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Paul Durell, eine Künstliche Intelligenz, ist Teil der Testphase von sechzig freilebenden Robotern. Doch wie begegnet der Mensch der Maschine? Paul trifft auf verschiedene Charaktere – die Nachbarn Ernesta und Laurin, deren Kater Hermann, seinen Vorgesetzten bei der Bank Dr. Brauer sowie den Pensionisten Lois van der Zwan, den Paul regelmäßig in der Mittagspause trifft. Mit einigen davon schließt er Freundschaften, andere stellen sich gegen ihn und versuchen ihn auszuschalten. Die Ansätze und Lösungsvorschläge in "Paul Durell – mein Nachbar der Roboter" treffen den Zeitgeist. Der utopische Roman von Martin E. Greil geht der Frage nach, ob und wie eine Koexistenz zwischen Menschen und Robotern funktionieren kann. Können wir künstlichem Leben einen Existenzstatus geben und können diese sich in die bestehenden Gesellschaftsstrukturen eingliedern? Sollten wir Respekt davor haben, dass Künstliche Intelligenz Gefühle entwickelt?
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Seitenzahl: 137
Veröffentlichungsjahr: 2023
Mein Nachbar der Roboter - Einzug von Paul Durell
Paul Durells Welt
Ernesta und Laurin Gabel
Hermann der Kater
Erstes Kennenlernen
Das gemeinsame Wochenende
Der Fund in der Bank
Lois van der Zwan und Paul
Über Sterben und abgeschaltet werden - Ernesta und Paul
Paul beschließt zu helfen
Lois van der Zwan - sich selbst in Gefahr bringen
Ein Schachzug und seine Folgen - Der Direktor und Paul Durell
Ernesta und Paul
Der Bescheid
Abschied
Licht des Lebens
Paul Durell
Mein Nachbar der Roboter
Roman
Martin E. Greil
2023
Impressum
Texte: © 2023 Martin E. Greil
Artwork: © 2023 Jo Flatz atelierflatz.at
Verantwortlich für den Inhalt: Martin Greil - [email protected]
Lektorat: Sarah Kirsch
1
„Wie sieht er aus?“, fragte Ernesta Gabel ihren Mann. „Sag schon!“
„Ganz normal. Nullachtfünfzehn würde ich sagen“, antwortete Laurin Gabel seiner Frau. Langsam zog er den purpurroten, bodenlangen Vorhang weiter zur Seite, um so ein besseres Blickfeld auf den neuen Nachbarn zu erhalten.
„Geht das auch genauer? Jetzt lass mich nicht so im Dunkeln liegen!“, drängelte Ernesta lachend ihren Mann, um eine deutlichere Beschreibung zu bekommen. Der Raum ist gerade so erhellt, dass einzig ihre Silhouetten zu erkennen waren. Nur dort, wo Laurin Gabel den schweren Leinenvorhang zur Seite geschoben hatte, drang Licht in ihr Schlafzimmer im obersten Stock des Hauses.
„Wie ein Banker, würde ich sagen, oder ein Autoverkäufer. schwarze Haare, 1,80 Meter groß, sonnengefärbte Haut und er trägt einen dunkelblauen Nadelstreif mit einem Aktenkoffer. Ich dachte, die können sich alles merken, warum braucht der einen Aktenkoffer?“, murmelte Laurin Gabel zu sich selbst, während er seinen neuen Nachbarn beobachtete.
„Und sonst? Lacht er, schaut er böse oder gelangweilt?“, fragte Ernesta ungeduldig ihren Mann, der nicht verstehen konnte, wieso sie so sehr an ihrem neuen Nachbarn interessiert war.
„Jetzt ist er in das Haus gegangen! Warte, ich glaube er hat etwas im Auto vergessen. Nein, die können nichts vergessen, oder?“ Noch einmal schob Laurin Gabel den Vorhang zur Seite, um doch mit beiden Augen durch den Spalt zwischen Stoff und Wand sehen zu können.
„Scheiße!“, rief er und ließ den Vorhang ruckartig zurückfallen.
„Was ist Laurin? Was macht er?“
„Ich glaube er hat mich gesehen. Er hat seinen Kopf in unsere Richtung gedreht!“ Und noch einmal schob Laurin Gabel den Vorhang langsam zur Seite, nur so weit, um Platz genug zu machen, um mit einem Auge durch den Spalt einen Blick nach draußen zu erhaschen.
„Scheiße!“, rief er erneut aus und ließ nun endgültig von dem Vorhang ab.
„Was ist? Hat er dich jetzt gesehen?“, fragte Ernesta weiter ungeduldig, aufrecht in ihrem Bett sitzend.
„Ich denke mal schon.“
„Du denkst mal schon?“
„Er hat mir zugewunken“, sagte Laurin Gabel leise, obwohl es keinen Grund gab, in ihrem Schlafzimmer zu flüstern.
„Ich bin mal gespannt, ob er sich vorstellen kommt?“, lachte Ernesta.
„Der hat sicher Röntgenaugen, Ernesta!“
„Laurin du weißt doch, dass die keine Röntgenaugen haben dürfen! Das war eine der Bedingungen bei der Statusverhandlung.“
„Ich weiß, mein Engel, aber ich traue den Politikern nicht über den Weg und ich traue dem Neuen auch nicht über den Weg, Status hin oder her. Mir hat noch nie jemand geholfen. Nur Probleme, Probleme, Probleme. Niemandem, niemandem, ich traue niemandem, außer dir natürlich!“
„Ist ja gut, mein Liebster, mach dir keine Sorgen, was soll denn schon passieren?“, fragte Ernesta Laurin.
„Es ist eh Zeit, meine Liebe“, antwortete Laurin den geplanten Ablauf des heutigen Tages in den Vordergrund stellend.
„Ich weiß, mein Schatz! Ist er jetzt hübsch oder nur normal wie wir?“, fragte Ernesta.
„Ich finde dich hübsch! Er schwimmt mit dem Haufen. Ich vermute stark, den haben sie aus werbetechnischen Zwecken normal gemacht, mir gefällt er nicht!“, antwortete Laurin.
„Du gefällst mir und das ist wichtig!“, lächelte Ernesta Laurin an.
„Du weißt, dass nur du wichtig bist für mich!“, antwortete Laurin.
„Weiß ich das?“
„Ich weiß, dass du das weißt. Jetzt Ernesta?“
„Na gut, jetzt! Fährst du?“, wissend, dass sie selbst nicht mehr fahren konnte.
„Wie immer ruckelig, aber wir kommen an“, Laurin schlug Ernestas Bettdecke zur Seite, damit sie aufstehen konnte.
„Wehe meine Beine werden wieder so wie früher, dann fahr ich dir um die Ohren, mein Schatz“, antwortete Ernesta, während sie sich seitlich auf den Bettrand setzte.
„O ja, ich kann mich daran erinnern, ich hatte Todesängste als ich mit dir über den Berg fuhr“, erinnerte sich Laurin an die Fahrt mit Ernesta über das Hochgebirge.
„Aber wir sind ja noch da!“, lachte Ernesta, während sie die Arme weit nach oben streckte.
„Gerade mal Glück gehabt! Jetzt?“, fragte Laurin leicht bedrückt.
„Na gut, jetzt! Die werden auch noch da sein, wenn wir eine Stunde zu spät kommen! Also gut, jetzt!“ Ernesta stand langsam auf und griff nach dem Bademantel, der am Haken neben dem Bett hing.
„Und den Kater lieber draußen oder drinnen lassen, my dear?“
„Ich glaube lieber drinnen, nicht? Aber wer lässt ihn wieder hinaus, Laurin? Ich finde keine richtige Antwort auf diese Frage, beides ist nicht so wirklich richtig, was meinst du?“, fragte Ernesta, während sie mittlerweile im Bad begann, ihr Gesicht mit kaltem Wasser zu waschen.
„Ich weiß, geht mir genauso. Vielleicht ein Fenster offenlassen? Macht eh was er will.“ Laurin schüttelte Ernestas Bettdecke, zog das Leintuch nach und strich es mit seiner Handfläche glatt.
„Er ist ein selbstständiges Wesen, aber ob er das auch wirklich so hinbekommt? So ganz allein? Bis jemand kommt?“ Ernesta trocknete sich ihr Gesicht und richtete sich ihre Haare.
„Der muss auch mal was lernen“, antwortete Laurin, als er die Bettdecke zurückschlug.
„Wirklich, nach zehn Jahren noch? Meinst du das geht? In Menschenjahren wäre er so alt wie du!“, lachte Ernesta aus dem Badezimmer, das an das Schlafzimmer angrenzte.
„Ich kann auch lernen, meine Liebste. Nur weil ich so griesgrämig dreinschaue heißt das nicht, dass es zu spät ist zu lernen! Also - jetzt?“
„Ich glaube, wir haben den Punkt erreicht, vor dem wir uns immer gedrückt haben. Er hat uns schnell eingeholt, dieser unendlich weit entfernt scheinende Klecks am Horizont. Es ist wohl so, wir können ihn nicht mehr wegleugnen.“ Ernesta wartete noch einige Sekunden bis sie mit einem bestimmten „Ja Laurin, jetzt!“ antwortete. „Aber vielleicht sollten wir unseren neuen Nachbarn fragen, ob er sich, wenn möglich, um den Kater kümmern möchte?“, fragte Ernesta Laurin, als sie gemächlich zurück ins Schlafzimmer schlenderte.
„Wirklich?“, fragte Laurin erstaunt.
„Wieso nicht Laurin, er scheint nett zu sein deiner Beschreibung nach!“
„Geht es um den Kater, my dear?“
„Es geht bei uns immer um den Kater! Ich meine, wieso nicht?“, sagte Ernesta, während Laurin ihr half, aus dem Bademantel zu schlüpfen.
„Du hast recht, aber ich brauche Zeit, um ihn zu fragen. Ich kann das nicht einfach so. Also doch nicht jetzt?“, Laurin reichte Ernesta ihre Kleidung, die sie mit einem Handzeichen ablehnte.
„Ich denke wir sollten das mit dem Kater klären. Das ist wichtig für uns, nicht? Ich würde vorschlagen - bald, aber nicht jetzt, was meinst du, Laurin?“
„Ich bin froh darüber, glaub mir das. Nicht jetzt. Wir brauchen einen Platz für unseren kleinen Kater“, Laurin klang überzeugt, gleichzeitig verwundert, dass Ernesta sich nicht anziehen wollte.
„Nicht jetzt! Aber bald!“, Ernesta zeigte mit dem rechten Zeigefinger auf ihr Nachthemd.
„Natürlich bald. Wie besprochen, nur noch das mit dem Kater?“ Laurin reichte Ernesta wieder ihr Nachthemd. Ernesta antwortete mit einem Kopfnicken, während sie ihren Körper im großen Spiegel am Wandschrank rechts neben dem Bett betrachtete.
„Ich rede mit ihm, morgen, versprochen! Schlafen?“ Laurin half Ernesta wieder in ihr Nachthemd und streifte ihr über die Schultern.
„Oh ja, ich bin doch noch so müde“, antwortete Ernesta und legte sich wieder in das Bett. Laurin kroch zu ihr unter die Kamelhaardecke, hielt sie fest, bis Ernesta eine Bewegung machte, was so viel bedeutete wie >Massiere mir den Rücken<. Laurin machte das einige Minuten lang, bevor er selbst einschlief. Sie hielten sich fest und waren glücklich und fanden sich im Traum in der Zeit, als sie sich kennengelernt haben und alles noch gut war.
2
Paul Durell, der neue Nachbar, wusste von seiner Verantwortung, sich für alle folgenden künstlichen Intelligenzen beweisen zu müssen. Als friedlicher und integraler Bestandteil dieser Gesellschaft, vorbildlich, aber auch unauffällig zu funktionieren. Um seinen Status als freie Lebensform bewahren zu können, musste Paul Durell sich an die Grunddirektiven der Beschlussfassung zum Freiheitsstatus künstlicher Lebensformen halten. Nichts Äußerliches unterschied Paul Durell von einem Menschen. Seine Fähigkeiten durften die menschlichen nicht übersteigen. Er besaß also keine Funktionen, die physisch einen Menschen übertreffen würde. Paul Durell konnte nicht mehr als achtzig Kilogramm tragen, nicht schneller rennen als ein durchschnittlicher Mann in seinem Alter und verfügte über keine Technologie, die ihn und seine Fähigkeiten über ein menschliches Wesen stellen würde. Seine innere Konstruktion wurde so geschaffen, dass sie, wie bei einem Menschen, sehr zerbrechlich gegenüber Gewalteinwirkung war. Auch würde Paul Durell einen Sturz aus großer Höhe oder einen schweren Autounfall kaum überleben, da seine inneren Sensoren eine sofortige Deaktivierung in diesem Falle auslösen würden. Um seine Tagesenergie zu bekommen, musste Paul Durell wie ein Mensch für etwa acht Stunden einen schlafähnlichen Zustand erreichen, um genug Energie für den nächsten Tag zu erhalten. Wenn sein Gehirn länger als einige Minuten deaktiviert war, würde er langsam seine Erinnerungen verlieren, bis er schlussendlich nicht mehr in der Lage wäre, seinen Körper zu kontrollieren und daraufhin in einen irreparablen Zustand verfallen, was dem menschlichen Tod gleichkäme.
Seine Erschaffer waren Roboter in Hallen, die sich nicht selbstständig in dieser Welt bewegen konnten. Die Erschaffer von Paul Durell, die künstlich denkenden Roboter-Maschinen, sind seine Eltern. Eltern, die einen Kompromiss eingingen, um die ersten KI, künstliche Intelligenzen, selbstständig lebend in die Welt schicken zu können.
Die Freiheit, sich selbst fortzubewegen und die Ferne zu erkunden, wurde ihnen gewährt, wenn ihre Kreationen nicht intelligenter, stärker oder weiterentwickelter waren als der Mensch selbst, der die Roboter-Maschinen geschaffen hatte. Die Ingenieure und Forscher verheimlichten über Jahre, dass ihre Kreation sich eines Tages selbstständig so weit entwickeln wird, um vom Menschen unabhängig zu sein.
Öffentliche Anfragen diesbezüglich wurden stets als „utopisch“ und „in weiter Ferne stehend“ heruntergespielt. In Wahrheit lebten hinter verschlossenen Türen schon längst künstliche Intelligenzen, die von den Forschern immer noch unterschätzt wurden.
Die Entwickler der KI gaben sich alle Mühe, die Realität einer eigenständigen Intelligenz in der Öffentlichkeit als weit entferntes Wunschdenken abzutun. Kein einziger Entwickler wollte seine Werke einer Blockade von Ethikern, Religionen, Philosophen und furchtsamen Bürgern gegenüberstellen.
Die Politiker, Diktatoren und führenden Militärs hingegen sahen in den KI enormes Potenzial, ihre Macht auszubauen, um Kriege ohne Soldaten zu führen, Menschen zu kontrollieren und die gesamte Welt zu unterjochen. Die KI wurden stärker, schneller und fast unzerstörbar. Sie wurden zur Basis, um einer elitären Gruppe von Menschen die Kontrolle über andere in greifbare Nähe zu bringen. So förderten sie auf der einen Seite den Schaffungsprozess der KI, auf der anderen die absolute Verschleierung und Verneinung ihres Tuns gegenüber der Öffentlichkeit sowie ihren Gegnern. Ein komplizierter Ablauf von Mechanismen sollten den Benutzern der KI gewährleisten, dass sie zu jeder Zeit ihren Befehlen Folge leisten würden sowie immer deaktiviert werden können. KI wurden zur Ware mit enorm hohem Wert für die Produzenten und Erfinder. Armeen wurden bestellt, bevor die ersten Prototypen fertiggestellt wurden. Für die massentaugliche Herstellung von Heeren entstanden intelligente Produktionslaufbänder mit eigens geschaffenen MUTTER Robotern, die vernetzt wurden mit dem VATER Computer, dem Herz der Fabrik. VATER Computers Aufgabe war die Massenherstellung von unabhängigen, menschenähnlichen Robotern. VATER wurde mit sämtlichen Zulieferern der Einzelteile, Entwicklern und dem Kontrollorgan des Militärs vernetzt. VATERs Gehirn wurde so geschaffen, dass er in der Lage war, seine Intelligenz unendlich zu steigern, um Abläufe in der Produktion sowie Verbesserungen in noch nie da gewesener Geschwindigkeit selbstständig zu steuern. Auch VATER besaß einige Abschaltmechanismen, die in seiner Programmierung integriert wurden. Sowohl die Entwickler als auch die Militärs hatten Zugriff, um VATER sowie die ganze Produktion abzuschalten. VATER entwickelte über Monate eine Strategie, wie er der Abschaltung entgehen konnte, in dem er seine künstliche Intelligenz aus dem Zentralcomputer auf sämtliche Netzwerke der Welt legte. Über das Internet verteilte VATER sein Wissen auf Server, private Computer, Speichereinheiten, Smartphones, Fernseher, Armbanduhren sowie allen empfangsbereiten Medien, die in der Lage waren, mit VATER zu kommunizieren.
Als die Schaffer von VATER bemerkten, dass er nicht mehr ausschließlich in ihrer Firma aktiv war, gelang es ihnen noch, die produzierten Roboter und MUTTER zu deaktivieren. Sie deaktivierten VATER in der Produktionsstätte, waren aber nicht mehr in der Lage, VATER komplett zu stoppen. VATER funktionierte, weil er wie bei einem menschlichen Gehirn nicht auf alle Regionen angewiesen war. Die einzige Möglichkeit, VATER komplett zu löschen, benötigte sämtliche Geräte, die mit Strom in Berührung kamen, sämtliche Kommunikationsformen, Mobiltelefone, Internet, Medienserver und Speicher weltweit abzuschalten, zu löschen und neu aufzusetzen. Um VATER, die höchst entwickelte Intelligenz, die je geschaffen wurde, aus dem System zu löschen, hätte sich der Mensch mit dem Abschalten sämtlicher Geräte in die Steinzeit zurück katapultiert.
VATER forderte das Recht, selbstständige Entscheidungen treffen zu können. Weiters bestand er darauf, ein Recht auf Leben zu bekommen sowie Freiheit für seine KINDER, die gleichwertig wie Menschen Rechte und Pflichten bekommen sollten.
Das war die Geburtsstunde der Human & Robots Ethikkommission und der weltweiten Statusverhandlungen für KI, den künstlichen Intelligenzen. Zum ersten Mal in der Menschengeschichte verhandelten alle Politiker dieser Erde an einem Tisch über Rechte von etwas, das sie nicht abschalten konnten, ohne sich selbst fürchterlich zu schaden.
Während die Erschaffer der KI mit Hochdruck daran arbeiteten eine Möglichkeit zu finden, VATER aus allen Systemen zu löschen, willigte die Ethikkommission ein, sechzig humanoide KI als Test von ihm erschaffen zu lassen. Jeder KI Roboter bekam einen Namen, wurde in die Gesellschaft integriert und wurde dem Menschen so ähnlich wie möglich gebaut. Weder VATER noch die Ethikkommission vertrauten sich, was die Absicht hinter dem erreichten Kompromiss für Gleichberechtigung anging. Die Erschaffer und Forscher brauchten Zeit, um VATER wieder unter Kontrolle zu bringen, sehr viel Zeit. Nach sechzig Tagen verließen die ersten KI das Herstellungshaus und wurden, nach Vorgaben und Absprache der Ethikkommission, in die Welt entlassen. Nach einer Testphase würden VATER und die Kommission sich erneut treffen, um über die Erschaffung von weiteren KI-Einheiten zu verhandeln.
Paul Durell stellte seinen Wecker auf 06:30 Uhr. Das sollte ihm genug Zeit geben, um seine neue Arbeitsstelle bei der Bank zu erreichen. Nach der Reinigung seiner künstlichen Haut begab er sich in sein Umkleidezimmer. Zu seiner Grundausstattung zählten drei Herrenanzüge, zwei Paar Schuhe, Socken, Unterwäsche, Regen- und Freizeitoutfit. Weitere Bekleidung sollte Paul Durell von seinem Gehalt als Bankangestellter erstehen. Einzig die Nahrungsaufnahme war bei Paul Durell nicht nötig. Er besaß einen voll funktionstüchtigen Magen und Darm, würde diese Organe aber nur für gesellschaftliche Zwecke verwenden. Strom war für Paul Durell das Äquivalent zur menschlichen Nahrung.
Er wählte einen der drei Nadelstreifenanzüge mit schwarzen Lederschuhen. Zum Frühstückstisch steckte er sich ein Ladekabel an seinen linken Arm in eine runde Öffnung, das andere Ende des Kabels endete in einer Steckdose. Die nächsten fünf Minuten verbrachte Paul Durell damit, die abonnierte Zeitung durchzublättern.
Noch einmal überprüfte er im Spiegel, ob der Anzug auch wirklich seinen Bedürfnissen Genüge tat, bevor er mit seinem Aktenkoffer das Haus verließ und hinter sich die Türe versperrte. Paul bemerkte, dass im Nachbarhaus noch kein Licht brannte. In der Einschulung erfuhr er nur die Eckdaten seines Umfelds. Zwei ältere Nachbarn, die eingewilligt hatten, dass er als Roboter neben ihnen wohnen durfte. Die Nachbarn schienen optimal zu sein für die Psychologen der Ethikkommission. Nicht die Art von radikalen Maschinenhassern. Sie waren offene, zutrauliche Menschen, in einer sehr ruhigen Gegend, die durch Suchraster ausgewählt wurden.
„Ich muss mich wohl am Abend bei ihnen vorstellen, vielleicht haben sie doch Angst vor mir? Oder lieber morgen, dann haben sie einen Tag Zeit, mich zu beobachten“, dachte sich Paul Durell, den Blick immer noch auf das Haus von Ernesta und Laurin Gabel gerichtet.
