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Simon Rhomthal lebt in dem idyllischen Ort Dorsis, der abrupt aus seiner Rechtschaffenheit gerissen wird, als die seit Jahrhunderten verschwunden geglaubten Doloris Platten, die eine Hypnotische Wirkung auf Menschen haben, auftauchen. Für Simon Rhomthal und seine Partnerin Monika Parker beginnt ein Kampf gegen die Zeit und das Chaos, das sich, im Zusammenhang mit den Platten, wie ein Flächenbrand auf der Erde ausbreitet. Simon Rhomthal bleibt nicht viel Zeit, die Welt zu retten.
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Seitenzahl: 195
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Die sieben Steine
Roman
Martin E. Greil
Inhalt
Prolog
Die Welt von Simon Rhomthal
Wenn Steine sprechen
Bauer – schachmatt!
Im Netz der Spinne
Wieso nicht er
Gesicht in Rot – grüne Männchen tot!
Nostra – die Nachricht ist da!
Raum-Post
Die Geister, die ich rief
In dir, in mir!
Abel – der Bruder
Zig Millionen – doch auch gleich!
Waldgeflüster
Treffen der Schöpfer
Ende?
Über den Autor
Mit dem Rücken zum Boden, dem Kopf nach oben, den Händen zur Seite gestreckt, den Augen weit offen, dem nächtlichen Sternenhimmel zugewandt, lag Simon Rhomthal schon stundenlang regungslos da. Als ob er die ganze Galaxie umarmen wollte, versuchte er, mit seinen grasgrünen Augen das andere Ende zu finden. Mit einem kühlen arktischen Auftreten kehrte ein leichter Nordwind hartnäckig den allzu warmen Herbst aus seinem Gedächtnis. Im Tal unter ihm war nichts mehr zu hören. Solange Simon Rhomthal sich erinnern konnte, hatte er das dumpfe Brummen der kleinen Industriestadt unter sich wahrnehmen können. Es gab keinen Tag seit seiner Geburt, an dem es nicht vorhanden war. Jetzt spiegelte sich nur noch das Universum in seinen Augen.
Ein paar Sternschnuppen tanzten vorbei. Sein Herz schlug in einem Rhythmus, dem nun alles zu folgen schien.
„Ich glaube, ich kann besser sein“, dachte Simon Rhomthal sich. Er wusste, dass er normal war, anständig, einer von vielen. Ein Prototyp eines gutbürgerlichen Mitteleuropäers. Jeden Morgen ging Simon Rhomthal früh zu seiner Arbeit, seine Brote schmierte er sich selber. Eingewickelt in das gleiche Nylon vom Vortag, trug er sie in seiner abgewetzten Tasche aus Kamelleder, die er aus seinem Tunesienurlaub mitgebracht hatte. Simon Rhomthal lebte alleine in seiner Eigentumswohnung am Rande des kleinen Bergs Zanzus, der auch gleichsam Hausberg des Städtchens Dorsis am Erdensee war.
Es war einer dieser spätherbstlichen Nebeltage; Simon Rhomthal wusste, dass sich seine Stimmung daher den ganzen Tag nicht bessern würde. Nur jene, die in der Lage waren, tagsüber auf die Anhöhen Zanzus oder die des Berges Hochboden zu fahren, konnten dieser Schwere des tief liegenden Nebels im Tal am Rhein entfliehen.
„Oft hängt dieser Nebel hier Tage lang fest. Er geht einfach nicht weg. Wenn ich nur diesen einen Auftrag erledigen könnte, hätte ich genug Geld, um dieses kalte Tal zu verlassen!“, murmelte er vor sich hin, auf dem Weg zu seiner Arbeit. Simon Rhomthal träumte oft davon, auszusteigen, einen neuen Weg zu beschreiten und die alte Last der täglichen Routine hinter sich zu lassen. Aber aus irgendeinem Grunde traute Simon Rhomthal sich nicht aus dieser Alltäglichkeit heraus. Er konnte die geißelnden Fesseln der Gesellschaft von Dorsis nicht so einfach ablegen. Zu katholisch war seine Erziehung, zu materialistisch seine heuchlerische Gegenwart.
„Guten Morgen, Frau Mayer!“, grüßte Simon Rhomthal die alte Frau, die sich fast jeden Tag aus dem ersten unteren Fenster des alten Rheintalhauses am Fuße des Zanzus heraus lehnte. Er stolperte fast über die letzte Stufe der Stiege des kleinen Weges, der an ihrem Haus vorbeiführte, als er versuchte, mit einer aufgesetzt freundlichen Miene seine sich heute anzukündende Depression zu verbergen.
„Wieso gibt es hier keinen anderen Weg vorbei?“, knurrte er, als er sich schon in Richtung Stadtzentrum bewegte.
Frau Mayer starrte ihm noch nach, bis er hinter der ersten Häuserzeile verschwand. Ein leichter Windstoß kündigte einen Wetter-umschwung an.
„Es müsste eigentlich kälter sein um diese Jahreszeit!“, rief ihm Frau Mayer nach. Sie beugte sich nach draußen, um möglicherweise die Sonne durch die dichte Nebeldecke zu erspähen. Erneut brauste ein leichter Luftzug durch ihr graues Haar, das sie, wie viele andere alten Frauen in dieser Gegend, zu einem traditionellen Knoten nach oben gebunden hatte. Ihr Wohnzimmer hinter ihr lag im Dunkeln. Wie viele Nachkriegswitwen war sie es gewohnt, zu sparen und jeden Cent mehrfach umzudrehen, bevor er ausgegeben wurde.
Als der Wind zum dritten Mal durch ihr Gesicht fuhr, zuckte sie ganz kurz zusammen. Parallel zu diesem Luftstoß hörte sie ein Knarren aus ihrer Küche, die sich direkt hinter ihrem Wohnzimmer auf der rechten Seite befand. Sie schloss das Fenster und humpelte langsam in Richtung Küche. Für die gut fünf Meter brauchte sie einige Minuten, da sie sich nach einem verheerenden Sturz auf einer Eisplatte vor ihrem Haus den Oberschenkelknochen gebrochen hatte. Aber der Schmerz kümmerte sie nicht. Sie war eine zähe Kämpfernatur.
„Die ganzen 93 Jahre in meinem Leben habe ich gekämpft“, erzählte sie Simon Rhomthal oft, wenn er an der alten Dame vorbeieilte. „Ich sah sie alle kommen und gehen, jeden von ihnen. Ich habe sie groß gezogen, ich habe sie leben gesehen, ich habe um sie geweint, als sie vor meiner Zeit dem Schöpfer gegenübertraten“, sprach sie zu sich selber, als sie an den Bildern von ihrer Schwester und den fünf Brüdern, die kurz vor dem Eingang in die Küche auf der rechten Seite befestigt waren, vorbeihumpelte.
Der Raum in der Küche war voller Erinnerungen: ein Foto ihres Mannes, ein Bild ihres Bruders, das Kreuz in der Gottesecke – die Küche einer alten Frau. Ohne zu ahnen, was sie in dieser dunklen Küche erwartete, trat sie ein.
Es war so, als ob sie nochmals ihr ganzes Leben sehen konnte, als sie über die Türschwelle trat. Dieser Schritt schien alles zu beinhalten und zu beantworten, was sie sich die letzten 93 Jahre, 7 Monate, 17 Tage, 7 Stunden, 3 Minuten und 5 Sekunden gefragt hatte. Langsam sank sie auf die Knie und landete unsanft mit dem Kopf auf dem Holzboden der Küche. Ihr Gesicht war immer noch in Richtung Fenster gedreht, das harsch durch einen letzten kräftigen Windstoß zugeschlagen wurde. In ihren blauen Augen, die starr und regungslos offen standen, reflektierten sich die ersten Sonnenstrahlen seit über einem Monat.
Simon Rhomthal drehte sich kurz um, als er die ersten Häuserfassaden der alten Villen im Stadtzentrum erblickte. Doch hinter ihm blieb alles ruhig, in der Ferne erkannte er einen Mann, der den Berg Zanzus hoch lief. Da er aber von der Sonne geblendet wurde, drehte er sein Gesicht wieder in Richtung Stadt. Für einen Moment hörte er auf seine innere Stimme, die in ihm ein neues, unbekanntes Gefühl erzeugte.
Fisherman ein Beobachter dieser Reise:
„Als alles in ihm blind und ignorant, egoistisch und vor Schmerz weinend, kalt und verglühend zugleich schien, hatte er nichts mehr, was ihn halten konnte, um seinem inneren Gewissen nochmals den Hauch einer Chance zu geben. Sein Körper schien in drogenkranker Ekstase, einem in der Erdatmosphäre verglühenden Kometen ähnlich zu werden. Die Schönheit seiner leuchtenden Hülle konnte der Katastrophe nur weichen, wenn er genügend Kraft besaß, um mit voller Wucht diese Erde zu erreichen, um einmal mehr dem ganzen Spuk ein Ende zu setzen“.
Eva-Maria Pauschberger war gerade damit beschäftigt, den Blumenstrauß, den sie für ihr zwanzigjähriges Jubiläum als Sekretärin der Abteilung für Geschichte an der Universität Dorsis bekommen hatte, in eine dunkelbraune ovale Vase zu stellen. Sie saß an ihrem Schreibtisch am Eingang des Großraumbüros IM01, in dem sich hauptsächlich Gastlektoren für ihren kurzen Aufenthalt als Vortragende niederließen. Ihre gute Figur und der moderne stufenförmige Pagenschnitt verliehen ihr aus der Ferne angesichts ihrer 44 Jahre ein jugendliches Aussehen. Dennoch, beim genaueren Betrachten entdeckte man in ihrem Gesicht tiefe Falten, die durch die vergilbte Haut noch verstärkt wurden. Sie hätte schon längst das Rauchen aufgeben sollen, doch ihre instabile Lebenssituation mit leichten Depressionsschüben ließ dies einfach nicht zu. Zu sehr wurde sie von den verschiedensten Männern in ihrem Leben gekränkt und ausgenutzt. Allzu sehr wollte sie das perfekte Glück erzwingen, steckte doch eine sensible, verletzliche Seele in diesem einst so strahlenden Körper. Jedoch konnte sie sich immer noch auf die kleinen Dinge des Lebens konzentrieren und sich tief fallen lassen. Wie dieser Blumenstrauß mit gelben und weißen Nelken, die an diesem kalten grauen Tag herrlich nach Frühling und Wärme dufteten. Mit einem weiteren Atemzug und geschlossenen Augen versuchte sie nochmals, für einen kurzen Moment der täglichen Einsamkeit zu entfliehen.
Sie bemerkte nicht, wie er an ihr vorbeilief, obwohl er ihr ein kurzes „Hallo“ zuwarf.
Als sie die Augen wieder öffnete, war Simon Rhomthal schon längst hinter dem ersten Bücherregal, das die verschiedenen Arbeitsplätze trennte, verschwunden. Er begab sich zum letzten Arbeitsplatz am Ende eines schmalen Korridors, der in einer kleinen Nische auf der linken Seite lag. Versteckt hinter tausenden von Fachbüchern und Zeitschriften fand Simon Rhomthal hier die Ruhe, die er an den größeren Arbeitsplätzen nie erreichen konnte. Simon Rhomthal legte seine Kamelledertasche auf den Tisch, verstaute seine Winterjacke aus Baumwolle hinter einer Bücherreihe im oberen Regal, setzte sich an seinen Schreibtisch und las in seinen mitgebrachten Unterlagen, die aus gut einem Dutzend lose zusammengelegter, von Hand beschrifteter Blätter bestanden.
„Psst!“
Simon Rhomthal drehte sich kurz um, doch hinter ihm stand nur ein Bücherregal, das sich bis zur Decke erstreckte.
„Psst!", ertönte es noch einmal hinter ihm.
„Verdammt, was ist denn heute los?", ruckartig drehte Simon Rhomthal sich um. Fast schon wie ein Boxer, der zum letzten Schlag ausholen wollte, hechtete er zum Bücherregal. Da bemerkte Simon Rhomthal einen leichten Schatten, der sich hinter den Spalten der einzelnen Bücher leicht bewegte.
„Ich bin’s! Alban!", flüsterte Alban Sickberger durch die Spalten des Regals hinter ihm. Mit nur einem Meter fünfzig Größe, gut hundert Kilo Körpergewicht, dunkler Haut, rabenschwarzen Haaren sowie einem karierten Sakko, das seine besten Zeiten schon längst hinter sich hatte, war Alban Sickberger eine bizarre Erscheinung. Er schien weit über sechzig zu sein. Dies wusste allerdings niemand so genau, da er als Überbleibsel der französischen Besatzungstruppen nach dem Zweiten Weltkrieg als Mischling nicht sehr leicht einzuschätzen war. Sickberger hatte sich einen Namen beim Beschaffen von geheimen Informationen im Bereich der Auftragsvergabe von neuen Bauvorhaben gemacht.
Die Politiker von Dorsis waren kulturell nicht sehr offen, abgesehen von vereinzelten volkstümlichen, alljährlichen Bräuchen. Doch was die Wirtschaft und das Bauwesen, sowie die Forschung und Entwicklung neuer Ideen anging, waren die Großen von Dorsis die Erfolgreichsten im Westland. Man munkelte, dass zwielichtige Gestalten wie Sickberger im Hintergrund immer wieder gute Arbeit leisten, um interessante Informationen frühzeitig, gegen reichhaltige Bezahlung an die potenziellen Käufer zu bringen.
„Sickberger, erstens glaube ich kaum, dass es mich interessiert, was du mir zu sagen hast, zweitens habe ich im Moment keine Zeit für dich, und drittens habe ich dir gesagt, dass ich dich hier nicht mehr sehen will!“, sagt Simon Rhomthal, drehte sich wieder in Richtung Schreibtisch und studierte weiter seine Unterlagen.
Simon Rhomthal hatte Sickberger vor zwei Jahren kennengelernt, als er noch arbeitslos und in ziemlichen Geldnöten gewesen war. Sickberger hatte ihm damals über zweitausend Euro geliehen. Dafür musste er aber diverse Beobachtungsaufgaben beim örtlichen Computersoftwarehersteller Ceyfexxis durchführen. Simon Rhomthal hasste es, sich so herabgelassen zu haben und wegen Sickberger in einer zwielichtigen Situation gelandet zu sein. Beim Beobachten von Ceyfexxis hatte man ihn auf Video aufgezeichnet. Ein paar Tage später flatterte schon die erste Anzeige wegen Betriebsspionage ins Haus. Vor Gericht hatte er Sickberger kein einziges Mal erwähnt. Simon Rhomthal gab an, arbeitssuchend, ein Auge auf die Firma geworfen zu haben, was ihm der zuständige Richter nicht wirklich abkaufte; es handelte sich schließlich um spätabendliche Aktivitäten. Dennoch wurde Simon Rhomthal mit einer Mahnung, der Firma fern zu bleiben, entlassen. Seitdem dachte Sickberger, ihm einen Gefallen zu schulden. Was in Wirklichkeit gar nicht Simon Rhomthal’s Wunsch entsprach. Er wollte nur in Ruhe gelassen werden und nichts mehr mit den Aktivitäten der Unterwelt zu tun haben.
„Psst!“, summte Sickberger noch einmal durch das Bücherregal. Sickberger nervte ihn nun so gewaltig, dass Simon Rhomthal nochmals ruckartig aufsprang und hinter dem Bücherregal, wo Sickberger stand, verschwand. Simon Rhomthal schubste Alban Sickberger an die gegenüber liegende Wand.
„Was um alles in der Welt ist los mit dir, Sickberger? Ich will mit dir nichts mehr zu tun haben!“, schrie in Simon Rhomthal an. Sickberger war sichtlich von diesem Schubser überrascht, da er mit seinem Gewicht der Stärkere von beiden war. Dennoch fing er sich gleich wieder.
„Ich weiß, wo die Doloris-Rolle ist!“, sagte Sickberger. Simon Rhomthal ließ sofort von Sickberger ab und blieb für einen Moment regungslos mit starrem Blick vor ihm stehen.
In der Vergangenheit ...
06.07.117 nach Christus, Jerusalem, Anhöhen von Golgatha. Rund zwei Dutzend spärlich bekleidete, von der Sonne gebräunte Männer waren mit dem Ausheben einer Grube beschäftigt. Auf Befehl von Kaiser Marcus Ulpius Traianus wurde hier ein römischer Tempel zu Ehren des Gottes Elagabal errichtet. Elagabal galt als Berg-Gott, der von Kaiser Traianus verehrt wurde. Der Kaiser war auf seinen frühen Feldzügen in das heutige Deutschland öfters über die Alpen gereist. Er erlebte die Berge als mystische Region, der er nahe stand.
Der Tag neigte sich zur letzten hellen Stunde hin, als Ismael Hibääus erneut mit seiner Schaufel in die harte Erde vor sich einstach. Ismael war Mitte dreißig, doch wirkte er als Konsequenz der harten Sklavenarbeit um einiges älter. Seine Haare waren kurz und schwarz. Ein gut zwanzig Zentimeter langer Bart schützte ihn vor der heißen Sonne. Er arbeitete am tiefsten Punkt in der dreißig Mal dreißig Meter großen Aushebung. Seine Hände waren dunkel von der Erde und überzogen von Schwielen. Den Schweiß wusch er sich mit einem am Arm umwickelten Tuch vom Gesicht. Außer einem weiteren Fetzen Stoff, den er wie eine Windel um seine Beine gewickelt hatte, trug er keine Kleidung mehr an sich. Er war Lehrer im Dorf Miron in der Nähe von Safed gewesen.
Eines Tages waren römische Legionäre gekommen und versklavten ihn sowie einige seiner Freunde und Dorfmitbewohner. Miron war bekannt für seine Gelehrten. Jene sollten nun den Bau des römischen Tempels als Erniedrigung ihres Glaubens durchführen. Ismael Hibääus machte die Arbeit nichts aus. Er war zwar knochendürr, aber von unbeugsamem Überlebenswillen gestärkt. Seit zwei Wochen waren sie nun schon am Graben. Genau so lange versuchte Ismael, einen Weg zur Flucht zu finden. Er wusste, dass ein missglückter Fluchtversuch mit der sofortigen Kreuzigung bestraft wurde. Dennoch wollte er auf keinen Fall sein Leben in Sklaverei verbringen. Doch dem Tod wollte er noch nicht ins Auge sehen. Zu viele Bauvorhaben der Römer brauchten immer mehr Sklaven. Zu wenig war das Leben eines Einzelnen wert.
„Ich werde diesen Tag nicht verfluchen, weil er nicht mein letzter sein wird!", murmelte Ismael in seiner Grube vor sich hin. Der letzte Spatenstich für diesen Tag, ein letztes Mal griffen die zarten Hände Ismaels den Spaten; mit Wucht durchbrach er einen Stein. Der Stein war glatt, von Menschenhand gemacht. Dennoch hatte er tief unter der Erde, ohne jeden scheinbaren Zusammenhang mit den anderen Gebäuden, gelegen. Ismael drehte sich, um zu sehen, ob eine der Wachen ihn beobachtete. Als er merkte, dass diese ihm keine Aufmerksamkeit schenkten, setzte er seinen Spaten erneut für einen weiteren Stich an. Doch diesmal war es anders. Ismael entdeckte vor sich im Dreck einen ovalen Steinkrug, der durch die Wucht von seinem Stoß in zwei Teile zerbrach. Er bückte sich, löste die eine Hälfte des Tonkruges und entdeckte zu seinem Erstaunen eine kleine beschriftete Platte.
Als er aufstand, ging die Sonne vor ihm wieder auf. Sein Land färbte sich orangerot. Seine großen dunklen Augen konnten die Schönheit seiner Welt kaum verlassen. Gräser, Bäume, Sträucher, verzweigte Wege, umsäumt mit Olivenbäumen, sowie Maisfelder, die am Horizont mit dem morgendlichen Lichtspiel eins wurden. Eine große, ältere Frau erschien hinter ihm und tippte ihn auf seine linke Schulter. Ein leichter Nordwind ließ Bäume und Sträucher in einer Harmonie hin und her wippen. Aaren, sein Land, seine Heimat, sein Glück. Sein erster Schritt in diese Welt. Sein Vater, alt und weise, erzählte ihm die Geschichten seines Landes und seiner Vorfahren. Seine Mutter, mit der er noch immer in innigster Verbindung stand, war die Quelle seiner Liebe.
Es war ein Moment, der nicht besser zu beschreiben wäre, als der perfekte, nicht zu erstickende, wahre Augenblick.
Er sank zu Boden. Die letzte Minute des Tages war angebrochen. Das Schwert durchbohrte sein Herz durch den Rücken. In seiner Hand hielt er die kleine Platte. Erst bei der dritten Kontrollsperre konnten sie ihn stoppen.
In der Gegenwart ...
Simon Rhomthal sah sich selber in den dunklen Augen von Alban Sickberger.
„Wo ist sie?", fragte er nach längerer Pause. Sickberger fiel zurück in seine Rolle des Informanten mit dem Wissen, dass hier eine gute Möglichkeit für ihn bestand, ein Geschäft nach seinem Geschmack abzuwickeln. Er richtete seine grasgrüne Krawatte und zupfte sein kariertes Sakko glatt.
„Nun, es gab Gerüchte über die Pfandhäuser im Westen. Ein gewisser Jemand hat sein Erbe erhalten und die scheinbar wertlosen Gegenstände verscherbelt“, sagte Sickberger.
„Wo ist sie?", beharrte Simon Rhomthal in einem sehr energischen Tonfall. „Was soll mich diese Information kosten, Sickberger?" Simon Rhomthal wusste nur zu gut, dass Sickberger ihm niemals so eine Information gratis zur Verfügung stellen würde. Was ihm mit seiner vorsichtigen Natur sehr skeptisch werden ließ. Sickberger guckte ihn mit gerunzelter Stirn an
„Nur ruhig, junger Freund! Es ist nicht das erste Mal, dass wir Geschäfte machen und nicht das letzte Mal, so hoffe ich. Die Behörden haben mich wieder mal fälschlicherweise wegen so einer blöden Sache in der Zange. Ich brauche eine kleine Gefälligkeit, die nur mit deiner Fähigkeit, Dinge über den Computer zu regeln, möglich ist. Du musst dich in den Zentralrechner der Behörde reinhacken, ich brauche eine Information“, sagte Sickberger ruhig.
„Niemals, Sickberger! Diese Zeiten sind vorbei.", brüllte Simon Rhomthal Sickberger in das Gesicht. Verwundert darüber, dass er so eine starke Stimme besaß. Für einen Moment wurde es ruhig. Sickberger schien sich nicht auf lange Diskussionen einzulassen und marschierte Richtung Ausgang. Er wusste, dass er keine fünf Meter gehen musste, bevor er zurückgerufen wurde. Zu sehr hatte Simon Rhomthal sich mit der Doloris Rolle beschäftigt. Aber eine Sackgasse nach der anderen ließ ihn immer wieder vor dem Nichts enden.
„Das letzte Mal Sickberger, das letzte Mal! Sollte diese Information nichts bringen, werde ich die Behörden persönlich über dich informieren! Nun rede!“, sagte Simon Rhomthal laut.
„Es handelte sich sehr wohl um eine Katze im Sack, die dort zur Versteigerung angeboten wurde. Nichts von Belang. Holzfiguren aus Afrika, ein Stapel alter Landkarten, Ende 19. Jahrhundert, ein Kompass. Darunter gab es allerdings auch eine ganze Reihe von Platten und Aufzeichnungen, auf denen seltsame Schriftzeichen prangen. Arabisch, so denke ich. Ich habe bei der Auktion in der Vorstadt gehört, wie einer der Käufer sich sehr über den zu viel bezahlten Preis geärgert hatte. Die angepriesene Zusammenfassung aller Gegenstände war ein kleines Buch in dunkles Leder eingebunden, das ebenfalls Inhalt der Kiste war. Das erregte natürlich gleich meine Neugier. Ich näherte mich dem Bauern, der die Kiste ersteigert hatte, und blickte ihm über die Schulter. Das Buch war in alter Schrift gehalten, dennoch ganz eindeutig in englischer Sprache verfasst. Da seine Fremdsprachkenntnisse nicht sehr gut zu sein schienen, bat er mich, es ihm zu übersetzen. Du weißt, dass ich eine Vorliebe für afrikanische Kultur hege“, sagt Sickberger höhnisch.
„Ich weiß nicht, ob Elfenbeinschmuggel und Ausbeutung der afrikanischen Armut dich als Experten auszeichnet! Sickberger, du bist krank!", spuckte er in einem sehr sarkastischen Tonfall aus.
„Lass mich weiter reden! Neben unzähligen Reiseberichten in dem Notizbuch tauchte auch ein Besuch in Ägypten auf. Ich glaube, er lautete so:
>19. Oktober 1870
... ein Händler auf dem alten Basar in Kairo erweckte meine Neugier. Auf einem Tuch aus feinster Seide zeigte mir der Händler eine Sammlung kleiner Platten mit mir unbekannter Inschrift. Auf meine Anfrage hin sagte der Händler, es wären die Geschichten der Doloris. Ich kannte diese Geschichten nicht. Die Objekte waren auch nicht Ziel meiner Einkäufe. Dennoch musste ich sie aus einem unbekannten inneren Drang unbedingt für mich haben. Seltsam schien mir aber, dass der Händler nach meinem Kauf aufstand, und in Richtung Westen ging, ohne sich einmal umzudrehen. Sein gesamtes Hab und Gut ließ er einfach zurück.<
Doloris, ohne Zweifel, ich habe es gelesen. Der Inhalt dieser Kiste zeigt den Weg zu der Doloris Rolle oder zu den Doloris-Rollen, was auch immer!“, sagt Sickberger.
Simon Rhomthal drehte sich von Sickberger weg. Ganz in sich gekehrt, konnte er im Moment nichts mehr in sich hineinlassen.
Sickberger versuchte, ihm nochmals seine Situation klar zu machen. Er bat ihn, baldigst seine Information zu beschaffen, da er sonst in Schwierigkeiten stecken würde. Doch Simon Rhomthal war tief in sich mit nur einer Frage beschäftigt. Seit er als junger Mann mit knapp siebzehn Jahren von der Rolle erfahren hatte, dachte er an Aufzeichnungen auf Papyrus, Leder oder ähnlichen Materialen. Von Platten hatte sie nie gesprochen. Die Rolle, die den Sinn ergibt, sollte aus Papier sein. Platten für Hinweise auf die Rolle waren Simon Rhomthal neu. Es sei denn, es handelte sich hier wirklich um eine Art Steinplatte, die älter war als organisches Material wie Papyrus. Das machte so keinen Sinn. „Ich muss mit ihr reden. Ich muss den Bauern finden", sagte er zu Sickberger, der kein Wort zu verstehen schien. Hastig warf Simon Rhomthal seinen Mantel über und begab sich in Richtung Ausgang. Als er an Eva-Maria Pauschberger vorbeilief, grummelte er nur kurz: „Wir sehen uns später, Eva!“, bevor er hinter der überdimensionierten Eingangstür der Bibliothek verschwand.
Eva-Maria Pauschberger wollte noch kurz etwas sagen, aber sie wurde von seinem hastigen Abgang sichtlich überrascht. Sie drehte sich wieder Richtung Computer und schrieb ihre angefangene E-Mail weiter. Sie freute sich auf den heutigen Abend. Bartrefftag in der Fonzusbar. Simon Rhomthal war auch meistens dabei.
Ein kalter Wind blies vom Norden her weit über die Felder von Bauer Adolf Pümmele. Östlich von der Stadt, in Richtung der massiven Alpen gelegen, bewirtschaftete er sein Gut. Ein karger Boden, der nicht viel fruchtbare Ernte zuließ. Es gab nur wenige Bäume auf dem Anwesen Pümmeles. Jene, die man fand, trugen den Feuerbrand in sich. Alle Obstbäume, die an Feuerbrand erkrankten, sollten sofort gemeldet, geschlagen und verbrannt werden. Doch die Beamten von Dorsis kamen in diesem Jahr ihren Aufträgen nicht mehr nach. Fast jeder zweite Fruchtbaum erlag dieser Krankheit. Das Problem entstand bei Kreuzungen zweier Baumarten, die eine äußerst ertragreiche Ernte abwarfen. Die alten Bäume, hauptsächlich im vorderen Land, gekreuzt mit den schnell wachsenden, dünnstämmigen, süßen, südländischen Kernobststämmen, erzeugten eine hübsche, für Krankheiten sehr anfällige Kombination. Das Ergebnis zeichnete sich als baumfressender Feuerbrand ab. Ein Vogel, der einen kranken Baum verließ, konnte den gesunden Baum mit einmaliger Berührung anstecken. Innerhalb von Stunden verloren die grünen Blätter die Farbe. Sie wurden welk und schwarz wie der Tod. Es war Gesetz, befallene Bäume beim Magistrat zu melden. Doch ein Baumbesitzer versuchte nicht, seinen über Jahre hinweg gepflegten Schatz mit einigen Schnitten von der lästigen Plage zu befreien. Leider reichte eine kurze Berührung eines gesunden Baumes schon aus, um das tödliche Spiel zu wiederholen. Nur in heißer Glut verbrannt, fand auch diese Krankheit ihr Ende. Das Sterben der Bäume wiederum wurde verdrängt von dem Gedanken an die süße Frucht, aus der mit fein vorbereiteter Maische ein göttlicher Schnaps gebrannt wurde.
„Weh tut’s im Herz, diese Bäume so zu sehen“, dachte sich Adolf Pümmele, als er auf seiner Veranda saß. Weit über dem Berg Zanzus hinaus hatte er das ganze Tal fest in seinem Blick. Der Birnengarten vor seinem Hof Torra fiel steil in das Tal nach Dorsis ab. Von unten her gab es nur das alltägliche dumpfe Dröhnen der Stadt. Neben seinem Schaukelstuhl aus Bambus stand die hölzerne Kiste, die er Stunden zuvor bei der Auktion im Pfandhaus ersteigert hatte.
