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Annas beste Freundin Stella, die sie durch schwierige Jahre begleitet hat und ihr eine große Stütze war, hat die Hoffnung auf eigenes Glück schon fast aufgegeben. Phillip, der Mann, der ihr den Kopf verdreht hat, und sie kommen einfach auf keinen grünen Zweig. Gern würde sie einiges zwischen ihnen wieder ungeschehen machen, aber die Worte, einmal ausgesprochen, kann sie nicht wieder zurückholen. Unerwartet erkennt sie, dass Phillip auch in ihrem beruflichen Leben eine große Rolle spielt und dass sie noch eine letzte Chance bekommt, seine Gunst wiederzugewinnen. Dafür muss sie aber über ihren eigenen Schatten springen – und kann nur hoffen, dass dieser Sprung nicht mit einer Bruchlandung endet.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Gott weint leise
Dreiteilige Reihe
Stella und Philipp
Teil 2
von
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Epilog
Nachwort
Über die Autorin
1. Auflage
Copyright © 2023 Hana Repová
Copyright der Originalausgabe © 2018 by Hana Repová
Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2023 by Hana Repová
Alle Rechte vorbehalten.
Die slowakische Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel „Boh plače potichu“ bei Meridiano-Press Verlag.
Hierbei handelt es sich um neue komplett überarbeitete deutsche Ausgabe.
Herausgeber:
Hana Repová, c/o Cocenter, Koppoldstr. 1,
86551 Aichach
Übersetzung © Hana Repová 2022
Lektorat: Sabine Steck
Korrektorat: Sabrina Bohmke
Buchsatz: Florian Koßmann
Cover Design: © Zuzi Maat
Cover Foto: Shutterstock
Dieses Werk ist eine Fiktion. Namen, Charaktere, Orte und Ereignisse sind Produkte der Fantasie der Autorin und werden fiktiv verwendet. Jegliche Ähnlichkeit mit tatsächlichen Personen, lebendig oder tot, Geschäften, Firmen, Ereignissen oder Orten sind absolut zufällig. Kein Teil dieses Buches darf in jeglicher Form auf elektronische oder mechanische Art ohne die schriftliche Erlaubnis der Autorin reproduziert werden.
Anna wachte etwa eine Stunde, nachdem sie endlich eingeschlafen war, schon wieder auf. Sie hatte wilde Träume gehabt und ihr Mund war furchtbar trocken. Kurz bevor sie aus dem Halbschlaf aufwachte, wurde ihr klar, dass Everett wieder zu Hause war. Diese Erkenntnis ließ ihr Herz höherschlagen. Sie setzte sich im Bett auf und lauschte der Stille um sich herum.
Das Haus mit seinen Geräuschen war ihr in den wenigen Wochen, die sie nun hier wohnte, so vertraut geworden. Sie hatte gelernt, die Geräusche, die es machte, zu identifizieren: Das leise Knarren der Holztreppe, das gelegentliche Knistern in den Heizkörpern, sogar das Pfeifen des Fensters im Flur, wenn der Wind hereinblies. Sie vermisste ihr eigenes Haus, das sie durch den Brand verloren hatte, aber dieses Haus, das jetzt statt Everett Philipp gehörte, hatte auf sie so eine unglaubliche Wirkung, als würde es sie trösten wollen.
Sie sah sich um. Normalerweise hatte sie eine gefüllte Wasserflasche neben ihrem Bett stehen, aber die war leer. Langsam schwang sie die Beine über die Bettkante, warf sich ihren Morgenmantel über und machte sich auf den Weg in die Küche.
Im Korridor bemerkte sie, dass Licht aus der Küche auf die Treppe fiel und sie hörte gedämpfte Stimmen. Everett hatte offensichtlich nicht lange geschlafen, denn eine der beiden Stimmen war seine.
Vorsichtig schlich sie die Treppe hinunter. Sie wollte wissen, worüber die beiden sprachen. Zuerst konnte sie nur Wortfetzen verstehen, also stieg sie noch ein paar Stufen weiter hinab.
Jetzt verstand sie deutlich, dass Everett Philipp von seiner Zeit in Afghanistan erzählte. Fasziniert und neugierig zugleich setzte sie sich leise auf die Holzstufen und zog ihren Morgenmantel enger um sich. Sie wusste, dass sie nicht lauschen sollte, aber im Moment war es ihr egal. Sie wollte mehr wissen, und es war ihr klar, dass Everett Philipp Dinge erzählen würde, die er ihr gegenüber niemals erwähnt hätte.
Aber wie sollte sie Everett verstehen, wenn er so viele Geheimnisse vor ihr hatte?
Er erzählte Philipp, dass Ramin, ein Junge, dem er geholfen hatte seine Schwester zu retten, ihn auf seinem Weg aus der Stadt abgefangen und ihn vor der Rache seines Onkels gewarnt hätte.
Anna begriff die Zusammenhänge nicht ganz.
Er erzählte, wie er allein durch die Berge gewandert und in einer Schlucht auf einem nassen Stein ausgerutscht und abgestürzt war. Dort lag er drei Tage lang, bis ein paar Dorfbewohner ihn fanden. Er beschrieb das so anschaulich, dass Anna das Gefühl hatte, in ihrem Kopf einen Film zu sehen. Obwohl ein paar Einheimische ihn aus der Schlucht trugen und behandelten, glaubten sie offenbar nicht, dass er überleben würde. Mehrere Tage lang wurde er von Fieber und heftigen Schmerzen gequält. Er hatte jeweils eine schwere Verletzung am Bein und Kopf, gebrochene Rippen und einen verstauchten Knöchel. Innerhalb weniger Wochen nahm er einige Kilos ab.
»Ich habe auf das gewartet, was kommen sollte, aber der Sensenmann will mich einfach nicht«, sagte er spöttisch.
Im letzten Moment schaffte Anna es, den entsetzten Schrei zu unterdrücken, der bei diesen Worten aus ihrer Kehle dringen wollte. Sie konnte nicht länger zuhören. Rasch erhob sie sich und ging auf wackeligen Beinen zurück in ihr Zimmer.
Ihren Durst hatte sie längst vergessen.
Das aufdringliche Klingeln riss Anna aus dem schweren, unruhigen Schlaf, in den sie im Morgengrauen gefallen war. Sie sah sich verwirrt um und es dauerte einen Moment, bis sie begriff, wo sie sich befand. Die Melodie war ihr fremd.
Sie setzte sich auf und ihr war schwindlig, als sie abrupt aufstand und dem Geräusch folgte, bis sie erstaunt das Handy auf dem Boden neben ihrem Bett liegen sah.
Es war nicht da gewesen, als sie ins Bett gegangen war, und es gehörte auch nicht Philipp. Dessen Handy kannte sie. Das hier war vom anderen Hersteller, kleiner und es hatte einen anderen Klingelton. Ein älteres Modell, gezeichnet von der Zeit und häufigem Gebrauch, überzogen von Kratzern.
Es konnte nur Everett gehören. Aber das Seltsame war, dass es neben ihrem Bett lag.
Das Klingeln hörte auf.
Anna ging in die Küche, legte es auf den Tisch und eilte ins Bad. In letzter Zeit musste sie viel öfter die Toilette aufsuchen, als sie es gewohnt war. Ein weiteres Anzeichen für eine Schwangerschaft, obwohl es dafür recht früh war. Wenn es in den nächsten Monaten noch schlimmer werden sollte, würde sie praktisch im Badezimmer schlafen müssen.
Als sie in die Küche zurückkehrte, war das Handy verschwunden. Sie sah sich um, aber Everett und Philipp schienen nicht in der Nähe zu sein.
Nachdem sie geduscht und sich umgezogen hatte, machte sie sich auf den Weg zu einem Termin mit der Versicherungsgesellschaft, die den Schaden am Haus regulieren sollte. Sie verbrachte dort fast zwei Stunden damit, erst zu warten und dann die Ergänzungen zu den Schadensmeldungen auszufüllen. Obwohl sie alle Daten in den Unterlagen angegeben hatte, teilte ihr die zuständige Sachbearbeiterin mit, dass sie noch auf den Polizei- und Ortsbesichtigungsbericht warten müsse. Als Anna fragte, was genau das bedeutete, antwortete sie zögernd, dass sie frühestens Ende Februar oder Anfang März mit dem Geld rechnen könne. Da es erst Ende Januar war, war ihr klar, dass sie sich in Geduld üben musste.
Als sie zu Philipp zurückkehrte, stellte sie fest, dass Everett verschwunden war. Sie hoffte, dass er jetzt schlief und sie endlich in Ruhe über alles reden konnten. Vergeblich wartete sie den ganzen Tag darauf, dass er auftauchen oder anrufen würde.
Am Nachmittag fand Philipp sie alleine vor. Auch er war über Everetts Abwesenheit überrascht, versicherte ihr aber, dass dieser sicher ins Hotel gegangen sei. Sie war sehr erleichtert, als Philipp ihr die Jacke reichte und sagte, dass sie ihn abholen und nach Hause bringen würden.
Die Rezeptionistin versicherte ihnen jedoch, dass Everett gegen zehn Uhr aus dem Hotel ausgecheckt und sein Zimmer geräumt habe. Er sei nur mit einem großen Feldrucksack auf der Schulter gegangen.
Sie waren beide schockiert und wütend. Endlich hatten sie Everett gefunden und schon verschwand er wieder ohne ein Wort.
Anna konnte ihre Enttäuschung vor Philipp nicht verbergen. Sie saß schweigend neben ihm, als er durch die Straßen der Stadt nach Hause fuhr.
Auch er hatte keine Lust, etwas zu sagen. Als er sah, wie sehr Anna litt, schloss er fester seine Finger um das Lenkrad. Schon wieder verließ Everett sie ohne ein Wort. Erneut hatte er nicht den Mut, vor ihr zu stehen und ihr die Wahrheit ins Gesicht zu sagen. Was zum Teufel stimmte mit dem Mann nicht?
»Denkst du, er glaubt uns nicht?«
Ihre Stimme riss ihn aus seinem Tagtraum. »Wie bitte?«
»Glaubst du, er vertraut uns nicht? Ist es möglich, dass er wirklich glaubt, ich hätte ihn betrogen, weil es diesmal so schnell mit dem Baby klappte? Dass jemand anderes der Vater ist?«
Philipp ließ den Schaltknüppel los und griff nach Annas Hand. Obwohl er wusste, dass es ein schwacher Versuch war, verspürte er das Bedürfnis, sie zu trösten. »Ich bin mir sicher, dass er dir glaubt. Dass er uns glaubt. Aber, ich kenne diesen Everett nicht und der, den ich kannte, dessen Handlungen ich verstand und irgendwie vorhersehen konnte, der existiert nicht mehr.«
Sie sah Philipp an, wie sehr auch er enttäuscht war. Dass er ebenso all die Probleme um sich herum leid war. Probleme, die ihn nicht wirklich etwas angingen. Er hätte sein Leben ruhig weiterleben können, aber stattdessen machte er sich Sorgen um alle, die um ihn umher waren.
»Es tut mir leid, dass du dich immer noch mit unseren Problemen herumschlagen musst. Ich verstehe, dass du das alles leid bist.« Sprach sie ihre Gedanken laut aus.
»Das ist es nicht. Heute war nicht mein Tag. Irgendwie fällt alles zusammen, wie ein Kartenhaus. Außerdem habe ich eine furchtbare Nachricht erhalten, die mich tief getroffen hat. Lassen wir das. Sei mir nicht böse, aber ich will jetzt gerade nicht darüber sprechen.«
Anna nickte stumm.
Als er vor dem Haus parkte, saß eine attraktive junge Frau auf der Treppe. Sie hatte exotische Gesichtszüge und einen etwas dunkleren Teint. Philipp schien sie gar nicht zu bemerken. Als er ausstieg und das Auto abschloss, drehte sich Anna zu ihm um.
»Philipp?«
»Ja?«
Sie deutete mit dem Kopf in Richtung der unbekannten Frau. Er folgte ihrem Blick.
»Lujza? Was in aller Welt machst du hier? Warum hast du nicht angerufen?« Er musterte ihr besorgtes Gesicht.
»Ich habe versucht, dich anzurufen, aber du bist nicht rangegangen. Ich muss wirklich dringend mit dir sprechen.«
Philipp steckte seine Hand in die Jackentasche und merkte, dass sie leer war. »Entschuldige, ich habe mein Handy zu Hause vergessen. Wie geht es Tamara?«
»Ich muss mit dir reden.« Sie erhaschte einen Blick auf Annas Bauch und wandte ihren Blick zu Philipp.
»Ich bin nicht der Vater!«, schnauzte er gereizt. »Was habt ihr bloß alle?«
»Entschuldigung. Ich war nur überrascht.«
»Nein, ich muss mich entschuldigen. Ich bin gereizt und habe mich nicht im Griff.«
»Willst du uns nicht vorstellen?«
»Ich bin Anna«, kam diese ihm zuvor und reichte ihr die Hand.
Lujza nahm sie mit sichtbarer Erleichterung an.
»Ah, Anna. Sie sind also Everetts …«
»Nein! Ich scheine für Everett nichts zu sein! Entschuldigt mich, ihr wollt sicher reden. Ich werde nicht stören. Auf Wiedersehen, Lujza, es war nett, Sie kennenzulernen.«
Schnell schlüpfte sie an ihnen vorbei und verschwand im Haus.
Philipp und Lujza folgten ihr langsam.
Philipp bot ihr einen Stuhl in der Küche an, holte schweigend zwei Tassen hervor und stellte sie auf den Tisch. Er legte zwei Teebeutel in die von Lujza. Einen mit Kamillentee, den anderen mit Pfefferminztee. Alles ohne ein Wort, automatisch. Er wusste, dass Lujza oft Probleme mit dem Magen hatte und deshalb diese beiden Sorten kombinierte. Obwohl sie schon lange nicht mehr zusammenlebten, hatte er das nicht vergessen.
Lujza saß stumm da, ihre Finger krampfhaft ineinander verschränkt, und beobachtete seine automatischen Bewegungen. Es hatte etwas Beruhigendes an sich und erinnerte sie an die Zeit, als sie noch zusammengelebt hatten. Eine Zeit, in der ihre kleine Welt noch in Ordnung gewesen war.
Philipp reichte ihr eine Tasse mit dampfendem Tee und setzte sich ihr gegenüber.
»Ich höre …«
Anna ging nach oben, um Philipp und Lujza etwas Privatsphäre zu gönnen. Insgeheim hatte sie gehofft, dass Everett vor dem Haus warten würde, wenn sie und Philipp zurückkehrten, doch das war nicht geschehen.
Mit einem letzten Funken Hoffnung ging sie hinauf in Philipps Zimmer, wo Everett geschlafen hatte, aber nichts deutete auf seine Anwesenheit in der vergangenen Nacht hin. Er war weg und mit ihm all seine Habseligkeiten. Enttäuscht kehrte sie in ihr Zimmer zurück und legte sich auf das Bett. Sie fühlte sich plötzlich furchtbar müde und fror. Die Schwangerschaft machte ihr immer mehr zu schaffen. Langsam streichelte sie ihren Bauch und hoffte, dass das Baby die Traurigkeit nicht spürte, die gerade ihr Herz ergriffen hatte. Sie wollte es um nichts in der Welt in Gefahr bringen.
»Wir werden es auch alleine schaffen! Auch ohne Everett.« Gestern Abend war ein Hoffnungsschimmer in ihr aufgetaucht, aber als er ihr nicht mal erlaubt hatte, mit ihm im selben Zimmer zu schlafen, wurde ihr klar, dass sie umsonst geträumt hatte. Und sein heutiges Verschwinden war ein klarer Hinweis auf all ihre unausgesprochenen Fragen.
Müde schleppte sie sich ins Bad und nahm eine heiße Dusche, um sich ein wenig aufzuwärmen. Sie wickelte sich in ihren Morgenmantel und beschloss, sich eine Mütze Schlaf zu gönnen. Philipp hatte recht. Sie musste anfangen, mehr an das Baby zu denken. Sie musste sich selbst retten.
Sie warf die Decke zurück und schüttelte das Kissen, so wie sie es immer tat, bevor sie sich hinlegte. Es war eine alte Gewohnheit. Als sie es anhob, sah sie einen Brief auf dem Laken liegen. Auf dem Umschlag stand ihr Name, geschrieben in Everetts unverwechselbarer Handschrift. Als plötzlich ein Schauer durch ihren Körper lief, zog sie ihren Morgenmantel fester um sich und öffnete rasch den Umschlag.
Liebe Anna,
es klingt seltsam, dich so anzusprechen, aber ich traue mich nicht mehr, die Kosenamen zu schreiben, die ich vor Jahren benutzt habe. Ich weiß, dass ich schon vor langer Zeit das Recht verloren habe, dich »Liebling« oder »Honey« zu nennen. Du sollst wissen, dass ich mir dessen bewusst bin. Auch meines Versagens und meiner Schuld. Ich bin ein Feigling und Schlimmeres. Kann dir nicht ins Gesicht sehen und dir sagen, was mir durch den Kopf geht, so wie ich es vor Jahren tat. Aber ich will diesmal auch nicht ohne ein Wort gehen, besonders jetzt, wo ich weiß, dass du mein Kind unter dem Herzen trägst … unser Kind.
Eine große Träne kullerte unmerklich über ihre Wange. Die Worte hallten in ihrem Kopf wider … aber ich will diesmal auch nicht ohne ein Wort gehen. Ihr Herz krampfte sich zusammen und wurde von Angst erfüllt. Also war es wahr. Er war schon wieder weg … das durfte nicht wahr sein! Sie konnte nicht glauben, dass sie an einem solchen Wendepunkt in ihrem Leben wieder einmal alleingelassen wurde. Das er sich weiterhin in Gefahr begab, obwohl er wusste, dass er bald Vater werden würde.
Sie versuchte einen Moment lang, das zu verinnerlichen und zwang sich weiterzulesen.
Bevor ich dir erkläre, warum ich jetzt gehe, muss ich dir die Wahrheit darüber sagen, warum ich vor Jahren gegangen bin. Sei dir sicher, dass mir diese Zeilen nicht leichtfallen. Ich habe nicht die Kraft, sie dir offen zu sagen, denn es sind die schwersten Worte meines Lebens. Ich habe Laura getötet!
Anna keuchte. Die ganze Welt drehte sich mit ihr und das Blatt entglitt ihren Händen. Sie wusste nicht, ob sie es sich nur eingebildet hatte oder ob ihr Herz wirklich ein paar Schläge aussetzte. Sie konnte es nicht glauben.
Sie nahm den Brief erneut an sich und las die grauenhaften Worte wieder und wieder. Schnell wischte sie sich die Tränen ab, damit sie die Worte sehen konnte, und las weiter.
Jetzt weißt du es. Ich bin für ihren Tod verantwortlich. Es stimmt nicht ganz, dass ich nicht auf ihrer Beerdigung war. Ich war dabei. Aber ich habe nicht am Grab, ich habe nicht neben dir gestanden. Ich hätte es nicht ertragen, in deiner oder ihrer Nähe zu sein. Was für ein Vater bin ich, wenn ich mein eigenes Kind nicht beschützen kann? Ich habe es nicht gesehen, ich habe einfach nicht gesehen, dass Hoffmann betrunken war. Ich habe ihn sie operieren lassen und vom Nebenraum aus zugesehen, wie mein Kind unter seinen Händen um sein Leben kämpfte. Ein Kampf um jede Sekunde … so schrecklich es auch klingt, aber ich war fest davon überzeugt, dass ich Matthias umbringen könnte, wenn ich bliebe. Es ist schockierend, wenn man eine solche Tatsache über sich selbst erkennt. Gott sei Dank, war damals noch ein Rest von gesundem Menschenverstand in mir, der mich verschwinden ließ. Ich weiß nicht, wie es ausgegangen wäre, wenn ich das nicht getan hätte. Vermutlich wäre mindestens einer von uns beiden tot.
Hoffmann?
Hoffmann? Anna konnte es nicht fassen. Der Mann, der so erbittert um ihr Leben gekämpft und sich Tag und Nacht um sie gekümmert hatte. Das konnte nicht wahr sein. Sie erinnerte sich voller Verzweiflung an alle Einzelheiten aus dem Krankenhaus. Langsam sah sie einiges in einem anderen Licht. Sie stand unter Schock.
Er hatte Laura in betrunkenem Zustand operiert und vielleicht ihren Tod verursacht. Und sie hatte es jahrelang nicht gewusst. Sie hatte gedacht, es hätte keine Hilfe mehr für ihr kleines Mädchen gegeben.
Jetzt weißt du es endlich. Jahrelang hatte ich dir gegenüber ein schlechtes Gewissen und ich habe es immer noch. Der Gedanke, es dir zu verschweigen, brannte in meiner Seele wie heißes Blei. Ich habe mir eingeredet, dass ich es für dich tue, um dir unnötigen Schmerz zu ersparen. In Wahrheit habe ich es für mich selbst getan, weil ich es nicht über mich gebracht habe, es dir zu sagen. Du kannst dir nicht vorstellen, wie erleichtert ich bin, dir endlich die Wahrheit sagen zu können. Zumindest auf diese Weise, auch wenn mir klar ist, dass dies nichts an meiner Schuld ändert. Dieses schwarze Geheimnis wird mich für den Rest meines Lebens begleiten. Als du gestern Abend zu mir kamst und mit mir im selben Bett schlafen wolltest, konnte ich das nicht zulassen. Ich musste dich wegschicken. Aber das war nur ein Grund. Der andere ist, dass ich nicht möchte, dass du Mitleid mit mir hast. Ich würde es nicht ertragen. Der Zustand, in dem ich mich im Moment befinde, ist nicht angenehm. Körperlich und geistig bin ich ein Wrack. Ich schlafe schon seit Jahren schlecht und in den letzten Monaten fast gar nicht mehr. Selbst wenn ich einschlafe, werde ich von Albträumen und Bildern von Orten heimgesucht, an denen ich zuletzt gewesen bin. Ich wälze mich oft im Bett hin und her und wache schweißgebadet und müde auf. Ich weiß, dass wir vor ein paar Monaten eine gemeinsame Nacht hatten … und verstehe mich nicht falsch, es war wunderschön. Aber was nach meiner Rückkehr nach Afghanistan geschah, hat mich zutiefst erschüttert. Philipp sagte mir gestern Abend, dass du bereits weißt, was ich dort erlebt habe. Ich war nicht begeistert, dass er dir davon erzählt hat, aber vielleicht verstehst du jetzt besser, was ich meine. Ich hatte gestern Abend Angst, dass ich dir und dem Baby im Schlaf wehtun würde. Du musst dieses Kind schützen wie deinen Augapfel. Auch vor mir, wenn nötig. Du kannst dir nicht vorstellen, wie glücklich ich bin, dass dieses kleine Wunder geschehen ist und du schwanger bist. Nur dieser Gedanke gibt mir die Kraft, mit allem fertig zu werden. Ich möchte zurückkehren und ihm ein Vater sein, auch wenn ich nicht weiß, ob du mir Lauras Tod und das, was danach kam, jemals verzeihen kannst. Und werde ich mir eines Tages selbst verzeihen können? Ich bin damals ohne ein Wort gegangen, um mich zu bestrafen. Zu spät wurde mir klar, dass ich dich dadurch noch mehr verletzt hatte. Verzeih mir bitte, wenn du kannst …
Heute Nacht bin ich in dein Zimmer geschlichen, habe mich an dein Bett gesetzt und dir beim Schlafen zugesehen. Währenddessen verstand ich etwas. Wenn ich bleiben will, muss ich gehen! Obwohl ich es in all den Jahren so sehr vermisst habe, in deiner Nähe zu sein, kann ich nicht bleiben. Ich muss wieder auf die Beine kommen und verarbeiten, was in letzter Zeit geschehen ist. Wenn ich den Weg zu dir finden will, muss ich zuerst den zu mir selbst finden. Vor allem muss ich sicherstellen, dass mein Körper zusammen mit meiner Seele heilt. Ich bin so weit bei Verstand, dass ich erkenne, dass ich es nicht alleine schaffe. Ich brauche professionelle Hilfe. Weder kann ich dir sagen, wohin ich gehe, noch wie lange ich wegbleibe. Ich weiß es selbst nicht. Noch habe ich ein paar Freunde hier, die mir ihre Hilfe angeboten haben. Ich hoffe, dass ich sie annehmen kann.
Everett
P.S: Ich weiß, dass du mich heute nicht mehr liebst, aber was ist mit morgen?
Morgen …
Die Minuten vergingen, aber Anna war nicht in der Lage zu reagieren oder sich zu bewegen. Sie saß regungslos auf ihrem Bett und presste die Bettdecke an die Brust. Ihr Kopf war leer. Sie spürte, wie ihre Hoffnung wie ein Glas auf dem harten Boden zerschellte. Eine kalte Welle hüllte ihr Herz ein, als sie verstand, dass Everett und sie nie wieder das sein würden, was sie einmal gewesen waren.
Wie naiv war sie zu glauben, sie könnte einfach an den Zeigern der Uhr drehen und damit auch die Zeit zurücksetzen. Wie blauäugig, als sie tief in ihrem Herzen gehofft hatte, ihr zweites Kind mit Everett großziehen zu können. Wieder einmal hat er sie enttäuscht.
Obwohl sie versuchte, sich vor Augen zu halten, was er in dem Brief geschrieben hatte, und zu glauben, dass er wirklich gehen musste, dass er nicht anders konnte, gelang es ihr nicht. So sehr sich ihr Kopf auch bemühte, ihr Herz weigerte sich, zu verstehen. Es spürte nur den Schmerz der Enttäuschung.
Wie oft war sie schon auf diese Weise von ihm enttäuscht worden? Und doch war sie nicht darauf vorbereitet, dass es so sehr wehtun würde. Jedes Mal, wenn etwas Positives in ihrem Leben geschah, folgte ein Schicksalsschlag.
Das war schon so, als sie ein kleines Mädchen gewesen war. Ihre schöne Kindheit wurde durch den plötzlichen Tod ihrer Mutter jäh unterbrochen. Sie kam ins Heim, wo sie die Hölle durchlebte. Einsamkeit, Schikane und den Schmerz, der in allen verletzten Kindern lauerte. Kurz nachdem sie endlich ihren Seelenverwandten, einen Freund, gefunden hatte, wurde sie in ein anderes Heim verlegt, weil ein neues Geschwisterpaar einzog und nur noch ein Platz im Heim frei gewesen war, die Geschwister aber nicht getrennt werden durften.
Dann erfuhr sie plötzlich, dass es dem Sozialamt gelungen war, eine entfernte Verwandte, eine Tante in der Nähe von Frankfurt ausfindig zu machen. Die Zeit bei ihr war schwierig, obwohl sich beide bemühten, doch der Altersunterschied von zwei Generationen war schwer zu überwinden. Sie war die ältere Schwester ihres Großvaters, zu dem sie jedoch keinen Kontakt hatte. Gerade als sie sich aneinander gewöhnt hatten und Anna sich endlich nicht mehr, wie das Kind aus dem Heim fühlte, starb ihre Tante und sie selbst kehrte als Teenager wieder ins Heim zurück. Erst als sie volljährig war und Everett kennenlernte, wandelte sich ihr Leben zum Besseren. Zu diesem Zeitpunkt befand sie sich bereits auf einem schmalen Grat.
Später war sie unendlich dankbar für die Art und Weise, wie Evelyn versucht hatte, ihr zumindest einen Teil der Familie zu ersetzen. Als es ihr schließlich gelang, schwanger zu werden und eine Tochter zur Welt zu bringen, verlor sie diese kurz darauf. Aber nicht nur die Tochter, sondern auch Everett und die gesamte neu gewonnene Familie.
Und jetzt, in ihrer zweiten Schwangerschaft, hatte er sie erneut verlassen. Ihr fehlte die Kraft, ihm wieder zu vertrauen. So sehr sie sich auch bemühte, sie konnte es nicht. Und bei aller Traurigkeit, die sie innerlich empfand, musste sie über die Ironie des Schicksals lächeln.
Denn die traurige Geschichte und das Schicksal ihrer Familie wiederholten sich.
Im Tagebuch ihrer Mutter, das ihr mit all ihren persönlichen Sachen übergeben wurde, als sie das Heim verließ, las sie, dass ihre Geburt unter keinem guten Stern stand. Sobald ihr Vater erfuhr, dass seine Freundin schwanger war, verließ er sie.
Als ihre Mutter sie zur Welt brachte, war sie selbst gerade achtzehn Jahre alt geworden. Ihre Eltern verleugneten sie, weil sie Schande über die Familie eines bekannten und angesehenen Richters gebracht hatte. Ihr Vater befahl ihr zu packen, was sie tragen konnte und sein Haus zu verlassen. Und so schlug sich ihre Mutter durchs Leben, so gut sie konnte. Die Tochter, die dazu erzogen wurde, den Haushalt ihres zukünftigen Ehemannes zu führen, der ähnlich geachtet sein sollte wie ihr Vater, schuftete plötzlich in einer Bäckerei.
Dort war sie zunächst bei einem Cousin ihres Vaters untergekommen, der sie aus Mitleid aufnahm. Um zu verhindern, dass ihr Vater es herausfand, schlich sie sich nachts um drei Uhr in den Betrieb und backte bis sieben Uhr morgens. Es war jedoch klar, dass sie mit dem Wenigen, was sie hatte, nicht in der Lage sein würde, sich und ihre Tochter zu versorgen.
Aus ihrem Tagebuch war ersichtlich, wie abgöttisch sie ihren Vater liebte und wie sehr es sie schmerzte, ihn zu enttäuschen. Über ihre Mutter schrieb sie wenig und nüchtern. Nachdem sie in einer Anzeige eine Stelle in einem Berghotel in der Schweiz fand, wagte sie es, einen Schlussstrich zu ziehen und Frankfurt den Rücken zu kehren.
Sie waren glücklich in der Schweiz, bis der Tod ihre Mutter dort fand. Sie wurde in der Nähe des Sees beigesetzt, in dem sie ertrunken war. Anna erinnerte sich noch sehr genau an ihre Beerdigung und an die Gefühle, die sie damals empfand. Der unendliche Schmerz hatte ihre Seele für immer gezeichnet. Die Trauer über den Verlust der Eltern trifft einen Menschen immer sehr tief. Aber wenn es in einem so jungen Alter geschieht, wie es bei ihr der Fall war, hinterlässt es eine Wunde, die nie mehr heilt.
Es war ein Wendepunkt, an dem ihr ganzes Leben auf den Kopf gestellt wurde: aus den liebevollen Armen ihrer Mutter ins Waisenhaus. Als sie volljährig wurde und das Waisenhaus endlich verlassen konnte, übergab ihr das Sozialamt alle Dokumente und Unterlagen über ihr bisheriges Leben. Der Name ihres Vaters war in der Geburtsurkunde nicht aufgeführt.
Und nun würde sich das Schicksal wiederholen. Auch sie würde ihr Kind so erziehen, wie es ihre Mutter getan hatte. Ohne einen Vater, ohne Hilfe. Aber im Gegensatz zu ihrer Mutter hatte Anna eine gute Ausbildung, die sie vor allem Evelyn verdankte. Evelyn hatte zu Beginn ihrer Beziehung zu Everett unermüdlich wiederholt, wie wichtig es für sie sei, im Leben für sich selbst sorgen zu können. Es war, als hätte sie schon damals geahnt, dass in ihrem Leben erneut alles anders kommt als erwartet.
Anna erinnerte sich mit Scham daran, wie Evelyn ihr mit diesem »Lied« auf die Nerven ging. Einmal hatte sie es ihr ganz offen gesagt. Aber Evelyn ließ sich von ihrer Unverschämtheit nicht verletzen oder davon abhalten, sie ein paar Tage später in die Firma ihrer Freundin zu schleppen. Hier erhielt sie die Möglichkeit, eine Ausbildung zu machen. Evelyn erkannte, dass sie hinter ihrem grimmigen Auftreten und ihrem frechen Verhalten nur versuchte, die verletzte Seele eines Kindes zu verbergen.
Obwohl Anna sich in den ersten Tagen in dem Unternehmen ärgerte und überlegte, wie sie sich aus dem Staub machen könnte, zeigte sich bald, dass sie gut mit Zahlen umgehen konnte. Dieses Talent musste sie von ihrem unbekannten Vater geerbt haben. Ihr Händchen für Zahlen und die Erkenntnis, dass sie etwas wirklich gut konnte, viel besser als die meisten anderen, zeigten ihr einen neuen Weg und stärkten das Selbstvertrauen, das ihr so sehr fehlte. Evelyns Hartnäckigkeit wurde schlussendlich ihre Rettung.
Aber im Gegensatz zu ihrer Mutter hatte Anna auch ein paar Freunde, die immer für sie da waren. Sie vermisste Stella so sehr …, wenn sie nur jetzt hier wäre! Es wäre so viel einfacher, wenn sie mit ihr über alles reden könnte, was in den letzten Tagen geschehen war.
Warum tat sie es eigentlich nicht?
Anna ging vom Bett zum Couchtisch, auf dem ihr Laptop stand, lud die E-Mail-Seite und tippte Stellas Mailadresse ein. Sie wollte nicht länger warten und ihr auch nichts mehr verheimlichen. Sie hoffte, dass Stella sich in den letzten Tagen hatte erholen und ausruhen können, denn sie brauchte sie jetzt ganz dringend. Die Zeilen der E-Mail-Nachricht füllten sich wie von selbst, als ob eine andere Person stellvertretend für Anna tippen würde.
Sie hatte ihr so viel zu sagen.
Darüber, wie ihr Haus abgebrannt war, darüber, dass sie Stella damit nicht belasten wollte, wie Philipp sie bei sich aufgenommen hatte und Everett plötzlich aufgetaucht – und wie er erneut spurlos verschwunden war. In ein paar Sätzen fasste sie das ganze Elend der vergangenen Tage zusammen. Sie wollte nicht, dass die Mail so verzweifelt und traurig klang, aber sie konnte nicht anders. Sie konnte nicht mehr so tun, als wäre alles in bester Ordnung. Es hätte auch keinen Sinn, denn Stella kannte sie zu gut.
Im ersten Moment war sie erleichtert, aber kaum hatte sie die Nachricht abgeschickt, bereute sie es schon wieder. Sie hätte nicht ihre ganze Verzweiflung auf Stella abladen dürfen. Stella hatte ihre eigenen Probleme und Ängste. Genauso wie den Kummer über Philipps Ablehnungen.
Schlussendlich war Anna enttäuscht über sich selbst, weil sie so impulsiv gewesen war und sich von ihren Gefühlen überwältigen ließ. Das war eher Stellas Ding. Anna war schon immer die Vorsichtigere von beiden gewesen. Warum hatte sie jetzt so impulsiv gehandelt?
Sie musste sich dringend beruhigen und ihren Kopf wieder frei bekommen. Zuerst würde sie sich umziehen, dann in die Küche gehen und etwas essen. Und danach würde sie spazieren gehen. Das mit dem Schlaf hatte sich nun eh erledigt. Everetts Brief hatte sie zu sehr aufgewühlt, als dass sie noch hätte einschlafen können. An der frischen Luft würde sie versuchen, einen klaren Kopf zu bekommen und vor allem überlegt zu handeln.
Sie verließ das Zimmer und traf Philipp auf der Treppe. Lujza war offensichtlich schon weg. Er warf ihr einen fragenden Blick zu, doch bevor sie seine unausgesprochene Frage beantworten konnte, klingelte irgendwo ihr Handy. Schnell eilte sie zurück ins Zimmer, um das Gespräch anzunehmen. Philipp folgte ihr wortlos, vermutlich in der Erwartung, dass es Everett sei.
Das Telefon läutete, aber sie konnte es nirgends finden. Hektisch wühlte sie in den Sachen, die im Zimmer herumlagen, aber es war nicht auffindbar. Schließlich fand sie es in der Hose, die sie vor dem Duschen im Bad ausgezogen hatte. Gerade als sie es herausnahm, legte der Anrufer auf. Das Display zeigte ihr einen verpassten Anruf von Stella an. Anna seufzte enttäuscht und warf Philipp einen schuldbewussten Blick zu.
»Stella«, flüsterte sie.
Stumm nickte er und wandte sich ab. Sie konnte keine Regung aus seinem Gesicht ablesen. Zweimal, seit Stella in Frankreich war, hatte Anna ihr gesagt, dass Philipp mit ihr sprechen wolle, doch jedes Mal hatte Stella eine Ausrede gehabt. Einmal hatte sie es sehr eilig, ein anderes Mal war angeblich ihr Akku gleich leer. Für Anna und Philipp war klar, dass Stella nicht mit ihm reden wollte.
Schließlich bat Philipp sie, ihn nicht mehr zu erwähnen. Sie hatte keine andere Wahl, als seinen Wunsch zu respektieren. Die letzten Male hatte sie darauf geachtet, in Gesprächen mit Stella nicht mehr von ihm zu sprechen, und Stella hatte dasselbe getan. Das Thema Philipp schien für sie abgeschlossen zu sein.
Es war Anna jedoch klar, dass Stella nur so tat. Sie kannte ihre Freundin zu gut. Wenn er ihr gleichgültig wäre, hätte sie kein Problem damit gehabt, ein paar Worte mit ihm zu wechseln …
Anna versuchte, zurückzurufen, aber ohne Erfolg. Sie bekam nur ein Besetztzeichen. Schließlich gab sie auf und folgte Philipp in die Küche. Er hatte gerade die zwei Teetassen gespült und wirkte auf sie nachdenklich, sodass sie beide mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt waren. Anna war gerade dabei, den Inhalt des Kühlschranks nach etwas zu durchforsten, worauf sie Appetit hätte, als eine Nachricht sich ankündigte. In der Erwartung, dass sie von Everett sein könnte, eilte sie zum Tisch, wo ihr Handy lag.
Doch sie war von Stella.
Wie konntest du mir das alles verheimlichen? Ich bin sehr, sehr sauer auf dich! Gepackt habe ich schon, aber der erste bezahlbare Flug geht erst morgen früh. 8:55 Uhr von Paris aus. Werde um 10:15 Uhr in Frankfurt landen und komme dann direkt zu dir. Ich freue mich darauf, dich zu sehen. S.
Anna drückte das Handy an ihr Herz, als wäre es Stella selbst. Das war ihre Freundin. Sie ließ in Paris sofort alles stehen und liegen und flog zu ihr. Sie wusste, dass sie ein schlechtes Gewissen haben sollte, aber sie freute sich, Stella bald zu sehen und konnte es kaum erwarten, sie in die Arme zu schließen.
Sie zeigte Philipp die Nachricht. Er ließ seinen Blick schweigend über Stellas Worte gleiten und versuchte zu lächeln, aber es gelang ihm nicht. Langsam stellte er die Tassen auf das Regal und wischte sich die Hände an einem Handtuch ab.
»Ich habe eine SMS von Everett bekommen. Es sieht so aus, als wären wir eine Zeit lang wieder auf uns alleine gestellt. Er schrieb, dass er dir einen Brief hinterlassen hätte.«
Anna nickte und wusste nicht, was sie noch sagen sollte.
»Mach dir keine Sorgen. Er wird es schaffen. Er ist stärker, als er sich selbst eingestehen will. Wir haben so lange auf ihn gewartet. Jetzt, wo wir wissen, dass es ihm einigermaßen gut geht, kommt es auf ein paar Wochen mehr nicht an. Das Wichtigste ist, dass wir wissen, dass er in Sicherheit ist. Das lässt uns durchhalten. Oder?«
Sie nickte nur wieder mit einem Kloß im Hals und versuchte, ihn hinunterzuschlucken. Jetzt wollte sie nicht traurig sein, sondern sich auf Stella freuen.
»Kann ich dich ein paar Stunden alleine lassen? Einer meiner Angestellten wurde auf der Baustelle verletzt und liegt im Krankenhaus. Ich würde gern sehen, wie es ihm geht.«
»Natürlich, tu das. Aber wenn es dir nichts ausmacht, würde ich gern mitkommen. Ich muss hier ein bisschen raus. Ich hätte etwas Ablenkung und könnte in der Krankenhauscafeteria ein paar von diesen unglaublich leckeren Franzbrötchen kaufen. Es war das Einzige, was ich nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus vermisste.« Der Gedanke an das fluffige Zimtteiggebäck lockte sie mehr als alles andere im Kühlschrank.
Philipp lachte und schlang seinen Arm um ihre Schulter.
»Na, dann komm mal mit, du Naschkatze.« Auf dem Weg zur Tür half er ihr in den Mantel.
Anna suchte sich in der Cafeteria ein Franzbrötchen aus und genoss jeden Bissen davon. Es zerging ihr buchstäblich auf der Zunge. Philipp wollte sie die Leckereien unter keinen Umständen bezahlen lassen. Er kaufte noch ein paar Süßigkeiten und etwas Obst und eilte zur chirurgischen Abteilung, nachdem er Anna versprach, nicht zu lange zu bleiben.
Währenddessen ging sie in dem kleinen Park neben dem Parkplatz spazieren. Die Dämmerung setzte langsam ein. Sie schluckte den letzten Bissen hinunter und leckte sich genüsslich die klebrigen Finger ab. Das war köstlich – sie verspürte den intensiven Drang, noch eins dieser Teilchen zu holen. Heute hatte sie nicht viel gegessen und wer wusste schon, wann sie wieder die Gelegenheit haben würde, diese Schleckerei zu genießen. Einen Moment zögerte sie noch, dann sagte sie sich aber, dass sie für zwei essen müsse, obwohl sie wusste, dass das blödsinnig war.
Na und!
Sie wollte noch eins haben und auch eines für Philipp kaufen, weil er sich so gut um sie kümmerte. Sie betrat zügig die Cafeteria und kam kaum eine Minute später mit einer Tüte duftenden Gebäcks wieder heraus. Sie hatte drei Franzbrötchen gekauft. Nur für alle Fälle …
Als sie das Wechselgeld in ihr Portemonnaie steckte, musste sie einen Moment lang mit dem Reißverschluss ihres Portemonnaies kämpfen. In letzter Zeit konnte sie es nicht mehr so leicht schließen. Vielleicht hatte die Hitze des Feuers es beschädigt. Als sie es endlich schaffte und aufblickte, sah sie Hoffmann mit einem Lächeln auf sie zukommen. Bis zu diesem Moment hatte sie gar nicht daran gedacht, dass sie ihn hier treffen könnte. Und jetzt, wo es passierte, fühlte sie sich, als hätte ihr jemand mit der Faust ins Gesicht geschlagen.
Hoffmann trat an sie heran und reichte ihr lächelnd die Hand zur Begrüßung.
»Anna, es ist schön, dich wiederzusehen. Ich freue mich, dass es dir anscheinend schon deutlich besser geht.«
Annas rechte Handfläche landete ohne Vorwarnung auf seiner Wange. Sie schlug mit solcher Wucht zu, dass sie spürte, wie das Baby in ihr erzitterte. Schnell legte sie die Hand schützend auf ihren Bauch.
Hoffmann keuchte und trat verwirrt einen Schritt zurück. Er starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an. In seinem Blick flackerte langsam die Erkenntnis auf.
Anna bedauerte, dass sie ihm das Duzen vorgeschlagen hatte, als sie aus dem Krankenhaus entlassen worden war. Sie wollte nichts mehr mit diesem Mann zu tun haben.
»Du weißt es also schon«, sagte er nach einem Moment der Stille.
»Anna! Anna, um Himmels willen, was machst du da?«
Philipp, der unerwartet aufgetaucht war, schaute verzweifelt von einem zum anderen. Er wusste offensichtlich nicht, wie er darauf reagieren sollte. Gern hätte er Hoffmann selbst die Fresse poliert, vor allem nach dem, was er Everett erzählt hatte. Aber Hoffmann hatte bereits ein blaues Auge von Everett und den Abdruck von Annas Handfläche auf der Wange. Philipp sah ein, dass dies für den Moment genug war.
»Komm, Anna. Lass uns nach Hause gehen. Es hat keinen Sinn.« Er schob sie sanft zum Auto und sie ließ es ohne Widerstand zu. Schien selbst über ihre Reaktion schockiert. Als sie Hoffmann sah, musste in ihr eine so heftige Welle des Hasses aufgestiegen sein, dass sie diese nicht hatte unterdrücken können. Vielleicht lag es an den Schwangerschaftshormonen. Wer wusste das schon.
Sie waren gerade ein paar Schritte Richtung Auto gegangen, als Hoffmanns Stimme sie zurückhielt.
»Anna!« Sowohl sie als auch Philipp drehten sich um. Philipp legte instinktiv seine Hand auf ihre Schulter, als wollte er sie zurückhalten. Hoffmann stand immer noch regungslos an der gleichen Stelle.
»Ich würde jede Strafe akzeptieren. Aber weder du noch Everett könnt mir eine Härtere geben als die, die ich bereits habe. Für den Rest meines Lebens muss ich mit dem Gefühl leben, dass ich vielleicht für ihren Tod verantwortlich bin. Wenn man die Zeit zurückdrehen könnte …« Er warf untröstlich die Hände hoch. »Ich würde alles dafür geben, es ungeschehen zu machen.«
Anna drehte sich um und stieg wortlos in den Wagen. Eine Absolution würde sie ihm nicht erteilen.
Als sie es endlich durch den Berufsverkehr geschafft hatten, war es bereits dunkel. Wenn man kurz nach sechs Uhr abends in Frankfurt unterwegs war, musste man sich mit einer gehörigen Portion Geduld wappnen. Obwohl die Tage schon zusehends länger wurden, waren die dunklen Abende immer noch lang.
Anna wollte nicht verärgert ins Bett gehen und mit den Gedanken an Hoffmann einschlafen. Sie wollte den Kopf freibekommen und brauchte unbedingt noch etwas Bewegung.
»Ich würde gerne noch eine Runde spazieren gehen. Ich komme nach«, sagte sie, als sie aus dem Auto stieg.
Sie hatte vorhin aus einem Telefonat herausgehört, dass Philipp noch eine Menge zu tun hatte und wollte ihn nicht aufhalten.
»In Ordnung.« Er steckte die Autoschlüssel in seine Jackentasche und ging auf dem Bürgersteig in Richtung Park.
»Ich will dir nicht die Zeit stehlen, Philipp. Ich weiß, dass du zu tun hast. Ich kann alleine gehen.«
»Auf keinen Fall.« Er schüttelte missbilligend den Kopf und bot ihr den Arm, damit sie sich bei ihm einhaken konnte. Mit einem Seufzer nahm sie an. Seine Stimme war so ernst, dass sie nicht zu protestieren wagte und die Berührung ihrer Schultern war irgendwie angenehm. Es wärmte sie und gab ihr das Gefühl, beschützt zu werden. Seltsam, dass man durch eine solche Kleinigkeit getröstet werden konnte. Und seltsam auch, wie sich das Leben manchmal wendete, dass so eine unschuldige Berührung die Seele erwärmen konnte.
»Keine Sorge, ich werde dich nicht stören. Wir sind beide mit unseren eigenen Gedanken beschäftigt.«
Sie gingen schweigend nebeneinanderher. Nur das Quietschen ihrer Stiefel im frischen Schnee begleitete ihre Schritte und der Dampf ihres warmen Atems breitete sich um ihre Köpfe aus. Philipp hielt seinen Blick auf den Boden gerichtet und umging vorsichtig die Schneeverwehungen. Anna hingegen schaute auf die erleuchtete Skyline der Stadt. Wolkenkratzer, die in allen erdenklichen Farben glitzerten, Boote, die auf der Wasseroberfläche dümpelten und von denen leise Musik zu ihnen herüberwehte. Es schien, als wären die Neujahrsfeierlichkeiten der Unternehmen noch nicht vorbei.
Sie schwiegen beide, doch als Philipp Annas Hand streifte und bemerkte, wie kalt ihre Finger waren, drehte er sofort um. Es war bemerkenswert, wie er sie plötzlich verstand. Sie war ihm so dankbar für alles, was er getan hatte. Für sie, ihr Kind und für Everett. Es hätte sie so glücklich gemacht, wenn sie auch für ihn etwas hätte tun können. Aber sie wusste nicht, was.
»Philipp, ist etwas nicht in Ordnung? Du scheinst heute Abend sehr traurig zu sein.«
Er versuchte zu lächeln, aber sein Lächeln erreichte seine Augen nicht.
Anna blieb stehen und sah ihn ernst an. Auch er hielt inne und atmete tief durch.
»Tamara, meine Tochter, hat Leukämie. Ich war nicht ganz ehrlich. Ich war im Krankenhaus bei Tamara und Lujza. Sie sind in der Klinik.« Seine Stimme zitterte. Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. »Ich kann es nicht glauben, mein kleiner Sonnenschein. Sie ist so mutig … ich mache mir schreckliche Sorgen um sie. Ich habe bis zum letzten Moment gehofft, aber jetzt ist klar, dass Lujza nicht als Knochenmarkspenderin infrage kommt. Ich auch nicht, aber bei mir ist es nicht überraschend.«
Anna wusste nicht, was sie sagen sollte, also umarmte sie ihn einfach stumm. Sie hatte bemerkt, dass er traurig war, aber mit so etwas hatte sie nicht gerechnet. Sie wusste genau, wie er sich fühlte. Sie wusste, wie es war, wenn man nichts für sein Kind tun konnte. Zu gut erinnerte sie sich an das Gefühl der Hilflosigkeit. Obwohl er nicht ihr biologischer Vater war, konnte sie seine Bestürzung, seine Angst und seine unendliche Verzweiflung spüren. Auch, dass er sie nicht mehr lieben konnte, wenn sie sein eigenes Kind wäre.
Langsam löste er sich aus ihrer Umarmung.
Sie gingen den Rest des Weges schweigend. Zu Hause angekommen, zog sich Philipp zurück. Offenbar wollte er alleine sein. Anna setzte sich mit einem Buch an den Kamin und versuchte zu lesen, aber sie konnte sich nicht konzentrieren. Immer wieder las sie den gleichen Satz. Ihre Gedanken schweiften zu Tamara und Stellas Rückkehr ab.
Wenig später kam Philipp wieder herunter. Es war offensichtlich, dass auch er nicht zur Ruhe kam. Er legte sich auf das Fell vor dem Kamin, stützte seinen Kopf in die Hand und beobachtete schweigend die orangefarbenen Flammenzungen.
Gleichzeitig hatte er einen merkwürdigen Ausdruck im Gesicht.
»Woran denkst du gerade? Ganz ehrlich, jetzt, in diesem Moment …«, platzte es aus ihr heraus, bevor ihr klar wurde, dass sie vielleicht nach Dingen fragte, die zu intim waren.
Phillip sah überrascht auf, als hätte sie ihn aus den Gedanken gerissen.
Er lächelte peinlich berührt. »Ich habe darüber nachgedacht, was für ein Narr ich bin. Ich habe eine Nachricht für Stella auf ihrem Anrufbeantworter hinterlassen. Mehr versehentlich als gewollt, und jetzt, wo ich weiß, dass sie morgen zurückkommt, würde ich am liebsten zu ihrer Wohnung fahren und sie löschen.«
Anna sah ihn überrascht an.
»Ich weiß, ich weiß. Vielleicht hat sie es bereits aus der Ferne abgehört und ich werde nicht in ihre Privatsphäre eindringen. Ich weiß sehr wohl, dass es eine grobe Verletzung unseres Mietvertrags wäre, aber …«
»Aber?«
Er zuckte mit den Schultern und atmete tief ein.
Sie hatte keine Ahnung, was diese Nachricht beinhaltete, aber sie wagte nicht zu fragen. Anna war jedoch überrascht zu hören, dass er immer noch so intensiv an Stella dachte, nachdem diese ihr am Heiligabend von seiner Abfuhr erzählt hatte. Sein Gesichtsausdruck, sein unsicherer Blick und die Sanftheit seiner Stimme, wenn er von Stella sprach, verwirrten Anna. Sie hatte nicht das Gefühl, dass die Angelegenheit für ihn endgültig vorbei war, obwohl Stella ihr das sehr überzeugend wiedergegeben hatte. Deshalb vermied sie es auch, mit den beiden über den jeweils anderen zu sprechen. Sie wollte ihnen Zeit geben, die Situation nach eigenem Ermessen auf die Reihe zu bekommen.
Am Morgen wurde sie vom Wecker aus dem Schlaf gerissen, der ihr unerbittlich mitteilte, dass es an der Zeit sei, aufzustehen, wenn sie rechtzeitig am Flughafen ankommen wollte. Sie freute sich, Stella zu sehen und wollte sich nicht verspäten. Als sie die Küche betrat, wurde sie vom Duft des Kaffees und Croissants begrüßt, die im Toaster aufgewärmt wurden.
Philipp saß bereits am Tisch, vertieft in die Zeitung, seine Hände umklammerten eine Tasse mit schwarzem Kaffee. Offensichtlich hatte er heute keine wichtigen Geschäftstermine, denn er trug einen braunen Pullover und Jeans. So locker ging er selten zur Arbeit. Sein Haar war noch nass von der morgendlichen Dusche. Als sie hereinkam, blickte er auf. Die dunklen Schatten unter seinen Augen zeigten deutlich, dass er nicht viel geschlafen hatte.
»Guten Morgen.«
»Dir auch«, antwortete er mit müder Stimme.
Anna fragte sich, ob er in der Nacht tatsächlich in Stellas Wohnung gewesen war, um die Nachricht zu löschen. Sie war so früh ins Bett gegangen, dass sie ihn nicht hatte kommen oder gehen hören. Sie überlegte, ob sie ihn danach fragen sollte, beschloss dann aber, dass es sie nichts anging. Wenn er es wollte, würde er es ihr selbst erzählen.
»Und du?« Sie zeigte auf den Tisch, der für nur eine Person gedeckt war.
Er schüttelte den Kopf. »Ich habe keinen Appetit. Ich nehme nur etwas Obst.« Er griff nach einer Banane in der Obstschale und begann, diese langsam zu schälen.
Ihr Magen hob sich, noch bevor sie den Bananenduft wahrnahm. Seit sie schwanger war, hasste sie Bananen, die sie sonst wirklich gern aß. Schon alleine bei ihrem Geruch drehte sich ihr der Magen um. Sie stürzte aus der Küche und lief ins Bad.
Als sie sich das Gesicht abspülte, kam ihr der Gedanke, dass sie vielleicht doch etwas für Philipp tun konnte. In diesem Moment klopfte er an die Badezimmertür, als hätte er ihre Gedanken gelesen.
»Anna, bist du okay?«
»Ja, ja.« Langsam öffnete sie die Tür. »Das ist nur die Morgenübelkeit. Ich bin überrascht, dass mir das bis jetzt erspart geblieben ist.«
Langsam ging sie zurück in die Küche und hoffte, dass Philipp die Bananenschale bereits im Mülleimer entsorgt hatte. Sie schenkte sich ein Glas Wasser ein und trank es in kleinen Schlucken.
»Kann ich etwas für dich tun?«
»Wenn du so fragst … es würde mir echt helfen, wenn du Stella vom Flughafen abholen könntest. Ich wollte sie selbst holen, aber mein Magen ist wie ein Boot auf stürmischer See.«
Er musterte sie misstrauisch, sagte aber nichts. Trotzdem war sonnenklar, dass er sie entlarvt hatte. Sie hätte es wissen müssen. Philipp war intelligent und sie im Gegensatz zu Stella eine miserable Schauspielerin.
Plötzlich schämte sie sich …
»Oder ich schreibe ihr, dass es mir nicht gut geht und sie ein Taxi nehmen soll.« Schwacher Versuch ihrerseits, die Situation zu retten.
»In Ordnung. Ich hole sie ab«, sagte Philipp mit einem Blick auf die Uhr und begann seine Jacke anzuziehen. Dann tastete er noch einen Moment lang nervös nach den Autoschlüsseln. Nicht einmal nach Flugnummer oder Ankunftszeit hat er sich erkundigt. Also war seine Unruhe auch Stellas Ankunft zu verdanken.
Anna wartete noch einen Moment, bis das Schloss der Eingangstür hinter ihm zuschnappte und machte sich dann in aller Ruhe mit viel Appetit an die Croissants.
Dafür wirst du in der Hölle schmoren, Anna, sagte sie sich im Geiste, während sie eine dicke Schicht Erdbeermarmelade auf das Croissant schmierte.
Philipp kam aufgewühlt am Flughafen an.
Er schwitzte und hätte beinahe noch mal umgedreht, weil er dachte, er hätte etwas Passenderes anziehen sollen als einen alten Pullover.
Sobald er aus dem Auto ausgestiegen war, kaufte er an einem kleinen Blumenstand eine rote Rose. Ein paar Sekunden später kehrte er um und legte sie zu den anderen Rosen zurück. Er ging ohne den Verkäufer um sein Geld zu bitten. Dieser starrte ihm nur erstaunt hinterher.
»Alles Narren, hier«, murmelte er, war aber froh, dass er sowohl Ware als auch Geld behalten konnte.
Philipp bemühte sich unterdessen, nicht in Panik zu geraten. Er hielt an der Anzeigetafel inne und hoffte, dass der Flug keine Verspätung haben würde, stellte aber erleichtert fest, dass Stellas Flug bereits gelandet war. Er checkte die Nummer des Ankunftsterminals und machte sich auf den Weg.
Mit jeder weiteren Minute des Wartens verließ ihn mehr und mehr der Mut. Er setzte sich auf einen Plastiksessel im Warteraum, denn er wusste, dass es noch einige Zeit dauern würde.
Zur gleichen Zeit war ein Airbus aus New York gelandet. Da es sich dabei um einen Überseeflug handelte, würde er vorrangig behandelt werden, also konnte es mit dem Gepäck aus Paris noch etwas dauern. Er zappelte auf seinem Stuhl, erhob sich, ging den Flur entlang und setzte sich schließlich doch wieder hin. Nach einer halben Stunde stand er wieder auf, lief nach hinten und lehnte sich gegen eine Werbetafel.
Er wollte vermeiden, dass Stella ihn sofort bemerkte und dadurch etwas Zeit gewinnen. Er wollte sie sehen, bevor sie ihn wahrnahm.
Er zerzauste sein Haar und steckte sich einen Kaugummi in den Mund. Der Puls in seinen Schläfen beschleunigte sich und ihm war kalt und heiß zugleich. Zum Teufel noch mal, das konnte doch nicht wahr sein! Es war nur Stella!
Die Lichtschranke öffnete und schloss die Ausgangstür, Gruppen und Einzelpersonen kamen hindurch, aber Stella war nicht dabei. Ihm kam der Gedanke, dass sie vielleicht ihren Flug verpasst hatte. Möglicherweise hatte sie sich das mit dem Rückflug auch anders überlegt. So musste es gewesen sein, denn laut Anzeigetafel war die Gepäckausgabe für ihren Flug aus Paris abgeschlossen.
Es hatte keinen Sinn, noch länger zu warten und so ging er zu den Sitzen zurück, um seine Jacke zu holen. Er bückte sich, um sie aufzuheben, da sah er sie.
Stella stand hinter der Tür der Ankunftshalle, die sich gerade geöffnet hatte, machte ein paar Schritte vorwärts und blieb dann noch einmal stehen. Sie war nicht alleine. Neben ihr stand ein junger Mann und wartete, während sie etwas auf eine Visitenkarte schrieb. Sie reichte sie ihm mit einem Lächeln und umarmte ihn. Dann ging er zu einer Gruppe anderer Männer hinüber, drehte sich noch mal in ihre Richtung und winkte. Sie nickte und lächelte.
Philipps Magen zog sich zusammen. Eine Eifersucht, wie sie ihm schon seit Jahren fremd war, brach über ihn herein. Er hätte dem Schnösel am liebsten eine in die Fresse gehauen. War es möglich, dass sie noch hübscher war, als er sie in Erinnerung hatte? Sie kam ihm ein wenig schlanker vor, ihr Haar hatte einen neuen peppigen Schnitt und die Locken waren irgendwie lebendiger. Ja, sie strahlte pures Leben aus. Er konnte seinen Blick nicht von ihr abwenden.
Stella musste ihn gespürt haben, denn sie drehte sich in seine Richtung, schüttelte dabei lächelnd den Kopf und die rostroten Locken umspielten dabei ihr Gesicht.
Zuerst sah sie ihn nur, einen Sekundenbruchteil später erkannte sie ihn und ihr Lächeln erstarb. Ihre Gesichtszüge verhärteten sich und das Lächeln wich einem angespannten Ausdruck. Philipp registrierte einen heftigen Stich im Herzen, weil ihm klar wurde, dass er der Grund dafür war. Er seufzte, als er das fröhliche Funkeln in ihren Augen schwinden sah, hob seine Jacke auf und ging auf sie zu.
»Philipp! Was für ein Zufall …«
»Kein Zufall«, sagte er und hauchte ihr Begrüßungsküsschen auf beide Wangen. Er war sich dessen mehr als bewusst, dass er damit die Umarmung des Mannes, der sich gerade von ihr verabschiedet hatte, auslöschen wollte.
Sie sah ihn fragend an.
»Anna leidet unter Morgenübelkeit. Sie hat mich gebeten …«
Sie ließ ihm keine Gelegenheit zu Ende zu sprechen. »Oh, das tut mir leid. Das hätte sie nicht tun sollen. Ich hätte genauso gut ein Taxi nehmen können.«
Dieses Gespräch ging definitiv in die falsche Richtung. Schnell packte er den Griff ihres Koffers und bedeckte dabei ihre Hand mit seiner. Beide merkten eine heftige elektrische Spannung, als sie sich berührten. Sie sah kurz zu ihm auf, wandte aber sofort den Blick ab. Zu gut erinnerte sie sich daran, dass diese Augen sie erst in dieses Gefühlschaos gebracht hatten. Als sie den Griff des Koffers nicht losgelassen hatte, erwartete sie, dass er seine Hand zurückziehen würde. Aber das tat er nicht.
»Ich habe es gern getan … ich wollte es«, stammelte er.
Sie nickte leicht mit dem Kopf. Na klar.
