellen Ordner aufgehoben. Vielleicht meint, ich habe etwas für Sie, aber Sie müssen natürlich schauen, ob es das Richtige wäre, jedenfalls ist es ein Job für Ältere, die gegebenenfalls auch kultiviert auftreten können.« (Aha!, dachte ich.) »Hier ist es, ich lasse die Seite drucken. Die Firma heißt Wir-sind-für-Ihre-Fragen-da, ist in der Nähe, leicht zu erreichen. Ich kann Sie anmelden, wenn Sie möchten.«

Ich begriff nicht sofort, sie blieb höflicherweise geduldig und erklärte, es handele sich um eine Art Detektei, die für bestimmte Aufträge ältere Mitarbeiter brauche, mehr dürfe sie nicht verraten. Auf jeden Fall sei es eine sehr originelle und bestimmt interessante Anfrage, sie würde sich sehr für mich freuen, wenn es mir gefiele.

Nicht gefallen? Unmöglich! Ich war fest entschlossen, rundum begeistert zu sein, welch überraschende Wendung, welch unvermuteter Ausweg. Witzelte fröhlich über meine kommende Karriere als »Miss Marple« und zauberte ein letztes Lächeln in das Gesicht der um Zurückhaltung bemühten Sachbearbeiterin: Sie durfte ruhig wissen, sie hatte mich heute glücklich gemacht.

Leichtfüßig eilte ich nach draußen, mit erhobenem Haupt, wie es heißt, nur die Spiegelung in der Eingangstür dämpfte meine Euphorie. »Kultiviert auftreten« mit dieser Jacke? Was tun gegen die Verschleißspuren am Ärmel und die abgetretenen Schuhe, ja, ein noch größeres Problem waren die Schuhe.

Ich hatte also schon wieder etwas Sorgenvolles im Blick, als mir nach ein paar Metern Vera über den Weg lief. Ausgerechnet Vera, deren überströmendes Temperament mich in zehn Minuten vollständig erschöpfen kann. Monate hatte ich sie nicht gesehen, dabei war sie eine Freundin gewesen, ist es im Grunde noch, eigentlich die einzige, die ich habe. Sie nahm mich gleich mit großer Geste in den Arm, als ob sie sich unglaublich freuen würde, mich getroffen zu haben. Ob sie mitbekommen hat, dass ich soeben das Jobcenter verlassen habe? Sich unterhakend schob sie mich Richtung Altstadt. »Du hast Zeit, dich jetzt zu einem Imbiss ins Cosmo einladen zu lassen.« Das war allerdings nicht schlecht, die Gelegenheit, im Cosmo zu sitzen, unmöglich auszuschlagen – hatte ich nicht erst vorgestern, als ich dort vorbeiging, gedacht: Leute, die hier einkehren, haben eine andere Sorte Leben?

Jetzt schaute ich auf die Vorübergehenden, fand Vera in diesem Moment ausgesprochen angenehm, ließ mir gefallen, dass sie pausenlos redete in ihrem üblichen Jargon: Sie habe wahnsinnig viel um die Ohren, sei andauernd auf Achse, das Leben zurzeit eine einzige Unordnung … »Mir fehlt ein Ausgleich, ein Ruhepunkt, ein konzentrierter Ruhepunkt allerdings, gerade mit dir habe ich schon lange darüber sprechen wollen, das musst du gleich aushalten – sobald wir dem Hungertod entkommen sind.«

Ich hörte kaum hin.

»Gut siehst du aus«, log sie.

Ich hätte nicht den zehnten Teil ihrer Vitalität, untertrieb ich.

»Du hast dich doch nicht gerade im Center für irgendeinen miesen Job kleinkriegen lassen?«

Ich stotterte, eine Antwort zu geben, war in diesem Moment zu viel verlangt. Sie ging netterweise darüber hinweg, sagte: »Dein Problem ist, dass du nicht die Leute kennst, die schätzen, was du kannst. Ja genau, was du kannst. Man muss die finden, die einen weiterbringen können, anders geht es nicht. Ohne die bist du verloren. Ich hab das noch rechtzeitig begriffen und mich mit einer Wahnsinnsenergie unter die Leute gemischt – und schließlich Glück damit gehabt. Oder besser: Erfolg. Bin tatsächlich dem Geldgeber begegnet, ohne den ich meine neueste Geschäftsidee nie hätte realisieren können. Und auch dem Zweitpartner mit dem unverzichtbaren Talent fürs Praktische. Allein könnte ich so was ja nicht durchziehen, mir fehlt komplett der Sinn für die Übersichtlichkeit.«

»So was?«

Sie lachte. »So was nenne ich lieber nicht gleich beim Namen, ziere mich gerne ein bisschen, es hat so was Erschreckendes, mal gucken, was du gleich für ein Gesicht machst: Also ich bin ins Begräbnisgeschäft eingestiegen, eine boomende Branche, genauso wie die Pflegeindustrie, naturgemäß wird sie sie aber noch einen Moment überleben – obwohl das zugegeben ziemlich makaber dahergesagt ist. Du siehst tatsächlich verdattert drein, aber ich kenn das ja, dass alle eine betretene Miene aufsetzen. Daran muss ich mich halt gewöhnen. Für mich ist diese Arbeit jedenfalls besser als alles, was ich vorher gemacht habe, einfacher und lohnender, die Rettung für meine alten Tage.«

»Aber …«

»Ne, lass mal, wenn du jetzt sagen willst: Ist doch ‘ne wichtige Aufgabe und so weiter, dann ist das nett, aber unnötig. Bekomme ich immer zu hören, ist ein Höflichkeitsreflex oder reine Verlegenheit. Dabei denkt jeder: Begräbnisse sind furchtbar. Sie haben nun mal einen Anlass, mit dem man sich nicht abfinden will, schon gar nicht, wenn vielleicht ein guter Freund mausetot ist. Und man will sich erst recht nicht vorstellen, dass man selbst irgendwann …, na ja. Und auch nicht an die abgenützten Rituale denken, die Reden, das verlogen Feierliche, das ganze sakrale Getue, das man doch ablehnt, die hässlichen Kreuze in den öden Trauerhallen – ein Skandal, dass die immer noch überall hängen –, das Blumenwerfen in die kleine Erdgrube, alles trostlose Gesten, wirklich zum Heulen. Und es ist erst recht deprimierend, wenn die zukünftigen Toten dann zusammenhocken und über die Schwierigkeiten jammern, die sie mit ihrem Restleben haben. Und jeder denkt, muss das so sein, wie viele Prozeduren dieser Art werde ich noch durchstehen müssen, bis ich und so weiter.

Aber ganz auf ein Ritual verzichten? Nein, natürlich auch nicht möglich. Was also tun? Wir fahren dem Dilemma davon, buchstäblich, mit einem Bus nämlich, der perfekt für diesen Zweck umgebaut und eingerichtet ist. Dieser Bus schluckt die Begräbnisgesellschaft und geht auf eine ausgeklügelte Route, meist um die Stationen des jeweils zu Ende gekommenen Lebens abzuklappern. Erstaunlicherweise sind viele nur wenige Kilometer von ihrem Geburtsort entfernt zu Tode gekommen, da geht dann die Route von der ersten Schule über den Sportplatz zur früheren Wohnung, den Domizilen der verschiedenen Ehen oder was sonst noch – meist ergibt sich schnell, wohin die Fahrt gehen soll, notfalls wird eben an einer nahegelegenen Brücke symbolisch Asche verstreut – echte geht ja nicht. Ich moderiere mit passenden Anekdoten an den dafür vorgesehenen Orten, dazu flimmern auf einem monströs großen Monitor Erinnerungsbilder und Filme – kurz, es läuft fabelhaft. Wenn du mal die Augen offenhältst, wirst du bestimmt demnächst unser phantastisches Gefährt durch die Stadt kurven sehen, erkennbar an den riesengroßen weißen Buchstaben an den Längsseiten … ach der Name, ja der Name, das ist eine andere Sache … Ich wollte ja, dass da steht: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, aber das sagte meinem Geldgeber nichts, er fand es zu sperrig und ‘sprachlich umständlich’. Nicht zu glauben, was? Zurück in die Zukunft war sein Vorschlag, das war mir zu flapsig, und so heißt es jetzt Die Reise des Lebens, na ja, ein Kompromiss eben.«

»Ein sinnfälliger Name«, sagte ich, weil ich glaubte, endlich etwas sagen zu müssen, und sie kicherte: »Ein geschäftsfördernder.«

»Man muss ja herausfinden, was den Leuten gefällt, das ist wichtig, es geht ja nicht um mein Vergnügen, sondern das dieser Leute – nun gut, um deren Vergnügen natürlich auch nicht, also, wie soll ich das ausdrücken, es geht um das sogenannte ‘gute Gefühl’, für das man bei Lebensabschiedsfeiern notgedrungen Geld ausgibt. Solche Veranstaltungen sollen ja ein bisschen was hermachen, lieber ein bisschen zu viel als zu wenig, das ist den meisten schon sehr wichtig, und es darf auch ruhig etwas kosten. Daran eben verdiene ich, und zwar gar nicht so schlecht. Aber ich bekomme auch Anerkennung, du wirst es nicht glauben.«

»Doch, das glaube ich bestimmt, ist doch großartig, wenn einem jemand hilft, so einen Abschied gut über die Bühne zu bringen, ist ja wirklich eine besondere Dienstleistung.«

»Ja, nicht? Das sagen auch die Leute und sind dankbar und erleichtert, wenn sich das gute Gefühl einstellt. Und es sind oft die Art Leute, die du kennenlernen solltest. Oder ich eben für dich kennenlernen kann. Die Sinn für Kultur haben, für Theater, Kunst und insbesondere Musik. Ich war selber überrascht, aber weißt du, ich treffe andauernd auf interessante Menschen, die mir plötzlich erzählen, es sei so schade, dass sie nie Klavierspielen gelernt haben. Und dass sie immer noch davon träumen, es doch noch auf die Reihe zu kriegen. Es sei nur so schwierig, einen wirklich einfühlsamen Lehrer zu finden … Na, ahnst du, worauf ich hinauswill?«

»Äh …«

»Natürlich ahnst du es: Du bist die einfühlsamste Lehrerin, die es geben kann, einfach ideal, all diese Leute warten nur auf dich. Ich hab das sofort gewusst. Und wenn du nichts dagegen hast, leg ich gleich morgen los und vermittle dir einen Korb voller Schüler.«

War das ernst zu nehmen? Bekam ich jetzt wirklich ein weiteres Angebot zu einem Job, zwei an einem einzigen Tag? Und beide tatsächlich, weil ich mein bescheidenes Musizieren peinlicherweise nie für mich behalten kann? Erstaunt fragte ich: »Warum willst du das für mich machen, du hast doch gar nichts davon.«

Da meinte sie lächelnd, wenn sie mir zwei, drei Schüler vermittelt haben würde, käme sie ebenfalls zu mir, als vierte Schülerin sozusagen, die Stunden bitteschön auf Provisionsbasis. Ich würde mich wundern, wie gelehrig sie sein könne, sie sei dann die, die am meisten davon habe, wie immer.

Ich verstand ausnahmsweise sofort, war wach oder besser: auf der Höhe des Augenblicks, vielleicht auch wohlig gestimmt von den wirklich guten Canneloni verde, und lud sie umgehend ein, gleich mit dem Klavierspielen anzufangen. Für sie hätte ich immer eine Stunde Zeit, ob am Sonntag oder abends, ich war die Bereitschaft selbst. Und sie sagte ohne zu zögern zu, für den kommenden Montag, am frühen Abend. Also war es abgemacht.

Die Detektei war einfach zu finden. Wenn ich zweimal vorbeigegangen bin, lag es erstens daran, dass nur wenige Meter entfernt der einzige Baum samt einer kleinen Bank stand und ich zunächst hoffnungsvoll und zielstrebig auf das Überbleibsel der Vegetation zusteuerte – und zweitens, weil ich zurückgehend nicht wahrhaben wollte, dass die Detektei ausgerechnet in dem allerhässlichsten, fast zur Baufälligkeit verwahrlosten Haus stecken sollte. Eingekeilt zwischen zwei moderat abstoßenden Neubauten, die nur auf dezente Weise schmutzig schienen, wirkte es wie ein von Grund auf verdrecktes Abrisshaus, in dem zurzeit höchstens ein paar Abgedriftete hausen könnten. Ich atmete tief ein vor Enttäuschung, versuchte mir einzureden, es müsse nichts bedeuten, würde nichts über die Seriosität der Firma aussagen, sei vielleicht einfach nur Tarnung.

An den Klingelschaltern keine Namen, nur Buchstaben. LuT oder VvIG oder Bdgw. Ich wunderte mich nur kurz: Es ist doch verständlich, dass Firmen, die hier untergekommen waren, nicht gleich ihren Namen preisgeben wollen, ein Firmenschild wäre ja geradezu eine Deklassierung. Wahrscheinlich waren es sowieso bescheuerte Firmen mit bescheuerten Namen und guten Gründen für die Verschleierung. Und: wüsste ich mehr von den Firmen, wenn die Namen ausgeschrieben wären? Ist die Kürzelei nicht sogar ehrlicher, weil sie zum hämischen Raten auffordert? LuT heißt nun »Lug und Trug« oder »List und Tücke« (ha!), VvIG: Vereinigung von intellektuellen Greisen, nein, besser: Vernichtung von Ihrem Geld. Bdgw: Bin dann gleich weg, Bis das Gras wächst, Büro der guten Wünsche … Hier fiel mir leider nichts ein. WsfIFd stand an fünfter Stelle von unten. Wir sind für Ihre Fragen da. Sollte ich mir wirklich die Mühe machen hineinzugehen? Innen zum Glück keine Spur von herumliegendem Müll oder umtriebigen Ratten, sonst hätte ich umgehend kehrtgemacht. Der Fahrstuhl, den es immerhin gab, war eine winzige Kabine. In Anbetracht des verrotteten Zustandes des Hauses nahm ich selbstverständlich die Treppe. Gut, dass ich noch Zeit hatte, nach jedem Stockwerk eine Pause einzulegen. Das heißt, die ersten beiden schaffte ich ohne Unterbrechung, das bin ich ja gewöhnt, die weiteren Treppen nicht. Wie heißt es so sinnig: Im Rentenalter erreicht man auch den zwanzigsten Stock zu Fuß, wenn man die gewonnene Zeitautonomie klug einsetzt. Auf der vierten Etage verharrte ich noch ausgiebiger als auf der dritten, studierte die Schilder: CdI (Club der Irren?) und GzAdV (Gesellschaft zur Akkumulierung der Verluste?), sah in den Hinterhof: schmutzig-dunkler Boden und graue Wände, Mülltonnen, ein altes Fahrrad – eine grünfreie Zone. Traurigerweise schienen die Hinterhäuser bewohnt: ein kleiner Teddy in einem der Fenster, Blumentöpfe in einem anderen, ein Mann stand rauchend auf einem winzigen Balkon. Ob die Menschen hier Namen haben – oder heißen sie DMdr (der Mann der raucht) oder SmT (Spiele mit Teddy)?

Zweimal summte der Fahrstuhl, während ich im Treppenhaus war, es schien mir, als ob er jedes Mal im fünften Stock gehalten hätte. Leider hatte ich recht. Und als ich dort ankam, brachte der Aufzug erneut jemanden hinauf, eine Frau ging grußlos an mir vorbei – auf die Detektei zu. Ich begriff: Ich war nicht die einzige, die eingeladen war. Und sah schon im Eingang, es waren mindestens zehn, die dort hockten und irgendetwas ausfüllten. Die Sekretärin gab mir freundlich, aber wortkarg ein Papier in die Hand und schickte mich zu den anderen. Der Raum war sparsamst möbliert, die Stühle unangenehm ungemütlich, seltsame technische Geräte waren an den Wänden montiert. Ich werde beobachtet, sagten sie mir, ich bin nur zu Prüfungszwecken geduldet, soviel wert wie der hässliche Tisch vor mir. Sofort war wieder die bleierne, zähe Hoffnungslosigkeit aus alten Schultagen gegenwärtig – warum läuft es immer auf dasselbe hinaus?

Auf dem Blatt standen mein Name, die Vermittlungsnummer des Jobcenters und das Kürzel AW70KN (Anwärterin, weiblich, siebzig, kann nichts?). Und dicht gedrängt Sätze. Bitte kreuzen Sie an, welche der folgenden Aussagen Sie für zutreffend halten.

Paris ist nicht so weit entfernt, wie es nötig wäre.

Die gleichgültige Sicht auf die Dinge ist immer die angenehmste.

Lügen muss der Mensch, um weiterzukommen.

Was zu schön ist, um wahr zu sein, ist den meisten hässlichen Lügen vorzuziehen.

Gestern war mehr Zukunft gewesen.

Nichts ist unmöglich.

Die wirklich guten Fragen werden selten beantwortet.

Die wichtigsten Kurse sind die, die die Technik des Schneller Schlafens vermitteln.

Wenn Vögel vom Himmel fallen, kann man getrost darauf verzichten, nach Hause zu gehen.

Man ist zu oft am falschen Ort.

Nirgendwo ist irgendwo.

Ein Desaster zieht das andere nach sich, das Schlimmste ist stets nur die Vorstufe zu noch Schlimmerem.

Von gestern zu heute ändert sich leicht alles. Man kann froh sein, wenn man gestern und heute noch auseinanderhalten kann.

Das Leben geht weiter.

Die Welt ist alles, was datiert ist.

Nicht alle Himmel sind umsonst.

Die meisten Probleme erledigen sich von selbst, wenn man nur auf andere Gedanken kommt.

Das Leben ist, wie es ist, aber das macht es auch nicht einfacher.

Der nächstliegende Schritt ist immer der einfachste, je mehr man grübelt, um so verworrener wird die Welt.

Und so weiter.

Es waren vielleicht hundert Sätze dieser Art, ich überflog den ganzen Unsinn, ohne weiter nachzudenken, machte überall mein Kreuz für »zutreffend« – so oft und so schnell hatte ich noch nie zugestimmt. Schrieb hinzu: Inzwischen ist noch weniger Zukunft, dagegen hilft wohl keine Technik des Schneller Schlafens, zu dem Kurs möchte ich jedenfalls nicht auch noch eingeladen werden.

Die anderen schauten kurz hoch, als ich so schnell aufstand, den tatsächlich vollständig ausgefüllten Bogen abgab und mich davonmachte, wahrscheinlich dachten sie, der Test sei mir zu schwer gewesen, ich also gescheitert. Und war ich das nicht? Ich weiß nicht, ob ich mehr enttäuscht oder wütend war, fühlte etwas trocken Würgendes im Hals, ja, nicht einmal Wasser war mir angeboten worden, eine alte Frau verdursten zu lassen ist ja die Höhe, und die ganze Treppensteigerei, die unzumutbare Baufälligkeit des Hauses, die alberne Kürzelgeheimnistuerei! Vielleicht kassiert die angebliche Detektei Zuwendungen vom Jobcenter, nur darum wird es gehen, und ich habe mich mal wieder bloßgestellt für nichts und wieder nichts. Wenn ich nicht so erschöpft wäre, würde ich gleich zu Hause einen Beschwerdebrief an die müde lächelnde Sachbearbeiterin schreiben, ihr mal klarmachen, wie leichtfertig sie einer Jobsuchenden einen Tag verdirbt. Ärgerlicherweise musste ich noch eine Fahrkarte für die Rückfahrt lösen. Zu Fuß war es einfach zu weit, da würde ich dreimal verdursten, mich unterwegs in einem Café auszuruhen käme noch teurer, eine einfache Rechnung.

Zu Hause setzte ich mich gleich vor den Fernseher, der funktionierte immerhin noch – eine beunruhigende Vorstellung, dass das Ding nicht mehr lange halten wird, jeden Abend die Erleichterung, wenn mein Abendvergnügen gerettet ist. Diesmal war ich wählerischer in der Auswahl der Krimis. Miss Marple oder Detektiv-Geschichten waren für alle Zeiten erledigt, soviel stand fest. Einen alten Tatort, den ich drei- oder viermal gesehen habe, hätte ich gerne gefunden (neue Folgen sind zu anstrengend und allzu oft wiederholte irgendwann doch zu langweilig). Ich hatte Glück, bekam eine sympathisch alternde Kommissarin auf den Bildschirm. Seit bald vierzig Jahren wird die Rolle von derselben Schauspielerin gespielt, neuerdings muss sie ihre Haare nicht mehr färben, darf die Falten in aufdringlichen Nahaufnahmen zeigen und auf überlegene Weise granteln, und die jüngeren Kollegen müssen in jeder Folge zerknirscht einsehen, dass sie ihrer erfahrenen Chefin noch lange nicht gewachsen sind. Heute besuchte sie ihren ehemaligen Kollegen, der abgewrackt in einem Sanatorium gelandet ist. Ein großer, nicht gerade dünner Italiener, der sich gerne in uralte, winzige Autos gezwängt hatte und dem das italienisch gute Leben nicht bekommen ist – oder ist er in einer Vorfolge einmal angeschossen worden? Ich war mir plötzlich nicht mehr sicher: Soll sie in dieser Folge ihrem Ex-Kollegen auf die Schliche kommen, weil er munter mit Drogen handelt, die die Senioren aufmüpfig und unternehmungslustig machen, oder hat der Ex-Kollege einen Mord beobachtet, und alle, mit Ausnahme der erfahrenen Kommissarin, halten ihn dummerweise für dement – oder … ich war unschlüssig: Konnte es sein, dass gerade in dieser Folge der Ex-Kollege an der Reihe ist, umgebracht zu werden, weil ja die Klinikleute anders mit ihrer Arbeit nicht zurechtkommen – und die Kommissarin merkt es nicht rechtzeitig? Empört zappte ich in einen anderen Kanal, das wollte ich mir nicht ansehen, dann lieber Bella Block oder Inspektor Colombo, auch wenn ich alle Folgen auswendig kenne.

Um diese Zeit muss ich schon die Mail erhalten haben, die ich allerdings erst am nächsten Morgen öffnete. Die Detektei lud mich tatsächlich zu einem persönlichen Gespräch ein. Das kann nicht sein, habe ich gedacht, so schnell können die doch nicht antworten, unmöglich in der kurzen Zeit die bescheuerten Fragebögen ausgewertet haben – und »Sonntagmorgen im Kurparkcafé, nach Möglichkeit im Freien« ist doch vollends unglaubwürdig. Ich sollte eine Sonntags-Verabredung im Grünen haben? Wie lange ist es her, dass ich überhaupt sonntags aus dem Haus gekommen bin, Monate sind es bestimmt. An dem allerfamiliärsten Tag der Woche halte ich mich lieber bedeckt, die paar- und gruppenweise auftauchenden feiertäglichen Ausflügler gehen mir grundsätzlich auf die Nerven. Meine Einzelheit fällt mir besonders sonntags als ein Mangel auf, also reserviere ich den siebten Tag zum Fernsehgucken und Lesen (diese Reihenfolge), gelegentlich zwischendurch auch für ein bisschen Musik. Und nun sollte ich auf diese Weise hinaus müssen an meinem Verstecktag? Die Anrede war höflich: Sehr verehrte Dame, bitte entschuldigen Sie die Unannehmlichkeit an diesem Gelegenheitsort, ich möchte Ihnen alles Weitere gerne persönlich erklären, bitte kommen Sie, wenn Sie es ermöglichen können … und so weiter … Sie werden mich erkennen, denn ich habe auch mit einem Fragebogen in dem Raum gesessen. Mit den besten Wünschen zu einem angenehmen Wochenende

Herr K. /WsfIFd

Zunächst habe ich mich nicht einmal gefreut, sogar bedauert, auf ein faules Wochenende verzichten zu müssen. Immerhin hatte ich mir diesmal noch vorgenommen, ein Präludium und ein kurzes Andante aufzufrischen, ich musste ja üben, um mich nicht vor Vera zu blamieren, die bestimmt Wert darauf legen wird, dass ich ihr etwas vorspiele. Nach längerem Überlegen schienen mir eine Stunde Klavierspielen und eine weitere Stunde für ein Treffen im Kurparkcafé aber durchaus machbar für ein Wochenende: Man muss sich auf solcherlei Anstrengungen einfach innerlich einstellen, darin liegt die Kunst, sagte ich mir. Erst dann kam eine gewisse Vorfreude auf: Eine Verabredung am Sonntag ist unmöglich abzulehnen, also beantwortete ich die Mail, indem ich auf das höflichste (kultivierteste!) zustimmte.

Ich erkannte ihn tatsächlich sofort. Er saß an einem abgelegenen Gartentisch in dem erst spärlich besuchten Café, hatte ein kariertes Jackett an, das gelbe Hemd und die bräunliche Krawatte im eigenwilligen Kontrast, saß wie in sich ruhend, nicht gerade dünn, die Wangen schon erschlafft und hängend, der Blick satt und müde – nein, ich erinnerte mich: Am »Gelegenheitsort« hatte er von Zeit zu Zeit verstohlen zu den anderen geblickt und dabei hilflos ausgesehen. Jetzt wurde mir klar, er wusste sein Ausspähen perfekt zu tarnen, war ein meisterhaft unauffälliger Beobachter. Also hat er mich als erstes gesehen, meinen Gang beurteilt, meine Kurzsichtigkeit erschlossen, meine Unsicherheit durchschaut.

Er stand höflich auf, als ich auf ihn zuging (ich war ja auch eine sehr verehrte Dame), fragte, ob die Tischauswahl und die morgendliche Frische »genehm« seien, und ich konnte lächelnd nicken, derartige Höflichkeit ist ein »genehm« komisches Spiel, das mich entspannt. Ein Spiel, ja, das war es, es schien ihn zu freuen, dass ich verstanden hatte.

»Sie sind die richtige Person«, erklärte er freundlich, »das habe ich sofort gesehen. Und es ist für unsere Detektei keineswegs einfach, jeweils die richtigen für die anstehenden Aufgaben zu finden. Wir sind im Grunde ständig auf der Suche nach Gesichtern, die zu den Rollen passen, die für bestimmte Aufträge zu übernehmen sind. Deshalb freue ich mich besonders, dass Sie sich bereitgefunden haben, für uns zu arbeiten. Der Fragebogen – ich hoffe, Sie verzeihen den kleinen Trick – hat nur den Sinn gehabt, die Besucher eine Zeitlang an den Stuhl zu fesseln. Derweil sind sie von Kameras aufgenommen worden und die Bilder längst über alle Suchsysteme geschleust, um sicherzustellen, dass sich niemand von unliebsamer Seite einschleichen will. Ich selber vertraue allerdings ganz auf den persönlichen Eindruck. Auf die Filmaufnahmen ist selbstverständlich im Kleingedruckten des Fragebogens hingewiesen worden, aber das nimmt heutzutage niemand zur Kenntnis, es ist ja auch zu selbstverständlich geworden. Es wird Sie nicht wundern – und mich übrigens auch nicht –, dass nichts Nachteiliges über Sie dokumentiert ist. Sie waren nicht im Mindesten in irgendetwas involviert, das Ihrer Tätigkeit bei der WsfIFd im Wege stehen würde, haben zudem einen angenehm sparsamen familiären Hintergrund« (eine elegante Formulierung!), »geradezu ideal, um Sie im Netz zu ‘faken’. Das wird allerdings vorübergehend nötig sein, um Ihnen zum Beispiel Angehörige anzudichten, also eine künstliche Identität im Netz aufzubauen.«

Ich verstand natürlich nichts. Er nickte nachsichtig, wollte mir alles näher erklären – wenn er die Bestellung aufgegeben habe. »Ein kleines zweites Frühstück ist Ihnen doch recht?« Allerdings, das war es, ich war erleichtert, dass Verdursten diesmal von vornherein ausgeschlossen war.

Niemand war in Reichweite, uns zu belauschen, aber er schaute sich prüfend um, drehte den Kopf, als müsse er sich den Hals ausrenken, sprach dann deutlich leiser. »Natürlich rechne ich mit Ihrer unbedingten Verschwiegenheit, Sie werden sich bitte verpflichten, mit niemandem über die Interna zu sprechen, das ist ja selbstverständlich für eine Arbeit in einer Detektei, alles immer streng geheim.« Sein Ton war überraschend ernst, ich fühlte mich leicht unbehaglich, als ich das Formular unterschrieb, in dem ich Schweigen zusicherte. Es mir durchzulesen, wäre mir unhöflich vorgekommen, so stimmte ich wieder umgehend und blindlings zu. War sogar erleichtert, ein Blatt Papier mit seiner und meiner Unterschrift in der Hand zu haben. Es störte mich nur, dass ich wohl gezeigt hatte, wie dringend ich den Job wollte oder, besser, brauchte. Er nickte, als sei die prompte Unterschrift selbstverständlich, betonte, er vertraue mir ohne Vorbehalt, sonst hätte er mir gar nichts zum Unterschreiben vorgelegt. Schön, dass die lästige Formalität nun erledigt sei, schön, dass wir uns nicht weiter damit aufhalten müssten. Ein wirklich höflicher Mann, dieser K., dachte ich.

»Wissen Sie, Vertrauen oder besser Vertraulichkeit ist unabdingbar für unseren Beruf« (er sagte wirklich unseren), »sie ist nicht nur Voraussetzung, sondern zugleich der Bereich, in dem wir arbeiten. Vertraulichkeit spinnt ein Netz zwischen den Menschen, das notwendig löchrig bleibt, und in dieses fragile Netz versuchen wir einzudringen. Detektive sind nun mal Geheimniskrämer, ein gutes Wort: Geheimniskrämer, sie leben von dem, was die einen verbergen und die anderen wissen wollen. Leider geht es in aller Regel um nichts Erfreuliches, nichts, mit dem man gerne zu tun haben möchte. Wenn man Menschen zu nahe treten muss, ist man selten begeistert. Glauben Sie mir, irgendwann fängt man an, das geschönte Bild, das die Leute von sich selber zeigen wollen, wirklich zu schätzen, und bereut, je etwas anderes erfahren zu haben … na ja. Und die Motive unserer Auftraggeber sind auch nicht immer schätzenswert, ganz im Gegenteil, aber das will ich gar nicht ausbreiten. Ich möchte lieber gleich zur Sache kommen, zu dem jetzt anliegenden Auftrag, hier sind die Motive unseres Kunden tadellos, da gibt es ein wirklich berechtigtes, wichtiges Anliegen, wie Sie gleich sehen werden. Ich will versuchen, den Sachverhalt in wenigen Sätzen deutlich zu machen. Und erschrecken Sie nicht, es geht tatsächlich um Leben und Tod, um Mord genauer gesagt. Ich stelle das gleich voran, um die Brisanz des Falles deutlich zu machen.

Also wir sind einem Geschäftszweig auf der Spur, der sich seit einigen Jahren breitmacht und auf makabre, scheußlich makabre Weise Hilfe in speziellen Notlagen anbietet. Nun ist Morden zweifellos ein kriminelles Handwerk mit einer langen Tradition. Sich Menschen, die man nicht mehr ertragen will, mit Hilfe anderer zu entledigen, ist alles andere als neu – die Art und Weise, in der sich Firmen neuerdings dieser Aufgabe annehmen, allerdings schon. Edle Agenturen haben sich in dieser Richtung spezialisiert. Sie vermitteln luxuriöse Domizile in Übersee für pflegebedürftige, meist ältere Personen. Was natürlich bedeutet, sie bieten diese Domizile den pflegenden oder erbenden Angehörigen an, die Familienmitglieder in besonderen Lebenslagen gerne in die Ferne schicken wollen. Denen ein Ozean zwischen sich und den anstrengenden Alten gerade recht ist. Nun könnte man meinen, es sei doch eine schöne Sache, die Jahre des Siechtums in komfortabler Hotelatmosphäre und sonnigem, mediterranem Klima zu verbringen, und durchaus angemessen, die anstrengende Pflege auf unkompliziert angenehme Weise aus dem eigenen Blickfeld zu schaffen. Für alle eine gute Lösung, für beide Seiten ein Gewinn. Geradezu ideal, nur leider in der Regel einfach zu teuer. Ein buchstäblicher Ausweg allein für die wirklich Wohlhabenden, zumal ja auch noch die Provisionen der Agenturen zu bezahlen sind.

Wenn man allerdings davon ausgehen kann, dass der Aufenthalt im idyllischen Anderswo nur von sehr kurzer Dauer sein wird, wenn man sich auf ein plötzliches Ableben schon in den ersten Tagen der Reise verlassen kann, sind die Kosten gar nicht so erheblich, sogar sehr viel geringer als jahrelange Zuschüsse zu Billigpflegeheimen. Wenn der wunderbare Urlaub so etwas wie die letzte Reise ist, ist es eine lohnende Sache für Agentur und Angehörige, nicht wahr? Die Klimaumstellung, die Aufregung durch den Ortswechsel können leicht zu viel werden, ein naheliegender Grund für ein plötzliches Versterben, und die Familien erhalten aus Gründen der Hygienebestimmungen gleich die Urnen zur Bestattung zugesandt, Obduktionen sind also nicht zu befürchten. Ich sehe an Ihrem erschrockenen Blick, dass Sie dergleichen nicht für möglich gehalten haben, dabei ist doch offensichtlich, dass der Bedarf an solcherart Unternehmungen groß ist. Seit Jahren funktioniert dieses mörderische Geschäft in gar nicht so geringem Ausmaß, die Agenturen annoncieren unauffällig, verschwinden nach zwei, drei Monaten und tauchen unter anderem Namen an anderer Stelle wieder auf.«

»Furchtbar«, glaubte ich einwerfen zu müssen, war mir dabei nicht sicher, ob ich es wirklich glauben wollte – wurde vielleicht gerade meine Leichtgläubigkeit getestet?

»Ja, ja, durchaus furchtbar, vollkommen richtig, hängt allerdings auch vom Einzelfall beziehungsweise von der Perspektive ab, oh, das möchte ich jetzt gar nicht ausbreiten, ist insgesamt ein unerfreuliches Thema. Das Problem, also das Problem, mit dem wir, die Detektei, zu tun haben, ist nun, dass gelegentlich Angehörige gar nicht begriffen haben, worauf sie sich einließen, und von dem unerwarteten Tod der Alten überrascht sind, ihn bedauern und eine Untersuchung verlangen. Schließlich ist nirgendwo formuliert, wie die Reise wirklich enden soll, ein stillschweigendes Einverständnis wird vorausgesetzt, Andeutungen höchstens zwischen den Zeilen versteckt. Ein solches Missverständnis ist das größte Betriebsrisiko für diese Art Dienstleistung, führte gelegentlich sogar zu Anzeigen, die aber bisher im Sande verliefen, weil nichts bewiesen werden konnte und die Polizei sich auffallend nachlässig um eine Klärung bemüht hat. Also wenden sich die Angehörigen an uns, eine Detektei, geben uns den Auftrag, die Hintergründe des Todesfalls zu untersuchen. Eine schwierige Aufgabe, ein Wettlauf gegen die Zeit, da die Agentur vermutlich bei der kleinsten Irritation ins Niemandsland abtaucht, alle Daten löscht. Im schlimmsten Fall kann noch nicht einmal nachgewiesen werden, dass die Agentur überhaupt in Anspruch genommen worden ist, es kann sogar der Verdacht entstehen, dass mit einer Anzeige nur ein anderer krimineller Hintergrund für das plötzliche Verschwinden der alten dementen Mutter verschleiert werden soll, hat es alles schon gegeben. Wir müssen also sehr umsichtig und trickreich vorgehen, uns perfekt tarnen, wenn wir Kontakt aufnehmen, deshalb schicken wir Mitarbeiter als scheinbar Interessierte in die Büros der Agentur und hoffen, dass etwas Angreifbares auffällt.«

»Aha«, sagte ich. Aha ist immer gut. Und um meine Einsicht unter Beweis zu stellen: »Soll ich also jemanden spielen, der einen schwerkranken Angehörigen auf die Reise schicken will?«

Er lächelte etwas verlegen. »Eine verständliche Frage, eine sehr naheliegende zudem: Sie als gerade mal Siebzigjährige sehen sich in der Rolle einer Tochter, die sich von den Anforderungen, die ihre hundertjährigen Eltern an sie stellen, überfordert und ausgelaugt fühlt und den Abschied gerne beschleunigen möchte. Verständlich, wie gesagt, dass Sie an diese Standardsituation denken. Und natürlich sind Sie als eine, die selber reisewillig ist, eigentlich viel zu jung, also muss ich mich zunächst einmal entschuldigen, dass ich Ihnen diese Rolle zumuten möchte. Aber eine Person Ihres Alters, die sich als Angehörige ausgibt, ist zurzeit schon bei uns im Einsatz, wir benötigen nun jemanden, der sich selbst – zum Schein natürlich – auf die Reise einlassen und der Agentur einen Besuch abstatten will, und wir können doch keine Hundertjährigen unter Vertrag nehmen, das wäre unverantwortlich. Wir können doch nicht riskieren, dass jemand durch einen unglücklichen Schwächeanfall … unsinnig, das jetzt überhaupt auszuführen. Nein, ich hoffe, Sie tragen es mir nicht nach und können es auf sich nehmen, eine Schwerkranke zu mimen, die ihren Kindern nicht sterbend zur Last fallen möchte und schon immer nach Griechenland wollte. Griechenland sehen und sterben sozusagen.«

»Griechenland?«

»Ja, die Agentur, die wir im Moment ausspähen, heißt Ankunft in Kythera. Ein unangemessen schöner und geradezu listig sinnfälliger Name. Kythera ist ein verheißungsvoller, mythischer, Liebe und Glück versprechender Ort – oder schlicht eine griechische Insel.«

Im Vogelflug über den weiten Himmel und das tiefblaue Meer