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Beschreibung

"Anna" ist die Geschichte der Tochter eines berühmten Baronets, die durch eigenes Verschulden in finanzielle Schwierigkeiten gerät. Um seine Schulden zu begleichen, muss sein Vater Kellynch Hall vermieten und nach Bath ziehen. Die Familie der Pächter von Kellynch Hall ist blutsverwandt mit dem Mann, der Annas Herz erobert hat und den sie zurückweisen musste, weil sie ihm nur Glück und Wohlergehen wünschte.

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Jane Austen

Anna

Übersetzer: Wilhelm Adolf Lindau
e-artnow, 2022 Kontakt: [email protected]

Inhaltsverzeichnis

Erster Teil
Vorwort
I.
II.
III.
IV.
V.
VI.
VII.
VIII.
IX.
X.
XI.
XII.
Zweiter Teil
I.
II.
III.
IV.
V.
VI.
VII.
VIII.
IX.
X.
XI.
XII.

Erster Teil

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Inhaltsverzeichnis

Der Roman, der hier in der Übersetzung erscheint, war das letzte Werk der Verfasserin, und wurde nach ihrem Tode unter dem Titel: Persuasion, zugleich mit einer andern Erzählung, ihrem frühesten Versuche: Northanger Abbey zu London (bey Murray) 1818 in 4 Banden herausgegeben. Nach der Vorrede, womit eine ungenannte Hand diesen Nachlass der Freundin begleitet, wurde Johanna Austen im Jahre 1775 zu Steventon in der Grafschaft Hants geboren, wo ihr Vater gegen vierzig Jahre als Pfarrer lebte; ein Mann, der sich durch gründliche Gelehrsamkeit und einen sehr gebildeten Geschmack auszeichnete, und auf die Ausbildung seiner Tochter wohltätigen Einfluss hatte. Nach seinem Tode zog Johanna mit ihrer Mutter und ihrer einzigen Schwester in die Grafschaft Southampton, wo sie seit 1809 in dem anmutigen Dorfe Chawton lebte. Von hier schickte sie ihre Romane in die Welt, von welchen einige die Arbeit früherer Lebensjahre waren, da sie misstrauisch gegen ihr eigenes Urteil, ihre Erzeugnisse zurückzuhalten gewohnt war, bis die Zeit und andre zerstreuende Geistesbeschäftigungen ihre Vorliebe geschwächt hatten. Der erste Roman, den sie seit 1809 herausgab, war Sense and Sensibility. Darauf folgte bald Pride and Prejudice; dann 1814 Mansfield Park und zuletzt 1816 Emma. Bescheiden und anspruchslos zog sie vor den Stimmen des aufmunternden Beifalles, die zuweilen in ihre ländliche Einsamkeit drangen, sich zurück, und nie machte sie ihre Arbeiten unter ihrem Namen bekannt. Im Kreise der Ihrigen sprach sie offen davon, dankbar für Lob, empfänglich für Tadel, im Verkehr mit der Welt aber mied sie jede Anspielung auf ihre schriftstellerische Tätigkeit. Um das Jahr 1816 zeigten sich zuerst die Spuren einer unheilbaren Krankheit. Im Frühlinge des folgenden Jahres ging sie, um ärztlicher Hilfe immer nahe zu sein, nach Winchester, wo sie, im Julius 1817, unverheiratet starb, von ihren Freunden ebenso sehr wegen ihres frommen, sanften und heitern Gemütes, als wegen ihres gebildeten Geistes geliebt und geachtet.

I.

Inhaltsverzeichnis

Sir Walter Elliot, auf Kellynch-Hall in der Grafschaft Somerset, war ein Mann, der zu seiner Unterhaltung nie ein anderes Buch in die Hand nahm, als das Adelsverzeichnis. Hier fand er Beschäftigung für eine müßige Stunde, und Trost in einer traurigen; hier wurde sein Geist zur Bewunderung und Ehrfurcht gestimmt, wenn er erwog, wie wenig von den ältesten Adelsverleihungen noch übrig war, und hier lernte er auf alle häusliche Angelegenheiten, die unangenehme Empfindungen erregten, mit Verachtung herab sehen. Überblickte er die zahllosen Adelsverleihungen des letzten Jahrhunderts, so konnte er, wenn jede andre Seite des Buches nichts vermochte, hier seine eigene Geschichte mit einer immer regen Teilnahme lesen, und auf dieser Seite öffnete sich stets das Lieblingsbuch. Da stand: „Elliot von Kellynch-Hall. Walter Elliot, geboren am 1. Mai 1760; vermählt am 15. Julius 1784 mit Elisabeth, Tochter des Hrn. Jakob Stevenson, auf South-Park in der Grafschaft Gloucester; mit welcher – 1800 verstorbenen – Gemahlin er erzeugte: Elisabeth, geboren am 1. Junius 1785; Anna, geboren am 9. August 1787; einen totgeborenen Sohn, am 5. November 1789; Marie, geboren am 20. November 1791.“

So war die Stelle ursprünglich aus des Setzers Schriftkasten gekommen; aber unser Baronet hatte sie, zu seiner und der Seinigen Belehrung, verbessert durch den Zusatz zu dem Namen seiner jüngsten Tochter: „Vermählt am 16. Dezember 1810 mit Karl, Sohn und Erben des Herrn Karl Musgrove, auf Uppercross in der Grafschaft Somerset“ – und durch genaue Angabe des Tages und Monates, wo er seine Frau verloren.“

Darauf folgte die Geschichte und das Aufkommen des alten und achtbaren Hauses in den gewöhnlichen Ausdrücken; wie nämlich dieses Geschlecht sich zuerst in Cheshire angesiedelt, wie es hohe Ämter verwaltet, zu verschiedenen Parlamentssitzungen Volksvertreter geliefert, durch Untertanentreue sich ausgezeichnet, unter Karls II. Regierung die Baronetwürde erhalten und mit verschiedenen Marien und Elisabethen sich vermählt hatte. Alles dies füllte zwei Duodezseiten, und schloss mit der Angabe des Wappens, des Wahlspruches und des Hauptsitzes Kellynch-Hall; worauf dann wieder des Baronets eigenhändiger Zusatz folgte: „Vermutlicher Erbe: William Walter Elliot, Urenkel des zweiten Baronets, Sir Walter.“

Eitelkeit war der Anfang und das Ende von unsers Baronets Sinnesart; Eitelkeit auf seine Gestalt und seine Lage. Er war in seiner Jugend ungemein hübsch gewesen, und trotz seiner vierundfünfzig Jahre, noch immer ein sehr schöner Mann. Wenige Frauen konnten mehr auf ihr Äußeres bedacht sein, als er, und der Diener eines neu geschaffenen Lords war nicht entzückter über die Stelle, die man ihm in der Gesellschaft einräumte. Der Segen der Schönheit stand in seinen Augen nur allein unter dem Segen der Baronetwürde, und Sir Walter Elliot, der beide Gaben vereint besaß, war der stete Gegenstand seiner wärmsten Achtung und Ergebenheit.

Er hatte freilich Ursache, auf sein gutes Aussehen und seinen Rang etwas zu halten, da er diesen Auszeichnungen eine Frau verdankt haben musste, die höhere Vorzüge besaß, als er durch irgendeine Eigenschaft seines Gemütes verdient hatte. Wollte man dieser trefflichen, verständigen und liebenswürdigen Frau die jugendliche Verblendung verzeihen, die sie zu Frau Elliot gemacht hatte, so war sie später hin nicht in dem Falle, einer nachsichtigen Beurteilung zu bedürfen. Sie hatte siebzehn Jahre lang seine Fehler erduldet, gemildert, oder verhehlt, seinen achtbaren Eigenschaften aber Anerkennung verschafft, und wenn sie auch nicht gerade selber die Glücklichste war, so hatte sie doch in ihren Pflichten, in der Freundschaft und in ihren Kindern so viele Bande gefunden, die ihr das Leben wert machten, dass es nicht gleichgültig für sie sein konnte, als sie scheiden sollte. Drei Töchter, von welchen die beiden ältesten sechzehn und vierzehn Jahre alt waren, konnte eine Mutter nicht ohne Sorgen zurücklassen, und nur mit banger Bekümmernis sie der Gewalt und Leitung eines eingebildeten unklugen Vaters anvertrauen. Sie besaß indes eine sehr vertraute Freundin, eine verständige, würdige Frau, welche sich durch ihre Zuneigung zu Frau Elliot hatte bewegen lassen, in dem nahen Dorfe Kellynch ihren Wohnsitz zu nehmen, und von der Güte und dem klugen Rate dieser Freundin erwartete die sterbende Mutter den besten Beistand für die Erhaltung der guten Grundsätze und Lehren, die sie ihren Töchtern zu geben bemüht gewesen war.

Diese Freundin und der Baronet vermählten sich nicht, trotz aller Vermutungen, die man auf ihre Bekanntschaft gebaut hatte. Dreizehn Jahre waren seit dem Tode der Frau Elliot verflossen, und noch immer waren Beide Nachbarn und durch vertraute Freundschaft verbunden, aber er blieb Witwer und sie Witwe. Dass Frau Russell die schon in reiferen Jahren, von besonnenem Gemüte und sehr wohlhabend war, nicht an eine zweite Ehe dachte, bedarf keiner Entschuldigung vor der Welt, die eher, wenn eine Frau wieder heiratet, als wenn sie es nicht tut, ein unbilliges Missfallen zu äußern pflegt; aber es bedarf einiger Erläuterung, dass der Baronet ledig blieb. Man wisse also, dass er, als er bei einigen sehr unbedachtsamen Bewerbungen in aller Stille ein Paar Körbchen erhalten hatte, sich rühmte, um seiner lieben Tochter willen nicht wieder zu heiraten. Für seine älteste Tochter würde er in der Tat gern alles hingegeben haben, wozu er jedoch nicht sehr in Versuchung geführt wurde. Elisabeth war in ihrem sechzehnten Jahre, so viel es möglicherweise geschehen konnte, in die Rechte und das Ansehen ihrer Mutter getreten, und da sie sehr hübsch und ihm sehr ähnlich war, so hatte sie stets viel Einfluss auf ihn gehabt, und Beide waren sehr gut mit einander ausgekommen. Seine beiden andern Kinder standen weit tiefer in seiner Gunst. Marie hatte zwar, als sie den jungen Musgrove heiratete, ein bisschen künstliches Ansehen gewonnen; Anna aber, die ihr gebildeter Geist und ihr sanftes Gemüt in der Meinung verständiger Menschen sehr hoch gestellt haben würden, galt weder bei ihrem Vater, noch bei ihrer Schwester etwas; ihr Wort hatte kein Gewicht, ihre Bequemlichkeit musste immer nachstehen, sie war nichts – als Anna.

Frau Russell aber liebte und schätzte das Mädchen, ihr Patchen, sehr innig, und wenn sie auch Allen gewogen war, so konnte sie doch nur in Anna die Mutter wieder ausleben zu sehen glauben. Einige Jahre früher war Anna Elliot ein sehr hübsches Mädchen gewesen, ihre Blüte jedoch früh gewelkt; aber selbst als sie noch den vollen Schmuck ihrer Reize besaß, hatte ihr Vater wenig an ihr zu bewundern gefunden, da ihre zarten Züge und ihre sanften schwarzen Augen so ganz verschieden von den seinigen waren, und wie hätte nun die Hingewelkte noch seine Achtung erwecken können? Er hatte nie viel Hoffnung gehabt, und nun gar keine mehr, je ihren Namen auf einer andern Seite seines Lieblingsbuches zu lesen. Nur für Elisabeth ließ sich noch eine ebenbürtige Verbindung erwarten; denn Maria hatte nur in eine alte achtbare und wohlhabende Landadel-Familie geheiratet, und daher alte Ehre gegeben, aber keine erhalten. Elisabeth musste sich früh oder spät anständig vermählen.

Es geschieht zuweilen, dass eine Frau in einem Alter von neunundzwanzig Jahren hübscher ist, als zehn Jahre früher, und im Allgemeinen, wenn weder Krankheit, noch Kummer gestört haben, ist in jener Lebenszeit wohl schwerlich ein Reiz verloren. So war es bei Elisabeth: noch immer das hübsche Fräulein Elliot, wie sie dreizehn Jahre früher aufzublühen begann, und man konnte deshalb ihren Vater entschuldigen, wenn er ihr Alter vergaß, oder ihn doch nur für einen halben Toren halten, wenn er sich und Elisabeth für so blühend hielt, als je, ungeachtet sonst Jedermann nicht mehr so gut aussah, als sonst. Er sah ja vor Augen, wie alt alle seine Angehörigen und Bekannten wurden; Anna wurde hager, Marie wurde zu wohlbeleibt, jedes Gesicht in der ganzen Umgegend schlechter, und die schnelle Vermehrung der Runzeln an den Schläfen der Frau Russell waren ihm schon lange ein Herzeleid gewesen.

Elisabeth aber hatte nicht ganz so viel Selbstzufriedenheit, als ihr Vater. Dreizehn Jahre lang war sie die Herrin in Kellynch-Hall gewesen; und hatte alles mit so viel Besonnenheit und entscheidendem Ansehen geleitet, dass man sie nie für jünger halten konnte, als sie war. Sie hatte dreizehn Jahre lang dem Hauswesen vorgestanden, war immer voran gegangen zu der Kutsche mit vier Pferden und immer zunächst hinter Frau Russell aus allen Besuchszimmern und Speisezimmern in der Umgegend. Dreizehn Winter hindurch hatte sie jeden ansehnlichen Ball eröffnet, den die nicht zahlreich bewohnte Nachbarschaft darbot, und dreizehn Frühlinge waren im Blumenschmuck erschienen, seit sie mit ihrem Vater nach London reiste, um jährlich ein paar Wochen die Freuden der großen Welt zu genießen. Sie erinnerte sich an alles dies, und dachte genug an ihre neunundzwanzig Jahre, um einigen Rückwünschen und Besorgnissen Raum zu geben. Dass sie noch so hübsch war, als immer, wusste sie sehr gut; aber sie fühlte, dass sie den gefährlichen Jahren nahe rückte, und würde sich höchlich gefreut haben über die Gewissheit, in den nächsten zwölf, oder vierundzwanzig Monaten von altadeligem Blute gebührend zum Ehebunde eingeladen zu werden. Dann hatte sie noch einmal das Buch der Bücher mit so großer Freude in die Hand nehmen können, als in ihrer frühen Jugend, aber jetzt konnte sie es nicht ausstehen. Das hässliche Buch zeigte ihr nichts als den Tag ihrer Geburt, aber nirgend eine Vermählung, als bei ihrer jüngsten Schwester, und mehr als einmal, wenn ihr Vater es nicht weit von ihr offen auf dem Tische liegen ließ, hatte sie es mit abgewendeten Blicken zugemacht, und weggeschoben.

Es war ihr überdies eine Erwartung vereitelt worden, woran dieses Buch, und besonders die Geschichte ihres eigenen Hauses, sie stets erinnern musste. Der mutmaßliche Erbe, eben jener William Walter Elliot, dessen Rechte ihr Vater so großmütig anerkannte, hatte sie getäuscht. Als ihr in ihrer frühen Jugend bekannt geworden war, dass er, wenn sie keinen Bruder erhielte, ihres Vaters Adelswürde erben sollte, hatte sie ihn heiraten wollen, und ihr Vater immer gemeint, sie sollte es. Man hatte ihn als Knaben nicht gekannt, aber bald nach dem Tode der Frau Elliot war von dem Baronet selber Anlass zur Anknüpfung einer Bekanntschaft gegeben worden, und wiewohl der junge Mann ihm keineswegs mit Wärme entgegen gekommen war, so hatte Elisabeths Vater doch beharrlich ihn ausgesucht, und die bescheidene Zurückhaltung seines jungen Vetters entschuldigt, der denn auch endlich, als Elisabeth in den ersten Blüte ihrer Reize einst in den Frühlingsmonaten mit ihrem Vater in London war, gezwungen wurde, sich vorstellen zu lassen.

Er war zu jener Zeit, wo er sich der Rechtswissenschaft befliss, noch sehr jung und Elisabeth fand ihn so ungemein angenehm, dass alle zu seinen Gunsten gemachten Entwürfe bestätigt wurden. Man lud ihn ein, den Landsitz Kellynch-Hall zu besuchen; man sprach während des ganzen übrigen Jahres von ihm und erwartete ihn, aber er ließ sich nicht sehen. Im nächsten Frühlinge sah man ihn wieder in der Hauptstadt, fand ihn ebenso liebenswürdig, ermunterte, lud und erwartete ihn wieder, aber er kam wieder nicht, und die nächste Botschaft war die Nachricht von seiner Vermählung. Statt sein Glück auf dem Wege zu suchen, der dem Erben des Hauses Elliot vorgezeichnet war, hatte er durch die Verbindung mit einer reichen Frau von geringer Herkunft ein unabhängiges Los gesucht.

Der Baronet war empfindlich darüber. Als Haupt der Familie hätte man ihn, meinte er, um Rat fragen sollen, zumal da er den jungen Mann bei zwei oder drei Gelegenheiten öffentlich bei der Hand genommen, wo man sie notwendig hatte bemerken müssen. Er verhehlte auch seine Missbilligung nicht, aber man schien sich wenig darum zu bekümmern. Der junge Elliot suchte sich gar nicht zu entschuldigen und während es ihm, wie alles verriet, gleichgültig war, ob seine Verwandten ihn länger beachteten, hielt ihn der Baronet seiner Aufmerksamkeit unwürdig. Alle Verbindung ward abgebrochen.

Elisabeth konnte, auch nach Verlauf von mehreren Jahren, nicht ohne Unmut an des Vetters unartiges Benehmen denken; sie war dem Manne gewogen gewesen, weil er ihr gefiel, und noch mehr weil er der Erbe ihres Vaters war, dessen Ahnenstolz nur in ihm einem ebenbürtigen Gemahl für des Baronets, Sir Walter Elliot, älteste Tochter finden konnte. Es gab auch keinen Baronet von A bis Z, den ihre Gefühle so gern als ebenbürtig hätten – anerkennen können; aber er hatte sich so erbärmlich benommen, dass sie, ungeachtet sie zu jener Zeit, im Sommer des Jahres 1814, ein schwarzes Band für seine Frau trug, doch nicht annehmen konnte, er wäre es wert, dass sie noch einmal an ihn dächte. Die Schmach seiner ersten Ehe hätte sich vielleicht, da sie kinderlos geblieben war, noch vergessen lassen; wenn ihm nicht noch etwas Schlimmeres zur Last gefallen wäre; denn er hatte, wie ihnen durch die Dienstfertigkeit gütiger Freunde zu Ohren gekommen war, sehr unehrerbietig von ihnen allen, sehr geringschätzig und verachtend von dem Blute gesprochen, wozu er gehörte, und von der Ehrenstufe, die er künftig selber einnehmen sollte. Wie hätte dies verziehen werden können!

Das waren Elisabeths Gesinnungen und Gefühle; das die Sorgen, die sie lindern, die Unruhe, die sie zerstreuen musste, das war die Einförmigkeit und die Annehmlichkeit, das Gute und das Nichts, das waren die Gefühle, womit sie den langen Aufenthalt in dem ewigen Einerlei eines ländlichen Kreises anziehend machen, womit sich in leeren Augenblicken beschäftigen sollte, zu deren Ausfüllung sie weder durch die Gewohnheit, außer dem Hause nützlich zu wirken, noch durch Gaben und Vorzüge zur Verschönerung des häuslichen Lebens, in Stand gesetzt ward.

Andre Sorgen, andre Bekümmernisse kamen bald dazu. Ihr Vater geriet in Geldverlegenheiten. Sie wusste es, er nahm das Adelsbuch nur in der Absicht zur Hand, um die leidigen Rechnungen der Kaufleute und die unwillkommenen Winke seines Geschäftsführers Shepherd, sich aus den Gedanken zu schlagen. Der Landsitz Kellynch war ansehnlich, aber doch nicht einträglich genug zur Bestreitung des Aufwandes, den der Besitzer desselben, nach des Baronets Meinung, machen musste. So lange seine Frau lebte, herrschte so viel Ordnung, Mäßigkeit und Sparsamkeit in seinem Hauswesen, dass seine Einkünfte nicht überschritten wurden; mit ihrem Tode aber hatte diese Rechtlichkeit ein Ende genommen und von der Zeit an war er immer über seine Einnahme hinaus gegangen. Es war ihm nicht möglich gewesen, weniger auszugeben; er hatte ja nichts getan, als was er, der Baronet, notwendig tun musste; aber so untadelig er war, er hatte sich tief in Schulden gesteckt, und musste so oft davon hören, dass es ein vergeblicher Versuch gewesen sein würde, seine Lage auch nur teilweise vor seiner Tochter zu verbergen. Er hatte ihr im letzten Frühlinge in der Stadt einige Winke darüber gegeben; ja er war so weit gegangen, sie zu fragen: „Können wir uns einschränken? Weißt Du irgendetwas, worin wir uns einschränken könnten?“ Man muss es Fräulein Elisabeth nachrühmen, dass sie in der ersten Aufwallung ihrer Unruhe ernstlich nachdachte, was getan werden könnte, und endlich schlug sie als Einschränkungen vor, einige unnötige Almosen einzuziehen, und die neue Einrichtung des Besuchszimmers aufzugeben, wozu sie späterhin noch den Vorschlag fügte, ihrer Schwester Anna das Geschenk zu entziehen, das man ihr gewöhnlich in jedem Jahre gegeben hatte. Diese Maßregeln aber waren unzulänglich gegen das Übel, und der Baronet sah sich bald genötigt, ihr den ganzen Umfang desselben zu entdecken: Elisabeth wusste kein wirksameres Mittel vorzuschlagen. Sie hielt sich für gemisshandelt und unglücklich, wie ihr Vater, und sie wusste so wenig als er, wie die Ausgaben vermindert werden könnten, ohne der Würde des Hauses etwas zu vergeben, oder ihre Bequemlichkeit auf eine unerträgliche Weise einzubüßen.

Nur ein kleiner Teil seines Landgutes war des Baronets freier Verfügung überlassen; aber wenn auch jeder Morgen Landes veräußerlich gewesen wäre, er würde sich nie dazu verstanden haben, es zu verkaufen. Nein, nie hätte er seinem Namen solche Schmach aufladen mögen; das Gut Kellynch sollte ganz und unzerstückt, wie er es erhalten, auf die Nachkommen gelangen.

Die beiden Hausfreunde, Herr Shepherd, der im nahen Marktflecken wohnte, und Frau Russell, wurden um Rat gefragt; aber Vater und Tochter schienen zu erwarten, dass der Eine oder die Andre etwas aussinnen würde, wodurch der augenblicklichen Verlegenheit abgeholfen, und der Aufwand eingeschränkt werden könnte, ohne dass man irgendeinen Genuss aufgeben dürfte, den Neigung, oder Stolz forderte.

II.

Inhaltsverzeichnis

Herr Shepherd war ein höflicher, behutsamer Rechtsmann, und wieviel er auch über den Baronet vermochte, oder welche Absichten er auf ihn hatte, zu dem Unangenehmen wollte er lieber jeden Andern raten lassen. Er lehnte es mit vielen Entschuldigungen ab, auch nur den leisesten Wink zu geben, und bat bloß um Erlaubnis, ein unbedingtes Vertrauen auf die treffliche Beurteilung der Frau Russell zu empfehlen, in der festen Zuversicht, dass der Verstand, wodurch sie sich, wie bekannt, auszeichnete, gerade die durchgreifenden Maßregeln anraten werde, die er am Ende angenommen zu sehen erwarten müsste.

Frau Russell erwog die Angelegenheit sehr eifrig und ernstlich. Sie besaß mehr gesunden, als schnell fassenden Verstand, und es ward ihr ungemein schwer, hier zu einer Entscheidung zu kommen, wo zwei widerstreitende Grundsätze sich entgegen standen. Sie hatte selbst strenge Rechtlichkeit und zartes Ehrgefühl; aber sie wünschte so sehr, des Baronets Gefühl zu schonen, sie war so eifrig bedacht, das Ansehen der Familie zu erhalten, und so adelsstolz in ihren Ansichten über dasjenige, was ihren Freunden gebührte, als es eine verständige und redliche Frau nur immer sein konnte. Eine wohlwollende, mildtätige, gute Frau, und warmer Zuneigung fähig; durchaus unbescholten in ihrem Wandel, strenge in ihren Ansichten vom Anstande, und von musterhaft feiner Lebensart; sie hatte einen gebildeten Geist und war im Allgemeinen verständig und einig in ihren Ansichten; aber der Ahnenstolz hatte Vorurteile in ihr genährt, und sie achtete Rang und bürgerliches Ansehen so hoch, dass sie ein wenig blind gegen die Fehler derjenigen wurde, welche jene Vorzüge besaßen. Als die Witwe eines Edelmannes von geringerem Range, weihte sie der Würde eines Baronets alle gebührende Achtung, und auch abgesehen von den Ansprüchen, die Sir Walter als alter Bekannter, als aufmerksamer Nachbar, als gefälliger Gutsherr, als der Gemahl ihrer teuren Freundin, als Anna’s und denen Schwestern Vater, machen konnte, war er schon als Baronet, nach ihrer Meinung, bei seinen Bedrängnissen eines innigen Mitleids und besonderer Rücksicht würdig.

Einschränkungen mussten gemacht werden; das war nicht zu bezweifeln; aber Frau Russell wollte dabei ihm und Elisabeth so wenig als möglich ein schmerzliches Gefühl erwecken. Sie machte Entwürfe zu Ersparungen, sie ließ sich in genaue Berechnungen ein, und, woran sonst Niemand dachte, sie zog auch Anna zu Rate, welche von den Andern behandelt wurde, als ob die ganze Sache ihr völlig fremd wäre. Anna's Meinung war nicht ohne Einfluss auf den Entwurf zu Ersparungen, den sie endlich dem Baronet vorlegte. Jede Veränderung, die Anna darin gemacht hatte, war von dem Grundsatze ausgegangen, dass Redlichkeit mehr als Wichtigtun gelten müsste: sie wünschte noch kräftigere Maßregeln; eine noch vollständigere Umwandlung des Hauswesens, eine schnellere Befreiung von Schulden, und eine lauter ausgesprochene Gleichgültigkeit gegen alles, nur nicht gegen Gerechtigkeit und Billigkeit.

„Können wir ihren Vater zu allen diesen Vorschlagen bereden“, sprach Frau Russell, ihre Schrift überblickend: „so kann viel getan werden. In sieben Jahren ist er schuldenfrei, wenn er diese Einrichtungen sich gefallen lässt, und ich hoffe, wir werden ihn und Elisabeth überzeugen können, dass Kellynch-Hall trotz aller dieser Einschränkungen, dennoch ein achtbarer Wohnsitz bleiben wird, und dass Sir Walter Elliot’s wahre Würde in den Augen verständiger Menschen keineswegs vermindert werden kann, wenn er als Mann von Grundsätzen handelt. Was wird er denn auch anders tun, als was sehr viele unserer ersten Häuser getan haben, oder tun sollten? Es ist gar nichts Sonderbares in diesem Falle, und solche Sonderbarkeit macht eben oft das Schlimmste in unsern Leiden, wie immer in unserm Benehmen. Ich habe große Hoffnung, es soll uns gelingen. Wir müssen ernsthaft und entschlossen sein; denn am Ende muss doch bezahlen, wer Schulden gemacht hat, und wie viel Schonung auch dem Gefühle eines Edelmanns und eines Familienhauptes gebührt, so kommt doch noch weit mehr auf den Ruf eines redlichen Mannes an.“

Dies war der Grundsatz, welchem, nach Anna’s Wunsche, ihr Vater folgen sollte; und den seine Freunde, wie sie meinte, ihm dringend empfehlen müssten. Sie hielt es für unumgängliche Pflicht, die Ansprüche der Gläubiger so schnell zu befriedigen, als es bei der durchgreifendsten Einschränkung im Hauswesen nur irgend möglich war, und sah nur in dieser Maßregel allein etwas Würdiges. Sie wollte diesen Schritt vorgeschrieben wissen, weil sie ihn für Pflicht hielt. Sie rechnete viel auf den Einfluss der Frau Russell, und da sie selber zu einem hohen Grade von Selbstverleugnung sich fähig fühlte, so glaubte sie, es werde nicht viel schwieriger sein, ihre Angehörigen zu einer vollständigen, als zu einer halben Umwandlung zu bewegen. Wie sie ihren Vater und Elisabeth kannte, musste sie glauben, dass man es kaum für weniger schmerzlicher halten werde, ein Paar Kutschpferde, als beide Paare, aufzuopfern, und so ging sie durch das ganze Verzeichnis der schonenden Einschränkungen, die Frau Russell vorschlug.

Es ist überflüssig, zu fragen, welche Aufnahme Anna’s strengere Forderungen gefunden haben würden; denn was Frau Russell verlangte, wurde für unausführbar und unerträglich erklärt. Wie! jede Bequemlichkeit des Lebens sich entziehen? Reisen, Aufenthalt in London, Dienerschaft, Pferde, Tafel – überall Verminderungen und Beschränkungen! Wie, er sollte nicht länger mit dem Anstande leben, der einem gebildeten Mann gebührte? Nein, lieber wollte er Kellynch-Hall ganz verlassen, als länger unter so schmählichen Bedingungen da bleiben.

Kellynch-Hall verlassen! Dieser Wink ward alsbald von Shepherd ergriffen, dessen Vorteil es verlangte, dass sich der Baronet zu Einschränkungen bequemte, und der vollkommen überzeugt war, dass ohne Veränderung des Aufenthalts nichts geschehen würde. Da ein solcher Gedanke, äußerte er, von Demjenigen ausgegangen wäre, der ihn vorschreiben müsste, so wollte er unbedenklich gestehen, er wäre ganz derselben Meinung schien ihm nicht möglich zu sein, dass der Baronet eine wesentliche Milderung seiner Lebensweise in einem Hause einführen könnte, das den Ruf der Gastfreundschaft und alter Würde erhalten müsste. An jedem andern Orte könnte sein Gönner allein der eigenen Ansicht folgen, und glauben, Niemand würde es ihm verdenken, wenn er sein Hauswesen nach Belieben einrichtete.

Der Baronet wollte sein Landgut verlassen, und als er noch einige Tage in Zweifel und Unschlüssigkeit geschwankt hatte, war auch die große Frage, wohin er sich begeben wollte, entschieden, und der erste Umriss der wichtigen Lebensveränderung im Reinen.

Man hatte unter drei Vorschlägen gewählt; London, Bath, oder ein anderes Landhaus. Anna war ganz für den letzten Vorschlag. Ein kleines Haus in der Umgegend, wo sie den Umgang der Frau Russell genießen, in Mariens Nähe leben, und zuweilen das Vergnügen haben könnten, die Rasenplätze und Lustwäldchen von Kellynch-Hall zu sehen – darauf waren ihre Wünsche gerichtet. Es war jedoch Anna’s gewöhnliches Schicksal, gerade dasjenige gewählt zu sehen, was ihrer Neigung entgegen war, und Bath, das sie nicht leiden konnte, sollte ihr künftiger Wohnort sein.

Der Baronet war anfangs mehr für London gewesen; Herr Shepherd aber, der wohl einsah, dass er seinem Gönner bei dem Aufenthalte in London nicht trauen könnte, wusste geschickt davon abzuraten; und Bath den Vorzug zu verschaffen. Es wäre ein angemessenerer Wohnsitz für einen Mann wie der Baronet, sagte er, und dieser könnte dort eine bedeutende Rolle mit einem verhältnismäßig geringen Aufwande spielen. Bath besaß zwei wesentliche Vorzüge vor London, die wahrscheinlich entschieden hatten; es war nur ungefähr eine Tagereise von Kellynch entfernt, und Frau Russell brachte jährlich einen Teil des Winters daselbst zu. Sie hatte gleich anfangs für Bath gestimmt, und es war ihr sehr angenehm, dass der Baronet und Elisabeth glaubten, sie würden weder von ihrem Ansehen, noch von ihren Genüssen etwas verlieren, wenn sie sich dort niederließen.

Frau Russell musste sich den bekannten Wünschen ihrer lieben Anna entgegen setzen. Es hieße, meinte sie, zu viel von dem Baronet verlangen, wenn man ihm ansinnen wollte, ein kleines Haus in der Umgegend zu bewohnen. Für Anna selber würde es, setzte die Freundin hinzu, demütigender gewesen sein, als sie voraussah, und für ihres Vaters Gefühle wäre die Demütigung schrecklich gewesen. Anna’s Abneigung gegen Bath nannte Frau Russell Vorurteil und Missverständnis, woran der Umstand schuld sein sollte, dass Anna dort nach ihrer Mutter Tode drei Jahre in der Schule gewesen war, und späterhin, als sie einen Winter mit ihrer Freundin daselbst zubrachte, sich nicht ganz wohl befunden hatte. Frau Russell liebte Bath, und meinte, es müsste Allen angenehm sein, und auch für Anna’s Gesundheit konnte alle Gefahr vermieden werden, wenn sie die warme Jahreszeit bei ihrer Freundin in Kellynch zubrachte. Anna hatte, wie Frau Russell glaubte, zu wenig außer dem Hause gelebt, zu wenig gesehen. Sie war nicht lebendig genug, und in größerer Gesellschaft sollte sich diese Blödigkeit verlieren.

In der Umgegend eine Wohnung zu wählen, war auch darum höchst unangenehm für den Baronet, weil es glücklicher Weise, gleich von Anfange an, zu dem entworfenen Plane gehörte, dass er sein Haus nicht nur verlassen, sondern auch in andern Händen sehen sollte; eine Probe der Standhaftigkeit, die selbst stärkere Seelen; als er, zu schwer gefunden haben würden. Kellynch-Hall sollte verpachtet werden! Aber das war ein tiefes Geheimnis, das fürs Erste nicht über den häuslichen Kreis hinaus kommen durfte.

Der Baronet hätte die Herabwürdigung nicht ertragen können, wenn man gewusst hätte, dass er sein Landgut zu verpachten gesonnen wäre. Herr Shepherd hatte einmal das Wort Bekanntmachung fallen lassen, wagte es aber nie wieder, darauf zurückzukommen. Der Baronet verwarf den Gedanken, das Gut auf irgendeine Weise auszubieten; er verbot, auch nur den leisesten Wink zu geben, dass er eine solche Absicht hätte, und nur wenn er freiwillig von einem ganz unbescholtenen Manne, als um eine große Gunst und auf selbst zu bestimmende Bedingungen, darum ersucht würde, wollte er das Gut überhaupt verpachten.

Wie schnell kommen die Gründe, etwas zu billigen, das wir lieben! Frau Russell erhielt bald einen andern trefflichen Grund, sich sehr zu freuen, dass der Baronet und seine Angehörigen die Gegend verließen. Elisabeth hatte in der letzten Zeit eine Freundschaft angeknüpft, die Frau Russell zerrissen zu sehen wünschte. Es war eine vertraute Verbindung mit Shepherd’s Tochter, die nach einer unglücklichen Ehe mit zwei Kindern in ihres Vaters Haus zurückgekehrt war. Sie hatte viel Gewandtheit, und wusste zu gefallen, wenigstens in Kellynch-Hall zu gefallen, und hatte sich bei Fräulein Elisabeth so sehr eingeschmeichelt, dass sie schon mehr als einmal im Schlosse geblieben war, wie sehr auch Frau Russell, die eine solche Freundschaft für ganz unangemessen hielt, zu Behutsamkeit und Zurückhaltung ermahnen mochte.

Frau Russell vermochte nicht viel über Elisabeth, und schien sie fast nur darum zu lieben, weil sie es wollte, weniger weil Elisabeth Liebe verdiente. Sie hatte nie mehr, als äußere Beweise von Aufmerksamkeit erhalten, nichts mehr als die Beobachtung höflicher Umgangssitte, und es war ihr nie gelungen, irgendetwas gegen des Fräuleins vorgefasste Neigung durchzusetzen. Mehr als einmal hatte sie sehr ernstlich den Wunsch ausgesprochen, dass auch Anna ihren Vater und ihre Schwester nach London begleiten möchte, der sie lebhaft fühlte, wie ungerecht und wie nachteilig für den Ruf der Familie die selbstische Einrichtung war, wodurch Anna ausgeschlossen wurde, und bei vielen unbedeutenderen Anlässen hatte sie sich bemüht, Elisabeth in den Vorteil zu setzen, ihr besseres Urteil und ihre Erfahrung geltend zu machen; aber immer vergebens. Elisabeth wollte ihren eigenen Weg gehen, und nie hatte sie ihn in entschiedenerem Widerspruche gegen Frau Russell verfolgt, als bei der Wahl der Frau Clay. Sie entzog sich dem Umgange ihrer trefflichen Schwester, um ihre Zuneigung und ihr Vertrauen einer Frau zu schenken, der sie nie mehr als kalte Höflichkeit hätte beweisen sollen.

Shepherd's Tochter war, wie Frau Russell meinte, ihren Verhältnisse nach, eine sehr ungleiche, nach ihrer Gemütsart eine sehr gefährliche Gesellschafterinn, und daher war eine Entfernung, die eine Trennung von Frau Clay zur Folge haben, und Fräulein Elisabeth Gelegenheit geben musste, sich passendere Freundinnen zu wählen, ein Umstand von hoher Wichtigkeit.

III.

Inhaltsverzeichnis

„Erlauben Sie mir zu bemerken“, sprach eines Morgens Herr Shepherd zu dem Baronet, als er eine Zeitung ihm vorlegte: „dass die gegenwärtigen Umstände uns sehr günstig sind. Der Friede wird alle unsre reichen See-Offiziere ans Land bringen. Jeder braucht eine Heimat. Es könnte keine bessere Zeit geben, sich Mietleute zu wählen, sehr zahlungsfähige Mietleute. Mancher hat im Kriege ein schönes Glück gemacht. Wenn uns so ein reicher Admiral in den Weg käme –

„Nun, er würde ein sehr glücklicher Mann sein“, erwiderte der Baronet, „das ist alles, was ich dazu sagen kann. Kellynch-Hall würde eine Prise für ihn sein, die köstlichste Prise von allen, und wenn er vorher auch noch so viele gemacht hätte. Nicht wahr, Shepherd?“

Shepherd lachte über diesen Witz, wie er wusste, dass es erwartet wurde, und fügte hinzu: „Ich wage die Bemerkung, dass mit den Herrn See-Offizieren sich in Geschäften gut auskommen lässt. Ich habe ein bisschen Gelegenheit gehabt, ihre Art kennen zu lernen, und ich muss gestehen, dass sie sehr edle Gesinnungen haben, und wohl so gute Mietleute sein mögen, als sonst irgendjemand. Ich wollte mir daher die Freiheit nehmen, die Bemerkung zu machen, wenn etwa das Gerücht von ihrem Vorhaben sich verbreiten sollte – was doch sehr möglich sein könnte, da wir ja wissen, wie schwer es ist, die Handlungen und Absichten eines Teiles der Menschen gegen die Aufmerksamkeit und Neugier Anderer zu bewahren – wer in Ansehen steht, muss nun einmal dafür etwas tragen – ich zum Beispiel könnte meine Familienangelegenheiten verbergen, wie’s mir beliebt, weil es Niemand der Mühe wert hält, mich zu beobachten; aber auf Sir Walter Elliot sind Augen gerichtet, welchen sich nicht leicht ausweichen lässt. Es sollte mich daher gar nicht Wunder nehmen, wenn bei aller unserer Vorsicht das Gerücht die Wahrheit ausbreitete, und da nun in einem solchen Falle ohne allen Zweifel Anfragen stattfinden würden, so sollte ich meinen, es möchte einer von unsern reichen See-Offizieren besonderer Aufmerksamkeit würdig sein, und ich erlaube mir, hinzusetzen, dass ich zu jeder Zeit in zwei Stunden hier sein kann, um Ihnen die Mühe einer Antwort zu ersparen.“

Der Baronet antwortete nur mit einem Kopfnicken. Bald nachher aber erhob er sich, und auf und nieder gehend, bemerkte er spöttisch: „Es sind wohl wenige unter diesen Herrn See-Offizieren, sollt’ ich denken, die sich nicht mit Verwunderung in einem Hause wie dieses finden würden.“

„Ei, ja, sie würden sich wohl umsehen, und ihr Glück segnen“, sprach Frau Clay, die auch zugegen war; denn ihr Vater hatte sie mitfahren lassen, weil für ihre Gesundheit nichts so wohltätig war, als eine Fahrt nach Kellynch-Hall; „Aber ich bin ganz meines Vaters Meinung, ein Seemann würde ein sehr erwünschter Mietmann sein. Ich habe Gelegenheit gehabt, viel von ihrem Tun und Treiben kennenzulernen, und von ihrer Freigebigkeit abgesehen, sind sie auch in allen Dingen so reinlich und sorgsam. Diese kostbaren Gemälde würden ganz sicher sein, wenn Sie die Bilder etwa hier lassen wollten. Es würde für alles in und außer dem Hause aufs Beste gesorgt werden, und die Gärten und Gesträuche würde man in der guten Ordnung erhalten, worin sie jetzt sind. Sie dürften nicht besorgt sein, Fräulein Elliot, dass ihr allerliebstes Blumengärtchen vernachlässigt würde“

„Ich kann darüber nichts sagen“, erwiderte der Baronet kalt: „denn sofern ich mich auch bewegen ließe, mein Haus Jemanden zu überlassen, so bin ich doch noch gar nicht mit mir einig, welche Vorrechte ich damit verbinden würde. Ich habe nicht sonderlich viel Lust, seinen Mietmann zu begünstigen. Der Park würde ihm freilich offen stehen, und wohl nur wenige See-Offiziere, oder auch sonst Leute von irgendeiner Art, würden je einen solchen Spaziergang gehabt haben; aber mit welchen Einschränkungen ich die Benutzung der Lustanlagen gestatten würde, das ist eine andre Frage. Ich würde es wohl nicht gern haben, dass meine Gebüsche immer zugänglich wären, und ich möchte meiner Tochter raten, für ihren Blumengarten auch besorgt zu sein. In der Tat, ich habe wenig Lust, einem Mietmanne besondere Gunst zu beweisen, mag er Seemann oder Soldat sein.“

Nach einer kurzen Pause wagte Shepherd die Bemerkung: „In allen diesen Fällen bestehen gewisse herkömmliche Gebräuche, die alle Verhältnisse zwischen Gutsherrn und Pächter klar und unschwierig machen. Ihr Vorteil, gnädiger Herr, ist in sichern Händen. Verlassen Sie sich darauf, dass ich Sorge tragen werde, keinem Mietmanne mehr zu geben, als was ihm nach strengem Rechte zukommt. Ich erlaube mir die Bemerkung, dass Sie, gnädiger Herr, nicht halb so besorgt für ihr Eigentum sein können, als ich es sein werde.“

„Die Seeleute“, hob Anna an, „haben so viel für uns getan, dass sie wohl ebenso großen Anspruch, als sonst irgend Jemand, auf alle Bequemlichkeiten und alle Vorrechte haben, die eine Heimat geben kann. Wir müssen wohl alle zugeben, dass die Seeleute sich die Bequemlichkeiten des Lebens mit schwerer Arbeit verdienen.“

„Sehr wahr! sehr wahr! Fräulein Anna hat ganz recht“, erwiderte Shepherd.

„O gewiss!“, setzte seine Tochter hinzu.

„Der Stand hat seinen Nutzen“, bemerkte darauf der Baronet, „aber ich möchte doch nicht gern, dass Einer von meinen Freunden dazu gehörte.“

„Wirklich?“, antwortete man mit einem Blicke der Überraschung.

„Ja, zwei Dinge sind mir anstößig dabei, zwei wichtige Einwendungen hab’ ich dagegen. Fürs Erste gibt dieses Gewerbe Anlass, Leute von geringer Herkunft zu ungebührlicher Auszeichnung zu bringen, und Leuten Ehrenbezeigungen zu verschaffen, wovon sich ihre Voreltern nichts träumen ließen, und für’s Andre reibt dieses Gewerbe die Jugendkraft der Menschen auf eine furchtbare Weise auf. Ein Seemann wird schneller alt, als sonst Jemand; ich habe das mein Lebelang bemerkt. Im Seedienst ist ein Mann in größerer Gefahr, durch das Emporkommen von Jemand beleidigt zu werden, mit dessen Vater sein Vater zu sprechen verschmäht haben würde, und auch frühzeitiger selber ein Gegenstand des Widerwillens zu werden, als in jedem andern Stande. Im vorigen Frühjahr war ich in London mit zwei Männern in Gesellschaft, die auffallende Beweise für meine Behauptung abgeben konnten. Der Eine war Lord St. Ives, dessen Vater, wie wir Alle wissen, ein hungriger Dorfpfarrer war; ich musste ihm den Vorrang lassen, und einem gewissen Admiral Baldwin – ich kann nicht beschreiben, wie kläglich der aussah, ein Gesicht wie Mahagoni, rau und wild, lauter Linien und Runzeln – neun graue Härchen auf einer Seite und nichts als einen Klecks Puder auf dem Scheitel. ‚Um’s Himmels willen, wer ist der alte Mann?‘, fragte ich einen Freund, der neben mir stand. ‚Alter Mann!‘, erwiderte er. ‚Es ist Admiral Baldwin? Und wie alt schätzen Sie ihn?‘ ‚Sechzig‘, sagte ich, ‚oder vielleicht zweiundsechzig.‘ ‚Vierzig‘, antwortete mein Freund, ‚vierzig und nicht mehr.‘ Denken Sie sich mein Erstaunen! Nein, den Admiral Baldwin vergesse ich nicht so leicht. Ich habe nie in einem so unglücklichen Beispiele gesehen, was das Seeleben tun kann. Aber so geht’s mehr oder weniger Allen; sie werden hinaus gestoßen, jeder Lust und jeder Witterung ausgesetzt, bis man sie nicht mehr ansehen kann. Schade, dass man sie nicht lieber gleich auf den Kopf schlägt, ehe sie so alt werden, als Admiral Baldwin.“

„Ei, das ist doch sehr strenge gesagt!“, sprach Frau Clay. „Haben Sie doch ein bisschen Mitleid mit den armen Leuten! Wir sind ja nicht alle hübsch geboren. Die See verschönert freilich nicht; Seeleute werden alt vor der Zeit, das hab’ ich oft bemerkt, und verlieren früh das jugendliche Ansehen. Aber ist’s denn nicht eben so bei vielen andern Gewerben, oder gar bei den meisten? Soldaten im Landkriege geht’s nicht besser, und selbst in ruhigeren Berufsarten muss sich der Geist plagen und abmühen, wenn nicht der Leib, und dabei behält der Mensch selten das Ansehen, das er nach dem natürlichen Laufe der Zeit haben sollte. Der Rechtsgelehrte plackt sich und wird durch Sorgen aufgerieben; der Arzt ist zu allen Stunden auf und reiset bei jedem Wetter, und selbst on Geistliche“ – sie schwieg einen Augenblick, erwägend, was für den Geistlichen passte – „ja selbst der Geistliche muss, wie Sie wissen, ansteckende Kranke besuchen, seine Gesundheit und sein gutes Aussehen in einer vergifteten Atmosphäre daran wagen. Kurz, wie ich schon längst überzeugt gewesen bin, jeder Stand ist zwar an seinem Platze nötig und ehrenvoll, aber nur denjenigen, die nicht genötigt sind, einem Berufe zu folgen, die auf dem Lande eine regelmäßige Lebensordnung beobachten können, die Herren ihrer Zeit sind, nach ihrem Belieben sich beschäftigen und auf ihrem Eigentum leben, nur ihnen allein fällt das Los, meine ich, den Segen der Gesundheit und eines guten Aussehens aufs Längste zu bewahren. Ich kenne sonst keine Art von Leuten, die nicht etwas von ihrer angenehmen Bildung verlören, wenn sie nicht mehr ganz jung sind.“