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Victoria Redels "Anna und wir" ist ein bewegender Roman über eine innige Frauen-Freundschaft und einen letzten Wunsch. Anna ist eine Kämpferin, stets Vorbild und Halt für ihre Freundinnen. Für Helen, die jahrelang kein Glück mit Männern hatte; für Molly, deren Tochter gegen jeden und alles aufbegehrt; für Ming, deren Leben durch eine Diagnose vollkommen verändert wird; und für Caroline, die sich stets als Außenseiterin fühlt. Doch nun hat Anna beschlossen, ihren Kampf gegen den Krebs aufzugeben. Als sich die Freundinnen noch einmal bei Anna versammeln, beginnt für sie eine ebenso schmerzliche wie zärtliche Zeit des Erinnerns und Abschiednehmens. Und eine Zeit des Aufbruchs, mit Anna in ihren Herzen. "Eine ergreifende Geschichte über Freundschaft und Verlust ... ein unerschrockener und anrührender Blick darauf, wie die letzten Tage einer Frau das Leben ihrer Freundinnen verändern." (Publishers Weekly) "Tough und zärtlich, tragisch und zum Lachen – dieser wunderschön geschriebene Roman erzählt von den Dynamiken jener wundervollen Freundschaften, die ein Leben lang halten." (Siri Hustvedt)
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Seitenzahl: 357
Veröffentlichungsjahr: 2018
Victoria Redel
Ein Freundinnen-Roman
Aus dem Amerikanischen von Michaela Grabinger
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Anna ist eine Kämpferin, stets Vorbild und Halt für ihre Freundinnen. Für Helen, die jahrelang kein Glück mit Männern hatte; für Molly, deren Tochter gegen alles und jeden aufbegehrt; für Ming, deren Leben durch eine Diagnose vollkommen verändert wird; und für Caroline, die sich stets als Außenseiterin fühlt. Doch nun hat Anna beschlossen, ihren Kampf gegen den Krebs aufzugeben. Als sich die Freundinnen noch einmal bei Anna versammeln, beginnt für sie eine ebenso schmerzliche wie zärtliche Zeit des Erinnerns und Abschiednehmens. Und eine Zeit des Aufbruchs, mit Anna in ihren Herzen.
Widmung
Ende März
1. Kapitel
Schlicht und einfach
Seesterne
Die alten Freundinnen
Geheimnis
Für immer
Hund
Vorbei
Alle Genüsse
Zwölf
Weitere gute Neuigkeiten
Schaum
Kunstgeschichte 1
Zug
Und Kaninchen auch, 1965
Was genau los ist
Noch genauer
1975. Was bist du?
Halb-Ehemann
1978. Vertrau mir
Hund
Hey
Übrigens, falls es interessiert
Glaube
Zu jeder Zeit
2008. Zerrüttung
Die wahre Anna
1976. An der Ulme
Schlamm
2009. Aufruhr
Drinnen
Februar 2012. Medikamente
Das eine Prozent
Zuckung
Ein Haken
Rettungsleine
Der Schwur
Ehe
Tic-Tac-Toe
Ich weiß noch
Krankenhaus für Anfänger
War sie aber
Die alten Freundinnen
1976. LSD
Drücken
Übungsstunde
Krankenhaus für Anfänger
Was
2. Kapitel
Bewertung
Gebet
Mehr
Vorbei
Oregon
Das Geheimnis
1978. Ach, ihr Mädels
Und
Die neue Dimension
1969. Mädchen ehrenhalber
Im Haus
3. Kapitel
Leverett, Obstbaum
Die neuen Freundinnen
Aus der Gegend
Das Valley
Alt und neu
Hund
Die andere Welt
Der März, nur fürs Protokoll
Freitäglicher Wein- und Bastelabend
Stabil
Trittfrequenz
1982. Das Valley
Alternative Rituale
Hund
Prinzessin
Übungsstunde
4. Kapitel
Die Anhöhe
Das Küchenfenster
Unbedingt
Dunkles Fenster
Die neue Distanz
Handy
Kunstgeschichte 2
Quälende Unruhe
Kunstgeschichte 3
Anna, weitere bekannte und sonstige Gründe, sich zu schämen
Der Schreiber
5. Kapitel
Verschlissen
Die nächste Generation
1994. Spender
1995. Elixier
Damals
1997. Lily
1997. Strahlende Zukunft
2003. Nimm dir Liebhaber
2006. Düster
2007. Mittag
2006. Fest
Väter
6. Kapitel
Blitzeis
Restaurieren
Mann
Hunger
Vorteile
Kunstgeschichte 4
Blüte
Fieber
Übernachtung
11:11
Ruhen
Der Schreiber
April 2013
1. Kapitel
Schmuddelwetter
Der Schreiber
Connie und John
Der Schreiber
2. Kapitel
Ming macht sich auf den Weg
Helen macht sich auf den Weg
Molly macht sich auf den Weg
Caroline macht sich auf den Weg
3. Kapitel
Herrliche Gewissheit
Wunderweiber
Paris vielleicht
Gesang
Lotion
Fünf Minuten
Glanz
So ein Leben
Nächster Halt
Frist
Mordsglück
Geheimnis
Entschuldigung
Die magische Neun
Hey
Nehmt eine Geschenketüte mit
Privatsphäre
Nachttabletten
Der Goldene Schnitt
Noch immer April
1. Kapitel
Patriots’ Day
Paarweise
Orientierung
2. Kapitel
Nachrichten
Endlich
3. Kapitel
20. April
2015. Kapitel
1. Kapitel
Party
2. Kapitel
Kunstgeschichte
Weißkehlammer
Fenstertür
Flieder
3. Kapitel
August. Seesterne
Danksagung
Quellenangaben
Für Nancy und die Mädchen
Ende März, es lag schon erdiger Frühlingsgeruch in der Luft, erhielt Anna die neuen CT-Ergebnisse, und obwohl sie sich tapfer geschlagen und sogar mehrere Genesungswunder vollbracht hatte, sagte sie schlicht und einfach: »Es reicht.«
Anna wusste nicht mehr, dass sie ins Wohnzimmer gegangen war, aber nun lag sie auf dem Sofa, und alle sind sie da, Helen, Ming, Caroline, Molly, ihre ältesten Freundinnen. Wann waren sie gekommen? Wer hatte sie benachrichtigt? Helens tägliche Anrufe waren an die Mailbox weitergeleitet worden. Ach so, eins von ihren Kindern wahrscheinlich. In Wahrheit war es Ming gewesen. Anna hatte Ming das Ganze in allen schrecklichen Einzelheiten erzählt, vom neuerlichen Rückfall bis zur Palliativtherapie. Fragen hatte sie nicht zugelassen. »Sag du’s den anderen.«
»Bloß nicht!« Mings Ankündigung – »Ich komme, und die anderen natürlich auch« – hatte Anna Schauder über den Rücken gejagt.
Jetzt waren sie da, ihre Clique aus Kindertagen, und es war schön, sie in ihrem Wohnzimmer unter der Kathedraldecke versammelt zu sehen. Caroline erzählt von ihrer älteren Schwester Elise, die immer in Schwierigkeiten steckt, gibt eine neue Story über Elise zum Besten, witzig wie eh und je, leicht resigniert, aber ohne jeden Sarkasmus. Caroline verfällt niemals in Ironie, bleibt immer taktvoll lustig.
Wie hatten sie es hergeschafft? Mit dem Auto, das war klar – aus Great Barrington, Manhattan, Arlington, Larchmont –, aber die ganze Fahrerei war ihr unbegreiflich. Das Haus zu verlassen war ihr unbegreiflich. Und dann die Interstate Highways, Mauthäuschen, Tankpausen, das Kramen nach dem Geldbeutel in weit geöffneten Handtaschen auf dem Beifahrersitz. Mehr noch als dieser Aufwand selbst erschien ihr die Welt mit ihrer unaufhaltsamen Bewegung wie ein unentwirrbares Durcheinander, wie eine ausgestorbene Sprache, die sie einmal beherrscht hatte.
»Lauter!«, rief Ming. Sie stand in der Küche und kochte Suppe. »Ich will nichts verpassen.«
Anna folgte der Geschichte, zumindest in weiten Teilen. Lachte mit, wenn Helen in ihr schallendes, zuversichtliches Gewieher ausbrach, wenn Molly leise, fast hechelnd gackerte und wie immer feuchte Augen bekam und Caroline in ihrer köstlichen Art ebenso sehr mit den wendigen Augenbrauen gestikulierte wie mit den fuchtelnden Händen.
Die fünf haben schon viel miteinander gelacht. Auch über Dinge, die nicht zum Lachen waren.
Seltsam, dass Anna beim Klang von Mings aus der Küche schallendem dreifach trillerndem Gelächter noch immer das Mädchen vor sich sah, nicht die Erwachsene, den festen Teenager-Körper statt der rundlicheren, untersetzten Figur einer reifen Frau. Und Mings Haar war für sie noch immer der glänzende, bis zur Taille reichende dunkle Vorhang, nicht die grau melierte, alle sechs Wochen vom Friseur nachgeschnittene Stufenfrisur.
»Wird es dir zu viel, Anna?«, fragte Helen, die ihr die Füße und Beine massierte.
Anna blickte an ihrem Körper entlang auf Helens dicke Finger auf ihrer Wade. Kein einziger Muskel mehr an ihren einst so athletischen Beinen. Sie hatte immer scherzhaft behauptet, Helen habe keine Künstler-, sondern Hafenarbeiterhände. Georgia O’Keeffes Hände mit den sich elegant verjüngenden Fingern, das waren Künstlerhände. Aber Helens Hände fühlten sich gut an. Berührt zu werden fühlte sich gut an. Sie hätte nicht gedacht, dass sie berührt werden wollte, aber sie wollte es, und als Helens Bewegungen langsamer wurden, legte sie ihr das andere Bein auf den Schoß und zwängte es unter ihre Hände. Ich werde mich um dich kümmern, sagte Helen lautlos. Helen mit ihrem ständigen Bedürfnis, alles zu verbessern. Helen, die vor mehr als vierzig Jahren versprochen hatte, Annas beste Freundin zu sein, und in diesem Entschluss nie wankend geworden war. Anna streckte ihren Arm nach Helens Hand aus.
Molly saß angespannt da, vorgebeugt, die Ellbogen auf den Knien. Ihre Zuhörhaltung. Mit Muskelkraft. Der ganze Körper aufmerksam. Und jetzt – Anna hatte es gewusst – neigte sie den Kopf und reckte das Kinn mit dem Grübchen Carolines Stimme entgegen.
Anna war seit Tagen nicht mehr im Wohnzimmer gewesen. Es gab hier fast zu viel zu sehen. Die Wände voller Kunstwerke, gekauft oder geschenkt bekommen. Auf dem Tisch ein blaues Glasgefäß mit Hunderten winzigen, auf Point Reyes gesammelten Seesternen. An der Wand die Skulptur aus Metallschrott, in Provincetown erstanden. Auf einem Regalbrett Weckgläser mit Kardinalfedern. Die vielen Stunden des Auswählens und Anordnens. Die vielen hübschen Blickfänge – wie hatte sie das alles zusammentragen können? Diese Emsigkeit, dieser ausgeprägte Schönheitssinn.
Sie schloss die Augen. Lauschte. Der unendlich vertraute Singsang ihrer Freundinnen. Selbst Carolines Sprechpausen, in denen sie nach einer treffenderen Formulierung suchte, waren vertraut. Eine unerklärliche Behaglichkeit. Nie hätte sie das gedacht. Sie musste sich nicht mehr anstrengen; auch deshalb fühlte sie sich so wohl.
Den Namen hatten sie sich am Ende der sechsten Klasse gegeben. Eines Nachmittags scherzhaft dahingesagt, aber es klang gut, endgültig. Die alten Freundinnen. Der Name bedeutete, dass jedes Mädchen, das künftig ihren Lebensweg kreuzte, ob nächstes Jahr in der siebten oder später auf der Highschool, so neu und aufregend sein konnte, wie es wollte, vielleicht sogar eine Freundin fürs Leben werden, niemals aber zu den alten Freundinnen zählen würde. Sie laufen nicht los und schreiben es mit Schablonen auf T-Shirts oder verkünden es jubelnd in der Öffentlichkeit, aber ihnen gefällt, wie es klingt. Wie eine Rockband oder eine Krimi-Reihe. Durch den Namen, darin sind sie sich einig, steht es nun fest und bleibt ihnen für immer.
Einige Tage zuvor war ihr ältester Sohn allein bei ihr im Zimmer gewesen.
»Momma.« Er hielt ihre Hand.
Sie nickte, um ihm zu zeigen, dass sie wach war.
»Mom, ich möchte dir ein Geheimnis verraten.«
Sie lächelte. Ihr Erstgeborener, ein erwachsener Mann. Die vielen unnötigen Sorgen, die sie sich jahrelang um Julian gemacht hatte. Ein Schüchterner, der immer allein am Schulhofrand gespielt hatte, dort, wo das Pflaster ins Gestrüpp überging. Ein Junge, der gern Stecken in die Erde bohrte, ernst und glücklich, ohne sich um die vorbeiflitzenden Kinder zu kümmern. »Hab dich!«, riefen sie, die Hand auf einer Schulter, die nie seine war. Beim Abholen tat es ihr weh, ihn so glücklich in seinem Alleinsein zu sehen. Wäre es nach ihr gegangen, hätte er in der Spielfeldmitte seine Mannschaft zusammengestellt, wäre der gewesen, den die anderen Kapitän nannten.
Jetzt stand ein sanfter, noch immer stiller Mann mit hektischem Jungslachen vor ihr, der sich nach wie vor beim Pilzesuchen im Wald am wohlsten fühlte.
»Mom, ich habe ein Geheimnis«, sagte Julian noch einmal. Sie nickte.
»Kannst du die Augen aufmachen?«
Für ihn hätte sie alles getan. Ihre Lider waren bleischwer, schwerer als die Tagesdosis der verabreichten Medikamente, schwer von etwas Zähem in ihren Knochen und im Blut.
Sie schlug die Augen auf.
So schön. Er hatte das Gesicht seines Vaters, die gleichen dunklen Locken. Das Licht kam von hinten. Sie sah die Spitzengardine und durch die Gardine hindurch die Bäume im Garten. Ihre Spitzengardine, ihr Fenster, ihr an einem Draht hängender Kristall und der Garten, in dem ihre drei Kinder gespielt hatten, die jetzt nur noch ein ganz klein wenig ihre Kinder waren.
»Ja, Baby?«
»Wir bekommen ein Kind«, sagte Julian.
Etwas durchströmte sie. Ein Rest Glück war noch in ihr. Selbst in den zurückliegenden Tagen hatte sie es empfunden, flüchtig, manchmal stechend wie ein Schmerz, aber nie war es so stark gewesen wie jetzt.
»Es soll noch niemand wissen. Nur du.«
Das Kind ihres ersten Kindes. Sie hatte das ungeborene Wesen in sich so sehr geliebt, dass sie gegen Ende der Schwangerschaft auf eine langwierige Entbindung hoffte. Jeder Moment sollte einzigartig sein und ausgekostet werden. Noch Jahre später war in ihrem Freundeskreis darüber gewitzelt worden, dass sie nach achtzehn Stunden Wehen, zusammengekrümmt von unsäglichen Schmerzen, um eine Narkose gefleht hatte. Aber am Ende war dieses Kind mit seinen makellosen Lippen, Händen, Füßen auf die Welt gekommen, und sie hatte sich für immer verändert.
Sie setzte sich im Bett auf und küsste ihren Sohn. »Du wirst bestimmt ein wundervoller Vater«, flüsterte sie. Sie ließ eine Hand auf seiner Schulter liegen und betrachtete ihn, um ein klares, offenes Gesicht bemüht. Das sollte er bekommen – dass seine Mutter den Vater ansah, der er bald sein würde.
Es wehte zum Fenster herein, Frühlingsluft. Ein letztes Geheimnis, das beste.
»Ich sag’s keinem«, sagte sie lächelnd.
»Du hast schon besser ausgesehen, alles andere wäre gelogen.« Helen bohrte ihren Daumen in Annas Fußgewölbe. »Aber wir finden auch diesmal Mittel und Wege.« Ihre farbbeklecksten Finger strichen mit Druck über Annas langes, höckeriges Schienbein. Kein Muskel mehr da zum Massieren. Helens weit gespreizte Pummelhändchen ragten über Annas Bein hinaus.
»Diesmal gibt es nur einen einzigen Weg, Heli«, sagte Anna.
»Das stimmt nicht«, entgegnete Helen hastig. »Aber wir haben den ganzen Tag Zeit, eine Lösung zu finden.« Anna war nicht zum ersten Mal bis auf die Knochen abgemagert. Langsame Schritte über die quadratischen Bodenfliesen steriler Krankenhausflure, Anna, auf eine Gehhilfe gestützt: »Ich sag’s dir, Helen, jetzt ist die Kacke richtig am Dampfen.« Helen hatte immer eine Erwiderung parat. »Du hättest mal dein trauriges Gestell vor einem Monat sehen sollen, Schätzchen.« Die Wahrheit – die volle Wahrheit – hatten sie einander schon als Kinder versprochen. Mit sieben, im Rausch der Liebe zur besten Freundin, war es leicht gewesen, auch mit zwölf, in der romantischen Phase, schwieriger dann mit zunehmendem Alter, als sich die Wahrheit wacklig anzufühlen begann und gegenseitiger Zuspruch oft wichtiger war. Helen dachte an das hektische Treiben auf den Intensivstationen, an die Vormittage, an denen sie den Vorhang aufgezogen hatte und bei Anna geblieben war, die intubiert im Bett lag und schlief. »Hey, Prinzessin, du verpasst die tollsten Sachen. Ich kann dir nur raten, endlich gesund zu werden!«
Aber weit mehr als Wahrheit und Zuspruch zählte Wachsamkeit, und in dieser Hinsicht hatte Helen völlig versagt. Jahrelang hatten sie sich täglich angerufen. Auch Mitteilungen auf die Mailbox galten als Kontakt. Und in den letzten Jahren hatte sich Helen wegen ihrer Ausstellungen in Dubai, Hongkong, Miami und Paris aus völlig verrückten Zeitzonen gemeldet.
»Stell dir vor, ich rufe dich von morgen aus an«, sagte sie staunend während eines Aufenthalts in Sydney.
»Also immer noch das It-Girl der Kunstwelt!« Anna ließ Helen keine Chance zur Bescheidenheit.
Als Helen fragte, was es Neues gebe, pustete Anna ins Telefon und sagte: »In die Rock and Roll Hall of Fame bin ich noch nicht aufgenommen worden, falls du darauf anspielst.«
»Na, dann beeil dich, wir leben nicht ewig!« Und dann lachten sie, um das Unheil abzuwehren.
Aber diesmal hatte Helen die Anrufe schleifen lassen, und die Sache ließ sich kaum bereinigen. Sie hatte sich zwar täglich gemeldet, aber das Reisen machte es schwer, sich auf dem Laufenden zu halten. Erst nach zwei Wochen hatte sie bemerkt, dass Anna nicht auf ihre Nachrichten reagierte. »Hey, Liebe ist keine Einbahnstraße«, schmachtete sie wie eine Country-Sängerin auf die Mailbox, während sie aus dem Fenster eines Prager Hotels blickte.
Vor einer Woche war sie während eines Abendessens in Rom ans Handy gegangen und hatte Mings schleppende Stimme gehört: »Helen, du musst sofort kommen.«
Zeus knurrte. Der Toy-Pudel war – das Zottelfell voller Kletten – unversehens aufgetaucht. Wie ein abgestreifter Pantoffel lag er vor Anna auf dem Boden. Er fletschte die Zähnchen, als Helen bei Anna auf dem blauen Zweiersofa saß.
Infusionen – vorbei. Nie wieder auch nur eine einzige Infusion.
Diese Gott-sei-Dank-lebe-ich-noch-Tage – vorbei. Auf Schneeschuhen über den einbrechenden Harsch durch den Garten bis zum Aussichtspunkt hinauf, oder die Wochenendnächte dicht am Mikrofon, im Rhythmus schwingend, während ihre Band zur letzten Strophe von »The Harder They Come« ansetzt – und kurz danach tritt wieder dieses Engegefühl in der Brust auf.
Heimlich alles schaffen, bis sie auf dem Weg vom Wagen zur Haustür nach Luft ringend stehen bleibt – vorbei. Ist nur eine Erkältung, alle im Valley haben jetzt diesen Spätwinter-Katarrh – bis sich die Erkältung zu einer Lungenentzündung auswächst und Reuben sie dick in Decken eingepackt antrifft und der Arzt einen Ganzkörper-PET-Scan anordnet.
Scans – vorbei.
Die Frage an Bobby, den schlaksigen Radiologieassistenten mit dem Pferdeschwanz, was er denn sehe, und seine Antwort: »Anna, ich bin Radiologieassistent – du weißt genau, dass ich die CTs nicht lese«, und Anna: »Hör auf mit dem Scheiß, Bobby! Wir machen das jetzt schon so lange, da kannst du mir doch sagen, was du siehst!« – vorbei.
Nachlassende Symptome – vorbei.
Erneut auftretende Symptome – vorbei.
Die Vorschläge des Ärzteteams, einen neuen Behandlungsansatz zu verfolgen – vorbei.
Unmengen von Medikamenten – vorbei.
Die vierte Remission, in deren Verlauf sie sich ihre volle Kraft zurückeroberte, sich – Hallo Welt, da bin ich wieder! – ins volle Leben stürzte, ein Highlight nach dem anderen. Als sie in die Schule zurückkehrte und den Mathe-Intensivierungsunterricht organisierte, wieder ausging und sich mit Freunden traf, samstagabends wieder mit ihrer Coverband auftrat, als ihre erwachsenen Kinder bei ihren Anrufen wieder atemlos von tollen Aussichten berichteten, von einem Job, einer Liebesbeziehung, von all den normalen Dingen, die sie Anna am Telefon erzählten, wenn sie nicht mit den zögerlichen Worten »Wie geht’s dir heute, Mom?« anfingen – vorbei.
»Ich könnte eine Kleinigkeit essen.« Anna hatte erstaunlicherweise ein bisschen Hunger. Sie bereute es sofort, nicht geschwiegen zu haben. Zu viel Eifer in den Mienen ihrer Freundinnen. Hektisches Heranschaffen weiterer Speisen. Blinder Aktionismus. Und blinde Hoffnung. Helen schob Anna die beigen Samtkissen unter, damit sie sich aufsetzen konnte.
»Viel zu viel«, sagte sie, als Ming den Teller auf den kleinen Schustertisch stellte. Hinter ihr kam Molly und legte ein Brettchen mit Brot und Lachs neben die Suppe. Sie sahen aus, als würden sie Anna am liebsten wie ein Kind füttern.
»Iss einfach, so viel du willst«, sagte Ming hastig, aber mit triumphierendem Unterton, als Anna zum Löffel griff.
Beim ersten Löffel Champignon-Spinat-Cremesuppe, den Anna aß, röteten sich Mings volle Wangen vor Freude. Anna zwang sich zu einem zweiten. Das funktionierte also auch noch – der Wunsch, andere Menschen, und ganz besonders Ming, glücklich zu machen, war noch nicht verblasst. Anna wusste, dass sie niemals geschafft hätte, womit Ming fertiggeworden war – mit den Krampfanfällen ihrer Tochter Lily. Mit dem täglichen Horror des Grand Mal, den Rettungswagen, den abstumpfenden Medikamenten und schließlich der Gehirn-OP, einem völlig neuen Verfahren. Die OP war erfolgreich verlaufen, aber die lebenslangen dummen Bemerkungen der Kinder und das ständige Betreute Wohnen blieben. Nein, dachte Anna, sie selbst wäre an einem so gefährdeten Kind zerbrochen.
Die heiße, sämige Suppe schmeckte gut. Das war also auch noch da. Essen war für sie immer Genuss gewesen, etwas auf seine Art Schönes. Aber das Bedürfnis, in Gesellschaft zu essen, hatte sie nie verstanden. Essen war ein Genuss, der sich im Mund abspielte, Reden auch. Beides gleichzeitig war weniger, nicht mehr.
Sie begannen, von sich zu erzählen. Reine Tarnung. Sie beobachteten Anna ununterbrochen, maßen mit ihren Blicken, wie viel sie zu sich nahm.
Anna schnitt ein kleines Stück Lachs ab und ließ es am Gaumen zergehen.
Molly berichtete besorgt von einem Säckchen Gras, das sie in Tessas Schreibtischschublade gefunden hatte. Wie viel rauchte ihre Tochter, die so schrecklich wortkarg geworden war? Grauenhafte Auseinandersetzungen hatten sie gehabt. Molly fuhr sich mit den Fingern durchs kurze Haar. »Ihr würdet das Mädchen nicht wiedererkennen.«
Anna hätte Molly gern an die vielen Frühlingsnachmittage damals in der elften erinnert, an denen sie sich in den Wald bei der Schule geschlichen und gekifft hatten. An Plastiksäckchen und Filmdosen mit Gras war damals kein Mangel gewesen. An Streit mit den Eltern auch nicht.
Aber es war so anstrengend, den Löffel an den Mund zu heben und die Suppe hinunterzuschlucken.
Der Gedanke Das wird schon, Molly musste reichen.
Molly und Serena und ihre beiden Kinder. Früher hatte jeder einzelne Aspekt als radikal gegolten – zwei Frauen, ein interkulturelles Paar, Kinder. Das waren Mollys Kämpfe gewesen. Achtzehn Jahre später hatten sie alle auf ihrer Hochzeit getanzt. Molly besaß ein Haus in einem Vorort von Boston, nicht weit entfernt von dem Ort, an dem sie alle aufgewachsen waren. Und eine gut gehende Psychotherapie-Praxis. Ihre goldblonde Mähne war jetzt silbrig und zu der gleichen stumpf geschnittenen Kurzhaarfrisur zurechtgestutzt, die auch ihre Mutter immer getragen hatte. Serena, Chirurgin, spielte mit dem Gedanken, sich zur Ruhe zu setzen.
Wir waren Kinder. Nicht mehr lang, dachte Anna, und die alten Freundinnen sind tatsächlich alt geworden.
Dann fiel ihr ein, was ihr Sohn erzählt hatte. Sein wundervolles Geheimnis. Der Beginn seines Lebens als Vater. War er erst gestern damit zu ihr gekommen? Diese Frauen waren ihre besten Freundinnen. Eigentlich sollte sie vor ihnen angeben. Sie würden ihre Begeisterung teilen. Sie hatten ihre Kindheit zusammen verbracht und später das Leben als Mütter. Sie wüssten, was es ihr bedeutete. Aber sie würde es ihnen nicht erzählen. Nicht einmal Helen, mit der sie noch jedes Geheimnis geteilt hatte. Sie konnte Helen kaum ansehen, aber sagen würde sie nichts. Ihr Wort war das Einzige, was sie ihrem Sohn noch hatte geben können.
Ming als Erste, dann, im selben Jahr, Anna, dann Caroline, dann Helen und als Letzte Molly mit zwei Töchtern von ein und demselben anonymen Samenspender. Insgesamt zwölf. Komischerweise überraschte es sie immer wieder. Ein Kind schrie »Mom!«, und schon rief eine von den Müttern »Ja«, ohne auch nur den Blick zu heben.
Am Ende würde sie lange Haare haben, ihre eigenen. Die erste Perücke, handgeknüpft, für viel Geld in der Newbury Street in Boston gekauft – mit den steifen Fransen hatte sie ausgesehen wie eine junge orthodoxe Ehefrau. Beim zweiten Mal war sie zu billigem Kunsthaar übergegangen; dafür hatte sie sich zwei verschiedene Perücken geleistet, brünett und pink, einmal Stufenschnitt, einmal Bob. Die eine als Hommage an Stevie Nicks. Beim dritten Mal – wen hätte sie da noch verarschen können? – trug sie abwechselnd einen Baumwoll-Schlapphut und eine Strickmütze.
Sie schälten Anna aus den Leggings und dem T-Shirt, die sie schon Gott weiß wie lange getragen hatte, und bugsierten sie durch die Badezimmertür. Molly warf Helen einen besorgten Blick zu. Das Badetuch, das sie ihr umgeschlungen hatten, löste sich. Warum hatten sie das nicht der Pflegerin überlassen? Molly stellte sich mit Anna in die Duschkabine, Helen hielt von außen Annas anderen Arm. Sie plauderten dabei, als hätten sie auch das schon immer gemeinsam gemacht, so wie sie früher ihre Kinder zwischen Spielenachmittag und Abendessen schubweise in die Wanne steckten. Helen und Molly waren ein gutes Team. Sie seiften sich jeweils eine Hand ein und hielten Anna immer abwechselnd fest. Annas Haut war trocken und rau und übersät mit blauen und violetten Flecken, als würde sie bei der kleinsten Berührung abfallen, sich stückchenweise schälen. Sie suchten nach Rissen und Abschürfungen, fanden aber keine offenen Wunden. Molly hob Annas Arm, und Helen seifte die Achsel kreisförmig ein. Helen hob den anderen Arm, und Molly machte das Gleiche auf ihrer Seite. Den Anblick von Annas Gliedmaßen werden sie niemandem schildern; mit Worten lässt sich nicht beschreiben, was aus einem Bein werden kann. Helen hatte Neuigkeiten zu berichten. Ein früherer Schulkamerad aus der Highschool saß im Knast. Außerdem war wieder eine Ehe in die Brüche gegangen – erinnert ihr euch an Eddie? –, die Frau war mit ihrem Yogalehrer durchgebrannt. Trotzdem bekam sie ordentlich Kohle, ihr Ex war offenbar millionenschwer. Wer hätte das gedacht? Eddie, fanden alle drei, hatte zwar zu Highschool-Zeiten ziemlich gut ausgesehen, war ansonsten aber eher uninteressant gewesen.
»Mit dem hast du doch damals rumgemacht, oder?«, fragte Molly Anna.
Annas Lippen waren blau, sie zitterte am ganzen Leib. Molly bat Helen mit einer Geste, das Wasser abzudrehen.
»Ja, mit Eddie hattest du was.« Helen hielt ein ausgebreitetes Badetuch in die Höhe, während Molly Annas Fuß über den gefliesten Duschwannenrand hob.
»Ich hatte mit vielen was«, erwiderte Anna.
»Die Glücklichen!«, sagte Molly und stützte Anna, während Helen sie in das Tuch hüllte.
Helens Hände streichen über ihre Jeans. Ihr ist nicht bewusst, was sie macht: schauen und abschätzen. Die Distanz zwischen Körpern. Annas schmale Gestalt auf dem Samtsofa. Wie sich die anderen gruppieren, sich mit verzerrter, angespannter Miene zu ihr beugen. Ein Nachhall aus Jahrhunderten gemalter Sterbebettszenen. Das Zimmer. Das gedämpfte Licht. Wer hat das nicht alles gemalt? Rembrandt, Picasso, Munch. Der tote Jesus, von Menschen umringt. Alonzo Chappels Gemälde des sterbenden Lincoln, das Zimmer voller Leute, die ihm die letzte Ehre erweisen. Sie zeichnet die Konturen. Die klare Linie der Rückenlehne. Die Frauen drängen sich um Anna. Annas bleiches Gesicht mit einem Stich ins Bläuliche, schon entrückt, nicht mehr ganz zugehörig, aber von letzter Tapferkeit leuchtend. Auch das gehört zur Ikonografie. Immer wendet einer auf dem Bild den Blick ab, und immer sieht ein anderer den Betrachter an, als wolle er um Hoffnung flehen.
»Mir geht es eigentlich ganz gut. Ist das normal?« Anna war putzmunter, hatte rosige Wangen. Sie setzte sich auf und warf das Samtkissen zur Seite, das Helen ihr untergeschoben hatte.
»Du siehst super aus«, rief Helen.
Anna wiegte ihren Oberkörper und sang einen Bee-Gees-Refrain. Stayin’ alive, stayin’ alive. Die anderen stimmten ein, machten Pumpbewegungen mit den Armen. Ah, ha, ha, ha, stayin’ alive. Annas Stimme klang kräftig. Caroline übernahm die zweite Stimme. Sie hatten so viele Jahre zusammen gesungen – Aretha, Poco, Cat Stevens –, dass sich, zumindest in ihren Ohren, sogar das Herumblödeln ziemlich gut anhörte.
»Das kommt von der Suppe«, sagte Ming strahlend. »Das hast du nur mir zu verdanken.«
»Eigentlich wollte ich ja nicht, dass ihr kommt«, gestand Anna. »Ich dachte, das gibt nur Drama und Mitleid. Aber ich fühle mich wohl. Ganz komisch – fast, als würde ich gesund werden.«
»Dann nimm die Medikamente wieder!«, platzte es aus Helen heraus. »Mit den Medikamenten ist es dir so gut gegangen!« Sie versuchte, ihre Stimme in den Griff zu kriegen, eher aufmunternd als vorwurfsvoll zu klingen. »Mehr als gut – das war ja fast ein Wunder.«
»Ich freue mich einfach, dass du dich wohlfühlst«, sagte Caroline.
»Wohlfühlen, wohlfühlen – wen interessiert das?«, blaffte Helen. »Sie kann es schaffen! Mal wieder ein Rückfall, na und? Diese Palliativsache ist doch lächerlich.«
Helen sah Ming Hilfe suchend an. Ming traten die Tränen in die Augen; sie wandte den Blick ab.
Ach ja? Dieses alberne abrupte Schweigen. Zwei Stunden hatten sie schon mit dummem Dahergerede verschwendet. Sie hatten doch alle schon mehrmals miterlebt, dass Anna sich völlig unerwartet erholte. Es gab Hoffnung. Mehr als Hoffnung – eigentlich war es nur logisch.
Helen stemmte sich von ihrem Sitzplatz hinter Anna hoch, stieg über die Rückenlehne des Sofas und stellte sich dahinter. Sie wollte stehen, wollte alle Gesichter sehen. Wie erbärmlich! Hatte Anna etwa nicht gerade eben aus voller Kehle »Stayin’ Alive« geschmettert und behauptet, dass es ihr gut ging?
Sie sah zu Anna hinüber. Quicklebendig. Bester Dinge. »Ich frage mal ganz grundsätzlich: Wer von euch hält die Palliativtherapie zu diesem Zeitpunkt für die richtige Entscheidung?«, sagte sie herausfordernd. »Ich bitte um Handzeichen.«
Sie schlich hektisch durchs Zimmer, blieb vor jeder Freundin stehen und rückte ihr so dicht auf die Pelle, als ginge es darum, der anderen beim »Stille Post«-Spielen etwas ins Ohr zu flüstern.
»Los, Ming, mach den Mund auf! Hältst du es für richtig?« Ming zuckte zusammen, als Helen sie berührte.
»Das muss Anna entscheiden«, antwortete Ming in hartem, sachlichem Ton.
»Seit wann lassen wir Entscheidungen, die eine von uns trifft, unkommentiert? Das hat es bei uns noch nie gegeben.«Musste Helen die anderen wirklich daran erinnern, dass Anna während des letzten Rückfalls kurz davor gewesen war, das Handtuch zu werfen? Musste sie Ming an den grauenhaften Tag erinnern, an dem Annas Mund und Rachen durch die Medikamente so voller Bläschen waren, dass sie nach Annas geflüstertem Geständnis »Ich bin am Ende, ich mag nicht mehr« beide »Das verstehen wir« sagten? Erst nachdem sich Annas Brüder eingeschaltet hatten, war Anna widerwillig bereit gewesen, die Medikation neu einstellen zu lassen. Einen Monat hatten sie ihr abgehandelt, dann könne sie ihre Entscheidung treffen. Musste Helen den anderen wirklich in Erinnerung rufen, dass Anna kaum ein Jahr später vor dem gemeinsamen Besuch des Red-Molly-Konzerts in dem Thai-Lokal in Great Barrington allen gegenüber zugegeben hatte, sie schäme sich dafür, den Abbruch der Behandlung überhaupt erwogen zu haben? Ihnen für ihre Beharrlichkeit gedankt hatte? Es habe seither schon so viele »Superabende« gegeben – »Superabende«, genau so hatte Anna sich ausgedrückt. »Heute zum Beispiel. Dabei haben wir das Konzert erst noch vor uns«, hatte Anna grinsend gesagt. »Für dich zuversichtlich zu sein, das ist unser Job«, hatte Helen eingeworfen, »dafür sind Freundinnen da!« Sofort hatten sie ausgelassen und herrlich schnulzig »That’s what friends are for« angestimmt, und zum Schluss hatten Caroline und Anna zweistimmig »You’ve Got a Friend« von Carole King gesungen.
»Warum nicht noch mehr Superabende?«, fragte Helen fast flehentlich. Sie ging im Wohnraum auf und ab. Egal, falls es wie Betteln klang. »Du sagst doch selbst, dass es dir gut geht. Bitte!«
»Ich habe es schon mit den Kindern besprochen, Heli. Sie sind auch dafür.«
»Das ist total bescheuert, Anna.«
Molly fiel ihr ins Wort. »Hör auf, Helen!«
»Versuch es wenigstens noch ein bisschen.« Wenn ihr wirklich niemand zu Hilfe kam, musste sie andere Saiten aufziehen. »Wo liegt das Problem? Bekommen die Palliativtherapeuten einen Wutanfall? Bringen die Anna um, wenn sie ihre Meinung ändert?«
»Helen!« Anna klopfte auf das Kissen neben ihr.
»Nein, Anna.« Diesmal würde sie Anna nicht nachgeben.
»Mehr kann ich nicht tun.« Annas Stimme war klar, ohne jeden müden oder zittrigen oder den üblichen bockigen Unterton. Offen, liebevoll. Es tat weh. »Du wirst mit meiner Entscheidung leben müssen.«
Ruckartig schob Helen die Verandatür auf. »Mit deiner Entscheidung leben müssen? Genau das ist ja das Problem!«
Erster Schultag in der zweiten Klasse. In der Pause steht Anna mit den anderen Mädchen im Kreis. Ihr Haar, zu dicken, straffen Zöpfen geflochten, glänzt wundervoll. Und in ihren zarten Ohren hat sie Stecker, in jedem Ohrläppchen einen winzigen Granatstein! Woher kommt sie? Dass sie neu ist, macht sie exotisch. Sie erzählt den anderen, sie habe zwei jüngere Brüder, einen Hund namens Kissy, eine Katze namens Sweets und eine verletzte Krähe, die sie und ihr Vater gefunden hätten. Die Krähe heißt Anna, genau wie sie. Die anderen Mädchen rufen: »Eine Krähe, die so heißt wie du?« Ja, ihr Vater und sie haben schon viele Vögel gerettet. Und Kaninchen auch. Erst werden sie gesund gepflegt, dann freigelassen. Sie hatte schon verstümmelte Kaninchen, überfahrene Kaninchen. Und sie hat Vögeln, die sie im Marschgras gefunden hat, die Beine geschient, und jeden hat sie nach sich benannt, Anna.
Jahre später erhob Helen bei der Hochzeit von Anna und Reuben ihr Weinglas und erzählte die Geschichte. »Stellt euch die vielen Kaninchen vor. Um es in aller Deutlichkeit zu sagen: Wenn man es ihr durchgehen ließe, würde sie uns alle hier Anna nennen.«
»Dort auf dem Schulhof in der zweiten Klasse«, fuhr Helen fort, als das Gelächter verebbt war, »beschloss ich, diese Spinnerin nicht mehr aus den Augen zu lassen und aus unserer Freundschaft ein lebenslanges Abenteuer zu machen.«
Als die letzten Gäste an zwei aneinandergeschobenen Tischen zusammenhockten und ihre Gabeln immer mal wieder in der mehrstöckigen Hochzeitstorte versenkten, setzte sich Annas Vater zu Helen.
»Gute Tischrede, Mädchen.« Er wirkte erschöpft, aber sehr vergnügt.
»Danke, Mr Spark. Wenn man es für seine älteste Freundin nicht hinkriegt, für wen dann?«
»Das Lustige ist nur …« Annas Vater trank einen Schluck aus einem Glas, das, wie es Helen schien, gar nicht seines war. »Ich wollte dir sagen, dass wir nie etwas gerettet haben, kein einziges verletztes Tier, nichts, weder irgendein Kaninchen noch einen Vogel.«
Herzensgut. Herzschmerz. Jemandem sein Herz ausschütten. Sein Herz auf der Zunge tragen.
Tief im Herzen?
Es war in ihrem Herzen. Gebrochenes Herz.
NKT-Zellen, die seltensten Lymphomzellen, und dieser, ihrer, der seltenste der fünf NKT-Stämme. Eine NKT-Zellmasse im linken Vorhof. Im Herz, dieser ständig durchspülten Pumpe, siedelt sich so leicht nichts an. Selbst nach lebenslangem Einsatz ist die Wahrscheinlichkeit gering. Beim ersten Mal, beim ersten Auftreten, hatte sich das Zeug schon massiv angesiedelt, und, wie die Eröffnung des Brustkorbs ergab, als man Anna die Rippen brach, um herauszufinden, ob es entfernt werden könnte, bereits tief in die Ventrikelwand hinein verzweigt. Die Ärzte nähten Anna einfach wieder zu. Dann begannen sie mit der CHOP-Chemo, dem Vierer-Cocktail. Aber kann das Ding zum Schrumpfen gebracht werden, ohne dass es das Herz zerreißt? Ärzte, die nicht ihre Ärzte sind, ziehen den Vorhang auf und betrachten kopfschüttelnd Annas Kurvenblatt.
Auch jetzt, bei diesem letzten Mal, gab es keinen, der nicht zusammenzuckte, als er hörte, dass Annas Herz wieder befallen war.
Besser kein Medizinerjargon. Was bedeutet die Abkürzung NK?
Ach so. Natural Killer.
Die beiden Mädchen blicken den steilen Abhang zu den Eisenbahnschienen hinunter. Das Frühlingslaub ist noch nicht voll entfaltet, die Blätter leuchten in grellem Grün. Ein starker Wind fegt die Böschung herauf. Alles vibriert. Helen ist total dicht. Selbst der glitzernde steinige Abhang vibriert.
Anna sagt: »Lass dich durchschütteln, es schwingt ganz toll.« Anna will einen zweiten Joint rauchen.
»Mach ruhig«, sagt Helen.
Anna verträgt von allem mehr, will von allem mehr als Helen. Das war schon immer so. Inzwischen will Anna ständig kiffen, es gemeinsam mit Molly und Ming krachen lassen. Helen wäre gern auch so. Anna ist sogar zugedröhnt noch cool und liebenswert und hübsch. Helen kommt sich plump vor in ihrer Besonnenheit.
Ein Zug fährt Richtung Stadt vorbei.
»Lehn dich zurück.« Anna streckt sich aus, um die Erschütterung zu spüren, die den Abhang heraufrollt.
Helen sitzt mit angezogenen Knien da. Sie umschlingt fest die Beine, damit sie zu zittern aufhören, und richtet den Blick verbissen geradeaus. Helen verträgt keine Bewegung. Sie braucht immer etwas Festes, das sie erdet.
Anna klemmt den Stummel zwischen zwei Streichhölzer. »Rauchen wir wenigstens den zu Ende.« Anna reicht Helen die Streichhölzer.
Vergangenen Samstag hat Helen – wieder mal auf einer Party, auf der sie eigentlich nicht sein wollte – ein Junge hinten an den Kopf getippt und ihr mitgeteilt, Anna brauche sie. Anna lag von mehreren Mädchen umringt im Garten. »Da kommt Helen.« Sofort öffnete sich der Kreis, und Helen kniete sich neben Anna auf den Boden. Anna war völlig fertig, ein betrunkenes, bekifftes, heulendes Häufchen Elend. Wie eine Blinde mit der Hand durch die Luft fuchtelnd, griff sie nach Helen.
»Ich hab gewusst, dass du kommst«, sagte sie immer wieder, als wäre es eine Offenbarung.
Helen zog ihr Flanellhemd aus und wischte Anna damit die Kotze vom Mund und von den Armen ab.
»Bitte sag, dass ich mich nicht total blamiert habe! Er hasst mich.«
In Annas Haaren hing Erbrochenes. Helen wusste nicht, wer dieser »er« war, aber kein »er« der Welt war es wert, dass Anna auch nur eine Nanosekunde ihrer Zeit mit ihm verschwendete, geschweige denn sich seinetwegen fertigmachte.
Erst nach geduldigem Zureden konnte Helen sie dazu bewegen, den Garten zu verlassen. Vor dem Haus stießen sie auf Ming und Molly, und zu dritt führten sie Anna durch die Vorstadtstraßen. Sie machten einen Umweg, damit Anna wieder nüchtern wurde. Eine kühle Frühlingsnacht. Sie blieben im Freien. Anna wirkte einigermaßen okay. Sie stellten sich in einer Reihe auf und schlugen auf der leeren Straße Räder. Sie kamen durch das Villenviertel. Riesige Häuser im Tudor- und Kolonialstil mit gewundenen Auffahrten, makellos gepflegten Vorgärten, dahinter Swimmingpools.
»Los, wir springen rein!«, rief Anna begeistert.
»Es ist erst April«, sagte Ming.
»Na und? Ich mach’s!«
»Das glaub ich dir gern, Anna«, sagte Helen trocken, »aber vielleicht machst du es besser erst, wenn Wasser in den Pools ist.«
Vom Wind umtost und mit zittrigen Fingern schafft es Helen nicht, den Jointstummel anzuzünden.
»Du bist einfach unfähig«, sagt Anna.
»Ich bin high.« Und schlagartig ist Helen wirklich nur noch high, nicht mehr schlotternd und fahrig, sondern nur noch glücklich darüber, mit ihrer besten Freundin bekifft im Wald zu sitzen.
»Ich bin so was von high!«, verkündet sie fast singend. »Total high!«
»Was bist du? High?« Annas Stimme geht fragend nach oben, und beide prusten wie verrückt los.
»Was bist du? High?« Diesmal mit britischem Akzent.
Dann mit französischem.
Sie sind hysterisch; alles ist so rasend komisch. Kurz bevor sie sich wieder beruhigt und fast unter Kontrolle haben, sagt die eine mit abgehacktem deutschem Akzent: »Was bist du? High?«
Caroline nahm Reuben die Einkäufe ab, mit denen er sich durch die Hintertür zwängte, und nacheinander umarmten ihn die Frauen. Für Anna sah es aus wie bei einem Country Line Dance. Vor ein paar Jahren hätte sie ihn noch gebeten, sie erst mal mit den Freundinnen allein zu lassen. In den Jahren seit der Trennung hat sie ihn immer böse angesehen, wenn er ohne telefonische Voranmeldung erschien, und rundheraus erklärt, er solle gehen und sie alle in Ruhe lassen. Helen hatte wegen dieser harten Haltung mit Anna gestritten. »Gib zu, dass das deine wahre Vorstellung von Ehe ist – ein Halb-Ehemann. Für dich ist das Getrenntleben genau das Richtige. Du siehst es nur nicht ein, weil du so stur bist.«
Obwohl auch jetzt wieder ein schwacher Groll in ihr aufstieg – warum eigentlich? –, freute sie sich, dass Reuben da war. Für ihn musste sie sich nicht zusammenreißen, ihm brauchte sie nichts vorzuspielen.
Aber wo war Helen?
Beleidigt abgezogen. Weg.
Reuben nahm die leere Küchenrolle vom hölzernen Halter und wechselte sie gegen eine neue aus. Dann begann er die Lebensmittel auszupacken. Immer so zufrieden mit dem, was er gerade leistete. Endlose To-do-Listen. Diese ermüdende, aufreizende, fordernde, übersprudelnde Energie ihres Mannes, die Anna so gern gedrosselt hätte.
»Ich habe mich geirrt«, sagte sie, nachdem er das Pflegebett aufgestellt und das Himmelbett entsorgt hatte, Annas Bett, das einstmalige gemeinsame Ehebett im einstmals gemeinsamen Schlafzimmer. Jetzt war es Annas Zimmer. Reuben war in ein gemietetes Haus zwei Orte weiter gezogen, das zu betreten sie sich standhaft weigerte. Trotzdem war er gekommen und hatte das gelieferte Pflegebett aufgestellt. »Ich dachte, ich könnte machen, was ich wollte, und du würdest trotzdem bleiben.« Sie saß auf dem Stuhl in der Ecke, während Reuben das Laken über die knisternde, kunststoffbeschichtete Matratze spannte. »Ich dachte, ich hätte das Sagen, ganz egal, was passiert.«
Ming stellte Reuben einen Teller Suppe hin, und Molly servierte den Lachs. Reuben beugte sich über die Suppe.
Sie füttern ihn wie mich, dachte Anna. Wie einen Kranken. In den zurückliegenden Jahren hatte sie von ihren Freundinnen Loyalität eingefordert. Wenn Reuben nicht genau so in ihr Leben zurückkehrte, wie sie es wollte, durften sie nicht mehr mit ihm sprechen.
Jetzt umringten und fütterten sie ihn. Armer Reuben. Gekrümmt, als hätte er Schmerzen beim Essen. Und sie hatte immer geglaubt, er würde ewig wie ein Junge aussehen. Er hatte zwar noch volles, lockiges Haar, aber am Hinterkopf war eine lichte Stelle zu sehen.
Ob ihr Sohn es ihm erzählt hatte? Sie beobachtete Reuben, der sich beim Essen mit Ming unterhielt, und war überzeugt, dass er diesen Funken Zukunft nicht in sich trug. Der gehörte ihr allein. Die einzige Flamme, die noch in ihr brannte. Momma, ich möchte dir ein Geheimnis verraten.
Sie hatten Fehler gemacht. Aber ihr gemeinsamer Sohn war zu ihr gekommen. Es gehörte ihr. Und sie würde es ihm nicht sagen. Reuben würde später einmal alles haben.
Er war erschöpft, hatte kaum mehr Kraft, den Löffel zu halten. Ein erschöpfter Mann, der ihr pflichtbewusst beim Sterben half.
Hier in diesem Pub saß an einem scheinbar ganz gewöhnlichen Donnerstagabend der Mann, mit dem sie Kinder bekommen würde. Das wusste Anna komischerweise schon beim zweiten Date. Seine grünen Augen, die dunklen Locken. Wunderschöne Kinder. Sie würden heiraten und hübsche Kinder bekommen.
Ihr war klar, dass sie besser nicht an ihre zukünftigen hübschen Kinder denken sollte. Reuben und sie waren neunzehn, Collegestudenten. Anna konnte niemandem erzählen, wie gern sie schon jetzt Kinder gehabt hätte. Helen würde sich schütteln und sie vorgestrig und antifeministisch nennen. Ming war mit diesem Ethnologen in den Bergen Guatemalas unterwegs. Sie wollte reisen, sonst nichts, je weiter weg, umso besser. Der Ethnologe sei toll, wenn auch nicht unbedingt notwendig. Caroline hatte das College geschmissen und verließ, soweit Anna wusste, kaum je ihr Elternhaus, von Dates ganz zu schweigen. Molly stand nicht mehr auf Männer, sondern pries die Freuden und Komplikationen, die sie mit Frauen erlebte, und hatte in letzter Zeit mehrmals von »Gebärmaschinen« gesprochen. Selbst Annas Mutter wiederholte unablässig An erster Stelle steht der Beruf.
Anna ließ den Blick durch den Pub schweifen. Sie wollte alles in sich aufsaugen, den Raum in einem besonderen Licht sehen, um ihren Freundinnen davon erzählen zu können. Denn natürlich würde sie Helen gleich morgen anrufen und ihr alles berichten, auch wenn sie dann zu hören bekäme, sie sei vorgestrig.
Aber nicht nur, um Helen davon zu berichten, wollte sie sich jede Einzelheit merken, sondern mehr noch, um die Geschichte ausschmücken zu können, die sie später ihren Kindern erzählen würde. »Dass ich euren Dad heiraten würde, wusste ich schon bei unserem zweiten Date im Whisker Pub.« Dann würde es nicht mehr verrückt klingen, sondern so zwangsläufig, wie es nun einmal war.
Der Pub war genauso schmuddelig wie an jedem anderen Abend. An den Flippern standen dieselben Kiffer wie immer und diskutierten über die richtige Spieltechnik. Dieselben schmutzigen Wände aus gebeiztem Holz, dieselben grünen Kugelleuchten. Aber jetzt erschien ihr sogar dieses immer Gleiche außergewöhnlich. So ist es nun mal, dachte Anna – in der Jukebox lief »Vahevala« von Loggins and Messina, obwohl es eigentlich etwas Romantischeres hätte sein sollen. »Sunlight« von Jesse Colin Young. Yeah, that’s the way she feels about you. Aber Anna wusste, dass sich das Außergewöhnliche ganz leise inmitten des Alltäglichen abspielt. Schnörkellos und meist unbemerkt. Sie hätte es gern anders gehabt, aber es genügte ihr, Reuben mit seiner Begeisterung und Ernsthaftigkeit vor sich zu sehen. Sein verschmitztes schiefes Grinsen. Sie spürte, dass er auf sie stand. Es würde mehr daraus werden. Fürs Erste reichte es schon, denn insgeheim wusste sie ja, was nicht ausgesprochen werden konnte, nämlich dass Reuben der Vater ihrer Kinder sein und ihr Leben genau den Verlauf nehmen würde, den sie schon als kleines Mädchen vorhergesehen hatte.
»Ich wollte dich schon seit Semesterbeginn ansprechen«, gestand Reuben.
»Schön, dass du mich bemerkt hast.«
»Bemerkt?« Reuben grinste. »Du hast mit Abstand die größte Ausstrahlung von allen Frauen auf dem Campus.« Ausstrahlung? Wann hatte Reuben je ein Mädchen mit diesem Wort beschrieben? Er hatte sich eben erst daran gewöhnt, dass es jetzt nicht mehr »Mädchen« hieß, sondern »Frau«. Aber er schmeichelte Anna nicht nur, um sie ins Bett zu kriegen. Nein, er war bereits hin und weg von ihr, total verliebt – ach was, bis über beide Ohren verknallt, konnte das aber natürlich beim zweiten Date noch nicht sagen. Es wäre vollkommen verrückt gewesen, Anna zu gestehen, dass er in sie verliebt war. In ihre langen dunklen Ringellocken, in ihre unglaublich grünen Augen. Und nicht nur weil sie schön war, strahlend schön, oder weil sie das atemberaubendste Lachen hatte, und sie lachte viel. Nicht nur weil sie auch ernst sein konnte und die Lippen aufwarf, wenn sie ihre bohrenden Fragen stellte, die er unbeantwortbar fand, dann aber doch beantwortete, während sie ihn die ganze Zeit voll konzentriert ansah. Nein, er hatte sich in Anna verliebt, weil sie füreinander bestimmt waren. Sie war dazu bestimmt, seine Kinder zu gebären. Was natürlich durchgeknallt war. Reuben wusste, dass er besser den Mund hielt und es nicht einmal andeutungsweise ansprach. Der Gedanke allein war schon schräg genug. Es genügte, cool zu bleiben und die Aufmerksamkeit auf das Gespräch zu richten. Etwas so Lächerliches wie »Ich bin schon jetzt in dich verliebt‚ Anna Spark« würde ihn nicht weiterbringen.
Erst als Reuben auf den Waldweg hinter der Bibliothek abbog, fragte Anna, wohin sie denn gingen.
