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Als Anna am Grab ihrer Tochter Laura einen Strauß Sonnenblumen entdeckt, gerät ihre Welt ins Wanken. Der Blumenstrauß kann nur bedeuten, dass Lauras Vater Everett, der vor drei Jahren direkt nach ihrem Tod ohne Erklärung verschwand, wieder da ist. Und tatsächlich steht er plötzlich vor ihr. Aber ist er noch derselbe, den sie kannte? Noch mehr als sein verändertes Aussehen verunsichert sie die Tatsache, dass er ihr etwas Wichtiges verschweigt. Anna muss sich allmählich eingestehen, dass ihre Gefühle für Everett noch nicht so tot sind, wie sie glaubte. Denn es vergeht kaum ein Tag, an dem sie nicht eine überraschende Entdeckung macht, die ihr Herz zum Summen bringt.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Gott weint leise
Dreiteilige Reihe
Anna und Everett
Teil 1
von
Hana Repová
1. Auflage
Copyright der Originalausgabe © 2017 by Hana Repová
Copyright der deutschensprachigen Ausgabe
© 2022 by Hana Repová
Alle Rechte vorbehalten.
Die slowakische Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel „Boh plače potichu“ bei Meridiano-Press Verlag. Hierbei handelt es sich um neue komplett
überarbeitete deutsche Ausgabe.
Herausgeber:
Hana Repová, c/o Cocenter, Koppoldstr. 1,
86551 Aichach
Übersetzung © Hana Repová 2021
Lektorat: Sabine Steck
Korrektorat und Buchsatz: Rike Moor
(Lektorat Moor—and more)
Cover Design: © Zuzi Maat
Cover Foto: Shutterstock
Dieses Werk ist eine Fiktion.
Namen, Charaktere, Orte und Ereignisse sind
Produkte der Fantasie der Autorin und werden fiktiv verwendet. Jegliche Ähnlichkeit mit tatsächlichen Personen, lebendig oder tot, Geschäften,
Firmen, Ereignissen oder Orten
sind absolut zufällig.
Kein Teil dieses Buches darf in jeglicher Form auf elektronische oder mechanische Art ohne
die schriftliche Erlaubnis der Autorin
reproduziert werden.
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Nachwort
Über die Autorin
Anna saß in ihrem alten Schaukelstuhl auf der Terrasse ihres Hauses, eingehüllt in eine dicke braune Decke, und richtete ihren Blick in die Ferne. Mit vor Kälte steif gefrorenen Fingern umklammerte sie eine Tasse mit heißem Kakao. Aber nichts konnte an diesem Morgen die Kälte lindern, die sie in sich spürte. Herbstlicher Wind streichelte ihre Wangen und zerzauste ihre langen blonden Haare. Es machte sie traurig, dass die Blätter der Bäume schon seit einigen Wochen auf den Straßen lagen und ein abstraktes Mosaik bildeten, das sich bei jeder Windbewegung wie ein Kaleidoskop veränderte.
Noch vor ein paar Wochen hatte sie oft hier gesessen und das endlose Spiel der Farben um sich herum beobachtet. Es war ihre Art der Meditation. Jetzt war es Anfang Oktober und das Wetter spielte nicht mehr mit. Ihre Momente draußen waren immer seltener geworden. Heute konnte sie aber nicht anders, auch wenn sie wusste, dass sie sich dadurch eine Erkältung einfangen könnte.
Sie hatte sich ein paar Tage freigenommen. Wollte niemanden sehen, mit niemandem sprechen. Sie wollte alleine sein. Alleine mit ihren Erinnerungen. Heute vor genau drei Jahren hatte sie am offenen Grab ihrer Tochter gestanden. Ihrer kleinen Prinzessin.
Später kaufte sie einen farbenfrohen Blumenstrauß, setzte sich ins Auto und fuhr los. Während der Fahrt versuchte sie, Kraft zu sammeln, wie immer in den letzten drei Jahren, wenn sie diese schmerzhafte Reise antrat. Als sie ankam, war es bereits Mittag. Die Sonne schaute hier und da durch die Wolken, brachte aber so gut wie keine Wärme mehr. Die Luft war kalt. Sie zog den schwarzen Mantel enger um ihre schmale Figur und richtete ihren Schal, um sich besser vor der Kälte zu schützen. Auch heute betrat sie den Friedhof durch den Seiteneingang, um niemandem zu begegnen. Das alte Tor quietschte wie zur Begrüßung. Wie oft mochte sie es schon durchquert haben?
Meistens war sie erst mit Einbruch der Dunkelheit hierhergekommen, denn die Tage nach der Beerdigung ihrer kleinen Prinzessin hatte sie die irrationale Vorstellung gequält, Laura könnte sich hier alleine fürchten. Immer hatte sie Angst vor der Dunkelheit gehabt, sogar zu Hause in ihrem Kinderzimmer. Und so war sie Tag für Tag in der Dämmerung hierhergekommen, um ihr ein paar Kerzen anzuzünden.
Den Weg kannte sie auswendig, jeden einzelnen Stein. Obwohl sie langsam ging, musste sie sich kurze Zeit später auf die Bank unter der großen Linde setzen. Der tief sitzende Schmerz in ihr lähmte sie so oft. Obwohl es schon drei Jahre her war, verspürte sie nicht die kleinste Linderung.
»Das Herz einer Mutter kennt keine Zeit«, hatte sie vor Kurzem in einem Buch gelesen. Wie wahr diese Worte sind, hatte sie damals bitter gedacht.
Als sie sich etwas ausgeruht hatte, zwang sie sich, ihre Kräfte zu mobilisieren und die letzten paar Meter bis zu der Grabstelle zurückzulegen. Plötzlich stockte ihr der Atem. Auf dem Grab ihrer Tochter lag ein Strauß Sonnenblumen. Verwirrt sah sie sich um, aber niemand war da. Der Strauß lag auf dem kalten weißen Grabstein, ohne Wasser. Die Blumen waren nicht verwelkt. Sie waren aber auch nicht erfroren, was bedeutete, dass jemand sie erst kürzlich hingelegt haben musste.
Noch einmal blickte sie um sich. Nichts.
Sie könnten von ihrer Freundin Stella sein, doch auf dem nahegelegenen Grab von deren Mutter sah sie nur erfrorene Blumen und erloschene Grablichter. Das bedeutete, Stellas letzter Besuch musste also schon einige Tage her sein. Sie stellte liebevoll ihre mitgebrachten rosafarbenen Teelichter in Form eines Herzens auf dem Grab ab, zündete sie an und ging los, um Wasser in die Vase zu füllen. Dafür musste sie fast bis zur Mitte des Friedhofs zu einem kleinen Springbrunnen gehen.
Sie beugte sich vor, um Wasser nachzufüllen, und gewann einen Moment lang den Eindruck, hinter ihrem Rücken hätte sich etwas bewegt. Überrascht drehte sie sich um, sah jedoch niemanden. Anna schüttelte den Kopf über ihre eigene Dummheit. Allerdings hatte sie heute jedes Recht, überempfindlich zu sein.
Langsam kehrte sie zum Grab zurück und stellte beide Sträuße ins Wasser. Dabei wurde sie das Gefühl nicht los, beobachtet zu werden. Danach zündete sie ein Licht auf dem Grab von Stellas Mutter an und nahm sich dabei fest vor, in den nächsten Wochen das Grab ihrer eigenen Mutter ebenfalls zu besuchen, auch wenn dies eine mehrstündige Fahrt in die Schweiz bedeutete.
Zum Schluss kehrte sie zu Lauras Grab zurück und setzte sich auf die kalte Holzbank. Wie lange sie da verharrte, wusste sie selbst nicht genau. Hier verlor sie stets jegliches Zeitgefühl.
Als Anna nach Hause kam, dämmerte es bereits. Mehrmals hatte sie auf der Standspur anhalten müssen, weil sie die Straße nicht mehr sah. Immer wieder hatten Tränen ihren Blick getrübt. Sie hatte einige Minuten gebraucht, bis sie weiterfahren konnte. Nachdem sie die Tür aufgeschlossen hatte, warf sie die Schlüssel zusammen mit der Handtasche auf die Kommode und eilte die Treppen zum Dachboden hinauf. Eine Weile irrte sie zwischen den ganzen Kartons umher, bis sie fand, was sie suchte.
Die alte Truhe aus schwerem Holz war von einer dicken Schicht aus Staub bedeckt. Sie rüttelte am Verschluss, aber der gab nicht nach. Sie hatte keinen Schlüssel dafür und erinnerte sich nicht, jemals einen gehabt zu haben. Auf einem der umherstehenden Kartons lag ein altes Messer mit einer kaputten Klinge. Entschlossen griff sie danach und kämpfte kurz mit dem rostigen Schloss. Dabei rutschte sie ab und schnitt sich in die Hand. Erst als das Schloss endlich aufsprang und sie die Truhe öffnen konnte, fiel ihr auf, dass sie blutete.
Gleichgültig wischte sie das Blut an ihrer Jeans ab und nahm eine Mappe heraus, die obenauf lag. Ungeduldig löste sie den Knoten, der den Inhalt zusammenhielt, und drehte das erste Blatt um. Mit dem Ärmel ihres alten Mantels, den sie noch immer trug, wischte sie die Tränen weg, die ihr die Wangen herunterliefen. Ihre Hände zitterten so sehr, dass ein paar Blätter aus der Mappe rutschten, in der Luft umherwirbelten und auf den staubigen Boden segelten. Als sie sich bückte, um sie wieder einzusammeln, fiel ein Tropfen Blut auf ein Blatt.
»Nein, nein, nein. Neeeein!«
Hastig sprang sie auf und lief mit dem Papier in der Hand die Treppen hinunter ins Badezimmer. Aber das Blatt hatte ihr Blut schon aufgesogen, es abzuwischen, war unmöglich. Damit hatte sie eines der wenigen Dinge ruiniert, die ihr noch von ihrer Tochter geblieben waren. Dieses Stück Papier war für sie von unschätzbarem Wert. Nun prangte ein Blutfleck darauf. Ein Weinkrampf nahm ihr den Atem.
»Nein, nein«, wiederholte sie immer wieder, setzte sich auf den Badewannenrand und weinte bitterlich, während sie es an ihre Brust drückte.
Von Kinderhand waren drei Personen auf das Blatt gezeichnet. Mutter, Vater und Kind standen vor einem Häuschen und um sie herum war ein Meer aus Sonnenblumen. Es waren die Lieblingsblumen ihrer Tochter gewesen. Kaum dass sie die Wachsstifte in den winzigen Fingern halten konnte, hatte Laura als Erstes gelernt, Sonnenblumen zu malen. Deswegen war sie heute so durcheinander gewesen, als sie auf dem Grab ihrer Tochter gerade diese Blumen gefunden hatte.
Laura hatte sie geliebt, die gezeichneten genauso wie die echten. Es gab aber nur wenige Menschen, die ihre Tochter gut genug gekannt hatten, um das zu wissen.
Nachdem sie sich wieder gefasst hatte, begann sie darüber nachzudenken, wer die Blumen dorthin gelegt haben könnte. Als sie keinen Anhaltspunkt fand, beruhigte sie sich selbst mit dem Gedanken, dass es vermutlich Lauras Großeltern Saam und Evelyn gewesen waren.
Am Samstag ging sie morgens einkaufen, so wie sie es immer tat. Einkaufen in der Früh zählte zu den Gewohnheiten, die sich auch im Laufe der Jahre nicht geändert hatten. Später am Vormittag war es ihr einfach zu voll. Sie liebte es, langsam durch die Gänge zu schlendern und in Ruhe die angebotenen Waren unter die Lupe zu nehmen. So früh unterwegs musste sie nicht bei der Brotschneidemaschine warten oder an der Kasse anstehen. Der Parkplatz war um diese Zeit fast leer, aber aus Gewohnheit parkte sie trotzdem in der letzten Reihe.
Dieses war eines von wenigen Geschäften in Frankfurt, das so früh am Morgen bereits geöffnet hatte. Sie nahm ihren Korb sowie die Geldbörse und schloss das Auto ab. In der Handtasche suchte sie nach dem Einkaufszettel, den sie in aller Eile auf die Rückseite eines gebrauchten Umschlages geschrieben hatte. Sie hatte frisches Gemüse, Joghurt, Äpfel, Oliven, Eier, Baguette und Shampoo darauf gekritzelt. Das war nicht viel, deswegen hoffte sie, wieder zu Hause zu sein, bevor es im Geschäft zu voll wurde.
Nach ein paar Schritten blieb sie wie angewurzelt am Eingang stehen. Sie nahm einen Duft wahr, von dem sie gedacht hatte, ihn schon vor langer Zeit vergessen zu haben. Bis eben lag er aber nur tief vergraben in ihrem Unterbewusstsein und betäubte Anna geradezu durch sein plötzliches Auftauchen.
Everett!
Ihre Beine versagten und sie konnte keinen Schritt weitergehen. Mit letzter Kraft lehnte sie sich an die Wand mit den Namen und Fotos der Ladenmitarbeiter. Sie konnte nur schwer atmen, Panik schnürte ihr die Luft ab und vom plötzlich ansteigenden Blutdruck bekam sie augenblicklich Kopfschmerzen.
Seit Jahren hatte Anna diesen Duft nicht mehr gerochen, aber sie reagierte sofort darauf. Sie hatte ihn nicht vergessen.
Erschrocken sah sie sich um, während die Beklemmung in ihr stetig anstieg. Der Geruch war ganz schwach, nur ein Hauch. Ein Unbeteiligter hätte ihn wahrscheinlich gar nicht wahrgenommen, ihn in einem Supermarkt, dessen Luft von den Aromen exotischen Obstes und frischen Gebäcks geprägt war, nicht bemerkt. Annas sensible Nase hatte sie aber noch nie im Stich gelassen.
Erneut drehte sie sich um, sah jedoch nur zwei Verkäuferinnen, die Werbeprospekte verteilten, und einen jungen Mann hinter der Kasse. Außer ihr waren nur wenige Kunden im Geschäft. Zwei Frauen, ein älteres Ehepaar, das leidenschaftlich über etwas diskutierte, und ein paar müde Teenager, die vermutlich von irgendeiner Party kamen und Zigaretten brauchten. Sonst niemand.
Sie zwang sich zur Ruhe. Es ist nur ein dummer Zufall. Mehr nicht.
Zwei, drei Mal atmete sie tief durch und trat an die Einkaufswagen. Sie nahm den ersten und schob ihn in den Laden. Aufmerksam suchte sie sich das schönste Baguette aus, dazu Eier und ein paar Cherry-Tomaten. Bei den Äpfeln überlegte sie kurz, legte am Ende aber wie immer die Elstar-Sorte in den Korb, denn die schmeckte ihr einfach am besten.
Etwas später stand sie bei den Shampoos und überlegte, welches sie mitnehmen sollte. Als sie sich mit der Hand die Haare wegstreichen wollte, die sich aus dem Zopf gelöst hatten, roch sie erneut den schmerzlich bekannten Duft, dieses Mal stärker und kräftiger als zuvor. War das möglich? Oder war sie nicht ganz Herrin ihrer Sinne? Kündigte ihr die eigene Psyche nach dem emotional belastenden gestrigen Tag vielleicht den Dienst?
Ungläubig hob sie die Finger erneut an die Nase und roch deutlich das ihr bekannte Aftershave. Schockiert betrachtete sie sich ihre rechte Hand, die jetzt spürbar zitterte. Dann roch sie an ihrer Linken. Nichts. In dieser trug sieden Korb, mit der rechten Hand schob sie den Einkaufswagen. Vorsichtig sah sie sich um und verschwand unauffällig hinter den Regalen, damit sie nicht wie eine Durchgeknallte wirkte. Wie unter Zwang roch sie am Griff des Wagens. Der Duft war eindeutig intensiver als an ihrer Hand. Sie schloss die Augen. Sofort waren die Erinnerungen wieder da …
Everett hatte morgens im Badezimmer vor dem Spiegel gestanden, das Badetuch um die Hüften gebunden. Frisch rasiert hatte er ein paar Tropfen des Aftershaves in seine Hände fließen lassen, bevor er es dann auf Wangen und Hals auftrug …
Hastig öffnete sie die Augen und sah sich um, ob jemand sie beobachtete oder ob sie im Sichtfeld einer der Kameras stand. Man würde sie ganz bestimmt für verrückt halten. Wer sonst roch am Griff eines Einkaufswagens? Andererseits war sie etwas beruhigter, da sie jetzt sicher war, es sich nicht eingebildet zu haben. Wieder schaute sie sich um.
Ruhe, Anna. Ruhe! Es ist nur ein blöder Zufall. Du siehst doch, dass hier niemand ist.
Mit aller Kraft versuchte sie, ihren eigenen panischen Herzschlag zu beruhigen, aber es gelang ihr nicht. Ihr Instinkt zwang sie, von hier zu verschwinden.
Weg! Einfach nur weg!
Langsam machte sie sich Sorgen, dass schon bald der Sicherheitsmitarbeiter kommen und man sie für eine Diebin halten könnte, da sie sich so viel umschaute. Ohne nachzudenken, warf sie hastig ein paar Sachen in den Einkaufswagen, um erst gar keinen solchen Verdacht aufkommen zu lassen. Dann eilte sie zur Kasse.
Der junge Mann, der dort saß, hatte sie schon des Öfteren bedient und sie hatte immer ein paar Worte mit ihm gewechselt. Sie wusste, dass er sie hübsch fand, und daher bedankte sie sich immer höflich für seine Komplimenteüber ihr Äußeres. Heute jedoch waren alle seine Bemühungen vergebens.
Sie bemerkte, dass er sie anlächelte und etwas zu ihr sagte, bekam aber außer ihrem eigenen wilden Herzschlag nichts mit. In der anhaltenden Panik vergaß sie, dass sie bereits die Kreditkarte in der Hand hielt, und zog eineBanknote heraus, die sie dem jungen Mann in die Hand drückte. Hastig warf sie alles in den Einkaufskorb und rannte weg, ohne auf das Wechselgeld zu warten. Andere Kunden sahen sich nach ihr um, aber sie erkannte alles nur schemenhaft, wegen der vielen Tränen in ihren Augen.
Der Schmerz über Everetts Verrat war zu unerwartet erwacht. Sie hatte keine Chance bekommen, sich darauf vorzubereiten, und war innerlich wie betäubt.
Endlich draußen angekommen rannte sie zum Auto, welches immer noch verlassen in der letzten Reihe parkte. Mit zitternden Händen versuchte sie, aufzuschließen, traf aber das Schloss nicht. Beim nächsten Versuch fielen ihr gar die Schlüssel aus der Hand. Dann endlich schaffte sie es und öffnete die Tür. Den Korb warf sie achtlos auf den Beifahrersitz und ließ sich hinters Lenkrad fallen. Dann brach sie mit einem heftigen Weinkrampf zusammen. Der ganze Schmerz, die Liebe, die Trauer und die Sehnsucht mischten sich tief in ihrem Inneren. Sie hatte geglaubt, das Schlimmste bereits überwunden zu haben, aber der gestrige Friedhofsbesuch und der heutige Tag belehrten sie eines Besseren.
Anna hatte Everett seit drei Jahren nicht mehr gesehen, aber keinen Augenblick vergessen, den sie miteinander verbracht hatten. Er hatte sie ohne Vorwarnung und ohne Erklärung am Tag nach Lauras Tod verlassen. Seit damals hatte sie nichts mehr von ihm gehört. Er war verschwunden, als hätte er nie existiert. Ganz so, als wären Laura und sie niemals ein Bestandteil seines Lebens gewesen. Aberihr Herz und ihr Kopf vergaßen nichts, nicht einmal seinen Duft, den sie liebte. Das Parfum hatten sie in einer eher unauffälligen Pariser Seitenstraße entdeckt und gleich vom ersten Augenblick an toll gefunden. Frisch, würzig-orientalisch mit leichter Zitrusnote. Eine Mischung aus Bergen und Meer, genauso einzigartig wie Everett selbst.
Dieser Duft und der Strauß Sonnenblumen auf Lauras Grab konnten kein Zufall sein. Everett war zwar nicht einmalzur Beerdigung gekommen, aber es konnte nicht schwer sein herauszufinden, wo Laura begraben lag. Außerdem kannten natürlich Saam und Evelyn, seine Eltern, die Stelle, auch wenn die beiden schon lange nicht mehr am Grab gewesen waren. Zumindest schloss Anna dies aus den fehlenden Anzeichen eines Besuches von ihnen: keine Kerzen, keine Blumen oder Plüschtiere, die nicht von ihr oder Stella waren.
Jetzt aber signalisierte ihr jede Körperzelle, dass der Vater ihrer Tochter nicht weit war. Sie wusste es einfach. Das konnte nicht einmal die dreijährige Trennung ändern.
Allmählich ordneten sich ihre Gedanken. Auch ihr Herzschlag verlangsamte sich nach und nach. Mit dem Taschentuch wischte sie sich die Tränen und die Reste der Mascara weg und hob den Kopf.
Da stand er.
Es dauerte eine Weile, bis sie den Mann vor ihrem Auto erkannte, denn er hatte keinerlei Ähnlichkeit mit dem Everett aus ihrem früheren Leben.
Sein damals welliges schwarzes Haar war jetzt kaum einige Millimeter lang. Ein typischer Armeehaarschnitt. An den Schläfen leuchteten sogar ein paar graue Stellen. Schon immer war er schlank gewesen und trotz seiner beachtlichen Größe hatte er sich sehr geschmeidig bewegt. Das war eine der Eigenschaften, die er von seinem Vater geerbt hatte. Jetzt besaß er deutlich mehr Muskelmasse, aber auch eine andere Körperhaltung. Sie bemerkte diese Veränderung sofort, obwohl sie nicht sagen konnte, was genau anders war. Zu viele unterschiedliche Eindrücke brachen über sie herein.
Er trug blaue Jeans, einen hellblauen Pullover und eine braune Lederjacke. So ähnlich hatte er sich schon vor Jahren gekleidet und trotzdem wirkte das alles jetzt ganz anders. Vielleicht wegen der schweren Armeestiefel an seinen Füßen. So lange Anna sich erinnern konnte, hatte er immer nur hochwertige italienische Schuhe aus feinstem Leder getragen.
Seine Augen hinter der dunklen Sonnenbrille konnte sie nicht sehen. Es war aber deutlich, dass alle seine Gesichtsmuskeln angespannt waren. Ihr wurde bewusst, dass er schon länger in der Nähe gewesen sein musste – hatte er gewartet, bis sie wieder ruhiger geworden war?
Ihm war anscheinend klar, dass er ihr einen Schock verpasst hatte. Oder musste er selbst seinen Mut sammeln?
Schließlich kam er näher heran.
Anna stieg zögerlich aus dem Auto und wischte sich nochmals die Tränen weg. Sie lehnte sich mit dem Rücken an die Tür des Wagens und schaute still den Mann an, der ihr so nah und gleichzeitig so fremd erschien.
Unbekannter Bekannter oder bekannter Unbekannter?
Langsam nahm er die Sonnenbrille ab und ihre Blicke trafen sich. Scharf geschnittene Gesichtszüge, fast gerade Augenbrauen, markante Nase und eine tiefe Falte über der Nasenwurzel. Alles kam ihr so bekannt vor. Aber sie bemerkte auch, dass aus seinem Gesicht die Wärme verschwunden war. Sein Blick war kälter und härter als je zuvor.
Seine Augen hatten einen besonderen dunkelgrauen Ton und wenn er jemanden ansah, hatte derjenige das Gefühl, dass Everett ihm tief in die Seele schauen konnte. Damals konnte sie durch seine Augen direkt in seine Seele blicken, aber heute waren es die Augen eines Fremden.
»Anna. Tut mir leid, dass ich dich erschreckt habe.«
Sie schnappte nach Luft. Seine Stimme ließ jede ihrer Körperzellen vibrieren und schnitt ihr wie ein Messer ins Herz. Wieder sah sie die Bilder aus der Vergangenheit vor sich.
»Was … was machst du hier?«
»Ich wollte das Grab unserer Tochter besuchen und muss ein paar Sachen erledigen.«
»Ach so … Plötzlich kam dir in den Sinn, dass du einen Strauß Sonnenblumen auf das Grab deiner Tochter legen solltest?« Eine Welle der Wut, die unter der Oberfläche geschlummert hatte, brach hervor. Anna war wie ein Fass Schießpulver und Everett entzündete gerade das Streichholz. »Jetzt kam dir in den Sinn, dass du Vater warst? Wie hast du sie überhaupt gefunden? Und mich? Vor drei Jahren hattest du nicht mal den Anstand, zur Beerdigung zu kommen. Du bist einfach verschwunden und hast mich allein gelassen. Allein mit allem. Du hast uns im Stich gelassen!« Sie schrie ihn wie von Sinnen auf dem Parkplatz an.
Ein älteres Ehepaar stieg aus dem Wagen und beobachtete mit Interesse ihren Nervenzusammenbruch. Da kam sie zu sich, sprang ins Auto und trat das Gaspedal bis zum Boden durch. Sie musste von diesem Parkplatz verschwinden, musste weg von Everett und den schmerzlichen Erinnerungen! Sie wusste nicht, wohin sie wollte und warum. Sie fuhr ohne einen einzigen klaren Gedanken, machte alles automatisch, ohne zu wissen, welchen Sinn ihre verrückte Fahrt raus aus der Stadt hatte, ohne das Ziel überhaupt zu kennen.
Als sie aus der Schockstarre erwachte, befand sie sich an ihrem See. Sie hielt auf dem Waldweg an, blieb aber im Auto sitzen und schaute auf die glitzernde Wasseroberfläche. Nach einer Weile stieg sie aus, denn sie hatte das Gefühl, wenn sie im Auto bliebe, würde sie ersticken. In ihrem Gesicht spürte sie den kalten Wind, der zu ihr herüberwehte. Langsam näherte sie sich der alten Holzbank zwischen den Bäumen, die den See umrahmten.
Hier hatte sie mit Laura und Everett die schönste Zeit ihres Lebens verbracht. An dieser Stelle hatten sie sich zum ersten Mal geliebt. Danach waren sie immer wieder hierhergekommen und die Stunden, die sie hier verbracht hatten, verbarg sie bis heute in ihrem Herzen.
Seit sie das letzte Mal hier gewesen war, hatte der Zahn der Zeit an der alten Bank genagt, aber auf dem Holz der Lehne waren immer noch drei eingeritzte Buchstaben erkennbar: A+L+E. Anna, Laura, Everett. Vor ihrem geistigen Auge sah sie Laura, die glücklich quietschte und in die Hände klatschte, als Everett mit seinem Taschenmesser die Schriftzeichen in das weiche Holz ritzte. Er erzählte ihr dabei, was welcher Buchstabe bedeutete, und sie wiederholte glücklich: »Ale, Ale, Ale.«
Anna schüttelte den Kopf, als ob sie dadurch die Gedanken vertreiben könnte. Heute bei dem kalten Wetter und so allein, wie sie hier stand, sah der See gar nicht mehr so einladend aus, wie sie ihn in Erinnerung hatte. Der Wind wiegte die Äste der Bäume und kräuselte die Oberfläche. Diese war jetzt nicht mehr azurblau wie im Sommer, sondern dunkelgrün wie ihre Augen.
Anna erinnerte sich, wie Everett ihr bei ihrem ersten Date gesagt hatte, wer einmal ihre Augen gesehen habe, könne sie ein Leben lang nicht mehr vergessen. Und auch Laura hatte ihre Augen gehabt.
Warum war sie hergekommen? Was suchte sie an dem See? Hier, wo sie einmal glücklich gewesen waren. Seit Lauras Tod war sie nicht mehr da gewesen. Eine Weile starrte sie über den See, dann setzte sie sich hin und legte den Kopf in die Hände.
Sie musste lange dagesessen haben, denn sie merkte auf einmal, dass die Kälte mit frostigen Klauen nach ihr griff. Der Boden war eisig, ihre Hände und Beine starr. Also stand sie auf und wollte zurück zum Auto gehen.
Einen letzten Blick warf sie noch auf die Bank und die drei Buchstaben, als etwas ihre Aufmerksamkeit erregte. In der nassen Erde am Ufer stand etwas geschrieben. Der nächtliche Regen hatte die Zeichen schon teilweise verwischt, deswegen musste sie ganz nah herantreten, um sie zu erkennen.
»Vergib mir, Pari«, stand in die feuchte Erde geritzt.
Es gab keinen Zweifel daran, wer das geschrieben hatte. Everett hatte Laura immer Pari genannt, vom ersten Augenblickan.
Sein Vater war in Persien geboren und auch er stand dieser Sprache nahe. Er nutzte sie gern, wenn es um Kosenamen ging. Pari bedeutete Fee auf Persisch und Laura hatte diesen Kosenamen geliebt. Sogar als Baby hatte sie darauf früher reagiert als auf ihren Vornamen.
Everett war also hier gewesen, vermutlich gestern, bevor der Regen eingesetzt hatte. Merkwürdig, dass er seine Tochter so um Vergebung bat. Und wofür?
Sobald Anna zu Hause war, wählte sie Stellas Nummer, noch während sie die Schuhe auszog. Stella nahm gleich beim ersten Klingeln ab.
»Ich habe Everett getroffen«, sagte Anna und legte auf, ohne eine Antwort abzuwarten.
Stella war nicht nur ihre beste Freundin. Sie war mehr. Für Anna war sie so etwas wie die Schwester, die sie nie gehabt hatte. Sie kannten sich, seit sie sich vor Jahren bei einem Krankenhausaufenthalt das Zimmer geteilt hatten.Beide waren damals wegen ähnlicher Beschwerden dort gewesen. Leider hatte die Erkrankung bei Stella keinen guten Verlauf genommen. Schon während des Aufenthalts hatten ihr die Ärzte nach etlichen Prozeduren und Untersuchungen die Diagnose gestellt, dass die Möglichkeit, je Mutter zu werden, völlig ausgeschlossen sei. Annas Urteil lautete: unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich.
Dieser Schicksalsschlag hatte die beiden Frauen so zusammengeschweißt, dass sie sich mit der Zeit auch ohne Worte verstanden.
Manchmal sah es sogar so aus, als wären sie miteinander telepathisch verbunden. Auch jetzt dauerte es nicht länger als fünfzehn Minuten und Anna hörte vor demHaus Stellas quietschende Autoreifen. Ihre Ente war unverwechselbar, denn der alte Citroën 2CV machte wieder einmal komische Geräusche. Nach einigen missglückten Versuchen, rückwärts einzuparken, ließ Stella das Autohalb auf dem Bürgersteig stehen, sprang heraus und wollte zum Gartentor von Annas Haus rennen. Da aber der Riemen ihrer Handtasche in der Autotür festhing, kam sie nicht weit. Genervt kehrte sie zurück und befreite sich. Die kupferfarbenen Locken tanzten um ihren Kopf herum, als sie ihn ungeduldig schüttelte. Anna, die das alles durch das Küchenfenster beobachtete, musste lächeln. Das warganz die Stella, die sie kannte. Sie ging ihr entgegen, öffnete die Haustür und ließ sie eintreten.
»Sag mal, willst du wirklich, dass ich vor Neugierde umkomme?«, schnauzte Stella und ließ sich in der Küche auf einen Stuhl fallen. Anna hingegen kochte ganz in Ruhe Kaffee. Sie sah Stella zwar kurz an, sagte aber nichts weiter. In den vielen Jahren, die sie sich schon kannten, wusste sie mit deren Temperament umzugehen. Stella zwang sich zur Geduld und wartete, bis Anna mit zwei Tassen endlich an den Tisch kam.
»Also?«
»Nichts! Nach drei Jahren kam ihm der Gedanke an seine Tochter und er war so gnädig, Pari ein paar Sonnenblumen aufs Grab zu legen«, sagte sie und erzählte Stella alles über den Friedhofsbesuch und die Begegnung auf dem Parkplatz.
»Und mehr hat er nicht gesagt?«
»Dazu hatte er keine Gelegenheit. Ich bin verschwunden, ehe ich da völlig zusammengeklappt wäre.«
Stella schüttelte ungläubig den Kopf. »Es ist aber trotzdem merkwürdig. Warum gerade jetzt?«
Sie redeten immer noch über Everett, als der Postbote am Tor klingelte. Anna erhob sich überrascht und ging hinaus.
»Ich brauche da ein Autogramm«, sagte er, drückte Anna das Gerät zum Unterschreiben in die Hand und übergab ihr einen Umschlag. Dieser war von einem Goldschmied in dem neu eröffneten Einkaufszentrum an der Messe neben dem Hotel.
Sie war nie dort gewesen, hatte aber schon ein paar Mal die Ware im Schaufenster bewundert. Deswegen erkannte sie jetzt sofort das Logo des Juweliers Barelli auf dem Umschlag aus Luxuspapier. Es war ihr ein Rätsel, was sie von einem Juwelier bekommen sollte. Als sie reinschaute, lag ein Einkaufsgutschein mit einem beachtlichen Wert darin. Kein Begleitschreiben, keine Erklärung, nichts.
Überrascht reichte sie den Umschlag samt Inhalt an Stella weiter. »Ich verstehe das nicht. Was soll das?«
»Keine Ahnung.« Stella lächelte schelmisch. »Aber wenn es dich belastet, helfe ich dir, dieses Problem aus der Welt zu schaffen. Wozu sonst hat man eine Freundin?« Sie grinste und griff nach dem Umschlag.
»Ganz bestimmt nicht!« Anna schlug ihre Hand weg. »Ist dir nicht klar, dass es sich hier um eine Verwechslung handelt? Die schicken mir doch nicht einfach so einen Gutschein. Gleich morgen muss ich da hin.«
»Du bist total bekloppt!«
Stella fand diese Idee offensichtlich überhaupt nicht gut, aber Anna legte bereits den Umschlag in die Schublade der antiken Vitrine, womit sie klarmachte, dass sie darüber nicht diskutieren würde.
Am nächsten Tag, kurz nachdem die Läden geöffnet hatten, betrat Anna das Juweliergeschäft. Sie wollte es so schnell wie möglich hinter sich bringen. Die ganze Nacht hatte sie sich im Bett herumgewälzt und war von wilden Träumen verfolgt worden. Darin hatten ihr jede Menge schwere Colliers um den Hals gehangen, die sich nach und nach in Schlangen verwandelt hatten. Am Morgen war sie verschwitzt und müde aufgewacht und der ganze Körper hatte ihr wehgetan.
In dem Geschäft war noch keine Kundschaft. Eine ältere, perfekt gestylte Verkäuferin mit noch perfekterem Lächeln, das aufgehellte Zähne zeigte, hieß sie willkommen.
»Guten Morgen, mein Name ist Anna Sonnemann«, grüßte Anna. »Ich glaube, diesen Einkaufsgutschein habe ich von Ihnen durch ein Missgeschick erhalten, daher will ich ihn zurückgeben.«
Das Lächeln der Verkäuferin wurde durch einen irritierten Ausdruck ersetzt. Sie nahm das Blatt entgegen und prüfte ihn.
»Bitte warten Sie einen Moment, ich rufe Herrn Barelli«, sagte sie und verschwand hinter einer Glastür. Kurz darauf kam ein Mann mittleren Alters durch die Tür.
»Entschuldigung, aber hier liegt keineswegs ein Missverständnis vor. Ich habe diesen Scheck gestern persönlich ausgestellt.«
»Ich verstehe nicht.«
Ohne zu antworten, schritt Barelli zu einem Schrank und holte ein blaues Kästchen aus einer Schublade.
»Das hier habe ich gestern von einem jungen Mann gekauft«, sagte er und zeigte Anna den Inhalt.
In dem Kästchen lagen zwei Eheringe aus Weißgold, platziert auf weißer Seide. Ein Ring hatte in der Mitte einen kleinen Diamanten. Der andere war eine schlichte Kombination aus poliertem und mattem Gold. Anna erkannte sie sofort: Es waren ihre Eheringe. Aus reinem Instinkt griff sie nach dem Kästchen.
Die Verkäuferin, die gerade zurückkam, sah sie besorgt an. »Ist alles in Ordnung mit Ihnen?«, fragte sie.
Anna war nicht in der Lage, zu antworten. Sie konnte sich nicht einmal rühren. Erst machte sie den Mund auf, als würde sie etwas sagen wollen, konnte aber keinen Ton herausbringen.
Überwältigt von eigenen Emotionen schloss sie die Augen, und als sie sie einen Moment später wieder öffnete, reichte ihr die Frau ein Glas Wasser. Dankbar nahm sie an und versuchte, einen Schluck zu nehmen, musste aber sofort husten. Ihr Hals war dermaßen zugeschnürt, dass sie nicht einmal das Wasser hinunterschlucken konnte.
»Danke«, flüsterte sie, »es geht schon.« Ihre Aufmerksamkeit ging erneut zu Herrn Barelli, der ruhig am Tresen stand und wartete.
Offensichtlich war er kein Mann vieler Worte. Still legte er den Einkaufsgutschein und die Schachtel mit den Eheringen auf den Tresen. Anna verstand, dass er ihr die Wahl lassen wollte. Sie sah seine Gestalt nur verschwommen, weil sich ihre Augen mit Tränen füllten. Schnell blinzelte sie, bevor sie ihr die Wangen herunterlaufen konnten. Mit dem Handrücken wischte sie sich über die Augen, dann schaute sie noch einmal Herrn Barelli an und griff, ohne zu wissen warum, nach dem Kästchen. An der Tür blieb sie dann noch einmal kurz stehen.
»Wo ist er?«
Barelli hüstelte verlegen. »Das weiß ich nicht, aber den Gutschein sollte ich ins Hotel nebenan bringen. Zimmer 314.«
Anna nickte dankbar und verließ das Geschäft. Ihre Beine steuerten von alleine das Hotel an.
In diesem Hotel war Anna noch nie gewesen, deshalb dauerte es ein wenig, bis sie sich zurechtfand. Dann aber steuerte sie zielstrebig die gläsernen Aufzüge an und fuhr in den dritten Stock. Dort irrte sie kurz durch den Flur, bis sie die richtige Tür fand. Sie atmete tief durch und klopfte energisch an.
Nichts, kein Geräusch.
Sie wollte gerade wieder gehen, als sie ein leises Rascheln dahinter hörte. Das brachte sie dazu, mit der Faust gegen die Tür zu hämmern. Es war ihr egal, dass jemand sie aus einem benachbarten Zimmer neugierig musterte. Sie würde erst dann aufhören, wenn sie erledigte, wofür sie herkam.
Everett öffnete mit unfreundlichem Blick. Als er sie erkannte, wich jedoch die Wut sofort aus seinem Gesicht. Erwar komplett nass. Wasser lief ihm die langen Beine hinunter und hinterließ Flecken auf dem Teppich. Im Gesicht hatte er noch Reste von Rasierschaum. Er war fast nackt, nur um die Hüfte hatte er ein weißes Badetuch mit demaufgestickten Logo des Hotels geschlungen. Sein Körper sah anders aus, als sie ihn in Erinnerung hatte, und sie musste sich eingestehen, auch anders, als sie ihn sich inden letzten Jahren vorgestellt hatte. Er war nicht mehr der junge Mann, den sie gekannt hatte. Jetzt war er ein Mann in den Dreißigern, männlicher und stärker als je zuvor.
»Was soll das?«, blaffte sie ihn an und zog das kleine Kästchen aus der Tasche ihres Mantels.
Er trat ohne Antwort beiseite und machte ihr den Weg frei. Sie zögerte kurz, da ihr klar war, dass sie ihn beim Duschen gestört hatte. Schließlich trat sie doch ein und drehte sich zu ihm um. Everett schloss die Tür und stand einen kurzen Augenblick mit dem Rücken zu ihr. Dann drehte er sich so schnell herum, als hätte ihn jemand mit einem heißen Eisen berührt, doch es war bereits zu spät.
Anna hatte die große Narbe auf seinem Rücken gesehen. Gute fünfzehn Zentimeter. Sie ging über einen großen Teil des linken Schulterblatts, war schon ziemlich gut verheilt, stach aber trotzdem ins Auge.
»Entschuldige mich bitte für einen Moment. Ich habe nicht mit Besuch gerechnet«, sagte er und ging dabei einige Schritte rückwärts. Diesmal achtete er penibel darauf, ihr nicht noch einmal den Rücken zuzukehren, bis er im Badezimmer verschwand.
Anna schaute sich um. Sie hatte ein normales Hotelzimmer erwartet, fand sich aber in einem kleinen Apartment wieder. Everetts Kleidung war über einen Sessel geworfen. Das Handy, ein Stapel Dokumente und ein großer Schlüsselbund lagen auf dem Couchtisch. Im Nebenzimmer lehnte ein großer Armeerucksack am Schrank. Das Bett war nicht gemacht und die Kissen lagen achtlos auf dem Boden. Everett schlief immer ohne Kissen, und sie sah sich vor ihrem geistigen Auge, wie sie es jeden Morgen vom Boden aufhob, als sie ihr gemeinsames Bett machte.
Schnell blinzelte sie, um die Geister der Vergangenheit zu vertreiben und dem lächerlichen Drang zu widerstehen, das Bett zu richten. Sie kehrte ins Wohnzimmer zurück und ließ sich in einen Sessel fallen. Obwohl sie sich mental zur Ruhe zwang, kochten ihre Emotionen. Zu viele Eindrücke auf einmal vermischten sich und belasteten sie. Im ganzen Zimmer roch es nach einer Mischung aus seinem Parfum und dem Duft seiner Haut. Das alles war ihr so schmerzhaft vertraut und weckte erbarmungslos Erinnerungen, die sie unbedingt hatte vergessen wollen. Sie litt schon mehr als genug!
Everetts Rückkehr aus dem Badezimmer riss sie aus ihren Gedanken. Er hatte bereits Jeans und ein hellblaues Shirt mit weißer Aufschrift angezogen. Das Shirt war vom häufigen Waschen so ausgebleicht, dass man die Schrift nicht mehr lesen konnte. Auf den Unterkiefer presste er ein Taschentuch. Anna konnte sich nicht erinnern, dass er sich in den Jahren, in denen sie zusammengelebt hatten, beim Rasieren jemals geschnitten hatte. Seine Hand war immer fest und ruhig gewesen, die Bewegungen fließend. Na ja, mit der Zeit änderte sich wohl alles. Auch um die Augen herum hatte er jetzt Fältchen, die früher nicht da gewesen waren. Er setzte sich ihr gegenüber in den Sessel und goss Mineralwasser in zwei Gläser.
»Entschuldige, dass ich dir nichts anderes anbieten kann, aber ich war auf einen Besuch nicht vorbereitet.«
»Das sagtest du bereits. Du musst es nicht ständig wiederholen. Die letzten Jahre haben dich wohl nicht charmanter gemacht.« Es klang schärfer, als sie beabsichtigt hatte, aber sie hatte wirklich Probleme, ihre Emotionen zu zügeln.
»So war das nicht gemeint.«
Ein Glas schob er ihr zu, das andere trank er in einem Zug leer. »Ich glaube, wir sollten reden«, sagte er mit leiser, ruhiger Stimme. Vielleicht, weil ihm bewusst war, dass mindestens einer von ihnen einen kühlen Kopf bewahren sollte?
»Wir hätten vor drei Jahren reden sollen. Jetzt ist alles zu spät«, sagte sie. »Jetzt will ich nur noch eins wissen: Wozu war dieses Theater gut?« Sie zeigte auf das Kästchen mit den Eheringen.
»Es war kein Theater. Du hast sie doch damals bezahlt. Ich wollte dir nur das Geld zurückgeben, das du dafür ausgegeben hast. Es gehört dir.«
Bei seinen Worten erinnerte sie sich wieder, dass Everett und seine Eltern für die komplette Hochzeit hätten aufkommen wollen. Deswegen hatte sie darauf bestanden, zumindest die Eheringe selbst zu zahlen. Everett war zuerst strikt dagegen gewesen, hatte aber am Ende nachgegeben.
»Warum jetzt? Warum hast du sie erst jetzt verkauft?«, fügte sie hinzu, als er sie fragend ansah.
»Ich konnte nicht früher.« Er wich ihrem Blick aus und starrte aus dem Fenster.
»Ach so. Du konntest nicht. Du konntest viele Sachen nicht. Zum Beispiel konntest du nicht zur Beerdigung deiner eigenen Tochter kommen. Ich verzeihe dir nie, dass du nicht da warst, dass du mich im Stich gelassen hast …«
»Ich war auf der Beerdigung, Anna«, sagte er ruhig. »Zwar stand ich nicht vorn am Grab, aber ich war da. Ganz hinten. Leider hatte ich nicht die Kraft, näher zu kommen. Ich bin nicht so stark wie du. Ich bin dir sehr dankbar und bin sehr stolz auf dich, dass du das alles ertragen hast. Ja, vielleicht bin ich feige. Du hast alles Recht der Welt, auf mich wütend zu sein.«
Plötzlich hielt er inne, als hätte er zu viel gesagt.
»Jetzt ist es sowieso egal, aber ich war da. Auch am ersten Jahrestag. Ich habe ihr damals ein weiß-lilafarbenes Kränzchen gekauft. Kannst du dich noch daran erinnern?«
»Ja.« Sie erinnerte sich noch genau. Damals hatte sie gedacht, es sei von Stella gewesen oder von seinen Eltern.
»Am zweiten Jahrestag konnte ich nicht kommen. Aber jetzt bin ich hier.«
Sie saß da und wusste nicht, was sie sagen sollte. Ihr Kopf war voller Fragen, aber sie war sich nicht sicher, ob sie die Antworten darauf wirklich wissen wollte.
»Warum hast du sie eigentlich wieder ausgelöst?«, fragte er und zeigte mit dem Kopf auf das Kästchen, das Anna immer noch in der Hand hielt. Langsam öffnete sie es und schaute still auf die Ringe.
»Keine Ahnung. Vielleicht, weil Laura sie ausgesucht hat.«
Im Geiste kehrte sie wieder an den Tag zurück, als sie die Ringe gekauft hatten. Es war ein paar Wochen vor der Hochzeit gewesen und sie hatten den ganzen Samstag damit zugebracht, von Juwelier zu Juwelier zu laufen. Entweder hatten ihr die Ringe, die sie fanden, nicht gefallen oder sie hatten zu lange Lieferfristen oder sie waren zu teuer. Alle drei waren bereits müde und wollten sich gerade ein Eis gönnen. Als sie zum Eiswagen kamen, sahen sie ein kleines Antiquitätengeschäft. Sie traten näher an das Schaufenster heran und Laura quietschte begeistert.
»Schau mal, Mami, die sind wunderschön!«
Und da war es entschieden!
Lautes Klopfen an der Tür riss Anna aus ihren Gedanken. Es sah so aus, als wäre auch Everett für einen Moment in seine Gedanken versunken gewesen. Ob er dasselbe gedacht hatte wie sie?
Dann öffnete er die Tür. Bevor er etwas sagen konnte, stürzte Philipp ins Zimmer.
»Sag mal, wo bleibst du? Gehen wir endlich? Ich stehe mir im Foyer ein Loch in den Bauch. Seit zwanzig Minuten …« Er stockte mitten im Satz und starrte Anna überrascht an.
Philipp war Everetts bester Freund. Ein Mitspieler aus dem Fußballverein, mit dem er sich sehr gut verstand. Er hätte sogar sein Trauzeuge werden sollen. Anna hatte ihn zuletzt bei Lauras Beerdigung gesehen. Falsch, sie waren sich noch ein, zwei Mal nach Everetts Verschwinden zufällig in der Stadt begegnet, aber sie hatten nicht mehr so richtig gewusst, worüber sie reden sollten.
»Hallo, Philipp«, sagte sie als Erste.
»Hallo«, erwiderte er leise. Sein Blick sprang von ihr zu Everett und wieder zurück. Offensichtlich war ihm die Situation sehr unangenehm. »Entschuldige, ich wusste nicht, dass du Besuch hast. Ich wollte nicht stören.«
»Du störst nicht. Ich wollte sowieso gerade gehen«, sagte Anna und schlüpfte zwischen den beiden hindurch. An der Tür drehte sie sich noch kurz um, wusste aber nicht, was sie noch sagen sollte.
Tschüss? Auf Wiedersehen?
Alles klang so banal. Also sagte sie gar nichts. Ihre Blicke trafen sich noch einmal, dann zog sie die Tür hinter sich zu.
Als sie endlich wieder nach Hause kam, war Stella bereits da. Sie saß auf der Stufe vor dem Eingang, stopfte sich mit Salzbrezeln voll und machte einen ungeduldigen Eindruck.
»Na endlich.«
»Ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir verabredet gewesen wären«, antwortete Anna schnippisch, war aber im Grunde froh, ihre Freundin direkt anzutreffen, da sie mit ihr dringend über die Ereignisse des heutigen Tages sprechen musste.
»Sag schon, was war mit dem Einkaufsgutschein? Den ganzen Tag ging mir das nicht aus dem Kopf. Ich bin so neugierig, dass ich schon keine Lust mehr auf etwas Süßes habe.«
»Das sehe ich.« Anna zeigte auf die halb leere Salzbrezeltüte in Stellas Hand.
Das war ganz die Stella, die sie kannte. Immer musste sie etwas in sich reinstopfen und dann beschwerte sie sich, dass sie schon wieder zugenommen hatte. Sie hatte zwar ein paar Pfund mehr, aber ganz so tragisch war es nicht, denn sie war gerade an den richtigen Stellen kurvig und zog somit die Blicke der Männer auf sich.
Anna dagegen sah aus wie ein laufender Kleiderbügel. Früher hatte sie von Natur aus eine schöne Figur gehabt und war immer viel in Bewegung gewesen. In der Schweiz, wo sie zur Welt gekommen war, hatte Anna die Zeit lieber draußen im Freien als im Haus verbracht.
Außerdem liebtesie lange Spaziergänge und Radtouren. Eigentlich alle Sportarten außer jenen, bei denen man mit Wasser in Kontakt kam. Ihre äußerliche Veränderung war erst nach Lauras Tod gekommen.
Sie konnte nicht essen, wollte nicht rausgehen, mit niemandem sprechen und niemanden sehen. Innerhalb weniger Monate hatte sie sechzehn Kilo verloren. Nach einiger Zeit hatte sie zwar wieder ein paar davon zugenommen, aber war grundsätzlich mager geblieben.
»Sagst du mir endlich, was du herausgefunden hast?«, wollte Stella wissen.
Sie betraten das Haus und nachdem Anna ihre Sachen abgestellt hatte, ging sie Stella voran in die Küche.
Sie zog das Kästchen mit den Eheringen hervor und zeigte es ihr. Daraufhin ließ Stella vor Schreck das Päckchen mit den Brezeln auf den Küchenboden fallen. Sie ignorierte es und starrte nur auf die Ringe.
Anna schilderte ihr kurz das Zusammentreffen mit Everett. Dass auch Philipp aufgetaucht war, verschwieg sie lieber. Zwischen Stella und Philipp gab es Zwistigkeiten wegen Stellas Schwester Ria. Ihr Bauchgefühl sagte ihr, es wäre besser, ihn nicht zu erwähnen. Wie hatte Everett immer gesagt?» Man soll eine Schlange nicht mit dem nackten Fuß kitzeln.«
Es vergingen ein paar Tage und sie hörte nichts mehr von Everett. Es war klar, dass er sich wieder auf und davon gemacht hatte. Genau wie vor drei Jahren. Die Gewissheit, dass sie sich nicht mehr sehen oder über den Weg laufen würden, beruhigte und ärgerte sie gleichzeitig. Wieder einmal verschwand er ohne ein einziges Wort der Erklärung. Trotz des Grolls ertappte sie sich mehrmals dabei, dass sie an ihn dachte. Ihr Treffen war so seltsam gewesen. Wieder einmal war alles unausgesprochen geblieben. Er war der Mann, dem sie ihre besten Jahre geschenkt, mit dem sie zusammengelebt und das Bett geteilt hatte. Das alles war plötzlich so surreal. Es verwirrte sie, wie schnell das Gehirn es schaffte, sich einer neuen Situation anzupassen und alles Erlebte irgendwo in den Hintergrund zu schieben. Vielleicht war genau das der Selbsterhaltungstrieb.
An diesem Morgen war sie mit dem Vorsatz erwacht, wieder in den Alltag zurückzufinden und die Begegnung mit Everett endgültig in eine imaginäre Schublade ihres Kopfes mit der Aufschrift erledigt zu stecken. Sie beschloss, Lauras Grab zu besuchen. Zwar redete sie sich ein, dass sie dort ihre Ruhe wiederfinden würde, aber eigentlich hoffte sie, da noch eine Nachricht von Everett an Laura zu entdecken. Wenn auch nur als Blumengruß. Ihre Hoffnung war jedoch vergeblich.
Auf dem Rückweg machte sie noch einen Spaziergang am Fluss entlang und sah im Wasser einen flachen Stein, der die Form eines Herzens hatte. Sie fischte ihn heraus und nahm ihn mit. Das Herz war zwar nicht ganz regelmäßig, aber trotzdem schön. Ihr Herz gehörte Laura, ihrer geliebten Tochter, dem Wunschkind, auf das sie und Everett so lange gewartet hatten.
Annas chronische Entzündungen und spätere Verwachsungen waren schuld daran gewesen, dass die Hoffnung auf eine Schwangerschaft sehr gering gewesen war. Als es dann doch geklappt hatte, war es wie ein Traum gewesen.Sie hatte sich gleichermaßen gefreut und gebangt. Aus Angst, dem Kind könne etwas passieren oder sie es wieder verlieren, hatte sie kaum geschlafen. Das Schwierigste aber war gewesen, nicht zu wissen, wie sie es Stella beibringen sollte, denn sie konnte leider keine Kinder bekommen. Nicht jetzt und nicht später. Dabei hatte sie das Muttersein im Blut.
Anna wusste, wie sehr sie darunter litt. Das Schicksal spielte ihr wirklich übel mit. Deswegen hatte sie ihr dieSchwangerschaft die ersten Wochen, sogar Monate, verschwiegen, obwohl Stella immer wieder gefragt hatte, ob es ihr gut gehe und warum sie so blass sei. Erst als sie begriffen hatte, dass Stella sich wirklich um sie sorgte, hatte sie sich entschieden, Farbe zu bekennen. Ganz vorsichtig hatte sie ihrer Freundin beigebracht, dass das Wunder wirklich geschehen war und sie ein Kind erwartete. Ein Mädchen. Sie würde nie vergessen, wie Stella sich damals mit ihr gefreut hatte, und es war selbstverständlich gewesen, dass sie Lauras Patentante wurde.
Als Anna und Everett sie darum gebeten hatten, sagte sie nur: »Ich danke euch von ganzem Herzen. So werde ich das Gefühl haben, dass Laura ein bisschen auch zu mir gehört.«
Den Stein verwandelte Anna mit Stellas Hilfe in einen Teelichthalter. Sie hatten kurz entschlossen mit dem Herz an der Tür eines mit Stella befreundeten Steinmetzen geklingelt und zehn Minuten später hatte er eine Vertiefung für das Teelicht gebohrt. Nach ihrer Rückkehr malten sie es zusammen grün an und verzierten es bis Mitternacht gemeinsam mit Sonnenblumen.
Als sie endlich fertig waren, konnte Anna kaum noch die Augen offenhalten, aber das Ergebnis war es wert. Sie kaufte am nächsten Morgen ein paar farbig passende Teelichter und wollte es zum Friedhof bringen.
Anna schnürte gerade ihre Stiefel, als es am Tor klingelte. Verwundert schaute sie aus dem Fenster hinaus, weil die meisten Bekannten nicht die Klingel am Tor nutzten, sondern durch den kleinen Vorgarten schritten und direkt an der Haustür läuteten. Als sie Everett neben einem weißen Transporter erblickte, fühlte es sich an, als ob ihr jemand die Luft aus der Lunge pressen würde. Schon als derGutschein gekommen war, hatte sie überlegt, woher er wusste, wo sie jetzt wohnte.
Er trug eine grüne Tarnhose, war nicht rasiert und sah ziemlich mitgenommen aus. War das wirklich ihr Ex, der stets akkurat herausgeputzte Arzt, der immer extrem auf sein Äußeres achtete? An die dunklen Schatten unter seinen Augen nach den unendlichen Nachtschichten im Krankenhaus konnte sie sich allerdings noch lebhaft erinnern. Obwohl sie es nicht zugegeben hätte, war sie doch froh, dass er noch nicht abgereist war.
»Schön, dass du zu Hause bist. Ich war mir nicht sicher, ob ich dich erwischen würde«, rief er, sobald sie die Tür aufgemacht hatte.
»Ich bin gerade auf dem Sprung. Du kannst dichhoffentlich noch erinnern, dass ich unangemeldeten Besuch nicht leiden kann.« Sie konnte einfach nicht widerstehen, es ihm heimzuzahlen.
»Entschuldige, ich bin auch gleich wieder weg. Ich habe nur was für dich«, sagte er und zog eine lange Rolle aus dem Transporter. Es sah aus wie die Hülle, in der Architekten ihre Pläne transportierten, nur viel größer. Mit sichtlicher Mühe warf er sie über seine Schulter und kam ihr entgegen. Dabei nutzte er ihre Überraschung aus, ging einfach an ihr vorbei durch die offene Tür in den Flur und nach kurzem Umschauen direkt ins Wohnzimmer. Anna blieb überrumpelt im Eingang stehen.
»Komm einfach rein«, knurrte sie hinter ihm her, aber er ignorierte ihre Verärgerung.
»Bin schon weg«, sagte er, als er einige Sekunden später ohne das Paket wieder zurückkam.
Anna stellte sich ihm jedoch in den Weg. »Kannst du mir mal erklären, was das soll?«
Er sah ihr tief in die Augen und sie glaubte, den Hauch eines Lächelns um seine Mundwinkel zu sehen.
»Warum beginnst du jede unserer Unterhaltungen mit dem gleichen Satz?« Dann war er plötzlich still, stemmte die Hände in die Hüfte und senkte den Kopf, als müsste er überlegen, was er ihr antworten sollte. »Ich weiß, dass meine Eltern sich wünschen würden, dass du ihn bekommst«, sagte er schließlich und zeigte Richtung Wohnzimmer zu dem Paket.
Anna hatte das Gefühl, Everett würde Spanisch mit ihr sprechen. Nein, Spanisch konnte sie etwas verstehen. Vielleicht doch eher Finnisch, weil sie hörte, dass er etwas sagte, aber kein Wort davon verstand. Also ging sie zu dem Paket, nahm den runden Kunststoffdeckel ab und schaute hinein. Sehen konnte sie dennoch nichts.
Er kam näher und hob die geöffnete Rolle an. Ein Teppich rutschte heraus. Anna erkannte ihn sofort. Es war der wunderschöne persische Teppich seiner Eltern. Sein Vater hatte ihn vor Jahrzehnten als Geschenk von der persischen Prinzessin Soraya bekommen. Als er später Hals über Kopf den Iran hatte verlassen müssen, war dieser Teppich eines der wenigen Dinge gewesen, die er hatte mitnehmen können. Für seine Familie war er von unschätzbarem Wert, ein Stück ihrer Vergangenheit, Kultur und Geschichte.
»Bist du verrückt geworden? Du hast nicht ernsthaft geglaubt, dass ich ihn annehme, oder? Es ist dein Erbe!«
»Er gehört dir. Mein Vater sagte schon damals, dass er einmal dein Haus schmücken solle. Jetzt ist es an der Zeit!«, opponierte er.
»Ja, aber damals dachte er, es würde unser gemeinsames Haus sein, Everett! Weiß deine Mutter Bescheid? Sie wünscht sich ganz bestimmt nicht, dass er mir gehört. Unser letztes Treffen verlief nicht gerade freundlich.«
Seine Gesichtszüge spannten sich augenblicklich an. Eine Ader am Kiefer fing an, wild zu pulsieren, und zog sofort ihren Blick auf sich. Sie kannte ihn immer noch gut genug. An seinen Kampf mit der Selbstbeherrschung erinnerte sie sich noch lebhaft. Sie ging an ihm vorbei, um die Haustür zu öffnen, damit klar wäre, dass sein Besuch zu Ende war.
»Erzähl mir mehr über eure Begegnung.«
Das Letzte, worauf Anna jetzt Lust hatte, war, darüber zu reden. Deswegen tat sie so, als hätte sie seinen Satz überhört.
»Bitte erzähl es mir«, wiederholte er noch einmal mit der Betonung auf dem ersten Wort.
Überrascht drehte sie sich um. Bitte? Hörte sie richtig? Dieses Wort aus seinem Mund zu hören, kam einem Wunder gleich.
Als sie ihn kennengelernt hatte, hatte er immer gesagt »Ich bitte nicht. Niemals. Ich nehme mir, was ich haben will.« Es hatte Zeiten gegeben, in denen sie sein arrogantes Benehmen zur Weißglut getrieben hatte. Nun schien es so, als ob dieser Everett ein anderer Mann war als der, den sie vor Jahren gekannt hatte. Kurz überlegte sie, wie sie darauf reagieren sollte. Sie zögerte, musste sich aber selbst eingestehen, dass seine Bitte sie kalt erwischt hatte. Am Ende setzte sie sich auf die Armlehne des Sessels neben der Tür und versuchte, sich an das Treffen zu erinnern.
»Als du einfach verschwunden bist …«, fing sie an und konnte nicht anders, als ihm vorwurfsvoll in die Augen zu schauen. Er konnte ihren Blick anscheinend nicht standhalten und senkte den Kopf. »Deine Mutter rief ein paar Mal bei mir an und ich meine mich zu erinnern, dass sie zusammen mit deinem Vater auch ein- oder zweimal an der Tür klingelte. Aber damals wollte ich niemanden sehen und entschuldige, wenn ich es geradeheraus sage, ich wollte niemanden sehen, der etwas mit dir zu tun hatte.«
Sie wartete kurz auf seine Erklärung oder zumindest auf eine Reaktion, wohin und warum er für drei Jahre verschwunden war. Aber er stand nur da, den Blick auf die Spitze der eigenen Stiefel gerichtet und forderte sie schließlich auf: »Erzähl weiter.« Dabei setzte er sich auf die Couch zu seiner Rechten.
»Nach einiger Zeit, es waren vielleicht neun oder zehn Monate nach der Beerdigung, habe ich deine Mutter im Supermarkt getroffen. Zwischenzeitlich war ich etwas zu mir gekommen und wollte ihr sagen, dass es mir leidtäte, dass ich komplett den Kontakt abgebrochen hatte und nichts von mir hatte hören lassen. Ich trat an sie heran.«
Everett hob den Kopf und bedachte sie mit einem fragenden Blick.
»Ach, keine Ahnung. Es war irgendwie seltsam. Ich kam zu ihr, als sie gerade das Etikett auf irgendeiner Ware studierte. Ich begrüßte sie und wollte sie kurz umarmen. Sie riss sich von mir los und fing an, fürchterlich zu schreien. Sie fragte mich ganz laut, wer ich denn sei, und sagte, ich solle sie in Ruhe lassen. Ich glaube, sie hat mir nichtverziehen, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe. Verständlich, sie litt doch auch. Laura war ihre Enkelin.«
Annas Stimme brach ab.
»Nein. Meine Mutter hatte dich immer sehr gern und verstand sehr gut, dass du Zeit für dich selbst brauchtest. Sie war dir nicht böse. Niemals.«
Sie versuchte zu begreifen, was er damit sagen wollte.
»Mama ist schon länger als ein Jahr im Pflegeheim. Sie hat Alzheimer im fortgeschrittenen Stadium.«
Diese Nachricht traf Anna tief und unerwartet. Sie schaute ihn an und las den Schmerz in seinen Augen. Sie wusste, dass er sich als Sohn und vor allem als Arzt selbst die gleichen Fragen stellte wie sie. Hätten sie beide früher etwas erkennen müssen? Hatte es schon während ihrer gemeinsamen Zeit Anzeichen dafür gegeben? Plötzlich wusste sie nicht, was sie sagen sollte. Sie suchte nach den richtigen Worten, fand aber keine. Alles, was ihr in den Sinn kam, klang so unpersönlich und stumpf. Sie stand also auf, holte Wasser und zwei Gläser aus der Küche, goss ein und trank, obwohl sie jetzt etwas viel Stärkeres gebraucht hätte.
»Mir fehlen die Worte. Ich weiß gerade gar nicht, was ich sagen soll. Es tut mir sehr leid.«
Von draußen hörte man ein Hupen, aber es interessierte keinen von beiden. Sie saßen reglos da und sahen sich stumm an. Plötzlich verspürte Anna den Drang, sich zu bewegen, sich mit etwas zu beschäftigen. Sie ging in die angrenzende Küche und nahm aus dem Schrank eine Dose mit löslichem Kaffee, griff nach zwei Tassen und gab den Kaffee hinein. Everett folgte ihr mit dem Blick aus dem Wohnzimmer durch die offene Tür.
Als sie es bemerkte, kam sie zurück und erklärte überflüssigerweise: »Ich mache uns einen Kaffee.« Ohne seine Antwort abzuwarten, ging sie zurück in die Küche und wischte unsichtbare Flecken von der Arbeitsplatte. Sie wusste, dass sie sich wie eine Verrückte verhielt, konnte jedoch nicht anders.
»Für deinen Vater muss es ein schwerer Schlag sein. Ich weiß, wie sehr er deine Mutter liebt. Es ist für ihn bestimmt nur schwer zu ertragen, von ihr getrennt zu sein.«
»Mein Vater starb vor sechs Monaten, Anna. Auch deswegen bin ich hier. Ich muss das Haus verkaufen.«
Er wollte noch etwas sagen, aber seine Stimme ging unter im Geräusch von zerberstendem Glas. Die Wasserkanne, die Anna gerade noch in den Händen gehalten hatte, lag zerbrochen auf dem Boden. Überall waren Glasscherben und Wasser. Sie drehte sich fassungslos zu ihm um. Jetzt konnte er sie nicht mehr mit seiner aufgesetzten Maske täuschen. Sie sah den Schmerz in seinem Gesicht.
Vor ihren Augen wurde es auf einmal dunkel und sie wäre zu Boden gegangen, aber seine kräftigen Hände fingen sie gerade noch rechtzeitig auf. Sie rutschte in seine Arme wie eine Lumpenpuppe. Er hob sie hoch und setzte sie auf einen Stuhl. Schnell füllte er ein Glas mit Wasser und eilte zu ihr, ohne auf die Glasscherben zu achten, die unter seinen Stiefeln klirrten.
Wie gut, dass er die Schuhe anbehalten hatte.
»Soll ich einen Arzt rufen?«
»Nein, nein, ich bin okay. Ich hab nur heute noch nichts gegessen, das wird es sein.«
Das Hupen von draußen ließ nicht nach.
»Ich muss gehen. Philipp wartet auf mich.« Das war wirklich nicht zu überhören. »Ich habe aber kein gutes Gefühl, dich in diesem Zustand hier alleinzulassen. Bist du wirklich sicher, dass du okay bist?«
»Ganz sicher. Mach dir um mich keine Sorgen, außerdem kommt Stella jeden Augenblick vorbei.«
»In dem Fall ist es wirklich besser, wenn ich gehe. Es wäre nicht gut, wenn Stella und Philipp hier aufeinandertreffen würden.«
»Wahrscheinlich nicht.«
»Also … mach’s gut«, sagte er noch.
»Tschüss.« Mehr konnte sie nicht antworten.
Als sie das Klicken der Tür hinter ihm hörte, starrte sie auf den Teppich, der immer noch im Wohnzimmer lag.
Beide hatten ihn längst vergessen.
Als Stella eine Stunde später vorbeikam, sah sie das Licht in der Küche und öffnete mit ihrem eigenen Schlüssel. Sie fand Anna beim Kuchenbacken. Die Küche sah wie ein Schlachtfeld aus. Überall war Mehl verstreut. Die Eierschalen lagen auf dem Boden, zusammen mit Spuren von Zimt. Das Gesicht ihrer Freundin war mit Mehl bestäubt, ihre Augen verquollen, der Blick unruhig und die Haare zerzaust.
Stella befürchtete im ersten Moment, dass sie einen Nervenzusammenbruch hätte. Heute sah sie wirklich wie eine Verrückte aus.
»Ist hier eine Bombe hochgegangen?«
Anna sah sie an, hörte dabei aber nicht auf, wild den Teig zu kneten. Mit dem Handrücken versuchte sie, die Haare aus dem Gesicht zu schieben, verschmierte dabei das Mehl aber nur noch mehr.
»Ich backe. Siehst du doch!«
»Ich warte nur, dass gleich ein Pfleger auftaucht und dich in einer Zwangsjacke fortführt«, erwiderte sie mit einem zaghaften Lächeln.
»Du bist heute so wahnsinnig witzig!«, gab Anna zurück.
»Das bin ich immer, aber wie ich sehe, ist dir heute nicht zum Lachen zumute.«
Anna ließ den Teig liegen und machte mit dem kleinen Finger, der am wenigsten voller Teig zu sein schien, den Schrank auf, in dem sie die Lebensmittel aufbewahrte. Plötzlich fingen ihre Schultern an zu zucken und sie ging mit einem heftigen Schluchzen zu Boden. Mitsamt ihren Teigfingern griff sie sich in die Haare und begann zu weinen.
»Hey, Anna.« Jetzt bekam Stella es wirklich mit der Angst zu tun. Sie setzte sich zu ihr, nahm sie in den Arm und wiegte sie beschwichtigend hin und her.
»Ich habe keine Äpfel. Verstehst du? Ich habe keine Äpfel!«, schluchzte Anna in Stellas Bluse.
Die verstand zwar nichts, nickte aber trotzdem. »Ist schon gut, Liebes.«
»Ich wollte einen Kuchen backen«, wiederholte Anna. »Den mit Zimt, Karamell und Äpfeln, den mir Everetts Mutter beigebracht hat, aber ich habe keine Äpfel«, schluchzte sie weiter.
Stella ließ sie los und ging ins Wohnzimmer, um den Rum zu holen, der im Vitrinenschrank stand. Im Türrahmen blieb sie verdutzt stehen und schaute auf den Teppich, der auf dem Boden lag. Obwohl sie diesen Teppich zum ersten Mal sah, erkannte sie ihn auf Anhieb wieder. Anna hatte ihr von ihm erzählt. In Wirklichkeit sah er aber noch viel schöner aus, als sie ihn sich immer vorgestellt hatte. Er hatte erstaunlich satte Farben und wunderschöne Muster. Einfach prächtig. Eine ganze Weile konnte sie ihren Blick nicht abwenden.
Als sie sich endlich losriss, ging sie zum Schrank und nahm die Flasche Rum heraus, tauschte sie dann doch gegen eine Flasche Gin, die in einem Dekoständer mit Schnapsgläsern stand, und eilte damit zurück in die Küche. Sie setzte sich wieder neben Anna und lehnte sich auch gegen den Küchenschrank. Vorsichtig goss sie zwei Schnapsgläser voll und reichte eines an Anna weiter. Die schüttelte aber nur traurig den Kopf.
»Komm, trink das. Du wirst sehen, es wird dir guttun.«
Stella mochte Schnaps nicht besonders. Dass auch sie einen trank, überzeugte Anna. Sie nahm das angebotene Glas und kippte den Inhalt in sich hinein.
Sofort begann sie zu husten, da ihr nach dem ungewohnten Geschmack der Hals brannte. Diese Flasche stand schon sehr lange im Wohnzimmerschrank. Sie konnte sich beim besten Willen nicht erinnern, wie und wann sie dort hineingekommen war. Die brennende Flüssigkeit erhitzte erst ihren Magen, dann setzte sich die Wärme fort bis zu den Zehenspitzen und wirkte beruhigend.
Endlich war sie imstande, Stella zu erklären, was sie heute erfahren hatte. Beim zweiten Schnaps leistete sie keinen Widerstand mehr und kippte ihn entschlossen runter.
