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Der Roman beginnt mit einer unglaublichen Nachricht: MANE soll verschwinden. Dabei ist die phantastische Droge MANE das, was die Gesellschaft der Romanzeit zusammenhält - das, was den allzu zahlreichen und meist prekär lebenden Alten das Leben verschönt, zu jugendlichem Wohlbefinden verhilft und die große soziale Ungleichheit übertüncht. Ist es eine Lüge, dass das Medikament plötzlich gefährlich ist? Und warum wird das Verbot mit derart weitreichendem Aufwand durchgesetzt, mit Beschlagnahmungen, Razzien, Verhaftungen? Nur um ein paar Ältere vor dem angeblich drohenden Tod zu retten? Die Erzählerin, siebzig Jahre alt und gegenüber Veränderungen grundsätzlich wenig aufgeschlossen, reagiert skeptisch und unwillig, die Welt erscheint ihr zunehmend fremd und unverständlich. Den wahren Grund des Verbotes durchschaut sie nicht, erfährt ihn aber zufällig - und gehört mit einem Mal zur kleinen Gruppe von Privilegierten, die um den MANE-Entzug herumkommen. Eigentlich ein Glück. Aber dieses Glück verstärkt eher ihre Hilflosigkeit: Die Welt ist um eine Ungerechtigkeit reicher, gegen die man nichts tun kann. Die Not der Erzählerin ist nicht ohne Komik, und viele der Situationen, die sie durchleben muss, sind es auch nicht - nicht einmal das (gute) Ende der Geschichte.
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Seitenzahl: 376
Veröffentlichungsjahr: 2017
Der Roman beginnt mit einer unglaublichen Nachricht: MANE soll verschwinden. Dabei ist die phantastische Droge MANE das, was die Gesellschaft der Romanzeit zusammenhält – das, was den allzu zahlreichen und meist prekär lebenden Alten das Leben verschönt, zu jugendlichem Wohlbefinden verhilft und die große soziale Ungleichheit übertüncht.
Ist es eine Lüge, dass das Medikament plötzlich gefährlich ist? Und warum wird das Verbot mit derart weitreichendem Aufwand durchgesetzt, mit Beschlagnahmungen, Razzien, Verhaftungen? Nur um ein paar Ältere vor dem angeblich drohenden Tod zu retten?
Die Erzählerin, siebzig Jahre alt und gegenüber Veränderungen grundsätzlich wenig aufgeschlossen, reagiert skeptisch und unwillig, die Welt erscheint ihr zunehmend fremd und unverständlich. Den wahren Grund des Verbotes durchschaut sie nicht, erfährt ihn aber zufällig – und gehört mit einem Mal zur kleinen Gruppe von Privilegierten, die um den MANE-Entzug herumkommen.
Eigentlich ein Glück. Aber dieses Glück verstärkt eher ihre Hilflosigkeit: Die Welt ist um eine Ungerechtigkeit reicher, gegen die man nichts tun kann. Die Not der Erzählerin ist nicht ohne Komik, und viele der Situationen, die sie durchleben muss, sind es auch nicht – nicht einmal das (gute) Ende der Geschichte.
Sabine Achilles, Jahrgang 1954, lebt in Wiesbaden. Sie ist Musikwissenschaftlerin, war Musikjournalistin, arbeitete lange Jahre im Graphik-Design-Bereich. Sie begann erst spät zu schreiben, ihr Thema sind die (unerschöpflichen) Schrecken der drohenden Alterszukunft.
Sabine Achilles
Roman
Impressum
© 2017 Sabine Achilles
Lektorat: Ingeborg Mues, Berlin
Grafik, Fotos, Layout:
© Lilly Unter Ecker, Wiesbaden
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN:
978-3-7439-2224-2 (Paperback)
978-3-7439-2225-9 (Hardcover)
978-3-7439-2226-6 (e-Book)
MANE:
Schöne Neue Zeit
Es istein unmögliches Verbot, ich wusste es sofort, irrte nur, als ich es nicht für wahr hielt. Die Nachricht klang verrückt, geradezu irreal, als hätte ich nicht richtig gehört, sei nicht wirklich wach, im falschen Radiosender, im falschen Morgen. Etwas stimmte doch nicht, konnte nicht sein. Ich folgerte mit der mir gegebenen Logik: Also stimmt gar nichts. Was ich höre, ist falsch, anders falsch als der gewohnte Irrsinn der gewohnten Meldungen, etwa von traurigen Vorkommnissen, Kriegen, Konkursen, Erdbeben, Existenzvernichtungen der verschiedensten Art und so weiter, den ich gelernt habe, fraglos hinzunehmen. Ich war mir sicher: Die Nachricht ist Unsinn – und MANE nicht verboten. Öffnete, nur zur Bestätigung, NachrichtenEins und andere Portale (nie habe ich mir diese Mühe gemacht, vorher nicht, hinterher nicht). Las überall: Produktion von MANE gestoppt, Verkauf und Weitergabe verboten, Zulassung zurückgenommen, Verschreibung ausnahms- und übergangslos unzulässig, Einnahme lebensgefährlich und strafbar, die bisherigen Studien allesamt Irrtümer, Tausende nur knapp dem Tode entkommen, allem Anschein und glücklicher Verträglichkeit zum Trotz ...
MANE, das beste aller Medikamente, der Zugang zur besten aller Welten, sollte verschwinden, die Welt also untergehen? Nein – so schnell finde ich mich nicht mit Unmöglichem ab, so schnell lasse ich Erwartungen nicht fallen und meinen Wahrscheinlichkeitssinn auch nicht, schließlich ist er unentbehrlich, um durch die Tage zu kommen. Ich sagte mir: Die Einhelligkeit der Medien besagt nichts, verdankt sich bloßem Automatismus. Alle schreiben doch voneinander ab, vertausendfachen Falschmeldungen per Mausklick. Nehmen bevorzugt das Skurrile und Ungewöhnliche als Schlagzeile (ein gutes Wort!), und ein Verbot von MANE wäre nun wirklich der Gipfel der Skurrilität – auch die Richtigstellungen und unvermeidbaren Entschuldigungen werden die Bildschirme überfluten. Und die Erklärungen, die üblichen oder weniger üblichen: Vermutlich sind pharmakologische Tests falsch gelesen oder interpretiert oder ein Virus nicht rechtzeitig entdeckt und die Programme zerstört worden. Kann leicht passieren, sämtliche Prozeduren werden ja ebenfalls von Rechnern kontrolliert, die alle naselang versagen. Oder Chargen der Produktion sind verunreinigt durch grobe Nachlässigkeit oder Sabotage, und die Behörde hat die Dimension des Problems maßlos überschätzt und idiotisch überreagiert, wird in Kürze zurückrudern und anderen die Schuld geben. Oder die Nachrichten sind geradewegs manipuliert worden, Hacker in die Sendezentrale eingedrungen, alle Kanäle unter ihrer Kontrolle. Durchaus möglich. Wie oft sind schon Netzwerke kollabiert, Konten abgeräumt, Daten von Banken und Behörden verschwunden. Alles ist hoffnungslos virtuell, alles, was man sieht, hört und liest, nur mediales Als-ob, nichts mehr sicher, unverfälscht sowieso nicht. Die Welt wird immer störungsanfälliger: Ein paar Handgriffe reichen, und das Chaos ist unbeherrschbar. Und wenn gar wie in dem wunderbaren FilmBrave New TVNachrichtenzeit für einen Werbegag verkauft worden wäre – um zu zeigen, wie wichtig MANE ist? Da möchte ich nun nicht hereingefallen sein – wie angeblich all die Radiohörer beimKrieg der Welten. Irgendwann wird (davon ist auszugehen) ein großer Schabernack passieren und niemand wissen, ob echt oder nicht ...
Aber nicht heute. Das konnte nicht sein. Ich war mir sicher, heute müsste ich nur abwarten, am Nachmittag, spätestens am Abend würde der Spuk ein Ende finden, der virtuelle Unsinn geradegerückt sein.
Ich hätte kaum etwas davon mitbekommen, wenn ich nicht gleich morgens Nachrichten gehört hätte – überhaupt eine blödsinnige Angewohnheit. Durchaus riskant, mal eben einen Überblick bekommen zu wollen über den Trubel der Welt und darauf zu vertrauen, dass einen der ganze Schlamassel nichts angeht. Das kann nun mal schiefgehen, war jetzt schiefgegangen und ich unnötig gestört worden. Wirklich unnötig (auch ein gutes Wort), mir den weiteren Morgen zu verderben, der doch gerade erst angefangen hatte.
Sonst störte nichts: Ich war wie immer wunderbar ausgeruht dank des märchenhaft MANEschen Schlafs und wunderbar bereit für meinen unnützen Tag, hatte aber noch nicht einmal Tee getrunken, nicht geduscht, nicht getrödelt, nicht gelesen – nicht aus dem Fenster geschaut. Wo ich dierichtigeWelt sehe, die hoffentlich allen virtuellen Irrtümern widersteht – zu der ich zum Glück zwei Ausblicke habe in meiner winzigen Wohnung. Sowohl in den Hof wie auf die Straße. Also das übliche Ritual (diesmal in aller Entschiedenheit): Zuerst das hintere Fenster öffnen, prüfen, wie kühl es ist, über die schmuddeligen Mülltonnen hinwegsehen (der Krempel verschwindet nie), die Zweige des übriggebliebenen Baumes beobachten, mich gegebenenfalls über Wind freuen, vergeblich versuchen, in die Nachbarwohnungen zu schauen. Zur Straße hin ist es meist wärmer und natürlich belebter, der Verkehr laut und hektisch, junge Leute auf dem Weg zur Arbeit. Sie sind zu bedauern (ich vergesse es nie), haben den Tag nicht für sich. Jugend ist ein schreckliches Lebensalter, ich bin froh, dass ich es hinter mir habe. Viel schöner, am Fenster zu stehen und warten zu können – warten, bis mir die Idee kommt, meinen Tee zu trinken und frühstückend zu lesen. Zunächst das Fernsehprogramm, schöne Filme für den Abend suchen, die Krönung des Tages, dann das Buch (am liebsten eines, das ich schon kenne).
Ich wollte jetzt hier bei meinem Tee eine Stunde lesen, eine weitere später im Park und dann noch am Nachmittag zu Hause, Lesezeiten wie kleine Inseln in dem langen Tag. Ich stelle mir gern vor, ich bin ein Zeitschwimmer in einem riesigen Bassin. Eine Bahn vor: trödeln und Briefe schreiben – und zurück: drei Uhr, lesen im Park, im Café. Eine Bahn quer: eine kleine Küchenzeit, noch mal die große Bahn, der Abend.
Als ich mich für den Park fertig machte, unschlüssig angesichts der schwierigen Frage, was ich anziehen sollte (das rote Kleid wollte ich mir für den Französischkurs aufsparen, anderes gefiel mir leider nicht), und schon mal kleine Notwendigkeiten für unterwegs einpackte, rief Carla an. Das tut sie sonst nicht. Sie klang überreizt und müde, jammerte über Stress. Das war allerdings nichts Neues, sie verausgabt sich ständig in mickrigen, aber aufreibenden Jobs, klagt gerne, dass es letztlich nichts einbringt. Heute graute ihr vor einem anstrengenden Termin am frühen Nachmittag, den sie nicht absagen könne, trotz der miserablen und nicht einmal sicheren KategoriePlus-Bezahlung. Also das Übliche, dachte ich, vermutlich eine kleine Jobchance im »Plus«-Portal, dieser unsäglichen Stellenbörse für Rentner, die ihre unter die Grundsicherung gerutschten Bezüge aufstocken und die sogenannte »Ruhestandszeit« verplempern müssen für ein klein wenig »Plus«. Aber Geld war nicht das, was jetzt fehlte, sondern Schlaf. Seit vorgestern habe sie schon kein MANE mehr – typisch für Carla –, und jetzt sei ernstlich nichts mehr zu bekommen. Sie hatte nicht auf den Nachmittag gehofft, lieber gleich panisch herumtelephoniert und Apotheken abgeklappert – ohne Erfolg: Die Bestände seien nicht mehr zum Verkauf zugelassen, müssten zurückgegeben werden, in der Praxis Karst sei auch nichts zu bekommen, überhaupt nirgendwo. Ich war überrascht, hatte gar nicht mehr an das angebliche Verbot gedacht.
Sie habe die Nachricht genauso wenig glauben können wie ich, deshalb eben sofort zu telephonieren begonnen, sei hinausgerannt, um der neuen, unglaublichen Situation zuvorzukommen und irgendwo noch ein paar MANE zu ergattern, sei von den ergebnislosen Versuchen vollkommen erschöpft, wie vor den Kopf geschlagen. »Das macht mich fix und fertig, zieht mich abgrundtief hinunter.« Sie erzählte es ein drittes Mal. Ich war noch immer erstaunt. Sie auch. Nicht zu fassen, dass plötzlich ein Produktionsirrtum, ein Medizinfehler auftaucht nach so vielen Jahren, ohne dass vorher jemand irgendetwas gemerkt hat – und dass die Pharmaindustrie ein millionenfach verkauftes Medikament zurücknehmen muss, bevor es Beschwerden gibt. Das sei doch nicht möglich. Wenn sie wenigstens einen kennen würde, der krank geworden ist, wenn sie schon irgendetwas von Nebenwirkungen gemerkt oder gehört hätte, würde sie es leichter in den Kopf kriegen. Dieses Knall-auf-Fall-Verbot sei einfach zu plötzlich, das gehe doch nicht, sie müsse sich doch langsam von MANE verabschieden, wenn es wirklich sein müsste, und jetzt noch ein paar MANE bekommen, Gefährlichkeit hin oder her. Es ist offensichtlich ein himmelweiter Unterschied, ob etwas fehlt oder fehlen wird, denn dann wird esvielleichtfehlen, es ist zu glauben, dass es fehlen wird, demnächst, demnächst ist himmelweit weg. Und es ist nicht so leicht, einfach abzuwarten, wenn das Fehlen schon begonnen hat. Ich konnte Carla schlecht sagen, wir brauchen bloß abzuwarten, sie war verzweifelt und hatte angerufen, damit ich ihr helfe, das war nicht schwer zu verstehen. Ich musste ihr sagen, ich kann kommen, komme bald.
»Ich hab noch ein paar Tabletten, natürlich, ich bring dir welche, bin in 40 Minuten da.«
Ich überlegte noch, wie viele ich abgeben mochte. 10 hatte ich noch: 3 davon packte ich ein. Immerhin.
Kaum unterwegs, bereute ich die Zusage. Fand die Eile überzogen, die Drängelei unangemessen. Natürlich war es gut, dass ich zugesagt hatte, und ich hatte verdienterweise deshalb ein gutes Gefühl, aber es war doch eine unnötige Reduzierung der morgendlichen MANE-Muße. Die Tablette wird Carla ja erst abends nehmen können, die Hektik entstand allein durch ihre verzettelte Tagesplanung in vielen kleinen, aber erschöpfenden, mäßigst entlohnten Jobs, die sie ständig in Schwierigkeiten brachte und nun auch noch gehindert hatte, MANE rechtzeitig einzukaufen. Außerdem war der Wind kühler als erwartet, Müllcontainer störten auf dem Gehweg, die Straße schmuddelig, vernachlässigt, ja geradezu vereinsamt, und zu einsamen Tageszeiten fahre ich ungern Stadtbahn. Ich fürchte die wie von Geisterhand blitzschnell und geräuschlos schließenden Türen. Schon die Aussicht, die Tür mit der Bürgerkarte, die so leicht hinfällt, öffnen zu müssen, ist abschreckend. Jedes Mal bin ich erleichtert, wenn ich sitze und den kurzen Summton höre, der das Anfahren anzeigt – natürlich nur als Warnung für die Fußgänger. Es erinnert mich immer an das phantastische Zischen und Dröhnen, das in Weltraum-Filmen den Raumschiffen unterlegt wurde, wenn sie in die Schalllosigkeit fortstürzten. Was mir seltsamerweise unsinnig vorkam, als ich jung war und stolz auf mein bisschen Physikwissen – als ob sich Science-Fiction-Filme mit Physik aufhalten können.
Drei junge Frauen standen an der Station, das war ungewöhnlich für diese Zeit. Ich war froh, weil ich ihnen das Türöffnen überlassen konnte, ärgerte mich aber, weil sie rücksichtslos laut waren, sich ohne Zurückhaltung kreischend unterhielten, als bemerkten sie mich nicht, als existierte ich nicht in ihrer pubertären Tunnelwelt. Sie schrien in ihre Telys, als wäre es selbstverständliches jugendliches Vorrecht und müsste sie nicht kümmern, dass störendes Telephonieren in der Öffentlichkeit verboten ist, egal wie trendy die telekommunikativen Alleskönner auch sein mögen. Es wäre nur gerecht, wenn sie die Strafgebühr zahlen müssten, einen Moment lang habe ich sogar überlegt, ob ich mich näher zu ihnen stellen sollte, damit die Überwachungskameras besser aufzeichnen konnten, dass sie andere Fahrgäste belästigten. Wollte dann die Kränkung lieber wegstecken: Warum achte ich überhaupt auf die Herablassung von pubertierenden Schreihälsen, hinterher komme ich mir noch alt vor mit meinen gerade mal siebzig Jahren.
In der Stadtbahn wurden sie still: Aha, sie wissen, wo Überwachung zu fürchten ist. Jetzt war es mir zu ruhig, ich fühlte mich, wie immer, einen Moment unbehütet in der fahrerlosen Bahn.Das menschliche Risiko können wir uns sparen: Warum kann ich diese dumme Werbelüge nicht vergessen. Auch nicht:Selbst die Sonden zum Mars brauchen keinen Piloten. Und:Früher hat es sogar in den Aufzügen Fahrstuhlführer gegeben.Früher, als Arbeitskräfte noch nicht überall fehlten,jetztmuss ich wie im Blindflug durch die Stadt fahren.
Als ich aus dem Fenster schaute, war die Innenstadt, in der ich nun einmal wohne, schon verschwunden, alles bunt gegeneinander Gewürfelte wie weggezaubert auf der langen Zubringerstraße, die in umständlichen Kreisen auf den »Neues-Wohnen«-Komplex führt. Carla kann ja nicht wie andere in der Innenstadt leben, erträgt dort nicht das Chaos (ausgerechnet sie, die im permanenten Zeitchaos lebt), macht sich schwer erreichbar in ihrem wohlgeordneten Vorstadtghetto, was ihre Planungen entschieden kompliziert. Aber wozu soll etwas einfach sein, Hauptsache, es lärmt nicht vor der Haustür, dafür darf alles andere umständlich werden.
Der Weg kam mir noch länger vor als sonst, die Straße öde wie die wuchtige Häuserfront, die endlich auftauchte. Ein Schachtelgebirge, grau in grau, ohne Anzeichen von Besiedelung. Das Grau geriet in Bewegung, wenn die Wolken die Sonne freigaben, wurde von feinen Schattenmustern überzogen, die wanderten, an einigen Stellen ins Grau zurücksackten, an anderen neu aufgebaut wurden. Die Steine leben immerhin, habe ich gedacht. Im Näherkommen wurden sie starr, schmutzig starr irgendwie, als wäre etwas Schwarzes von den Schatten hängengeblieben oder etwas Abgelebtes, als hätte »NeuesWohnen« der Benutzung nicht standgehalten, wäre im Zeitraffer gealtert, von Geisterhand angeschmuddelt worden.
Vollkommen einsam stand ich dann auf der Straße, mit dieser Verlassenheit hatte ich nicht gerechnet. Sind plötzlich alle Bewohner verschwunden? Nicht einmal Überwachung war erkennbar. Carla muss mutig sein, hier abends allein entlangzugehen. Die Orientierung war wie so oft ein Problem, die originell verschachtelten Wohnkästen, die sich durch geometrische Eigenheiten voneinander absetzen sollen, kamen mir so gleichförmig vor, ich war unsicher, in welchem Teil des Musters Carlas Wohnung lag. Ich war doch noch vor ein paar Monaten hier gewesen, warum erinnerte ich mich nicht? Mein Tely ortete nur, dass ich vor dem Block stünde, zu dem ich wollte, die elektronische Auskunftsbox war außer Betrieb, vielleicht mutwillig zerstört, worüber ja so viel zu lesen ist. Es gibt hier auch nichts anderes, was man kaputt machen könnte. Um die Wohnungsnummern zu erkennen, hätte ich zu den einzelnen Eingängen laufen müssen, da versuchte ich mich lieber in Geometrie. Ich musste die Einheit finden, bei der ein sehr Spitzwinkliges in ein Rundes stößt, ein Doppelrundes genaugenommen, die bedrängte Acht. Carla hatte es mir stolz erklärt, sie findet es großartig, dass ihre Einöde sich präsentiert wie ein Erkennst-du-die-Form. Dadurch sei den Architekten gelungen, den Komplexen etwas »Individuelles« zu geben. Als ob die ausgeklügelte Formierung nicht alles Individuelle schlucken würde!
Sie begrüßte mich fröhlich. Das kann sie gut. Sie hat eine nette Art zu lachen, sagt immer etwas Aufmunterndes. Entweder sehe ich gut aus oder strahle eine wunderbare Ruhe aus oder mache den Tag freundlicher. Heute war ich ihre Retterin, einfachriesig lieb. Sie schien auch nicht mehr so abgespannt, hatte Gläser und Saft auf den Tisch gestellt – alle sind als Gastgeber tüchtiger als ich –, aber blass sah sie aus, alt und müde. Ich hätte am liebsten gesagt, du bist ja total ausgebrannt, siehst krank aus, was machst du bloß für einen Unsinn, wofür halst du dir soviel Kram auf, du ewig umständliche, schlecht organisierte Carla, so kann das doch nicht weitergehen ..., fragte aber nur sehr vorsichtig (wie ich dachte): »Musst immer noch so viel arbeiten, nicht?«
Sie war sofort verstimmt, hatte natürlich verstanden, warum ich so anfing. »Also weißt du, müssen, natürlich muss ich nicht, also amtlicherweise, ich muss als Leistungsberechtigte mit 73, jetzt hab ich dieses grässliche Wort in den Mund genommen, also auch in meinen Verhältnissen muss ich mit 73 nicht mehr arbeiten, verpflichtet werde ich zu nichts mehr, aber ...«
»Nein, das mein ich doch nicht, entschuldige, das weiß ich doch, du musst dich doch nicht verteidigen, im Gegenteil, ich komm mir ja richtig faul vor neben dir, hab nur fragen wollen, ob du dich nicht mal ausruhen kannst, ab und zu wenigstens.«
Sie nickte sehr langsam, als sei Antworten eine ziemliche Zumutung. »Okay, ich versteh, du hast ja recht. Ab und zu mal eine Pause wäre vernünftig. Aber aufhören geht nun mal nicht. Wenigstens ein bisschen Zuverdienst muss sein. Und das ist eben nicht einfach. Den kleinen Jobs muss man ordentlich hinterherlaufen und immer am Ball bleiben, das läppert sich sehr mühsam, da habe ich Angst, Kontakte zu verlieren. Ehrgeiz habe ich keinen mehr, falls du das befürchtest. Ich arbeite nur noch wegen der kleinen Begehrlichkeiten, also für die, die zu klein sind, um darauf zu verzichten, wie es der blöde Kalauer ausdrückt. Um mehr geht es nicht. Ich wundere mich ja selber, wie schwierig das ist, wirklich, ich wundere mich Monat für Monat, dass ich es nicht besser hinkriege, nicht besser organisieren kann. Aber die Terminplanung entgleitet ständig. Alles wird andauernd durcheinandergeworfen, Treffen verschoben, dafür ausgiebig angerufen, zusätzliche Besprechungen verlangt und zusätzliche Änderungen, und jedes Mal muss ausführlich über Persönliches geredet werden. Es nimmt einfach kein Ende.«
»Persönliches?«
Die Frage war auch nicht recht, heute traf ich einfach nicht den richtigen Ton. »Entschuldige, wenn ich nerve«, sagte ich mit betont sanfter und fürsorglicher Stimme, »für mich ist das rätselhaft: Du verdienst praktisch nichts, verlierst aber alle Zeit, kann man das nicht irgendwie ändern ..., was sind das überhaupt für Jobs?«
Jetzt war sie wirklich verlegen. »Wir haben tatsächlich schon einmal darüber gesprochen, als Möglichkeit allerdings, als Job-Möglichkeit, ich meine, wir haben über die Schwierigkeit gesprochen, überhaupt etwas zu finden – und eigentlich weiß ich immer noch nicht, ob ich das erzählen soll« – sie lachte ihr nettes Lachen ein bisschen gequält –, »aber na gut: Ich arbeite jetzt in der Abteilung Bekanntmachungen im Todesfall.«
Jetzt war es raus, nun lachten wir beide. »Das ist doch gut, dieser Berg an Arbeit wächst unaufhörlich und nimmt kein Ende.«
»Ja, es gibt wunderbar zahlreiche Anwärter auf meine zukünftigen Bekanntmachungen.«
»Die Verlässlichkeit und Vorhersehbarkeit künftiger Aufträge ist nicht zu übertreffen.«
»Stimmt, gut, dass du das einsiehst. Und eigentlich ist es eine angenehme Arbeit, einfach und sogar problemlos. Die Leute sind dankbar, wenn man bei der Anzeige hilft, eine Idee hat, dass es nicht so banal aussieht oder gleich kitschig. Ganz wunderbar eigentlich, aber es wird eben schnell persönlich. Und persönlich heißt, dass du endlos zuhören musst und niemanden vor den Kopf stoßen und sagen darfst, du hättest jetzt keine Zeit mehr. Und« – sie zögerte wieder –, »also dann mach ich noch etwas, das kommt mir jetzt wirklich wie eine Beichte vor, also sag nicht gleich, dass ich damit aufhören soll ... «
»Jetzt stellst du dich ein bisschen an, und zwar vollkommen unnötig.«
»Okay, also was wirklich zu viel ist, ist die Arbeit im vvv, du weißt, demvivatvirtuell, dem überdimensionalen wahnwitzigen Erinnerungsportal. Ich hab mich überreden lassen, es ist nun mal passiert, und ich kann nicht gleich wieder damit aufhören – und bevor du weiterfragst, es gibt dafür tatsächlich nur dusselige Gutscheine, die nehm ich einfach an, ich bin für nichts mehr zu stolz.«
»Wieso dusselig, und was heißt schon: stolz, sind doch beliebt diese ... Also Nachrufe sind das ja nicht mehr, diese RememberMe’s oder Was-du-mir-bist oder Die-Zeit-mit ...«
»Ja, wahnsinnig beliebt, man wird lästiger- und überflüssigerweise permanent heimgesucht von diesem Zeug. Weiß ja schon nicht mehr, wohin damit, falls man sie speichert natürlich. Und haben noch viel blödere Namen, etwa ‘Was-die-Freundezum-Abschied-sagen’ oder ‘Alles-was-ich-über-Katharina-weiß’ oder ‘Was-ich-dir-noch-zu-sagen-habe’ und so weiter. Sollen ja originell klingen, nach interessantem Leben ausschauen und nach großer Zuneigung natürlich. Funktioniert aber selten, und originell ist schon gar nichts. Eigentlich nicht auszuhalten. Die Lebensbeschreibungen werden vollgepackt mit ach so wichtigen Daten und Vorkommnissen, die sich leider niemand wegzulassen traut, und heraus kommen die üblichen Muster.Schon in der Schulebegann irgendetwas, es gibtden besten Freund, die große Liebe, Urlaubsbilder wie aus dem Katalog gebucht, die ewigen ‘lustigen’ Schnappschüsse, die munteren Geselligkeiten, die Freunde, die Familie, alles bemüht individuell und doch fast auswechselbar. Bei allem spürt man: Wir haben richtig gelebt undmüssen es beweisen. Das ist furchtbar. Traurig sowieso. Letztlich bleiben es ja Nachrufe.
Ich kann den Leuten nicht einmal die abgelutschten Floskeln ausreden wie Abschiednehmen, Vorüberziehenlassen des Lebens, Antreten des letzten Teils der Reise und so weiter. Mir bleibt da wirklich nichts erspart. Wenn ich schließlich ein Format so hingekriegt habe, dass es tatsächlich aussieht wie tausend andere, sind die Leute absurderweise zufrieden, halten es für gelungen. Immerhin mildere ich die Peinlichkeit, das krieg ich hin. Was soll’s. In gewissem Sinn ist es eine dankbare Aufgabe, aber lohnend ist sie nicht.«
Ich sagte natürlich, dass ich die Arbeit großartig fände, sie doch notwendig sei und Sinn habe, doch, doch, Sinn, und viel abwechslungsreicher sei, als sie mir weismachen wolle. So gleichförmig könne es doch nicht sein, vermutlich sogar manchmal interessant – und dass sie mir mal Beispiele zeigen solle, bei Gelegenheit.
Sie war jetzt entspannt, vermutlich sogar froh, dass ich gefragt habe. Gut, es erzählt zu haben. Gut, sich einmal den Überdruss von der Seele zu reden, gut, dass ich so erholsam widersprochen habe. Ich sagte nichts mehr über Kürzertreten und schon gar nichts über ihr schlechtes Aussehen, bekam noch das letzte Bild ihrer Enkeltochter zu sehen, »meine Güte, das Mädchen ist schon 18«. Aber ich merkte auch, dass sie sich nun beeilen musste. Leider schaute ich, schon fast an der Tür angekommen, noch auf die angegilbten Wände. Carla reagierte sofort, erzählte, dass nächstes Jahr renoviert werden solle, und zwar fachgerecht von Leuten, die ordentlich nach KategorieZwei bezahlt würden. Einfach unnötig, dass ich so blödsinnig auf die Wände starren musste, ich hatte es doch auch geschafft, nicht auf die Unordnung zu achten, weiß doch, dass sie Monate auf einen neuen Staubsauger und Jahre auf Handwerker warten muss, dass die sogenannte Hausverwaltung die halbe Stadt betreut.
»Ach, die Tabletten«, darüber war ja noch zu reden, schnell zum Abschied,keine Ursache, einfach selbstverständlich, in ein paar Tagen ist dieses absurde Verbot wieder rückgängig gemacht, spätestens in einer Woche, man soll ja mit dem Schlimmsten rechnen, oder es gibt ein Ersatzpräparat. Oder wir entdecken was Besseres. Und überhaupt.
Sie winkte mir aus dem Fenster nach, das war wirklich nett. Und ich hätte ihr 4 Tabletten geben müssen. Mindestens.
30 Minuten auf die nächste Stadtbahn zu warten ist eine lange Zeit in dieser Unwirtlichkeit. Also entschied ich zu laufen, allerdings in Richtung Altstadt, nicht so weit wie zu mir nach Hause, dennoch ein langer, eintöniger Weg. Aber ich würde die Fahrkarte sparen und schnurstracks auf Licis Bistro zugehen, das ich so liebe, und hätte genügend Zeit, mir den ganzen ermüdenden Weg lang einzureden, die Ersparnis dürfe mit einem Besuch bei Licis belohnt werden. So ein Zugeständnis muss man sich doch ab und zu erlaufen dürfen! Ich hatte mir schon lange nicht mehr eingeredet, dass es sein dürfe, war so lange nicht mehr dort gewesen – eine schöne Zeit damals, als ich ganz selbstverständlich dorthin gehen und wohl alle mir wichtigen Menschen dort treffen konnte.
Es war unruhiger als erwartet, als ich mit bleiernen Beinen ankam. Ich war durchaus enttäuscht, offenbar war bereits Mittag und die besten Tische waren von den Päuslern besetzt. Seltsam, dass noch immer zu ungefähr derselben Zeit ungefähr alle Menschen ihren Hunger einplanen und hordenmäßig hinausströmen zu dieser Versorgungsbetriebsamkeit. Die Wählbarkeit der Arbeitsabläufe müsste das doch längst geändert haben. Hat sie aber nicht, Licis Bistro war lärmend voll, dazu ständiges Kommen und Gehen, die Päusler telephonierten, redeten, diskutierten, Kontroverses wurde über die einzelnen Tische hinaus ausgetragen, ein anstrengendes Durcheinander, für mich jedenfalls.
Und von dem hitzigen Gerede war auch das meiste mitzubekommen, das Thema lästigerweise MANE, und lästigerweise schienen alle von der Richtigkeit des Verbots überzeugt. Unfreiwillig musste ich mitanhören:
... unglaublicher Pharmaskandal ... kriminelle Täuschung der Öffentlichkeit ... Blamage der medizinischen Forschung ... Aufdeckung in letzter Minute ... conterganmäßige Konsequenzen ... Notwendigkeit harten Durchgreifens ... logistische Herausforderung der Behörden ... mafiöse Strukturen der Hintermänner ... Stress für die Berufstätigen ... finanzielles Desaster ... und so weiter.
Nicht auszuhalten diese dreiste Bescheidwisserei. Ich fand einen Platz an der Straße, nicht gerade schön, aber ausreichend abseits, mit Blick auf den angrenzenden Parkplatz. Macht nichts, dachte ich, Hauptsache, ich muss den Blödsinn nicht mehr hören. Es reicht doch, alles im Auge zu behalten, dieses seltsame Treiben der jungen Leute. Alle schienen in Eile, aßen und redeten hektisch. Die Kleidung auffallend grellfarben, gelb, orange, lindgrün, auch die der Männer. Eine alberne Mode, ein lächerlicher Kontrast zu der freudlosen Hektik. Erholt euch doch in eurer Pause, hätte ich ihnen am liebsten zugerufen. Tat ich natürlich nicht, schaute den Vorübergehenden einfach stumm ohne Zurückhaltung ins Gesicht. Das kann ich inzwischen: schauen, ohne damit rechnen zu müssen, dass jemand zurückschaut.
Ich entspannte mich an diesem tarnkappenmäßigen Nischenplatz, fühlte mich sogar wohl – bis das Husten begann. Ein widerliches, sich der Erstickung abtrotzendes Husten, ein für ein Lokal vollkommen unmögliches Husten, zu unmöglich für Mitgefühl. Der Huster musste in meiner Nähe sitzen, sich vielleicht gerade dort hingesetzt haben, höchstens zwei, drei Tische entfernt, irgendwo hinter meinem Rücken. Ich wollte Geduld haben, darauf hoffen, dass es aufhörte, wurde leider hartnäckig enttäuscht. Wollte mich dann doch lieber umsetzen, passte auf, ob nicht ein Tisch frei wurde. Aber als ich mich umdrehte, um meine Sachen zusammenzusuchen, erkannte ich Veronika, wirklich nur zwei Tische weiter, und sie saß neben ihrem Mann, dem Huster – furchtbar. Er war aschfahl, missmutig und anscheinend grob zur Bedienung. Veronikas Gesicht war wie versteinert, sie hatte Mühe, die Fassung zu wahren, das war zu sehen, quälte sich zu einem verzerrten Lächeln. Wie hält sie das aus.
Ich winkte, und sie winkte zurück, hatte mich wohl schon bemerkt. Mir fiel gleich ein, dass wir kaum noch Kontakt hatten, ich schon ewig nicht mehr eingeladen worden war, dass sie unmöglich erwarten konnte, dass ich jetzt aufstand, sie zu begrüßen, sie und ihren Hustenmann. Es kann ihr gar nicht recht sein, wenn ich das jetzt tue, sie ist im Moment doch überfordert, die Situation gar nicht auszuhalten, ich muss erst mal abwägen, was wirklich freundlicher wäre. Und sie wird ohnehin bald gehen wollen, anderes ist nicht möglich, ich will sie auf keinen Fall aufhalten, werde ihr eine Mail schicken, heute Nachmittag ... Ich blieb sitzen, wartete, bis sie ging. War erleichtert – und winkte, winkte, winkte.
Behielt den Platz (wozu sollte ich ihn jetzt noch tauschen), freute mich, dass auch die Diskutierer verschwanden und es ruhig wurde – und das Gefühl zurückkam, Zeit zu haben. Ein unsinniger Gedanke, ich weiß, einer der Irrtümer, die mich überleben werden: dass mir die Zeit gehört, sobald ich allein bin. Und es am schönsten ist, wenn ich rein gar nichts mit dieser Zeit anfange. So wie jetzt. Früher habe ich so oft hier auf diese Weise gesessen, dachte ich, weiß eigentlich gar nicht mehr, wie lang es her ist. Und was aus den alten Freunden geworden ist. Ich wusste noch: Veronika saß zuletzt am linken hinteren Ecktisch und ich neben ihr, zehn Jahre werden es schon her sein, sie wird ein neues Kostüm angehabt haben, hat ja immer so ausgesehen, als hätte sie ein neues Kostüm an, war vermutlich vielbeschäftigt gewesen, wie es ihre Art war – und wie einflussreiche Leute eben vielbeschäftigt sind. Und verabredet waren wir nicht, haben uns zufällig getroffen, das wird so gewesen sein, Verabredungen mit ihr waren eine seltene Gunst gewesen. Keine besondere Freude, daran zu denken. Warum fällt mir nichts Besseres ein. Warum ausgerechnet Veronika, ich war doch gerade froh, dass sie verschwunden ist. Und wünschte sie wieder weg und ein paar andere gleich mit, die Platz nehmen wollten auf den leeren Stühlen. Auch Bodo, der so oft hier gewesen ist, immer mit Blick auf den Außenhof, immer irgendwie unzufrieden über irgendetwas. Auch Mona, die vierundzwanzig geblieben ist. Dieses Wann-war-das hat seine Tücken, eine falsche Erinnerung, und es ist nur noch deprimierend. Ich sollte auf der Hut sein. Und aufpassen (ich sagte es mir nicht zum ersten Mal), dass ich mir nicht eines Tages vorkomme wieSoundsoaus dem FilmDie eine Stunde, der auf einer Parkbank das Leben »Revue passieren« lässt. Die Formulierung ist furchtbar, würde Carla sagen, aber sie passt: Das sogenannte Leben erscheint ihm vor dem inneren Auge in kleinstteiligen Rückblenden, zieht kaleidoskopartig vorbei, teils euphorisch bunt, teils feinsinnig schwarz/weiß, teils freundlich hell, teils düster verhangen, alles wunderbar komprimiert im filmischen Zuschnittin einer Stunde. Unglaublich, wie viel Zeit in jeden Augenblick passt – nachträglich. Und wie tiefsinnig Musik das Ganze zusammenhält. Natürlich Brahms. Und zwitschernde Vögel im Hintergrund, damit niemand vergisst, dassSoundsonoch nicht seinen Hintern von der Parkbank wegbekommen hat ... Eine Farce, das Ganze!
Allerdings – und der Gedanke tat nun gar nicht gut –, würde ich so eine hübsche, rührende Farce überhaupt hinbekommen? Carla natürlich ja, aber was würde mir denn einfallen, wenn ich bewusst zurückdenken wollte, was war denn zum Beispiel letztes Jahr, das Jahr davor und so weiter. Was weiß ich noch davon, wo sind die Bilder, die mir jetzt durch den Kopf rauschen müssten ... ich meine, die richtigen, nicht die lästigen falschen? Und passen sie überhaupt zusammen, irgendwie, gibt es einen roten Faden, habe ich die Chronologie auch nur einigermaßen im Kopf? Nein, alles aus der Zeit gefallen, zersprenkelt, würde vielleicht nicht mal reichen für die eine Stunde. Brahms würde ich auch brauchen, mehr als Soundso, es fehlt ja jeder Kitt zwischen den Bildern. Nein, ich muss mich nicht hüten vor dem Erinnern (oder aus ganz anderem Grund), Soundso bin ich nicht, Carla bin ich nicht, kann da ganz unbesorgt sein. Wovor ich mich hüten muss, ist hocken zu bleiben, wo auch immer, das ist es. Ich habe ja keinen Regisseur, der mich retten wird nach einer Stunde (so melodramatisch, Soundso sterben zu lassen, ist der Film nicht), mich belohnen mit Brahms, mit zwitschernden Vögeln. Niemand wird mir helfen bei der banalen Frage, wie lange, wann nicht mehr, was dann ..., ihr ist nicht zu entkommen, es bleibtdieEntscheidung. Immer.Jetztim Licis zum Beispiel. Mich muss mein Tagesplan retten (dazu ist er da) und der Blick der Bedienung (sitzt sie immer noch hier?).
Was hatte ich denn verpasst bisher? Park, Lesen im Grünen? Dank Soundso nun besser nicht nachzuholen. Besser anders durch den falsch angebrochenen Tag kommen. Für eine geübte Zeitschwimmerin sollte das kein Problem sein, zumal bereits Nachmittag war, fast schon Zeit für die Rückwärtsbahn, nur eine kleine Weile noch bis zum Abend. Klug wäre es, zu Hause den morgigen Kurs vorzubereiten – aber dazu war der Tag entschieden zu anstrengend gewesen. Heimwärts zu gehen allerdings das einzig Richtige, alles andere zu viel. Am besten einen Umweg wählen (eine gute Idee!), am besten langsam und schlendernd, mir dabei so viel Zeit lassen, dass ich zu spät ankomme, um noch etwas anfangen zu müssen. Zu Hause nur noch eine kleine Atempause Abstand zum Genug-für-heute zu haben wäre das Ideale. Genug-für-heute ist nun mal das Ziel.
Mit diesem schönen Ziel vor Augen stand ich schließlich auf, nahm den Weg über die Altstadt mit den kleinen Läden. Nicht um irgendwo hineinzugehen, wozu sollte ich das tun, verkauft wird doch nur unnützer Kram, der einem vorkommen will, als müsste man ihn haben. Besser nur vorbeigehen, mich wie immer wundern, dass es noch so viele Geschäfte gibt, dass sie sich halten können. Einige stehen dort seit Jahrzehnten, es kommt mir vor, als sähe ich immer die gleichen Leute hinter den gleichen Schaufenstern sitzen, womöglich noch mit dem immer gleichen Kram. Ob wenigstens ein kleiner Gewinn herausspringt? Auf den sie vielleicht angewiesen sind? Ich kann die vielen alten Gesichter in den Läden schlecht fragen – wie ich Carla fragen konnte –, ob sie hier sitzen »müssen« oder nur wollen. Egal, alle mühen sich offenbar langweiligerweise, wie sie es schon immer gemacht haben, alles ist irgendwie auf dieselbe Weise vergeblich.
Allerdings, eine Veränderung gab es doch, einNeugesichtungLaden hatte aufgemacht. So weit ist es ja gekommen, dass die Retuscheure sich nicht damit begnügen zu kaschieren, sondern gleich anbieten, neue Gesichter und Figuren einzufügen. Im Laden waren sogar zwei junge Köpfe zu erkennen, neben den alten allerdings, wahrscheinlich wird in dieser Branche also wirklich Geld verdient. Die Jungen hatten sich in ihrer schrulligen Aufmachung den Alten angepasst, es sah aus, als hätten die drei einsamen Schützen aus den Akte-X-Filmen doch noch Kinder bekommen und ein Familienunternehmen gegründet. Hier könnte ich also für den Gegenwert dreier Monatsrenten mich oder irgendjemanden in alte Filme oder Serien einkopieren und die Partie eines Darstellers übernehmen lassen als ultimatives Karaoke.
Ich weiß, dass die Ergebnisse nicht das Geld wert sind, schon die Reklamesequenzen erinnern an die alten bemalten Stellwände mit Gucklöchern, in die fremde Gesichter passen, an die Millionen Postkarten, die früher mit diesen Scherzbildern unterwegs waren. Der Absender schaut aus dem Rumpf eines Schiffes oder dem Cockpit eines Flugzeugs, irgendwie einsam grüßend. Aber das war damals nicht teuer gewesen, glaube ich jedenfalls.
Es hing eine Liste der Filme aus, die im Angebot waren, lang war sie nicht, sogar ein ziemlich eingeschränktes Angebot. An erster Stelle die Ankündigung einer neuen Staffel derMagischenFünf. Ich erinnerte mich, ich hatte gelesen, es sei eine Art Fünf-Freunde-Fortsetzungsabenteuerei im Geiste Enid Blytons, nur dass der Hund ein jüngerer Darsteller ist und die Freunde so aussehen müssen, als seien sie über neunzig. Das soll der Witz sein, dass die Gesichter der Schauspieler so alt wie möglich und die Körper rundum jugendlich brauchbar erscheinen zum ganz besonderen Vergnügen eines alt gewordenen Publikums. Natürlich sind die Darsteller von Anfang an austauschbar oder einretuschiert. Auf dem Plakat erkannte ich ehemalige Sportler, die früher sehr populär waren und noch lange in den Reklamepausen herumgeisterten, auch über ihren Tod hinaus. Geradezu makaber, wie sie immer wieder auferstehen mussten und nun auch noch Platzhalter spielen sollten in diesem Serienklamauk.
DieAllesPasstLäden haben immerhin einen Anflug von Brauchbarkeit, es ist nicht vollkommen nutzlos, sich rundumvirtualisierenzu lassen, um problemlos online kaufen zu können, jedenfalls mit dem Alles-passt-Versprechen. Dann könnte ich mit meinem abgemessenen Modell auf dem Bildschirm herumspielen, mir vorführen lassen, wie ich in der und der Klamotte aussähe, wenn ich eine Treppe hochhaste, auf einem Stuhl sitze, dieses: ganz-von-vorn, von-hinten, mal rot, mal blau. Oder irgendwann einmal die »landschaftsdurchfluteten« Entspannungsräume aufsuchen, das richtige Atmen einüben und Bewegungsgymnastik machen zum Meeresrauschen – bei Erkältungen in der Wüste, bei Verspannungen auf einem schaukelnden Boot im Ozean.
Aber es ist ja alles so unsäglich teuer. Unsäglich, weil ich das Geld nicht habe und es für einen solchen Spaß nicht aus dem Fenster werfen kann und weil es ja nur eine Vorgaukelei von etwas ist, das ich in Wirklichkeit nicht bekomme. Und weil ich mir vermutlich nicht einbilden will, auf einem Boot im Ozean zu treiben, weil ich nicht genug guten Willen habe, das ganze Theater vorübergehend für echt zu halten.
Ja, wenn die virtuellen Räume so perfekt wären wie die Holowelten in den alten Star Trek-Filmen, würde ich schon Lust haben, aber da ist ja ein himmelweiter Unterschied. Und was nicht gelungen ist, ist ohnehin überflüssig. Ich kann ja gar nicht anders als unwillig sein, es fällt mir immer wieder ein, spätestens auf halbem Wege.
Den weiteren ging ich also unwillig, von der Unbrauchbarkeit alles Angebotenen überzeugt – bis ich Mira sah, die im Stadtcafé saß und mich leider auch erkannte und hineinwinkte. Da konnte ich nicht nein sagen. Sie saß gebückt und pummlig an einem kleinen Tisch, hatte einen Spaziergang gemacht wie ich, schwärmte für die kleinen, runden Törtchen und lud mich zum wiederholten Mal eindringlich ein, sie zu besuchen. Ohne einen Anflug von Lächeln in ihrer Mimik redete sie unbehaglich ernsthaft vondiesen seltsamen Zeitenund wie wichtig es sei, alles von meiner Tochter zu wissen. Allerdings seltsam, habe ich gedacht, meine Tochter und die gegenwärtige Zeit, das passt nicht zusammen, und wozu diese Hartnäckigkeit. Sie wollte Photos von ihr haben, möglichst viele aktuelle Bilder, und ich sollte alles über sie erzählen. Ich sah keine Möglichkeit, schon wieder abzulehnen oder es hinauszuschieben, versprach am Samstag zu kommen,mussteversprechen, am Samstag zu kommen. Mira blickte prüfend, als ob sie an der Ernsthaftigkeit meiner Zusage zweifelte, sagte leise: »Das ist gut, dass du endlich kommst.«
Mira war zu viel gewesen, ich war erschöpft, war sie leid – alle: Carla, Veronika, Mira und die ganze unbrauchbare Kunterbuntheit der Stadt – ging dann geradewegs nach Hause, wollte niemandem mehr begegnen, ungestört bleiben, mich erholen, endlich zu meinem Abend kommen.
Enno rief an, tatsächlich, ein Sohnesanruf mitten in der Woche. Er hat auch gleich beruhigt, es sei nichts passiert, bei ihm alles in Ordnung, er wolle nicht einmal jammern, nicht über die Zeit, die fehle, nicht über die Arbeit, die zu viel sei, er rufemeinetwegenan (tatsächlich!), weil er Angst habe, ich würde gleich MANE absetzen und mich dann schlecht fühlen. So weit hatte ich noch gar nicht gedacht.
»Mach dir erst mal keine Gedanken.« (Tue ich doch nie.)
»Nimm die MANE einfach weiter, die du noch hast.« (Das hatte ich ohnehin vor.)
»Erzähl es niemandem.«
»Nein?«
»Nein. Ich komm demnächst vorbei, sobald ich Zeit habe, erklär dir das dann persönlich. Im Moment ist nur wichtig: Kauf auf keinen Fall Zeug auf irgendwelchen Online-Kanälen oder sonst wo auf dem Schwarzmarkt, das funktioniert nicht, ist nutzlos und gefährlich, und du hast gleich die Polizei auf dem Hals. Wenn du Probleme hast, wende dich an mich, an sonst niemanden.«
»Schwarzmarkt, Probleme, Polizei? Aber Enno, das klingt ja verrückt, meinst du das ernst?«
»Ja, auch wenn es zugegeben verrückt klingt. Ich mach mir ernsthaft Sorgen, umdich, meine ich, deshalb rufe ich extra an. Dir ist vermutlich noch nicht klar, dass man im Moment sehr vorsichtig sein muss. Der Kampf um die letzten Reserven von MANE hat begonnen, ungeachtet der angeblichen Gefährlichkeit. Oder auch wegen der angeblichen Gefährlichkeit. Ein hektisches, unübersichtliches Gerangel ist im Gange, da muss man sich unbedingt raushalten, nicht auffällig werden. Das ist extrem wichtig. Stell dir vor, sogar die, die vor dem Verbot Packungen per Versand bestellt haben, bekommen jetzt unfreundlichen Besuch, die Tabletten werden einfach beschlagnahmt. Es hat reihenweise Hausdurchsuchungen und Verhaftungen gegeben, Apotheken und Praxen werden systematisch kontrolliert. In Ruhe gelassen werden nur die Privatpersonen, die kleine Mengen gekauft und bar bezahlt haben. Gut, dass du dazu gehörst.«
»Bist du sicher, dass du nicht übertreibst?«
»Bin ich.«
»Ist doch alles ein bisschen irreal? Ich meine, wenn du nicht angerufen hättest, würde ich mir überhaupt keine Gedanken machen, aber nun ...«
»Ich habe angerufen, damit du dir keine Hausdurchsuchung oder dergleichen einbrockst, alles andere soll dich nicht beunruhigen.«
»Nein? Die Resttabletten einfach aufbrauchen, aber auf keinen Fall versuchen, MANE irgendwo zu kaufen?«
»Genau. Gut, dass du noch welche hast. Das beruhigt mich sehr. «
»Okay, wenn du meinst, höre ich ja gerne und hatte es ohnehin vor, also eigentlich noch gar nicht darüber nachgedacht ... aber jetzt frage ich mich ...«
»Musst du nicht.«
»Ich würde aber schon ganz gerne verstehen, wieso jetzt so ein Wirbel um das Verbot gemacht wird, wieso die geballte Staatsmacht im Einsatz ist – bei all den Alkohol- und Nikotintoten hat es so was nicht mal ansatzweise gegeben.«
»Mama«, sagte er, nun deutlich genervt, ein ungeduldiges, nachsichtig-herablassendesMama. »Lass dich doch nicht von dem aufgebauschten Aktionismus irritieren, warte, bis ich Zeit habe, darüber zu reden, bitte. Und Vergleichbares hat es durchaus schon gegeben. Das Theater um Haschisch zum Beispiel, Haschisch ist doch wirklich nicht zwangsläufig todbringend gewesen, nicht einmal Kokain oder Marihuana. Und die Prohibition im vorigen Jahrhundert in Amerika. Alles völlig bescheuert. Das weißt du doch. Und ich muss dir hoffentlich nicht die medizinischen Irrtümer der letzten Jahrzehnte aufzählen, dafür habe ich nun wirklich keine Zeit. Und eine Liste der Todesfälle ist noch immer nicht veröffentlicht, wäre ja auch einfach zu aufwändig. Und überhaupt: Wann haben Behörden schon mal angemessen reagiert, gewohnheitsmäßig vertuschen die doch und leugnen, solange es geht. Jetzt wird im Gegenteil mit Paukenschlag verboten, das ist genauso verdächtig. Also bitte, das müssen wir jetzt nicht diskutieren.«
Natürlich nicht, als Mutter soll man sich hüten, auf die Nerven zu fallen, und eigentlich liegt mir Nachfragen ohnehin nicht. Die Situation ist eben verwirrend, der Anruf meines Sohnes deshalb seltsam und unverständlich. Hat er wirklich Angst gehabt, ich könnte mich in den Schwarzhandel stürzen und Ärger mit der Polizei bekommen? Das würde zu seiner Ängstlichkeit passen – dass er mir rät, MANE weiterhin zu nehmen, obwohl so massiv die Gefährlichkeit behauptet wird, allerdings nicht. Ich muss das jetzt nicht wichtig nehmen. Irgendwann fangen die Kinder eben an zu sagen, »Mach dir keine Sorgen«, und erklären nicht, warum, und behalten die Erklärungen für sich oder vertrösten auf später. Das war jetzt vielleicht soweit und ich nicht geistesgegenwärtig genug. Ich wechselte lieber das Thema, fragte nach Mäxchen und den üblichen Schwierigkeiten. Und das heißt: nach der Zeit, die man nicht hat, für nichts und gar nichts, vor allem nicht für sein Kind.
»Alles okay, Mama, Mäxchen macht überhaupt keine Probleme, wir sind das Problem, wie immer, mit unserer verdammten Überlastung. Wir kommen zu nichts, schaffen so gerade die Arbeit, und wenn nicht irgendetwas passiert, wird es immer so weitergehen. Und im Moment ist kein Land in Sicht, nicht abzusehen, dass sich da etwas ändert. Vielleicht müssen wir sogar froh sein, wenn es so bleibt, wie es ist, könnte ja sein, dass wieder ein Kollege ausfällt und es irgendwann überhaupt keinen Urlaub mehr geben wird und der allerletzte Rest an Freiraum verschwindet. Wir sitzen abends todmüde auf dem Sofa, wirklich, sind vollkommen ausgelaugt und träumen von Arbeitszeitreduzierung, vom ewigen Nächste-Woche-wird- es- vielleicht-besser und Einmal-kriegen-wir-es-hin ...«
»Na hoffentlich, das ganze Leben rauscht doch sonst vorbei ...«
»Ja, das tut es, bis wir dann wirklich nur noch auf dem Sofa sitzen können.«
»Und dann rauscht es noch schneller, glaub mir, ihr könnt nur endlich in aller Ruhe zuschauen, wie es rauscht.«
»Eine wunderbare Vorstellung, so nichtstuend zuzuschauen, eine gar nicht so schlechte Aussicht auf die Zukunft ... Aber gut, um ehrlich zu sein, ich habe noch nicht aufgegeben, vielleicht krieg ich wirklich noch etwas hin, dass ... nur jetzt bin ich sogar zu müde, darüber zu sprechen, wir reden demnächst in aller Ruhe, wenn Zeit ist.«
»Natürlich, ich will dich nicht aufhalten.«
»Im Kinderhaus gibt’s auch Stress, die kriegen nichts auf die Reihe, planen nicht mehr, probieren nur Chaosminderung, sind froh, wenn der Tag rum ist. Die haben einfach zu wenig Leute, überall das gleiche Problem, und im Moment sind fast keine regulär Bezahlten da, nur Ältere, die kategorieplusmäßig assistieren sollen, das kann ja nicht funktionieren.«
Aha, dachte ich, warum sagt er das nicht gleich, auch deshalb hat er mitten in der Woche Zeit für einen Anruf. »Ich kann doch Mäxchen schon am Donnerstagnachmittag holen und ihn auch Freitag früh ins Kinderhaus bringen.«
Er freute sich. »Mama, das würde uns tatsächlich helfen, und Freitag brauchst du ihn gar nicht hinzubringen, bei dem Chaos da, und am Donnerstag kannst du ihn auch so früh abholen, wie du willst.« Er nahm eine Sohnesrücksicht, weiß ja, dass ich morgens gern viel Zeit habe und den Kleinen am liebsten Freitag nehme, wenn der folgende Tag frei ist. Also jetzt schon Donnerstag, Zeitplan nach Belieben. Und dann fiel mir noch ein: »Weißt du, dass heute Abend der Münsteraner Krimi noch mal gesendet wird, in dem die kesse kleine Assistentin den mafiösen Handel mit Anti-Age-Pharmaka aufdeckt, die unterirdisch, natürlich unter dem Rhein, gelagert werden, und die humorigen Besserwisser blamiert?«
Enno lachte. »So? Den würde ich auch gerne mal wieder sehen, heute geht leider nicht, demnächst vielleicht. Dank dir und bis bald, Mama.«
Sind jetzt 15 Jahre oder mehr vergangen, seit wir den Film zusammen gesehen haben? Ich weiß nicht mehr, ob Bodo noch dabei war, warum soll ich mir das Jahr merken, in dem er mich verlassen hat, jedenfalls hätte er es früher tun sollen, Ehemänner machen nichts leichter. Bodo war nicht besonders glücklich über meinen Sinn für alberne Filme, das weiß ich leider noch, aber nicht mehr, wann es mir zum letzten Mal vor ihm peinlich gewesen war, einen von diesen Filmen zu gucken. Einen wie diesen Krimi, der allein durch die Kauzigkeit der Figuren zusammengehalten wird, in dem sogenannte Anti-Aging-Ärzte so schön als skurrile Psychopathen vorgeführt werden, die einen hochwirksamen Jungbrunnen verkaufen, der leider ein Fünftel der Patienten umbringt.Was macht das schon, die, die übrig bleiben, sind vitaler, schöner, jünger. Wer will schon die hässlichen Alten. Das kann man uns doch nicht vorwerfen. Wir schenken eine Chance, ein phantastisches Entweder-Oder, das doch total freiwillig ist ... Kann doch senil bleiben, wer will. Und ich finde es immer noch komisch, wenn die findigen Kriminalisten entdecken, dass genau genommen drei Fünftel der Patienten umkommen, längerfristig gesehen, also etwa im Fünf-Jahreszeitraum betrachtet. Und ich lache immer noch über den Betrug, den Verdeckungsmord, den Verrat aus Eifersucht, den ganzen nicht ernst zu nehmenden Mischmasch. Kann mich ganz auf die Komik konzentrieren, weil ich den Film längst kenne, was das Vergnügen noch steigert. Dass er ausgerechnet heute ins Programm genommen wurde, hatte allerdings etwas vordergründig Ideologisches. Er passte zu gut. Aber was soll’s, dachte ich, ich vergesse doch nicht, dass es nur ein Film ist. Ein Film, der die kleine Wartezeit vertreibt, die ich brauche, um schlafmüde zu werden,
