Annäherung an einen Zieleinlauf - Gerold Kamsties - E-Book

Annäherung an einen Zieleinlauf E-Book

Gerold Kamsties

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Beschreibung

In der vorliegenden Erzählung "Annäherung an einen Zieleinlauf", die an manchen Stellen einer Autobiographie nahe kommt, wird der Werdegang eines eher zufällig in das Blickfeld geratenen Menschen geschildert, der ziellos und mit geringen Ehrgeiz von einem Lebenswendepunkt zum nächsten stolpert, bis er sich schließlich, erkennbar, zu einer erwähnenswerten, wenn auch wirkungslosen Aktion aufrafft. Der Tatsachenbericht "Der Abschied" beschreibt - mit einem Vergrößerungsglas betrachtet - ein sehr frühes Zeitintervall und eine sehr früh gelegene Wegstrecke der "Annäherung". Dieser Schreibarbeit verdankt der Autor den Großteil seiner Motivation, ihr entnimmt er den Namen seines Protagonisten.

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Seitenzahl: 180

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhalt

Annäherung an einen Zieleinlauf I

Annäherung an einen Zieleinlauf II

Der Abschied

Annäherung an einen Zieleinlauf I

Kapitel 1

Zu Beginn der sechziger Jahre, an einem Freitagabend im Sommer, begab sich Ulrich K.mit Eisenbahn und Schiff auf eine Kurzreise nach Norden. Sein Ziel, dem er sich mit bangem Herzen in den Nachtstunden näherte, war Schweden, genauer, die Hafenstadt H. im Süden des Landes.

Den Auftrag zu dieser Reise hatte ihm die vollständig anwesende Familie erteilt, als er nach einem langen Arbeitstag gegen halb sechs im Elternhaus eingetroffen war.

Sein Bruder, hatte man ihn informiert, läge dort in Schweden hilflos in einem Krankenhaus; er werde künstlich beatmet und sein Zustand sei kritisch. Die Mutter habe dies vor zwei Stunden mit ihren unvollkommenen englischen Sprachkenntnissen den Aussagen eines Telefonanrufers entnommen.

Ulrich, so hatte man es dann ausgesprochen, sollte dort im Krankenhaus in der Stadt H. in Südschweden nach seinem Bruder sehen und ihm, wenn nötig, zur Seite springen.

Die Reise werde sicherlich nur kurz sein, zwei Tage gegebenenfalls; so hofften die bestimmenden Familienmitglieder. Sie dachten nämlich daran, dass die Arbeitskraft des Fünfundzwanzigjährigen am kommenden Montag auf seiner Hamburger Schiffswerft bei der Fertigstellung eines Tankers, der fast bereit zum Stapellauf auf dem Helgen lag, benötigt werden würde.

Nun begab es sich aber, dass Ulrich K. für die Reise noch einen zusätzlichen Tag in Anspruch nehmen musste, er also, wir greifen vor, erst am Dienstag auf der Werft wieder seiner Arbeit nachgehen konnte. Denn sein Bruder, er war gerade zwanzig Jahre alt geworden, er hatte sich als Seemann versucht, war in der Nacht zum Samstag, kurz vor Sonnenaufgang verstorben.

Eine Lebensmittelvergiftung, ein Unglücksfall!

»Ein Arbeitstag, der Montag, wird nötig sein, um alle anfallenden Dinge vor Ort zu erledigen«, plante Ulrich. »Frühestens am Dienstag werde ich wieder auf meiner Arbeitsstelle sein können.«

So hatte der pflichtbewusste Ulrich damals gefolgert, bevor er, ohne es verhindern zu können, in Tränen ausbrach.

Die nächsten Tage? Wie hat der Trauernde sie verbracht, den Samstag, den Sonntag? Wo hat er geschlafen?

Man hatte ihm im Krankenhaus hilfsbereit ein Bett in einem Patientenzimmer angeboten; auch die Krankenschwestern kümmerten sich verständnisvoll um den traurigen Angereisten; Englisch radebrechend versuchte man sich zu verständigen.

Schließlich wurde noch eine deutsche Lernschwester aufgetrieben, sie war etwa im gleichen Alter und attraktiv, die mit ihm an den beiden Wochenendtagen die Zeit verbrachte und sich mühte, seinen Kummer zu verdrängen. Das gelang ihr nur unvollkommen, denn ihrem trauernden Sorgenkind stand in ihrer Gegenwart der Sinn nicht nach tiefsinnigen Gesprächen über vorbestimmte oder zufällige Schicksalsschläge.

Aber nicht nur seine Schüchternheit stand ihrem schwerblütigen Landsmann im Wege, sondern auch sein Gewissen bedrängte ihn, passten seine Wünsche doch so überhaupt nicht zu dem Ereignis, dessen wegen er diese Reise angetreten hatte.

Irgendetwas, ähnlich der hier beschriebenen Situation, stand, wenn wir zurück blicken, seinem Glück oft im Wege; mit anderen Worten: die Rolle des Pechvogel war in vielen Fällen für ihn reserviert.

Kapitel 2

Schon damals, auf dem Gymnasium, war vieles schief gelaufen. Denn Ulrich wurde nicht in die Oberprima versetzt, weil er in mehreren Schulfächern schwächelte, sodass das Klassenkollegium ihm nicht zutraute, die Abiturprüfung im darauffolgenden Jahr erfolgreich zu überstehen

Es war nicht so, dass es an Unterstützung durch wohlmeinende Lehrer gefehlt hätte – gerne erinnerte Ulrich sich bei Schulzeiterzählungen an seinen Klassenlehrer Kühl, der aufmunternde Worte sprach und Julklappgeschenke mit motivierenden Texten versah, die mit »Lieber Ulrich« begannen und dem Versprechen, wohlgesinnt zu bleiben, endeten.

Auch die darauf folgende Wiederholung der Klassenstufe wurde für Ulrich, unseren Unglücksraben, zum Desaster. Die Mehrheit der Fachlehrer erlangte die Gewissheit – die meisten Lehrer bilden sich nach einer gewissen Zeit über einen Jugendlichen eine endgültige Meinung – dass der Wiederholer seine Gymnasiastenkarriere beenden sollte.

Also erlernte Ulrich den Beruf des Schiffbauers. Sein Vater, Angestellter einer Bank, die mit einem lokalen, eisenverarbeitenden Industriebetrieb zusammenarbeitete, hatte sich dafür eingesetzt, dass der gescheiterte Gymnasiast dort als Lehrling unterschlüpfen konnte.

Er begann dort seine Tätigkeit in der Lehrwerkstatt, die von der eigentlichen Werft getrennt in einem anderen Stadtteil lag.

Die Auszubildenden erhielten einen, gemessen an späteren Maßstäben, niedrigen monatlichen Ausbildungszuschuss und alle mussten, das wurde angedroht, eine längere Probezeit durchstehen. Während dieses Aufenthalts in der Lehrwerkstatt beschäftigte Ulrich sich ausschließlich damit, in enger Gemeinschaft weiterer Schiff- und Maschinenbauer mit einer Feile Eisen zu bearbeiten. Er feilte am Schraubstock stehend von morgens bis abends, sodass im Laufe der Zeit die Innenflächen der Hände wund wurden.

Die bearbeiteten Gegenstände wurden penibel von einem Ausbilder überprüft; er kontrollierte bei den Quadern die Rechtwinklichkeit, die Gleichseitigkeit bei den aus Eisenblech angefertigten Dreiecken, die in gleich dimensionierte Öffnungen präzise eingepasst werden sollten, die Funktionalität bei hergestellten Nutzwerkzeugen, wie fixierbaren Zirkeln oder gebrauchsfähigen kleinen rechten Winkeln. Nicht alle Lehrlinge absolvierten die Probezeit erfolgreich, denn sie verzweifelten an den Genauigkeitsansprüchen der Ausbilder, sodass sie schließlich – einige waren erst fünfzehn Jahre alt – gänzlich den Dienst an der Feile verweigerten und nur noch die Zeit bis zum Feierabend verstreichen ließen.

Nach der Lehrwerkstatt, die Menge der Auszubildenden war ein wenig ausgedünnt worden, wurden die Feilenden, seien es Schiffbauer, Maschinenbauer oder andere, auseinander gerissen und in die verschiedenen Gewerke beordert. Den Schiffbauern boten die Verantwortlichen die folgenden Arbeitsplätze an: Anzeichnerei, Vormontage, Bordmontage, Ausrüstung, Reparatur.

In der Vormontage wurden angezeichneten Bleche zu größeren Bauteilen, wie Aufbauten, Bug, Heck zusammen gesetzt. Diese größeren Schiffsteile schweißten oder nieteten die dort Tätigen bei der Bordmontage zu dem auf der Helling liegenden schwimmfähigen Schiff zusammen. Nach dem Stapellauf vervollständigten Schiffbauer und andere Handwerker, wie Maschinenbauer, Elektriker, Tischler das am Kai liegende Schiff zum fertigen Neubau.

Diese angegeben Gewerke durchliefen die Schiffbaulehrlinge in unterschiedlicher Reihenfolge.

Unser Ulrich kam in der Ausrüstung zum ersten Mal mit der Werft in Berührung. Er wurde einem älteren Gesellen zugeordnet, einem gestandenen, erfahrenen Schiffbauer, der bei seiner Tätigkeit stets im Kopf zu haben schien, dass er diesen körperbelastenden Beruf noch etwa zwanzig Jahre bis zur Rente würde ausüben müssen: Mit großer Entschiedenheit weigerte er sich, das bekam sein neuer Gehilfe bald mit, schwerere Gegenstände oder Bauteile – selten befanden sie sich dort, wo sie eingebaut werden sollten – zu tragen oder auch nur anzuheben, gewöhnungsbedürftig für den jugendfrischen Lehrling. Sehr häufig wurde dann der Kran in Anspruch genommen, den auch der Vorarbeiter, ein echtes Original, häufig nutzte, indem er sich mit einer Hand am Kranhaken hängend, über die gähnenden Abgründe des Laderaums transportieren lies.

Unübersehbar war Ulrichs Ausbildungsgesellen ein gewisser Klassenstolz zu eigen; er behandelte seinen neuen Gehilfen kollegial, freundlich und verständnisvoll, sodass jener im Kreise anderer Lehrlinge erwähnte, dass er es gut getroffen habe mit seinem ihm zugewiesenen Vorgesetzten.

In der »Ausrüstung« lernte Ulrich auch ein aussterbendes Handwerk kennen: Ein Nieterteam bestand aus drei Mitgliedern. Einer von ihnen arbeitete am Kohleofen, in dessen Glut er die Nieten zur Rotglut erwärmte, um sie dann dem zweiten Teammitglied zu zuwerfen. Dieser fing die rotglühende Niete mit einem eimerähnlichen, aus Leder gefertigten Behälter auf, steckte sie mit einer Zange in das vorgesehene Nietloch und übte mit einem schweren Hammer den Gegendruck aus auf die Niete, sobald der Dritte im Bunde das rotglühende Nietende mit einem Niethammer zum Nietkopf verformte. Das charakteristische Hämmern war im Hafen weithin zu hören, solange, bis diese Art der Verbindung zweier Eisenplatten vollständig durch das Schweißen ersetzt wurde.

Das Gewerk »Reparatur« lernte unser Held im Anschluss auf einer kleinen Flusswerft kennen; sie lag am selben Elbarm wie die Hauptwerft etliche Kilometer flussaufwärts im Südosten der großen Stadt.Auf dieser Werft wurden überwiegend Flussschiffe in Stand gesetzt. Bei der Überholung lagen die Schiffe mit ihrer Längsseite parallel zur Uferlinie auf mehreren schlittenförmigen Untersätzen am zum Wasser hin abschüssigen Ufer. Mit Hilfe dieser Schlitten, die auf Schienen ins Wasser hinein beweglich waren, hatte man sie aufs Trockene gezogen, um an und in ihnen arbeiten zu können.

Ulrich verbrachte drei Monate in diesem Gewerk. Die Zeit fiel in einen kalten Winter; in großen Metallfässern glimmten Kohlefeuer, an denen man sich in Abständen die trotz der Handschuhe kalten Hände wärmen konnte. Auf dieser kleinen übersichtlichen Werft wurde die Arbeitsdisziplin hoch gehalten: Sehr pünktlich wurde morgens um sieben Uhr mit der Arbeit begonnen und die Frühstücks-und Mittagspausen wurden penibel beendet.

Trotz dieser zunächst etwas abschreckenden Umstände – man fühlte sich im Vergleich zum Arbeitsklima auf der Hauptwerft wesentlich stärker kontrolliert – die Zeit dort an der Oberelbe verging schnell, angenehme Monate waren es nicht nur im Rückblick.

Das neue Jahr brach an, bald würde ein Arbeitsplatzwechsel folgen; wir sehen unseren Ulrich, er steht im Eisenlager der kleinen Werft am Ufer des eindrucksvollen Flusses und bestaunt die zwischen den gelagerten verschiedenartigsten Eisenblechen hervor sprießenden Frühlingsblumen.

Selbst hier hatte der Frühling Einzug gehalten und die frisch gewachsenen Grashalme hatten die Farbe des wintergelben, zertretenen Rasen in ein augenfreundliches Grün verwandelt.

Gerne erinnert man sich an solche Begebenheiten: Fast regelmäßig, sofern Ulrich sich später den Verlauf seiner Lehrzeit in den weit zurückliegenden Jahren ins Gedächtnis zurückrief, tauchte aus den vielen Bildern jener Aufenthalt im Eisenlager der Werft an diesem Frühlingsnachmittag auf.

Er sah sich – er stand in Arbeitskleidung am Elbufer, unter freiem Himmel, ein frischer Wind wehte – und fast immer, zusammen mit diesem Bild, sah er auch die frischen Frühlingsblumen am Boden zwischen den aufgeschichteten Flach-und Winkeleisen.

Ein paradiesischer Anblick? Unangemessener Überschwang bei der Ortsbeschreibung?

Aber ausgerechnet diese schlecht ausgestattete, überschaubare kleine Werft, langgestreckt am Elbufer gelegen, am Rande der Welt gewissermaßen, ein Arbeitsplatz mit strengen Regeln, hatte damals in dem empfindsamen Lehrling ein Gefühl erzeugt, das man mit dem Begriff Geborgenheit bezeichnen könnte.

Kapitel 3

Ulrich legte die Zeitschrift, in der er gelesen hatte, beiseite und überdachte das Gelesene. Was hatte er gelesen? »Schon seit dem ersten Bucherfolg von Thilo Sarrazin war klar, dass die Sorge der nationalen und persönlichen Deklassierung eine bestimmte bürgerliche durchaus akademisch gebildete Gruppe umtreibt …« Eine zweifellos kluge Aussage eines zweifellos klugen Autors.

Obwohl die Voraussetzungen auf ihn nicht zutrafen, er war Arbeiter, gelernter Schiffbauer, Rentner, keiner Gruppe zugehörig, störte ihn die apodiktische Art und Weise, mit welcher der Verfasser des gelesenen Artikels, ihm, dem Leser, seine Ansicht als die richtige Ansicht der Dinge vorsetzte.

Sollte man widersprechen – aber was erreicht man schon?

Mit Erschrecken wurde Ulrich bewusst, dass er früher, als er noch mit mehr Herzblut am Leben, dem öffentlichen, teilnahm, ihn solch eine Zeitungslektüre veranlasst hätte, voller Empörung Leserbriefe abzufassen. Solche Schreibübungen befriedigten ihn, obwohl diese Briefe von ihm häufig nicht abgeschickt wurden, er sie vielmehr nur in einer Mappe abheftete. Jetzt hingegen nahm er solche Texte nur noch zur Kenntnis und empörte sich allenfalls im Bekanntenkreis, wobei der Gebrauch des Begriffes »Empörung« zur Beschreibung seines Zustandes im Vergleich zu früheren Reaktionen eigentlich nicht angemessen war.

Denn in den letzten Monaten war die ausgedehnte Zukunft, die er meinte für seine Lebensplanung zu benötigen, wodurch auch immer, gefühlt zu einem erschreckend kleinen Zeitintervall zusammen geschrumpft; dies hatte zur Folge, dass er wegen der fehlenden Perspektive viele Dinge, aktuelle Ereignisse, gleichgültig nur noch »zur Kenntnis« nahm.

Sein Denken kreiste um jene zurückliegenden Gegebenheiten, die man im Nachhinein als Wendepunkte ansehen konnte, Momente, in denen sich sein Leben in eine ganz andere Richtung hätte wenden können. Solche Augenblicke gab es viele auf seiner Lebensachse. Was wäre geschehen, wenn er zu dem einen oder anderen Zeitpunkt einen ganz anderen Weg eingeschlagen hätte?

Wie war das damals? Neun Jahre war er alt seinerzeit; zwei katholische Nonnen hatten in einem kleinen Dorf Oberbayerns das schulische Fundament gelegt. Zwei Nonnen, die sich nicht nur körperlich unterschieden. Die eine war sanft im Umgang mit den Schülern, die andere, dickere, hatte eher gegensätzliche Eigenarten. Oft übellaunig, griff sie gerne zum Stock, um mit dessen Hilfe den männlichen Schülern Zucht, Ordnung und Fleiß beizubringen.

Ulrich litt mit ihr, wenn er beobachtete, dass sie bei großer Sommerhitze mit den Fingern der rechten Hand in ihrem Gesicht zwischen Wange und eng anliegender weißer Haube entlang strich, er litt mit seinem Freund, wenn sie ihn mit einem Lineal, zwischen Unter-und Oberkiefer gepresst, zwang, den Mund zu öffnen, um lauter und verständlicher zu reden.

In dieser dörflichen Zwergschule, mindestens zwei Altersstufen saßen in einem Klassenraum, man schrieb auf zerbrechlichen Schiefertafeln, wurde unser sensibler Protagonist auf die Prüfung für den Übergang zum Gymnasium in der nächsten Kleinstadt vorbereitet.

Eine der beiden Ordensschwestern, es war die schlagkräftige, beschrieb auf väterliche Nachfrage den angehenden Prüfling mit »begabt, jedoch sehr phlegmatisch« und eigentlich, in ihren Augen, zu jung an Jahren. Insgesamt hätte der fragende Erzieher aus ihren Worten wohl eher Skepsis als Zustimmung heraushören können.

Kurz und gut, der kleine Ulrich, verwirrt durch die Umstände, die Anfahrt mit der Eisenbahn, die im Vergleich zum Dorfleben städtische Umgebung, auch die Prüfungssituation, bestand die Prüfung erst im darauffolgenden Jahr.

Ein glückliches Halbjahr auf dem Gymnasium der Kleinstadt folgte.

Er war Fahrschüler zusammen mit vielen anderen Jugendlichen; er erreichte seine Schule nach einer Radfahrt zum Bahnhof, einer längeren Zugfahrt und einen Marsch vom Bahnhof in die Altstadt seines Zielortes.

Wäre er nur dort in Süddeutschland geblieben! Vielleicht wäre der Misserfolg bei der ersten Aufnahmeprüfung der einzige Fehlschlag geblieben.

Jahre später, nach schulischen Niederlagen, nach absolvierter Lehrzeit, nach unterschiedlichen Tätigkeiten zum Gelderwerb, machte Ulrich den Versuch, das einst Versäumte nachzuholen. Er bereitete sich zum Erwerb der Hochschulreife knappe zwei Jahre an einer privaten bezahlten Lehranstalt vor. Er tat dies nicht gewissenhaft, wie so gerne in solchen Fällen formuliert wird, sondern eher nachlässig und an manchen Tagen, vielleicht hervorgerufen durch die nebenher laufende anstrengende Berufstätigkeit, offensichtlich manchmal nur sehr oberflächlich. Trotz dieser misslichen Voraussetzungen riskierte er mutig den Schritt in die Prüfung.

Herr Ulrich S. wurde durch Verfügung … vom 23. Januar 19 … des Niedersächsischen Landesverwaltungsamtes – Höhere Schulen – Hannover zur Prüfung als Schulfremder zugelassen und dem unterzeichneten Prüfungsausschuss zur Prüfung nach dem Lehrplan eines mathematisch – naturwissenschaflichen Gymnasium überwiesen.

So lautete der Text, der ihm nach der Prüfung ausgehändigt wurde; zusätzlich wurden die Prüfungsergebnisse in den acht Prüfungsfächern angegeben. Einige waren nicht ausreichend.

Ulrich S. hat die Reifeprüfung nicht bestanden; so lautete die für ihn wichtige Schlussbemerkung.

Mittlerweile kennen wir unseren Helden und wir vermuten richtig; er wiederholt die Prüfung.

Im zweiten Anlauf, im nächsten Jahr, war der Versuch erfolgreich und unser Held gehörte zu der siegreichen Hälfte aller angetretenen Prüflinge.

Warum absolvierte Ulrich das für ihn so wichtige Examen fern der Heimat in Niedersachsen, wird sich mancher Leser fragen.

Einige der zur Prüfung entschlossenen Mitstreiter hatten sich umgehört und hatten erfahren – es sei mehr als ein Gerücht – dass die Prüfer der seine Heimatstadt umgebenden Bundesländer gnädiger mit den Prüflingen verfahren würden. Und weiter: Niedersachsen wiederum, sei der Stadt Lübeck, auch ein möglicher Prüfungsort, vorzuziehen. Auf diese Weise kam die Kleinstadt Buxtehude, mit der Bahn gut zu erreichen, bei der Mehrheit der Kandidaten ins Spiel. Dieser Mehrheit hatte auch Ulrich sich angeschlossen.

Das Weitere verlief dann bei allen Beteiligten ähnlich: Abmeldung in der Heimatstadt, und Anmeldung in Niedersachsen, unter einer Adresse, die ein Freund zur Verfügung stellte.

Zur schriftlichen Prüfung reiste man an, quartierte sich in einem Hotel ein, zur mündlichen Prüfung, einige Wochen später, wiederholte sich dieser Vorgang. Erstaunlicherweise, dies am Rande, war, ähnlich wie beim ersten Versuch, ziemlich genau eine Hälfte der Prüflinge über die aufgebauten Hürden hinweg gesprungen.

Der Held unserer Geschichte wollte sich nun auf der Universität intensiver mit Mathematik beschäftigen, denn er meinte, er hatte Differential-und Integralrechnung kennengelernt und auch das Angebotene meistens durchschaut, dass seine Begabung ausreiche, um erfolgreich zu bestehen.

In einem Alter, in dem Karl Friedrich Gauß bereits promovierte, in seiner Dissertation darüber nachdachte, wie man die reelle Zahlengerade zu einer Ebene umändern könnte, um auch die imaginären Zahlen unterzubringen, in diesem Alter begann Ulrich mutig sein Studium, die übergroßen Fußstapfen solcher Art Helden beständig vor Augen. Mathematik und Physik waren die Fächer, mit denen er sich beschäftigte; das Berufsziel – Lehramt oder Mathematikdiplom hatte er ins Auge gefasst – würde sich sicherlich ergeben, glaubte er.

Nicht nur die Fußstapfen waren recht groß, zu groß; auch die Schrittweite überforderten unseren Helden. Mit großem Tempo wurde in der Anfängervorlesung die Analysis durcheilt, auch in der Anfängervorlesung der Analytischen Geometrie ging es hurtig voran. Die regelmäßig zu lösenden Übungsaufgaben wurden schwieriger und schließlich schier unlösbar für Ulrich, unseren naiven, schlecht vorgebildeten Studenten.

Erkennbar fehlte es ihm für diese Anforderungen an Kampfgeist, an Ausdauer, aber auch an Routine, die man nur durch fleißiges Üben mit dem Schreibstift in der Hand erwirbt. Kurz, diese Fähigkeiten und nützliche andere gingen ihm ab, sodass er in dem Fach Mathematik, ähnlich den vielen Jugendlichen an den Schulen, wegen Erfolglosigkeit resignierte.

So kam es, dass Ulrich nach einigen Semestern, die mit vielen Misserfolgen und Niederlagen angefüllt waren, die Mathematik zunehmend links liegen ließ, um sich notgedrungen mehr dem Gelderwerb zu widmen. Denn seine Mutter, in deren Wohnung er noch weiterhin seine Füße unter den Tisch stellte, verlangte von ihm, das Geld war knapp, einen Beitrag zu seinem Lebensunterhalt.

Mit dem tröstlichen Gedanken im Hinterkopf – das Studium könne er, ernsthafter, jederzeit wieder aufnehmen – verdiente Ulrich seinen Lebensunterhalt zunächst mit kleinen kaum erwähnenswerten Nebenjobs: Er arbeitete u.a. in einer Tischlerei, bis er der Personaleinsparung seines Chefs zum Opfer fiel, er fuhr einen Lieferwagen, bis er das Fahrzeug bei einem kleinen Verkehrsunfall beschädigte, er befeuerte den Winter über in den frühen Morgenstunden, von sechs bis vierzehn Uhr, die Kohleöfen zweier Grundschulen, bis die Frühlingstemperaturen anstiegen und die Heizung schließlich abgestellt wurde, er war Kulissenschieber am Operettenhaus, bis das Stück, ›My Fair Lady‹, vom Spielplan entfernt und durch ein neues ersetzt wurde.

Kapitel 4

Schließlich, der Leser ahnt es, heftiges Zureden seiner Mutter taten ein Übriges, landete Ulrich wieder in dem Beruf, den er erlernt hatte: Er verdiente fortan sein Geld auf der Werft, auf der er auch drei Jahre während seiner Lehrzeit ausgebildet worden war.

Seine Entlohnung war aus späterer Sicht recht bescheiden: Sein Stundenlohn betrug mit Akkord weniger als drei Mark, er arbeitete 42 Stunden in der Woche und sein Wochenlohn betrug etwa neunzig Mark.

Seine regelmäßige Berufstätigkeit versetzte ihn in die Lage, sich einen großen Wunsch zu erfüllen: Er mietete sich zum großen Kummer seiner Mutter eine eigene Wohnung. Das war für den jungen Ulrich fürwahr keine leichte Entscheidung.

Beide, der Sohn und seine Mutter, litten sehr unter dieser räumlichen Trennung. Er, weil sie ihm leid tat, sie, weil sie plötzlich ihr Alter bemerkte und in Momenten des Alleinseins erkannte, dass die Kinder, die sie groß gezogen hatte, ihre Mutter nicht mehr benötigten. »Nun hat mich auch mein letztes Kind verlassen«, klagte sie oft. Denn auch die Älteste, die Tochter, hatte bereits vor dem Unglücksfall des jüngeren Bruders zunächst das Elternhaus verlassen und einige Zeit später der Heimatstadt den Rücken gekehrt.

Ulrichs Wohnung war klein, sie lag im vierten Stockwerk eines Mehrfamilienhauses, die Miete war erschwinglich. Das Haus in einer kleinen Seitenstraße war Teil eines Häuserblocks mit ähnlich aussehenden Haustüren, sodass mancher Bewohner im Gespräch beichtete, sich anfänglich stets zusätzlich mit Hilfe der Hausnummer vergewissert zu haben, dass er tatsächlich vor seinem Heimathafen angelangt sei.

Nun zurück zu seiner Werfttätigkeit. Er arbeitete, wie bereits oben erwähnt, in der Bordmontage. In diesem Gewerk wird das Schiff nach der Kiellegung auf der Helling zu einem stapellaufbereiten und schwimmfähigen Schiff zusammengebaut. Ein Junggeselle, ein Neugeselle, gerade erst aus gelernt, von heute auf morgen gezwungen selbstständig, eigenverantwortlich zu arbeiten, muss sich das Vertrauen seiner Vorgesetzten, Meister, Vorarbeiter, zunächst erarbeiten. Folglich bekommt er anfänglich Arbeitsaufträge der einfacheren Art zugeteilt, die viel körperlichen Einsatz verlangen und nur mühsam in der vorgegebenen Zeit zu bewältigen sind.

Ein Geselle, so war es auch hier, hat einen Helfer an seiner Seite, der häufig älter, Familienvater bereits, darauf drängt, die vorgegebene Arbeitszeit zu unterbieten, um die Leistungszulage, Akkord, zu erhalten.

Folgende Situation ist denkbar: Ein schweres, von Hand kaum zu bewegendes Bauteil wird vom Kran durch die Ladeluke auf dem Schiffsboden abgelegt. Das schwere Eisenblech, Riegelblech genannt, es verbindet die Längsversteifung der Schiffsaußenhaut durch das Schott hindurch, soll in der hintersten Ecke des Laderaums eingebaut werden. Wegen der Schwere des Bauteils benötigt der Schiffbauer einen Zughub, eine Art Flaschenzug, um das Blech an die Baustelle zu schaffen. Er geht zur Ausgabe des Gerätemagazins und erfährt, dass sämtliche Hilfsmittel dieser Art ausgeliehen sind. Mit Hilfe der abgegebenen Personenmarken kann der freundliche Mitarbeiter im Magazin einen derzeitigen Benutzer eines Flaschenzuges ermitteln. »Kollege«, spricht er, »der Müller bei euch in der Bordmontage hat einen Zughub vor fünf Wochen ausgeliehen. Frag ihn mal, ob er ihn zur Zeit entbehren kann.«

Man geht zurück auf die Baustelle, auf das auf dem Helgen ruhende Schiff, sucht und findet den Kollegen Müller; er arbeitet im hintersten Winkel des halbfertigen Schiffsrumpfes. Der Zughub befindet sich in seiner Kiste. Gnädig überlässt er dem bittenden Kollegen den Schlüssel für das Schloss an seiner Materialkiste, die außerhalb des Schiffes zum Schutz gegen Regen unter dem Schiffsboden steht.

»Den Schlüssel bringst du mir aber gleich wieder«, fügt er noch an. Durch solcherart Lauferei sind gut und gerne fast zwei Stunden verstrichen, denn das Innere des Schiffes kann man nur oben durch die Öffnungen im Deck verlassen. Und im Hintergrund nörgelt der ältere Helfer, der Familienvater, der seinen Akkord, 25-30 % sollten es schon sein, zusammen schrumpfen sieht.

Bereits nach acht Wochen verließ Ulrich die Bordmontage, das Gewerk für harte Männer, um im Zeichenbüro anzuheuern.

Hier im Zeichenbüro, an großflächigen Tischen, wurden die Schiffe, sofern es Neubauten waren, mitsamt ihrer Einzelbauteile konstruiert und im verkleinertem Maßstab auf lichtdurchlässige Folien gezeichnet. In der optischen Anzeichnerei, eine Abteilung weiter, tauchten dann mit Hilfe optischer Geräte und Projektion die Realabmessungen auf den anzuzeichnenden Eisen platten wieder auf.