Annabel Rose – The Romance Collection (3 in 1 Bundle) - Annabel Rose - E-Book

Annabel Rose – The Romance Collection (3 in 1 Bundle) E-Book

Annabel Rose

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Beschreibung

ANNABEL ROSE – THE ROMANCE COLLECTION Enemies to Lovers. Rival Romance. Intense Chemistry. Drei Standalone-Romances voller Spannung, Leidenschaft und gefährlicher Anziehung. THE BOTTOM OF MY HEART Als Unternehmer Jesse auf die stolze Deli-Besitzerin Daisy trifft, eskaliert ein geplatzter Deal zu einem persönlichen Schlagabtausch. Rachepläne, verletzter Stolz und explosive Chemie führen sie in ein Spiel aus Kontrolle und Vertrauen. Doch Daisy hütet ein Geheimnis, das alles zerstören könnte. PAS DE DEUX Céleste träumt von der großen Bühne und gerät unter die Anleitung des verschlossenen Ex-Star-Tänzers Sergej. Strenges Training, emotionale Nähe und eine Anziehung, die beide nicht ignorieren können. Doch hinter Sergejs kühler Fassade verbirgt sich eine Vergangenheit, die ihre Zukunft bedroht. JA, MEIN GEBIETER! Hoteltesterin Mia soll ein Resort auf Mauritius prüfen und trifft auf Ben, der sie vom ersten Moment an durchschaut. Zwischen tropischer Hitze, Machtspielchen und prickelnder Spannung entsteht mehr als nur Konkurrenz. Bis Mia erkennt: Er ist nicht nur ihr Verführer – sondern ihr größter Gegner. Drei leidenschaftliche Geschichten über starke Frauen, dominante Männer, verbotene Anziehung und die Frage, ob Liebe stärker ist als Stolz, Geheimnisse und Konkurrenz.

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Seitenzahl: 1006

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Annabel RoseAnnabel Rose – Romance Collection The Bottom of my HeartPas de deuxJa, mein Gebieter!

© 2026 Plaisir d’Amour Verlag, Im Großfeld 18, D-64678 Lindenfelswww.plaisirdamour.de [email protected]: © Sabrina Dahlenburg (www.art-for-your-book.de)ISBN eBook: 978-3-86495-845-8

Sämtliche Personen in diesem Roman sind frei erfunden. Dieses Buch darf weder auszugsweise noch vollständig per E-Mail, Fotokopie, Fax oder jegliches anderes Kommunikationsmittel ohne die ausdrückliche Genehmigung des Verlages oder der Autorin weitergegeben werden.

Annabel Rose

The Bottom of my Heart

© 2017 Plaisir d’Amour Verlag, D-64678 Lindenfels

www.plaisirdamour.de

[email protected]

© Covergestaltung: Mia Schulte

© Coverfoto: PeriodImages.com

ISBN Taschenbuch: 978-3-86495-294-4

ISBN eBook: 978-3-86495-295-1

 

Sämtliche Personen in diesem Roman sind frei erfunden. Dieses eBook darf weder auszugsweise noch vollständig per E-Mail, Fotokopie, Fax oder jegliches anderes Kommunikationsmittel ohne die ausdrückliche Genehmigung des Verlages oder der Autorin weitergegeben werden.

 

Inhaltsverzeichnis

 

 

Kapitel 1: Ein Traum von einem Mann

Kapitel 2: Delight, Delightfuller, Daisy’s

Kapitel 3: Ein Brief mit Folgen

Kapitel 4: New York, New York

Kapitel 5: I’m a legal alien … in New York

Kapitel 6: Second Life

Kapitel 7: Adams Erwachen

Kapitel 8: Meister fallen nicht vom Himmel

Kapitel 9: Spiel mit mir

Kapitel 10: Tunnel- und Grenzspiele

Kapitel 11: Besucher

Kapitel 12: The Bottom of my Heart

Autorin

Der vorliegende Roman spielt unter anderem in einem Deli. Was genau ist ein Deli?

Delis haben eine lange Tradition in den USA. Viele gehen auf jüdische, italienische oder griechische Ursprünge zurück und verkaufen entsprechende Lebensmittel – zum Teil auch koscher.

In den USA ist ein delicatessen oder deli zumeist eine Kombination aus einem kleinen Lebensmittelladen und einem Imbiss. Delis bieten jedoch eine reichhaltigere Auswahl an frischen Speisen an als Fast-Food-Ketten.

Üblicherweise werden in Delis kalte Gerichte serviert, klassischerweise Sandwiches, aber auch Salate. Es gibt Delis, die ausschließlich zum Verzehr außer Haus verkaufen – teilweise auch als Catering-Service für Partys. Andere bieten ihren Gästen auch Sitzgelegenheiten und damit die Möglichkeit, die gekauften Speisen vor Ort zu genießen. Kleine Süßigkeiten und Getränke gehören ebenso zum Angebot eines Delis, darunter Softdrinks, Kaffee und Tee.

 

(Quelle: Wikipedia)

Kapitel 1:Ein Traum von einem Mann

 

Er ging nicht, er schien auf Wolken dahinzugleiten. Umgeben von einem irisierenden Leuchten, dass es unmöglich machte, ihn direkt anzusehen, schien er durch das Lokal zu schweben und blieb vor ihr stehen. Lässig schob er die Sonnenbrille in das goldene Haar und beugte sich zu ihr herüber. Daisy versuchte, in die strahlenden Augen zu schauen, musste aber immer wieder nach unten sehen, weil sie von ihnen geblendet wurde. Obwohl er direkt vor ihr stand, durchflutete das Leuchten, das von ihm ausging, das gesamte Lokal, verlieh ihm ungewohnten Glanz. Plötzlich war es mucksmäuschenstill in dem Deli-Restaurant, das genauso hieß wie seine Besitzerin. Die Zeit schien stillzustehen.

»Kann ich einen Kaffee bekommen?«, fragte er mit einem Lächeln wie aus einer Zahnpastawerbung.

»Sicher«, antwortete sie stockend und versuchte, das Prickeln, das sich in ihrem Bauch breitmachte, zu ignorieren. »Noch etwas dazu? Wir haben hervorragende Sandwiches. Oder vielleicht etwas Süßes?«

Sein Lächeln wurde noch eine Spur breiter. »Süß klingt verlockend«, entgegnete er und beugte sich noch weiter zu ihr herüber, sah ihr tief in die Augen, was das Prickeln noch verstärkte.

Daisy starrte auf seine Lippen. Wie sie wohl schmeckten? Oder sich auf ihren anfühlen würden? Und wie mochte es sein, wenn seine Zunge in ihren Mund stieß?

»Wir hätten Zimt-Bagels. Oder wie wäre es mit einem Donut?«, hauchte sie kaum hörbar.

Er schüttelte den Kopf.

»Nein? An was hatten Sie denn gedacht?«

»An dich, Süße«, sagte er, als wäre dies die einzig mögliche Antwort der Welt.

Ohne dass sie hätte sagen können, wie es passiert war, hielt er sie plötzlich im Arm. Sein Gesicht schwebte über ihrem, kam näher und näher. Alles geschah mit einem Mal in Zeitlupe. Noch bevor seine Lippen ihre berührten, wusste sie, dass er sie küssen würde. Instinktiv legte sie den Kopf zur Seite, schloss erwartungsvoll die Augen und bot ihm ihren Mund zum Kuss an.

 Als hätte er es schon hundertmal zuvorgetan, teilte er ihre Lippen und verschlang ihren Mund mit dem Hunger eines Raubtiers, das sich nach erfolgreicher Jagd auf die wohlverdiente Beute stürzt. Ihr Körper reagierte sofort, wurde unter diesem Kuss, der kein Ende zu nehmen schien, weich und nachgiebig. Dass er sie einfach küsste, schien ihr merkwürdigerweise völlig normal. Es war erregend, sich diesem Fremden so blindlings hinzugeben. Sein Kuss war pure, heiße Leidenschaft, die sich durch ihren Körper brannte und ihren Schoß zum Summen brachte. Dieses Gefühl war so hinreißend, so entzückend, dass sie vor Begehren hemmungslos in seinen Mund seufzte. Dabei störte es sie nicht ein bisschen, dass dies mitten in ihrem Geschäft geschah und die Kunden sie dabei beobachteten.

Als sie die Augen aufschlug, fand sie sich zu Hause auf ihrem Bett wieder. Mr. Unbekannt kniete zwischen ihren Schenkeln, das Gesicht nur eine Handbreit von ihrem entfernt. So nah – und doch war es nicht deutlich erkennbar. Intuitiv aber wusste sie: Seine Augen waren braun. Haselnussbraun, um genau zu sein.

Sie wollte, dass er sie küsste, wollte die Finger in sein seidiges Haar graben und ihn an sich ziehen. Erstaunt stellte sie fest, dass es nicht ging. Sie war gefesselt. Und nicht nur das. Sie war obendrein auch noch nackt. Wie und wann war das passiert? Sie konnte sich nicht erinnern. Ihre Hände waren hinter dem Kopf festgebunden, die Beine hochgedrückt und auf unerklärliche Weise so gefesselt, dass sich die Füße fast neben ihrem Kopf befanden.

Sie fühlte seinen Blick über ihren Körper streifen. Alles konnte er sehen. Sie war uneingeschränkt zur Schau gestellt. Ein erregendes Gefühl. Sie genoss die Hilflosigkeit, das Schutzlos-Ausgeliefertsein, die prickelnde Ungewissheit, nicht zu wissen, was er mit ihr tun würde. Ein sanftes Pochen im Rhythmus ihres Herzschlags setzte an ihrer Scham ein.

»Wer bist du?«, wollte sie fragen, stellte aber fest, dass sie nicht sprechen konnte. Jetzt erst bemerkte sie den merkwürdigen Geschmack im Mund. Oh! Er hatte ihr einen Knebelball verpasst. Ihr Puls schoss in die Höhe und verwandelte das zarte Pochen zwischen ihren Beinen in Windeseile in ein wildes Klopfen. Nicht nur ihr Blut pulsierte schneller, auch ihr Atem beschleunigte sich. In gierigen Zügen sog sie die Luft durch die Nase in ihre Lungen, den Unbekannten dabei keine Sekunde aus den Augen lassend. Er schenkte ihr noch ein Lächeln – ein Ausdruck von Zufriedenheit und Macht lag darin – dann umschloss feuchte Wärme ihre Brustknospe.

Oh, das war gut! Ein dumpfes Stöhnen drang aus Daisys geknebeltem Mund. Als Antwort darauf saugte er fest an ihrem Nippel und zwickte ihn mit den Zähnen, während seine Hand ihre andere Brustwarze zwirbelte und langzog. Zuckersüßer, heißer Schmerz breitete sich von ihren Nippeln aus, schwappte in langen Wellen durch ihren Körper und mündete unterhalb ihres Lustdeltas, wo die Leidenschaft tröpfchenweise aus ihr heraussickerte. Das Pochen an ihrem Lustknopf wurde eindringlicher. Sie wollte, dass er sie dort berührte. Küsste. Es sah allerdings nicht so aus, als ob ihr unbekannter Liebhaber seine Aufmerksamkeit dorthin verlagern wollte. Er beschäftigte sich in aller Seelenruhe weiter mit ihren Brüsten, bis Daisy glaubte, in ihrer eigenen Lust zu baden. Doch dann hatte er wohl entschieden, dass es Zeit war, sich ihrem pochenden Glücksknopf zu widmen. Seine Finger strichen über ihr nasses Fleisch, spreizten die samtigen Lippen auseinander und stießen tief in ihre feuchte Hitze. Dann erst legte sich ein Daumen auf ihre Klit. Ein spitzer Schrei kam aus ihrer Kehle, als er sie dort berührte. Ihr Kitzler war bereits so geschwollen, dass das in gleichmäßigen und langsamen Zügen massierende Streicheln gleichermaßen lust- und peinvoll war. Daisy jammerte und wimmerte qualvoll. Dieser Mann spielte wie ein Virtuose auf einem Instrument mit ihr – und die Töne aus ihrer Kehle waren die Musik, die er damit hervorzauberte.

»Umdrehen und hinknien«, hörte sie ihn unvermittelt sagen.

Aber wie sollte sie? Sie war doch gefesselt!

Wie von Geisterhand kniete sie plötzlich auf allen vieren, Fesseln und Knebel waren verschwunden. Wie war das möglich? Hände legten sich auf ihre Pobacken und etwas drängte sich an den Eingang zu ihrem Lustkanal. Noch ehe sie auch nur einen weiteren Gedanken daran verschwenden konnte, wie sie so schnell in diese Position geraten war, trieb er seinen Schwanz mit einem tiefen Stoß in sie. Daisy japste. Das war gut. Genauso wollte sie es! Er verharrte in ihr. Indem er sich über sie beugte, presste er sich tiefer in sie und zupfte abwechselnd ihre Nippel. Sie begann zu wimmern. Ihr Körper vibrierte vor Lust und Erregung, das bittersüße Gefühl war kaum noch zu ertragen. Wann wollte er sie endlich vögeln? Ein Klatscher landete auf ihrem Hintern. Sie zuckte zusammen.

»Willst du, dass ich dich jetzt ficke?«

»Ja.«

Wieder schlug er ihr auf den Arsch – dieses Mal auf die andere Seite.

»Wie heißt das?«

»Ja, Herr.«

»Dann bitte mich darum«, flüsterte er ihr ins Ohr.

Er war wirklich perfekt. Sie liebte es, wenn sie auf diese Art und Weise gedemütigt wurde und darum betteln musste, von ihrem Herrn genommen zu werden. Und je mehr sie betteln musste, umso demütigender, umso erregender war es für sie. Aber woher wusste er das?

»Ich bitte Euch in aller Demut darum, mein Herr, von Euch gefickt zu werden.«

Zwei neue Hiebe landeten auf jeder Pobacke. »So, wie es mir gefällt.«

»Ja, Herr.«

Er malte mit den Fingerkuppen zarte Kreise auf ihre erhitzten Hinterbacken. Ein Schauer durchlief sie und ihr Unterleib zog sich fest um seinen Schaft zusammen. Sie hörte ihn leise lachen.

»Du hast mich nicht verstanden, Dummchen. Sag es! Sag: So, wie es Euch gefällt.«

Oh! Er war wirklich perfekt!

»Ich bitte Euch demütig, mein Herr: Benutzt mich so, wie es Euch gefällt.«

Daraufhin hörte sie ihn zufrieden knurren. Doch anstatt in sie zu stoßen, entzog er sich ihr. Was sollte das?

Plötzlich wurde es feucht an ihrem Hintereingang. Ein Finger zog immer enger werdende Kreise um ihre Rosette. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er sich dort Zugang verschaffen würde. Daisy hielt den Atem an. Sie zitterte vor gespannter Erwartung. Er wollte sie in den Hintern ficken! Etwas Beschämenderes gab es nicht für sie – und gleichzeitig war es wunderschön, so von ihm benutzt zu werden. Ein Traum!

Schon spreizten seine Hände ihre Pobacken auseinander, drängte sich sein Schwanz an ihren Anus. Ihr Atem ging stoßweise. Sie keuchte, schnaufte durch die Nase, weil der Knebelball tiefes Luftholen durch den Mund verhinderte. Wann hatte er ihr den wieder umgeschnallt? Ihre Gedanken überschlugen sich. Sie hoffte ungeduldig darauf, dass er sie weitete und in sie stieß. Doch es geschah nichts. Er spannte sie auf die Folter. Worauf wartete er, verdammt nochmal? Sie spürte ihn auch nicht mehr. Wo war er auf einmal? In ihrer Verzweiflung krabbelte sie ein Stück zurück, versuchte, ihm entgegenzukommen. Immer noch nichts. Wieso nahm er sie nicht? Plötzlich baumelten ihre Füße in der Luft. Was war hier los? Sie schob sich der Bettkante weiter entgegen … und fiel.

Daisy erwachte unsanft auf dem Boden am Fußende ihres Bettes. Im ersten Moment verstand sie nicht, was gerade passiert war. Wieso lag sie am Boden? Und wo war Mr. Unbekannt? Dann rieb sie sich die schmerzende Pobacke. Sie hatte geträumt. Wieder einmal. Sie seufzte frustriert. Daisy hatte es so satt, immer nur zu träumen. Die roten Leuchtziffern auf dem Radiowecker, der auf der Nachtkonsole neben ihrem Bett stand, zeigten acht nach drei. Noch zwei Stunden. Genug Zeit, um noch ein wenig zu schlafen. Umständlich befreite sie sich aus dem Durcheinander der zu Boden gefallenen Decke und kletterte in ihr Bett zurück. Sie drehte sich auf die Seite und starrte auf das halb verhangene Fenster.

In letzter Zeit träumte sie häufig den gleichen Traum. Zumindest ähnelten sie sich sehr. Der Ablauf war immer identisch: Ein großer, gutaussehender Typ mit blonden Haaren und haselnussbraunen Augen verführte und unterwarf sie. Und jedes Mal, wenn er kurz davor war, ihre geheimsten Sehnsüchte wahrzumachen, wachte sie auf.

Daisy schaute zum Fenster. Draußen war es dunkel. Obwohl sie nun bereits seit fünf Jahren hier wohnte, hatte sie es nicht geschafft, die Vorhänge aufzuhängen, die seit Gott weiß wie lange noch immer originalverpackt irgendwo in den Tiefen ihres windschief aufgebauten Kleiderschranks  vergraben waren. Es sah sowieso niemand außer ihr. Und wenn sie um fünf Uhr morgens aufstand, dämmerte es bestenfalls. Vor neugierigen Blicken brauchte sie keine Angst zu haben. Ihre Nachbarn schliefen um diese Zeit noch den Schlaf der Gerechten. Lediglich ein provisorischer Streifen halb durchsichtigen Stoffes, der ursprünglich als Notbehelf gedacht war, kaschierte mehr schlecht als recht die Nacktheit des Fensters.

Sie drehte sich auf die andere Seite und schloss die Augen. Vielleicht schaffte sie es ja, dort weiter zu träumen, wo sie aufgehört hatte. Es hatte sich so echt angefühlt. Seine Berührungen. Seine Küsse. Sein Lächeln. Einfach alles. Er war perfekt gewesen. Eben ein Traummann. Ob ihr wohl jemals einer über den Weg laufen würde? Ob ihr wohl noch einmal einer über den Weg laufen würde, korrigierte sie sich in Gedanken. Ja, es hatte tatsächlich schon einmal einen Mr. Right in ihrem Leben gegeben. Zumindest hatte sie das eine Zeit lang geglaubt.

Damals war sie noch in einem anderen Deli angestellt und besuchte regelmäßig das Seven Twenty-Four. Es verdankte seinen Namen der Tatsache, dass es auf der siebten Avenue auf Höhe der vierundzwanzigsten Straße lag. Der Name war gleichzeitig aber auch eine Anspielung auf 24/7 sowie auf die Öffnungszeiten: 7 Tage, 24 Stunden. Bis heute war es der exklusivste BDSM-Club der Stadt, in dem Daisy eine Weile ein gern gesehener Stammgast gewesen war.

Als sie anfing, den Club zu besuchen, war sie auf der Suche nach einem Herrn gewesen. Wie vielen unerfahrenen Subs, die ihre devote Seite erkunden wollten, passierten auch ihr etliche Missgeschicke. Wenn ihr ein Mann gefiel, war sie oft zu vertrauensselig und musste die bittere Erfahrung machen, dass ihre Unerfahrenheit ausgenutzt wurde, indem ihr versichert wurde, es gehöre sich für eine Sub, ihrem Master bedingungslos zu gehorchen – selbst wenn es nicht gut für sie war.

Erst als Mark Foster, der Besitzer des Clubs, sie unter seine Fittiche nahm, wurde ihr klar, dass sie als Sub nicht alles hinnehmen musste. Mark macht ihr klar, dass sie es war, die festlegte, innerhalb welcher Grenzen der Top agieren durfte. Er entdeckte schnell, dass sie es genoss, wenn sie gedemütigt wurde, und Daisy lernte unter Marks Führung, klare Grenzen zu setzen – und diese eventuell auch zu überschreiten. Mark war streng und unnachgiebig, aber gerecht und zuverlässig. Je länger er sie unterwies, umso mehr verliebte sie sich in ihn. Insgeheim träumte sie davon, nicht nur Marks Sub, sondern auch die Frau an seiner Seite zu sein und eine Familie mit ihm zu gründen. Es gab jedoch einen Haken: Daisy war nicht Marks einzige Sub. Außer ihr gehörten noch Patricia und die ehrgeizige Miranda zu Marks Favoritinnen.

Je nach Lust und Laune amüsierte sich Mark mal mit der einen, mal mit der anderen Gespielin. An manchen Abenden machte er sich sogar ein Vergnügen daraus, sich von allen dreien gleichzeitig bedienen zu lassen. Daisy hätte nicht sagen können, dass Mark dabei eine von ihnen bevorzugte. Anfangs konnte sie der Situation sogar ein gewisses Etwas abgewinnen. Die Tatsache, nur eine von vielen zu sein, hatte etwas extrem Demütigendes und damit auch etwas Reizvolles und Erregendes für sie. Insbesondere Miranda aber liebte es offenbar, aus diesen Dreier-Treffen eine Art Wettstreit zu machen. Ihr Ehrgeiz, die devoteste und beflissenste Dienerin zu sein, war ansteckend. Deshalb arteten die Abende fast immer in Machtspielchen und Rangeleien um die Gunst des Masters aus. Je öfter Mark seine Troika – wie er Daisy, Miranda und Patricia gern nannte – um sich versammelte, umso häufiger kehrte Daisy unbefriedigt und mit bohrender Eifersucht im Herzen in ihre vier Wände zurück. Mark schaffte es jedoch immer wieder, wenn er mit ihr allein war, ihre Eifersucht zu besänftigen und sie – bis zum nächsten Zusammentreffen der Troika – gefügig zu machen.

Fast zwei Jahre ertrug sie die Spielchen, dann war es genug. Sie liebte Mark und wollte ihn für sich allein. Es wurde unerträglich für sie, ihn dauerhaft mit anderen Frauen teilen zu müssen, und so bat sie ihn schweren Herzens, sie freizugeben. Er machte nicht einmal den Versuch, ihre Meinung zu ändern. Für Daisy war das ein Schlag ins Gesicht. Die Tatsache, dass er sie kommentarlos gehen ließ, verletzte sie zutiefst. Daisy kehrte dem Seven Twenty-Four den Rücken. Fortan setzte sie keinen Fuß mehr über die Schwelle des Clubs. Stattdessen steckte sie ihre ganze Kraft in den Aufbau ihres Geschäfts und beschloss, Mark Foster zu vergessen.

Das war jedoch einfacher gesagt als getan, denn das Deli war Fosters Vermächtnis an sie. Mark verfügte über unzählige Verbindungen zu einflussreichen Leuten – oft Kunden seines Clubs – und so hatte er dafür gesorgt, dass Daisy ihr Deli in einer der begehrtesten Lagen von Greenwich Village eröffnen konnte. Der rund achtzig Quadratmeter große Geschäftsraum lag in unmittelbarer Nähe des Washington Square Parks. Lediglich einen Steinwurf von dem gleichnamigen Triumphbogen entfernt, der nicht nur durch zahlreiche Hollywood-Verfilmungen bekannt, sondern auch ein Touristenmagnet war. Von Anfang an hatte sie deswegen viel Laufkundschaft, darunter Touristen und Studenten der benachbarten New York University. Mit der Zeit kamen immer mehr Stammkunden hinzu. Innerhalb eines Jahres war Daisy’s Deli ein Begriff für freundlichen Service und Qualität zum fairen Preis geworden. Ihre Sandwich-Eigenkreation Daisy’s Delight wurde zum Renner, das Geschäft lief gut. Es lief sogar so gut, dass sie sich tatkräftige Unterstützung besorgte und Rachel einstellte. Obwohl sie Mark dankbar für die Starthilfe war, hatte er dadurch doch dafür gesorgt, dass sie ihn nicht vergaß. Es war, als gäbe es nach wie vor ein unsichtbares Band, das sie an ihn kettete.

Im zweiten Jahr zählte Mr. Bennington, ein älterer Gentleman, der gern mit ihr flirtete und ihr Komplimente machte, zu ihren Stammkunden. Er war es auch, der sie auf die Idee zu ihrem Slogan brachte, denn eines Tages sagte er: »Köstlicher als köstlich ist es nur bei Ihnen, Miss Daisy.« Als sie daraufhin errötete, fügte er hinzu: »Das meine ich ganz ernst. Sie sollten Ihr Licht nicht unter den Scheffel stellen und Ihre Qualitäten ruhig ein bisschen mehr betonen. Seien Sie nicht zu bescheiden.«

So kam es, dass vier Wochen danach auf der Eingangstür nicht mehr nur Daisy’s Deli stand, sondern der neue Wahlspruch Delight, Delightfuller, Dasiy’s darunter prangte.

Schnell machte das Motto sich selbstständig und bereits wenig später wurde It’s a Daisy! zum Synonym für Genuss. Ausgerechnet diesen Erfolg aber schien ihr das Schicksal nicht gönnen zu wollen. Seit nunmehr sechs Monaten bekam sie in unregelmäßigen Abständen Post von einem Anwalt aus Los Angeles, der sie dazu drängte, ihren Werbespruch aufzugeben. Angeblich schädige er den Ruf eines Klienten. Lächerlich! Wie um Himmels willen sollte sie jemandem Schaden zufügen, der am anderen Ende der USA lebte? Tausende Meilen von ihr entfernt. In der festen Überzeugung, dass es sich um einen Spinner handeln musste, warf sie jeden der Briefe in den Papierkorb, ohne darauf zu reagieren.

Auch die Tatsache, dass ihr in den letzten beiden Schreiben zwanzigtausend und sogar fünfzigtausend Dollar für die Übernahme des Werbeslogans angeboten wurden, änderte nichts an ihrer Meinung. Im Gegenteil. Sie fühlte sich bestärkt. Fünfzigtausend Dollar! Diese Summe war in Daisys Augen aberwitzig hoch. Wer um alles in der Welt würde so viel Geld für ein paar Worte ausgeben? Doch nur ein Verrückter! Aber gebrauchen könnte sie das Geld schon. Seit sie das Geschäft im letzten Jahr in größere Räumlichkeiten in eine Querstraße verlegt hatte, weil das alte Deli zur Mittagszeit regelmäßig aus allen Nähten platzte, blieb ihr kaum noch Geld für kleine Extras. Jeder Cent, den sie entbehren konnte, wanderte in die Rückzahlung des Kredits, den sie für die neue Einrichtung ausgegeben hatte. Es war der Preis, den sie dafür zu zahlen hatte, sich endgültig von Mark Foster getrennt zu haben.

Ihr Blick fiel auf die Digitalanzeige des Weckers: drei Uhr dreiundzwanzig. Wenn sie noch ein bisschen schlafen wollte, sollte sie jetzt besser an etwas Anderes denken. Vielleicht an den gut aussehenden Typen aus ihrem Traum? Wie schön wäre es, endlich wieder einen Herrn zu haben, endlich wieder jemandem zu gehören, ihm zu dienen. Jemandem, der ihren Hintern zum Brennen brachte, sodass sie es noch Tage später spürte. Jemandem, der sie für seine Lust – und damit auch für ihre eigene – benutzte. All die Gerten, Flogger und Paddel führten ein verwaistes Dasein in der Schachtel unter dem Bett. Von den anderen schönen Spielzeugen, die aus der Zeit mit Mark Foster stammten, ganz zu schweigen. Eins davon war sogar noch unberührt und lag in der linken Bettkonsole. Etwa ein halbes Jahr, bevor sie Mark verlassen hatte, hatte sie eine Analkette gekauft. Sie wollte Mark damit ein besonderes Geschenk machen, einen besonderen Moment zelebrieren und ihm signalisieren, dass auch diese Grenze nun bei ihr überschritten werden durfte. Aber der besondere Moment, auf den sie so sehnsüchtig wartete, hatte sich nicht mehr ergeben.

Mit einem tiefen Seufzen drehte sie sich auf die andere Seite und schloss die Augen. Vielleicht konnte sie noch ein wenig träumen. Weiterträumen. Es war das Einzige, was ihr zurzeit blieb: ihre Träume. Einen neuen Herrn zu finden, erschien ihr schlichtweg unmöglich. Wo um Himmels willen sollte sie die Zeit hernehmen, um sich mit jemandem zu verabreden? Seit sie das Deli eröffnet hatte, bestand ihr Leben nur aus Arbeit, Arbeit, Arbeit …

Kapitel 2: Delight, Delightfuller, Daisy’s

 

Mit halb geschlossenen Augen und hängenden Schultern schlurfte Daisy ins Bad. Krampfhaft hatte sie versucht, wieder einzuschlafen und an den Traum anzuknüpfen. Das Einzige, was ihre Fantasien jedoch bewirkt hatten, war, dass sie geil geworden war und sie sich selbst befriedigt hatte. Danach war sie zwar eingeschlummert, allerdings erst so spät, dass der Wecker sie mit seinem penetranten Piepsen um fünf Uhr mitten aus dem Schlaf gerissen hatte und sie sich jetzt wie gerädert fühlte. Winzige, mit Blei gefüllte Kügelchen schienen an jeder einzelnen Wimper zu hängen und dafür zu sorgen, dass die Augenlider immer wieder zuklappten. Zum Glück genügte ein kleiner Sehschlitz, damit sie die paar Schritte vom Bett ins Bad zurücklegen konnte.

Sie betrat das Badezimmer, ohne den Lichtschalter zu betätigen. Grelles Licht war jetzt wirklich das Letzte, was sie gebrauchen konnte. Ihr ausgestreckter Arm berührte etwas Hartes, Kaltes. Ah! Gut! Das war die Glaswand der Duschkabine. Mit der Hand glitt sie über die glatte Fläche, bis sie den Griff gefunden hatte. Sie öffnete die Kabine, trat ein und schloss die Tür hinter sich. Das spärliche Licht der Sterne am Himmel genügte, um die Armatur zu ertasten und zu betätigen. Gleich darauf strömte sechsunddreißig Grad warmes Wasser aus dem LED-Duschkopf, der die gesamte Kabine in einen behaglichen Rotton tauchte.

Es waren Tage wie diese, an denen Daisy sich immer wieder sagte, dass die Anschaffung der High-Tech-Dusche die beste Entscheidung ihres Lebens gewesen war. Mit geschlossenen Augen ließ sie sich von dem rötlichen Licht, das sanft durch ihre Augenlider drang, in einen Mantel aus Dampf und Flüssigkeit einhüllen. Minutenlang stand sie regungslos unter dem Wasserstrahl. Erst als die Duschkabine von außen vollständig beschlagen war, meldeten sich ihre Lebensgeister einsatzbereit zum Dienst.

Nachdem sie sich abgetrocknet hatte, erledigte sie die nächsten Handgriffe routinemäßig: Kaffee aufsetzen, anziehen. Kaffee mit ins Bad nehmen, schminken. Kaffeetasse in der Küche abstellen, Mantel vom Haken nehmen. Haustürschlüssel in die Tasche stecken, mit der U-Bahn zur Christopher Street fahren und dann sieben Minuten zu Fuß bis zu Daisy’s Deli gehen. New York war zwar die Stadt, die niemals schlief, aber um kurz nach sechs Uhr morgens war es noch relativ ruhig in Greenwich Village.

Daisy betrat den Laden über den Seiteneingang. Sie stieg die Außentreppe zum Keller hinunter, öffnete die Kellertür und ging schnurstracks auf einen Berg aus grauem, geflicktem Tweed und verschlissenen Jeans zu, der sich in einer Ecke auftürmte.

Sich darüber beugend, flüsterte sie: »Henry?» Sie wartete einen Moment, bevor sie es erneut versuchte: »Henry? Wach auf! Du musst aufstehen.«

Ein dumpfes Knurren war die Antwort darauf, dann erwachte der Tweedberg zum Leben.

»Wie spät ist es, Miss Daisy?«, murmelte die verschlafene, kratzige Stimme von Henry.

»Gleich Viertel nach sechs. Du hast noch ein paar Minuten, aber dann muss ich dich vor die Tür schicken.«

Henry setzte sich auf, kratzte sich am Kopf und gähnte mit weit offenem Mund.

»Ja, ich weiß, Miss Daisy. Ich bin gleich so weit. Geben Sie mir noch eine Minute, ja?«

»In Ordnung. Willst du einen Kaffee?«

»Oh ja, bitte. Das ist furchtbar nett von Ihnen, Miss Daisy. Vielen Dank.«

Daisy schenkte Henry ein Lächeln und stieg dann die Stufen zum Laden empor. Sie mochte den alten Mann mit der Tweedjacke und der rauen Stimme. Seit sie ihn einmal spontan um Hilfe gebeten hatte, weil sie eine neue Lieferung nicht allein in den Vorratsraum hatte schleppen können, war Henry ihr Freund geworden. Als sie erfuhr, dass er obdachlos war, ließ sie ihn ab und zu im Keller des Delis übernachten, spendierte ihm hier und da einen Kaffee und versorgte ihn mit Donuts oder Sandwiches, die vom Vormittag übriggeblieben waren. Dafür half Henry ihr, wenn Not am Mann war. Zugegeben: Inzwischen hatte sie drei Angestellte und Henrys Hilfe wäre nicht mehr erforderlich gewesen, aber sie hatte gemerkt, dass es Henry guttat, eine Aufgabe erfüllen zu können, und deshalb bat sie ihn um Hilfe, wann immer es ging. Außerdem hatte sie den alten, obdachlosen Mann in ihr Herz geschlossen und ihr Keller war sein Refugium geworden. Wissen durfte das allerdings niemand. Wenn die Aufsichtsbehörden das herausbekämen, könnte sie ihren Laden schließen. In weniger als zwanzig Minuten würde Rachel eintreffen, um ihr bei den täglichen Vorbereitungen zu helfen, damit zur Öffnungszeit um sieben alles bereit war. Bis dahin musste Henry den Keller verlassen haben und alle Spuren seiner nächtlichen Ruhestätte beseitigt sein. Daisy stand deswegen jeden Tag eine halbe Stunde früher auf als nötig. Auch wenn sie nicht glaubte, dass Rachel sie verraten würde, wollte sie doch lieber auf Nummer sichergehen.

Wie jeden Morgen um sechs Uhr dreißig brachte Harold’s Bakery die Brote, Brötchen und das süße Gebäck, das sie täglich bei ihm bestellte. Rachel und Simon, die kurz darauf zum Dienst erschienen, halfen ihr, die Kästen aus den Rollwagen hinter der Verkaufstheke zu verstauen und in den Vorratsraum zu bringen. Gemeinsam bereiteten sie anschließend die Vitrine für den morgendlichen Ansturm der Berufstätigen vor, die sich auf dem Weg zur Arbeit mit Frühstück oder Mittagessen versorgten. Ordentlich und appetitlich lagen die Bagels, Rolls, Sandwiches, Croissants und Donuts in der Vitrine und warteten darauf, in einer Papiertüte über die Theke gereicht und verspeist zu werden. Daisy blickte zur Kaffeemaschine hinüber. Alle vier Kannen waren gefüllt, sie waren für den ersten Run gewappnet. Pünktlich um sieben Uhr drehte Daisy das Schild an der Eingangstür um: we are open stand nun zur Straßenseite hin zu lesen, die Aufschrift we are closed zeigte in den Verkaufsraum.

Sie war kaum wieder hinter der Theke verschwunden, als der erste Käufer eintrat. Dann ging es Schlag auf Schlag. Um Viertel nach sieben hatte sich bereits eine Schlange gebildet. Daisy, Simon und Rachel hatten alle Hände voll zu tun – wobei das nicht ganz richtig war: Sie und Rachel hatten viel zu tun. Simon kassierte lediglich. Sie hatte wochenlang vergeblich versucht, Simon Feuer unter dem Hintern zu machen, damit er schneller bediente. Es war eine Qual zu sehen, mit welcher Langsamkeit er einen Bagel zerteilte, ihn mit Butter bestrich und ihn dann nach Kundenwunsch mit Schinken, Käse oder vegetarisch belegte. In der gleichen Zeit, in der Simon einen Bagel fertig machte, schafften Rachel und sie zwei, wenn nicht sogar drei. Anfangs hatte sie ihm wiederholt gezeigt, wie man die Abläufe ökonomisch koordinierte, jedoch mit wenig Erfolg. Sie hatte versucht, streng zu sein, aber wenn sie sah, dass er sich abmühte, als hätte er zwei linke Hände, konnte sie nicht anders und machte die Arbeit lieber selbst. Notgedrungen hatte sie entschieden, dass Simon die Kasse übernehmen sollte, was ihm offenbar mehr lag. Eigentlich wäre das – als Chefin und Inhaberin des Delis – ihre Aufgabe gewesen. Aber Daisy bediente gern und mochte es, von Zeit zu Zeit ein Schwätzchen mit den Kunden zu halten oder ihnen neue Kreationen zu empfehlen. Alles Dinge, die sie hinter der Kasse nur schlecht hätte tun können.

Daisy schaute auf die Uhr. Viertel vor acht. Josh war mal wieder spät dran. Sie nahm zwei Donuts aus der Vitrine und packte sie in eine Tüte. Ein Becher mit Kaffee und Milch, den sie mit einem Deckel verschloss, wanderte ebenfalls zu den Donuts in die braune Papiertasche. Gleich zehn vor acht. Wenn Josh nicht bald auftauchte, würde er seinen Bus verpassen. Josh war ein netter Kerl. Er machte eine Ausbildung als Buchhalter in einer Firma, die für andere Firmen Computerlösungen oder so etwas in der Art anbot – und immer war er spät dran. Seit zwei Jahren war er ihr Kunde, und es hatte noch nicht einen Tag gegeben, an dem er pünktlich aus dem Bett gekommen war. Meistens kam er in letzter Minute um die Ecke geflitzt, grapschte sich im Vorbeilaufen die vorbereitete Tüte mit seinem Frühstück und sprang in den Bus, der ihn zur Arbeit brachte.

Heute war auch wieder so ein Tag. Von Josh war noch nichts zu sehen – und es war bereits neun Minuten vor acht. In einer Minute kam der Bus. Daisy nahm die Papiertüte in die Hand und stellte sich an den Eingang des Delis. Sie schielte um die Ecke, dann lächelte sie. In einem irrwitzigen Tempo kam der Rotschopf die Straße entlanggerannt. Sie hielt ihm das Frühstückspaket wie einem Staffelläufer bei der Übergabe hin.

»Danke, Daisy. Ich zahle später«, rief er ihr im Vorbeilaufen zu, als er das Paket übernahm.

Im gleichen Moment rollte der Bus heran, in den Josh in letzter Sekunde hineinsprang. Die Türen schlossen sich, und Daisy blieb nichts anderes übrig, als dem davonfahrenden Bus hinterherzusehen. Kopfschüttelnd ging sie in ihr Geschäft zurück und vermerkte den Betrag für die zwei Donuts und den Milchkaffee auf seiner Sammelrechnung. Einmal pro Woche, am Samstag, kam er vorbei und beglich seine Schulden bei ihr.

Es war fast acht Uhr, der erste Ansturm vorüber. Im Radio lief Daisys Lieblingssendung: Songs aus den Achtzigern. Zu den Klängen von Stevie Wonder sortierte Daisy die verbliebenen Bagels und Sandwiches in der Vitrine neu, damit sie nicht so verloren aussahen. Sie mochte den Song und sang im Geiste mit:

 

I just called to say I love you

I just called to say how much I care,

I just called to say I love you

And I mean it from the bottom of my heart …

 

Der Song war zu Ende. Daisy schaute auf die Uhr. In etwas mehr als einer Stunde musste sie mit Rachel die frischen Zutaten für die Salate und die Mittagssnacks vorbereiten. Aber zuvor erwartete Daisy noch einen Stammgast, auf den sie sich besonders freute.

Um kurz nach acht ging die Tür des Delis auf und Melissa spazierte mit ihrer Mutter herein. Sie hatte ein rosa Kleidchen an, das ihr nicht ganz bis über die knubbeligen, kleinen Knie reichte und um den Hals trug sie eine pinkfarbene Tasche, auf der ein Einhorn abgebildet war, das in allen erdenklichen Farben glitzerte.

»Guten Morgen«, grüßte sie mit ihrer hellen Kinderstimme und streckte Daisy die rechte Hand hin, in der sie ein Sträußchen Gänseblümchen hielt. »Ich habe dir Gänseblümchen mitgebracht«, sagte sie stolz. »Die Blümchen heißen genau wie du, weißt du?«, fügte sie naseweis hinzu.

Daisy musste sich beherrschen, um nicht zu lachen, und verzog das Gesicht zu einem Schmunzeln. Melissa war wirklich ein entzückender Schatz. Sie beneidete Mrs. Hodkinson um ihre vierjährige Tochter und wünschte manchmal, sie hätte selbst so ein niedliches und aufgewecktes Töchterchen wie Melissa. Daisy war jetzt zweiunddreißig. Genau im richtigen Alter für so einen süßen Fratz. Ihre biologische Uhr tickte zwar noch nicht sehr laut, aber ignorieren ließ sie sich auch nicht. Der Traum von einer Familie und einem Kind war jedoch in noch unerreichbarer Ferne als der, eines Tages Mr. Right zu treffen.

»Danke, mein Schatz. Ja, ich weiß«, sagte Daisy, die Blumen entgegennehmend. »Du siehst heute wieder so hübsch aus in deinem Kleid. Ich wette, Matthew wird es umhauen, wenn er dich so sieht.«

Matthew war Melissas Kindergartenfreund und ihre große Liebe. Wenn sie groß sei, erklärte sie immer, wolle sie Matthew heiraten.

Daisys Kompliment zauberte ein Lächeln in Melissas Gesicht. »Heute ist Matthews Geburtstag«, erläuterte die Kleine ernsthaft, als würde das erklären, warum sie sich so herausgeputzt hatte.

»Sein Geburtstag? Hat er dich denn zu seiner Feier eingeladen?«

Melissa nickte. »Die ist aber erst am Samstag. Dann gibt es auch Geschenke.«

»Und was schenkst du ihm?«

»Das ist ein Geheimnis. Mama hat gesagt, ich darf nichts verraten.«

Wieder musste Daisy schmunzeln. »Aber mir kannst du es ruhig sagen. Wir sind doch Freunde, oder nicht?«

Daisy sah förmlich, wie die Mühlen in dem kleinen Gehirn mahlten, um den Gewissenskonflikt zwischen der Freundschaft zu ihr und dem Versprechen, das Geheimnis zu bewahren, zu lösen. Hilfe suchend blickte Melissa zu ihrer Mutter.

»Du hast ganz recht, wenn du es nicht verraten willst«, sagte Daisy, um die Kleine zu erlösen. »Ein Geheimnis ist nur so lange ein Geheimnis, solange keiner davon weiß.«

»Bist du jetzt noch meine Freundin?«, wollte Melissa wissen.

»Aber natürlich. Und weil Matthew heute Geburtstag hat, solltest du ihm etwas mitbringen, finde ich.« Sie legte die Gänseblümchen zur Seite und packte zwei Mini-Schoko-Muffins in eine Tüte. »Hier«, sagte sie und reichte das Päckchen an Melissa, die sich so hoch reckte, wie sie konnte, um es entgegenzunehmen. »Einer für dich und einer für Matthew.«

Melissa strahlte sie an, Mrs. Hodkinson schien jedoch nicht einverstanden zu sein. »Vielen Dank, Miss Daisy, aber Sie sollen ihr nicht immer etwas schenken. Das wird langsam zur Gewohnheit.«

»Von zwei Muffins geht die Welt nicht unter, Mrs. Hodkinson. Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?«

Mrs. Hodkinson gab ihre Bestellung auf, zahlte und schickte sich an, mit Melissa an der Hand den Laden zu verlassen.

»Einen schönen Tag noch«, wünschte Daisy den beiden, woraufhin Melissa sich zu ihr umdrehte.

»Ich wünsche dir auch einen schönen Tag, Daisy«, grüßte sie zurück, ließ die Hand ihrer Mutter los und schickte einen Handkuss durch den Raum, bevor sie das Geschäft verließ.

Verträumt sah Daisy ihnen noch einen Moment hinterher, dann fiel ihr Blick auf Melissas Mitbringsel. Die Gänseblümchen wirkten schon recht traurig und ließen die Köpfe hängen. Daisy entsorgte die Blumen und wusch sich die Hände. Melissa brachte ihr fast jeden Tag eine Kleinigkeit mit. Mal war es ein besonders schönes Blatt, das sie im Park gefunden hatte, mal ein Kieselstein oder im Herbst eine Kastanie, oft ein selbst gemaltes Bild – oder eben Gänseblümchen. Dabei mochte Daisy Gänseblümchen nicht einmal besonders. Sicher, sie waren auf einer Wiese ganz nett anzusehen, aber wenn man seit der Kindheit damit aufgezogen wurde, ein Gänseblümchen zu sein, war man es irgendwann einfach leid. Sie war nun mal kein zartes Blümchen – und stand auch nicht auf sogenannten Blümchensex. Trotzdem hatte sie sich immer wieder Anspielungen darauf anhören müssen, auf die sie immer gereizter reagierte, je öfter sie diese zu hören bekam.

Sonnenblumen passten viel besser zu ihr. Daisy mochte die Blumen, die mit ihrem sonnigen Gelb vor Energie nur so sprühten. Zu Hause hing ein großes Bild mit Sonnenblumen in einer Vase im Wohnzimmer. Es war ein Poster eines Van-Gogh-Gemäldes. Seit Jahren träumte sie davon, irgendwann nach Amsterdam zu fliegen und sich das Original im Van-Gogh-Museum anzusehen. Aber das Deli ließ ihr für solche Dinge keine Zeit. Von dem Geld, das sie für so einen Trip benötigte, ganz zu schweigen. Das Deli florierte zwar, solange sie den Kredit jedoch noch abbezahlen musste, war an eine Reise nach Europa nicht zu denken.

Kapitel 3: Ein Brief mit Folgen

 

Wutschnaubend knüllte Jesse Fuller den Brief seines Anwalts zusammen. Was bildete dieses Weibsbild sich eigentlich ein? Ihn einfach zu ignorieren! Das war das vierte Angebot, das diese Mrs. Marino abgelehnt hatte. Fünfundsiebzigtausend Dollar! Einfach abgelehnt. Und wer hieß heutzutage schon noch Daisy? Sicher so eine boshafte, verbitterte alte Schachtel, die sich einen Spaß daraus machte, ihn zur Weißglut zu treiben. Mit einem frustrierten Schnauben warf er den Papierball in den Korb, als sein Blick auf Carolyn fiel, die ihn schmunzelnd betrachtete.

»Wärst du so gütig, mir zu verraten, was dich so amüsiert?«, fuhr er sie gereizt an.

Sie lächelte herablassend. Er hasste es, wenn sie das tat! Dann gab sie ihm jedes Mal das Gefühl, er wäre kein Mann, sondern ein Schuljunge, der seine Lektion nicht gelernt hatte und dabei erwischt worden war. Sein Blick fiel auf ihre lässig übereinandergeschlagenen Beine, die unter dem schwarzen Minirock verführerisch herausschauten. Ohne Eile schweiften seine Augen höher hinauf, über ihre schlanke Taille zu den kleinen, festen Brüsten. Die Spitzen zeichneten sich unter dem dünnen Stoff der Bluse ab, weil sie, wie immer, keinen BH trug – und dieses Wissen blieb nicht ohne Wirkung auf ihn. Oh ja, Carolyn besaß wirklich alles, wovon ein Mann bei einer Frau nur träumen konnte. Sie war eine zuverlässige Geschäftspartnerin, eine aufmerksame Zuhörerin mit einem messerscharfen Verstand. Dazu gut aussehend, immer stilsicher gekleidet … und: Sie ließ im Bett keine Wünsche offen. Nun, fast keine. Wenn er ihr gegenüber gewisse Vorlieben zur Sprache brachte, lächelte sie ihn jedes Mal mit der gleichen Herablassung an wie gerade eben. Als wollte sie sagen: Lass doch diesen albernen Kinderkram und benimm dich wie ein erwachsener Mann.

Carolyn erhob sich und kam auf ihn zu. Ihre Bewegungen waren elegant und geschmeidig. »Entschuldige bitte, Darling«, säuselte sie und spielte mit einer Hand an dem Revers seines Jacketts, während sie sich an ihn drückte. »Ich finde es nur absolut überflüssig, wie du dir von der kleinen Schlampe den Tag vermiesen lässt. Warum überlässt du das nicht mir? So wie sonst auch? Ich werde im Handumdrehen mit ihr fertig und serviere sie dir anschließend hübsch garniert auf einem Silbertablett.«

»Nein!«, sagte er entschieden und schob ihre Hand beiseite. »Ich mache das auf meine Art.« Zugegeben: Auch wenn Carolyns Methoden überaus erfolgreich waren, so hieß er sie doch nicht immer gut. Dieses Mal wollte er die Sache allein durchziehen – ohne einen von Carolyns Tricks.

»Wie du willst, Darling.« Sie löste sich von ihm und lehnte sich, die langen Beine von sich streckend, mit dem Po an die Tischplatte.

Carolyn verstand es vorzüglich, ihren weiblichen Sex-Appeal einzusetzen. Wenn es ihren Zwecken diente, konnte sie anschmiegsamer als ein kleines Kätzchen sein. Auch ihn hatte sie mit ihrem Charme, den sie nach Belieben an- und ausknipsen konnte, geködert. Für ihre gemeinsamen geschäftlichen Interessen war das überaus vorteilhaft. Was ihre Beziehung anging, so hatte Jesse jedoch eine andere Vorstellung davon, wie ihr Zusammenspiel funktionieren sollte.

Er war sich klar darüber, dass Carolyn ihm zu ähnlich war. Sie konnte genauso unnachgiebig sein wie er, wenn es darum ging, den eigenen Willen durchzusetzen. Schon ein paarmal hatte Jesse erwogen, sich von ihr zu trennen, aber er fühlte eine gewisse Verpflichtung ihr gegenüber. Es war schließlich nicht von der Hand zu weisen, dass DelightFuller’s ohne ihren Einsatz heute nicht die Nummer eins unter den Delis an der Westküste wäre – und Carolyn hatte eine durchaus effektive Art und Weise, ihm ihre Verdienste stets aufs Neue ins Gedächtnis zu rufen.

Aber es war nicht das allein. Nicht nur, dass sie ihn in schönster Regelmäßigkeit daran erinnerte, dass er ihr gegenüber zu Dank verpflichtet wäre, nein, sie schaffte es auch jedes Mal, dass er sich wie ein perverser Mistkerl vorkam, wenn es darum ging, seine sexuellen Vorlieben mit ihr auszuleben. Neulich erst hatte er sich durchgesetzt, ihr die Augen verbunden und sie anschließend ans Bett gefesselt. Etwas völlig Harmloses für sein Empfinden. Keine gute Idee, wie sich im Nachhinein herausgestellt hatte. Sie hatte schlimmer gefaucht als eine in die Enge getriebene Wildkatze, sodass er sie resigniert wieder losgebunden hatte.

»Herrgott, Jesse! Bist du jetzt total durchgedreht?«, hatte sie ihn angegiftet. »Was soll das? Das ist kindisch. Nur weil dieser Sado-Maso-Quatsch gerade in Mode ist, heißt das nicht, dass wir ihn ausprobieren müssen. Benimm dich gefälligst wie ein Mann und nicht wie ein blödes Schaf, das mit der Herde rennt.«

Sado-Maso-Quatsch? Für ihn war es weder Quatsch noch eine Modeerscheinung. Er hatte schon immer gewusst, dass er anders tickte als die meisten seiner Geschlechtsgenossen. Mit sechzehn hatte er die ersten sexuellen Kontakte mit Mädchen gehabt. Sobald er sie jedoch mal ein bisschen weniger sanft angefasst hatte, hatten sie ziemlich schnell nichts mehr von ihm wissen wollen. Nachdem sich diese Erfahrungen wiederholten, wurde er nachdenklich. Waren die Mädchen einfach zickig? Oder war er tatsächlich der sadistische, durchgeknallte Perverse, so wie es ihm einige bereits an den Kopf geworfen hatten?

Nein. Das war er nicht. Jedenfalls nicht so, wie sie es meinten. Zugegeben, die Vorstellung einer wehrlosen Frau war extrem erregend für ihn. Aber niemals wäre er auf die Idee gekommen, ihr seinen Willen mit Gewalt aufzuzwingen. Ein bisschen nachhelfen vielleicht, sie in die richtige Richtung schubsen … warum auch nicht? In seinen Träumen bettelte sie darum, von ihm genommen zu werden. Keine Fantasie machte ihn mehr an. Er wollte sie fesseln, den erschrockenen Blick in ihren Augen genießen, wenn er sich mit den Fingern in ihre Haare krallte, sich an ihrem Flehen, wenn er bis zur Unerträglichkeit mit ihrer Lust spielte, ergötzen. Die Demütigung in ihrem Gesicht lesen, wenn sie um Erlösung bettelte, und noch so viel mehr. Oh Mann! Allein der Gedanke daran sorgte dafür, dass er hart wurde.

Irgendwie schien er jedoch nie den Frauen zu begegnen, die sich das von ihm wünschten. Eine Zeit lang hatte er intensiv versucht, eine solche Frau kennenzulernen. Das war aber gar nicht so einfach. Viele reagierten zunächst positiv auf ihn, denn Jesse wusste, er konnte sich sehen lassen. Mit seinen blonden Haaren und dem athletischen Körper entsprach er ziemlich genau dem Klischee des Californian Dreamboy, der Frauenherzen dahinschmelzen ließ. Sobald er jedoch erwähnte, dass er in puncto Unterwerfung keine Erfahrungen aufzuweisen hatte, flaute das Interesse der potenziellen Partnerinnen jedes Mal massiv ab. Da nutzte es auch nichts, zu beteuern, dass er an einer dauerhaften Beziehung interessiert sei. Nur … wie sollte er jemals erste Erfahrungen machen, wenn sich keine Frau fand, die ihn auf die Reise in diese andere Welt begleitete?

Sein Gefühl sagte ihm, dass er so und nicht anders leben wollte. Lediglich sein Verstand machte ihm immer wieder einen Strich durch die Rechnung, indem er ihn daran erinnerte, dass Schläge, Demütigungen und Erniedrigungen ein Verhalten war, das er nicht anders als respektlos und verachtenswert bezeichnen konnte. Wenn ihm dann bewusst wurde, dass genau diese Dinge ihn unglaublich erregten, kamen wieder Zweifel in ihm hoch. Verdammt noch mal! Er war kein Macho-Arschloch, das sich für etwas Besseres hielt und Frauen wie Dreck behandelte! Manchmal konnte er es selbst nicht verstehen. Seine Gefühle widersprachen jeglicher Logik. Normalerweise arbeitete sein Verstand exakter als ein Schweizer Uhrwerk und analysierte die kniffligsten Fragen in Nullkommanichts. Nur wenn es um ihn selbst ging, schaffte er es nicht, die Schwachstelle in seinen Schlussfolgerungen zu finden. Er wusste, dass sie da war, aber er fand sie ums Verrecken nicht.

Genau zu solch einem Zeitpunkt, als er mal wieder an sich zweifelte, hatte er Carolyn kennengelernt. Er war gerade dabei gewesen, die erste Filiale von Fuller’s Deli – wie das Stammhaus damals noch hieß – aufzubauen. Carolyn war nicht nur ungeheuer reizvoll und brodelte vor Leidenschaft, nein, sie hängte sich auch von Anfang an mit ins Geschäft und unterstützte ihn, wo sie konnte. Sie erschien ihm wie ein Geschenk des Himmels. Was machte es da schon, dass sie sich ihm nicht unterwerfen wollte?

Inzwischen waren sie seit über sechs Jahren ein eingespieltes Team. Das galt sowohl fürs Geschäft als auch für den Sex, bei dem es Jesse zunehmend schwerer fiel, seine Sehnsüchte zu unterdrücken und sich zurückzunehmen. Immer lauter hörte er die Stimme in seinem Innern, die ihm sagte, dass er nicht für den Rest seines Lebens so weitermachen wollte. Sich von Carolyn zu trennen, wurde jedoch mit jedem Tag, den er mit ihr verbrachte, schwieriger. Jedes neue Geschäft, das sie eröffneten, schmiedete sie unweigerlich noch enger zusammen. Deshalb hatte Jesse beschlossen, einen Schlussstrich zu ziehen. Die Expansion von DelightFuller’s an der Ostküste würde er allein vorantreiben.

»Es war ein Fehler, direkt einen Anwalt einzuschalten«, kommentierte er den Inhalt des Briefes, den er soeben in den Papierkorb geworfen hatte. »Ich werde nach New York fliegen und selbst mit der widerborstigen Lady reden. Jeder Mensch hat seinen Preis – und meiner wird so unanständig hoch sein, dass sie gar nicht anders kann, als mein Angebot anzunehmen.«

Carolyn zog die Augenbrauen hoch. Er wusste, was das hieß: Sein Plan gefiel ihr nicht.

»Warum willst du der alten Zicke so viel Geld in den Rachen werfen? Warum lässt du ihr nicht einfach ihren blöden Slogan? Du kannst trotzdem weiter DelightFuller’s sein. Du wirst sehen, in ein paar Monaten kräht kein Hahn mehr nach der kleinen Schlampe.«

Wie bitte? War sie noch ganz bei Trost? Niemals würde er dulden, dass ein einzelnes Geschäft sich anmaßte, es könnte besser sein als seins. DelightFuller’s war ein Begriff an der Westküste. Ein Qualitätsmerkmal. Und das sollte es auch in Zukunft sein. Delight, Delightfuller, Daisy’s. Ha! Was bildete dieses kleine Miststück sich ein, ihn übertrumpfen zu wollen? Ihr Slogan musste weg. Punkt. Aus. Fertig.

»Du weißt genau, wieso ich darauf bestehen muss«, erwiderte er auf ihre letzte Bemerkung. »Ich werde es nicht dulden, dass es ein Deli gibt, dass sich über DelightFuller’s stellt. Niemals! Es ist ein Markenzeichen. Wir haben hart dafür gearbeitet, das muss ich dir wohl nicht erzählen. Und wenn diese Miss Marino nicht die älteren Rechte hätte, würde ich sie einfach verklagen. Es wird Zeit, dass wir die Sache endlich abschließen. Reservier mir für nächste Woche einen Flug nach New York.«

»Soll ich nicht doch lieber …?«, machte Carolyn einen letzten Versuch, ihn umzustimmen.

»Nein!«, unterbrach er sie und stellte sich vor Carolyn, ihre Schenkel mit einer entschlossenen Bewegung auseinanderschiebend. »Ich weiß dein Angebot zu schätzen, aber«, fügte er hinzu, indem er seiner Stimme einen sinnlichen Klang gab und ihr fest in die Augen blickte, »ich brauche dich hier für andere Dinge.«

Er umfasste mit einem Arm ihre Taille und beugte sich über sie. Dadurch zwang er sie ins Hohlkreuz, sodass sie sich mit den Händen hinterrücks abstützen musste, wenn sie nicht ausgestreckt auf dem Schreibtisch liegen wollte. Der Stoff der Bluse spannte sich dabei über ihren kleinen Brüsten, Carolyns Nippel reckten sich im quasi entgegen. Nur ein Handgriff an die Bluse und er könnte sich nach Herzenslust an ihren Brustwarzen bedienen. Genau nach seinem Geschmack. In seiner Fantasie war das allerdings erst der Anfang. Liebend gern hätte er Carolyn befohlen, sich auf den Boden zu knien und den Mund zu öffnen, damit er ihr seinen Schwanz hineinschieben konnte. Der Anblick, der sich ihm bot, konnte mit seiner Fantasie zwar nicht gleichziehen, zu verachten war er jedoch auch nicht. Zugegeben: Sie lieferte sich ihm nicht freiwillig aus, aber dadurch, dass er sie mit seinem Körper auf dem Tisch gefangen hielt, konnte er sich zumindest der Illusion hingeben, dass sie es tat. Jetzt musste sie nur noch mitspielen.

Seine freie Hand suchte sich einen Weg über ihren Schenkel, unter den engen Minirock. Er bekam gerade große Lust, sie so lange mit den Fingern zu ficken, bis sie darum bettelte, von ihm in den Arsch gefickt zu werden. Carolyn stand auf Analsex – und er tat es auch.

»Mister Fuller!« Carolyn gab ihrer Stimme einen bewusst ironisch-pikierten Tonfall. »Sie sollten Ihre Libido besser unter Kontrolle halten. Ich kann Ihnen unmöglich einen Flug nach New York buchen, wenn ich stöhnend auf dem Schreibtisch liege.«

Forschend betrachtete er ihre Augen. Leidenschaft? Fehlanzeige. Carolyn blickte ihn kalt und berechnend an. Es hatte mal eine Zeit gegeben, in der sie nicht so reagiert hatte, in der sie seinem Drängen nachgegeben hätte. Frustriert zog er die Hand unter dem Rock hervor. Vielleicht war der Zeitpunkt für die Reise nach New York gar nicht so schlecht. Ein paar Tage Abstand voneinander täten ihnen beiden gut. Er trat einen Schritt zurück und sah ihr hinterher, als sie den Raum verließ, um das Reisebüro anzurufen.

 

Kapitel 4: New York, New York

 

Das Taxi hielt vor dem Hotel Lexington. Jesse bezahlte den Fahrer und stieg aus. Es regnete. Jesse seufzte, denn er hatte keinen Schirm dabei. Warum auch? In Kalifornien war Regen um diese Jahreszeit eine Seltenheit. Dass das auf New York nicht zutraf, daran hatte er nicht gedacht. Zum Glück waren es bis zum Hoteleingang nur ein paar Schritte. Jesse ergriff seinen Koffer und betrat die Eingangshalle. Nach wenigen Minuten hatte er eingecheckt und inspizierte das Zimmer. Es war nicht besonders groß, dafür aber sauber und modern eingerichtet. Ausreichend für das, was er vorhatte. Ein Grollen im Bauch ließ ihn auf die Uhr gucken. Halb neun. Zeit fürs Abendessen. Angesichts des Sauwetters beschloss Jesse, im Hotelrestaurant zu essen. New York lief nicht weg, die Stadt konnte er sich auch morgen ansehen.

Am nächsten Morgen regnete es immer noch, der Himmel war wolkenverhangen. Schien in dieser Stadt denn niemals die Sonne? Jesse ließ sich mit dem Taxi zu Bloomingdale’s bringen, das nur ein paar Straßen entfernt war. Als er dort ankam, war das Kaufhaus noch geschlossen. Gemeinsam mit anderen Kunden wartete er unter einem Vordach darauf, dass sich die Türen des Konsumtempels öffneten.

Punkt zehn Uhr war es so weit. Ein uniformierter Türsteher schloss auf und begrüßte die ersten Käufer mit einem freundlichen Gruß. Jesse betrat zusammen mit den anderen Leuten das Geschäft und versuchte, sich zu orientieren. Aus den Lautsprechern des Kaufhauses ertönten ein paar Takte Musik in markantem Rhythmus, bevor Frankies unverkennbare Stimme erklang: Start spreading the news. I’m leaving today. I want to be a part of it, New York, New York …

Auf der Suche nach dem nächsten Wegweiser bewegte Jesse sich mit zügigen Schritten durch die Parfümerieabteilung, bis er vor einem beleuchteten, aufragenden Paneel stand.

Regenschirme, Regenschirme, Regen… ah! Regenschirme gab es im Erdgeschoss. Aber wo in diesem unüberschaubaren Warendschungel? Sein Weg führte ihn an Ledertaschen berühmter Modedesigner vorbei und dann sah er sie: Regenschirme in allen Farben und Größen. Er entschied sich für einen schwarzen Stockschirm und begab sich schnurstracks zur Kasse.

If I can make it there, I’m gonna make it anywhere, schmetterte Frankie durch das Luxuskaufhaus.

Jesse nahm es als gutes Omen. Er zahlte und verließ das Geschäft.

Was faszinierte die Leute nur so an New York? Er spannte den Schirm auf und ging die Straße hinunter. Das Wetter war jedenfalls grauenvoll. Dabei war es erst September. Einer der schönsten und wärmsten Monate in Kalifornien. Hier dagegen quetschten sich die Leute mit den Regenschirmen aneinander vorbei, immer aufpassend, dass man sich nicht ins Gehege kam und einem der Wind nicht den Schirm aus der Hand riss.

Er stieg, den Regenschirm im Gehen zusammenfaltend, die Treppen zur New Yorker U-Bahn hinunter. Während der Fahrt hatte er genügend Zeit, um sich noch einmal zu überlegen, was er der Schrulle Marino sagen wollte. Er tastete nach dem Briefumschlag in der Innentasche seiner Jacke. Nur ein Volltrottel würde die Summe ablehnen, die auf dem Scheck stand, der sich darin befand.

An der Christopher Street verließ Jesse die Subway. Am Himmel zeigte sich eine Wolkenlücke. Die Sonne ließ sich blicken. Der Wind hatte die Regenwolken offenbar weggepustet.

Moment mal! Regen? Verdammt! Er hatte den Schirm in der U-Bahn liegen lassen. Jesse ärgerte sich über seine Nachlässigkeit. Verschwendung war ihm ein Gräuel.

Das Sonnenlicht blendete ihn. Zum Glück hatte er seine Sonnenbrille immer dabei. Er kramte sie aus seiner Innentasche hervor, setzte sie auf und knöpfte die Jeansjacke zu. Auch wenn die Sonne sich zeigte, war der Wind alles andere als warm. Ein Blick auf die Navigationsfunktion seines Handys genügte, um den Weg zu seiner Widersacherin zu erkennen. Jesse ging die Christopher Street ein Stück entlang und bog am Waverly Place rechts ab. Dieses Viertel sah gar nicht so aus wie das New York, das er aus dem Fernsehen und den Nachrichten kannte. Die Häuser aus rotem Backstein mit den schmiedeeisernen Balkonen und Feuerleitern an den Fassaden waren maximal sechs bis acht Stockwerke hoch. Geradezu winzig im Vergleich zu den Wolkenkratzern im nördlicheren Manhattan. Alles war hier etwas kleiner, beschaulicher, familiärer. Interessiert schlenderte Jesse an den vielen originellen Läden vorbei, an Restaurants und Bars mit teilweise deutlichem Gay-Touch. Dazwischen ein Friseursalon, eine Buchhandlung und – er wollte es kaum glauben – ein Schallplattenladen! Und allesamt sahen sie so aus, als ob die Zeit im letzten Jahrhundert stehen geblieben wäre. Bunt, schillernd und kreativ präsentierte sich das Viertel, ein bisschen wie die SoMa in San Francisco. Jesse fühlte sich beinahe heimisch. Er bog um die nächste Ecke in die Macdougal Street, wo das Deli der widerspenstigen alten Schachtel lag, das er wenige Augenblicke später erreichte.

Er blieb einen Moment vor dem Schaufenster stehen. Daisy’s Deli prangte in geschwungenen Buchstaben auf dem Schaufenster – mit einem Gänseblümchen als i in Daisy. Darunter etwas kleiner: delicious food to take-out or sit-down – und schließlich der verhasste Slogan: Delight, Delightfuller, Daisy’s.

Das Innere machte einen aufgeräumten Eindruck, trotz der kitschigen runden Tische auf der anderen Seite des Schaufensters, die ebenfalls den Gänseblümchen-Look trugen. Die Besitzerin hatte offenbar ihren Namen zum Motto des Geschäfts gemacht. Wie kindisch! Um jeden Tisch waren vier Stühle arrangiert, nur zwei Tische waren besetzt. Weiter hinten im Laden bediente eine Verkäuferin eine Kundin, die sich an einer Theke mit Käse- und Wurstspezialitäten beraten ließ; eine zweite Verkäuferin, eine attraktive Brünette, stand hinter einer weiteren Theke und sortierte das Gebäck in der Vitrine. Der Laden schien nicht gerade eine Goldgrube zu sein. Es sollte ein Leichtes sein, die alte Schnepfe davon zu überzeugen, sein Geld zu nehmen und auf ihren Wahlspruch zu verzichten. Allerdings war von der Schnepfe nichts zu sehen. Kein Problem! Bestimmt konnte ihm eine der beiden niedlichen Verkäuferinnen sagen, wo die Inhaberin zu finden war. Jesse war bereit. Er ergriff den Türknauf und betrat den Laden. Die Schlacht konnte beginnen.

»Probieren Sie unsere Fenchelsalami, Mrs. Coleman. Sie ist mit Chianti verfeinert. Ideal für Crostini oder Antipasti …«

Die Kundin nahm die Kostprobe entgegen, Jesse wandte sich der dunkelhaarigen Verkäuferin zu. Sie drehte ihm gerade den Rücken zu und holte Bagels und Donuts aus einem Korb. Jesses Blick fiel unfreiwillig auf ihre schmale Taille und den wohlgeformten Hintern. Nicht zu verachten, die Kleine, dachte er und fand seine Gedanken bestätigt, als sie ihm ihre Vorderseite zuwandte. Lange braune Haare umschlossen ein ovales Gesicht, aus dem zwei meeresblaue Augen herausschauten, die lebhaft leuchteten.

»Womit kann ich Ihnen helfen, Sir?«, klang eine melodiöse Stimme aus dem herzförmigen Mund.

»Kann ich einen Kaffee bekommen?«

Er schob die Sonnenbrille über die Stirn ins Haar und betrachtete sie genauer. Sein Blick glitt über den Ausschnitt ihrer Bluse, aus dem der Ansatz ihres Dekolletés herausschaute. Reizend! Er bemerkte, dass ihr Mund ein Stück aufklappte. Sie fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Wollte sie ihn anmachen? Das war gar nicht nötig. Er fand sie auch so ausgesprochen anziehend.

»Selbstverständlich … Sir«, antwortete die liebliche Stimme, ihre Augen allerdings starrten ihn an, als hätte sie einen Geist gesehen. Sie stand wie festgewachsen und bewegte sich keinen Zentimeter vom Fleck.

»Ist alles in Ordnung, Miss? Oder fühlen Sie sich nicht wohl?«, erkundigte er sich vorsichtshalber.

Sie schien seine Frage nicht gehört zu haben, denn sie ging nicht darauf ein.

Stattdessen sagte sie: »Sie … Sie … haben braune Augen. Ha… ha… haselnussbraune Augen.«

Er lächelte sie an. »Ist das ein Verbrechen?«

Sie schüttelte den Kopf. »Sie sind mein Traum …«, fuhr sie fort und lief rot an. »Ich meine … ich meine … ich habe von Ihnen geträumt. Also nicht so, aber … die Sonnenbrille. Und Sie. Im Traum … Ich habe davon geträumt. Verstehen Sie …?«

Je mehr sie sich verhaspelte, umso breiter wurde sein Grinsen. War sie nicht süß? Es war lange her, dass er eine Frau nur durch Blickkontakt so sehr aus dem Konzept gebracht hatte. Die rosigen Wangen standen ihr übrigens ausgezeichnet. Und wenn er sich nicht irrte, dann wäre es ein Kinderspiel, die kleine Maus für heute Abend einzuladen – und vielleicht nähme dieser Abend ja noch eine ganz andere Wendung. Eine, zu der er – angesichts von Carolyns eisiger Zurückhaltung in der letzten Zeit – sicher nicht Nein sagen würde. Ihm lief bereits das Wasser im Munde zusammen, wenn er daran dachte, wie es sich anfühlen musste, ihre zweifelsohne üppigen Brüste in den Händen zu halten oder sich in ihren entzückenden runden Hintern zu krallen, während er tief in sie stieß und ihr bezaubernder Kussmund Laute hervorbrachte, die seinen Schwanz explodieren lassen würden.

»Ehrlich gesagt, ich verstehe kein Wort«, gab er zu. »Aber ich hätte nichts dagegen, wenn Sie es mir erklären würden. Vielleicht heute Abend? Beim Essen?«

»Beim Essen?«, wiederholte sie, als hätte sie ihn nicht richtig verstanden. »Das … das geht nicht.«

»Warum denn nicht?«, insistierte er. »Hat Ihre Chefin Ihnen etwa verboten, Einladungen von Kunden anzunehmen?«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, Sir.«

»Ah, jetzt weiß ich: Sie haben einen Freund und der hat etwas dagegen, wenn Sie mit fremden Männern ausgehen. Das verstehe ich natürlich.« Er beugte sich ein Stück über die Theke zu ihr hinüber und flüsterte: «Wenn ich er wäre, hätte ich auch etwas dagegen.«

Sie wurde noch einen Tick roter und schüttelte wieder den Kopf. »Nein, das ist es nicht …«

»Nein? Kein Freund? Dann wüsste ich nicht, was dagegen spricht.« An der Art und Weise, wie sie ihn ansah, bemerkte er, dass sie kurz davor war, Ja zu sagen. Um ihr den letzten Schubs in die richtige Richtung zu verpassen, entschloss er sich zu einer Notlüge. »Kommen Sie. Geben Sie mir eine Chance. Ich bin neu in der Stadt und kenne sonst niemanden. Leisten Sie mir an meinem ersten Abend in New York Gesellschaft. Bitte!« Er fixierte sie mit den Augen. »Wäre das wirklich so schlimm?«

»Nein.«

Sie wich seinem Blick aus, schaute ihn dann aber wieder an. Oh Mann! Dieser Augenaufschlag! Was würde er dafür geben, wenn sie ihm dabei einen blasen würde!

»Aber … Sie können mich doch nicht einfach zum Essen einladen. Ich kenne Sie doch überhaupt nicht.«

»Genau deshalb möchte ich Sie ja einladen. Um Sie kennenzulernen. Und wissen Sie was? Wir fangen am besten sofort damit an.« Er streckte ihr die Hand über den Tresen entgegen. »Ich bin Jesse. Jesse Fuller. Und wie heißen Sie?«

Sie sah aus, als würde sie aus einem Traum erwachen. Die blauen Augen funkelten ihn an, die Pupillen hatten sich zu kleinen Punkten zusammengezogen, die Stirn war gerunzelt.

»Mister … Fuller«, wiederholte sie tonlos. »Jesse Fuller?«

»Ja, richtig.« Er hielt ihr immer noch die ausgestreckte Hand hin. Was war denn auf einmal mit ihr los?

»Sie sind Jesse Fuller?«, fragte sie mit einem scharfen Unterton, jedes Wort dabei betonend.

Irgendetwas stimmte hier nicht. Er zog die Hand zurück.

»Ja. Und verraten Sie mir auch Ihren Namen?«

»Rachel«, sagte sie laut und deutlich zu der Verkäuferin am anderen Ende der Theke, »weißt du, wer das ist?« Sie wartete Rachels Antwort nicht ab, sondern fuhr fort: »Das ist Mr. Jesse Fuller aus San Francisco. Mr. Fuller, dessen Anwalt mir seit Monaten Briefe schreibt, in denen er behauptet, unser Slogan schädige den Ruf von Mr. Fuller, und wir sollten uns deshalb einen anderen überlegen.«

Erstauntes Gemurmel erklang hinter Jesses Rücken. Verwundert bemerkte er, dass sich während des Flirts mit der niedlichen Verkäuferin eine Schlange in dem Laden gebildet hatte.

»Miss … Da Sie offenbar gut informiert sind, sollten wir nicht besser in Ruhe …«

»Mrs. für Sie!«, unterbrach sie ihn. »Mrs. Marino, um genau zu sein.«

»Mrs. … Marino …« Er verschluckte sich fast an dem Wort, dann – mit einer Sekunde Verzögerung – kam die Information in seinem Hirn an. OH SHIT! »Sie sind Daisy Marino? Die Inhaberin?«

»Sehr richtig. Höchstpersönlich, live und in Farbe. Und ich würde vorschlagen, dass Sie sagen, weshalb Sie hergekommen sind, denn wie Sie sehen, habe ich Kunden zu bedienen.«

Verdammt! Das mit dem Essen und dem Sex danach konnte er wohl abhaken.

»Mrs. Marino«, versuchte er, sie zu beschwichtigen, »sollten wir die Angelegenheit nicht besser in Ruhe in Ihrem Büro …«

»Mr. Fuller!«, unterbrach sie ihn ungehalten. »Es tut mir leid, aber ich habe nicht so viel Zeit. Kommen Sie lieber zur Sache. Also: Weshalb sind Sie hergekommen?«