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Annisa wird in Afrika von einem deutschen Paar adoptiert und nach Europa gebracht. Sie beginnt ihre Reise auf der Suche nach einem Weg, das Leben frei von Beeinflussung zu leben. Dabei trifft sie auf unterschiedliche Menschen, die Annisa in ihre Weltanschauung von richtig oder falsch ziehen wollen. Als ihr Bruder als Flüchtling ebenfalls in Europa ankommt und in einen mysteriösen Banküberfall verwickelt wird, nimmt Annisas Reise eine abrupte Wendung, bei der sie sich in Lebensgefahr bringt.
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Seitenzahl: 177
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Annisas Flügelvon
Martin E. Greil
Für Simone
Prolog
Tag eins
Die neue Stadt
Die Reise
Afrika
Der Traum des Bauern von den Ratten, den Reichen und dem System
Die Auslese
In einer anderen Welt
Schatten der Vergangenheit: Über loslassen und fliegen
Der Freund
Das Verhör
Der Mann neben ihr
Anneliese
Der Einsatz
Annisa und Anton Karlo Geiger
Die Bank
Der Einsatz
Das Spiel
Annisas Flügel
Ihr Name ist Annisa Masud. Das ist Annisas Geschichte, so wie sie mir erzählt wurde.
Ene mene miste, es rappelt in der Kiste. Europa. Na, mal nicht schlecht. Der Schicksalsschatzmeister hat ihm einen Bonus verschafft. Der nächste bitte.
Eine mene miste, es rappelt in der Kiste. Afrika, mitten drinnen. Autsch. Schlechter Start. Irgendwo in einem kleinen Dorf. Weit und breit nichts ausser ein par Lehmhütten, Ziegen, Kühe und viele Kinder. Sie nannten ihn Kani. Kani Masud, der Glückliche. War er das auch, der Glückliche? Soweit er sich an seine Kindheit erinnern konnte war er das. Frei, in der großen Ebene, in Afrika. Sie hatten keinen wirklichen Besitz. Die Tiere sahen sie als Teil der Natur. Diese gehörten allen. Sie hatten nicht einmal Kleidung. Das ganze Jahr lang waren sie nackt - so, wie sie geschaffen wurden. Ja. Er dachte, er war sehr glücklich. So lebte er in seinem kleinen Dorf mit seiner Frau Ani und den Kindern. Elli, der Sohn, war zehn und Annisa, die Tochter, acht. Sie waren glücklich mit ihrem Leben, bis sich eines Tages vieles änderte.
Im Nachbardorf, das sie Athandii nannten, eröffnete eine große Fabrik. In ihr wurden Konservenbüchsen, das Fleisch aus Afrika enthielt, produziert. Es kamen Europäer nach Athandii. Sogar ein Supermarkt wurde extra für die Manager, welche die Fabrik leiteten und ihre Familien gebaut. Dort gab es die Produkte aus Europa zu kaufen. Jeder der Einheimischen wollte einmal in den Supermarkt, um zu sehen, ob die Gerüchte über die Waren aus Europa stimmten. Es sollten die Besten sein die es überhaupt gab. Wer konnte, versuchte einen Job in der Fabrik zu bekommen. Sie suchten viele Arbeiter und zahlten auch etwas. Es war überhaupt das erste mal, dass man in ihrer Region Geld verdienen konnte.
Doch ohne Kleidung durfte man dort nicht eintreten. Es war verboten, nackt in den Supermarkt zu gehen. Dort kauften auch die Frauen der Firmenmanager ihre Waren. Auch für die neue Brotausgabestelle brauchte er Kleidung. Die verschenkten Brot. Das war gut, dachte er. Die Frauen der Manager meinten, sie müssten sich um die Armen in Athandii kümmern. Das war ihre Aufgabe in Afrika. So brauchte Kani ein Shirt und eine Hose. Die im Dorf nannten ihn danach auch abfällig >Shirt und Hose<. Das war Kani egal. Er war der erste der es geschafft hatte, ein Shirt und eine Hose zu bekommen. Dafür musste er aber einen Glauben annehmen. Bei der Lebensmittelausgabe für die Armen bekam er die Kleidung. Vorher musste er sich taufen lassen. Das war die Bedingung für die Kleidung, sagte ein Prediger. Kani Masud sah kein Problem darin, auch an etwas anderes zu Glauben. So wurde er getauft. Er bekam Shirt und Hose, als er Mitglied der Glaubensgemeinschaft wurde.
Damit war er Teil des großen, der Kommune der nicht Nackten. Mit Schutzbrief, dem Glauben, für die Zukunft ausgestattet, musste er nun seinen Sold erfüllen. Kani alias >Shirt und Hose< hatte sich seiner Freiheit um ein kleines Stück beraubt. Denn er brauchte nun unbedingt Shirt und Hose für die ganze Familie. Die Angehörigen konnten natürlich nicht weiterhin nackt sein im Dorf. Um glücklich zu sein , muss man Shirt und Hose haben, dachte Kani.
Damit standen ihm die Türen offen. Wäre da nicht das Geld gewesen. Zumindest umsehen konnte man sich im Einkaufsladen. Aber nur das alleine ging auch nicht für Kani. Zu groß war die Versuchung der angebotenen Waren.
Nur Brot? Das Brot der Ausgabestelle ist in die zweite Reihe gerutscht. Es gab viel besseres als das Geschenkte. Die Kinder waren nicht satt. Egal. Bewaffnet mit Shirt und Hose ging es der Freiheit ein für alle mal an den Kragen. Er war jetzt jemand im Stamm. Das Schutzpaket Glaube, mit der Erklärung für das Ende, nahm der ewigen Ruhe des Stammes die Luft zum Atmen. Dort herrschten jetzt andere Gesetzte. Die Freiheit des >Nichts< wurde nicht mehr gelebt. Dieses >Nichts< war weder gut für Kani noch für seinen Sohn Elli, dachte er.
„Der Sohn und die Tochter sollen es besser haben in diesem Jetzt. Weil es nicht gut ist, nackt zu sein. Es ist nicht gut, Nichts zu sein. Jeder muss Teil eines Etwas sein.“ dachte er.
So war Kani der Erste in seinem Stamm mit Shirt und Hose. Er hatte das kostenlose Brot und die Freiheit mit etwas Größerem eingetauscht. Das „nichts haben“ das Kani die Freiheit gegeben hatte, existierte nicht mehr. Somit träumte er mit seinem Stamm vom Weg nach Europa.
„Dort liegt die Freiheit“ predigten die Erzähler.
„Dort kommen die besten Lebensmittel in Konservenbüchsen her.“
Kani, Shirt mit Hose, wollte auch die Konservenbüchsen aus Europa. Die Büchsen aus dem kleinen Supermarkt in Athandii. Seine Arbeit auf dem Feld schien ihm nicht mehr wichtig. Das Geld war neu in seinem Leben. Früher gab es die Ziege. Die Milch der Ziege gab ihm die Möglichkeit, beim Nachbar ein Ei der Henne einzutauschen. Mit dem Ei der Henne und der Milch der Ziege und dem Getreide von seinem Feld konnte seine Frau einen Brei machen. Ein Teil dieses Breies gab er dem Kuhhirten, welcher ihm ein Stück Fleisch überließ. Seit es Büchsen gab, verabschiedete sich der Handel mit Waren in seinem Dorf. Um das Geld für die Büchsen aus Europa zu bekommen, mussten alle im Stamm einer anderen Arbeit nach gehen. Die Ziege wurde schon lange gegessen. Es gab ja auch keine Hühner mehr. Das Fleisch des Kuhhirten ging schon längst in die Fabrik für die Büchsen aus Afrika. Da der Kuhhirte aber viel Geld brauchte für die Büchsen aus Europa, welche seine Familie ernährten, gingen ihm auch bald die Kühe aus. Die eigenen Büchsen, die aus Afrika, waren viel zu teuer. Es gab ja die europäischen Büchsen. Jene waren billiger und besser. Weil die Union in Europa zusammen hielt, konnten die Bauern dort billiger nach Afrika exportieren. Ein Geschenk für Afrika. Das arme Land. Jetzt konnten die Bauern in Afrika anderen Tätigkeiten nachgehen. Sie mussten ja nach Europa. Sie wollten lernen, wie man so billig nach Afrika exportieren kann. Sie wollten lernen, wie Europa Afrika wieder einmal helfen kann. Oder besser nicht?
Jetzt haben alle Shirt mit Hose. Ganz viele leere Büchsen mussten gesammelt werden. Dann bekam er Geld für eine volle, europäische Büchse. Arbeit bei der Firma hatten nur ein paar Glückliche bekommen. Viel mehr leere Büchsen gab es in der großen Stadt. Darum zog Kani Masud mit seiner Familie an den Rand der großen Stadt. Dort im neuen Dorf, kurz vor der großen Stadt, waren viele Menschen vom ganzen Land. Die neuen Häuser sind aus Pappe. Eine große Schachtel reicht fürs erste, für die ganze Familie. Die Kinder sind nicht oft im Papphaus. Sie müssen ja sammeln gehen. Er muss auch die Frau beschützen. Andere, die nicht mit Sammelabsicht gekommen sind wollen seine Frau. Sie ist hübsch, Ani die Frau. Hier in der Vorstadt sind nicht viele lang hübsch geblieben. Sie verdienen ihr Geld mit Arbeit. Keine ehrenvolle Arbeit wie Büchsensammeln.
Die Regierung ist hier in Gangs aufgeteilt. Jede betreut ein Gebiet von sehr großem Ausmaß. Um den Standplatz seiner Papphütte zu bezahlen muss er viele Büchsen sammeln. Kani geht in die große Stadt. Dort gibt es viele weiße Menschen die Büchsen einfach in den Müll werfen. Er hörte sie reden. Von Europa. Großes weites Land. Alle haben viel Geld in Europa. In Europa schwimmt man in Seen voll mit Honig. Wenn er zurück kommt in sein Haus aus Pappe, ist er immer froh die Frau unversehrt zu sehen. Sie muss sich verstecken wenn er nicht da ist. Elli und Annisa, die Kinder, sind schnell. Die kennen die Wege in der Pappstadt in und auswendig. Sie müssen sich nicht verstecken. Kleine Kinder sind schneller wie er und die Gangs der Pappstadt. Morgen will er die Kinder mit nehmen in die große Stadt. Die Kinder wollen nicht mehr auf die Müllhalden am Rande der Vororte gehen. Sie hassen den Gestank. Es ist dort nicht wie in der Heimat mit der Ziege, dem Nachbarn mit der Henne und all den anderen. Die ganzen Bewohner vom alten Dorf sind auch hier. Das wissen die Kinder aber nicht. Die verstehen noch nicht, dass es wichtig ist hier zu sein. Damals waren sie nackt. Jetzt nicht mehr. Sie leben in der Pappstadt. Morgen dürfen sie zum ersten Mahl mit, in die große Stadt, Büchsen sammeln. Die Kinder freuen sich auf Morgen. Heute schlafen sie alle zusammen in der Papphütte.
Noch bevor die Sonne am Morgen zu sehen war, erreichten sie die ersten Häuser aus Stein. Der Teer der Straße gab über Nacht kaum seine Wärme ab. Noch nie liefen sie mit ihren kleinen, nackten, Füßen auf einem fast unerträglich heißen Asphaltboden. Je weiter sie gingen, desto größer wurden die Häuser um sie herum. Das morgendliche Erwachen der Stadt mit ihren Millionen Einwohnern begeisterte die Kinder. Fußgänger eilten um ihren Bus zu erreichen, der sie in die Arbeit brachte. Fahrradkuriere drängten sich an stehenden Autoschlangen vorbei. Alles bewegte sich in Richtung Zentrum der Stadt. In weiter Ferne war es zu sehen, das Herz der Metropole. Große Wolkenkratzer, hoch wie Berge, reflektierten das Sonnenlicht an ihren Fassaden. Es schien, als ob die unzähligen Hochhäuser ihre eigenen Seelen besaßen, welche hell leuchtend, eine magische Anziehungskraft auf die Bewohner hatte.
Kani hatte die Kinder ermahnt immer bei ihm zu bleiben. Nicht stehen zu bleiben. Hier kann man sich leicht verlaufen. Er zeigte ihnen die ersten Mülleimer. Die guten Plätze, wo man so einiges brauchbares finden konnte. Was gut war, steckten sie in die mitgebrachten Plastiktüten. Kani war sich sicher, mit den Kindern konnte er mindestens drei mal so viele Büchsen sammeln. Doch noch funktionierte sein Plan überhaupt nicht. Die Kinder waren fasziniert von den großen weißen Steinhäusern, den Autos, den Fahrrädern, den Motorrädern, den vielen Menschen mit Schuhen und schönen Kleidern. Sie sahen Frauen mit weißem Haar und Männer mit grauen Bärten. Heute war Sammeln nicht so wichtig für die Kleinen. Doch der Vater ließ ihnen keine Zeit, um herumzutrödeln. Wieder und wieder ermahnte er sie, sich den Weg zu merken. Sich an die wichtigen Plätze hinter den Häusern zu erinnern. Dort, wo er immer fündig wurde, wenn er in die große Stadt ging. Er versprach den Kindern einiges. Wenn sie fleißig sammeln, bekommen sie eines Tages eigene Schuhe. Das wollten die Kinder. Schuhe für die große Stadt. So wurden die Kinder ein Teil von Kani’s Plan. Sie vergaßen schnell, dass sie es so schön hatten in ihrer alten Heimat. Damals, als sie nackt und glücklich waren.
Tage später ging Annisa alleine in eine kleine Seitenstraße. Elli übernahm eine andere Straße. Es war schon spät, wie immer, wenn sie in diese reiche Gegend kamen. Der Vater hat es ihnen nicht erlaubt, so spät noch zu sammeln. Doch Annisa wollte unbedingt die Schuhe haben. Die schönen Schuhe für die geschundenen Kinderfüße. Darum bemerkte sie nicht, dass es schon dunkel wurde und sie schon viel weiter in der Stadt war als je zu vor. Die Lichter der Häuser gingen an jenem Abend an. Kurz blickte sie auf. Sie dachte, jemanden gehört zu haben. Unsichtbar zu sein war wichtig für ihre Arbeit. Nur so konnte sie die Deckel der Tonnen öffnen, ohne die Aufmerksamkeit auf sich zu richten. Doch die Lichter des großen Hauses faszinierten sie so sehr, das sie für einen Moment inne hielt. Wer sie sei, fragte eine große Gestalt im Garten des Hauses. Starr vor Schreck konnte sie ihrem normalen Reflex, schnell weg zu rennen, nicht nachgehen. Die Gestalt trat aus dem Schatten hervor. Es war eine große weiße Frau. Die Frau hatte langes blondes Haar. Als sie näher kam bemerkte Annisa die himmelblauen Augen der Frau. Sie trug einen dunkelroten Umhang und weiße Sandalen. Annisa hatte keine Angst mehr. Was sie sah, war schön und faszinierend. Die große Frau schien wie ein Engel in den Geschichten, die der Vater ihr seit seiner Taufe immer wieder erzählt hatte. Ein großer weißer Engel. Das musste diese Frau sein. Darum hatte Annisa keine Angst.
„Schon wieder ein Kind. Ein Kind der Nacht. Ein Kind der Straße.“ Die Frau streichelte Annisa über die Haare. Sie nahm sie mit in das große Haus mit den vielen Lichtern. Annisa folgte ihr ohne zu zögern. Es war ja ein Engel.
„Wie heisst du? Jina Lako nani?“
„Jina Langu ni Annisa.“
Ein Dorf in Europa.
Betritt man das richtige Haus zur richtigen Zeit, hat man eventuell Vorteile, was das zukünftige Leben betrifft. Wenn der Geldfluss zum schönsten Gewässer wird können sich einige richtig freuen. Die Begeisterung über Erreichtes macht glücklich. Macht es das wirklich?
Sie kaufen was man kaufen kann, weil man es hat, das Moos, den Cash, den Zaster, die Kröten. Hier in der Büchsenfabrik vom Bauer Martin Boeremann läuft es besser denn je. Er übernahm die Firma vom Vater und forcierte seit einigen Jahren den Export. Vor allem in Länder, die hohe Förderungen der Union erhalten. Was rein kommt in die Exportware ist das, was übrig bleibt zuhause.
„Geht ja nach drüben, nach Afrika. In der EU macht man das nicht. Schon gar nicht in unserem Land“, sagte der Bauer Boeremann oft zu seinen Mitarbeitern.
„Er müsste sich ja schämen, müsste er sich. Das Schönste ist, dass der Export nach drüben so leicht gemacht wird. Er wäre ja blöd, nicht zu exportieren. Blöd wäre er.“ Und so freut er sich über die Gelder der Union. Er kann aus der ganzen >Kuh< Geld machen.
„Wenn der Metzger den Rest, der herumliegt, zermahlen tut schaut des Ganze au nimmer so schlimm aus. Ein bisschen eine Lebensmittelfarbe und die chinesischen Geschmacksverstärker hinein und gut gegangen.“ Der Bauer Boeremann ist glücklich. Er gibt jedem Arbeit. Sogar eine eigene Fabrik für die Büchsenproduktion hat der Bauer sich bauen lassen. Die hat die Union bezahlt. Eh klar. Was der Bauer für eine Macht hat beim Bürgermeister. Er hat im Dorf die meisten Angestellten. Er hat das Grundstück, welches er gebraucht hat für seine Fabrik, von der Stadt bekommen. Obwohl er selber viele davon hat. Der Bauer musste nicht lange verhandeln. Arbeitsplatzsicherung und Expansion sind die Zauberworte für jeden Bürgermeister. Der Bauer ist glücklich, der Bürgermeister ist glücklich, die Arbeiter in seiner schwarzwälderischen Büchsenfabrik sind glücklich.
Nur Kani >Hemd mit Hose< ist nicht glücklich. Er hat etwas verloren was er nicht mehr finden kann. Ein Kind.
Der Bauern hat alles. Mit vierzig ist er schon sehr reich. Einen Porsche, ein Haus, eine hübsche Frau hat er. Hunderte Grundstücke, welche er von irgend jemandem vererbt bekommen hat. Er kennt ja den Notar. Nichts dem Staat geben. Wenn jemand keinen Nachfahren hat, wird das schon geregelt im Dorf im Schwarzwald.
„Da frag ich nicht lang, ich nehme.“
Der Vater des Bauern, Hermann Boeremann, wird sicher auch bald aus dem Betrieb ausscheiden. Noch lässt Martin Boeremann ihn in der Fabrik mitarbeiten. Er muss ja auch mal raus aus dem Dorf. Und trauen tut er niemandem. Er ist das einzige Kind.
Erfolg ist wichtig, wenn man Sohn des alten Bauern ist. Alles hat er richtig gemacht. Er war sogar auf der Schule einer der Besten, der junge Bauer Boeremann. Wirtschaftsabschluss mit Auszeichnung. Und seit Jahren ein Plus im Betrieb.
„Es geht aufwärts“, lobte die Mutter von Martin Boeremann ihn immer. Monika, die Frau des jungen Bauern, unterstützt ihn, wo sie nur kann.
„Eine ganz liebe Person“, meint der alte Bauer immer.
„Halt keine Bäuerin, es ist eine aus der Stadt. Aber hübsch, groß, blondes langes Haar und blaue Augen. Halt keine Kinder haben sie!“ Der alte Bauer würde sich schon sehr über Kinder freuen. Alt genug ist er geworden und immer noch ohne Enkel.
„Alles haben sie gemacht, aber Kinder haben sie keine!“, verbreitet der alte Bauer Boeremann immer wieder im ganzen Dorf. Das ganz zum Leidwesen von Monika Boeremann, die sehr darunter leidet. Ihr Schwiegervater war auf dem Hof nicht immer leicht zu ertragen. Sie war es gewohnt, ihre eigene Meinung zu haben. Trotz Ehe selbstständig zu denken und die Gleichberechtigung einzufordern, sollte diese fehlen. Das wiederum war ein ständiges Konfliktpotenzial zwischen dem alten Bauern und der jungen Frau. Der altenBauer wusste das Gespräch jedes Mal abrupt zu beenden, in dem er die Kinderlosigkeit von Monika kritisierte.
Der Exporteur der Büchsen hat sie eingeladen nach Afrika. Monika Boeremann lässt sich die Gelegenheit nicht nehmen, die Reise zwei Wochen früher anzutreten. Sie hat Freunde in Afrika und einen Plan, den sie vorbereiten will. Martin Boeremann fliegt heute nach. Die Arbeit bleibt dem alten Bauern übrig. Er mag es gern, wieder allein zu herrschen über den Bauernhof und das Büchsenreich.
Der junge Bauer, Martin Boeremann, freut sich, in die Exportregion zu kommen. Dass die Frau auch dort ist, gefällt ihm natürlich noch mehr. Geschäftig wie er ist, will er den Urlaub mit seinem Beruf verbinden. Das ist sein Vorhaben.
Dort unten vermutet er unendliche Absatzgebiete für seine Büchsen. Monika Boeremann wartet schon am Flughafen mit dem Auto. Als sie ihn sieht, freut sie sich sehr. Gemeinsam fahren sie in die große Stadt. Es stört ihn nicht, an den ganzen Pappvororten vorbei zu fahren. Alles hat für ihn seine Bedeutung. Die Armen und die Reichen können gut neben einander leben. Nur, dass natürlich die Reichen nicht seine Büchsen kaufen. Die Reichen sind reich genug, die Büchsen von hier, aus Afrika, zu kaufen. Über die Büchsen aus Europa wissen sie Bescheid. Die wollen sie nicht. Da, und genau da schließt sich der Kreis wieder.
Die Reichen kaufen die Büchsen der Armen, die das Fleisch für die Büchsen liefern, um die Büchsen der Reichen zu kaufen, die billiger sind. Das zu einem Preis, der sich zeigen lassen kann. Natürlich gibt es zwischen dem Lieferanten der Europäischen Büchsen und dem Konsumenten noch eine ganze Kette von Leuten, die mitverdienen. Paradoxerweise funktioniert das Ganze dank der Union einwandfrei.
„Jeder muss leben.“ So auch er. Er lebt nicht schlecht von seinem Geschäft mit den Armen. Jeder verdient. Was brauchen die noch mehr Geld? Hier leben sie in Papphütten, das ist gut so. Sie müssen ja nicht heizen wie wir. Hier zu leben muss ein Traum sein. Ohne Stress und große Verantwortung. Einfach den Tag genießen und faul in der Sonne rumhängen“. Er kennt das alles. Seine Mutter gibt jeden Monat Geld für die Armen in Afrika. Sie hat viele Patenkinder in Afrika. So schließt sich für ihn der Kreis wieder. Sein Mutter gibt und er nimmt. Punkt. Gerechtigkeit nennt er es.
„Mit meiner Arbeit kann ich viele Leute ernähren. Das sollte man nicht vergessen“, sagt er sich selbst, immer noch entlang der Papphütten fahrend.
Das Auto verlässt die Vorstadt. Alles scheint sich für ihn zu normalisieren. Der Asphalt, die gepflegten Gärten, die Einfamilienhäuser alles kurz nach der Pappstadt. Er fühlt sich wieder wie in Europa.
„Na also, geht doch. Hier gibts auch normale Sachen“, denkt er sich, als er in die Hauptstadt einfährt. Monika fragt ihn noch, wie es zuhause laufen würde. Er aber scheint mit den Gedanken schon ganz woanders zu sein.
„Du weisst wir müssen uns nicht beeilen. Wir haben doch alle Zeit der Welt“, meint er zu ihr. Sie sieht ihn verwundert an. Dann schüttelt sie ihren Kopf mit dem Wissen, dass er es nicht aushält, so langsam durch die Straßen zu fahren. Er will arbeiten und das bevor er überhaupt angekommen ist. Aber dieses Ankommen scheint ihm nicht zu gelingen. Monika lacht und sie fahren vorbei an einer Bayrischen Wursterei und einem Tourismusbüro.
„Ja, eh wie bei uns zuhause. Nur wärmer hier, viel wärmer.“ Er denkt darüber nach, hier noch eine Zweigstelle seiner Firma aufzumachen, als sie zur Einfahrt ihres Hauses kommen. Die Dämmerung setzt ein. Seine Frau scheint aufgeregt. Sie hat für ihn etwas vorbereitet. Eine Überraschung. So denkt sie. Monika Boeremann ist Mitte dreißig. Sie hilft dem Bauern im Vertrieb in der Firma. Einen Beruf zu haben ist ihr wichtig. Vorher war sie Lehrerin an einer Grundschule. Es ging ihr nicht um das Geld. Das Glück definierte sie nicht nach materiellem Erfolg. Das erste Mal hat nicht funktioniert. Fehlgeburt. Leider. Dann die Firma. Ablenkung. Etwas anderes tun. Dann herausfinden, dass es mehr gibt, als ihr Wunsch, eine Familie zu haben. Sich zu haben. Im Jetzt zu leben. Dennoch mit wiederkehrenden Gedanken an eine eigene Familie. Da hat der alte Bauer sicherlich Mitschuld. Immer wieder stößt er die verschlossene Wunde auf. Sie weiss, sie ist stark genug, über seinen Worten zu stehen. Dennoch lässt sie es zu, verletzt zu werden. Vielleicht, weil sie doch noch einen Weg finden will, eine Familie zu gründen.
Monika will an eine glückliche Zukunft glauben, doch hinterfragt sie diese oft. Was für eine Zukunft? Was für ein Glück? Bei allen anderen scheint es ein Leichtes zu sein. Bei ihr nicht. Das Heim steht. Die Sicherheit, gegeben für eine sehr große Familie. Sie liebt ihn. Er liebt sie. Er liebt seinen Erfolg. Der Erfolg liebt ihn. Nur die Neider mögen ihn nicht. Aber da stehen beide darüber.
