Anonym - Briefe der Lust - Megan Hart - E-Book

Anonym - Briefe der Lust E-Book

Megan Hart

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7,99 €

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Beschreibung

Ein anonymer Brief weckt die Sehnsucht nach Unterwerfung in Paige DeMarco. Hemmungslos gehorcht sie den erotischen Aufforderungen auf edlem Papier: Sie kleidet sich aufreizend, befriedigt sich selbst, ohne zum Höhepunkt zu kommen … Immer neue Nachrichten findet Paige in ihrem Briefkasten, immer gewagter und erregender werden die Befehle. Bis sie eines Tages plötzlich ausbleiben - und Paige einen neuen, ungeahnt dominanten Zug an sich entdeckt. Sie beginnt ein gefährlich heißes Spiel …

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Seitenzahl: 582

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Megan Hart

Anonym – Briefe der Lust

Erotischer Roman

Aus dem Amerikanischen von

Ira Severin

MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der Harlequin Enterprises GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright © 2011 by MIRA Taschenbuch

in der Harlequin Enterprises GmbH

Titel der nordamerikanischen Originalausgabe:

Switch

Copyright © 2010 by Megan Hart

erschienen bei: Spice Books

Published by arrangement with

HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner gmbh, Köln

Umschlaggestaltung: pecher und soiron, Köln

Redaktion: Bettina Steinhage

Titelabbildung: Corbis GmbH, Düsseldorf;

Thinkstock/Getty Images, München

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN (eBook, PDF) 978-3-86278-121-8 ISBN (eBook, EPUB) 978-3-86278-120-1

www.mira-taschenbuch.de

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eBook-Herstellung und Auslieferung: readbox publishing, Dortmundwww.readbox.net

Für die Testleser meines Vertrauens.

Ihr wisst, wen ich meine.

Für meine Familie,

danke für Eure Unterstützung

und Eure Liebe.

Für meine Leser –

ohne Sie hätte ich keinen Erfolg.

Vielen Dank.

Ohne Musik kann ich keine Bücher schreiben.

Mein Dank geht an die Künstler und Musiker,

die es mir möglich machen, Tag für Tag an meinem

Computer zu sitzen, eine eigene Welt zu erfinden

und sie mit Figuren zu bevölkern.

Bitte unterstützen Sie die Arbeit dieser Menschen,

indem Sie ihre Musik nur auf legalem Weg beziehen.

Don McLean: „Empty Chairs“;

Joaquin Phoenix und Reese Witherspoon: „It Aint’t Me, Babe“;

Joshua Radin: „Closer“;

Justin King: „Same Mistakes“;

Lifehouse: „Whatever It Takes“;

Meredith Brooks: „What Would Happen“;

Rufus Wainwright: „Hallelujah“;

Sara Bareilles: „Gravity“;

Schuyler Fisk: „Lying to You“;

She Wants Revenge: „These Things“;

Tim Curry: „S.O.S.“

1. KAPITEL

Manchmal denke ich daran, wie es damals war.

Er kam heraus. Ich ging hinein. Wir bewegten uns aneinander vorbei wie Schiffe auf dem Meer, so wie sich jeden Tag die Wege Hunderter von Fremden kreuzen. Der Augenblick dauerte nicht länger, als es brauchte, um einen Schopf dunkler zerzauster Haare und das Funkeln dunkler Augen zu sehen. Als Erstes fielen mir seine Kleider auf, die kakifarbenen Cargohosen und das langärmlige schwarze T-Shirt. Dann bemerkte ich seine Größe und die Breite seiner Schultern. Innerhalb weniger Sekunden wurde ich mir seiner auf jene besondere Weise bewusst, auf die Männer und Frauen einander wahrnehmen, und ich drehte mich auf den Spitzen meiner Kitten Heels um und folgte ihm mit meinem Blick, bis sich die Türen des „Speckled Toad“ hinter ihm schlossen.

„Soll ich warten?“

„Hm?“ Ich sah Kira an, die vor mir gegangen war. „Worauf?“

„Auf dich. Damit du umkehren und hinter dem Kerl herlaufen kannst, wegen dem du jetzt sicher ein steifes Genick hast.“ Sie grinste und zeigte auf die Tür, aber ich konnte ihn durch das Glas nicht mehr sehen.

Ich kannte Kira seit der zehnten Klasse. Damals hatte uns unsere unerwiderte Liebe zu einem älteren Schüler namens Todd Browning verbunden – überhaupt hatten wir eine Menge gemeinsam gehabt. Schreckliche Frisuren, einen schlechten Geschmack, was Kleider betraf, und eine Schwäche für dicke Lidstriche. Wir waren Freundinnen gewesen, aber ich wusste nicht, als was ich sie jetzt bezeichnen sollte.

Ich ging weiter in den Laden hinein. „Halt den Mund. Ich habe ihn kaum bemerkt.“

„Wenn du es sagst.“ Kira neigte dazu, ziellos umherzustreifen. Jetzt ging sie zu einem Regal voller Krimskrams, von dem ich niemals auch nur ein einziges Stück gekauft hätte. Sie hob einen Plüschfrosch hoch, der ein Herz zwischen seinen Beinen hielt. Auf das Herz war mit funkelnden Buchstaben MOM gestickt. „Wie wäre es damit?“

„Schönes Glitzern. Aber aus vielen verschiedenen Gründen kommt es nicht infrage. Ich bin schon fast entschlossen, ihr einen von diesen hier zu kaufen.“ Ich wandte mich einem Regal mit Porzellanclowns zu.

„Himmel. Sie würde jeden einzelnen davon hassen. Ich bin sehr dafür, dass du einen nimmst.“ Kira prustete los, und ich stimmte in ihr Lachen ein.

Ich versuchte, ein Geburtstagsgeschenk für die Frau meines Vaters zu finden. Sie verriet niemals ihr wahres Alter und bestand an jedem ihrer Geburtstage darauf, dass ihr „Neunundzwanzigster“ gefeiert wurde. Das sagte sie stets mit einem neckischen Lächeln und versäumte nie, die Beute einzusammeln. Nichts, das ich kaufen konnte, würde sie beeindrucken, aber dennoch war ich wild entschlossen, das perfekte Geschenk für sie zu besorgen.

„Wenn die Dinger nicht so teuer wären, würde ich darüber nachdenken. Sie sammelt dieses Limoges-Zeug. Wer weiß, vielleicht fährt sie auf einen Keramikclown ab.“ Ich berührte den Schirm einer seiltanzenden Monstrosität.

Kira hatte Stella einige Male getroffen, und beide waren voneinander absolut nicht beeindruckt gewesen. „Ja, gut. Ich sehe mich mal bei den Zeitschriften um.“

Ich murmelte eine Antwort und suchte weiter. Miriam Levy, die Eigentümerin des „Speckled Toad“, führt eine große Auswahl an Dekorationsartikeln, aber deshalb war ich eigentlich nicht da. Ich hätte in jedes Geschäft gehen können, um nach einem Geschenk für Stella zu suchen. Ihr hätte ein Gutschein für ein Nobelkaufhaus wie „Neiman Marcus“ gefallen, obwohl sie natürlich über die Summe, die ich mir leisten konnte, die Nase gerümpft hätte. Ich war nicht wegen der Porzellanclowns in Miriams Laden gekommen, und auch nicht, weil es nur einen halben Block vom Riverview Manor entfernt lag, wo ich wohnte.

Nein, ich war wegen des Papiers in Miriams Laden gekommen.

Pergament, handgearbeitete Grußkarten, Notizbücher, Blöcke mit exquisitem, zartem Papier, so dünn wie Seide, Bögen, die für das Beschreiben mit Füllfederhaltern gedacht waren, und fester Karton, der so gut wie alles aushalten konnte. Papier in allen Farben und Größen, jedes auf seine ganz eigene Art perfekt, wie geschaffen für Liebesbriefe und Trennungsnachrichten, Kondolenzschreiben und Gedichte. Und nirgendwo war auch nur eine einzige Schachtel mit schlichtem weißem Druckerpapier zu finden. Etwas so Primitives bot Miriam in ihrem Geschäft nicht an.

Ich habe eine Art Schreibwaren-Fetisch. Ich sammle Papier, Stifte, Karten. Setzt man mich in einem Schreibwarengeschäft aus, kann ich dort mehr Zeit und Geld verschwenden als die meisten Frauen in Schuhläden. Ich liebe den Geruch von guter Tinte auf teurem Papier, das Gefühl einer schweren Leinenkarte zwischen meinen Fingern. Am allermeisten aber liebe ich den Anblick eines jungfräulichen Bogens, der darauf wartet, beschrieben zu werden. In jenen Momenten, bevor man den Stift auf das Papier setzt, scheint alles möglich.

Das Beste am „Speckled Toad“ ist, dass Miriam das Papier sowohl blattweise als auch paketweise verkauft. Meine Papiersammlung enthält Bögen aus cremefarbenem Leinen mit Wasserzeichen, einige handgeschöpfte Blätter aus Pflanzenfasern und Karten mit Scherenschnitt-Szenen. Ich besitze Stifte in jeder Farbe und Größe. Die meisten von ihnen waren eher preiswert, haben jedoch etwas – die Tinte oder die Farbe –, das mich reizte. Viele Jahre kaufte ich mein Papier und meine Stifte in Antiquitätengeschäften oder fand es auf Grabbeltischen und in Gebrauchtwarenläden. Als ich das „Speckled Toad“ entdeckte, war es, als hätte ich mein persönliches Nirwana gefunden.

Wenn ich etwas kaufe, stelle ich mir immer vor, dass ich es für einen wichtigen Anlass benutzen werde. Etwas Bedeutendes. Liebesbriefe, geschrieben mit einem Füllfederhalter, der sich wie selbstverständlich in die Hand schmiegt, und anschließend mit einem purpurroten Band umschlungen und einem scharlachroten Siegel versehen. Ich kaufe diese Dinge, ich liebe sie, aber ich benutze sie kaum jemals. Selbst anonyme Liebesbriefe benötigen einen Empfänger … und ich hatte keinen Geliebten.

Und außerdem, wer schreibt denn überhaupt noch? Handys, Instant Messenger und das Internet haben das Briefeschreiben überflüssig gemacht, jedenfalls fast. Dennoch besitzt eine handgeschriebene Nachricht etwas Besonderes. Etwas sehr Persönliches, das danach schreit, ernst genommen zu werden. Etwas, das weit über eine in Eile auf einen Zettel gekritzelte Einkaufsliste oder eine Unterschrift auf einer Grußkarte aus Massenfertigung hinausgeht. Und doch würde ich wohl niemals eine so bedeutsame Nachricht schreiben, ging es mir durch den Kopf, während ich mit den Fingerspitzen über den seidig-glatten Rand eines Blocks Schreibpapier mit Prägung strich.

„Hallo, Paige. Wie geht’s?“ Miriams Enkel Ari stapelte gerade einige Pakete auf dem Boden hinter dem Verkaufstresen auf. Dabei verschwand er und tauchte gleich darauf wieder auf wie ein Kastenteufel.

„Ari, mein Lieber. Ich habe noch eine Auslieferung für dich.“ Miriam trat durch die mit einem Vorhang versehene Tür hinter dem Tresen und sah ihren Enkel über ihre schmale Lesebrille hinweg an. „Jetzt sofort. Und bleib nicht wieder zwei Stunden weg, wie beim letzten Mal.“

Er rollte mit den Augen, nahm jedoch den Umschlag aus ihrer Hand entgegen und küsste sie auf die Wange. „Ja, mache ich, Grandma.“

„Guter Junge. Nun zu Ihnen, Paige. Was kann ich heute für Sie tun?“ Miriam schaute Ari mit einem liebevollen Lächeln nach, bevor sie sich mir zuwandte. Wie immer war sie tadellos zurechtgemacht, kein Härchen, das nicht an seinem Platz gewesen wäre. Miriam ist eine echte Dame. Sie ist mindestens siebzig und besitzt so viel Stil, wie ihn nur wenige Frauen haben, gleich welchen Alters.

„Ich brauche ein Geschenk für die Frau meines Vaters.“ „Ah.“ Anmutig legte sie ihren Kopf schief. „Ich bin sicher, Sie finden das perfekte Geschenk. Aber falls Sie Hilfe brauchen, lassen Sie es mich wissen.“

„Danke.“ Ich war schon so oft hier gewesen, dass sie wusste, wie sehr ich es liebte, im Laden herumzustreifen.

Die nächsten zwanzig Minuten verbrachte ich damit, die neuen Lieferungen feinsten Schreibpapiers zu betrachten und zu liebkosen. Dieses Papier konnte ich mir nicht leisten, ganz gleich, wie sehr ich es mir auch wünschte.

Kira stöberte mich im hinteren Teil des Ladens auf. „Nun, Indiana Jones, wonach suchst du? Nach dem verlorenen Schatz?“

„Das weiß ich dann, wenn ich es gefunden habe.“ Ich warf ihr einen kurzen Blick zu.

Kira blickte zur Decke. „Ach je, lass uns doch einfach ins Einkaufszentrum gehen. Du weißt doch, dass es Stella völlig egal ist, was du ihr schenkst.“

„Aber mir ist es nicht egal.“ Ich konnte Kira nicht erklären, wie wichtig es mir war, Stella zu … nun, ich würde sie nicht beeindrucken können. Ich konnte sie nicht beeindrucken, und es würde mir auch niemals gelingen, sie nicht zu enttäuschen. Oder ihr nicht wieder einmal zu beweisen, dass sie recht hatte. Aber genau das war es, was ich wollte: ihr zeigen, dass sie sich irrte.

„Du bist manchmal furchtbar stur.“

„Das nennt man entschlossen“, murmelte ich, während ich ein letztes Mal das Regal betrachtete, vor dem ich stand.

„Man nennt es stur wie ein Esel und entschlossen, es nicht zuzugeben. – Ich warte draußen auf dich.“

Ich schaute kaum auf, als sie ging. Mir war klar gewesen, dass Kiras geringe Aufmerksamkeitsspanne sie nicht gerade zur idealen Begleiterin für diesen Einkaufsbummel machte, aber ich hatte es schon viel zu lange aufgeschoben, Stella ein Geschenk zu besorgen.

Seit ich aus unserer Heimatstadt nach Harrisburg gezogen war, hatte ich Kira nur selten getroffen. Eigentlich hatten wir uns vorher auch nicht oft gesehen. Als sie mich angerufen hatte, um zu fragen, ob ich sie treffen wollte, war mir keine Ausrede eingefallen, die nicht gemein und kaltherzig geklungen hätte. Sie würde draußen vor dem Laden ganz zufrieden sein, während sie ein oder zwei Zigaretten rauchte, also wandte ich meine Aufmerksamkeit wieder der Suche zu, weiterhin entschlossen, genau das Richtige zu finden.

Im Laufe der Jahre hatte ich herausgefunden, dass es nicht zwingend das Geschenk selber war, das Stellas Billigung fand, sondern etwas, das noch weniger greifbar war als der Preis. Mein Vater kaufte ihr alles, was sie sich wünschte, und was sie nicht von ihm bekam, kaufte sie sich selber. Es war also unmöglich, ihr etwas zu kaufen, das sie wollte oder brauchte. Gretchen und Steven, die Kinder meines Vaters aus seiner ersten Ehe mit Tara, wählten den bequemen Weg und brachten ihre Kinder dazu, Stella etwas zu basteln, wie zum Beispiel eine mit Fingerfarben bemalte Grußkarte. Meinen Halbgeschwistern gelang es, mit ihren planlosen Versuchen davonzukommen, während die Erwartungen an mich deutlich höher waren. Stellas eigene Jungen waren noch zu klein, um sich Gedanken über ein Geschenk zu machen.

Es ist immer irgendwie von Nutzen, wenn man versucht, hohen Erwartungen gerecht zu werden.

Da stand ich nun also, starrte vor mich hin und zermarterte mir den Kopf, welches Geschenk genau das richtige wäre. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Die Frau meines Vaters ist keine üble Person. Sie hat nie aufgehört, zu versuchen, mich, so wie Gretchen und Steven, zu einem Teil ihrer Familie zu machen. Wobei es selbstverständlich und nur natürlich war, dass ich ihr nicht so viel bedeutete wie ihre eigenen Söhne Jeremy und Tyler. Aber meine Halbgeschwister hatten alle bei meinem Vater gelebt. Ich nie.

Dann sah ich es. Das perfekte Geschenk. Ich nahm die Schachtel vom Regal und öffnete den Deckel. Drinnen lag auf tiefblauem Seidenpapier ein Stapel blassblauer Briefkarten. In der unteren rechten Ecke jeder Karte glitzerte ein stilisiertes S umgeben von fast unmerklich funkelnden Sternchen. Die Umschläge hatten dasselbe Sternenmuster und waren von Silberfäden durchzogen, die sie zum Leuchten brachten. Außerdem lag noch ein Füllfederhalter in der Schachtel. Ich nahm ihn heraus. Er war zu leicht, und die kleine Quaste am oberen Ende wirkte zu verspielt, aber er war nicht für mich. Es war der perfekte Stift für Finger mit manikürten Nägeln, die Dankeskarten schrieben, in denen über jedem i statt eines Punktes ein Herzchen stand. Es war der perfekte Füller für Stella.

„Ah, Sie haben also etwas gefunden.“ Miriam nahm die Schachtel entgegen und löste sorgfältig das Preisschild vom Boden. „Eine sehr gute Wahl. Bestimmt kommt es hervorragend an.“

„Das hoffe ich.“ Ich glaubte tatsächlich, dass es ihr gefallen würde, aber ich bemühte mich, mir nicht zu sicher zu sein, weil das zwangsläufig zu einer Enttäuschung führen musste.

„Sie wissen immer ganz genau, was jemand braucht, nicht wahr?“ Miriam lächelte, während sie die Schachtel in einen hübschen Beutel steckte und ihn mit einer Schleife verzierte, die sie mir nicht berechnen würde.

Ich lachte. „Oh, davon weiß ich nichts.“

„Doch, das tun Sie“, behauptete sie mit fester Stimme. „Ich kenne meine Kunden. Ich beobachte sie. Viele kommen hierher und suchen nach irgendetwas, finden es aber nicht. Sie finden immer, was Sie suchen.“

„Das heißt nicht, dass es dann auch das Richtige ist“, erklärte ich ihr und bezahlte mit ein paar glatten Scheinen frisch aus dem Geldautomaten.

Miriam schaute mich über ihre Brille hinweg an. „Meinen Sie wirklich?“

Ich gab ihr keine Antwort. Wie kann irgendjemand wissen, ob das, was er tut, das Richtige ist? Jedenfalls bevor es zu spät ist, um noch etwas zu ändern.

„Manchmal glauben wir, wir wüssten ganz genau, was ein anderer Mensch sich wünscht oder braucht. Aber dann …“, sie seufzte und hielt mir einen Stapel hübsches Briefpapier hin, das in einer Schachtel mit einem Klarsichtdeckel lag, „… finden wir heraus, dass wir uns geirrt haben. Das hier habe ich für einen meiner Stammkunden zurückgelegt, aber er mochte es nicht.“

„Was für ein Pech. Ich bin sicher, jemand anders wird es nehmen.“ Es wunderte mich nicht, dass ein Mann das Papier nicht wollte. Es war mit geprägten Blumen verziert, deren Ränder golden leuchteten, und erschien mir ein wenig zu feminin für einen Mann.

Miriam schaute mir direkt in die Augen. „Sie vielleicht?“

Abwehrend wedelte ich vor der Schachtel mit dem Blümchenpapier herum und schob dann die Hände in die Taschen meiner Jeans, während ich meinen Blick durch den Laden schweifen ließ. „Das ist nicht unbedingt mein Stil.“

Lachend räumte sie das Papier beiseite. Sie hatte ihre Nägel dunkelrot lackiert, passend zu ihrem Lippenstift. Hoffentlich würde ich in ihrem Alter ebenso stilsicher sein. Verdammt, ich wäre schon damit zufrieden gewesen, vom nächsten Tag an wenigstens halb so modebewusst zu sein wie sie.

„Nun, wie wäre es mit einer Kleinigkeit für Sie selber? Ich habe ein paar neue Notizbücher. In Wildleder gebunden. Mit Goldschnitt. Und einem Bändchenverschluss“, ratterte sie herunter und deutete auf den Warenständer. „Schauen Sie sie sich an.“

Ich stöhnte. „Sie sind herzlos, ist Ihnen das klar? Sie wissen ganz genau, dass Sie es mir nur zeigen müssen und … oh. Ohhh!“

„Hübsch, nicht wahr?“

„Ja.“ Ich betrachtete nicht die Notizbücher, sondern eine rote Lackschachtel, deren Deckel mit Schleifen befestigt war. In das polierte Holz war ein Muster aus rot-blauen Libellen gebeizt. „Was ist das hier?“

Ich strich über den glatten Deckel und öffnete ihn. In dem Kästchen lagen auf schwarzem Satin ein kleines Tonschälchen, ein kleiner Behälter mit roter Tinte und mehrere Pinsel mit Holzgriffen.

„Oh, das ist ein Kalligrafie-Set.“ Miriam kam um den Tresen herum, um ebenfalls den Inhalt der Schachtel zu betrachten. „Diese Sets kommen aus China. Aber dieses hier ist ein ganz besonderes. Dazu gehören auch Papier und Füllfedern, nicht nur Pinsel und Tinte.“

Sie hob den oberen Teil des Kästchens hoch und zeigte mir einen Stapel Papier, der mit rotem Seidenband umwickelt war, und ein rotes Satinsäckchen mit Zugband, in dem ein Satz Füller mit Messingfedern steckte.

„Das ist wunderschön.“ Ich zog meine Hände weg, obwohl ich die Federhalter, die Tinte und das Papier gern berührt hätte.

„Genau was Sie brauchen, stimmt’s?“ Miriam ging wieder um den Tresen herum und setzte sich auf ihren Stuhl. „Wie für Sie gemacht.“

Ich warf einen Blick auf das Preisschild und schloss mit Nachdruck den Deckel des Kästchens. „Ja. Aber nicht heute.“

„Nein?“ Miriam schaute zur Decke. „Wie kommt es, dass Sie so genau wissen, was alle anderen brauchen, aber nicht, was Sie brauchen? Wirklich schade, Paige. Sie sollten es kaufen.“

Von dem Geld, das dieses Kästchen kostete, konnte ich meine Kreditkartenrechnung bezahlen. Ich schüttelte den Kopf und legte ihn dann schief. „Warum sind Sie so überzeugt, ich wüsste, was alle anderen brauchen? Das ist eine ziemlich gewagte Behauptung.“

Miriam riss eine Tüte Pfefferminzdrops auf und steckte sich einen in den Mund. Sie lutschte einen Augenblick an dem Bonbon, bevor sie mir antwortete. „Sie waren schon ziemlich oft hier. Ich habe erlebt, wie Sie Geschenke aussuchen und wie Sie Dinge für sich selber kaufen. Mir gefällt der Gedanke, dass ich Menschenkenntnis besitze. Dass ich verstehe, was Menschen brauchen und was ihnen gefällt. Warum stehen in meinen Regalen wohl solche Scheußlichkeiten herum? Weil es eine Menge Leute gibt, denen so etwas gefällt.“

Ich folgte ihrem Blick in Richtung eines Regals, in dem weitere Porzellanclowns standen. „Etwas haben zu wollen, heißt nicht unbedingt, dass man es auch bekommen sollte.“

„Dass Sie etwas unbedingt haben möchten, bedeutet nicht, dass Sie sich die Freude versagen sollten“, erklärte Miriam in heiterem Ton. „Gönnen Sie sich das Kästchen. Sie haben es verdient.“

„Ich wüsste nicht, was ich damit schreiben sollte.“

„Briefe an einen Liebsten“, schlug sie vor.

„Ich habe keinen Liebsten.“ Wieder schüttelte ich den Kopf. „Tut mir leid, Miriam. Ich kann das heute nicht kaufen. Vielleicht ein andermal.“

Sie seufzte. „Gut, gut. Verbieten Sie sich die Freude, etwas Schönes zu besitzen. Glauben Sie, dass Sie das nötig haben?“

„Ich glaube, ich muss erst einmal meine Rechnungen bezahlen, bevor ich mir Luxusartikel kaufe.“

„Aha. Vernünftig.“ Sie neigte den Kopf zur Seite. „Praktisch veranlagt. Nicht sehr romantisch. So sind Sie.“

„Das erkennen Sie an dem Papier, das ich kaufe?“ Ich stemmte die Hände in die Hüften. „Ich bitte Sie!“

Miriam zuckte die Achseln, und in diesem Moment konnte ich ganz genau sehen, wie sie als junge Frau gewesen war. Dickköpfig, anmutig, schön. „Ich kann es an dem Papier erkennen, dass Sie nicht kaufen. Wenn Sie erst einmal eine alte Dame sind, werden Sie auch so weise sein wie ich.“

„Das hoffe ich doch“, erklärte ich lachend.

„Und ich hoffe, Sie kommen demnächst wieder vorbei und kaufen sich das Kästchen. Es ist für Sie bestimmt, Paige.“

„Ich werde ganz sicher darüber nachdenken. In Ordnung? Reicht Ihnen das?“

„Wenn Sie das Papier kaufen“, erklärte Miriam mir, „werden Sie ganz sicher etwas finden, das es wert ist, darauf niedergeschrieben zu werden.“

2. KAPITEL

Sollen wir anfangen?

Dies ist deine erste Aufgabe.

Du wirst dich ganz genau an die Anweisungen halten. Fehler werden nicht akzeptiert. Die Strafe für Dein Versagen ist das Ende unseres Spiels.

Dein Lohn werden meine Aufmerksamkeit und meine Anordnungen sein.

Du wirst eine Liste mit zehn Punkten schreiben. Fünf Schwächen. Fünf Stärken.

Schicke sie unverzüglich an die unten angegebene Adresse.

Der quadratische Umschlag in meiner Hand hatte die sanften, kaum wahrnehmbaren Rillen von wirklich teurem Papier. Die Klappe war nicht gummiert. Der Rückumschlag, der der Nachricht beilag, war von derselben Qualität. Ich betrachtete die schwere cremefarbene Karte, die ich aus dem Umschlag gezogen hatte, immer wieder von vorne und von hinten. Das Material fühlte sich wie hochwertiges Leinen an. Ebenfalls sehr kostspielig. Ich strich an der leicht rauen Kante entlang. Möglicherweise war das Stück, welches ich in der Hand hielt, aus einem größeren Bogen herausgeschnitten worden. Es war nicht schwer genug, um als Briefkarte durchzugehen, jedoch zu dick für einen Tintenstrahldrucker.

Ich hob den Umschlag an die Nase und schnupperte daran. Ein leichter Moschusduft ging von dem Papier aus, das glatt, aber auch porös war. Ich konnte den Geruch nicht identifizieren, aber zusammen mit dem Aroma von teurer Tinte und frischem Papier erregte er ein leichtes Schwindelgefühl in mir.

Mit den Fingerspitzen strich ich über die schwarzen geschwungenen Buchstaben. Die Schrift war mir unbekannt, und der Brief war nicht unterschrieben. Jedes Wort präzise aufs Papier gebracht, jeder Buchstabe sorgfältig geformt, ohne die nachlässigen Schwünge, Häkchen und Windungen, die die Handschrift der meisten Menschen zeigt. Das hier sah geübt aus und effizient. Anonym.

Der Rückumschlag war an ein Postfach in einer der örtlichen Postfilialen adressiert, ohne weitere Zusätze. Seit ich vor fünf Monaten ins Riverview Manor gezogen war, hatte ich einige Werberundschreiben erhalten, außerdem Spendenaufrufe, die an zwei der vorherigen Bewohner meines Apartments gerichtet waren, dazu viel zu viele Rechnungen. Ich hatte keinen einzigen privaten Brief bekommen.

Wieder drehte ich die Karte um und lauschte dem leisen Wispern, mit dem meine Finger über das Papier strichen. Auf der Vorderseite stand weder eine Anschrift noch ein Name. Nur eine Zahl, die ebenso unpersönlich und sorgfältig geschrieben war wie die Nachricht. Ich schaute genauer hin und entdeckte, was ich vorher in der Eile nicht bemerkt hatte.

114

Das erklärte alles. Dieser Brief war nicht für mich bestimmt. Die Tinte war ein wenig verwischt, sodass die Eins auf den ersten Blick als Vier durchging. Jemand hatte den Umschlag versehentlich in meinen Briefkasten mit der Nummer 414 gesteckt.

Wenigstens war es keine Einladung zu einer Geschenkparty für eine werdende Mutter oder zur Hochzeit von „Freunden“, die ich seit Jahren nicht gesehen hatte. Ich legte keinen gesteigerten Wert darauf, nur deswegen auf eine Gästeliste gesetzt zu werden, um die Geschenkausbeute größer zu machen. Vor allem nicht, wenn ich das Brautpaar kaum kannte und nur vor undenklichen Zeiten mit einem der beiden in einem Mathekurs gesessen hatte.

„Was ist das?“ Kira trat in einer Wolke aus Zigarettendunst hinter mich und bohrte ihr Kinn in meine Schulter.

Ich weiß nicht, warum ich ihr die Nachricht nicht zeigen wollte. Ich schob die Karte zurück in den Umschlag, suchte nach dem richtigen Briefkasten und steckte sie durch den Schlitz. Durch das Glasfenster konnte ich sehen, wie sie in dem Metallkasten ruhte, schmal, einsam und allein.

„Nichts“, antwortete ich auf Kiras Frage. „Es war nicht für mich.“

„Dann komm. Lass uns nach oben gehen. Ich plane einen flotten Dreier mit Jose, Jack und Jim.“ Sie hob eine Papiertüte hoch, in der die Flaschen klirrten.

Jede Frau sollte eine schlampige Freundin haben, sodass sie sich besser fühlt. Denn egal, wie sehr sie sich am vergangenen Abend betrunken und mit wie vielen Kerlen sie auf der Party herumgemacht hat oder wie kurz ihr Rock ist, diese schlampige Freundin wird immer noch … nun … schlampiger gewesen sein.

Kira und ich hatten uns in dieser Rolle während der vergangenen Jahre immer wieder abgewechselt. Darauf war ich nicht stolz, konnte es aber dennoch nicht bestreiten. „Es ist noch nicht mal acht. Vor elf ist sowieso nichts los.“

„Genau deshalb bin ich noch schnell im Spirituosenladen gewesen.“ Sie schaute sich in der Eingangshalle um und zog die Brauen hoch. „Wow! Hübsch!“

Auch ich sah mich begeistert um. Das tat ich immer noch, obwohl ich jede Bodenfliese kannte. „Danke. Komm mit, wir entern den Aufzug.“

Eigentlich hätte sie ebenso beeindruckt von meinem Apartment sein müssen, aber sie sagte nichts. Sie rauschte durch die Zimmer, öffnete Schranktüren und schaute in mein Medizinschränkchen, und als es Zeit wurde, die Sandwiches zu essen, die wir zum Dinner gekauft hatten, machte sie ein großes Getue darum, meinen zerschrammten Küchentisch mit richtigen Tellern anstelle von Papierservietten als Unterlagen zu decken. Aber sie sagte mir nicht, dass meine Wohnung hübsch war.

Es war fast wie in alten Zeiten, als wir kichernd unser Essen verschlangen und dabei Realityshows sahen. Ich hatte nicht vergessen, was für einen bizarren, äußerst komischen Humor Kira besaß, aber es war lange her, seit ich so furchtbar gelacht hatte, dass mein Magen sich zu verknoten schien. Plötzlich war ich froh, dass ich sie zu mir eingeladen hatte. Es ist schön, mit jemandem zusammen zu sein, der jeden deiner Fehler kennt und dich trotzdem mag … oder dich zumindest deswegen nicht weniger mag.

Sie hatte einen neuen Freund. Tony Irgendwer. Der Name sagte mir nichts. Kira hatte ihn in ihren SMS oder ihren gelegentlichen E-Mails nie erwähnt. Doch an der Art, wie sie ganz nebenbei von ihm sprach, erkannte ich, dass sie nach ihm gefragt werden wollte.

„Wie lange bist du schon mit ihm zusammen?“ Ich goss mir einen Schluck Tequila ein und betrachtete die gelbe Flüssigkeit in meinem Glas, weil ich mir nicht sicher war, ob ich sie überhaupt trinken wollte. Früher einmal war ich fähig gewesen, das Zeug ohne Angst vor den Folgen hinunterzuschütten. Doch in letzter Zeit hatte ich nur wenig Alkohol getrunken. Schließlich schob ich Kira das Glas hin.

Routiniert stürzte sie den Drink hinunter. „Wir haben uns kennengelernt, kurz nachdem du weggezogen warst. Also schon ziemlich lange.“

Es kam mir nicht vor, als sei das schon sehr lange, aber alles, was länger als drei Monate hielt, war für sie ein echter Rekord. „Wie schön für dich.“

Sie kräuselte die Nase. „Na ja. Er ist gut im Bett und macht mir jede Menge Geschenke. Und er hat ein richtig tolles Auto. Einen Job. Er ist kein Loser.“

„Das klingt gut.“ Ich war ein kleines bisschen anspruchsvoller, was meine Vorstellung von einem idealen Partner betraf, jedenfalls neuerdings. Doch ich lächelte, als sie ihn beschrieb, und faltete dabei das Papier zusammen, in das unsere Sandwiches eingepackt gewesen waren.

Kira stand auf, um mir zu helfen. „Stimmt. Er ist ein netter Mann.“

Was mehr sagte als alles, was sie mir vorher erzählt hatte. Ich warf ihr einen kurzen Blick zu. Die Zeiten ändern sich, machte ich mir klar. Und mit ihnen die Menschen.

Als es Zeit zum Ausgehen war, trat dann aber doch die altbekannte Kira wieder in Erscheinung. „Himmel, darin kannst du nicht ernsthaft losziehen wollen!“

Ich schaute hinunter auf meine Jeans. Sie saßen tief auf der Hüfte und hatten einen Bootcut. Dazu wollte ich Stiefel tragen, wie es sich gehörte. Ich hatte sogar ein hübsches ärmelloses T-Shirt dazu. Die vielen Stunden im Fitnessstudio begannen sich langsam auszuzahlen. „Was stimmt nicht mit den Sachen, die ich anhabe?“

Kira öffnete meinen Kleiderschrank und begann, darin herumzuwühlen. „Hast du nichts … Besseres?“

Wir gehen schon ziemlich lange nicht mehr in die Highschool, wollte ich sagen, doch als ich ihren kurzen Jeansrock und ihre enge, bauchfreie Bluse betrachtete, wurde mir klar, dass ich mir diese Bemerkung schenken konnte. Stattdessen zuckte ich mit den Schultern.

„Ich weiß, dass du heißere Sachen hast.“ Kira kehrte von meinem Schrank mit einem Armvoll Blusen und Röcke zurück, an die ich mich zwar erinnerte, die ich aber schon ewig nicht getragen hatte. Sie warf die Sachen auf mein Bett, wo sich nun ein Monatseinkommen in Form von Kleidungsstücken türmte.

Ich griff nach einem seidigen Tanktop in einem hübschen Lavendelton und einem schwarzen Stretchrock. Dann hielt ich mir die Sachen vor den Körper und schaute in meinen Standspiegel. Schließlich warf ich sie wieder aufs Bett.

„Nein, danke“, sagte ich. „Ich werde das tragen, was ich anhabe. Es ist bequem.“

Kira schüttelte den Kopf. „Pfui, bäh. Ich bitte dich, Paige!“

„Pfui?“ Ich betrachtete mich noch einmal im Spiegel. Die Jeans lagen eng und perfekt an meinen Hüften und meinem Hintern an, und das T-Shirt betonte, wie flach mein Bauch bereits geworden war. Ich fand, dass ich verdammt gut aussah. „Was soll pfui bedeuten?“

„Es ist nur, du weißt schon …“ Kira schlenderte zu mir herüber und schob sich vor mich, sodass nur sie im Spiegel zu sehen war. „Du musst zeigen, was du hast.“

Ich sah über ihre Schulter. Selbst in meinen hochhackigen Stiefeln war ich noch einen halben Kopf kleiner als sie. Sie hatte ihr von Natur aus rotes Haar wachsen lassen, und es fiel nun weit auf ihren Rücken hinunter. Auch im Sommer wurde sie niemals braun, und deshalb wirkte ihr dunkler Eyeliner schwärzer als schwarz, und der rote Lippenstift, der ohnehin schon schrie: „Nimm mich!“, leuchtete signalfarben.

Ich schaute wieder in den Spiegel und drehte meinen Kopf erst zur einen, dann zur anderen Seite, um mein Profil zu betrachten. Meine Haare sind blond. Naturblond. Meine Augen sind blau, aber sehr dunkel, fast marineblau. Ich sehe meinem Dad sehr ähnlich, was vielleicht einer der Gründe ist, weshalb er sich nie die Mühe gemacht hat, zu leugnen, dass ich seine Tochter bin.

„Ich finde, ich sehe gut aus“, teilte ich Kira mit, aber ich konnte selber den leisen, sehnsüchtigen Unterton in meiner Stimme hören.

Ich gab mein Kleiderbudget für schlichte Markenklamotten aus, die ich am Ende der Saison oder in Discountläden besorgte. Während der vergangenen paar Jahre hatte ich mir auf diese Weise meine Garderobe zusammengekauft. Kleidung für Arbeit und Freizeit, die teuer genug aussah, um als edel durchzugehen. Diese Sachen kombinierte ich mit Schuhen, die ich mir eigentlich nicht leisten konnte. Ich hatte nicht vor, Clarice Starling nachzumachen: Die FBI-Agentin aus „Das Schweigen der Lämmer“ hatte ihre Herkunft dadurch verraten, dass sie eine teure Tasche zusammen mit billigen Schuhen trug.

Wieder musterte ich mein Spiegelbild und stellte mir vor, wie der Satin auf meiner Haut flüstern würde. Wenn ich keinen BH anzog, würden meine Nippel sich gegen den dünnen Stoff drängen und die Blicke der Männer direkt auf meine Brust lenken. Die Blicke sämtlicher Männer.

Noch einmal nahm ich das Tanktop in die Hand, hielt es mir vor den Körper und strich es über meinem Bauch glatt. Kira nickte zustimmend, bevor sie den Arm um meine Schultern schlang und mir mit der Hüfte einen Stoß versetzte. „Na los! Du weißt doch selber ganz genau, dass du es willst.“

Sie hatte recht. Ich wollte ausgehen und mich bis zur Besinnungslosigkeit betrinken und tanzen und rauchen und meinen Körper an den Leibern von mindestens einem halben Dutzend Männern reiben. Ich wollte einen heißen, harten Körper spüren und in Augen, in die ich noch nie zuvor geschaut hatte, Lust funkeln sehen.

Und ich wollte mir keine Gedanken darüber machen, ob ich mal wieder die Meinung bestätigte, die irgendjemand von mir hatte.

Ich zog mir mein Oberteil über den Kopf, zögerte einen Moment und öffnete dann den Häkchenverschluss meines BHs. Das Tanktop aus Satin glitt über meine Arme und fiel auf meine Hüften. Unter dem weichen Stoff wippten meine Brüste auf und ab. Sofort stellten sich meine Nippel auf, und ein Schauer überlief mich.

„Ich werde dich schminken“, bot Kira an.

Sie schleppte ihre große Tasche an und holte Töpfchen, Tuben, Pinsel und Glitter daraus hervor. Ich liebe Glitter, aber ich hatte schon ewig keinen mehr getragen. Hier, in meinem neuen Leben, hatte ich keine Verwendung dafür.

„Das mache ich selber.“ Nicht im Traum dachte ich daran, Make-up aufzutragen, das sie benutzt hatte. Nicht auszudenken, welche Keime auf diese Weise übertragen werden konnten. Ich schob Kira weg und ging in mein Bad, wo ich in dem Schränkchen unter dem Waschbecken herumwühlte.

Ich holte meine eigene Tasche mit Schminkutensilien hervor. Lippenstifte in Beerentönen, Lidschatten in Regenbogenfarben. Außerdem Unmengen von halb aufgebrauchten schwarzen Kajalstiften und einige Fläschchen mit flüssigem Eyeliner. Ich schüttelte eines davon in dem Glauben, der Inhalt sei über die Jahre eingetrocknet, doch als ich den Verschluss mit dem daran befestigten Bürstchen öffnete, war die Farbe noch cremig.

Ich malte mir eine Maske. Sie sah genauso aus wie ich, nur strahlender. Frecher. Beeindruckender. Früher hatte ich dieses Gesicht jeden Tag zur Schau gestellt. Damals hatte ich gar kein anderes besessen.

Nachdem ich mit meinem Make-up fertig war, schlängelte ich mich in den engen schwarzen Rock. Die Strümpfe ließ ich weg. Auf dem Weg vom Parkhaus zur Bar würde ich zwar frieren, aber mir würde auf jeden Fall warm genug sein, wenn ich erst einmal anfing zu tanzen. Aus meinen Schrank nahm ich ein paar verdammt heiße High Heels.

Kira hatte sich die Zeit mit ihrem Handy vertrieben und Nachrichten in die Tastatur gehackt, doch jetzt riss sie die Augen auf und griff nach den Schuhen. „Wow! Die sind ja von Steve Madden!“

„Das erste Paar, das ich mir gekauft habe.“ Ich strich über das weiche schwarze Lackleder. Zehn-Zentimeter-Absätze. Die meisten Männer können den Unterschied zwischen Steve Madden und irgendwelchen billigen Pumps nicht erkennen, aber wenn ich sie anhabe, schauen sie zwei Mal hin. Manchmal auch noch häufiger.

Ich schlüpfte in die Schuhe und stellte mich aufrecht hin, um mich daran zu gewöhnen, wie sich mein Schwerpunkt verlagerte. Meine Mutter hat mir beigebracht, wie man auf so hohen Absätzen läuft. Als Kind habe ich oft ihren Kleiderschrank geplündert und bin dann in ihren Schuhen durchs Haus stolziert.

Dann strich ich das seidige Shirt über meinem Bauch und meinen Hüften glatt und drehte mich um, weil ich mich ein letztes Mal im Spiegel betrachten wollte. „Können wir gehen?“

„Ich glaube ja“, erwiderte Kira mürrisch. „Allerdings siehst du jetzt absolut toll aus, und ich wirke daneben, als wäre ich aus irgendeinem Loch gekrochen.“

„Du siehst heiß aus“, behauptete ich. Wofür sind Freunde da?

Sie ließ sich sofort überzeugen. Allerdings wohl eher, weil sie mir glauben wollte, als wegen meiner Bemühungen, glaubhaft zu klingen. „Okay. Gehen wir und geben uns die Kante!“

An diesem Abend sah ich den dunkelhaarigen Mann wieder. Dieses Mal kam er herein, als ich hinausging. Wir bewegten uns nicht aneinander vorbei wie zwei Schiffe in voller Fahrt, sondern vielmehr wie ein Schiff, welches an einem zweiten Schiff vorbeifährt, das soeben mit einem Eisberg kollidiert. Ich konnte schwerlich beleidigt sein, dass sein Blick an mir hinabglitt, den kurzen Rock und die High Heels taxierte und dann einen Punkt hinter mir fixierte, ohne ein zweites Mal hinzusehen. Er lief mit gesenktem Kopf an mir vorbei und sprach dabei mit drängender Stimme in sein Handy. Und es war nicht seine Schuld, dass ich mich verzweifelt bemühte, so zu tun, als würde ich ihn nicht bemerken, und deshalb so heftig gegen den Türrahmen rannte, dass ich mir einen blauen Fleck holte.

„Fall langsam, dann hast du mehr davon.“ Kira grinste mich an. Sie hatte noch nicht einmal bemerkt, dass es derselbe Mann gewesen war, den wir an diesem Tag schon einmal gesehen hatten. „Nur gut zu wissen, dass du jede Menge Tequila vertragen kannst.“ Ich zuckte mit den Schultern und antwortete ihr nicht. Sein Ärmel hatte meinen nackten Arm gestreift, und diese kurze, leichte Berührung hatte sämtliche Härchen an diesem Arm bis hinauf in meinen Nacken dazu gebracht, sich aufzurichten. In meinem Bauch machte sich langsam ein unruhiges Gefühl breit.

Er lebte im selben Haus wie ich.

3. KAPITEL

Das hätte mich nicht sonderlich überraschen dürfen. Ich begegnete vielen Bewohnern des Riverview Manor in Miriams Laden und im „Morningstar Mocha“, dem Coffeeshop am Ende des Blocks. Oder ich traf sie im Postamt, im Parkhaus und auch im Lebensmittelgeschäft. Harrisburg ist eine kleine Stadt.

Dennoch verfolgte mich die Erinnerung an die dunklen Augen und das dichte dunkle Haar. Es hatte genügt, dass sein Ärmel meinen nackten Arm gestreift hatte, und mein Kopfkino machte Überstunden. Was mich nicht erstaunte, denn ich hatte seit Ewigkeiten mit niemandem außer mir selbst Sex gehabt.

Es gab eine große Auswahl an Kneipen und Bars im Zentrum, aber ich wollte ins „Pharmacy“. Wir nahmen ein Taxi, weil ich niemals selber fuhr, wenn ich etwas getrunken hatte, und ein Spaziergang, der am Sonntagnachmittag in Jogginghosen nicht zu weit gewesen wäre, war abends im Dunkeln mit High Heels und einer Menge Alkohol im Blut viel zu lang.

Die Bar war selbst für einen Freitagabend gerammelt voll. Wir drängelten uns zum Tresen durch. Kira ging vor mir, und als sie abrupt stehen blieb, rannte ich in sie hinein. Jemand rammte mich von hinten. Und jemand begrapschte meinen Hintern, doch als ich mich umwandte, um zu sehen, wer das gewesen war, und demjenigen womöglich ordentlich eine zu verpassen, sah ich mich zahllosen Verdächtigen gegenüber.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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