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Der Roman schildert eindrucksvoll den Lebensweg der Protagonistin Ann Vickers, beginnend in ihrer Jugend als Schulmädchen im späten 19. Jahrhundert im amerikanischen Mittleren Westen bis in ihre Vierziger. Besonders hervorgehoben wird ihre Zeit als Suffragette zu Beginn des 20. Jahrhunderts und ihre prägenden Erfahrungen, die ihr starkes Interesse an Sozialarbeit und Gefängnisreformen wecken. Der Roman thematisiert zeitlose Probleme wie Armut, Gefängnissysteme und soziale Ungleichheit, die auch heute noch von großer Relevanz sind, und zeichnet ein lebendiges Bild der historischen und gesellschaftlichen Herausforderungen jener Zeit.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Ich widme dieses Buch Dorothy Thompson, deren Kenntnisse und Ratschläge es mir ermöglichten,
Gelber Fluss, der träg sein Wasser dahinwälzt, Weiden, die ihre Zweige in der lauen Augustluft bewegen, und vier Kinder, die berühmte Leute spielen – ein Spiel, das die berühmten Leute selbst zweifellos auch spielen müssen. Vier Kinder mit hellen Stimmen, harmlose, frische Kinder, die in ihrer gesegneten Unschuld nichts davon wissen, daß mit Fünfundvierzig Kompromiß und Müdigkeit da sein werden.
Die drei Jungen, Ben, Dick und Winthrop, hatten das ganze Frühjahr hindurch unter Geschichtsunterricht gelitten und bemühten sich jetzt, etwas Ordentliches damit anzufangen, indem sie Königin Isabella und Kolumbus spielten. Es herrschte Uneinigkeit darüber, wer von ihnen Isabella sein sollte. Während sie noch darüber stritten, kam in das Weidengehölz, jenes kleine Heiligtum der Kindheit, ein singendes Mädchen.
»Nanu, da kommt ja Ann Vickers. Die wird die Isabella sein«, rief Winthrop.
»Ach herrje, nein, sie wird uns das Ganze versauen«, sagte Ben. »Aber die beste Isabella wird sie wahrscheinlich doch sein.«
»Nö, gar nicht! Sie taugt nichts beim Baseball.«
»Nein, beim Baseball taugt sie nichts, aber sie hat einen Schneeball auf Reverend Tengbom geschmissen.«
»Ja, stimmt, den Schneeball hat sie geschmissen.«
Das Mädchen blieb, die Hände in die Seiten gestützt, vor ihnen stehen – ein stämmiges Ding mit kräftigen Schultern und mageren Beinen. Außer ihrem frischen, reinen Teint hatte sie nur eine Schönheit: dunkle, überraschend große, leuchtende Augen.
»Komm her, Isabella und Kolumbus spielen«, rief Winthrop ihr zu.
»Kann nicht«, antwortete Ann Vickers. »Ich spiel Pedippus.«
»Verflixt noch mal, was ist denn Pedippus?«
»Das war ein alter Eremitaner. Vielleicht hat er auch Pelippus geheißen. Auf jeden Fall war er ein alter Eremitaner. Er war ein mächtiger Prinz, und dann verließ er das Königsschloß, weil er sah, daß es sündhaft war, und er entsagte allen Freuden des Fleisches und ging in die Wüste und lebte dort von – ach, von Hafermehl und Erdnußbutter und so weiter und so weiter, in der Wüste nämlich, und betete die ganze Zeit.«
»Das ist ein miserabliges Spiel. Hafermehl!«
»Aber die wilden Getiere der Wüste, die waren immer in seiner Nähe, Pumas und so, und er zähmte sie, und sie kamen immer zu ihm, um ihn predigen zu hören. Jetzt geh ich ihnen predigen! Und ganz, ganz große Bären!«
»Ach los, spiel erst mal Isabella«, sagte Winthrop. »Du kannst auch meinen Revolver haben, solang du Isabella bist – aber wiedergeben – wenn ich Kolumbus bin, muß ich ihn haben!«
Er reichte ihr den Revolver, und sie untersuchte ihn kritisch. Obwohl es in der ganzen Kinderwelt weit und breit bekannt war, daß Winthrop ein so denkwürdiges Besitztum sein eigen nannte, hatte sie die berühmte Waffe noch niemals in der Hand gehabt. Es war ein richtiger Revolver, Kaliber 6 mm, von dem kein einziger Teil fehlte; allerdings war der Lauf so verrostet, daß man an der Mündung keinen Zahnstocher hineingebracht hätte. Bezaubert und ein wenig ängstlich schwenkte Ann ihn hin und her. Daß sie ihn in der Hand hatte, flößte ihr ein Gefühl der Heldenhaftigkeit und des Tatendranges ein, und wahrscheinlich verlor sie augenblicklich die ganze keusche Erhabenheit des Eremiten Pedippus.
»Also schön«, sagte sie.
»Du bist Isabella, und ich bin Kolumbus«, erklärte Winthrop, »und Ben ist König Ferdinand, und Dick ist ein eifersüchtiger Höfling. Die ganzen Leute am Hof, weißt du, wollen mir eins auswischen, und du sagst ihnen, sie sollen aufhören, und – –«
Ann holte sich mit einem Sprung einen abgeknickten Weidenzweig. Sie hielt ihn mit der linken Hand über den Kopf – die Rechte ließ den zauberhaften Revolver nicht los – schritt geziert zurück und befahl: »Auf die Knie, meine Vasallen. Nein, Ferdinand, du, du wirst wohl stehen müssen, wenn du mein Prinzgatte bist – nein, du wirst doch besser auch knien, sicher ist sicher. Nun sprecht, Kolumbus, was kann ich heute für euch tun?«
Der kniende Winthrop schrie: »Euer Majestät, ich will Amerika entdecken … Jetzt fängst du an auszuwischen, Dick.«
»Ach je, ich weiß nicht, was ich sagen soll … Hör ihn gar nicht an, Königin, der ist ja eine verrückte Nuß. Amerika gibt's überhaupt nicht. Seine ganzen Schiffe werden über den Rand von der Erde herunterrutschen.«
»Wer bestimmt hier, Höfling? Ich und sonst keiner! Natürlich kann er drei Schiffe haben, und wenn ich ihm mein halbes Königreich geben muß. Was denkst du, Prinzgatte? – dich mein ich, Ben.«
»Wer? Ich? Ach, mir ist es recht, Königin.«
»Dann vergebt euch zu den Schiffen.«
Am Flußufer lag angetäut eine alte Sandzille. Dorthin rannten die vier Kinder – Ann mit dem Revolver herumfuchtelnd. Sie lief ihnen allen voraus, sie war die schnellste und aufgeregteste. Bei der Zille rief sie: »Jetzt bin ich Kolumbus!«
»Nein, bist du nicht«, protestierte Winthrop. »Ich bin Kolumbus. Isabella und Kolumbus kannst du nicht sein! Und außerdem bist du überhaupt nur 'n Mädel. Jetzt gibst du den Revolver her!«
»Ich bin auch Kolumbus! Ich bin der beste Kolumbus. Also! Du kannst mir nicht einmal sagen, wie die Schiffe von Kolumbus geheißen haben!«
»Kann ich!«
»Also, wie haben sie geheißen?«
»Ja, jetzt fällt mir's nicht – – Du kannst ja auch nicht, du Obergescheite!«
»So, ich kann nicht, ich kann nicht, was!« krähte Ann. »Sie haben geheißen Pinto und Santa Lucia und – und die Armada!«
»Herrje, das stimmt. Da ist es schon besser, sie ist Kolumbus«, sagte bewundernd der entthronte König Ferdinand, und der große Seefahrer führte seine getreue Bemannung an Bord der Santa Lucia; der Sprung über den einen Meter breiten Wasserstreifen hatte durchaus nichts Zartes und Mädchenhaftes.
Kolumbus nahm seinen Platz am Bug ein – soweit man bei einem vorn und hinten gleich gebauten Kahn von einem Bug sprechen kann – beschattete die Augen mit der Hand, blickte über das zehn Meter breite Flüßchen hin und rief: »Ein großer, furchtbarer Sturm kommt, ihr Männer! Holt das Großsegel scharf bei! Refft alle anderen Segel! Katzen und Doria, wie das donnert und blitzt! Munter, munter, meine wackeren Männer, euer Kommandant legt mit Hand an!«
Mit vereinten Kräften bekamen sie alle Leinwand herunter, bevor der Orkan sich auf das wackere Fahrzeug stürzte. Der Orkan (vielleicht unterstützt von der Mannschaft, die sich auf eine Kante der Zille stellte und gehörig herumsprang) drohte die unglückselige Karavelle zum Kentern zu bringen, aber die Mannschaft rief tapfer hurra. Zweifellos flößte ihnen das Beispiel ihres Kommandanten Mut ein: er stand kühn da, das rechte Bein vorgestellt, die eine Hand an der Brust, in der anderen den Revolver, und rief laut: »Päng, päng, päng!«
Aber der Sturm blies gehässig weiter.
»Wir müssen ein Seemannslied singen, damit man sieht, daß wir wackere Herzen haben!« befahl Kolumbus und begann sein Lieblingslied zu singen:
»Bimmelt Glöckchen, bimmelt Glöckchen, Bimmelt immer weiter. Ach, so eine Schlittenfahrt Ist doch wirklich schön und heiter!«
Der Sturm gab es auf.
Jetzt näherten sie sich Watling's Island. Über die tobenden Wasser blickend, aus denen hier und da ein Hecht emporsprang, gewahrte Ann an der Küste herumvagabundierende Trupps von Wilden.
»Seht, dort, unter den Palmen und Pagoden! Wilde Rothäute!« rief Kolumbus warnend. »Wir müssen uns darauf vorbereiten, unser Leben teuer zu verkaufen!«
»Ist gut so«, stimmte die Mannschaft bei, die furchtbaren Wollkrautscharen jenseits des Flüßchens nicht aus den Augen lassend.
»Was soll denn das vorstellen, was ihr da macht, Kinder?«
Es war eine völlig fremde Stimme.
Sie wandten sich um und sahen einen neuen Jungen auf dem Ufer stehen. Ann starrte ihn voll Bewunderung an, denn das war ein Held direkt aus einem Geschichtenbuch. Solchen Spielgefährten gegenüber wie Ben und Winthrop empfand sie keine Ehrfurcht, sie wußte, daß sie, abgesehen von den Künsten des Baseball und des Spuckens, ebenso gut ihren Mann stellte wie die beiden. Aber der fremde Junge, der vielleicht zwei Jahre älter war als sie, war ein Gott, ein Krieger, ein Führer, etwas Gefährliches, etwas Herrliches: lockenköpfig, breitschultrig, schmal in der Taille, überlegen lächelnd, mit schmaler, stolzer Nase.
»Was soll denn das vorstellen, was ihr da macht, Kinder?«
»Wir spielen Kolumbus. Mitspielen?« Anns Demut überraschte ihre Mannschaft.
»Och! Spielen!« Der Fremde sprang an Bord – ein glatter Sprung, wo die anderen gekeucht hatten und aufgeplumpst waren. »Zeig mal die Kanone her.« Er ließ sich gleichgültig den Revolver von Kolumbus geben, und anbetend überreichte sie ihn. Er machte ihn auf und sah in den Lauf. »Der taugt ja gar nichts. Ich schmeiß ihn ins Wasser.«
»Ach, bitte, nicht!« Ann jammerte schon, bevor Winthrop, dem der Revolver gehörte, kriegerische Töne ausstoßen konnte.
»Schon gut, Kindchen. Behalt ihn nur. Wer bist du denn? Wie heißt du? Ich heiße Adolph Klebs. Mein Papa und ich, wir sind eben hergezogen. Er ist Schuster. Er ist Sozialist. Wir wollen hier bleiben, wenn man uns nicht rausschmeißt. Aus Lebanon haben sie uns rausgeschmissen. Hah! Ich hab keine Angst vor ihnen gehabt! ›Sie brauchen mich bloß anzufassen, und Sie haben schon ein Ding im Auge‹, das hab ich zum Polizisten gesagt. Er hat sich nicht getraut, mich anzufassen. Also los, wenn wir Kolumbus spielen sollen. Ich bin Kolumbus. Gib die Kanone wieder her. Also an die Arbeit, Kinder, und die Seite bemannt. Da kommt ein ganzer Haufen Rothäute in Kanus an.«
Und jetzt rief Adolph-Kolumbus: »Päng, päng, päng!« während er die primitiven Amerikaner mit der europäischen Kultur bekannt machte, indem er sie niederschoß, und keiner von seinen Gefolgsleuten hielt sich wackerer und schrie lauter als Ann Vickers.
Sie hatte noch niemals ein männliches Wesen kennengelernt, bei dem sie das Gefühl hatte, es sei ihr überlegen, und in dieser Unterordnung fand sie mehr Freude als früher in ihrer heiteren und kecken Souveränität.
In der kleinen Stadt Waubanakee, die ungefähr in der Mitte von Illinois, ein wenig südlich vom Zentrum des Staates, liegt, war Ann Vickers' Vater Schulinspektor; man kannte ihn allgemein als »Professor«. Auf Grund seiner Stellung gehörte er zusammen mit den drei Ärzten, den zwei Bankpräsidenten, den drei Anwälten (von denen einer Friedensrichter war), dem Besitzer des Boston Store und den drei Geistlichen von der anglikanischen, der kongregationalistischen und der presbyterianischen Kirche zur Gentry des Ortes.
In seiner Realität hat Waubanakee mit Anns Geschichte nicht viel zu tun. Wie die meisten Amerikaner, die von der Hauptstraße zur Fifth Avenue, Michigan Avenue oder Market Street kommen, und ganz im Gegensatz zu den meisten Engländern und kontinentalen Europäern, die aus der Provinz stammen, hatte sie nach ihrer Kindheit keinen Kontakt mehr mit dem Boden, auf dem sie geboren war; sie kehrte nach dem Tode ihrer Eltern nie wieder zurück und hatte kein Verlangen danach, sich als Krönung ihrer Laufbahn und ihrer Errungenschaften dort ein Gut zu erwerben oder, wie ein angloindischer Prokonsul, auf dem Friedhof des Örtchens beerdigt zu werden.
Ihre Mutter starb, als Ann erst zehn Jahre alt war, ihr Vater ein Jahr, nachdem sie vom College abgegangen war, und Geschwister hatte sie nicht. Später, als sie älter geworden war, da war Waubanakee für sie eine Erinnerung, ein wenig komisch, ein wenig rührend – ein Bild, das sie in der Jugend gesehen hatte, etwas Unwirkliches, Romantisches und Verlorenes.
Und doch stand alles, was sie später in ihrem Leben tat, unter dem Einfluß dieser Kleinstadt und ihrer Gepflogenheiten und unter dem Einfluß der Lebensprinzipien ihres Vaters. Bescheidenheit, ehrliche Arbeit, Schuldenzahlen, Treue gegenüber seiner Lebensgefährtin und seinen Freunden, Geringschätzung unverdienter Einkünfte – er wies ein winziges Legat von einem Onkel, den er verachtet hatte, zurück – und ein Stolz, der ihn vor Kriecherei und Tyrannei bewahrte, das war das Sittengesetz ihres Vaters, und in einem New York, wo Schmarotzer und Sykophanten und munter lügende Leute, nette kleine Leute, kleine verspielte Leute, auch unter Fürsorgern und Gelehrten keine unbekannten Erscheinungen waren, stand sie unter dem Bann dieses Sittengesetzes; das bekümmerte sie auch keineswegs, noch löste es Komplexe in ihr aus … und, da mochte sie sich selbst noch so sehr auslachen, wenn sie ihre Rechnungen am Vierten noch nicht bezahlt hatte, war ihr unbehaglich zumute.
Sie hörte einmal Carl van Doren in einem Vortrag sagen, im Grunde hätte er alle Menschen, die er jemals kennenlernen sollte, schon kennengelernt, bevor er seinen Geburtsort Hope in Illinois verließ. Das fand Ann richtig. Der schwedische Zimmermann in Waubanakee, der von Swedenborg zu reden pflegte, unterschied sich lediglich durch seinen Akzent von dem russischen Großfürsten, der dreißig Jahre später in New York vor ihr voll Liebenswürdigkeit auf metaphysischen Wellen umherplätscherte.
Ja, so tief ruhte Waubanakee in Anns Herzen, daß sie sich immer wieder in ihrem Leben dabei ertappte, wie sie ihre Bekannten ganz naiv in Gute Menschen und Schlechte Menschen einteilte, ebenso automatisch, wie ihre Sonntagsschullehrerin an der Presbyterianer-Kirche von Waubanakee es getan hatte. Da war ein entzückender Junge, ein witziger, stets lächelnder Mensch, der den besten New Yorker Kreisen angehörte, niemals Geld zurückgab, das er sich »geborgt« hatte, und niemals seine Dinnerverabredungen einhielt. Schön! Für die kleine Ann Vickers aus Waubanakee, von der auch in der großen Reformatorin Dr. Ann Vickers (Dr. jur. h. c.) stets ein Stückchen weiterlebte, war dieser Mann schlecht – er war ebenso schlecht, wie der Trunkenbold von Waubanakee für ihren Vater, den Professor, schlecht gewesen war.
Daß sie dieses Vorurteil hatte, konnte sie niemals sehr bedauern.
Sie kam weit genug in der amerikanischen Tradition, um sich ein wenig ihrer amerikanischen Provinzherkunft zu schämen, so wie sich ein englischer Ministerpräsident seiner Geburt in einem schottischen Dorf oder ein französischer Premier seiner Abstammung aus der Provence schämt. Bis zu ihrer Zeit und bis zu ihren Tagen hatte es unter den meisten Amerikanern mit scharfer Beobachtungsgabe und einiger Welterfahrung als vornehm gegolten, entweder darüber zu seufzen, daß Stolz in Arkansas etwas Insulares und Chauvinistisches sei, oder sich, in umgekehrter Bescheidenheit, seiner ländlichen Vollkommenheiten zu rühmen. Allein Ann hatte (zusammen mit einigen hundertzwanzig Millionen anderen Amerikanern) das außerordentliche Glück, zu dem großartigen, wenn auch entsetzlichen Zeitpunkt zu leben, da die Vereinigten Staaten schüchtern begannen, nicht ein uneheliches Kind Europas in sich zu sehen, sondern den Herren ihres eigenen stolzen Hauses.
So ehrgeizige, unternehmende amerikanische Mädchen wie Ann bleiben mit dem Ort ihrer Geburt und auch mit ihren Familien nur in sehr lockerer Verbindung, wenn sie nicht in der letzten Generation jüdischer, deutscher oder italienischer Abkunft sind. Sie verlieren so zwar die Fülle und Sicherheit der europäischen Familienzusammengehörigkeit, dafür sind sie aber auch frei von dem geistigen und sozialen Inzest solcher nörgelsüchtiger Verwandtschaft.
Aber in Manhattan freute Ann sich eines Tages ein wenig darüber, daß sie durch ihren Vater und durch Waubanakee mit der Bourgeois-Kolonie verbunden war, aus der bis zum Jahre 1917 ganz Amerika bestand.
Waubanakee kümmerte sich nicht allzusehr um den neu zugezogenen Schuhflicker Oscar Klebs, den Vater des fabelhaften Adolph. Zur Zeit von Anns Kindheit ahnten die Präriestädtchen, von Zanesville bis Dodge City, noch nichts davon, daß sie der Großen Welt angehörten. Sie fühlten sich isoliert – sie waren isoliert.
Oh, es war schon ganz schön und gut, ein Deutscher zu sein wie Oscar Klebs.
»Es gibt auch verflixt anständige Deutsche, weiß Gott – genau so anständig wie Sie und ich. Nehmen Sie zum Beispiel den Priester von der deutschen katholischen Kirche. Natürlich sind ein ganzer Haufen von seiner Gemeinde dumme deutsche Bauern, aber er ist ein richtiger Kerl, ganz bestimmt ist er das, und er soll auch in Rom in Italien und weiß Gott wo sonst noch studiert haben. Aber Sie können mir glauben, mit den verflixten Europäern kann er auch nicht mehr anfangen als ich. Aber der deutsche Schuhmacher, der Klebs da, der soll Sozialist sein, und ich kann Ihnen bloß sagen, bei uns, in unserem Land, haben wir keinen Platz für eine Blase von Meckerern, die Bomben schmeißen und alles durcheinanderbringen wollen. Nö Sir, haben wir keinen Platz!«
Der Zufall wollte aber, daß der einzige andere Schuster am Ort ein ewig betrunkener Yankee war, bei dem man nie sicher sein konnte, ob er die Schuhe rechtzeitig für den Odd Fellows-Tanz am Sonnabend besohlt haben würde, und so gaben die herrschenden Bürger Waubanakees bedauernd und verärgert ihre Arbeit einem Mann, der Anarchist genug war, darauf zu bestehen – noch dazu am Schanktisch der Lewis & Clarke Tavern – daß die Stokes' und Vanderbilts kein Recht auf ihre Vermögen hätten.
Sie ärgerten sich über ihn.
Mr. Evans, der Präsident der Lincoln and Douglas Bank, sagte verdrossen: »Jetzt will ich Ihnen mal was sagen, Klebs. Das ist ein Land der Möglichkeiten, und wir haben nichts übrig für diese heruntergekommenen und, wenn ich so sagen darf, degenerierten Europäer, die uns erzählen wollen, wo bei uns der Hund begraben ist. In diesem Land findet ein Mann, der seine Arbeit tun kann, Anerkennung, und zwar auch finanzielle, und Sie können kaum sagen, wenn ich mich so ausdrücken darf, Sir, ohne grob zu werden, daß es unsere Schuld ist, wenn Sie es zu nichts gebracht haben!«
»Weiß Gott, Sir, das stimmt!« erklärte der Gärtner-Stallbursche von Lucas Bradley.
Professor Vickers war ein wenig erstaunt, als Ann ihm ihre Alltagsschuhe brachte und klagend sagte: »Papa, die müssen besohlt werden.« Es war sonst nicht Anns Gewohnheit, von zerrissenen Sohlen, fehlenden Knöpfen oder ungekämmtem Haar etwas zu merken.
»Na also, mein Mädelchen fängt an, sich um ihre Sachen zu kümmern! Das ist schön! Ja, bring sie morgen hinüber. Hast du deine Sonntagsschulaufgabe gemacht?« sagte er in der wohlwollenden Idiotie und mit der Inkonsequenz, die für Eltern charakteristisch sind.
Das war am Sonntag, dem Tag nach dem wunderbaren Auftauchen von Adolph Klebs, dem König-Kolumbus. Am Montagmorgen um acht Uhr brachte Ann die Schuhe in Oscar Klebs' neue Werkstatt, in der vorher das Elegante Juwelenhaus untergebracht gewesen war. Auf dem Regal über seiner Bank war bereits eine Reihe von Schuhen mit jenem sonderbar menschlichen Aussehen aufgestapelt, das leere Schuhe beibehalten – die derben Werktagsschuhe des Landarbeiters, Müdigkeit in jeder dicken, verstaubten Falte, die Tanzpumps der leicht zweifelhaften Putzmacherin des Ortes, rot und wacker im Oberleder, unten aber abgetragen. Davon sah Ann nichts. Sie starrte Oscar Klebs an, wie sie seinen Sohn Adolph angestarrt hatte. Er war der schönste alte Mann, den sie jemals gesehen hatte – weißbärtig, mit hoher, schöner Stirn, mit zarten hellblauen Adern auf zarter glatter Haut.
»Guten Morgen, junge Dame«, sagte Oscar. »Und was kann ich für Sie tun?«
»Bitte, ich möchte gern diese Schuhe besohlt haben. Das sind meine Alltagsschuhe. Meine Sonntagsschuhe hab ich an!«
»Und warum tragen Sie an den Sonntagen ein anderes Paar?«
»Weil es der Sabbat ist.«
»Und sind nicht alle Tage Sabbat für Menschen, die arbeiten?«
»Ja, das wird schon so sein … Wo ist Adolph?«
»Haben Sie schon jemals daran gedacht, junge Dame, daß das ganze kapitalistische System falsch ist? Daß Sie und ich, daß wir beide den ganzen Tag arbeiten müssen, und daß Evans, der Bankier, der bloß unser Geld nimmt und es uns dann wieder leiht, reich ist? Ich weiß nicht einmal, wie Sie heißen, junge Dame, aber Sie haben hübsche Augen – kluge Augen scheinen es zu sein. Denken Sie darüber nach! Eine neue Welt! Von jedem so viel, wie er geben kann, und jedem so viel, wie er braucht. Der sozialistische Staat von Marx. Gefällt Ihnen das, junge Dame? Hein? Ein Staat, in dem wir alle für einander arbeiten?«
Es war vielleicht zum erstenmal in Ann Vickers' Leben, daß ein Erwachsener mit ihr wie mit seinesgleichen sprach; es war vielleicht zum erstenmal in ihrem Leben, daß sie aufgefordert wurde, über ein soziales Problem nachzudenken, das verwickelter war als die Frage, ob kleine Mädchen wirklich tote Katzen über den Zaun werfen dürfen. Es war der Anfang ihres geistigen Lebens.
Das Mädelchen – sie war so klein, so unschuldig, so unwissend! – saß, das Kinn fest in die Hand gestützt, in den furchtbaren Wehen seines ersten abstrakten Denkens da.
»Ja«, sagte sie, und wiederum: »Ja.« Dann, ein Gedanke wie ein Blitz in ihrem Hirn: »Das ist es, das müssen wir haben! Nicht, daß ein paar reich sind und ein paar arm. Richtig! Aber, Mr. Klebs, was tun wir? Was soll ich gleich jetzt tun?«
Oscar Klebs lächelte. Er war sonst nicht ein Mann, der lächelte – er litt, wie seit jeher die Heiligen gelitten haben, weil der Mensch nicht Gott geworden ist. Aber jetzt grinste er nahezu, und er verriet sich, als er lachend sagte:
»Tun? Tun, meine junge Dame? Ach, ich glaube, Sie werden wohl weiter reden, so wie ich!«
»Nein«, sagte sie geringschätzig. »Ich will nicht bloß reden! Ich will, daß Winthrop Zeiss ein genau so nettes Haus hat wie Mr. Evans. Herrgott! Er ist viel netter, Winthrop nämlich. Ich will – herrje, Mr. Klebs ich möchte gern was im Leben tun!«
Der alte Mann starrte sie schweigend an. »Das werden Sie auch, mein Kind, Gott segne Ihr Seelchen!« sagte er – der Atheist. Und Ann vergaß, ein zweites Mal nach dem prächtigen Adolph zu fragen.
Aber sie sah Adolph, und zwar oft.
Oscar Klebs' Werkstatt wurde ihr Lieblingsaufenthalt, noch aufregender als der Bahnhof, wo sich jeden Nachmittag um fünf Uhr alle verfügbaren Kinder versammelten, um den Blitzzug nach Chicago durchfahren zu sehen. Oscar erzählte ihr von einer Welt, die bis jetzt wohl bunt, aber flach gewesen war, ein zweidimensionales Mysterium in der Geographie; von seiner Arbeit in einem russischen Holzfällerlager im Jahre 1871 – in Rußland, wo es, wie er sagte, eines Tages eine Revolution geben würde – von Tirol (er verband mit dem Atheismus einen verdrossenen Glauben daran, daß in den Ställen Tirols die Kühe in der Christnacht um zwölf Uhr laut reden) – von den Karpfen, die in dem Weiher in Fontainebleau heraufkommen und um Brotkrumen bitten – von den Mauern Cartagenas, die drei Meter dick und voll Gold sind, das Piraten dort versteckt haben – von den Dampfern, auf denen er als Küchenjunge gefahren war, und von dem zusammengekochten Essen, das es in der Back gibt – von dem einsamen Aussätzigen auf der Küste in Barbados, der auf die See hinausblickt und betet – von den Schuhen, die die Kaiserin Eugenie trug – von Ministerpräsidenten und Tovarischts und Yogis und isländischen Fischern und Numismatikern und Erzherzögen und allen möglichen Arten von Menschen, die man in Waubanakee in Illinois nicht kannte – bis der Sozialismus, zu dem Oscar sie bekehrte, nicht mehr recht gut von der Romantik Kiplings zu unterscheiden war.
Und während Oscar Klebs zu dem kräftigen kleinen Mädchen sprach, das da auf seinem Schemel saß, weiteten ihre Augen sich in Begeisterung, und er hörte nicht auf, tat-tat-tat, tat-tat-tat zu klopfen, wie eine kleine Trommel.
Und Adolph kam herein.
Er setzte sich nie nieder. Man konnte sich diese Stahlfeder von einem Jungen kaum sitzend vorstellen. Er gehörte nicht zu der seßhaften und gesprächigen Generation seines Vaters, sondern zu einem rastlosen neuen Maschinenzeitalter funkelnder Zapfenwellen, polierten Stahls, sich schnell bewegender Kolben, die vergnügt in eine Hölle explodierenden Gases stoßen, summender Dynamos, deren Brummtöne zu tief für Worte sind. Wäre er 1931, und nicht 1901 ein Junge gewesen, so hätte er auf alle gewichtigen Behauptungen seines Vaters geantwortet: »Ach ja?« Aber sein »Ja, klar!« im Jahre 1901 war ebenso impertinent, scharf und voll Widerspruch gegen unklares Philosophieren. Schlank, stets voll Ironie, rasch, an Türen und Wänden lehnend, als wäre er im Begriff zu springen, die Hände immer in den Taschen: er war für Ann Vickers der einzige vollkommene Held, den sie jemals kennengelernt hatte.
Theoretisch war es nun so, daß Ann von ihren Eltern, von den öffentlichen Schulen Waubanakees und der Sonntagsschule der Ersten (und einzigen) Presbyterianer-Kirche Waubanakees wohlanständig erzogen wurde und zum gesellschaftlichen Vorbild die auserlesenen affektierten Kinder des Bankiers Evans hatte. In Wirklichkeit jedoch lernte sie von dem Schuster und dessen Sohn und von ihres Vaters lasterhafter Gewohnheit, Schulden zu zahlen und treu zu sein, das meiste dessen, was sie jemals wissen sollte, und dies alles war zwiespältig und widerspruchsvoll, so daß sie selbst in ihrem ganzen Leben zwiespältig und widerspruchsvoll blieb. Vom alten Oscar lernte sie, daß das ganze Leben nichts anderes sei als ein Schauen in das künftige Land Utopia; von Adolph lernte sie, daß Härte, Auf-sich-selbst-gestellt-sein und Bereitschaft das ganze Leben seien.
Einmal, als sie am Waubanakee-Fluß saßen (der kein Fluß, sondern ein Wässerchen war) versuchte sie Adolph zu erzählen, was sie für ihre Gedanken hielt:
Oscar hat recht, und wir müssen, womöglich augenblicklich, einen sozialistischen Staat haben, in dem wir, wie Mönche, einer für den anderen arbeiten.
Es ist durchaus nicht nett, Bier zu trinken oder an gewissen merkwürdigen Offenbarungen der Unterschiede zwischen kleinen Jungen und kleinen Mädchen hinter Scheunen teilzunehmen.
Algebra ist ganz einfach, wenn man es nur einmal kapiert hat.
Die › Idylls of the King‹ von Mr. Lord Tennyson sind schrecklich aufregend.
Wenn Jesus für uns gestorben ist – was er natürlich getan hat – ist es einfach scheußlich von uns, am Sonntag zu verschlafen und dann nicht zu baden, um rechtzeitig zur Sonntagsschule zu kommen.
Adolph lächelte immer, während sie ernsthaft sprach. Er lächelte, wenn sein Vater sprach. Er lächelte sein ganzes Leben lang, wenn Menschen sprachen. Aber Ann verletzte das, und es schüchterte sie ein wenig ein. Ihr war es so bitterernst mit den »Gedanken«, die sie herausschwatzte – auf einer Sandzille, an einem träge fließenden Fluß, im Schatten von Weiden, die sich langsam in der lauen Augustluft bewegten.
Ob sein hochmütiges Lächeln wirklich aus einer höheren Weisheit kam, die dem Stahl des Maschinenzeitalters angepaßt war, oder ob es einfach ein ganz außerordentlicher Mangel an Verstand war, wird weder Ann noch sonst jemand jemals wissen. Eines Tages war er Leiter einer einigermaßen guten Garage in Los Angeles, und zu jener Zeit schlummerte Oscar schon verärgert auf dem katholischen Friedhof von Waubanakee in Illinois.
Auch ohne den alten Oscar wäre Ann niemals eine völlig getreue Kirchenanhängerin gewesen. In der Mädchenzwischenklasse der Sonntagsschule (Lehrerin Mrs. Fred Graves, Gattin des Holzhofbesitzers) hatte sie ihren ersten Ausbruch als Frauenrechtlerin.
Es handelte sich um die Zerstörung Sodoms – die muntereren Teile der Erzählung waren ausgelassen. Mrs. Graves brummelte verschlafen wie eine Hummel vor sich hin: »Allein Lots Weib sah hinter sich auf die Stadt der Missetaten, statt sie zu verachten, und so ward sie zu einer Salzsäule, und das ist eine sehr wichtige Lehre für uns alle, es zeigt uns die Bestrafung des Ungehorsams und auch, daß wir nach bösen Dingen und Menschen nicht einmal ausschauen oder verlangen sollen. Das ist genau so schlecht, wie wenn wir wirklich etwas mit ihnen zu tun hätten, oder der Verführung nachgäben – –«
»Bitte, Mrs. Graves!« Anns Stimme, ein wenig schrill. »Warum sollte Mrs. Lot nicht auf ihre eigene Heimatstadt zurücksehen? Sie hatte doch alle ihre Nachbarn dort, und vielleicht war sie mit manchen von denen recht vergnügt gewesen. Sie wollte von Sodom bloß Abschied nehmen!«
»Nun, Annie, wenn du klüger sein willst als die Bibel – –! Lots Weib war ungehorsam; sie wollte Fragen stellen und widersprechen wie einige kleine Mädchen, die ich kenne! Siehst du, hier in Vers siebzehn heißt es: ›Siehe nicht hinter dich.‹ Das war ein göttliches Gebot.«
»Aber hätte der Herr sie nicht wieder in eine Dame zurückverwandeln können, nachdem er so häßlich zu ihr gewesen war?«
Mrs. Grave wurde fromm. Ihre Augen funkelten, ihre Augengläser erzitterten an dem Haken auf ihrem rechtschaffenen braunseidenen Busen. Die anderen Mädchen duckten sich in beginnender Angst – und kicherten. Ann spürte die Gefahr, aber sie mußte ganz einfach die Probleme verstehen, mit denen sie sich beim Pauken dieser Sonntagslektion so geplagt hatte.
»Hätte der Herr ihr nicht noch eine Gelegenheit geben können, Mrs. Graves? Ich hätt es getan, wenn ich Er gewesen wäre!«
»Ich habe noch nie in meinem Leben etwas so Gotteslästerliches – –«
»Nein, aber Lot war schrecklich gemein! Er hat nie getrauert und sich gar nichts aus Mrs. Lot gemacht! Er ging ganz einfach weg und ließ sie dort als einsame Salzsäule stehen. Warum hat er nicht ganz einfach mit dem Herrn gesprochen? Damals haben die Leute doch immer mit dem Herrn gesprochen; das steht direkt in der Bibel. Warum hat er dem Herrn nicht gesagt, Er soll nicht so gemein sein und so die Geduld verlieren?«
»Ann Emily Vickers, darüber werde ich mit deinem Vater sprechen! So etwas habe ich in meinem Leben noch nicht gehört! Du kannst dich augenblicklich aus dieser Klasse und aus dieser Sonntagsschule fortmachen, gleich jetzt, und später werde ich dann mit deinem Vater reden!«
Verblüfft, voll anarchistischer Gefühle bei dieser frühen Entdeckung der Ungerechtigkeit, doch allzusehr außer sich, um aufzubegehren, schlich sich Ann durch das Kirchenschiff, an zahllosen Kindern vorbei, die lachten und mit den Fingern auf ihre Schmach wiesen, hinaus in eine Welt, in der keine Vögel sangen, in eine Sabbatwelt furchtbarer und vorwurfsvoller Frömmigkeit. Ihre Empörung war jedoch sehr lebendig, und als sie nach Hause kam, wo ihr Vater sich eben für die Kirche angekleidet hatte – frisch gebadet, geputzte Schuhe, Gehrock – platzte sie rückhaltlos mit der Geschichte ihres Märtyrertums heraus.
Er lachte. »Na, das klingt mir nicht sehr gefährlich, Annie. Mach dir keine Sorgen über das, was Schwester Graves sagen wird.«
»Aber es ist doch sehr wichtig, wie der scheußliche Mann, der Lot, sich benommen hat! Ich muß was tun!«
Er machte, noch immer lachend, die Vordertür auf.
Sie floh durch die Küche, an dem Dienstmädchen vorüber, das erstaunt von seiner Beschäftigung mit dem allsonntäglichen Hühnerfrikassee aufblickte, durch den Hinterhof auf den Weg zur Platanenhöhe. Sie schimpfte bei sich selbst: »Ja, solche Männer wie Lot und der Herr und mein Vati – lachen! – solche Männer sind schuld daran, daß wir Frauen es so schwer haben!« Sie blickte sich nicht um; sie ließ ihren kräftigen Rücken der Ortschaft zugewandt, bis sie die halbe Höhe des Hügels hinaufgetrottet war.
Sie fuhr herum, streckte die Hände zu den Dächern Waubanakees aus und rief: »Fahr wohl, fahr wohl! Sodom, ich bete dich an! So, lieber Gott!« Und sie richtete erwartungsvolle Augen gen Himmel.
Von ihrem elften bis zu ihrem fünfzehnten Lebensjahr hegte und pflegte Ann eine romantische Neigung zu Adolph Klebs. Nicht etwa, daß sie sich mit Träumereien über ihn lächerlicher machte, als normal und gesund war, oder daß sie nichts anderes zu tun hatte. Sie war geschäftig – wie ein junger Hund. Jeden Tag gab es damals Abenteuer: Schlittschuhlaufen, Schliddern, Fischen, Schwimmen, ein Kaninchen fangen – nur ein einziges Mal, und es nachher mit mitleidigen Ausrufen wieder freilassen; Hunde und Katzen und Entlein aufziehen, oft zu deren großem Kummer und Unbehagen; Virgil und Lord Macaulay und Hamlet entdecken und die gewaltige neue Kunst des Films und das Automobil. Einen reizenden Deklamator mit welligem schwarzem Haar bei dem Vergnügen der Morgenstern-Loge Kipling rezitieren hören. Backen und Fegen und Plätten – das Plätten liebte sie; es machte alles so flaumig und glatt. Die ganze Hausarbeit in den nicht seltenen Pausen zwischen zwei Dienstmädchen versehen. Immer für ihren in einer anderen Welt lebenden Vater sorgen, der viel mehr von einer Waise zu haben, viel mehr durcheinandergeraten und außer sich zu sein schien als sie: ihm sein Taschentuch zurechtlegen, ihm das Halstuch umbinden, ihn zum Sonntagnachmittagsspaziergang fortschicken. Sie kam dahin, das Geschlecht der Männer so sehr vom Standpunkt der Beschützenden aus zu sehen, daß es fraglich wurde, ob sie jemals imstande sein würde, ein männliches Wesen zu lieben, das sie nicht tyrannisieren und pflegen konnte.
Aber täglich hatte sie Adolph und sein großmächtiges Wesen vor Augen.
Sie waren in der gleichen Schulklasse, und obwohl seine ganze Gelehrsamkeit darin bestand, daß er herablassend lächelte, wenn er keine Antwort wußte, wirkte er überlegen. Er konnte besser schwimmen, besser raufen, besser Schlittschuh laufen und besser Ball werfen, als alle anderen Jungen in der Bande. Er hatte keine Angst vor dem Stadtpolizisten, nicht einmal am Abend vor Allerheiligen, als die Bande unter großen Gefahren gewisse Hintergebäude stahl und, mit Ladenschildern aus der Main Street, als Miniaturstraße im Schulhof aufbaute, was am nächsten Morgen ein großes Gaudium für die Wüstlinge war. Und er konnte besser tanzen – aber das hatten noch andere Mädchen als Ann in Erfahrung gebracht, und manchmal kam es bei einer Kindergesellschaft vor, daß sie einen ganzen öden Abend hindurch nach seinem »Darf ich um den nächsten Tanz bitten?« bangte.
Wohl die großartigste Gesellschaft, die Ann in jener Zeit mitmachte, gab Mrs. Marston T. Evans, die Gattin des Präsidenten der Lincoln & Douglas Bank, Präsidenten der Midstate Plow & Wagon Works – des Lorenzo di Medici, des J. P. Morgan, des Barons Rothschild von Waubanakee – als Geburtstagsfeier für ihre Tochter Mildred, die genau zwei Monate später fünfzehn Jahre alt wurde als Ann Vickers.
Ann hatte das Haus Evans immer bewundert, ein wenig beneidet. Es war weiß, sehr hoch und hatte ein grünes Türmchen; es gab in ihm sowohl einen Salon wie eine Bibliothek. Der Salon hatte einen dunklen, heftig polierten Parkettboden mit einem echten Tigerfell, und an der Wand hingen zwei echte handgemalte Bilder, sehr antik, wohl schon fünfundsiebzig Jahre alt, von denen jedes Hunderte von Dollars wert sein sollte. In der Bibliothek standen Reihen von Büchern in Gold und Ledereinbänden hinter verschlossenen Glastüren.
An jenem Sonnabend im Mai hätte Ann, während das Dienstmädchen ihr beim Anziehen des Abendkleides half, etwas darum gegeben, zu wissen, ob Adolph Klebs bei der Gesellschaft sein würde. Ihn zu fragen, hatte sie sich nicht getraut, und die Gerüchte widersprachen einander. Adolph beantwortete persönliche Fragen nicht; er hatte eine witzige Art, stets zu erwidern: »Wer hat die Angelrute geklaut?«
Es war schwer vorstellbar, daß Mr. und Mrs. Marston T. Evans den Sohn eines sozialistischen Schusters eingeladen haben sollten. Aber andererseits hieß es, Mildred sei »verrückt nach ihm«.
»Wenn er nicht da ist, sterbe ich – und mein Kleid ist so hübsch!« stöhnte Ann, die vor dem Plättbrett scheinbar so kräftig und selbständig war.
Ihr neues Abendkleid war kein neues Abendkleid. Im vergangenen Sommer war es ein neues weißes Musselinkleid mit roter Schärpe, etwas Herrliches für Sommerabende gewesen. Nun hatte sie es mit eigenen Händen (die eine Woche lang aussahen wie die Hände eines Eingeborenen von den Salomonsinseln) hellblau gefärbt, und den ganzen Tag hindurch hatten die Köchin und sie eine kleine weiße Garnitur aus Manschetten und einen Kragen darangenäht und das Kleid geplättet, bis es schimmerte und frisch war wie ein neues.
Für den Kopf hatte sie einen Spitzenschal von ihrer Mutter, und ihr Vater hatte ihr von sich aus kobaltblaue Tanzpumps gekauft. (Viele Jahre später dachte sie manchmal darüber nach, ob ihr Vater, der Professor, der so nüchtern über seinen Schulberichten und Carlyle und der Educational Review saß, wirklich ein so unverbesserlich erwachsener Vater gewesen war, wie sie geglaubt hatte. Sie entbehrte ihn, als er tot war, und für immer war das Lachen verklungen, das sie einst so in Wut versetzt hatte.)
Die Gesellschaft sollte lange dauern – manche behaupteten, man erwarte, daß die Gäste bis elf Uhr blieben, und sie war auch erst für acht Uhr gebeten, nicht für sieben oder halb acht wie bei einer gewöhnlichen bürgerlichen Gesellschaft in Waubanakee.
Als sie, ein wenig verspätet nach ihrer Schneiderei, zur Gesellschaft eilte, war nichts vom Mond zu sehen. Aber über dem Himmel lag ein Nachtglanz, der wärmer und zärtlicher war als das Mondlicht, das trotz all seiner Berühmtheit eine etwas kalte und ironische Beleuchtung ist, gemacht aus dem Atem sterbender Liebender. Die dicken Platanen in der Nancy Hanks Street hoben ihre plastischen Laubmassen gegen den Schimmer am Himmel empor, und die rindenlosen Wunden auf ihren Baumstämmen waren rätselhafte Lücken in der Dämmerung. Die Luft war angefüllt von Dorfgeräuschen, fernem Lachen, dem Klappern von Pferdehufen und dem Bellen eines Hofhundes – Schatten von Geräuschen. Und Ann war glücklich.
Sie war aufgeregt, ein wenig eingeschüchtert, als sie um die Ecke kam und von fern die übergroßen Herrlichkeiten der Gesellschaft sah. Brennende japanische Lampions hingen über dem Rasen der Evans, und zwar nicht nur ein oder zwei Reihen wie bei einem Kirchenfest, nein, an den Ahornbäumen längs des Staketenzauns an der Vorderfront hingen Lampions, an jeder Tanne und an jedem Rosenbusch auf dem Rasen hingen Laternen, und die ganze, riesengroße Vorderveranda war mit Laternen behängt! Das war Paris! Und als Ann nähergekommen war, sah sie, daß auf dem Rasen – richtig draußen, nicht im Haus, am Abend! – ein Büfett stand, auf dem sich alle bekannten Delikatessen der Welt häuften. Verschiedene Arten von Kuchen, zahllose Krüge mit Limonade und anderen köstlichen Getränken, drei sichtbare Eismaschinen mit Eiscreme, und ein Dienstmädchen – nicht das gewöhnliche Dienstmädchen der Evans, sondern eines, das eigens für diesen Abend da war – reichte bereits jungen Damen und Herren, die zitternd Tellerchen vor sich hin hielten, Eiscreme aus diesen Eismaschinen.
Erfrischungen gleich zu Anfang der Gesellschaft, vielleicht ununterbrochen während der ganzen Gesellschaft, und nicht erst am Ende!
Aber, so sorgte sich die gewissenhafte Seele, die stets in Ann an der abenteuerlichen Seele herumnörgelte, wird nicht manchen übel werden, wenn den ganzen Abend hindurch so viel zu essen da ist?
Plötzlich und strahlend wie eine Rakete setzte die Musik ein, und sie sah, daß getanzt wurde – auf der Veranda, im Freien, im Freien! – und nicht zu Grammophonmusik, nein, ein ganzes, vollständiges Orchester war da: Klavier (direkt auf die Veranda hinausgestellt!) Geige und Klarinette; und die Klarinette wurde von keinem Geringeren gespielt als von Mr. Bimby aus dem Stoff- und Herrenartikelgeschäft Heureka, dem Dirigenten des Waubanakee-Orchesters!
Das war zu viel. Ann floh. In ihr – die tauchen und auf Dachfirsten gehen konnte – erweckte die Gesellschaft Platzangst; sie stürzte hinaus in die Dunkelheit und stand da, an ihrem Zeigefinger herumbeißend. (Später einmal machte sie ganz die gleiche Empfindung durch: sie hatte bei einer großen Versammlung wohlhabender, edelmütiger und vollendet langweiliger Damen, die sich voll Wichtigkeit zur Beratung unmöglicher Reformen zusammengefunden hatten, in aller Gemütsruhe den Vorsitz geführt und wurde dann plötzlich in einen lauten Nachtklub in New York geführt.)
Ohne rechte Freude, lediglich von ihrem Pflichtgefühl getrieben, marschierte sie zu dem Haus der Evans zurück und durch das Pförtchen hinein. Es wurde noch schlimmer. Sie kam sich vor, als hätte sie ein altes Kalikokleid an. Die anderen Mädchen waren so zierlich geputzt: Midred Evans in Spitzen über rosa Atlas; Mabel McGonegal in rubinrotem Samt mit einer Halskette aus Bergkristall; Faith Durham in duftiger japanischer Seide – so zierlich, so weiblich, so anziehend; und sie selbst so gewöhnlich und plump.
(Sie merkte nicht, daß die meisten von den zwanzig anderen Mädchen noch viel mehr abgetragene und bedeutend weniger aparte Kleider anhatten als sie selbst. Mildred, Mabel und Faith brachten es bei jeder Gesellschaft zuwege, sich aufzuplustern und sich mit ununterbrochenem Gekicher in den Vordergrund zu drängen. Beim Lateinunterricht und beim Kochen taugten sie nichts, aber sie waren dazu geboren, zu glänzen, litauische Grafen zu heiraten, Filmstars zu werden oder in Pracht und Herrlichkeit von Alimenten und Cocktails zu leben.)
Wie ein stämmiger alter Bauernhund, den der Anblick eines hochbeinigen Windspiels verblüfft, sah Ann starren Blickes zu, wie sie zum Klang der himmlischen Melodien dahinwirbelten. Aber Mrs. Evans segelte so anmutig zu ihr heran und gackerte so wohlwollend: »Aber Annie, mein liebes Kind, Sie haben uns schon so gefehlt – wir haben sehr gehofft, daß Sie uns nicht im Stich lassen – kommen Sie, Sie müssen eine gute Fruchtlimonade trinken, bevor Sie tanzen!« daß Ann sich wieder wohler fühlte. Und was für eine Limonade das war! Die prächtige Sodafontäne hatte noch nicht ihren Morgenglanz über die abendländische Welt ausgegossen; in der Drogerie nahm man entweder einen Vanille-Icecream-Soda, oder man nahm ein Vanilleeis. Die Fruchtlimonade, mit der Mrs. Evans Ann bekannt machte (ohne ihr zu erklären, was eine Limonade ohne Frucht wäre) schäumte, es waren Eisstückchen in ihr, Ananasscheiben, Orangenscheiben und zwei rote Kirschen! Ann schlürfte sie, als wäre sie im Paradies, bis sie merkte, daß Mrs. Evans gegangen war.
Allein! Am liebsten hätte sie sich weggeschlichen.
Dann sah sie unter einer Tanne Adolph Klebs auf einem Klappstuhl sitzen und gleichfalls Fruchtlimonade trinken.
»Hallo, Annie. Komm rüber und setz dich zu mir«, rief er in aufrichtig bittendem, schmeichelndem Ton.
Daß Ann ihre Limonade auf dem Büfett absetzte, ohne sie ausgetrunken, ja, ohne die zweite Kirsche gegessen zu haben, war ein Kompliment, das ihm wohl kaum noch einmal in seinem Leben gemacht wurde. Neben Adolph stand ein zweiter Klappstuhl, auf diesen hockte sich Ann und stützte das Kinn in die Hände.
»Warum tanzt du nicht?« fragte sie.
»Ach, die soll der Teufel holen! Die sind zu fein für mich. Ich bin der Junge von dem verrückten alten Schuhmacher! Aber warum tanzt du nicht? Dein alter Herr ist reich, so wie die!«
Sie hatte nicht die falsche Bescheidenheit, das zu leugnen; es war natürlich richtig – ihr Vater verdiente Zweitausendachthundert im Jahr. Aber: »Ach, du bist ja verrückt! Die sind alle verrückt nach dir! Du, Dolph, du bist doch der beste Tänzer in der ganzen Stadt! Die Mädels sind alle verrückt danach, mit dir zu tanzen!«
»Zum Teufel mit denen! Paß mal auf, Ann, du und ich, wir sind die einzigen hier, die richtig sind. Die Mädels da, die sind ja alle Poussierstengel und nichts weiter. Die können nicht auf die Jagd gehen und nicht schwimmen und überhaupt nichts, was du kannst, und in der Schule sind sie nicht halb so gescheit, und – und du lügst nie, und die sind ja alle so verlogen und so weiter. Aber du bist ein feines Ding, Annie. Du bist mein Mädel!«
»Ja? Wirklich? Bin ich wirklich dein Mädel?«
»Da kannst du Gift drauf nehmen!«
»Ach, Dolph, das ist fein! Ich wär sehr gern dein Mädel!«
Sie hielt ihn bei der Hand. Er küßte sie schüchtern auf die Wange. Das waren alle Zärtlichkeiten, die sie austauschten. Damals, in den letzten Tagen des Zeitalters der Unschuld, gab es zwar auch schon lange Küsse und noch größere Intimitäten, aber das »Knutschen« war noch nicht ein öffentlicher und anerkannter Sport.
»Komm, gehen wir tanzen. Jetzt wollen wir's ihnen mal zeigen!« sagte sie entschlossen.
Als sie über den Rasen in das hellere Licht kamen, merkte sie, daß ihr »Mann« ebenso großartig gekleidet war wie Morgan Evans – er hatte einen richtigen blauen Cheviotanzug an, dazu einen ungeheuer hohen Kragen mit einer eleganten grünen Schleife, die ein Muster aus winzigen weißen Kleeblättern hatte, und – ganz feudal – ein dazu passendes grünes Seidentaschentuch, das aus der Brusttasche heraushing.
Allerdings war es sonderbar, daß er, der Sohn des Schuhmachers, nicht wie einige der Aristokraten Pumps anhatte, sondern bloß seine hohen, derben schwarzen Schuhe.
Eine Quadrille war eben zu Ende, und als Ann und Adolph trotzig und keck zur Veranda hinaufstiegen, setzte ein Twostep ein. Ach, diese schäumende Mondscheinmusik, zu der die entzückten Romantiker sangen:
»Oh, heute gibt man Babies weg Mit einem halb–ben Pfünd–chen Tee!«
In Adolphs Armen wurde ihr Gemüt leicht. Ihre Kraft strömte über in seine, und mühelos wurde sie immer wieder in der Runde herumgetragen. Sie war eine Seifenblase, ein Schmetterling, ein Abendschwälbchen. Sie vergaß ihre Rivalinnen mitsamt deren Eleganz; sie brauchte ihnen nicht einmal beim Tanzen auszuweichen. Adolph führte sie mit zauberhafter Sicherheit. Sie tanzten wohl sehr keusch, zwanzig Zentimeter voneinander entfernt, aber seine liebe, starke, kräftige Hand lag, mit Elektrizität geladen wie eine Batterie, an ihrem Rücken.
Dann hörte die Musik auf, sie stürzte aus dem Himmel, sie stand entsetzt da, während Mrs. Evans mit ihrer hellen, lauten, christlichen Stimme schrie: »Und jetzt, Kinder, wollen wir ›Spring nach Malloo‹ spielen!«
Ann und ihr Beau wurden getrennt. Seine Scheu vor den Erhabenheiten dieser neuen Versailler Fete schien verschwunden zu sein. Niemand sprang lustiger, niemand sang lauter beim Spiel als er. Adolph war älter als die anderen, aber er konnte sich anpassen. Am Abend vorher hatte er mit zwanzigjährigen Weltmännern ausgiebig Bier getrunken; heute führte er die Kinder an. Als wieder getanzt wurde, sah Ann nach Adolph aus, ihr Blick griff nach ihm wie mit ausgestreckten Armen, aber er tanzte erst mit Faith, dann mit Mabel McGonegal, der mondänen Tochter des Doktors (sie konnte Banjo spielen und französisch-kanadische Dialektgedichte rezitieren) und schließlich mit Mildred Evans selbst.
Mrs. Evans, die zusah, sagte in kluckenden Tönen zu ihrem Herrn und Gebieter: »Siehst du, der Klebs-Junge ist ein ganzer Gentleman.«
»Ja. Schließlich haben wir ja auch eine Demokratie. Schließlich bin ich selber auf einer Farm auf die Welt gekommen«, erklärte Mr. Marston T. Evans verwundert.
Ann Vickers aber beobachtete den wirbelnden Walzer, den Adolph und Mildred tanzten, wieder mit den Augen eines gekränkten alten Bauernhundes.
Sie war »Mauerblümchen«. Einen Twostep hatte sie mit ihrem getreuen Waffenkameraden Winthrop getanzt, aber nach der quecksilbrigen Lebendigkeit Adolphs war das eine Marter. Sie hatte das Gefühl, Winthrop wie einen schweren Wagen mit sich zu schleppen. Sie stießen mit allen Paaren zusammen. Und obgleich Winthrops herzhaftes und irritierendes Summen der Musik folgte, protestierten seine ehrlichen Füße gegen alle Leichtfertigkeit und zertrampelten den ganzen Unsinn
Sie spielten »Postamt«.
Als der Postmeister, der an der Tür der verdunkelten Bibliothek stationiert war, während Adolph drin als glücklicher Empfänger der Küsse wartete, die Mädchen musterte, um seine Wahl zu treffen, sahen sie mehr als verlegen aus. Adolph war gleichzeitig ein Ausgestoßener und König der Gesellschaft; er war ein Robin Hood, der den kleinen Hof in Erregung versetzte.
»Äh – äh – Ann!« rief der Postmeister.
Gekicher.
»Sie ist ganz verrückt wegen ihm«, flüsterte Mabel Mildred zu.
Ann hörte nichts davon, und das war ein Glück für Mabel.
Anns Rache war in ihrer bescheidenen Weise so furchtbar wie die des Herrn.
Sie hörte nichts. Auf Flügeln schwebte sie in das verdunkelte Zimmer. Es war keine elegante Bibliothek mehr, es wurde eine Grotte der Wunder und der Ekstase. Sie stieß gegen Gegenstände, die vorher bestimmt nicht dagewesen waren. Sie war verloren und froh. Sie griff mit ausgestreckten Händen – wonach? Von körperlichen Gluten hatte sie in ihrer Unschuld keine Vorstellung. Wonach sie jetzt verlangte, war der Kern der Liebe, nicht ihre Schale … wenn sie auch später eines Tages ganz realistisch die Erfahrung machte, daß das Fleisch nicht der Feind, sondern der Mittler der Liebe ist.
»Komm schon!« hörte sie Adolph knurren.
Er faßte nach ihr; sein Kuß beleckte eine Ecke ihres Kinns; er brummte: »Jetzt bist du dran!« und schon öffnete ihr Ritter hastig die Tür und war weg.
Als nächster kam Ben. Schon als ganz kleines Kind hatte er Ann angebetet, war er ihr nachgelaufen, hatte er ihr Äpfel gebracht und sie niemals geküßt. Jetzt, da er im Begriffe stand, Mann zu werden, mußte es viel für ihn bedeuten, ihr einen Kuß zu geben. Er kicherte also ziemlich idiotisch, während er nach ihr tastete. »Herrje, ich hab Angst!« gackerte er. Er fand sie in einem Lehnstuhl, und als er sie schüchtern umarmte, rief er aus: »Nanu, Herrgott, Annie, du weinst ja.«
»Ach, ach, bitte, küß mich nicht, Ben!«
»Aber du weinst ja! War Adolph gemein zu dir?«
»Ach nein, nein, es ist bloß – ich bin im Dunklen gegen einen Tisch gerannt.«
Still saßen sie da, Ben klopfte ihr ununterbrochen auf die Schulter, bis sie flüsterte: »Jetzt ist es wieder gut. Ich werde lieber hinausgehen.«
Als sie sich in der Tür zeigte, kam ein wahrer Lachsturm von den jungen Leuten, die in einem Halbkreis vor der Tür zur Bibliothek standen. »Na, was ihr beide da gemacht habt! Na, das war aber allerhand Küssen, Annie!«
Und Adolph sah sie böse an.
Nur mit Aufbietung ihrer ganzen Willenskraft gelang es ihr, nicht fortzulaufen und nach Hause zu gehen. Sie hatte ausgesprochene Mordgelüste; alle wollte sie umbringen. Sie zwang sich dazu, sich niederzusetzen und nichts zu sagen. Sie wußte gar nicht, welches Mädchen nun in die Bibliothek ging, um sich den lauen Zärtlichkeiten Bens auszuliefern.
Als aber Adolph aufgerufen wurde, um Mabel McGonegal im Dunkel zu beglücken, merkte sie es nur zu gut.
Man hatte sich schon längst in Flüstertönen erzählt, daß Mabel ein »Poussierstengel« sei, daß sie »sich schrecklich mit den Jungens habe.« Alle außer Ann blickten fünf Minuten lang verlegen kichernd, mit dem ganzen Zittern der Pubertät, auf die Bibliothekstür.
»Und mit mir ist er nur fünf Sekunden geblieben!« tobte es in Ann.
Mabel kam, ihre leicht zerzauste Frisur zurechtschüttelnd, heraus. Aber sie war im Gegensatz zu Ann weltklug. Bevor die anderen sie aufziehen konnten, rief sie: »Das war vielleicht ein Kuß, den ich gekriegt hab!«
In Anns Herzen war kalter Tod.
Als dann aber Adolph stolz und großtuerisch erschien, litt sie nicht, wie sie erwartet hatte, sie mußte vielmehr plötzlich lachen, während es ihr durch den Kopf ging: »Nanu! Er ist ja ganz einfach ein Kater! Er geht ja genau so!«
Und in diesem Augenblick war ihre Liebe zu dem Helden weg, so daß es ihr gar nicht weh tat, als sie hörte, wie Adolph Mabel McGonegal das traditionelle: »Darf ich dich nach Haus bringen!« zumurmelte.
Sie selbst wurde von Ben »nach Hause gebracht«, der albern neben ihr einhertrottelte und alles, was er sagte, mit den Worten: »Ach herrje« oder »Paß mal auf« einleitete.
Der schimmernde Nachglanz stand nicht mehr am Himmel.
An Anns Gartentür winselte Ben: »Ach herrje, Ann, warum hast du keinen, mit dem du gehst? Du hast nie einen gehabt, mit dem du gehst. Ach ja, ich wollte, du wärst mein Mädel!«
Ben war überaus erstaunt und geriet in Verlegenheit, als ihm ein herzhafter Kuß aufgeknallt wurde, und noch mehr verblüffte es ihn, daß Ann dann sagte: »Du bist lieb, aber ich werd niemals das Mädel von jemand sein!« und ins Haus flitzte.
»Ich hasse dieses Evans-Haus! Alles ist so poliert! Hier gefällt es mir!« tobte Ann, als sie Ben verlassen hatte und wieder in dem braunen, behaglich nachlässigen Vickersschen Wohnzimmer war … Ein sandfarbener Brüsseler Teppich; Christusbilder von Hoffmann; alte College-Lehrbücher, Walter Scott, Dickens und Washington Irving, die »English Men of Letters«-Serie, das Dschungelbuch und Vögleins Weihnachtslied und die Crudensche Konkordanz; ein Sofa mit zahllosen Quasten, auf dem ein handgearbeitetes Kissen lag, und in einem Kästchen an der Wand Vaters Pantoffel mit dem eingestickten Monogramm.
»Hier gefällt es mir! Hier ist man gut aufgehoben!« sagte Ann und schleppte sich hinauf, um schlafen zu gehen.
Verächtlich legte sie ihr prächtiges Musselinkleid ab. Aber sie war eine viel zu ordentliche Seele, um etwas so Dramatisches zu tun, wie es vom Leib zu reißen und mit großartiger Gebärde auf den Boden zu werfen. Sie hängte es sorgfältig auf und strich den Rock glatt, wobei ihre Finger bewußt die Kühlheit und Frische des Stoffes empfanden.
Sie bürstete sich das Haar und klopfte ihr Kissen zurecht, aber sie ging nicht zu Bett. Sie zog ihr Regenmäntelchen an (der Vickerssche Haushalt hatte es im Jahr 1906 noch nicht zu Schlafröcken gebracht), sie setzte sich in einen geraden Stuhl und blickte sich feierlich im Zimmer um, als hätte sie es noch niemals gesehen.
Es hatte nur die Größe einer Schlafkammer, aber es war so sorgfältig und sauber aufgeräumt, daß es geräumiger wirkte. »Wirtschaft«, wie sie es nannte, war Ann verhaßt. Hier hingen nicht Unmengen von Tanzkarten, auf denen sich Fliegen verewigt hatten, mit kleinen Bleistiftchen neben dem Spiegel auf der Kommode; es gab keine Momentaufnahmen von Badegruppen am Strand; und kein einziges Banner von Yale oder der Staatsuniversität von Illinois!
Ein Bücherregal – Hans Christian Andersen, Kinder des Wassers, Lieder im alten Rom, David Copperfield(aus der Gesamtausgabe unten gestohlen) Le Galiennes Suche nach dem Goldenen Mädchen, die Bibel ihrer Mutter, ein Buch über Bienen und Kim, dessen Seiten schon schwarz vom Lesen waren. Eine Kommode, auf der Kamm, Bürste und Schuhknöpfer genau parallel gelegt waren. (Wie viele ungebundene, abenteuerlustige Menschen ordnete Ann überall, wo sie war, ihre sieben Sachen viel akkurater als die seßhaften Leute, deren Angst vor dem Leben ihrer Trägheit im Organisieren ihrer Wohnstätten gleichkommt.)
Ein nüchternes Feldbett mit einer verräterischen weiblichen Sentimentalität: einem winzigen Kissen mit Spitzeneinsatz. Der gerade Stuhl. Ein ziemlich schlechter Kohledruck von Watts' ziemlich schlechtem Bild von Sir Galahad. Ein großes Fenster, das für gewöhnlich offenstand. Ein Flickenteppich. Und Friede.
Dieses Zimmer war Ann selbst. Seit dem Tod ihrer Mutter war niemand dagewesen, der ihr hätte sagen können, wie das Zimmer einer wohlerzogenen jungen Dame auszusehen habe. Sie hatte es so gemacht. Und doch sah sie jetzt in dem Zimmer und in sich selbst etwas Fremdes und Sonderbares und Unglaubliches.
Sie sprach mit sich.
Ann Vickers war freilich, abgesehen von Äußerlichkeiten, mit Fünfzehn schon ganz so wie später mit Vierzig. Aber andererseits konnte sie damals nicht schon mit so beißender Schärfe mit sich reden wie später als Vierzigjährige. Ihr Selbstgespräch war unklar; es war ein Gefühl, das nicht recht seinen Ausdruck fand. Hätte sich dieses Gespräch jedoch da, wo sie, die Nägel voll Bitterkeit in die Handflächen gebohrt, in ihren kleinen Regenmantel eingeschmiegt saß, in Worte fassen lassen, so hätte es gelautet:
»Ich habe Dolph geliebt. O guter Gott, ich hab ihn wirklich geliebt. Vielleicht war das sogar nicht ganz in Ordnung. Als mir die komische Sache passierte, von der Vater sagte, ich soll mir keine Sorgen darüber machen, da wollt ich haben, daß er mich küßt. Ach Lieber, ich hab dich wirklich geliebt. Du warst so wunderbar – du hast einen so schlanken, harten Körper gehabt, und du bist – hast? – so wunderbar getaucht. Aber du warst nicht nett. Ich dachte, es ist dir ernst mit dem, was du mir heut abend unter dem Tannenbaum gesagt hast. Ich dachte, es ist dein Ernst! Daß ich nicht bloß ein derbes Mädel bin, das Sport treiben kann, aber kein Mensch kann es lieben.
Ich werd nie einen richtigen Beau haben. Ich bin wahrscheinlich zu heftig. Ach, ich will es ja gar nicht sein! Ich weiß, ich denk immer die Spiele aus. Und ich will eigentlich gar nicht. Ich kann eben wahrscheinlich einfach den Mund nicht halten … Und die anderen sind alle so verflucht blöd … Lieber Gott, vergib mir, daß ich ›verflucht‹ gesagt habe, aber sie sind wirklich so verflucht blöd!
Ben. Der würde mich lieben. Er ist so freundlich.
Ich will aber nicht von irgendeinem Schaf geliebt werden! Ich bin ich! Ich werd schon der ganzen Welt zeigen – Springfield und Joliet und vielleicht auch Chicago!
Ich glaub, wenn ich überhaupt einmal jemand liebe, der so derb ist wie ich, wird er immer Angst vor mir haben –
Nein, Dolph hat keine Angst gehabt. Er hat mich verachtet!«
Mit einemmal – es ist gar nicht klar zu verstehen, warum sie es tat – las sie den Vierundzwanzigsten Psalm in ihrer Mutter Bibel, die an den Kanten des schwarzen, biegsamen Ledereinbandes abgestoßen war, und jetzt erhob sich ihre Stimme, sie wurde laut und deutlich, während sie psalmodierte:
»Wer wird auf des Herrn Berg gehen? und wer wird stehen an seiner heiligen Stätte?
Der unschuldige Hände hat, und reinen Herzens ist; der nicht Lust hat zu loser Lehre, und schwöret nicht fälschlich:
Der wird den Segen vom Herrn empfahen und Gerechtigkeit von dem Gott seines Heils.
Das ist das Geschlecht, das nach ihm fraget, das da suchet dein Antlitz, Gott Jakobs. Sela.
Machet die Thore weit und die Thüren in der Welt hoch, daß der König der Ehren einziehe!
Wer ist derselbige König der Ehren? Es ist der Herr, stark und mächtig, der Herr, mächtig im Streit.
Machet die Thore weit und die Thüren in der Welt hoch, daß der König der Ehren einziehe!
Wer ist derselbige König der Ehren? Es ist der Herr Zebaoth, Er ist der König der Ehren. Sela.«
Ihr Vater klopfte an die Tür und fragte besorgt: »Ann! Annie! Was ist denn? Bist du krank?«
In diesem Augenblick haßte sie alle Männer außer dem König der Ehren, für den sie alle albernen Adolphs und freundlichen Väter dieser Welt aufzuopfern bereit war. Ihr war ganz wild zumute. Aber sie antwortete höflich:
»Aber nein. Entschuldige, Vati. Ich hab bloß gelesen – äh – etwas geübt, weil ich dachte, wir werden es durchnehmen. Es tut mir schrecklich leid, daß ich dich aufgeweckt hab. Gute Nacht, Vater.«
»War es nett bei der Gesellschaft?«
Ann konnte ihr ganzes Leben lang lügen wie ein Gentleman, und so sagte sie heiter:
»Ach, es war reizend. Gute Nacht!«
»Ja, ich werd darauf verzichten müssen. Die Jungens, die, die ich mir wünsche, denen werd ich nie gefallen. Und mir gefallen sie, weiß Gott! Aber ich muß eben zufrieden damit sein, daß ich selber ein Junge bin.
Und ich will doch gar nicht.
Aber ich werd etwas tun! ›Machet die Thüren in der Welt hoch!‹
Er war so stark. Und gelenkig!
Ach, er!
Ich werd nie wieder meinen Stolz vergessen und jemand haben wollen.
Das Bild hängt nicht gerade, nicht ganz gerade.
Solche Mädels wie die Mabel! Die sich immer mit den Jungens rumtreiben!
Nie wieder werd ich ihnen, nie wieder werd ich den Jungens eine Gelegenheit geben, daß sie sich lustig über mich machen, weil ich anständig zu ihnen bin!
›Machet die Thüren hoch!‹ Ich geh schlafen.«
Obgleich Ann ihn oft in dem Kolonialwarengeschäft sah, in das er sich in aller Stille von den Anstrengungen des Lernens an der Höheren Schule zurückzog, obwohl es die Zeit war, in der ihre Schar sich endgültig in Mädchen und junge Leute teilte, zeigte sie nie mehr Interesse für Adolph Klebs.
»Herrjesus, die Ann Vickers ist komisch«, bemerkte Mildred Evans. »Verdreht ist sie! Sie sagt, sie will nicht heiraten. Sie will Doktor oder Anwalt oder irgend so was werden, ich weiß nicht, was. Verdreht ist sie!«
O Mildred, wie klug warst du, und wie klug bist du! Bist du heute nicht mit Ben verheiratet, und hast du nicht das beste Radio in der Stadt? Kannst du nicht die Übertragung aus London mit Arnos und Andie oder mit den Weisheiten Ramsay Mac-Donalds hören? Hast du nicht einen Buick, während Dr. Ann Vickers in einem klapprigen Ford einherrattert? Spielst du nicht in der erlesensten Gesellschaft Bridge, während sie mit einem schweigenden Mann Pinochle spielt? Gute Mildred, kluge Mildred, du hast niemals mit der Welt gerungen, die dich immer besiegen wird.
Gute Nacht, Mildred. Du bist abgetan.
Der Weihnachtsabend, an dem Ann siebzehn Jahre alt war, war ein richtiger Postkartenweihnachtsabend. Als sie zu den Sonntagsschulübungen in die Kirche eilte, beschienen die freundlichen Lichter der Nachbarhäuser eine verschneite Straße, deren Schlittengleise zwei Linien aus poliertem Stahl glichen. Der Mond schwamm kalt hoch oben, die vereisten Zweige der Tannenbäume klirrten leise, und überall hatte die gute trockene Kälte etwas Festliches.
Ann war ausgefüllt und beschäftigt – allzu beschäftigt, um Kleiderfragen und Problemen der Eleganz so viel Aufmerksamkeit zu schenken wie in den Tagen ihrer Eitelkeit, als sie fünfzehn war. Sie hätte zwar wirklich lieber etwas Moderneres gehabt als ihre karierte Seidenbluse, und sie haßte das dickwollene Kostüm, das ihr vernünftiger Vater für sie gekauft hatte – aber, na, die Tage ihrer Leichtfertigkeit waren vorüber.
Sie war Lehrerin in der Mädchenzwischenklasse der Ersten Presbyterianischen Kirche; einst hatte Mrs. Fred Graves in ihr unterrichtet, die jetzt im Greenwood-Friedhof schlummerte, und von der ein Mädchen namens Annie Vickers wegen frivoler Ansichten über die Notwendigkeit, Frauen zu strafen, herausgeworfen worden war. Die Mädchenzwischenklasse sollte bei den Sonntagsschulübungen die Kantate »Horch, die Heroldengel singen« zum Vortrag bringen, und Ann eilte – eilte – weil es so wichtig war, da zu sein, sich um alles zu kümmern, damit ihre Klasse Eindruck auf das Publikum machen könnte.
Die Kirche war ein wahrer Hochofen festlicher Stimmung, als sie hinkam; die Fenster vergoldet, die Tür ganz reizend von einem hölzernen Spitzbogen eingerahmt. In der Vorhalle der Kirche waren alle kleinen Jungen versammelt, die in den letzten beiden Wochen, obgleich sie die übrigen fünfzig Wochen des Jahres hindurch ihre Sabbatpflichten wahrscheinlich vernachlässigten, erbaulich eifrige Kirchenbesucher gewesen waren.
